// Unsere Netzwerke gegen patriarchale Egos!

Sexualisierte Gewalt ist tief verankert in Kreisen ökonomischer und politischer Macht. Wer das bis vor Kurzem noch nicht glaubte, sollte allerspätestens nach dem Fall Epstein überzeugt sein. Sein Netzwerk von Kindesmissbrauch, Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und geschlechtsspezifischer Gewalt erstreckt sich über einflussreiche Intellektuelle und die Wirtschaftselite bis hinein in die Regierungskreise verschiedener Länder in Europa, Lateinamerika und natürlich den USA. Der Fall Epstein ist Ausdruck eines patriarchalen Machtgefüges, das Körper hierarchisiert, zu verfügbaren Objekten macht und Straflosigkeit fördert.

Dabei ist es kein Zufall, dass die Täter reich und mächtig sind – auch wenn ansonsten immer wieder versucht wird, Sexismus und Patriarchat zu kulturalisieren und den vermeintlich Anderen, Marginalisierten zuzuschreiben. Das patriarchale System dient dem Kapitalismus: Es sorgt dafür, dass bestimmte Arbeit gratis oder billiger ist, weil sie zu weiblicher Arbeit und somit für weniger wert erklärt wird. Ob Hausarbeit, Erziehung oder Pflege, bis heute sind feminisierte Arbeitsbereiche die prekarisiertesten. In letzter Konsequenz werden feminisierte Körper als verwertbar, aber auch austauschbar behandelt. Derzeit erleben wir eine neue Eskalationsstufe der kruden Unmenschlichkeit, repräsentiert unter anderem von frauen- und queerfeindlichen Politikern, die provokativ und aggressiv auftreten und ein überhöhtes Selbstverständnis ihrer Macht demonstrieren, wie Trump und Milei.

Ihr entfesselter Kettensägen-Hyperkapitalismus, der nur noch den Markt kennt und jegliches soziale Sicherungsnetz für überflüssig erklärt, passt perfekt zu patriarchalen Männerfantasien, die Stärke (und das „starke Geschlecht“) verherrlichen. Milei, Trump und andere sind dabei nur die sichtbarste Spitze eines Eisbergs patriarchaler und rechter Netzwerke, die einerseits unter Zugriff auf Geld reicher Unternehmer weltweit Deregulierungsmaßnahmen fördern und gleichzeitig brachial sexistische Aussagen absondern. Hier wie dort passen die Fantasien von Hyperkapitalismus, männlicher Stärke und sexueller Ausbeutung wie die Faust aufs Auge.

Die gute Nachricht: Wir setzen diesen Netzwerken unsere eigenen entgegen! Netzwerke, die auf Fürsorge und Gemeinschaft als Stärke setzen. Diese Ausgabe der LN zeigt, dass wir nicht von vorn anfangen, sondern auf einer Tradition der Kämpfe aufbauen: Ni Una Menos in Argentinien gibt es mehr als zehn Jahre (Seite 10), das Plurinationale Treffen von Frauen und Queers sogar schon 40 Jahre (Seite 6). Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen (FLINTA) kommen überall zusammen und bauen alternative Räume voller Fürsorge auf, sowohl in Lateinamerika selbst (siehe Buchrezension S. 46) als auch in vielen migrantischen Gruppen in Deutschland. Im gemeinsamen Singen (Seite 26) werden Freiräume geschaffen und über soziale Medien werden Netzwerke gebildet, die konkret bei Gewalt helfen (Seite 29). Und so wird die Ausgabe von Linoldrucken begleitet, die von der migrantischen Gruppe Frauen machen Druck gestaltet wurden. Ihre Kunst dient dazu, sich zu treffen und den Austausch zwischen migrantischen Frauen zu fördern (Seite 29).

Im Kleinen schaffen wir Räume, die zeigen, dass Alternativen möglich sind. Dass die stärkste Art, rechte Netzwerke und patriarchale Strukturen zu bekämpfen, in solidarischen Beziehungen liegt. Es lohnt sich also, weiter Kampagnen zu organisieren, Gegenräume und Netzwerke aufzubauen. Letztendlich sind feministische Bewegungen eines der schönsten Beispiele für transnationale Bewegungen und Begegnung.


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Madres gegen Missbrauch

Druck “Who’s pain is it?” von Zaz

Geboren aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur und getragen von einem jahrelangem Kampf um Rechte, feiert das Plurinationale Treffen von Frauen, Lesben, Travestis (Gender- und politische Identität des Trans-Spektrums in Lateinamerika. Zunächst abwertender Begriff für Cross-Dresser und trans Personen, der von der Gemeinschaft zurückerobert wurde, Anm. d. Übersetzerin), trans, inter und nicht-binären Personen bereits das 40. Jubiläumsjahr. Zentrale Forderungen wie Auslandsverschuldung, existenzsichernde Löhne und Kinderbetreuungseinrichtungen sind bis heute präsent. Die prägende Anwesenheit der Mutter der Plaza de Mayo, Nora Cortiñas, besiegelte ein unerschütterliches Bekenntnis zu Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und verband die Grundpfeiler des Treffens mit dem Kampf gegen Geschichtsleugnung und staatliche Repression durch die Regierung Mileis. Angetrieben wurde der Prozess vor allem durch lokale Kämpfe, auch wenn internationale Meilensteine den Kontext prägten. Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik der Bewegung im jahrzehntelangen Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Körperliche Selbstbestimmung war lange Zeit tabuisiert und staatlich kontrolliert, wurde jedoch durch Organisierung zu einem zentrale Anliegen des Treffens.

Trotz massiven Widerstands, insbesondere seitens der katholischen Kirche, die gezielt Gegenmobilisierungen unterstützte, verteidigten die Teilnehmerinnen immer wieder die erkämpften Räume, thematisierten die Verflechtungen von Kirche, Staat und Regierungsmacht offen und setzten ihren Kampf für die Legalisierung fort. Der politische Kampf der Aktivistinnen verbunden mit der Nationalen Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung im Jahr 2005 unter dem Motto „Sexualaufklärung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ legte den Grundstein für die spätere Marea Verde (Grüne Welle), die 2020 zur Verabschiedung des Gesetzes über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft führte.
Einer der jüngsten Meilensteine war der Übergang vom „Nationalen Frauentreffen“ zum „Plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Travestis, trans, bisexuellen, inter und nicht-binären Personen“. Diese Umbenennung reagiert auf die Forderungen von LGBTIQ+-Personen und Indigenen Frauen nach größerer Sichtbarkeit und betont einen Feminismus, der über cis Identitäten und den Nationalstaat hinausgeht. Als politische Schule unter freiem Himmel lebt das Treffen von ideologischen und methodologischen Spannungen – etwa zur Sexarbeit. Gleichzeitig wird individueller Schmerz kollektiv geteilt und in transformative Kraft verwandelt.

Ein prägendes Thema der letzten Jahre war sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hier haben die Madres Protectoras eine wichtige Rolle gespielt, Workshops innerhalb des Treffens organisiert und ihre Kämpfe sichtbar gemacht und gestärkt. Ihr Engagement zieht eine unvermeidliche historische Parallele zu den Madres de Plaza de Mayo, die nach ihren Kindern suchten, ihre Mutterschaft politisierten und sich damit der genozidalen Diktatur entgegen stellten. Heute machen die Madres Protectoras ihre Fürsorge zur politischen Angelegenheit, um gegen ein patriarchales Justizsystem zu kämpfen, das Missbrauch deckt. Das Treffen wirkt dabei als Katalysator, durch den privates Leid zu einer kollektiven Forderung und einem Ruf nach Gerechtigkeit werden, wie das folgende Interview mit Yama Corin, Kunsttherapeutin, feministische Kämpferin, Antifaschistin und „Schützende Mutter“ , eindrücklich zeigt.

Druck von Iman Kanaan @Iman_kanaan

Wer gehört zum Kollektiv der Madres Protectoras und worauf konzentriert sich ihr Kampf?
Wir sind die Frauen, die die Erschütterung, die Fürsorge und den Kampf um Gerechtigkeit für unsere Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, durchlebt haben. Im Laufe der Geschichte mussten schon viele Frauen diese Situation bewältigen, da sexueller Missbrauch schon immer existiert hat und leider meist innerhalb der Familie stattfindet, was eine doppelte Belastung darstellt. Während der Aufschwungphase des Feminismus in Argentinien zwischen 2015 und 2020 sind wir innerhalb dieser Bewegung auf Strategien gestoßen, durch die wir uns eine politische Identität geben konnten: die der Madres Protectoras. Dadurch konnten wir uns als Gruppe unterstützen und verstehen, dass das, was uns so wehtat – weil es unseren Liebsten widerfahren war – kein individuelles Problem ist sondern ein weit verbreitetes, das aus einem patriarchalen System resultiert. Wir erkannten, dass kollektives Handeln wirksam ist und uns aus der Opferrolle herausführt, hin zu einer aktiven, politischen Position.

Was sind eure größten institutionellen, ideologischen und gesellschaftlichen Hürden?
Es gibt zahlreiche Hürden in allen Bereichen. Die erste besteht darin, missbräuchliche Situationen überhaupt als solche erkennen zu können. Häufig halten diese Situationen lange an, weil der Täter genau weiß, dass sein Verhalten illegal ist und deshalb sein Opfer manipuliert und gefügig macht. Schweigen ist somit das erste Hindernis. Uns wurde nie beigebracht, die Anzeichen zu erkennen und wir haben auch keine bekannten Anlaufstellen, an die wir uns bei ersten Zweifeln wenden können. Es passiert auch, dass Betroffene selbst die Situation leugnen, da sie sehr schmerzhaft ist und viele Frauen — das wissen wir aus Erfahrung und Statistik — bereits Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch waren. So ist es schwierig, die Wiederholung solcher Muster zu durchbrechen.

Was passiert mit dem Umfeld und der Justiz wenn dieses Schweigen einmal gebrochen ist?
Das nächste Hindernis sind patriarchale Vorurteile, nach denen Frauen böswillige Absichten unterstellt werden, wenn sie Missbrauch melden. Weil Täter häufig angesehene Personen mit einem aktiven sozialen, politischen und beruflichen Leben sind, fällt es vielen schwer, ihnen eine solche Tat zuzutrauen. Hinzu kommt ein Justizwesen, das Missbrauchsanzeigen mit derselben Ermittlungsstruktur behandelt wie andere Delikte. Bei traumatischen Ereignissen, die in der Intimsphäre stattfinden, gibt es oft keine physischen Beweise, keine Zeugen und keine Aufzeichnungen, sodass die Beweislast zur zusätzlichen Belastung wird. Betroffene Kinder und Jugendliche können das Geschehen häufig nicht in einer geordneten, „erwachsenen“ Darstellung wiedergeben. Gleichzeitig besteht eine Tendenz, die absoluten Rechte des Mannes zu garantieren. Das führt oft dazu, dass Täter straffrei ausgehen und in vielen Fällen wieder Kontakt zu den betroffenen Kindern bekommen. Von tausend Missbrauchsfällen werden nur hundert gemeldet, und gerade nur einer führt zu einer Verurteilung. Der Kampf der Madres Protectoras besteht in erster Linie darin, die Kinder vor diesem Kontakt zu schützen und anschließend die jahrelangen, zutiefst belastenden Gerichtsver­fahren durchzustehen.

Wie verknüpfen und verorten Sie den Kern Ihrer Forderung innerhalb der breiteren Bewegung?
Viele von uns waren bereits Feministinnen, als wir diese Realität bei unseren Kindern erkannten, und suchten deshalb Unterstützung in feministischen Netzwerken. Da wir diese Gewalt als patriarchal verstehen, waren wir überzeugt, dass der Feminismus diesen Kampf auf seine Agenda setzen müsse. Mit der Zeit ist in den feministischen Bewegungen die Anerkennung der Madres Protectoras als politische Akteurinnen, die Unterstützung verdienen, gewachsen. Dennoch bleibt viel zu tun. Ich selbst musste 2011 Anzeige erstatten und erkannte damals noch nicht, dass meine Situation ein politisches Problem ist, das aus einem System hervorgeht; für mich war es eine persönliche Tragödie. So geht es den meisten, bis wir uns finden.

