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ZWISCHEN LEBENSFREUDE UND TODESGESANG

„Gestern bin ich weinend geboren worden / das Leben hat eine Sekunde gedauert / Und heute feiere ich schon / meinen letzten Tag auf dieser Welt“. Das Lied „Mi último día en el mundo“ gibt den Ton an für das neue Album El día des kolumbianischen Sängers Mil Santos, der in Berlin lebt. Das Feiern des eigenen Todes wird durch den klassischen Salsarhythmus geradezu unumgänglich gemacht: Es ist kaum möglich ihn zu hören, ohne mitzutanzen. Die morbiden Texte stehen dazu im Kontrast, wollen aber genau auf diese ungewöhnliche Verbindung hinaus. Mil Santos Album setzt sich aus Titeln wie „Las Cavaleras“ („Die Totenköpfe“), „La vida son dos días“ („Das Leben besteht aus zwei Tagen“), oder „En el día en que yo me muera“ („Der Tag an dem ich sterben werde“) zusammen. Dazu erklingen Bongos, Congas und ein Klavier, das an manchen Stellen selbst zur Perkussion wird, wenn es Rhythmen vorgibt.
An anderen Stellen wird durch den Kontrast zwischen Fröhlichkeit und Todesgesang aber auch eine unterschwellige Nostalgie ausgedrückt. Nicht nur in der Rhythmik, sondern auch in der instrumentalen Besetzung ist das Album von Mil Santos klassisch im Salsastil gehalten: Klavier, Perkussion, der typisch karibische Begleitgesang sowie die Einsätze von Trompete und Posaune. So wird gleichzeitig zu der Ausgelassenheit auch ein sehnsüchtiger Bezug zur Vergangenheit geschaffen.
Besonders sticht das Lied „Arroz con arroz“ als einzige Cumbia auf diesem Album hervor. Das Akkordeon ähnelt häufig einem Bandoneon und erklingt dezent im Hintergrund mit wehmütig lachenden Molltönen, während Mil Santos die alltägliche Nahrung seines früheren Heimatviertels in Calí besingt. Von morgens bis abends gibt es „Reis mit Reis“ zu essen, und „wer keinen Reis- teller mag, bekommt zwei“.
Mil Santos experimentiert mit seiner Stimme, die besonders zur Geltung kommt, wenn er in eine Art Fado-Gesang übergeht.
Lieder wie „La vida son dos días“ sind jedoch mehr dem Pop zuzordnen. Hier erinnert er eher an Ricky Martin als an Buena Vista Social Club – was nicht unbedingt jedermenschs Sache ist. Gerettet werden diese Stellen dann wieder durch erfrischend jazzige Klaviersolos, die das Vorbild Ruben González durchklingen lassen.
Eine Schwachstelle des Albums ist definitiv das Repetitive: Manche Wiederholungen hätten als solche wohl gut funktioniert, wenn sie mit noch mehr Nachdruck gemacht worden wären. Stattdessen wirken sie zum Teil halbherzig, etwa wenn das Lied „Yo te avisé“ („Ich habe Dir Bescheid gesagt“) dieselbe Melodie verwendet wie „Mi último día“. Dabei hätte im Stil von Manu Chao die Wiederholung viel offensichtlicher und ausdrücklicher gemacht werden können. Die Referenz zu Manu Chaos Kultalbum Clandestino wird auch klar, wenn Mil Santos das Wort „malegría“ benutzt, das Manu Chao im gleichnamigen Lied erfunden hatte, um diese Mischung aus „mal“ (schlecht) und „alegría“ (Fröhlichkeit) auszudrücken.
Wenn Mil Santos hier auch nicht an die Tiefe seines Vorbilds heranreicht, ist es doch die Malegría, diese Mischung aus Frohsinn und Traurigkeit, die das Album durchzieht und es hörenswert macht. Dadurch ist es für verschiedenste Anlässe passend: lockere Sommerpartys, Salsatanzkurse aber auch Momente des Nachdenkens über die Endlichkeit des Lebens.

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