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Editorial Ausgabe 269 – November 1996

Auf dem deutschen Buchmarkt herrscht, was lateinamerikanische Literatur anbelangt, Flaute. Neue, aufregende Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind genauso rar wie große Renner von bereits bekannten. Keine brisanten Romanstoffe, keine hinreißende Lyrik. Die Feuilletons schweigen sich aus.

Diesen Eindruck vermittelte der Besuch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Große Verlagshäuser zukken mit den Schultern, wenn man nach Neuerscheinungen aus Lateinamerika fragt. Hier das letzte Buch von Vargas Llosa, da eine Taschenbuchreihe von García Márquez, noch das eine oder andere schmale Bändchen – damit hat es sich. Wer sich damit nicht zufrieden gibt, löst Irritationen aus.

Aber was erwarten wir eigentlich? Daß sich lateinamerikanische Literatur beim deutschsprachigen Publikum üblicherweise mit einigen herausragenden Namen verbindet, liegt an deren Qualität und der sie umgebenden Welt. Es waren die sechziger Jahre, in denen die kubanische Revolution Hoffnungen weckte, Cortázar, Fuentes und García Márquez fundamental wichtige Bücher schrieben und zugleich in Westeuropa eine Bereitschaft, ja ein brennendes Interesse daran bestand, die gewohnte Lebensordnung in Frage zu stellen und in anderen Weltregionen nach Alternativen Ausschau zu halten.

Diese Flutwelle exzellenter AutorInnen – der Boom – ist längst vorbei. Über die Hintertüren und Wendeltreppen, Prachtgalerien, Archive und Kabinette dessen, was Literatur ist – Lesen, Schreiben, Verlegen, Kommentieren, Weitersagen und nicht zuletzt Erleben -, hat sich ein langfristiger, unüberschaubarer Prozeß der Verästelung vollzogen. Die Bilanz scheint nicht unbedingt positiv zu sein: Was einst “alternativ” war, hat sich etabliert und gehört zum guten Ton. Beliebte Schreibstile wurden ausgereizt, erfolgreiche Werke verfilmt, und die Bestsellerei hat ihre Gewinne eingefahren.
Was bleibt? Zunächst ein Trost. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, der Boom habe in der lateinamerikanischen Literatur alles neu gemacht. Bei Lichte betrachtet, sind es sogar nur wenige Werke, die in Form und Thematik innovativ waren. Wichtige Impulse jedoch, ohne die der Aufbruch in den Sechzigern schwer möglich gewesen wäre, stammen aus den Jahrzehnten davor.

Die Lyrik von Rubén Darío, César Vallejo und Pablo Neruda, die Romane von Alejo Carpentier, Miguel Angel Asturias und Ernesto Sábato, die Prosa von Juan Rulfo, José Lezama Lima oder Jorge Luis Borges – all dies und mehr macht deutlich, daß sich gute lateinamerikanische Literatur nicht auf wenige Jahre beschränkt hat und schon gar kein kurzatmiger Flop war.

Dies kann zugleich den Blick für andere, neue Stimmen schärfen. Die stilistischen und thematischen Vorgaben der Boom-Literatur sind kein alleingültiger Maßstab, und wenn geltende Meinungen und Denkmuster mit neuer Literatur in Konflikt geraten, dann spricht das mitunter für letztere.

Dabei muß sich die Qualität junger AutorInnen nicht unbedingt in hohen Auflagen beweisen. Die Regel des Marktes sind denen der Literatur nicht kompatibel, und auch Lieblingsbücher lassen sich dort finden, wo keiner mit ihnen rechnet. Die Frankfurter Flaute sagt wenig aus über den wahren Stand der Dinge.

Der Schwerpunkt in diesem Heft thematisiert die Spannung zwischen etablierten und neuen SchriftstellerInnen. Es ist höchst fragwürdig, daß jede Neuerscheinung einiger literarischer Größen dergestalt für Aufregung im Pressewald sorgt, daß die erscheinenden Rezensionen in Kilogramm gemessen werden können, während andere schlicht unbekannt bleiben und doch viel zu sagen haben. Sie einander gegenüberzustellen, wenn auch in eher zufälliger Auswahl, ist unser Anliegen.

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