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Editorial Ausgabe 385/386 – Juli/August 2006

Als besonders dicke Freunde der Welt inszenieren sich derzeit die Hauptsponsoren der Fußballweltmeisterschaft der Männer, die laut FIFA das ganze Spektakel überhaupt erst möglich machen. Adidas, McDonald’s und die Coca Cola Inc. halten die Welt bei Laune, kleiden sie ein und sorgen für vermeintliche kulinarische Genüsse. Und da wahre Freundschaft immer sowohl aus Geben als auch aus Nehmen besteht, lassen sie sich im Gegenzug auch gut versorgen, wenn sie ihre Freunde da draußen in der Welt besuchen.

So wie in der Nähfabrik Hermosa in San Salvador. Dort ließ sich Adidas lange Zeit königlich bedienen. Weit länger als die sprichwörtlichen drei Tage, nach denen Fisch und Verwandte anfangen zu stinken, hielten die Näherinnen der Fabrik diesen hartnäckigen Freund aus. Als sie immer mehr Nächte durcharbeiten mussten, immer häufiger jedoch nicht einmal mehr ein kleiner Teil des Kuchens für sie übrig war, stank es auch ihnen. Also gründeten sie eine Betriebsgewerkschaft. Hermosa-Chef Señor Montalvo, verärgert über so wenig Vertrauen und Loyalität, verließ daraufhin wütend seine Fabrik und schloss von außen ab. Seitdem protestieren die ausgesperrten Näherinnen vor den Toren und fordern ihre ausstehenden Löhne und nicht bezahlte Sozialversicherungsbeiträge ein. Die Adidas-Salomon AG, an salomonischen Lösungen offenbar nicht interessiert, suchte sich sogleich einen neuen Lieferanten. (siehe Seite 60, „Impossible is nothing“)

Für Beispiele schlechter Gastlichkeit bei McDonald’s muss man gar nicht erst über den großen Teich schauen. Trotz Marktführerschaft und jährlicher Umsatzsteigerungen verdienen die Beschäftigten hierzulande seit 2001 das gleiche wenige Geld. Müßig zu erwähnen, dass die Löhne bei McDonald’s Argentinien noch weniger großzügig ausfallen. Allerdings sind die Restaurants dort zwischenzeitlich ungewollt zu gemeinnützigen Einrichtungen verkommen. Seit der Abwertung des Pesos im Zuge der Wirtschaftskrise ist die fettige Kost der Imbisskette zu einem Luxus geworden, den sich nur noch die US-amerikanophile Oberschicht leistet. Dementsprechend herrscht gähnende Leere in den Restaurants. Die Ruhe, die klimatisierte Luft und die vergleichbar komfortablen sanitären Anlagen machen sie somit zu einer willkommenen Alternative zu den überfüllten Lesesälen der staatlichen Universidad de Buenos Aires.

Schon seit Jahrzehnten ist Coca-Cola Stammgast in Kolumbien und genießt die dortige Gastfreundlichkeit. Ähnlich wie Stammgäste in der Gastronomie fällt Coca-Cola besonders dadurch auf, sich vollkommen gehen zu lassen und noch die grundsätzlichsten Benimmregeln zu missachten. Getreu seines Werbeslogans „make it real“ arbeitet der Konzern zielgerichtet an seinem Traum des Betriebsgeländes als no-go-area für GewerkschafterInnen. Eine Senkung der Lohnkosten um 250 und jährliche Rentabilitätssteigerungen um 80 Prozent wären jedoch kaum möglich ohne die freundliche Unterstützung von Paramilitärs und Regierung. Erste bieten der Firmenleitung Rückendeckung in Tarifverhandlungen indem sie wie 1996 den Verhandlungsführer der Gewerkschaften ermorden. Die offizielle Politik in Bogotá gestaltet das Arbeitsgesetz ganz nach den Wünschen der Gäste und sieht nonchalant darüber hinweg, wenn selbst dieses nicht eingehalten wird. (siehe Seite 37, „Bürgerkrieg ist gut fürs Geschäft“)

Die drei genannten transnationalen Konzern sind selbstverständlich keine schwarzen Schafe in einer wollweißen Herde. Ihre KonkurrentInnen auf der weltweiten Suche nach den rechtlosesten ArbeitskraftanbieterInnen, den niedrigsten Umweltstandards und der korruptesten Politik stehen ihnen in nichts nach.

Und alles was der Welt von diesem scheinbar endlosen Rattenrennen übrig bleibt sind überzuckerte braune Limo, pappige Fleischbrötchen, Synthetikhemden und zu guter Letzt ein riesiger Haufen Müll. Eine Welt mit solchen Freunden braucht keine Feinde mehr!

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