Ecuador | Nummer 620 - Februar 2026

Zwischen Kakao und Bergbau

In Las Naves verwalten die Gemeinden das Zusammenleben gemeinsam, doch die Ausbeutung durch Bergbauunternehmen stört das soziale Gleichgewicht

Der Kanton Las Naves, eine Landwirtschaftsregion in der Provinz Bolívar, war nicht immer ein überwachtes Land. Jahrzehntelang konzentrierte sich das Gemeinschaftsleben auf Landwirtschaft, gemeinsame Wassernutzung und eine selbstverständliche, tägliche Beziehung zum Land: Man säte, pflegte und teilte. Heute ist diese Ordnung durcheinander. Polizeilastwagen auf den Straßen, Militärkontrollen und Durchsuchungen gehören zum Alltag. Dieser Bericht zeigt, warum der Staat nicht mehr als Rechtsschützer empfunden wird, sondern als Kontrollinstrument für den Fortschritt eines Bergbau­projekts.

Von Mishelle Calle Sánchez - Übersetzung: Carla Venneri
Zunehmende Militarisierung Kriminalisierung des Widerstands in der Gemeinschaft nimmt zu (Foto: Frente Cantonal de Defensa del Agua y la Vida Las Naves)

Die Genehmigung zum Abbau von Kupfer, Gold, Zink und Silber durch Curimining S.A veränderte die Landschaft und die sozialen Beziehungen. Mit dem Bergbau zog der beschränkte Zugang zu Land und eine zunehmende Militarisierung und Kriminalisierung des Widerstands ins Gemeinschaftsleben ein. Anonyme Quellen melden einen Zerfall des sozialen Gefüges.
„Wir produzieren alles hier”, erzählt Juan, einer der Kleinbäuer*innen aus dem Kanton. Begünstigt durch ein subtropisches Klima wachsen Kakao, Kaffee, Reis, Bananen und Zitrusfrüchte auf fruchtbaren Böden. Die strategische Lage der Region ermöglicht die Versorgung der Küste und der Berge. Rund 60 Prozent der Fläche von Las Naves werden landwirtschaftlich genutzt. In diesem Sinne handelt es sich um ein produktives und lebendiges Territorium, das in die Lebensmittel- wirtschaft des Landes integriert ist und nicht darauf wartet, „entwickelt” zu werden. Kakao spielt eine zentrale Rolle. Die aus Las Naves stammenden Pflanzen sind für die Wiederbepflanzung von CCN-51-Kakao geeignet. Die hohe Produktivität und Resistenz dieser Sorte gegen Schädlinge bewiesen sich als essenziell für die Wirtschaft von Kleinbäuerinnen. Hinzu kommen Wasserquellen, die die Flussgebiete bis zur Küstehin versorgen. Die Verwaltung des Wassers erfolgt durch Gemeindeverbände, die es als Gemeingut und nicht als Ware betrachten. Ernährungs- und Wassersouveränität sind keine abstrakten Konzepte, sondern tief verwurzelte Alltagspraktiken.
Doch inzwischen bieten die kleinen Läden im Kanton hauptsächlich importierte Produkte aus Asien an, die dem Konsum der Arbeitskräfte von außerhalb dienen. Der Zugang zu Land ist beschränkt und überwacht. Die herkömmliche Nutzung des Landes, welche die Grundlage der bäuerlichen Landwirtschaft darstellt, wird durch Zäune, Kontrollen und andere Beschränkungen verdrängt. Somit besetzt der Bergbau das Territorium und definiert auch neu, wer wo und wie dort leben darf.

