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Zurück in die Spezialperiode

„Eier, gibt es Eier?“, ist derzeit eine Frage, die imOsten genauso wie im Westen Kubas gestellt wird. Eier gehören zu den wichtigsten Lebensmitteln auf der Insel. Doch viele der Hühnerfarmen und Legebatterien wurden durch die beiden Hurrikane „Gustav“ und „Ike“, die zwischen Ende August und Anfang September die Insel verwüsteten, zerstört. Gleiches gilt für viele der Bananen- und Tabakplantagen. Auch Gemüse, Kartoffeln und andere Knollenfrüchte sind zusehend knapp in Havanna. Genau dieses Szenarium hatten viele Kubaner sowie interne und externe Agrar- und EntwicklungsexpertInnen prognostiziert. Nun scheint es eingetreten, denn Anfang Oktober standen viele Menschen auf den Bauernmärkten der kubanischen Hauptstadt vor leeren Verkaufstischen. „No hay“ hieß es bei Süßkartoffel, Knoblauch, Malanga und Orangen. Gähnende Leere auch in vielen bodegas, Verkaufsstellen, in denen KubanerInnen Produkte mit der libreta, der Rationierungskarte, erwerben.
Keine Überraschung, denn nachdem in vielen Landesteilen die Reste geerntet wurden, die „Gustav“ und „Ike“ unbeschädigt gelassen hatte, macht sich nun langsam die Tatsache bemerkbar , dass etliche Tausend Hektar Anbauflächen verwüstet wurden. Nicht nur in Pinar del Río und auf der Isla de la Juventud, wo ab dem 30. August „Gustav“ zwei Tage wütete. Neben dem kompletten Stromnetz wurde auch das Gros der Tabakernte vernichtet, Zitrusplantagen und etliche Zehntausend Häuser. Doch nicht nur im Westen der Insel sind die Schäden groß, denn nachdem „Gustav“ mit Böen von bis zu 390 Stundenkilometer aufwartete, brachte „Ike“ mit etwas weniger Wind dafür deutlich mehr Regen mit. Nahezu über die gesamte Insel, von Ost nach West, zog der Hurrikan und hinterließ überschwemmte Anbauflächen und abgedeckte Häuser.
80.000 Menschen sind auch ein Monat später noch immer ohne Strom, weil die Techniker der Stromunternehmen etliche Tausend niederbaumelnde Stromkabel ersetzen mussten und nicht ausreichend Material wie Transformatoren und neue Kabel hatten. Bei internationalen Hilfsorganisationen – darunter die Deutsche Welthungerhilfe – wurde nach Ersatzteilen für die Reparatur des Leitungssystems nachgefragt. Wiederaufbau lautet die Devise mit der der nationale Katastrophenschutz, Armee und Milizen derzeit in Kuba beschäftigt sind. Besonders schlimm hat es Holguín und Granma im Osten, Camagüey und Las Tunas im Zentrum und Pinar del Río im Westen erwischt, so Richard Haep, Büroleiter der Welthungerhilfe in Havanna. Er hat die verschiedenen Regionen der Insel besucht, um Nothilfeprojekte zu initiieren und die Auswirkungen der beiden Hurrikane mit dem Tsunami in Südostasien 2004 verglichen. „Auf fünf bis zehn Milliarden US-Dollar belaufen sich – je nach Schätzung – die Schäden. Das sind zwischen zehn und zwanzig Prozent des Bruttosozialprodukts Kubas. Übertragen auf Deutschland entspricht das einem Schaden von 200 bis 400 Milliarden US-Dollar“, so Haep.