Wie beteiligen sich die Madres Protectoras an den Plurinationalen Treffen und wie war die Erfahrung, einen eigenen Workshop zu organisieren?
Wir haben mit Aktionen auf öffentlichen Plätzen begonnen. Von Mundanas Agrupación Feminista (Weltliche Feministische Gruppierung) – meinem Netzwerk – und anderen kleinen Gruppen haben wir Fotos mitgebracht, Unterschriften gesammelt und es ab und zu in einen Zeitungsbericht geschafft. Es war, als würden wir die Tür Stück für Stück aufstoßen. Vor einigen Jahren ist es uns gelungen, eine eigene Versammlung der Madres Protectoras zu organisieren: ein riesiger Platz voller Mütter und Unterstützerinnen aus dem ganzen Land. Das war bewegend, weil es zeigte, dass wir alle mit derselben Gewalt der Justiz und denselben Ängsten vor zwanghafter Wiedervereinigung konfrontiert sind, etwas, das wir als institutionellen „Raub“ von Kindern verstehen: sie aus den Armen der Mutter zu reißen und sie zu zwingen, mit ihren Tätern zu leben – eine Art disziplinierende Bedrohung. Danach haben wir mit den Organisationskommissionen verhandelt, um einen eigenen Workshop im offiziellen Programm zu erhalten, der mittlerweile seit zwei Jahren läuft. Dort begegnen wir Mitstreiterinnen aus dem ganzen Land, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Prozesse befinden: Die unmittelbare Entdeckung ist nicht dasselbe wie die Verarbeitung nach Jahren vor Gericht. Jede einzelne Angelegenheit zu begleiten ist mühsam,aber die Treffen geben uns die Kraft, uns als aktive politische Akteurinnen zu erkennen, die trotz des Schmerzes einen Ort der Zugehörigkeit haben.

Welche Bilanz ziehst du nach zwei Jahren der Durchführung eurer Workshops?
Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen, ohne den allgemeinen Kontext unserer Arbeiterinnenklasse zu berücksichtigen. Positiv ist zweifellos, dass wir existieren, dass wir uns als Gruppe anerkennen und gemeinsam kämpfen. Aber der aktuelle Kontext mit einer neofaschistischen Regierung, die ein Machtgefüge aufrechterhält, das Täter schützt und uns Feministinnen zum Feind erklärt, indem sie uns falscher Anschuldigungen bezichtigt, macht die Gesamtbilanz schwierig. Dennoch bleiben wir standhaft, um für unsere Sache einzutreten. Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung – ich glaube, unsere Anzeigen genießen heute mehr Glaubwürdigkeit – als auch innerhalb der feministischen Bewegungen, um Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

Was sind die nächsten Schritte und wie sieht der Kampf für die nächste Zeit aus?
Die erste Herausforderung ist Durchhaltevermögen: organisiert zu bleiben und Situationen zu verändern, in denen Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Missbrauchstätern haben. Wir müssen standhaft bleiben, Schulungen anbieten und politische sowie gewerkschaftliche Unterstützung gewinnen, um diese Realität öffentlich sichtbar zu machen. Wir tun das mit großer Überzeugung, aber auch mit viel Schmerz und Erschöpfung. Trotzdem bin ich optimistisch, weil wir gemeinsam handeln: Dieser Weg des Zusammenkommens, des Schutzes und der gegenseitige Unterstützung ist auch eine Form der Wiedergutmachung für unsere Kinder. Wir sagen ihnen damit: Ja, wir haben euch geglaubt, ja, wir kämpfen für Gerechtigkeit, und ja, wir stehen für eure geistige und körperliche Gesundheit sowie euer Wohlergehen ein, um euch eure Rechte und das glückliche Leben zu sichern, das ihr verdient.
Das Plurinationale Treffen ist heute dringlicher denn je, angesichts eines Staates, der beschlossen hat, sein ohnehin mangelhaftes System von Rechten weiter abzubauen. Verkörpert wird das durch eine rechtsextreme Regierung, die nicht nur die Finanzierung von Gleichstellungspolitik kürzt, sondern auch mit aller Härte darum kämpft, im Rahmen ihres „Kulturkampfs“ gesellschaftliche Haltungen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, dass die Regierung von Javier Milei, die ideologisch mit Figuren wie Donald Trump auf einer Linie liegt und dubiose Verbindungen zu Ausbeutungsnetzwerken wie denen von Jeffrey Epstein hat, die feministische Bewegung und Kinder als ihre bevorzugten Feindbilder ausgewählt hat. Wir stehen vor einem politischen Projekt, das patriarchale Gewalt legitimiert, nicht nur, indem es sie leugnet, sondern auch, indem es das Schweigen der Täter fördert.
Die Geschichte dieser 40 Jahre der Treffen zeigt, dass wir keine Rückschritte mehr zulassen dürfen. Angesichts der Versuche, uns das Erreichte wieder zu nehmen – vom legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur Sexualerziehung – und angesichts all dessen, was uns noch aussteht, hat die Bewegung die Aufgabe, sich auf der Straße zu stärken. Gegen Angst und Faschist*innen muss Organisation gesetzt werden. Denn wir wissen, dass Rechte nicht verhandelbar sind: Sie werden auf der Straße verteidigt, durch den Aufbau von Netzwerken gesichert und im Kampf errungen.

Memoria y Resistencia Mütter standen schon immer in den vordersten Reihe der Kämpfe (Druck von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor)


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Ein Samenkorn für intersektionale Feminismen

Aborto libre, seguro y gratuito! Eines der ersten und zentralen Themen von Ni una Menos (Interpretation eines Coverfotos- LN 560 zur Feier des Abtreibungsgesetzes von 2020) Druck von Johanna Fuchs

Wie sieht deine Verbindung zur feministischen Bewegung in Argentinien aus?
Meine Politisierung begann in der Sekundarschule, als ich merkte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich begann, an Pride-Demonstrationen teilzunehmen und mich für LGBT-Themen zu interessieren. Mit der Zeit näherte ich mich über die integrale Sexualerziehung dem Bereich Bildung und Sexualität an. Fragen des Geschlechts und der Sexualitäten sind für mich zentral. Ich war dabei, als über das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Geschlechtsidentität und über das Recht auf legale, kostenfreie und sichere Abtreibung diskutiert und abgestimmt wurde – von der ersten Behandlung des Gesetzentwurfs im Kongress bis zu seiner Verabschiedung 2020. Darüber habe ich nach und nach einen kritischen Blick auf verschiedene Ungleichheiten entwickelt. Ich glaube, dass die meisten Feminist*innen in Argentinien einen intersektionalen Blick auf diese Frage haben, insbesondere der Transfeminismus.

Vor dem Interview hast du gesagt, dass ihr Mileis politisches Projekt als ein Laboratorium der globalen Rechten versteht und dass ähnliche politische Strategien auch in anderen Ländern angewendet werden könnten. Welche Strategien lehren uns die intersektionalen Feminismen Argentiniens heute, um gegen die extreme Rechte zu kämpfen?
Als Milei letztes Jahr in Davos seine Rede hielt, sagte er, dass Feminismus und „Woke-Kultur” ein Krebsgeschwür seien, das entfernt werden müsse; dass wir diejenigen seien, die das Wachstum des Westens verhindern würden, und er verglich Homosexualität mit Pädophilie. Das war am 23. Januar. Eine Woche später, am 1. Februar, entstanden an vielen Orten Argentiniens und der Welt antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstrationen. Diese Art der spontanen Versammlung und Diskussion, versuchen wir vom Red Argentina no se vende (Netzwerk Argentinien steht nicht zum Verkauf) auf internationaler Ebene nachzuahmen. Die Intersektionalität der Feminismen in Argentinien kam dabei deutlich zum Vorschein: Bei der Pride geht es nicht nur um die Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, sondern auch um die Unterdrückung der Rentner*innen, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, der öffentlichen Gesundheit und der Bildungseinrichtungen. Diese Zusammenführung verschiedener Kämpfe und Sektoren ist das, was unseren Feminismus ausmacht. Deshalb ist die Bewegung einer der großen Feinde der globalen Rechten. Es gelingt ihr, Ungleichheiten sichtbar und für die Bevölkerung nachvollziehbar zu machen – dies kann Grundlage für Politisierung und Widerstand sein.
Der Transfeminismus, gemeinsam mit den queeren Bewegungen ermöglichen einen kollektiven Widerstand gegen Milei, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Individualismus.

In welchem Kontext ist die Bewegung vor fast 11 Jahren in Argentinien entstanden und was hat sich verändert?
Ni Una Menos entstand 2015 zu einer Zeit, als Angriffe auf weiblich gelesene Personen sowie der Femizid als extremste Form der sexistischen und patriarchalen Gewalt, stark in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Ni Una Menos entstand als Bewegung gegen Femizide eher aus der Wut heraus. Journalist*innen und Aktivist*innen spielten dabei eine wichtige Rolle: In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Gewalt zu dokumentieren, der alle, die keine cis-heterosexuellen Männer sind, ausgesetzt sind.
Die Bewegung Ni Una Menos war ein Wendepunkt, der allen klargemacht hat: Ich bin nicht allein, ich bin nicht verrückt, es handelt sich nicht um eine individuelle Frage, sondern um ein strukturelles Problem von Sexismus, geschlechtsspezifischer Gewalt und Patriarchat. Seitdem sind viele weitere Dimensionen hinzugekommen. Dieser Kampf hat zum Beispiel das Gesetz für sichere und kostenlose legale Abtreibungen erreicht. Ein Meilenstein, auch wenn wir uns heute in einer Situation regressiver Politik mit einer global aufstrebenden Rechten befinden.

Was unternimmt Ni Una Menos angesichts der derzeitigen eindeutig antifeministischen und extrem neoliberalen Regierung unter Milei? Wie sieht ihre politische Arbeit angesichts der Rückschläge aus?
Ich würde sagen, dass besonders der Transfeminismus die antifaschistische und antirassistische Pride aus intersektionaler Perspektive ermöglicht hat. Seit dem ersten Jahr der Regierung Mileis hat die Unterdrückung und Kriminalisierung sozialer Proteste stark zugenommen: Menschen werden festgenommen und angegriffen. Auch Journalist*innen sind davon besonders betroffen.
Die Bewegungen sind fragmentiert, auch wenn die Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich glaube, dass es den feministischen und transfeministischen Bewegungen in Argentinien gelungen ist, diese Fragmentierung ein wenig aufzubrechen. Aber Milei ist noch da.
Da wir deutlich machen wollen, worum es dieser Regierung wirklich geht, haben wir zusammen mit der Asamblea en Solidaridad con Argentina en Berlin (Berliner Solidaritätsversammlung mit Argentinien) kürzlich ein Video mit dem Titel „Das Geheimnis von Mileis Kettensäge” veröffentlicht: Es wirft einen kritischen Blick auf die Präsidentschaft von Javier Milei und die Folgen seiner „Kettensägenpolitik“. Unter anderem befasst es sich mit dem „Kulturkampf”, den Milei gegen Frauen und queere Menschen führen will und der zu einem Anstieg der Hassverbrechen gegen Frauen und die LGBTIQ+-Gemeinschaft um mehr als 70 % geführt hat.

