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“Subcomandante Superstar”?

Die Zapatisten sind wieder da. Der Marsch der Vertreter des Zapatistischen Befreiungsheeres (EZLN) auf die mexikanische Hauptstadt hat in den internationalen Medien einen ungeheuren Widerhall gefunden. Im Großen und Ganzen zeigt man sich verständnisvoll für das Anliegen der zapatistischen Bewegung und überhaupt hatte die „Zapatour“ einen Event-Charakter, der einen einfach mitreißen musste. Diese „indigene Love Parade“ passt nicht nur auf die Politikseiten sondern auch ins Feuilleton. Im Mittelpunkt des Interesses steht jedoch, wie gehabt, der Pfeife rauchende Sprecher der ZapatistInnen: „Subcomandante Superstar“. Doch es ist teilweise ein missmutiger Unterton zu verzeichnen. Die Faszination, die die Figur des Subcomandante auch hierzulande auslöst, weckt gleichzeitig Misstrauen. Man wittert Personenkult und Eitelkeit. Bei Europa-Abgeordneten „ausgeweint“ – so die taz – habe sich Marcos, als ihm der mexikanische Kongress einen Auftritt noch verwehrte. Und nun müsse er sich mit einem Auftritt vor dem europäischen Parlament über diese „Abfuhr hinweg trösten“. Der Vorwurf der verletzten Eitelkeit springt hier zwischen den Zeilen allzu deutlich ins Auge.
Dass Marcos Popstar-Stellung in den Medien hüben wie drüben Gefahren in sich birgt, wird niemand übersehen wollen, am wenigsten der Subcomandante selbst. Und natürlich stellt sich, wie in einem taz-Kommentar mit Verweis auf Marcos geschrieben wurde, „für jeden Bühnenstar irgendwann die Frage nach dem würdigen Abgang“? Doch die implizite Forderung, dass Marcos jetzt abtreten sollte, ist überflüssig und falsch. Den richtigen Zeitpunkt werden die ZapatistInnen schon selbst herausfinden. Kein Zweifel: Marcos ist ein Bühnenstar, aber eben nicht nur. Mal ganz nüchtern gesehen: Ohne die theatralische Selbstinszenierung zum revolutionären Mythos hätten sich die Medien nicht für Marcos interessiert, und es wäre kaum gelungen, weite Teile der Mittelschichten für das Anliegen der Indígenas zu gewinnen. Personenkult hin oder her, was dabei herausgekommen ist, bleibt politisch gesehen ein großer Erfolg. Wer kannte vor 1994 denn Chiapas? Wer hat sich denn je in unseren Breiten für die Indígenas Mexikos interessiert? Welche Medien haben je über sie berichtet?
Und auch politisch haben sie Wirkung erzielt. Kaum jemand bestreitet, dass der Regierungswechsel in Mexiko ohne den zapatistischen Aufstand möglich gewesen wäre. Natürlich hebt ein Regierungswechsel nicht per se die Machtstrukturen in einer Gesellschaft auf. Doch dass sich eine Dynamik ergibt, die Spielräume eröffnen kann, ist nicht zu bestreiten. Exakt hier setzte der Marsch an. Die mexikanische Öffentlichkeit ist durch den Marsch der ZapatistInnen mobilisiert wie kaum zuvor, und die Tatsache, dass ein Grüppchen von chiapanekischen Indígenas im Parlament zu Wort kommen kann, ist ein historischer Erfolg. Ein erster Schritt, dem viele folgen müssen. Sicher wird es schwierig, die Anliegen der Indígenas erfolgreich und öffentlichkeitswirksam in einer Weise zu vertreten, die die Hardliner aus den Reihen der PAN unter Druck setzt. Denn die Parteigenossen des neuen Präsidenten Fox sträuben sich nach wie vor gegen die Umsetzung des Indígena-Abkommens. Kaum wahrgenommen von der Öffentlichkeit, die alle nur den Schmusekurs des ach so dialogbereiten Fox registrieren. Die PAN als Ganzes zeigt sich an einer Gleichberechtigung der Indígenas überhaupt nicht interessiert. Ein fundamentaler Gegensatz zu der Rhetorik ihres Chefs. Und das ist der Knackpunkt: Was ist dran an der medialen Offensive des Präsidenten? Will er wirklich den Dialog oder ist es nur der erste Schritt einer Strategie, die ZapatistInnen in die Ecke der nicht kompromissbereiten Hardliner zu stellen. In diese Ecke gehört die Partei des Präsidenten, doch wer schlussendlich in ihr landen wird, ist derzeit noch offen. Mindestens bis die PAN dort steht, wird Marcos nichts anderes übrig bleiben, als seine Rolle als Bühnenstar politisch zu instrumentalisieren. Denn warum sollte sich nach seinem Abtritt eine breite Öffentlichkeit für die mexikanischen Indígenas interessieren, wenn sie es vor ihm nicht getan hat? Und die Indígenas brauchen die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Wenn sie sie wirklich und nicht nur medial hinter sich haben, dann erledigt sich der Abgang von Marcos selbst. Wetten dass?

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