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Zwei Fälle für Heredia

Wodka trinkend, einsam, furchtlos und ein Liebhaber von Zitaten. Díaz Eterovic hat mit Heredia in Engel und Einsame einen Helden geschaffen, der davon zeugt, dass der Autor das Genre Kriminalroman, welches er seit den späten 80er Jahren wiederholt ausprobiert hat, perfekt beherrscht. Heredia, ein Mann Mitte vierzig, der sich eigentlich als Taxifahrer und Detektiv für ein Inkassounternehmen über Wasser hält und zwischen seinem dunklen Büro in der Nähe des Mapochobahnhofs und den Bars in seinem Viertel durch die Straßen Santiago de Chiles streift, wird in einen Fall verwickelt, der einige Nummern zu groß für ihn ist. Seine ehemalige Geliebte, die Journalistin Fernanda Arredondo wurde tot in ihrem Hotelzimmer aufgefunden, die offizielle Todesursache lautet Selbstmord.
Gemeinsam mit seinem Freund, dem ermittelnden Polizisten Dagoberto Solís, macht er sich daran, den Mord aufzuklären. Für Heredia gibt es keinen Zweifel, dass es Mord war. Sein Freund Solís hatte ihn verständigt, weil Heredia wegen eines Anrufs im Hotel mit der Toten in Verbindung gebracht wurde. Sie finden heraus, dass es in dem Hotel zwei weitere Tote gegeben hat, einen nordamerikanischen Touristen namens Travis Hillerman, der ebenfalls Selbstmord verübt haben soll, und den Koch Tamayo Pompeyo, dessen Mord nach offiziellen Angaben als eine Rache aus dem Schwulenmillieu anzusehen ist.
Im Laufe seiner Ermittlungen, die Heredia häufig mit seinem auf dem Flohmarkt gekauften, falschen Ausweis führt, stellt sich heraus, wie sehr die Morde mit einem dunklen Machtgefüge zu tun haben: Es geht um milliardenschwere Waffengeschäfte und die illegale Produktion von Chemiewaffen – Fernanda und Hillermann hatten beide dazu recherchiert. Zudem mischen ehemalige Polizisten und Geheimdienstagenten mit, und die Polizei wurde gekauft und vertuscht Ermittlungsergebnisse.
Solís wird der Fall von seinem Vorgesetzten entzogen, als er und Heredia erste Erfolge bei ihren Ermittlungen haben. Sie geraten in einen Sog der Geschehnisse, den sie selber nicht mehr steuern können. Es gibt weitere Tote um sie herum und schließlich erwischt es auch Solís, er wird vor Heredias Augen aufgeschlitzt, weil er in seinem Glauben an die Gerechtigkeit einen Bericht für den Polizeidirektor verfasst hat.

Ein Schutzengel für Heredia

Heredia ermittelt weiter, und wie David gegen Goliath rechnet er mit den Mördern ab. Bei dieser Verfolgung helfen jedoch nur noch Methoden, die außerhalb eines jeden Rechtssystems liegen. Olmedo, einer der Drahtzieher im Waffengeschäft, nennt dieses System „Information und Gleichgewicht“. Neben einigen Freunden, die ihm durch verschiedene Informationen helfen, hat Heredia noch Griselda, die er seinen Schutzengel nennt. Griselda ist die jüngere Schwester eines ehemaligen Freundes, der in den Untergrund ging. Durch die Hilfe seines Nachbarn Stevens schafft es Heredia schließlich, an Olmedo heranzukommen und die Abrechnung auf seine Weise zu erledigen. Danach zieht Heredia, deutlich geschwächt, zusammen mit Griselda ans Meer.
Der Krimi ist spannend zu lesen bis zuletzt, der Sog, der die beiden Ermittelnden Heredia und Solís in immer größere Gefahr bringt, fesselt. Die Machtlosigkeit des Individuums inmitten der korrupten Strukturen ist beängstigend. Ebenso tritt an vielen Ecken die nicht aufgearbeitete Vergangenheit hervor, überall gibt es noch ehemalige Folterer, die frei herumlaufen. Der Roman integriert gesellschaftliche Veränderungen wie die durch die neoliberale Wirtschaftspolitik zunehmende Kälte im Land und Heredia positioniert sich in seinem Umfeld deutlich: „Retten, was lohnt, und sich die schreckliche Liebe zur Gerechtigkeit bewahren“, zitiert er am Schluss angesichts der Gefahr, der er gerade entgangen ist, selbstironisch Camus.
Die Aura der Einsamkeit, die ihn und seinen Freund Solís umgeben, beide kämpfen auf der Seite der Gerechtigkeit, wird aufgelockert durch den gesprächigen Kioskbesitzer Anselmo, die eher harmlosen Fälle, mit denen Heredia sich sonst sein Leben verdingt, und durch die Streifzüge durch die Bars Santiagos. Außerdem hält er Rücksprache mit seinem Kater, der den Namen Simenon trägt. Trost erhält Heredia inmitten des kalten, durch Konsum geprägten Klimas seines Landes durch seine große Liebe zur Literatur. Mit unzähligen Zitaten nervt Heredia seine Umwelt, aber so oft er auch darauf hingewiesen wird, so kann er es doch nicht lassen. „Deine Zitate will niemand hören, Heredia“, sagt Griselda zum Schluss.
Hier scheint Díaz Eterovic seinem Helden Heredia seine eigene Leidenschaft anzutragen. Díaz Eterovic, 1956 in Magallenes geboren, lebt seit seinem Studium in Santiago. Neben einer Laufbahn im Verwaltungsbereich widmete er sich seitdem der Literatur, unter anderem als Präsident der Gesellschaft der Schriftsteller Chiles (SECh). Als solcher verwies er auf die Rolle der Literatur für die Gesellschaft und die Demokratie und forderte eine staatliche Förderung von Verlagen, anstatt Autoren und Bücher nur der Härte des Marktes und dem Marketing auszuliefern.

