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Selbstbewusst in der Krise

Für George Walker Bush konnte es bitterer kaum kommen. Sein bevorstehender Abgang aus dem Weißen Haus geht mit dem schwersten Börsencrash seit der Großen Depression 1929 einher. Und zu allem Überfluss muss sich der taumelnde Texaner nun noch verbale Unterstützung von der falschen Seite gefallen lassen: Selbst sein Intimfeind Hugo Chávez sprach sich für das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket aus, mit dem Washington einer Kernschmelze des Finanzsystems gegensteuern will. Der venezolanische Präsident ist Realist genug, um zu erkennen, dass ein unkontrolliertes Ende des kapitalistischen Zeitalters nicht zwangsläufig in den Sozialismus des 21. Jahrhunderts münden würde. Er ist auch Realist genug, um zu wissen, dass Lateinamerika für die „Unverantwortlichkeit“ der US-Finanzpolitik ebenfalls seinen Preis wird zahlen müssen.

Dabei hatte Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva noch vor wenigen Wochen in Optimismus gemacht: Vor Jahren hätte ein Niesen der US-amerikanischen Wirtschaft Brasilien eine Lungenentzündung eingebrockt, sagte Lula. Nun sei das Immunsystem so stark, dass auch die Finanzmarktkrise in den USA dem südamerikanischen Giganten nichts mehr anhaben könne.

Die abstürzenden Börsen in Lateinamerika zeigen, dass sich Lula getäuscht hat, obwohl er gute Argumente besaß: Seit Jahren fallen in Brasilien hohe Wachstumsraten mit hohen Leistungsbilanz-Überschüssen zusammen, was die Devisenreserven auf die Rekordhöhe von 200 Milliarden US-Dollar schnellen ließ. All das bietet in normalen Zeiten optimale Rahmenbedingungen: Der Devisenüberschuss reduziert die Abhängigkeit vom internationalen Kapital und vom internationalen Zinsdiktat.

Nur, dass die normalen Zeiten fürs Erste vorbei sind. Lulas jetzt formulierte Kritik, dass vor allem der Süden den Preis für die verantwortungslose Finanzpolitik der USA zu zahlen hat, trifft ins Schwarze. Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Krise Lateinamerika trifft, sondern wie stark. Die Börsenprobleme stehen dabei nur am Anfang. Weil die US-amerikanischen AnlegerInnen Liquidität brauchen, um auf dem heimischen Finanzmarkt Löcher zu stopfen, ziehen sie ihr Kapital aus Lateinamerika ab und realisieren dabei noch die Kursgewinne aus den letzten Boomjahren. Die Zeche zahlen die Latinos.

Das Durchschlagen auf die Realwirtschaft ist nur noch eine Frage der Zeit: Die lateinamerikanischen Länder haben in den letzten Jahren vor allem auf Rohstoffexporte gebaut. Das wird in Zukunft erheblich schwieriger. Insbesondere gilt dies für Venezuela oder Bolivien, bei denen der Anteil der Öl- und Gaswirtschaft an der Gesamtwirtschaft deutlich zugenommen hat. Die Rohstoffpreise haben vom Öl über Kupfer, Soja bis hin zum Getreide bereits zum Tiefflug angesetzt. Für die Umverteilungspolitik der Rohstoffrenten gibt es künftig weniger Spielraum und damit entsteht zusätzlicher sozialer Sprengstoff.

Doch in jeder Krise liegt auch eine Chance – zumal, wenn sie nicht hausgemacht ist. Lateinamerika ist intern weit besser aufgestellt als zu Zeiten der Tequila-Krise 1994/1995 oder der Caipirinha-Krise 1998. Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner war dem Vernehmen nach bei vollständig klarem Kopf, als sie für die USA spöttelnd mit der Jazz-Krise zu einer nicht-alkoholischen Analogie griff. Die gemeinsame Bank des Südens, der erst im Mai gegründete südamerikanische Staatenbund UNASUR, der gerade der bolivianischen Opposition die Grenzen aufzeigte, die Abkehr vom Dollar im biregionalen Handel zwischen Argentinien und Brasilien: All dies sind klare Zeichen für eine gewachsene Eigenständigkeit und das gewachsene Selbstbewusstsein Lateinamerikas. Auch wenn die These von Chávez kühn anmutet: „Aus dieser Krise muss eine neue Weltordnung hervorgehen, und es wird eine multipolare Weltordnung sein.“ In einer Zeit, in der im Norden die Panik kursiert und der Süden locker bleibt, ist vieles möglich.

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