Eine Region, die das Land versorgt


Curipamba – El Domo wird voraussichtlich mindestens zehn Jahre lang in Betrieb sein, mit einer täglich geschätzten Produktion von 1.800 Tonnen und einer Fläche von 21.537 Hektar. Die Konzession gehört Curimining S.A. Das Unternehmen ist mit der Nobis-Gruppe verbunden. Das Konglomerat steht unter der Leitung von Isabel Noboa, der Tante des derzeitigen Präsidenten Daniel Noboa. Im Jahr 2019 erwarb die Nobis-Gruppe Anteile an dem kanadischen Bergbauunternehmen Adventus Mining Corporation. Derzeit treibt das Unternehmen zwölf Bergbauprojekte in fünf Provinzen Ecuadors voran. Laut der lokalen Medienplattform Wambra umfassen diese Konzessionen eine Fläche von rund 135.000 Hektar, was fast einem Drittel der Stadt Quito entspricht.
Der Bergbaukonflikt in Las Naves ist nicht neu. 1991 kam das Unternehmen RTZ in die Provinz Bolívar, um geologische Untersuchungen zu machen. 1993 vertrieb die Bevölkerung die Techniker*innen. Der damalige Widerstand ist noch immer lebendig und erklärt zum Teil die derzetige Ablehnung des Projekts.
Die staatliche Reaktion auf die Ablehnung des Projekts durch die Gemeinde führte zur Kriminalisierung dieses Widerstands. Wegen Straftaten, wie Verletzung des Privateigentums, wurden soziale Anführer*innen vor Gericht gebracht. Am 11. Februar 2025 wurden drei Gemeindevorsteher*innen zu drei Jahren Haft verurteilt; am 20. Februar erhielten sechs weitere Verteidiger*innen vierjährige Haftstrafen. Hinzu kommt direkte Repression: Nach der Ablehnung einer als illegitim angesehenen Umweltbefragung, griff am 14. Juli 2023 die Nationalpolizei in den Kanton ein. Dreizehn Menschen wurden verletzt und zwei festgenommen. Dabei kamen Tränengas, Schrotkugeln und Gummigeschosse zum Einsatz.
Ein Teil der Bevölkerung bezeichnet sich als Indigen. Der Kern des Konflikts liegt daher auch daran, dass keine freie und informierte Konsultation gemäß dem Übereinkommen 169 der ILO stattfand. Es gab weder Vereinbarungen über das Verfahren noch die Anerkennung der Gemeindebehörden. Darüber hinaus fand die Umweltkonsultation innerhalb von dreizehn Tagen statt. Das war zu wenig Zeit, um die technischen Aspekte zu diskutieren. Weit entfernt von einem Raum der Beratung, fungierte die Konsultation als beschleunigtes Verfahren, das eher auf die Einhaltung von Verwaltungsfristen als auf die Gewährleistung von Rechten ausgerichtet war. Auch der physische Raum, in dem dieser Prozess stattfand, gibt zu bedenken. Die Konsultation wurde von einer Gemeindepolizeieinheit (UPC) begleitet durchgeführt. Zäune, Stacheldraht und die starke Polizei- und Militärpräsenz hinderten Dutzende von Einwohner*innen daran, teilzunehmen. „Wir wollten rein, wir wollten befragt werden, wir wollten Teil des Prozesses sein, aber sie haben uns nicht gelassen”, berichtet Lucía, ein Gemeindemitglied aus dem Kanton.

Keine freie Konsultation zuvor


Dieser Prozess fällt unter das Exekutivdekret 754, das am 31. Mai 2023 vom damaligen Präsidenten Guillermo Lasso erlassen wurde. Das Dekret ändert die Umweltvorschriften, um die Erteilung von Genehmigungen zu vereinfachen. Obwohl das Dekret vom Bündnis der indigenen Nationalitäten Ecuadors (CONAIE) und der Nationalen Front gegen den Bergbau (FNA) angefochten wurde, begannen die Konsultationen in Las Naves und Sigchos. Später erklärte das Verfassungsgericht Ecuadors das Dekret für verfassungswidrig, da es seiner Ansicht nach gegen den Grundsatz der Gesetzesvorbehaltsklausel verstieß und das Recht auf Konsultation verwässerte. Das Gericht stellte klar, dass Indigene Völker nicht zu gewöhnlichen Umweltkonsultationen verpflichtet werden können und dass keine Genehmigung ohne gültige Konsultation erteilt werden darf. Zu diesem Zeitpunkt war die Umweltgenehmigung jedoch bereits erteilt.
Die Lage in Las Naves ist angespannt. Einige Familien schweigen, um weitere Repressalien zu vermeiden. Einige Versammlungen werden weiterhin organisiert, Netzwerke zur finanziellen Unterstützung und zur rechtlichen Verteidigung gebildet. Die Verteidigung des Territoriums umfasst nun auch die Verteidigung des Körpers, des Alltagslebens und die Möglichkeit auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Dieser Konflikt wirft die Frage nach dem Entwicklungsmodell für das Land auf. Ecuador genießt internationale Anerkennung für seine Biodiversität, seine kulturelle Vielfalt und seine Landschaft. Das Andenland hat das Potenzial, sich als Tourismus- und insbesondere als Ökotourismus-Hochburg zu etablieren. Warum man weiter an einem Modell festhält, das Gebiete und Wasserquellen gefährdet, anstatt auf nachhaltige Investitionen im Tourismusbereich zu konzentrieren, ist fraglich. Man könnte Arbeitsplätze schaffen, ohne die Lebensgrundlage zu zerstören. Soll Ecuador weiterhin das Roulette von Leben und Tod in seinen Gebieten spielen und eine ausbeuterische Agenda durchsetzen, von der offenbar nur bestimmte Wirtschaftsgruppen profitieren, oder kann es sich einen anderen Entwicklungshorizont vorstellen? In Las Naves ist diese Frage nicht abstrakt. Sie äußert sich in strafrechtlich verfolgten Menschen, militarisierten Gemeinden und fruchtbarem Land, das zu einer Opferzone geworden ist.


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