Berlinale | Chile

Zum Gruseln

Amazon versucht sich an einer Serien-Adaption des Bestsellers Das Geisterhaus und scheitert grandios

Von Dominik Zimmer

50 Millionen Mal hat sich Das Geisterhaus, der Debütroman der chilenischen Autorin Isabel Allende, weltweit verkauft, davon allein 7 Millionen Mal im deutschsprachigen Raum. An den Erfolg des Buches versucht der Streaming-Dienst Amazon Prime mit einer achtteiligen, auf dem Buch basierenden Serie anzuknüpfen. Die ersten drei Folgen feierten auf der Berlinale 2026 ihre Weltpremiere. Man durfte gespannt sein, denn bereits 1993 war der Stoff mit hochkarätiger Besetzung (u.a. Meryl Streep, Winona Ryder, Antonio Banderas) erfolgreich für das Kino verfilmt worden.  Würde Amazon mit der chilenischen Regisseurin Francisca Alegría (Die Kuh, die die Zukunft besang) und einem Millionenbudget noch einen draufsetzen können?

© Amazon MGM Studios

Der Beginn der Serie lässt darauf hoffen. In Bonbonfarben gefilmt und mit reichlich lateinamerikanischer Folklore vom Beginn des 19. Jahrhunderts ausgeschmückt, bleibt die erste Folge nah an der Buchvorlage der chilenischen Familiensaga und konzentriert sich auf die Kindheit der Protagonistin Clara del Valle (Nicole Wallace). Die hat hellseherische und andere übersinnliche Fähigkeiten und ein inniges Verhältnis zu ihrer großen Schwester Rosa (Chiara Parravicini). Als diese aufgrund einer Verwechslung vergiftet wird und stirbt, beschließt Clara aus Kummer, nicht mehr zu sprechen und das Verhängnis nimmt seinen Lauf – in der Geschichte, aber leider auch filmisch. Denn unglücklicherweise führt das Schicksal (oder vielmehr: das Drehbuch) sie mit Rosas ehemaligem Verlobten Esteban Truebo zusammen. Der wird vom mexikanischen Schauspieler Alfonso Herrera so miserabel gespielt, dass die Serie ab der zweiten Folge, in der Esteban neben Clara in den Mittelpunkt rückt, nicht mehr ernst zu nehmen ist. Beim Blick in sein Gesicht würde man des Öfteren eine leichte Magenverstimmung vermuten. Tatsächlich sind in der Geschichte gerade seine Mutter oder die Liebe seines Lebens gestorben, sein Ausdruck verändert sich dabei allerdings kaum. Die Regie geht aus diesem Grund schon bald dazu über, ihn bei Schicksalsschlägen hauptsächlich im Dunkel oder von hinten zu zeigen. Man möchte Herrera nicht nur eine goldene Himbeere (Preis für die schlechteste filmische Leistung in einem Jahr) für seine episch schlechte Performance überreichen, sondern am liebsten gleich einen ganzen Strauch.

Auch das Drehbuch reiht fortan absurde Einfälle aneinander, die man eher in einem Monty-Python-Film vermuten würde. Auf einer völlig verlassenen Landstraße soll sich ein Unfall ereignet haben, bei dem gleich beide Eltern von Clara ums Leben kommen. Gezeigt wird das zwar nicht, aber es muss der einzige Lastwagen im Umkreis von hunderten Kilometern gewesen sein, mit dem ihr klappriges Gefährt kollidiert ist – ansonsten fährt an dieser Stelle auf schnurgerader Strecke in der ganzen Folge nämlich kein einziges Auto vorbei. Die hochschwangere Clara lässt es sich jedenfalls nicht nehmen, persönlich zur Unglücksstelle zu fahren und mit Begeisterung den (wie auch immer) abgeschlagenen Kopf der Mutter aus dem Gebüsch zu ziehen. Fortan ziert dieser als schmucke Dekoration ihren Nachttisch und kann von dort aus die ehelichen Schlafzimmerszenen mit ihrem Angetrauten Esteban beobachten. Auch der steuert etwas zur Inneneinrichtung bei: Als Hochzeitspräsent für sie hat er aus ihrem geliebten verstorbenen Hund Barrabas einen Teppich schneidern lassen, der nun als Bettvorleger grüßt. Mehr daneben („cringe“ wie jüngere Film- und Serienfans es nennen würden) geht wohl kaum. Das Publikum brach bei der Berlinale-Vorführung angesichts solcher Szenen auch des Öfteren in herzliches Gelächter aus.

Nicht zum Lachen ist dagegen, wie die Serie es mit einem Schulterzucken (und Alfonso Herrera mit der Mimik eines Postbeamten) abtut, dass Esteban Truebo auf seinem Landgut mittlerweile zum Serienvergewaltiger geworden ist und dabei zahllose uneheliche Kinder mit den von ihm abhängigen weiblichen Angestellten gezeugt hat. Geschenkt, dass der angeblich hellsichtigen Clara diese Verbrechen in ihren Visionen komplett entgangen sind. Insgesamt rutscht der Plot von La Casa de los Espíritus mit zunehmender Dauer klar in Richtung drittklassige Telenovela ab, was auch der hochkarätige Cast (u.a. Dolores Fonzi, Maribel Verdú) nicht mehr retten kann. Unterhaltsam ist die Serie nur, wenn die nächste abstruse Wendung in der Handlung für unfreiwillige Komik sorgt. Ein Geisterhaus zum Gruseln.

LN-Bewertung: 1/5 Lamas

La casa de los espíritus, Chile 2026, 8-teilige Serie, Regie: Francisca Alegría; Originalsprache Spanisch, Berlinale-Sektion Special Series, ab April verfügbar auf Amazon Prime


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