Kämpfe verbinden! Darin liegt die Stärke der Bewegung (Druck von Paulina Heeg @paulinaiaia)

Gab es konkrete Fortschritte bei den Mobilisierungen?
Milei hat einige seiner Vorhaben nicht weiterverfolgen können und läuft nicht mehr so fröhlich hetzend durch Davos. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es ist der Keim einer Widerstandsbewegung entstanden, die Milei aus der Regierung jagen könnte. Natürlich muss jemand anderes die Wahlen gewinnen, aber man braucht die Menschen auf der Straße, um klar zu sagen: no pasarán (dt.: Ihr werdet nicht durchkommen). In diesem Sinne müssen wir es schaffen, den globalen Trend der Fragmentierung zu überwinden, damit sich Menschen zusammenschließen, Versammlungen abhalten, über die Linie der Mobilisierung diskutieren und verstehen, dass Mobilisierung nicht nur LGBT-Personen betrifft, als wäre alles nur eine Frage der Identitätspolitik.

Wie können die Erfahrungen Argentiniens andere Bewegungen in Lateinamerika inspirieren?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht um die Rechte von Homosexuellen auf der einen Seite und die Rechte von trans Menschen auf der anderen Seite geht und dass ich mich damit zufrieden gebe, dass ich jetzt mein Dokument ändern kann. Vielmehr gibt es eine Reihe strukturelle Ungleichheiten. Der Schlüssel liegt darin, intersektionale Verbindungen herzustellen. Ich glaube, dass sich da viel getan hat, denn Ni Una Menos als Bewegung hat sich in vielen Bereichen außerhalb Argentiniens verbreitet.

Wie schätzt du die Zukunftsaussichten für die transfeministischen Bewegungen angesichts des Rechtsrucks ein?
Wir müssen innerhalb der Opposition gegen die Regierung Milei eine Massenbewegung schaffen, die ein alternatives Modell vorschlagen kann. Wir brauchen diese Organisation, die aus Versammlungen und verschiedenen Initiativen entsteht, nicht nur aus feministischen Kreisen. Es geht darum, ein alternatives Modell der Organisation des sozialen Lebens zu entwickeln, zunächst als Strategie gegen rechte und rechtsextreme Regierungen und idealerweise als wirklich funktionierende Alternativen zum Kapitalismus.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft der Bewegung?
Für mich bedeutet die Bewegung eine Möglichkeit, etwas zu erreichen, Widerstand zu leisten, andere zu treffen und sich auf eine Weise zu verstehen, die nicht individualistisch orientiert und nicht nur auf eine Frage beschränkt ist. Denn der Weg, den Ni Una Menos eingeschlagen hat, von der Spitze des Eisbergs, dem Femizid – wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist –, bis zur antifaschistischen und antirassistischen Pride, heißt zu verstehen, dass es um alles geht. Diese Erweiterung der Perspektiven scheint mir das Vermächtnis von Ni Una Menos zu sein. Die Möglichkeit, zusammenzukommen und das Verständnis für Ungleichheiten, für unsere Situation, für unseren Platz in der Welt zu vertiefen und auch anderen Kämpfen Hoffnung zu geben.


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Der feministische Kampf um das Land

Druck von Martina Delben @martina_delben

Im Nordwesten von São Paulo, der größten Metropole Lateinamerikas, befindet sich ein Camp der MST. Anfang der 2000er Jahre besetzten Arbeiter*innen das Grundstück, das als Mülldeponie vorgesehen war. 2002 wurde die Comuna da Terra Irmã Alberta (Landkommune Irmã Alberta) gegründet. Dort leiten Frauen die politische Diskussion und die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Agrarökologie – einer Anbaumethode, die auf dem Respekt vor der Erde basiert und biologische Lebensmittel ohne den Einsatz von Pestiziden produziert.
Ich weiß, dass Irmã Alberta ein spezifisches Beispiel ist und seine Besonderheiten hat. Denn es ist eine agroökologische Kommune in einem städtischen Kontext. Trotzdem kann man anhand dieser Erfahrung verstehen, wie andere Lager der MST funktionieren und vor allem, welche Rolle Frauen innerhalb der Bewegung einnehmen.

Ich war im März 2024 dort und hörte die Geschichte von vier Frauen. In einem unserer ersten Gespräche sagte mir Joselene Araújo Santana: „Die Entscheidungen werden von Frauen getroffen. Die Männer kommen eher zum Zuhören, und die Frauen machen die Arbeit.“
Frauen treffen nicht nur die politischen Entschedungen in diesem Gebiet, sie packen auch an und arbeiten beim Aufbau ihrer Agroforstwirtschaft. Für Íris Filomena Santos da Rocha „ist es schon Freiheit, wenn man auf einer solchen Plantage arbeitet. Man kann tun, was man will, und wie man es will“. Sie fühlt sich in diesem Gebiet als Frau und als Arbeiterin so frei, dass sie nicht wüsste, was sie tun sollte, wenn sie von dort vertrieben würde.
Denn, seit 2023 droht dem Lager die Räumung durch die privatisierte Wasserversorgungsgesellschaft des Bundesstaates São Paulo (SABESP). Es besteht die Gefahr, dass das Camp erneut zu einer Müllhalde umgewandelt wird. Laut Silvana „ist die einzige rechtliche Garantie, die wir noch haben, ein Schreiben der ehemaligen SABESP-Geschäftsführung, in dem uns zugesichert wird, dass wir bis zum Abschluss eines langwierigen Verfahrens, das nur aufgrund unserer Maßnahmen zur Erhaltung und zum gesunden Anbau von Lebensmitteln aktiv ist, in dem Gebiet bleiben dürfen“.
Vor Ort übernehmen die Frauen nicht nur Führungsaufgaben, sondern sind auch füreinander da. Es gibt ein Netzwerk der Solidarität unter Frauen. Joselene, bekannt als Jô, erzählte mir, wie sich die Frauen im Lager gegenseitig in Fällen von Sexismus und häuslicher Gewalt unterstützen, indem sie die Täter anzeigen, ihre Genossinnen beraten und ihnen eine Unterkunft bieten.

Für diese Frauen geht die feministische Befreiung nicht nur von der Erkenntnis aus, dass sie die Hälfte der Arbeiter*innenklasse ausmachen und Führungspositionen und kollektive Fürsorge verdienen. Sie geht auch von einer Mystik der Erde aus: „Die Erde ist weiblich, die Erde ist eine FraUnd diese Frau zu befreien, bedeutet auch, uns zu befreien”, erzählte Silvana Bezerra da Silva, während sie ihre Tochter auf dem Arm hielt, ihr jüngstes Ergebnis der Hoffnung, wie sie mir sagte.
Es ist jedoch auch wichtig zu betonen, dass für Maria Alves da Silva, Silvanas Mutter, nicht allein die Tatsache, dass Frauen in der Landwirtschaft und in politischen Führungspositionen tätig sind, Männern das Recht gibt, sich von ihren Aufgaben zu trennen: „Nein. Wir wollen aufmerksame und fähige Männer“, damit Frauen und Männer gemein­sam für Land und soziale Gerechtigkeit kämpfen können.
Jetzt, fast zwei Jahre später, habe ich Maria und Silvana erneut kontaktiert. Ich hatte bereits die ganze feministische Kraft verstanden, welche die Frauen der MST repräsentieren. Aber ich wollte ihre Haltung gegenüber dem 8. März verstehen. Mit anderen Worten: Was bedeutet der Internationale Frauentag für sie?

Blumenfrau ohne Namen

Erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet

Kurz gesagt, sehr viel. Nicht zuletzt, weil die MST auf einer feministischen Vision gegründet wurde. Aber erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet. Von da an wurde beispielsweise festgelegt, dass die Hälfte aller Posten von Frauen besetzt, Ländereien auf ihren Namen laufen und dass es spezifische Förderprogramme für sie geben sollte: wie Kinderkreise, die die Betreuung der Kinder gewährleisten, Mütter entlasten und ihnen ermöglichen, zu arbeiten und politisch aktiv zu sein. Von da an wurde noch stärker gefördert, dass Frauen auch Führungspositionen übernehmen. „Frauen verbinden den feministischen Kampf mit dem Kampf auf dem Land, dem Kampf um Land. Sie nehmen nicht nur teil, sondern sind Protagonistinnen dieser Erzählungen. Es sind Frauen, die sich aktiv an der Führung beteiligen”, sagte Silvana. Maria fügte hinzu: „In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.” Für sie geschieht dies jederzeit auf organische Weise, auch weil die Frauen stets aufmerksam auf Meldungen über Gewalt in der Region reagieren und sich aktiv für die Bekämpfung von Femiziden einsetzen – indem sie die Polizei und die zuständigen Behörden informieren. Darüber hinaus bieten sie auch Fortbildungen für Familien an, um das Bewusstsein für die Bekämpfung von Gewalt, Sexismus und Ungleichheiten zu schärfen.

„In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.”


Für Silvana ist der 8. März ein historischer Meilenstein im Kampf der Frauen, der nicht aus dem Tagesprogramm verschwinden darf und sich auch an den anderen 364 Tagen des Jahres widerspiegeln sollte. Sie glaubt, dass der 8. März die Genossinnen an die Existenz der Geschlechterunterdrückung erinnern soll und dass man nicht an Klassengleichheit denken kann, ohne an die Gleichheit der Arbeitsteilung und die Rechte der Frauen zu denken.
Maria und Silvana sagten mir auch, dass der feministische Kampf in der MST nicht nur intersektional, sondern internationalistisch sein muss. „Wir als Arbeiterklasse haben die Vepflichtung, uns mit anderen Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt zu verbünden, insbesondere mit lateinamerikanischen und karibischen Frauen.”
Silvana sagte, dass die Frauen von Irmã Alberta „ein Netzwerk der Solidarität, der Schwesternschaft, der aktiven Beteiligung, der Erstellung von Narrativen, die sich beteiligen und die auch den Kampf der Frauen Lateinamerikas widerspiegeln“ aufbauen. Mit anderen Worten, dass der Kampf von Irmã Alberta von einem Mikrobereich ausgeht, der sich auf einen lateinamerikanischen Makrobereich auswirkt. „Wenn wir über die Unterdrückung sprechen, die Frauen, vor allem schwarze Frauen, in ganz Lateinamerika erleben, sprechen wir auch über uns, über unser Territorium.” Um den wilden Kapitalismus zu bekämpfen, forderte Maria, müssen die Kämpfe vereint und intersektional sein. „Es muss ein Kampf aller Völker sein!”

Frau, Leben, Freihet Ob die Kurdistan oder Abya Yala, überall kämpfen Frauen für ihre Befreiung und ihrer Territorien (Druck Jin, Jiyan, Azadi; Mahin Khodayari @mahinkhodayari-art)


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Wessen Feminismus?

