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Zwischen Gewalt und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Für 1999 wird die Zahl der maras in El Salvador auf 47 geschätzt, denen 20.000 bis 30.000 Jugendliche angehören. Dominiert werden die maras von aus den USA ausgewiesenen SalvadorianerInnen: Illegale ImmigrantInnen oder Kriegsflüchtlinge, die sich in den Ghettos von Los Angeles zu Latino-Jugendbanden zusammenschlossen und dort das Heft fest in der Hand haben. Fast zeitgleich mit dem Friedensabkommen wurden in den USA 1992 die Migrationsgesetze verschärft und in den folgenden Jahren tausende von Jugendlichen nach El Salvador deportiert, die sich in Gangs organisiert hatten oder auf andere Weise mit den Gesetzen in Konflikt geraten waren.
Zurück in El Salvador haben sie dort ganz schnell ihre Vorstellung von Straßenbanden durchgesetzt, in der Art ihres Auftretens – in ihrer Kleidung, ihren Symbolen, vor allem aber in der Dynamik der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gangs, wie der Soziologe Miguel Cruz von der Jesuitenuniversität UCA in San Salvador feststellt.
Die maras, in denen Jugendliche aus den USA den Ton angeben, zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders groß und straff organisiert sind und mit Schusswaffen agieren. Die beiden bekanntesten unter ihnen sind die Mara Salvatrucha (MS) und die Mara Dieciocho (M18). Ihre aktivsten Mitglieder und Führer gehörten zuvor gleichnamigen Gangs von Latino-Jugendlichen in Los Angeles an. In El Salvador umfassen sie jeweils einige tausend Mitglieder und ihr Handlungsfeld ist nicht mehr auf einzelne Stadtviertel, die barrios, begrenzt. Sie unterhalten Verbindungen zu teils gleichnamigen maras in Guatemala und Honduras, in denen sich ebenfalls aus den USA ausgewiesene Jugendliche zusammengefunden haben.
Doch in den neuen maras nach 1992 fanden sich nicht nur Zwangsrückkehrer und Jugendliche aus den Stadtteilen zusammen, sondern auch viele demobilisierte ehemalige Guerillakämpfer und Soldaten, die sich in ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben und soziale Anerkennung enttäuscht sahen. Cheno, ein 24-jähriger marero, kommentiert: „Als der Krieg zu Ende war, gab es für uns keine kostenlosen Schulen, keine Werkstätten, keine Möglichkeit weiterzukommen. Dann kam die Kultur der Gringos, die wir kopiert haben.“
Im Zentrum der maras steht, was die Jugendlichen das „verrückte Leben“ (vida loca) nennen: der Nervenkitzel, den die Kämpfe der eigenen Bande mit rivalisierenden Banden anderer barrios, mit besser sich dünkenden Jugendlichen (burgueses) oder der Polizei mit sich bringen. Zu leiten scheint sie die Lust an der Provokation und am (nicht immer kalkulierten) Risiko, Dinge zu tun, die bei „normalen“ Bürgern als anstößig gelten oder die ausdrücklich verboten sind. Am Bandenleben gefällt ihnen am meisten, was sie los vaciles nennen. Dies kann alles Mögliche bedeuten: von den herzlichen Beziehungen in der Bande und dem Zusammenhalt bis zu ihren Aktivitäten am Rande des Gesetzes oder jenseits davon und der action. Es umschreibt zugleich ihre Lebenswelt mit ihren – auch von ihnen oft so verstandenen – guten und schlechten Seiten.
Bei der Suche nach den Ursachen für den großen Zulauf der maras stoßen Untersuchungen immer wieder auf die verbreitete Perspektivlosigkeit. Für die Jugendlichen scheint es selbst unter gewalttätigen Bedingungen und unter großen Gefahren besser zu sein, angenommen und wertgeschätzt zu werden, als ein Nichts zu sein.
„Mit Gewalt entstand Respekt. Vorher respektierte mich keiner, weil ich arm war. Aber ich verschaffte mir Respekt, und es ist sehr wichtig, Respekt zu erlangen,“ begründet ein marero seine Mitgliedschaft.