Ein gigantisches Volumen, welches die Wirtschaft der Insel um Jahre zurückwerfen kann. Rund 200.000 Kubaner leben derzeit offiziellen Berichten zufolge noch in Notunterkünften und das wird auch noch lange so bleiben, weil es an Baumaterialien, aber auch an Maurern fehlt. 444.000 Häuser wurden beschädigt, 63.249 stürzten ein und sind verloren. Entwicklungsexperten wie Haep oder der Schweizer Oxfam-Experte Beat Schmid gehen zudem davon aus, dass bis zu 50 Prozent der Ernten durch „Gustav“ und „Ike“ zerstört wurden. So gilt die Tabakernte in der Provinz von Pinar del Río als weit gehend verloren. Für Zigarren-LiebhaberInnen eine schlechte Nachricht, für Kuba ein potentieller Einnahmeausfall von etwa 300 Millionen US-Dollar. Weitaus schlimmer für die kubanische Bevölkerung sind jedoch die verheerenden Schäden auf den Bananenplantagen, auf Kartoffel-, Reis- und Zuckerrohrfeldern. Grundnahrungsmittel sind knapp und jede Tonne, die weniger geerntet wird, muss importiert werden.
Doch womit diese Mehrausgaben beim ohnehin schon astronomisch hohen Lebensmittelimport bezahlt werde sollen, dass weiß derzeit wohl niemand in Havanna. Durch die Wirbelstürme sollen zudem auch etliche Tausend Tonnen Lebensmittel in Depots vernichtet worden sein, wodurch die Reserven zusätzlich geschmälert wurden. Das Konzept der Regierung, um möglichst schnell die Versorgungslage aus eigener Kraft zu verbessern, ist das Anpflanzen von Kulturpflanzen mit kurzen Wachstumszyklen. „Der Anbau von Gemüse, Yucca und Süßkartoffeln für die nationale Versorgung hat derzeit Priorität“ erklärt Haep. Die Wiederbelebung des Agrarsektors ist eine zentrale Komponente, denn die Lebensmittelversorgung ist angesichts von hohen Weltmarktpreisen, der chronischen Importabhängigkeit Kubas und der immensen Hurrikanschäden die zentrale Herausforderung der kommenden Monate. Nach langem Zögern hat die USA immerhin zusätzliche Exportlizenzen für Lebensmittel und Baumaterialien in Höhe von 250 Millionen US-Dollar gewährt. Deutlich weniger als die von Barack Obama angeregte und von der Exilgemeinde in Miami unterstützte Aussetzung des Embargos für neunzig Tage, um den Kubanern effektiv helfen zu können. Aus Havanna wurde daraufhin erneut ein Ende des Embargos gefordert, doch dazu fehlt den Verantwortlichen in Washington nicht nur der Wille sondern auch die Handhabe, wie Condoleezza Rice Anfang September klarstellte. Dafür sind Mehrheiten in beiden Kammern nötig. Hinter den Kulissen wird jedoch kräftig agiert, um den Handel mit dem kleinen ungeliebten Klassenfeind zu intensivieren. Die USA ist längst zum fünftwichtigsten Handelspartner Kubas geworden und nachdem 2007 bereits für 582 Millionen US-Dollar Lebensmittel exportiert wurden, waren es im ersten Halbjahr 2008 schon 425 Millionen US-Dollar. Kubas oberster Compañero Fidel Castro prognostizierte Mitte September in einer seiner Kolumnen in der Parteizeitung Granma, dass die Warenströme aus den USA in diesem Jahr alle Rekorde brechen könnte. „Kuba müsse nach dem kolossalen Schlag gegen die eigene Landwirtschaft importieren“, so der Ex-Comandante en Jefe.
Viele US-Unternehmen würden auch gerne liefern, aber Kuba muss, so hat es das US-Schatzamt verfügt, vorab und cash bezahlen. Dazu ist Havanna aber derzeit kaum in der Lage, denn in den Regierungskassen herrscht Ebbe. Schon im Juni platzten einige Handelskredite mit japanischen Unternehmen und so wird die Devise in Havanna vorerst wieder „Sparen und Gürtel enger schnallen“ heißen. Für viele KubanerInnen eine vertraute Parole, die sie zum Beginn der Spezialperiode Anfang der 1990er Jahre schon zu hören bekamen.

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