Druck von Frauen machen Druck

In den vergangenen Jahrzehnten haben feministische Bewegungen tiefgreifende rechtliche und gesellschaftliche Veränderungen angestoßen. Doch längst geht es nicht mehr allein um formale Gleichstellung. Feministische Kämpfe richten sich inzwischen gegen genderspezifische Gewalt, ökonomische Ungleichheiten, die Kontrolle über Körper und Reproduktion und erweitern das Verständnis von Feminismus als „Frauenfrage“ hin zu intersektionalen Kämpfen. Doch welche Geschichten prägen dieses Verständnis? Zwei zentrale Figuren der ecuadorianischen Geschichte sind Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña. Waren sie auch Feministinnen? Über Dolores Cacuango kursieren bis heute

Erzählungen, in denen sie als furchtlose, kraftvolle Frau mit einer außergewöhnlichen Präsenz gezeichnet wird. Mama Dulu, wie viele sie nannten, kam 1881 in San Pablo Urcu im Hochland Ecuadors nahe Otavalo zur Welt. Rosa Elena Amaguaña, später vor allem unter dem Namen Tránsito Amaguaña bekannt, wurde 1909 in Pesillo, ebenfalls nahe Otavalo geboren. Beide Frauen wuchsen im System der huasipungo-Haciendas auf, das Indigene Familien an Großgrundbesitzer band, und erlebten eine von extremer Armut, Ausbeutung und Entrechtung geprägte Kindheit ohne Zugang zu formaler Bildung. Tránsito ging nur sechs Monate zur Schule, begann bereits mit sieben Jahren zu arbeiten und wurde mit 14 Jahren zur einer von Gewalt und Missbrauch geprägten Ehe gezwungen. Im gemeinsamen Kampf gegen das Haciendasystem begegneten sich die beiden Frauen.
Um die politischen Kämpfe von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña zu verstehen, ist ein Blick auf die Arbeits- und Machtordnung des Haciendasystems notwendig, das auf den Strukturen der kolonialen Gesellschaftsordnung der spanischen Eroberung beruhte: Rassistische Hierarchien und patriarchale Normen legten fest, wer Kontrolle über Körper und Land ausübte und wessen Leben zählten. In den Haciendas spiegelte sich diese Ordnung wider: An der Spitze stand der Großgrundbesitzer, am unteren Ende Indigene Familien, die als huasipungueros ein kleines Stück Land – das huasipungo – lediglich als „Leihgabe“ erhielten. Im Gegenzug waren sie zu schwerster Arbeit auf den Ländereien der Hacienda verpflichtet. Für Frauen bedeutete dieses System eine besonders vielschichtige Form der Unterdrückung: Neben Care-Arbeit wurden sie zu zusätzlicher Arbeit gezwungen und waren regelmäßig sexueller Gewalt ausgesetzt. Diese Lebensrealität prägte die Kindheit und Jugend von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña und legte den Grundstein für ihren politischen Widerstand.

Die 1930er-Jahre markieren in Ecuador eine Phase verstärkter Indigener Organisierung gegen Ausbeutung und Entrechtung, auch wenn Indigener Widerstand auf jahrhundertelange Kämpfe seit der spanischen Eroberung zurückgeht. 1930 fand einer der ersten großen Protestmärsche nach Quito statt, an dem auch Cacuango und Amaguaña teilnahmen. 1944 beteiligten sie sich an der Gründung der Federación Ecuatoriana de Indios (Ecuadorianische Föderation der Indios, FEI), der ersten landesweiten indigenen Bäuer*innenorganisation Ecuadors. Die FEI richtete sich gegen die Gewaltstrukturen der Großgrundbesitze und das Haciendasystem und legte organisatorische Grundlagen für eine bis heute prägende Indigene Bewegung. Dolores Cacuango spielte eine zentrale Rolle in der öffentlichen Artikulation einer starken Indigenen Identität, die sie mit konkreten Forderungen nach Land, Respekt und politischen Rechten verband. Dieses kollektive Selbstverständnis brachte sie 1942 auf der Konferenz der Arbeiter*innen Lateinamerikas zum Ausdruck: „Wir, Indios, brauchen Land, wir brauchen ein Zuhause und Essen. Und wir brauchen Respekt. Respekt als Indios. Wir sind arm und ausgebeutet, ja, aber bevor wir arm und ausgebeutet sind, sind wir Indios und Indias. Wir haben eine Sprache, wir haben eine Geschichte, wir haben eine indigene Nation. Wir müssen unser Land zurückgewinnen und unsere indigene Kraft zurückerlangen.“ Durch Organisierung, Streiks und Märsche erschütterten Dolores und Tránsito die Legitimität des Haciendasystems, bereiteten die Grundlage für spätere Landreformen und erkämpften damit für zahlreiche Indigene Familien das Recht auf eigenes Land.

Die Verschränkung von Gender mit rassistischen, kolonialen und klassistischen Strukturen wird anhand des Wahlrechts in Ecuador deutlich: Zwar führte das Land 1924 als eines der ersten in der Region das Frauenwahlrecht ein, doch politische Teilhabe blieb bis 1979 an Alphabetisierung gebunden. Der systematische Ausschluss Indigener, afroecuadorianischer und armer Bevölkerungsgruppen aus Bildung und Politik legitimierte ihre Entrechtung und festigte rassistische wie klassistische Herrschaftsverhältnisse. Trotz formaler Gleichstellung blieb politische Teilhabe so für die Mehrheit Indigener Frauen faktisch unerreichbar.

Feminismus ohne Klasse und Rassismus zu besprechen bringt nichts


In den 1940er- und 1950er-Jahren gründeten Dolores und Tránsito daher gemeinsam mit anderen Frauen zweisprachige Schulen mit Unterricht auf Spanisch und Kichwa. Alphabetisierung wurde bei ihnen zu einem politischen Instrument: Die Schulen richteten sich gegen die ökonomische Ausbeutung im Haciendasystem, schufen Räume für Indigene Sprache, Identität und kollektives Wissen und wirkten zugleich genderspezifischer Marginalisierung entgegen, indem Frauen Bildung organisierten und vermittelten. Bildung wurde so zu einem Akt des Widerstands gegen eine koloniale Ordnung, die auf Unsichtbarmachung, Abhängigkeit und sprachlicher Assimilation beruhte.
Dolores und Tránsito kämpften für Bildung für Mädchen und Frauen, für Löhne für Frauenarbeit und für die Begrenzung der Arbeitszeiten. Zugleich organisierten sie Frauen in politischen Zusammenschlüssen wie der Alianza Femenina Ecuatoriana (Ecuadorianische Frauenallianz), einer Organisation, die Arbeiterinnen, Lehrerinnen, Intellektuelle, Bäuerinnen und Indigene zusammenbrachte und gemeinsame politische, wirtschaftliche und soziale Forderungen formulierte. Mama Dulu und Mama Tránsito durchbrachen damit koloniale wie patriarchale Machtordnungen. Macht sie das zu Feministinnen – und ist diese Zuschreibung überhaupt entscheidend?

Indigene Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen weisen darauf hin, dass Begriffe wie Gender als akademische Analysekategorien entstanden sind und nicht ohne Weiteres auf Indigene Kontexte übertragbar sind. Während im europäischen Denken häufig das Individuum im Zentrum steht, versteht sich der Mensch in vielen andinen Gemeinschaften primär als Teil eines Kollektivs, in enger Beziehung zu Land, Territorium und Natur. Auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern wird hier nicht als Gegensatz, sondern als komplementär gedacht, etwa im Konzept warmi-kari (Frau-Mann im ecuadorianischen Kichwa), das eine Vorstellung von wechselseitiger Abhängigkeit und Balance beschreibt.

Druck von Ivonne Tran @yvithaod

„Bevor wir arm und ausgebeutet sind, sind wir Indios und Indias“


Indigene Aktivist*innen verurteilen patriarchale Strukturen, genderspezifische Gewalt und mangelnde Repräsentation von Frauen innerhalb Indigener Organisationen und Gemeinschaften. Gleichzeitig kritisieren sie den urbanen, weißen Blick vieler feministischen Strömungen, der individuelle Rechte betont und dabei Indigene Lebensrealitäten, kollektive Ansprüche sowie das Zusammenspiel von Gender, Rassismus und Klassismus ausblendet. Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña verbanden diese Kämpfe: Sie setzten sich zugleich für Landreformen, Indigene Rechte, Frauenrechte sowie Gleichheit und Gerechtigkeit ein. Entscheidend war dabei nicht der Anspruch einzelner Gruppen, sondern der gemeinsame Kampf um Anerkennung und Rechte für diejenigen, die von der bestehenden Ordnung ausgeschlossen waren: „Zuerst das Volk. Zuerst die Landbevölkerung, die Indios und Indias, die Schwarzen und die Mulatt*innen. Alle sind Gefährt*innen. Für alle haben wir gekämpft.“

Ich verstehe dieses politische Handeln daher als intersektional – nicht als Addition einzelner Diskriminierungen, sondern als Kampf gegen ein Machtgefüge, in dem Rassismus, Klasse und Gender untrennbar miteinander verbunden sind. Wer Land besitzt, wer arbeiten muss, wer sprechen darf und wessen Wissen zählt, ist Teil derselben Ordnung. Die Kämpfe von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña zeigen, dass sich Gendergerechtigkeit nicht vom Kampf um Land, Sprache und kollektive Rechte trennen lässt. Sie leben heute nicht nur als nationale Symbolfiguren – etwa auf dem ecuadorianischen Reisepass – weiter, sondern als politische Bezugspunkte für die bis heute kraftvollen Indigenen, feministischen und sozialen Bewegungen.

Vielleicht zeigen ihre Geschichten vor allem eines: Weder Feminismen noch Intersektionalität sind feststehende Wahrheiten. Sie sind Begriffe in Bewegung. Sie verändern sich, je nachdem, wer sie benutzt, in welchem Kontext und mit welchem politischen Ziel. Wenn wir also fragen „Was sind Feminismen?“, dann geht es darum, wessen Erfahrungen zählen, wessen Kämpfe sichtbar werden – und ob wir bereit sind, unseren eigenen, oft eurozentrisch geprägten Blick zu erweitern. Denn diese Frage lässt sich nicht losgelöst von Kontext, Macht und Position beantworten. Es bedeutet auch den eigenen feministischen Blick zu hinterfragen: Woher kommt mein Feminismus? Welche Geschichten kenne ich – und welche nicht? Die Biografien von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña laden dazu ein, Feminismen zu öffnen, als Begriff in Bewegung. Feminismen sind nur dann solidarisch, wenn sie koloniale und rassistische Machtverhältnisse nicht ausblenden, sondern zum Ausgangspunkt politischer Selbstkritik machen.


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Zwei Schritte vor, einen zurück

“Las Jacarandas” Die Pflanze zum 8.März (Druck von Luisa Rojas Monroy)

Während des Wahlkampfs 2022 wurde der heutige kolumbianische Präsident Gustavo Petro zu einer Veranstaltung namens „Feministische Debatte Kolumbien 2022“ eingeladen. Mehr als 36 Organisationen und Medien richteten die Diskussion aus, auf der sich über die Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen ausgetauscht wurde. Petro äußerte sich dort positiv zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, zum Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie zur Bedeutung von Bildungsarbeit mit Geschlechterperspektive. Er war der einzige Präsidentschaftskandidat, der an der Debatte teilnahm, da sein Kontrahent Rodolfo Hernández die Einladung ablehnte. Damit machte der progressive Politiker die Unterstützung feministischer Bewegungen durch sein linkes Bündnis Pacto Histórico stark.

Nach seiner Wahl begann Petro mit der Einbringung eines Gesetzesentwurfs zur Schaffung des Ministeriums für Gleichstellung und Gerechtigkeit, der im Januar 2023 verabschiedet wurde. Im Juli desselben Jahres trat Vizepräsidentin Francia Márquez ihr Amt als Ministerin für Gleichstellung und Gerechtigkeit an. Von der angekündigten legislativen Agenda mit Geschlechterperspektive wurden einige Maßnahmen umgesetzt, darunter die stärkere Einbindung dieser Perspektive in die Übergangsjustiz des Friedensprozesses mit der FARC-Guerilla. Dabei wurden die Ziele der UN-Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit mit konkreten Maßnahmen verbunden, etwa durch Schulungsprogramme für Frauen in politischen Führungspositionen, Konfliktlösung und technischen Kompetenzen für öffentliche Auftragsvergabe in verschiedenen Bereichen.

