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Editorial Ausgabe 237 – März 1994

Kaum will der Regierende Bürgermeister einmal seine rhetorischen Fähigkeiten und seinen politischen Überblick unter Beweis stellen, geht es auch schon in die Hose. Neben einem besoffenen Innenminister schwang sich Eberhard Diepgen anläßlich der Eröffnung der 44. Berliner Filmfestspiele dazu auf, dem erstaunten Publikum zu verkünden: “Der Film ist keine Banane!” Vordergründig betrachtet eine triviale Aussage. Eigentlich wäre daran nichts als pure Unsinnigkeit auszusetzen, hätte der Regierende sie nicht gezielt auf die soeben abgeschlossenen GATT-Verhandlungen über den internationalen Handel bezogen. Ein Irrtum, wie auf der diesjährigen Berlinale deutlich wurde.
Die Filmfestspiele bieten Jahr für Jahr dem interessierten Publikum eine einzigartige Gelegenheit, Filme aus allen Teilen dieser Welt zu sehen. Die internationale Journaille scheint allerdings weniger an den dramaturgischen oder ästhetischen Vorstellungen der RegisseurInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika interessiert zu sein, ihre Fragen zielen teilweise penetrant auf die ökonomischen Rahmenbedingungen ab. Während Hollywood für jeden Streifen etliche Millionen Dollar ausgeben kann, sind die Filmproduktionen aus den armen Ländern durch ständige Geldknappheit gekennzeichnet. Umso beachtlicher das Niveau beispielsweise der Filmemacher aus Kuba, die aufgrund der Wirtschaftskrise jährlich nur drei oder vier Filme drehen können und für ihr hervorragendes Werk “Erdbeer und Schokolade” einen Silbernen Bären bekamen. Gerade dieser Film zeigt jedoch gleichzeitig die Abhängigkeit des lateinamerikanischen Films von GeldgeberInnen in den reichen Ländern dieser Welt. Erst ein Preis im Umfang von 100.000 $, vergeben vom spanischen Fernsehen, machte die Dreharbeiten möglich. Da im vergangenen Jahr auf der Karibikinsel wegen des Ersatzteilmangels kein Filmlabor funktionierte, mußte die technische Fertigstellung in Mexiko erfolgen, wofür die Mexikaner nun mitkassieren wollen.
Ähnlich erging es dem brasilianischen Regisseur Nelson Pereira dos Santos mit seinem Wettbewerbsbeitrag “A terceira margem do rio” (Das dritte Ufer des Flusses). Der Film konnte nur mit finanzieller Unterstützung des französischen Fernsehens realisiert werden. Die Kosten für den kolumbianischen Film “La Estrategia del Caracol” (Die Strategie der Schnecke) brachten im wesentlichen in- und ausländische Nicht-Regierungsorganisationen auf. Ohne diese Art von “Ent-wicklungshilfe” sähe es ganz anders aus.
Auf der anderen Seite überbieten sich die sog. Dritte-Welt-Länder mit günstigen Bedingungen für ausländische Filmproduktionen. So wurde der Film “Tirano Banderas” (Tyrann Banderas) des spanischen Regisseurs José Luis García Sánchez überwiegend in Kuba gedreht. Als Bühnenbild dient die malerische Altstadt von Havanna, produziert wurde der Film überwiegend mit kubanischem Personal – was die Kosten erheblich senken dürfte. Doch der Preis für derartige Deviseneinnahmen ist nicht ohne: Tagelang zogen hunderte von Komparsen durch Alt-Havanna und skandierten “¡Abajo el tirano!” (Nieder mit dem Tyrannen!). Die Obrigkeit ließ sie ohne Probleme gewähren.
Der brasilianische Regisseur Pereira dos Santos nutzte die Pressekonferenz im Anschluß an die Vorführung seines Wettbewerbsfilms, die Standortvorteile seines Heimatlandes hervorzuheben: In Brasilien, das seine eigenen cineastischen Kapazitäten derzeit gar nicht ausnutzt, könnten Filme etwa um ein Drittel billiger produziert werden als anderswo. Und spätestens da wurde klar, daß die Banane und der Film doch wesentlich mehr miteinander zu tun haben, als uns Herr Diepgen glauben machen wollte.

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