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// ZWEIFELHAFTER AKTIONISMUS

Kleine Monster mit schwarz-weiß gestreiften Beinen und riesengroßen Saugrüsseln beschäftigen in den letzten Wochen die lateinamerikanische Öffentlichkeit. Als Animation fliegen sie über die Titel von Online-Artikeln, erscheinen überlebensgroß auf Plakaten oder tanzen in Aufklärungsvideos. Aedes aegypti, die ägyptische Tigermücke, hat es zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht. Die brasilianische Regierung warb für den „nationalen Aktionstag des Kampfes gegen Aedes aegypti“, an dem 220.000 Soldat*innen beteiligt waren. Präsidentin Dilma Rousseff zeigte auf ihrem T-Shirt neben der Mücke den Slogan „Ein Moskito ist nicht stärker als ein ganzes Land“. Und die Weltgesundheitsorganisation WHO rief am 1. Februar den weltweiten Gesundheitsnotstand aus.
Angesichts dieses geballten Aktionismus stellt sich die Frage: Warum gerade beim Zika-Virus? Verbreitet die Tigermücke doch auch Dengue-Fieber, das zu lebensbedrohlichen inneren Blutungen führen kann und an dem nach Schätzungen der WHO jährlich fast 100 Millionen Menschen erkranken. Auch Gelbfieber wird von der Aedes aegypti übertragen, an dem – wiederum laut WHO – jährlich 30.000 Menschen sterben. Demgegenüber ist Zika vergleichsweise harmlos: Der Krankheitsverlauf ist nicht tödlich und der Verdacht, dass der Virus bei Embryos die Schädel- und Gehirnfehlbildung Mikrozephalie auslöst, kann erst in den kommenden Monaten überprüft werden. Der brasilianische Gesundheitsminister Marcelo Castro warnt trotzdem schon jetzt davor, dass eine „Generation von Umnachteten“ heranwachsen könne.
Und wie immer, wenn es darum geht, Gefahr für „das ungeborene Leben“ abzuwenden, ist schnell eine Gruppe identifiziert, der eine besondere individuelle Verantwortung zukommt: Frauen. „Sex ist etwas für Amateure, Schwangerschaften für Professionelle“, tönte Gesundheitsminister Castro. „Niemand sollte zufällig schwanger werden, für eine verantwortungsbewusste Mutterschaft ist eine genaue Planung notwendig.“ Womit er offen unter Beweis stellte, dass er die Bedingungen, unter denen die meisten Frauen in Brasilien schwanger werden, nicht kennt: ohne Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln, ohne Partner mit Verantwortungsbewusstsein, oft ohne die Möglichkeit, sich gegen ungeschützten Sex wehren zu können. Angebote zur Verbesserung der kommunalen Gesundheitsstationen oder zur Legalisierung von Abtreibungen machte der Minister nicht. Immerhin hat er, anders als sein Amtskollege aus El Salvador, nicht empfohlen, Schwangerschaften bis 2018 ganz zu vermeiden. Auch dort richten sich die Appelle „natürlich“ an Frauen. Weil es ohnehin lächerlich wäre, Männer zum verantwortungsvollen Umgang mit Verhütungsmitteln aufzurufen? Oder weil es undenkbar ist, männliche Sexualität staatlich zu reglementieren?
Öffentliche Aufrufe richten sich dann schon eher an arme Bevölkerungsgruppen: Diese werden aufgefordert, Blumenuntersetzer und Altreifen vor den eigenen Häusern zu entfernen. Dabei liegt es nicht nur am individuellen Hygienemangel, dass sich die Zika-Infektionen vor allem in den ärmsten Gebieten Brasiliens im Nordosten des Landes häufen. Das Versprechen einer Basis-Abwasserentsorgung für alle ist von den PT-Regierungen nie eingelöst worden. Hinzu kommt die Wasserknappheit durch Rodungen und massive Eingriffe in natürliche Flussläufe, der die Menschen mit eigenen Wasservorräten begegnen – hervorragende Brutstätten für die Tigermücke.
So liegt der Verdacht nahe, dass der öffentlichkeitswirksame Aktionismus gegen Zika in Brasilien von der Abwesenheit des Staates in zentralen Bereichen der Daseinsfürsorge ablenken soll. Hauptsache, der Sportwelt wird signalisiert, dass Olympia nicht gefährdet ist. Auf internationaler Ebene sorgt der wegen Zika ausgerufene weltweite Gesundheitsnotstand dafür, dass Krankheiten wie Malaria, die Schlafkrankheit oder Chagas weiterhin vernachlässigt werden – obwohl Millionen von Menschen von diesen betroffen sind.

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