Darüber hinaus wurden Kampagnen zur Erkennung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gestartet sowie technische Unterstützung zur Einrichtung des Bereichs Frauen, Frieden und Sicherheit in regionalen Gender-Beobachtungsstellen geleistet. Weitere konkrete Maßnahmen waren die Aufnahme eines landesweiten Systems zur Überwachung geschlechtsspezifischer Gewalt in den Nationalen Entwicklungsplan sowie die Verankerung einer Geschlechterperspektive in der Arbeitsmarktreform, die diskriminierende Praktiken gegenüber Frauen im Arbeitskontext sanktioniert. Diese Maßnahmen zeigen: Es gab konkrete Versuche der Regierung Petro, Wahlversprechen einzulösen und eine geschlechterpolitische Agenda umzusetzen, die die spezifischen Probleme von Frauen anerkennt und adressiert.

Feministischer Fortschritt oder Männerbünde?


Gleichzeitig haben regierungsinterne Spannungen das Bild des Präsidenten als feministischer Verbündeter geschwächt. Innerhalb des Ministerkabinetts des Pacto Histórico wächst die Unzufriedenheit über Petros Nähe zu Männern, denen geschlechtsspezifische Gewalt vorgeworfen wird, darunter Hollman Morris, Daniel Mendoza und Armando Benedetti. Letzterer wurde 2025 trotz vier Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zum Stabschef ernannt. In Reaktion auf Fragen zu derlei Regierungsnominierungen erklärte Petro kürzlich in einem Interview, es gebe „Feminismen, die Männer zer­stören“, er glaube an zweite Chancen und könne eine Regierung nicht allein auf Überzeugungen aufbauen. Politikerinnen wie die frühere Umweltministerin Susana Muhamad, Francia Márquez und weitere Regierungsmitglieder wiesen diesen männerbünd­le­rischen Zusammenhalt zurück. Eine Regierung, die Geschlechtergerechtigkeit zur Priorität mache, dürfe Gewalt nicht verharmlosen. Darüber hinaus kritisieren Teile der feministischen Bewegung, dass die Initiativen der Regierung keinen echten inklusiven Ansatz und weder grundlegendes Umdenken noch systemischen Wandel erkennen ließen. Beatriz Quintero, Mitbegründerin des landesweiten Frauennetzwerks Red Nacional de Mujeres erklärte im Gespräch mit dem Onlinemedium Vorágine, es fehle im Regierungshandeln an politischem Willen zur Verteidigung der Frauenrechte. Dies zeige sich insbesondere darin, dass bei Haushaltskürzungen Programme für Frauen zuerst gekürzt würden, da sie nicht als grundlegend angesehen würden.

Auch die Zahlen trugen nicht dazu bei, Vertrauen in die Wirksamkeit der Maßnahmen zu schaffen: 2024 stieg die Zahl der Feminizide auf 872, und zwischen Januar und November 2025 wurden 62 Fälle registriert. Dies stellt sogar einen Rückschritt gegenüber dem Jahr vor Beginn von Petros Amtszeit dar, als 619 Fälle verzeichnet wurden. Zudem wurde für 2024 geschätzt, dass 78 Prozent der Fälle von sexualisierter Gewalt und häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Ermittlungsphase verharren, während nur drei Prozent zu einer Verurteilung führen. Ergänzend dazu erklärte Francia Márquez nach Monaten der Arbeit selbst frustriert, dass das Ministerium für Gleichstellung und Gerechtigkeit keine reale Umsetzungskapazität besitze und daher nicht in der Lage sei, wirksame Lösungen für besonders ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen anzubieten, siehe LN 615/616 und LN 600.

Weniger kontrovers scheint es im Fall Mexikos zuzugehen. Die Wahl der ersten Präsidentin des Landes stellte an sich einen historischen Meilenstein für Inklusion und neue politische Praktiken dar. Doch das spiegelt sich nicht automatisch in der Stärkung der Repräsentation und des Schutzes der Rechte von Frauen wider. Eine der ersten Maßnahmen von Claudia Sheinbaum war im Jahr 2024 die Umwandlung des Nationalen Fraueninstituts in ein Ministerium. Dies bringt verstärkte Ressourcen und Autonomie bei der Entscheidungsfindung mit sich und verdeutlicht, dass Geschlechtergerechtigkeit durchaus ein Fokusthema der Präsidentin ist. Zu den Erfolgen der Umstrukturierung zählen landesweite Programme und Aktivitäten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Zusammenarbeit mit den Frauenstellen der Bundesstaaten. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt treibt das Frauenministerium im Parlament die Vereinheitlichung des Straftatbestands des sexuellen Missbrauchs voran, damit dieser in allen 32 Bundesstaaten einheitlich definiert und bestraft wird. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt in der Prävention von Gewalt im schulischen Umfeld, unter anderem durch die Erklärung der Nulltoleranz gegenüber Gewalt sowie durch die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium.

Druck von Maja

Klarere Gesetze – unklare Maßnahmen


In Mexiko wurde in den vergangenen Jahren ein stärkeres institutionelles Instrumentarium geschaffen, das in der Lage ist, Initiativen und Programme zu entwerfen und umzusetzen, die zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen beitragen können. Doch eine Ausweitung institutioneller Kapazitäten führt nicht unmittelbar zu messbaren Ergebnissen. Die Verschiebung des politischen Diskurses erreicht häufig nicht die Bevölkerungsgruppen nicht, die am stärksten unter geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung leiden. So wird beispielsweise die Verteilung von 27 Millionen Broschüren zu Frauenrechten von Regierungsseite als Erfolg dargestellt. Ohne eine kontinuierliche und solide Bildungsarbeit, die zur Verinnerlichung dieser Rechte beiträgt, besteht jedoch die Gefahr, dass diese Maßnahme wirkungslos bleibt.

Entsprechende Kritik kam auch während der Anhörung Mexikos vor der Konvention für die Beendigung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen der Vereinten Nationen (CEDAW) im Juni 2025 in der Schweiz auf: Es gäbe nur wenig klar belegte Beweise dafür, dass die politische und soziale Transformation des Landes seit dem Amtsantritt der progressiven Regierung von Andrés Manuel López Obrador 2018 die Lebensqualität von Frauen konkret beeinflusst habe. Die Berichterstatterin der Sitzung forderte Nachweise über die Wirkung landesweiter Programme sowie konkrete Daten zu Koordination, Monitoring, Evaluation und interinstitutioneller Zusammenarbeit. Als Antwort erklärte die mexikanische Delegation, dass es an technischen, personellen und finanziellen Ressourcen mangele.
Auch wenn die progressiven Regierungen von Mexiko und Kolumbien guten Willen zeigen: Die strukturellen Probleme von Frauen und Mädchen konnten in beiden Ländern nicht innerhalb einer oder zweier Regierungsperioden gelöst werden. Dennoch gibt es durch die stärkere Orientierung an Frauenrechten und feministischen Initiativen durchaus Erfolge zu verzeichnen: Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Diskriminierung am Arbeitsplatz und politische Teilhabe von Frauen wurden in den vergangenen Jahren sichtbarer und klarer priorisiert, was letztendlich vor allem dem Druck der feministischen Bewegungen auf den Straßen zu verdanken ist.

Neben dieser symbolischen Anerkennung, die in sich schon Wirkung entfaltet, indem sie patriarchale kulturelle Muster offen infragestellt, wurden die Institutionen erweitert und gestärkt. Gleichzeitig sind diese Institutionen mit operativen Problemen konfrontiert: In Kolumbien mit der komplexen Verwaltungsstruktur und Haushaltskürzungen, in Mexiko mit der Entwicklung ergebnisorientierter Maßnahmen. Die feministische Zivilgesellschaft muss daher die Regierungspolitik kontinuierlich begleiten und zielorientierte, effektive Maßnahmen einfordern. Dafür müssen Beteiligungskanäle geöffnet werden, die in konkrete Handlungswege münden.

In Kolumbien sind die Kontroversen um Petros Äußerungen bislang im Medienrummel verharrt. Es ist jedoch notwendig, solche Auseinandersetzungen zu nutzen, um staatliche Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen zu verbessern. Es bleibt ein weiter Weg zu gehen. Die Erfahrungen beider Regierungen zeigen vor allem die zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit. Das bedeutet nicht, dass sie gescheitert sind: Stattdessen sollten sie einen offenen Prozess einläuten, in dem der Dialog eine zentrale Rolle spielt, um die gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen.


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Wo der Staat nicht hinschaut

“Verbundheit pflegen” Komplizinnen fand Nadia zunächst im Internet (Druck von Bianca @i_multipli)

Migration nach Europa wird oft als Umzug an einen sicheren Ort wahrgenommen. Für tausende lateinamerikanische Frauen kann die Ankunft in Europa einen Schritt in Richtung wirtschaftlicher und persönlicher Freiheit bedeuten. Für viele Frauen führt Migration jedoch auch zu Verletzlichkeit und Isolation angesichts von Gewaltsituationen. In manchen Fällen nutzen Täter dies aus, um Frauen in einem Zustand des Ausgeliefertseins zu halten.
So war es bei Nadia (einige Namen wurden geändert, um die Identität und Sicherheit der befragten Frauen zu schützen, Anm. d. Autorin), die vor mehr als sieben Jahren nach Berlin auswanderte, um einen Deutschen zu heiraten, den sie übers Internet kennengelernt hatte. Sie verließ ihr Heimatland Peru in der Hoffnung, eine Familie zu gründen und kannte niemanden außer ihrem Partner. Kurz nach ihrer Ankunft begann sie zu arbeiten und Deutsch zu lernen. Für Freundschaften blieb nicht viel Zeit, und sie begann sich einsam zu fühlen. „Am Anfang war mein Partner sehr liebevoll, sehr aufmerksam, das war, was ich suchte”, erklärt Nadia. Aber bald zeigte ihr damaliger Mann ein Verhalten, das Nadia als aggressiv beschreibt. Er beschuldigte sie für alles Mögliche. Wenn sie diskutierten, schrie er sie an, entschuldigte sich dann und sagte, er würde sich ändern, aber nichts änderte sich. Der verbale Missbrauch verletzte Nadia so sehr, dass sie sich „dumm, unzulänglich und schuldig” für ihre Situation fühlte. Nach vier Jahren Ehe bekamen sie ihren Sohn. Obwohl Nadia in vielen Momenten überlegte, ihren Mann zu verlassen oder in ihr Land zurückzukehren, tat sie es nicht, aus Angst, dass er ihr den Sohn wegnehmen würde. Dies änderte sich erst, als die psychologische Gewalt in physischer Gewalt eskalierte.

Damals dachte Nadia, Grund seien ein kultureller Unterschied oder „Beziehungsprobleme”. Erst als sie professionelle Hilfe erhielt, verstand sie, dass das, was sie erlebte, Gewalt war. Laut Andrea Galán Santamarina, Gesundheitspsychologin spezialisiert auf geschlechtsspezifische Gewalt, „ist psychologische Gewalt sehr schwer zu erkennen, weil sie unsichtbare Spuren hinterlässt. Oftmals führt diese Unsichtbarkeit von psychologischer, emotionaler oder verbaler Gewalt dazu, dass man sich fragt, ob man sich wirklich so schlecht fühle oder ob man übertreibe”.
Für Frauen mit Migrationserfahrung kann es noch schwieriger sein, die Gewalttaten zu erkennen die sie erleben, weil sie in ihren Herkunftsländern teilweise als normal angesehen werden. „Von diesem Standpunkt aus sehen viele nicht, dass Gewalttaten zur Anzeige gebracht werden können, weil niemand – weder im Familien- noch im Gemeinschaftskontext – das so wahrgenommen hat. Und in einem Land mit einem anderen Kontext siehst du es oft auch nicht sofort” fügt Galán hinzu.