Schweiß und Schwein

Fünf Jahre nach Erscheinen von Engel und Einsame setzt Heredia in Kater und Katzenjammer die Ermittlungen seines Helden Heredias fort. Dieser Roman wurde ausgezeichnet als bester lateinamerikanischer Kriminalroman des Jahres 2000.
Nach seinem Aufenthalt am Meer zieht es Heredia wieder in die Stadt. Bereits in der ersten Nacht begegnet er einem Toten, in dem Hotel, in dem er übernachtet. Wieder muss er, um nicht selbst verdächtigt zu werden, ermitteln. Bei dem Ermordeten handelt es sich um einen bislang unbescholtenen Beamten des obersten Bundesrechnungshofes namens Gordon. Dieser hatte kurz zuvor einen Bericht beendet, der nun spurlos verschwunden ist. Auch in diesem Roman geht es um große Fische, die für die Durchsetzung ihrer Interessen auch vor Mord nicht zurückschrecken.
Die Ermittlungen führen zu dem Projekt Gaschil, in dem es um eine internationale Ausschreibung für den Bau einer Gaspipeline zwischen Argentinien und Chile geht. Angewiesen auf ein positives Urteil durch den Rechnungshof. Gordons kritischer Bericht gefährdete die Genehmigung. Diesmal ermittelt Heredia mit Hilfe des Polizisten Bernales, einem Schüler und Bewunderer des ermordeten Polizisten Solís aus Engel und Einsame. Bernales hat aber nicht die moralische Stärke von Solís und beginnt gegen Heredia zu arbeiten, als man ihm mit Rausschmiss droht. So muss sich Heredia in erster Linie auf die Hilfe des klatschsüchtigen Journalisten Cambell verlassen und, wie er es nennt, auf die nötige Portion „Schweiß und Schwein“. Gemeinsam veröffentlichen sie am Ende das Ergebnis ihrer Ermittlungen und erreichen, dass das Verfahren noch mal aufgerollt wird, sehr zur Freude einer großen Umweltschutzgruppe.
In diesem zweiten auf Deutsch erschienenen Krimi von Díaz Eterovic spielen bei der Auflösung des Falles Zufälle hinein, die gelegentlich etwas konstruiert und manchmal holprig erscheinen. Aber die Streifzüge des Detektivs Heredia durch die Straßen haben einen Wiedererkennungseffekt, so dass es schön ist, einen zweiten Fall Heredias in den Händen zu halten.

Marianne Dörmann

Ramón Díaz Eterovic: Engel und Einsame. Ein Fall für Heredia. Diogenes Verlag, Zürich, 2002, 9,90 Euro.

Ramón Díaz Eterovic: Kater und Katzenjammer. Ein Fall für heredia. Diogenes Verlag Zürich, 2001, 19,90 Euro.

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