Gewalt als Folge
Physische Gewalt bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen spielen in den maras heute eine zentrale Rolle. Aber obwohl viele mareros sich nicht um Gesetze scheren, ist es falsch, sie nur als Teil einer kriminellen Subkultur zu verstehen. Man kann sie als eine Variante der Überlebenskultur der Armen und Ausgegrenzten begreifen. Die Gewalt der maras ist nicht einfach eine Folge der Armut, sondern geht eher auf die wachsende soziale Ungleichheit zurück, die vielen Menschen das Gefühl vermittelt, ungerecht und menschenunwürdig behandelt zu werden und deshalb Wut und Verzweiflung erzeugt.
Gewalt und Ungerechtigkeit erleben die Jugendlichen Tag für Tag, auf der Straße, in der Schule, bei der Arbeitssuche, im Umgang mit den staatlichen Autoritäten. Die Arbeitssuche kommt für sie einem Spießrutenlauf gleich, und wenn sie ausnahmsweise mal eine bezahlte Arbeit finden, werden sie wie eine Zitrone ausgepresst und müssen sich mit einem Hungerlohn begnügen, der nicht annähernd für die Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse ausreicht. Allein auf Grund von Tätowierungen und ungewöhnlicher Kleidung oder auch nur auf Grund ihres Wohnortes werden sie von staatlichen Autoritäten und selbst ernannten Saubermännern („Todesschwadronen“ und anderen paramilitärischen Gruppen) als potenzielle oder tatsächliche Kriminelle betrachtet, schikaniert, bedroht und häufig sogar umgebracht. Bei geringsten Anlässen werden sie von der Polizei eingesperrt und misshandelt, Mädchen nicht selten auch vergewaltigt.

Waffen in den Händen von Zivilisten
Im Falle El Salvadors lassen sich zusätzliche Faktoren benennen, die eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden sind: mit der gewaltsamen Phase des zwölfjährigen Bürgerkrieges und seinen Folgen nach Friedensschluss. Zu den Vereinbarungen des Friedensvertrages vom Januar 1992 zählten unter anderem eine drastische Reduzierung der Armee und die Auflösung sämtlicher Sicherheitskräfte (bei Aufbau der neuen zivilen Nationalpolizei). Allein 30.000 Armeeangehörige, die ihren Lebensunterhalt bislang mit der Waffe in der Hand verdienten, wurden entlassen. Die vorgesehenen Wiedereingliederungsprogramme waren wenig effektiv, so dass viele ehemalige Soldaten den Weg in eine neue Selbstständigkeit suchten. Sie raubten und mordeten fortan als kriminelle Banden, zum Teil gar in Waffenbrüderschaft mit dem vormaligen Feind, den demobilisierten FMLN-Guerilleros. Miguel Cruz kommentiert: “Wir haben zwölf Jahre damit verbracht, uns gegenseitig umzubringen, und als der Krieg endete, entdeckten viele, dass sie nichts anderes gelernt hatten.”
Ein weiterer Faktor ist die große Zahl an Waffen, die in den Händen von Zivilisten verblieben, einschließlich von Kindern und Jugendlichen.
Wenn die Jugendlichen sich in einer mara zusammenschließen, sind sie meist davon überzeugt, dass sie in einer ungerechten Welt leben und dass ihnen Unrecht widerfahren ist. Sie verstehen ihre mara und das, was sie treibt, als eine Art Rache an dieser Welt, die sie verletzt. Aber sie sind nicht politisch radikal in dem Sinne, dass sie die als feindselig und ungerecht empfundene Gesellschaft ändern wollen. Sie verteidigen in erster Linie sich selbst und wollen sich den Teil des Kuchens sichern, der ihnen zusteht, und sei es mit Gewalt.
Unter anderen politisch-gesellschaftlichen Umständen hätten viele Jugendliche, die sich seit den 90er Jahren in maras zusammenfinden, vermutlich andere, weniger destruktive und gewalttätige Ausdrucksformen gefunden oder sie hätten sich sozialen Bewegungen angeschlossen, die auf eine Veränderung der Lebensumstände zielen. Aber gegenwärtig ist nicht die Zeit für soziale Bewegungen und politische Alternativen existieren kaum.

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