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Editorial Ausgabe 276 – Juni 1997

“Kaffee ist der Duft meiner Heimat Guatemala”, erklärt uns eine alte Frau, mit deren sympathischem Konterfei Tschibo seit einigen Wochen in deutschen Medien wirbt. Die neue Kqfeesorte, deren Duft uns angepriesen wird, trägt den programmatischen Namen ‘Privat Kaffee Guatemala Grande”. Private Kaffeegroßgrundbesitzer -darunter nicht wenige Deutsche -sind mit Anbau und Kommerzialisierung der begehrten Bohne ja auch wirklich groß geworden.
Die andere Seite der Kaffeeproduktion verschweigt uns Tschibo allerdings. War jedoch kein Wunder ist, schließlich eignet sich diese -Landraub durch die Finqueros sowie Unterdrückung und Ausbeutung der indianischen Bevölkerungsmehrheit -nur schlecht, um uns zum Genuß dieses “faszinierenden Kaffees” zu bewegen.
Auch zum Krieg, der nach 36 Jahren gerade zu Ende gegangen ist, schweigt Tschibo. Dabei sind die Zusammenhänge nur allzu deutlich -die Basis der “‘Privat Kaffee“-Produktion war schließlich die jahrzehntelang gut funktionierende Allianz von Agraroligarchie und Militär. Ergebnis dieser Allianz war unter anderem ein semi-feudales System, das die Arbeiterlnnen auf den Kaffeeplantagen zu Quasi-Leibeigenen der Großgrundbesitzer machte. Die damit verbundene Repression und Misere gehörten denn auch zu den Auslösern des Krieges, der zehntausende Tote forderte und mehr als eine Million Menschen zu Vertriebenen machte.
Widerstand gegen das repressive System hatte es schon immer gegeben. Zu einer existentiellen Bedrohung für die weiße und ladinische Herrschaftselite wurden ab Ende der 70er Jahre die Guerillaorganisationen, die sich 1982 zur “‘Nationalen Revolutionären Einheit Guatemalas” (URNG) zusammen-schlossen. Als dritte Befreiungsbewegungklassischen Typs in Mittelamerika konnte sie sich neben der FSLN in Nicaragua und der FMLN in E1 Salvador festsetzen. Neben dieser “Avantgarde” wuchs, vor allem nach dem Übergang des Landes zum formalen Parlamentarismus im Jahre 1986, eine starke Volksbewegung heran, in der sich Opfer von Menschenrechtsverletzungen, lndígenas und Campesinos zu Wort meldeten.
An den Kriegsursachen hat sich bis heute nur wenig verändert, doch seit dem 29. Dezember I996 ist einer der längsten bewaffneten Konflikte zu Ende, der letzte in einem mittelamerikanischen Land. Jenseits der Süd-grenze der nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA herrscht nun Frieden -zumindest auf dem Papier. Ein halbes Jahr nach diesem historischen Datum schauen wir -die Lateinamerika Nachrichten und die Informationsstelle Guatemala -,wo das Land steht und welche Perspektiven sich ergeben.
Ob nun neoliberale Notwendigkeiten, der Druck von unten, das Ende des Ost-West-Konfliktes oder eine Kombination dieser Faktoren ausschlaggebend waren: Die unversöhnlichen Fronten zwischen Militär und Guerilla brachen Anfang der 90er Jahre ebenso auf wie die althergebrachten Machtstrukturen. Der Wunsch, die langen Jahre des internen bewaffneten Konflikts zu beenden, wuchs in allen gesellschaftlichen Gruppen. Der Weg bis zur Einigung auf ein Friedensabkommen war dennoch lang und mühselig.
Knapp ein halbes Jahr ist seit dem Friedensschluß vergangen. Die Bevölkerung, soziale und politische Kräfte suchen nach dieser Zäsur noch nach Orientierungen. Aber immerhin: Gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die die ganzen Jahre durch die allgegenwärtige Aufstandsbekämpfung unmöglich waren, werden heute geführt. Die wichtigsten Diskussionen und einige der Fragen, die Guatemala bewegen, finden sich auch in diesem Heft: Wie integrieren sich die Guerilleras/os in das gesellschaftliche Leben des Landes? Welche Chancen hat die Landbevölkerung, ihr (Uber-)Leben zu sichern? Wird das Militär für seine grausamen Taten zur Verantwortung gezogen? Auch ideologische Grundfesten des Systems stehen zur Diskussion -vor allem der alltägliche Rassismus der ladinischen Elite gegenüber der indigenen Bevölkerungsmehrheit.
Deutlich wird in allen Beiträgen dieses Heftes: Das Land ist im Um-und Aufbruch. Vieles und viele sind in Bewegung. Der herrschende Neoliberalismus hat widersprüchliche Entwicklungen in Gang gesekt -die vor-schnelle Kategorisierung in richtige oder falsche, gute oder schlechte Entwicklungen verstellt dabei mehr denn je den Blick auf die Realität.
PS: Für die Abonenntlnnen des Guatemala-Infos: Diese Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten ist gleichzeitig das Guatemala-Info 2/97.

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