Nadia fand auf Facebook Gruppen wie HispaMamis Alemania oder Latinas en Alemania, wo sie sich mit anderen Frauen, Müttern, Migrantinnen und Lateinamerikanerinnen wie sie selbst austauschen konnte. Bei einem dieser persönlichen Treffen, die von diesen Gruppen organisiert wurden, erhielt sie den Kontakt einer kolumbianischen Psychologin, die ihr psychologische Hilfe auf Spanisch gab. Schließlich erhielt sie Beratung und Begleitung, die ihr die notwendigen Informationen gab, um die physische Gewalt, die sie von ihrem Ex-Partner erlitt, anzeigen zu können, und das Sorgerecht für ihren Sohn nach der Trennung zu behalten. „Dass ich da bin, wo ich bin, verdanke ich all den Menschen, die mir geholfen haben. Wenn es diese Organisationen nicht geben würde, wäre ich nicht aus diesem Haus gekommen”, bekräftigt Nadia. Sie baute sich ein Unterstützungsnetzwerk mit Menschen auf, das sie bei diesem Prozess begleitete und ihr half, aus dem Gewaltkreislauf auszubrechen, dem sie ihr Ex-Partner unterwarf.

Druck von Silvana Hastamorir Torres, Colombia

Facebookgruppen füllen die Lücken staatlicher Hilfsangebote


HispaMamis und Latinas en Alemania sind nur zwei der mehr als 130 Netzwerke, die in der grenzüberschreitenden Forschung „Bien Acompañadas” identifiziert wurden. Diese Netzwerke bieten Unterstützung für lateinamerikanische Frauen in fünf europäischen Ländern: Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien und dem Vereinigten Königreich. Darunter befinden sich Organisationen, Verbände, Frauenhäuser und Gruppen in sozialen Netzwerken für migrantische Frauen. Die meisten dieser Netzwerke wurden von lateinamerikanischen Frauen für Lateinamerikanerinnen gegründet, mit dem Ziel, die Gemeinschaft zu organisieren, ihr zu helfen und sie zu begleiten. Unter den Social-Media-Gruppen gibt es private Facebook-Gruppen, bei denen man einen strengen Fragebogen ausfüllen muss, um Mitglied zu sein. Dies geschieht, um die Sicherheit und Identität der Frauen, die diese Gruppen bilden, zu schützen. Dort werden nicht nur grundlegende Informationen geteilt, zum Beispiel, wie man eine*n spanischsprechenden Ärzt*in findet. Die Gruppen sind auch zu Räumen geworden, wo Frauen Fälle von Gewalt melden und ihre eigenen Erfahrungen teilen. Es wird nach Hilfe oder Informationen gesucht, wie man eine Anzeige erstattet, es werden Kontakte von Anwälti*nnen, Übersetzer*innen und sogar Frauenhäusern gesucht. Die Antworten kommen von den migrantischen Frauen selbst, die in vielen Fällen auch Gewalt erlebt haben. Diese Netzwerke bieten nicht nur emotionale Unterstützung.

In vielen Fällen sind sie die einzige Verbindung zu staatlicher Hilfe, besonders in Ländern, wo eine andere Sprache dominiert oder die Bürokratie schwer zu verstehen ist. Einige der Frauen, die heute diese Netzwerke leiten, brauchten selbst Hilfe, als sie in das Aufnahmeland kamen. Edith Espínola ist eine 46-jährige Paraguayerin, die vor etwa 16 Jahren nach Spanien auswanderte. In Paraguay hatte Edith ein eigenes Haus, ein Auto, Freund*innen und eine stabile Arbeit als Assistentin in einem Unternehmen, das mit Büromaterial handelte. Für ihre Migration musste sie ihren Sohn zurücklassen und begann als Hausangestellte zu arbeiten, da sie anfangs keine Alternative hatte. Die universitäre Ausbildung aus ihrem Land wurde in Spanien nicht anerkannt. Bis heute überrascht sie das. „Weil es diesen Rassismus gibt. Als ob Menschen, die in anderen Ländern studieren, nicht das gleiche Wissensniveau hätten”, sagt sie.

Prekarisierung bis in den Kleiderschrank


Die ersten vier Jahre im Land hatte sie keine Aufenthaltserlaubnis und verdiente unter dem Mindestlohn. Anfangs arbeitete sie für eine junge Familie, die freundlich zu sein schien, mit einem wenige Monate alten Baby und einem weiteren auf dem Weg. Ihr Vertrag war mündlich, es gab kein offizielles Dokument, das Arbeitszeiten oder Aufgaben festlegte. Ihre Arbeitsbelastung nahm zu, da sie Aufgaben übernahm, die sonst die Eltern tun würden. Sie hatte auch nicht viele freie Tage. Später arbeitete sie in einem großen Haus als Hausangestellte und lebte gleichzeitig dort. Sie schlief im Keller wie auch viele andere Hausangestellte. Sie hatte keinen eigenen Raum oder einen ihren Bedürfnissen angepassten Platz. Ihr Kleiderschrank war nicht nur klein, sondern sie teilte ihn auch mit der Sportkleidung der Familie.
Edith konnte eine formelle Aufenthaltserlaubnis erhalten, nachdem sie mehrere Jobs und die erforderliche Zeit angesammelt hatte. Nach Angaben von Intermón Oxfam arbeiten mindestens 38.143 Frauen in Spanien als Hausangestellte, und 69 % von ihnen haben eine ausländische oder eine doppelte Nationalität.

Die Arbeit als Hausangestellte versetzt Frauen oft in eine Situation der Verletzlichkeit. Hinter verschlossenen Türen gibt es keine Arbeitskontrollen, keinen Vertrag, keine Sozialversicherung oder Privatsphäre. Es gibt auch keine Zeug*innen. Dies führt dazu, dass psychologische, physische oder sexuelle Gewalt straffrei bleibt. „Es gibt Kolleginnen, die sich nachts mit Schloss in ihren Zimmern einsperren, weil ein Arbeitgeber sie sexuell belästigt. Aber da sie gerade versuchen, ihre Papiere zu bekommen, ertragen sie es, weil er ihnen versprochen hat, dass er dabei hilft”, sagt Edith. Trotz dieser Risiken entscheiden sich viele Frauen dafür, als Hausangestellte zu arbeiten, wenn sie keine sichereren Alternativen sehen. Heute arbeitet Edith als Direktorin des Zentrums zur Stärkung von Hausangestellten und Pflegekräften (CETHYC) und ist Sprecherin der Organisation Servicio Doméstico Activo (SEDOAC). In diesen Räumen helfen und begleiten sie migrantische Frauen, Lateinamerikanerinnen und Hausangestellte. Viele von ihnen haben kein Unterstützungsnetzwerk oder keine spanische Staatsbürgerschaft. Andere haben keinen Arbeitsvertrag, keine Arbeits­kolleg*innen und kennen die Stadt kaum. Organisationen wie CETHYC oder SEDOAC schaffen Räume, um Erfahrungen zu teilen und Fragen zu beantworten. Es wird psychologische und juristische Hilfe gewährt, Vorträge, Mobilisierungen und Workshops zu Arbeitsrechten und Ausländerrecht organisiert.

Die Gewalt, die sie und Nadia erlebt haben, ist kein Einzelfall. Zwischen 2022 und 2023 stieg die häusliche Gewalt laut Human Rights Watch in Deutschland um 6,5 Prozent. In Frankreich stieg sie laut dem Jahresbericht des Statistischen Ministerialdienstes für Innere Sicherheit (SSMSI) um 10 Prozent. In Spanien zeigen Daten der Statistik zu häuslicher Gewalt und Geschlechtergewalt (EVDVG) eine Zunahme um 12 Prozent. Die Dunkelziffer bei Übergriffen ist insbesondere bei migrantischen Betroffenen hoch: Viele Frauen wollen sich den Behörden nicht durch eine Anzeige sichtbar machen, aus Angst vor Abschiebung und fehlendem echten Schutz.

Gemeinsam kämpfen gegen Partnergewalt Lateinamerikanische Frauen stärken sich den Rücken (Druck von Anthea)

Europäische Statistiken und Gesetze völlig unzulänglich


Europäische Statistiken sind außerdem unvollständig, weil die Definition von geschlechtsspezifischer Gewalt nicht einheitlich ist. Dadurch, dass nicht zwischen häuslicher Gewalt und geschlechtsspezifischer Gewalt unterschieden wird, werden die Machtungleichgewichte, die speziell Frauen und Mädchen betreffen, unsichtbar gemacht. Die fehlende Definition und unzulängliche demografische Daten über Opfer und Täter machen geschlechtsspezifische Gewalt zu einem Phänomen, das schwer zu messen ist. Dies erschwert die Entwicklung echter öffentlicher Richtlinien und Präventionsprogramme, die diejenigen erreichen könnten, die sie am meisten brauchen.
Im Bereich der Migration verfehlen Länder wie Spanien, Belgien und Großbritannien die Anwendung des Istanbuler Protokolls, was Betroffene von Gewalt ohne Aufenthaltserlaubnis der Abschiebung aussetzt, wenn sie es wagen, Anzeige zu erstatten. Andererseits zeigen Deutschland und Frankreich fragmentierte Protokolle und Sprachbarrieren, die den Zugang zu Justiz blockieren.

Für Nadia waren die Unterstützungsnetzwerke, die sie auf ihrem Weg fand, der ausschlaggebende Faktor, der ihr dabei half zu erkennen, dass das, was sie erlebte, psychologische Gewalt war. Diese Gruppen ermutigten sie, Anzeige zu erstatten, als die Gewalt sich auf physische Gewalt ausweitete, und trugen dazu bei, dass sie aus der Situation ausbrechen konnte. In vielen Fällen sind die Frauen, die solche Räume ins Leben rufen und zentrale Rollen darin einnehmen, jene, die selbst Gewaltsituationen erlebt haben, wie es das Beispiel von Edith zeigt. Ihre Geschichten verdeutlichen, dass derartige Netzwerke oft eine wichtige Rolle für die Integration und vor allem für den Schutz der migrantischen Gemeinschaften spielen – auch, wenn es natürlich nicht ihr ursprüngliches Ziel war, die Versäumnisse staatlicher Institutionen auszugleichen. Sie zeigen auch: Unabhängig von den finanziellen Mitteln, dem Alter, der Sprache oder dem Land, entscheiden sich Migrantinnen dafür, sich gegenseitig zu unterstützen.


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„Ich singe nicht bloß, um zu singen“

Foto: Anastasia Coyto @anastasiacoytophoto

„Wir erleben Musik durch den Körper, in Begegnung mit anderen Körpern, und das hat eine ungeheure Kraft: die Kraft zu spüren, dass wir, die singen, und jene, die zuhören, unbesiegbar sind“, sagt Carolina Riaño an einem Donnerstag im Februar mit einem heiteren, einem unbesiegbaren Lächeln, im Interview. „Außerdem“, fügt sie hinzu, „hört das Publikum nicht nur zu, sondern wird auf gewisse Weise selbst Teil der musikalischen Erfahrung“. Zwei Tage später verstehe ich besser, was sie damit meint.

Der Club Lark in Berlin-Mitte ist am Abend des übernächsten Tages bis zum Rand mit Menschen voll. Ein dichtes Gewebe aus Gesprächen liegt über dem Raum, ein stetiges Murmeln. Doch von dem laut durcheinandersprechenden Stimmenmeer hebt sich etwas ab: Lärm verwandelt sich in Musik, der Chor erhebt sich und beginnt zu singen und tanzen. Die Stimmen von dreißig Frauen werden gemeinsam zu einer und durchdringen das Publikum mit den vollen Klängen ihres Gesangs. Der Raum füllt sich mit einer anderen Sprache, die zwar auch Wörter nutzt, aber doch auf einer anderen Ebene wirkt und Gemeinsamkeit schafft. Die Sängerinnen und Zuhörenden werden zu einer Einheit, getragen vom Rhythmus der Perkussionsinstrumente und der mal sanften und ruhigen, mal intensiven Klangfarben von Canto Diáspora. „Yo no sé si fue el destino, lo que me trajo hasta aquí; habitando mis mundos, resguardando la raíz (dt.: Ich weiß nicht, ob es das Schicksal war, das mich hierhergeführt hat, zwischen meinen beiden Welten lebend, die Wurzel behütend)“, singen die Frauen. Für ungefähr eine Stunde fühlen wir uns alle voller Freude und unbesiegbar, so, wie Carolina es einige Tage zuvor schilderte.

