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Asien und Lateinamerika

Die europäische Entdeckung Amerikas ist ein Nebenprodukt der Weltgeschichte. Kolumbus suchte im Jahre 1492 den westlichen Seeweg nach Asien, um die islamischen Reiche zu umgehen, die den Weg zu den indischen Spezereien seit jeher blockierten. Dass ihm die heutigen Amerikas und die karibischen Inseln in die Quere kamen, konnte damals niemand ahnen, und es hat auch so schnell keiner gemerkt: Christoph K. ist bekanntlich in der Annahme gestorben, in Indien gewesen zu sein.

Dass die Erde eine Scheibe ist, beweist noch heute der Blick auf die gängigen europäischen Weltkarten: Links der amerikanische Doppelkontinent, rechts der asiatisch-pazifische Raum. Auch unser gedanklicher Blick nach Asien wandert in der Regel über den Nahen und Mittleren zum Fernen Osten. Und in Richtung Westen denken wir EuropäerInnen selten über die Pazifikküste der beiden Amerikas hinaus.

Aber: Jede Scheibe auf der Welt hat zwei Seiten. In dieser Ausgabe soll diese andere Seite betrachtet werden: Was verbindet Lateinamerika und den asiatisch-pazifischen Raum? Sicherlich mehr als der Stille Ozean. Asiatische und lateinamerikanische Länder führen beispielsweise die Rangliste der am höchsten verschuldeten Länder der Welt: Auf Brasilien, Argentinien und Mexiko folgen China, Südkorea und Indonesien. Eine weitere Gemeinsamkeit beider Subkontinente ist, dass im Laufe der letzten Jahrzehnten in autoritär-diktatorischen Regimes wie Singapur oder Chile ein hohes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen war, das zeitweise als Modell angepriesen wurde. Die Schwachstellen wurden dabei gern verschwiegen.

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe stellt die lateinamerikanisch-asiatischen Beziehungen in vor. Sven Hansen beschreibt die politischen Bemühungen von China und Taiwan um den Einfluss auf den lateinamerikanischen Kontinent und die Karibik. Beiträge über die Textilfirma Chentex in einer Freihandelszone in Nicaragua und über die Besitzverhältnisse am Panama-Kanal illustrieren konkrete Beispiele für die wirtschaftlichen Verflechtungen der beiden chinesischen Staaten mit Zentralamerika.

Den asiatisch-pazifischen Raum skizziert Dirk Messner. Hier werden neben China, Taiwan und Japan auch die Beziehungen der asiatischen Staaten Südkorea, Singapur und Thailand untereinander betrachtet. Der Vergleich der ökonomischen und politischen Entwicklung der so genannten asiatischen Tigerstaaten mit den Ländern Lateinamerikas zeichnet nach, warum die einen am Ende ruiniert in der Verschuldungsfalle sitzen und die anderen ökonomische Erfolge verbuchen konnten.

Damit rückt auch der japanische Einfluss auf Lateinamerika ins Blickfeld. Im Bericht über die Entwicklungszusammenarbeit Japans, das dem Betrag nach weltweit die meisten Gelder eines Einzellandes aufbringt, werden dessen Motive vorgestellt. Vom japanischen Leben in Brasilien erzählt Gerhard Dilger. Welche Rolle JapanerInnen und ChinesInnen in Peru spielen, erläutert Rolf Schröder. Dass es Chinatowns nicht nur in New York und London gibt, zeigt Knut Henkel in seinem Beitrag über das Chinesenviertel in der kubanischen Hauptstadt Havanna

Ein ganz anderes Kapitel der asiatisch-lateinamerikanischen Verflechtung schlägt der trinidadische Musiker Brother Resistance auf. Trinidadische Zuckerrohrfarmer hatten im 18. Jahrhundert Arbeitskräfte aus Indien angeworben, deren Nachfahren heute 40 Prozent der Bevölkerung auf der karibischen Insel ausmachen. Über das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft und den Einfluss der indischen Kultur auf die karibische erzählt er im Interview.

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