Ein Chor als Gemeinschaft, die trägt


Canto Diáspora wurde 2022 als Frauenchor in Berlin unter der Leitung der in Berlin lebenden kolumbianischen Musikerin, Komponistin und Sängerin Carolina Riaño gegründet. Was zunächst als Workshop begann, als Projekt für Frauen ohne musikalische Vorkenntnisse, wuchs mit der Zeit über sich hinaus und wurde zu einem migrantischen Empowerment-Projekt mit eigener Stimme. „Der Gedanke war zunächst, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen es wagen, ihre Stimme zu erheben. Denn singen heißt, die Stimme zu erheben und auszudrücken, was uns bewegt“, so Riaño. Nach den ersten Auftritten bemerkten sie jedoch, wie tief, intensiv und partizipativ die Verbindung zum Publikum war. Ihre Darbietungen waren nie als bloße unterhaltende Performance gedacht. Auf der Bühne weitet sich die Verbindung, die der Chor untereinander lebt, auf die Zuhörenden aus: als Frauen, als Migrantinnen, als Gemeinschaft.

Auch für die Sängerinnen geht das Singen weit über das Bühnengeschehen hinaus. „Canto Diáspora ist eine Oase, ein Ort der Freude und der Heiterkeit, an dem Schwesternsolidarität, Freiheit und Genuss gelebt werden“, sagt Ana María, Philosophin und Mitglied des Ensembles. „Es ist ein Raum der fürsorglichen Praktiken im kollektiven Arbeiten, für Kollegialität und Respekt in einem schönen und vielfältigen Netz von Frauen unterschiedlicher Herkunft, Lebensgeschichten und Altersgruppen“, ergänzt Betina, Musikpädagogin und Chormitglied. Im Projekt kreuzen sich Migrationsgeschichten. Die Mtiglieder treffen sich nicht nur zum Proben, sondern finden hier auch einen Ort des Austauschs und der kollektiven Katharsis.

Druck von Anna @anna-scine inspiriert von Tupoka Ogettes Exit Racism

Lieder aus dem Alltag


Das Kollektive zeigt sich nicht nur in den Auftritten, sondern auch in der Liedauswahl selbst. Die Interpretationen von Canto Diáspora – in Text wie Musik – basieren auf populären Versen der lateinamerikanischen mündlichen Tradition, auf sogenannten músicas de labor (dt.: Lieder des Alltagswerks), traditioneller Musik, die mit den alltäglichen Verrichtungen verbunden ist: Die Frauen singen Lieder, die in der Küche, auf dem Feld, in den elementarsten Tätigkeiten entstanden sind. Und gerade dort offenbart sich Entscheidendes: Das Repertoire ist eng mit jenen alltäglichen Aufgaben verbunden, die unser aller Lebensgrundlage darstellen. Die Werke kommen aus sozialen, historischen und kulturellen Kontexten, in denen Musik nicht als Darbietung von Expert*innen oder Konsumgut für ein elitäres Publikum verstanden wird. Die traditionellen Lieder sprechen vom Alltag, vom Leben, sie sind Teil gelebter Gemeinschaft. Das Gemeinschaftliche ist ihnen eingeschrieben.

Das spürt auch das Publikum bei den Konzerten des Chors. Es wird vom Herzschlag der Perkussion ergriffen, von dieser unerwarteten Einladung, Teil von etwas zu werden. Der Rhythmus trägt selbst jene Körper, die es nicht gewohnt sind, sich viel zu Musik zu bewegen. Alle fühlen die Musik bis in die Knochen und tanzen wie verrückt. Für ein paar Stunden drücken wir uns nur mit unseren Körpern aus, begegnen uns und verstehen uns auf einer Sprache, die alle sprechen. „Zu Canto Diáspora zu gehören heißt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Teil eines Netzes der Unterstützung, in dem ich mich begleitet und gehalten fühle“, sagt Bea. Für die Zeit des Konzerts sind auch die Zuhörenden Teil dieser Gemeinschaft.
Die dreißig Frauen von Canto Diáspora erzählen mit ihrem Gesang poetische, manchmal harte, aber doch immer wahre Geschichten vom wirklichen Leben: “Brisa que lleva el viento, agua que no se deja coger. Riega todos los campos, y en mi casa no hay qué comer (dt.: Brise, die der Wind verweht, Wasser, das man nicht fassen kann. Es tränkt alle Felder, doch bei mir zu Hause gibt es nichts zu essen). Ein besonders prägender Aspekt der Auftritte von Canto Diáspora ist ihre Verbindung zum Politischen und zu feministischen Perspektiven. Für die Chorleiterin wie für die Chor-Sängerinnen ist dies von zentraler Bedeutung; es prägt ihre künstlerische Persönlichkeit ebenso wie ihr gesellschaftliches Engagement.

„Gemeinsam zu singen ist politisch“, sagt Ana María, „weil es uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Die Kraft unserer Stimmen spiegelt die immense Macht wider, die entsteht, wenn wir uns vereinen. Wenn Canto Diáspora singt, hört man keinen Chor, man hört ein Kollektiv, das aus der Freude heraus Widerstand leistet: gegen kulturelle Homogenisierung, gegen soziale Fragmentierung“. Für viele migrantische Frauen in Deutschland ist das ein täglicher Kampf: gegen Stereotype, gegen das beharrliche Einordnen in dienende Rollen. Singen ist für sie ein politischer Akt, weil es bedeutet, einen Platz in der gesellschaftlichen Vorstellungskraft einzunehmen, der Frauen, und insbesondere migrantischen Frauen, lange verwehrt wurde. „Beim Singen werden wir von exotisierten Musen und Kunstkonsumentinnen zu Schöpferinnen. Wir beanspruchen unsere Stimme und gemeinschaftliche künstlerische Praktiken zurück“, sagt Rocío, Sozialpädagogin und Mitglied des Ensembles, mit Nachdruck.

Druck von Selin Belen @selinsubelen


„Die eigene Stimme erheben“


In einem der ausgewählten Lieder heißt es passend dazu: „Yo no canto por cantar, ni por tener buena voz. Canto porque no estoy sola, y así se siente mejor“ (dt.: Ich singe nicht, um bloß zu singen, nicht, weil ich eine schöne Stimme habe. Ich singe, weil ich nicht allein bin, und gemeinsam fühlt es sich besser an). Diese Haltung spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Auftrittsorte wider.

Für die Chorleiterin ist es gleich bedeutsam, auf einer offiziellen Bühne zu stehen, in einem alternativen Kulturzentrum zu singen oder bei der Demo am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Gerade auf politischen Veranstaltungen und Kundgebungen ist die Verbindung zum Gemeinschaftlichen unmittelbar. „Traditionelle Musik, und die Musik, die wir machen, lässt sich nicht von gesellschaftlichen Ereignissen trennen“, sagt Riaño. Ihre Musik drückt genau diese unauslöschliche Verbindung aus. Deshalb ist sie eine engagierte Kunst, eine Kunst des Widerstands von migrantischen Frauen, gegen den Strich dessen, was die deutsche Gesellschaft ihnen zuschreibt. Trotz aller strukturellen Ungerechtigkeiten, die sie als Frauen täglich am eigenen Leib spüren, wollen die Mitglieder ihren tiefen Wunsch zu lachen, zu singen und so alternative gemeinschaftliche Räume zu schaffen, nicht aufgeben.

Für Bea, Pädagogin und Chormitglied, speist sich das Politische aus ihrer eigenen Migrationserfahrung. Eine Familie außerhalb ihres Herkunftslandes zu gründen und Migrantin zu sein, hat sie für Themen sensibilisiert, die ihrer Meinung nach verteidigt und sichtbar gemacht werden müssen: den Aufstieg rechter Bewegungen und die direkten Angriffe auf FLINTA* (Akronym für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen). Sie ist stolz, in einem Raum zu singen, der eine politische Dimension hat, in dem Geschlechterfragen und Rassismus thematisiert werden. „Für mich“, sagt Bea, „ist das Singen in solchen Momenten eine Art, politisch Position zu beziehen.“ Canto Diáspora ist eine Einladung, zu entdecken, beziehungsweise nicht zu vergessen, dass Migration eine eigene Stimme hat, dass politischer Gesang ein Genuss sein kann, dass Freude revolutionär ist, und dass wir gemeinsam unbesiegbar sind.


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Politischer Druck statt Leistungsdruck

Druck “Wir sind viele” von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor

Die Frauen kommen nach und nach an und setzen sich an lange Tische, die so aufgebaut sind, dass sich immer mehrere Personen gegenübersitzen oder nebeneinander Platz nehmen können. Frauen, die sich bereits kennen, begrüßen einander, andere werden willkommen geheißen und kommen heute zum ersten Mal ins Gespräch. Während sich alle nach und nach einrichten, werden die Materialien verteilt. Einige beginnen ein Projekt von Grund auf neu, andere bringen bereits eine Idee mit und fangen an zu zeichnen, wieder andere beenden Arbeiten aus früheren Sitzungen. Es gibt keine festen Zeiten oder Regeln: Jede entscheidet selbst, wann sie beginnt, wann sie aufhört und in welchem Rhythmus sie zwischen Arbeit und Gesprächen wechselt.

„Herzlich Willkommen zu der offenen Werkstatt Frauen Machen Druck.“ Die Gründerin der Gruppe, Yili Rojas, eröffnet den Raum, nachdem sich alle eingerichtet haben. In einer Namensrunde stellen sich alle mit ihren Pronomen und den Sprachen, die sie sprechen, vor. „Sodass ihr wisst, mit wem ihr euch auf welcher Sprache unterhalten und wen ihr etwas fragen könnt“, erklärt Rojas.
Viele der Anwesenden sitzen heute zum ersten Mal vor einer Linolplatte. Doch es gibt keinen streng angeleiteten Workshop, nur eine allgemeine Einführung und später Hinweise, je nachdem, was die jeweils verantwortliche Person an diesem Tag in den Arbeiten beobachtet. Perfektion wird nicht erwartet. Fast alles wird sich angeeignet, indem man andere fragt, zuschaut und voneinander lernt. So entsteht nach und nach eine Gemeinschaft von Frauen, die sich wöchentlich zum Drucken treffen – und zugleich ein Raum, der die Möglichkeit bietet, sich anderen Lebensgeschichten anzunähern und sich als migrantische Frauen zu positionieren, die Druck machen: nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch.

Bild ohne Name; Frauen machen Druck

„Ein Raum, wie ich ihn mir gewünscht hätte“


Yili Rojas, bildende Künstlerin und Wissensvermittlerin, die sich aufgrund ihrer Lebens- und Migrationsgeschichte keinem spezifischen Land zuordnet, sondern sich als „lateinamerikanisch“ versteht, rief die offene Werkstatt Frauen machen Druck 2021 ins Leben. Heute ist Frauen Machen Druck ein Netzwerk von etwa 190 Frauen, die meisten von ihnen Migrantinnen. Die Teilnahme ist kostenlos und offen für alle, die sich mit der Identität „Frauen“ in einem weiten Sinn identifizieren. Die Frauen im Raum sprechen unterschiedliche Sprachen, kommen aus verschiedenen sozioökonomischen Kontexten und gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, etwas das Rojas besonders wichtig ist, wie sie im Interview bekräftigt. Über die Jahre ist eine diverse Gruppe entstanden, die Frauen über Kunst, Gemeinschaft und einen Raum zusammenbringt, um das auszudrücken, was sie persönlich und politisch bewegt. Yili Rojas selbst lebt seit 15 Jahren in Berlin. Ein Teil der Inspiration für Frauen Machen Druck entstand aus ihrer eigenen Migrationserfahrung: „Wie hätte der Raum ausgesehen, den ich mir gewünscht habe, als ich migriert bin – und den ich damals nicht gefunden habe?“, fragte sie sich und ergänzt: „Ich habe migrantische Räume erlebt, die manchmal sehr feindlich waren.“

In den Sitzungen sind Solidarität und Ruhe deutlich spürbar. Es ist, als wäre man allein und gleichzeitig begleitet: Jede kann konzentriert und in Ruhe an ihrem Projekt arbeiten und ist zugleich Teil einer Gemeinschaft, die politisch handelt. Es gibt keine Hierarchien, keinen Leistungsdruck und keine Konkurrenz – nur einen schönen Raum, um gemeinsam zu sein.
Im Gespräch erklärt die Gründerin, dass der Druck auch als Anlass dient, um Mobilisierung zu organisieren und soziale sowie politische Themen aufzugreifen. Der Raum verknüpft weitere Initiativen wie Soli-Events, Druckaktionen und andere Projekte mit kritischem Fokus und politischem Anspruch. Aus Frauen Machen Druck als Basisplattform sind mehrere Aktivitäten hervorgegangen: das Projekt Frauen portraitieren Frauen, bei dem Drucke von palästin­ensischen Frauen entstanden, das Buch Die Goldene Eiche mit sechzehn inspirierenden Geschichten, geschrieben von Migrantinnen und von ihnen selbst mit der Linolschnitt-Technik illustriert, verschiedene Fundraising-Aktionen, Einladungen internationaler Künstlerinnen so wie mehrere Reisen nach Ägypten, Frankreich, Belgien, Brasilien und Mexiko. Zudem gibt es Raum für politische Bildung, etwa durch Formate, in denen Rassismus und andere kulturelle Probleme thematisiert werden, wie beim jährlichen Antirassismus-Workshop für weiße Frauen.

Für Rojas und andere Frauen, die schon lange Teil dieses Raums sind, ist es wichtig darauf zu achten, dass Frauen Machen Druck sich nicht schleichend in einen akademischen oder gentrifizierten Raum verwandelt, der Frauen mit wenig Ressourcen, familiären Belastungen oder geringeren Privilegien ausschließt. Deshalb liegt ein besonderer Fokus darauf, diese Vielfalt zu bewahren und den Raum als sicheren Ort zu erhalten. Hier kann Deutsch gesprochen werden, ohne Angst vor Fehlern. Mutterschaft kann gelebt werden, indem Kinder beim künstlerischen Arbeiten dabei sind. Vor allem aber bleibt dieser Raum eines: menschlich.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

Keine Hierarchien, kein Leistungsdruck und keine Konkurrenz


Sandra aus Argentinien lernte Frauen Machen Druck 2024 kennen und besucht ihn seitdem regelmäßig. Ihre ursprüngliche Motivation war es, neben der Mutterschaft einen eigenen Raum für sich zu finden. Nach und nach legte sie Unsicherheiten ab, denn lange dachte sie, sie könne nicht zeichnen. Hier fand sie „einen Raum, der der Unvollkommenheit viel Platz gibt“. Das liegt unter anderem an dem Gemeinschaftsgefühl: Bei so vielen Frauen bringt jede Wissen mit, das für andere hilfreich sein kann. „Heute ist das mein Ort der Zugehörigkeit, und das macht den Migrationsprozess leichter und erträglicher.“

Catarina aus Portugal besucht Frauen Machen Druck seit zweieinhalb Jahren und sagt, sie habe immer das Gefühl, willkommen zu sein und auf herzliche Menschen zu treffen: „Hier finde ich diese besondere Sensibilität, die unter Frauen entstehen kann, die ähnliche Probleme und Lebensthemen teilen.“
Frauen Machen Druck ist ein offener und pluraler Raum. Einer von jenen Orten, zu denen man immer wieder zurückkehren möchte, weil er im herausfordernden Alltag eine Pause und neue Energie bietet. Es ist ein sicherer Raum, in dem Kunst und politische Mobilisierung auf organische Weise zusammenfinden – und eine Gemeinschaft von Frauen entsteht, die stärkt, motiviert und trägt.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

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Mit grüner Energie in die Dürre

“Mega-Bergbau raus!” Die Gemeinschaft mobilisiert gegen die Zerstörung ihres Territoriums (Foto: Laura May)

Wenn Anwältin Alejandra Pariani aus ihrem Fenster blickt, sieht sie den Tambillos-Gletscher. „Ich lebe im Paradies“, sagt sie. Die 44-Jährige wohnt alleine mit ihren sieben Hunden und sechs Katzen in einem abgelegenen Lehmhaus, 14 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Uspallata, Provinz Mendoza, Argentinien. Nachbarn hat sie keine um sich, nur karge Steinlandschaft und hohe Berge wie den Aconcagua, der mit 6.961 Metern höchste Berg Amerikas.
Das Schmelzwasser der Andengletscher fließt durch Flüsse und ein ausgeklügeltes Kanalsystem Richtung Tal und versorgt rund 1,5 Millionen Menschen und 250.000 Hektar Land mit Wasser. Mit diesen Lebensadern machten indigene Huarpe und Inka die Halbwüste schon vor mehr als 500 Jahren bewohnbar und fruchtbar; heute ist die Region das Zentrum der argentinischen Weinproduktion; Pflanzen gedeihen in Oasen mitten in der Trockenheit. „Mendoza existiert nur wegen des Wassers“, sagt Pariani. Doch heute fürchtet sie um ihr Paradies. Neben dem Klimawandel bedrohe vor allem der Hunger des Weltmarkts nach Rohstoffen das sensible Ökosystem.

In den Steinformationen der Anden befinden sich nach Schätzung der US-Handelsverwaltung rund 30-35 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen. Die Nachbarstaaten Peru und Chile liefern bereits fast 40 Prozent des weltweiten Bedarfs. Schon lange wollen internationale Investoren die unerschlossenen Reserven in Argentinien zu Geld machen. Kupfer erlebt aktuell sein weltwirtschaftliches Momentum.
Die Nachfrage nach dem rötlichen Metall soll laut Rohstoffanalysten alleine bis 2040 um rund 70 Prozent steigen. Die Nebenwirkungen des Kupferabbaus sind eine der kontroversesten Seiten grüner Energie. Kupfer leitet Strom, lässt sich leicht biegen und ist recycelbar. Dies macht es zu einem unverzichtbaren Material für die meisten Formen erneuerbarer Energien.
Doch viele Bürger*innen wollen keinen Bergbau an den Quellen ihres Wassers. In Mendoza wird bereits seit der letzten großen Liberalisierungswelle in den 90er Jahren erfolgreich gegen geplante Bergbauprojekte mobilisiert. 2007 wurde auf Druck der Zivilgesellschaft das umfassende Umweltgesetz 7722 eingeführt, das zum Schutz der Wasserressourcen den Einsatz giftiger Substanzen wie Zyanid, Quecksilber und Schwefelsäure in der Metallbergbauindustrie verbietet. Es gilt als zentrales Instrument gegen große Bergbauprojekte und wird oft als „Hüter des Wassers“ bezeichnet. Als das Gesetz 2019 geändert werden sollte, gingen mehr als 50.000 Menschen dagegen auf die Straße. Nach tagelang anhaltenden Demonstrationen mit massiver Polizeirepression wurde die Änderung damals zurückgenommen. Wenn Pariani heute von den Protesten 2019 erzählt, hat sie Tränen in den Augen. „Es waren zehn Tage Kampf, die das Gesetz 7722 gerettet haben“, sagt sie. 2021 strich der Oberste Gerichtshof dann allerdings einen wichtigen Nebensatz des Gesetzes 7722, der neben den genannten Chemikalien auch „ähnliche toxische Substanzen“ verboten hatte.

Dies öffnet heute den Weg für Bergbauprojekte, die Verfahren mit anderen giftigen Stoffen zur Lösung der begehrten Mineralien aus dem Massiv der argentinischen Anden verwenden wollen. Ein Beispiel sind Xanthate, chemische Verbindungen, die im Bergbau hauptsächlich als Sammler bei der Flotation von Sulfiderzen eingesetzt werden, um wertvolle Minerale von taubem Gestein zu trennen. Sie sind effektiv, jedoch hoch oxisch für Wasserorganismen und können trotz vermeintlicher biologischer Abbaubarkeit nahe Gewässer kontaminieren.

Nahe Uspallata, dem Wohnort von Pariani, könnte durch dieses Schlupfloch nun bald ein Bergbauprojekt starten, über das seit Jahren schon gestritten wird. Im Dezember 2025 hat das Provinzparlament Mendoza die Umweltprüfung des San Jorge-Projekts genehmigt. Die Kooperation PSJ Cobre Mendocino, ein Joint Venture zwischen Zonda Metals GmbH (Schweiz) und Grupo Alberdi (Argentinien), will für die Extraktion des Kupfers in San Jorge neben Xanthan auch das moderat toxische Methylisobutylcarbinol (MIBC) einsetzen, betont allerdings: „Keines dieser Reagenzien ist nach Gesetz 7722 verboten. Ihre Verwendung erfolgt kontrolliert, in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit hohem Wasseraustausch und unter ständiger Überwachung durch die Kontrollbehörden.“ Jährlich sollen 40.000 Tonnen Kupfer und 40.000 Unzen Gold als Nebenprodukt abgebaut werden.

PSJ schreibt sich „Bergbau für nachhaltige Entwicklung“ auf die Fahne, Pariani hält das für eine Lüge. Neben den eingesetzten Chemikalien wird durch die für den Kupferabbau nötigen Sprengungen des Gesteins zudem Arsen freigesetzt. Einmal verschmutzt, würden die Stoffe im ganzen Tal verteilt, sagt Pariani entgegen PSJ. „Es ist Wasser! Natürlich fließt die Verschmutzung von oben nach unten.” Abgesehen von der Verschmutzung sei der Bedarf von etwa 12 Millionen Litern Süßwasser pro Tag trotz vermeintlichem Kreislaufsystem ein Skandal im trockenen Mendoza.
Seit der durchgewunkenen Umweltprüfung im Dezember mobilisiert die Anwältin deshalb wieder gegen San Jorge. Nach wochenlangem Protestcamp am Westufer des Tunuyán-Flußes am Fuß der Anden macht sie sich am 17. Januar mit tausenden anderen zum „Marsch des Wassers“ zurück nach Uspallata auf. Die Demonstration wirkt surreal. Uspallata ist ein karges und verschlafenes Bergdorf. Im Alltag sind die Frachtlaster nach Chile der größte Unruhefaktor. An diesem Tag kommt kurz vor 19 Uhr eine endlos scheinende Karawane aus Autos hupend den Berg hochgefahren. Menschen aus dem ganzen Tal haben sich versammelt, ihre Ankunft wird von einer jubelnden Menge gefeiert. In den Windschutzscheiben kleben selbstgebastelte Wassertropfen, auf den Schildern stehen Slogans wie „Nein zum Megabergbau“, „Gesetz 772“ oder „Raus San Jorge“.

Die Aktivist*innengruppe ist kein spontaner Zusammenschluss. Es ist ein Kollektiv, das seit Jahren gemeinsam Widerstand leistet. Alte Frauen in Rollstühlen, Kinder, Indigene, Einwanderer, Bauern und Intellektuelle, alle sind fest entschlossen, das Projekt zu verhindern und Mendozas Wasser zu schützen, so wie sie es in der Vergangenheit schon geschafft haben. „In Uspallata wird es keinen Megabergbau geben“, ist sich Pariani sicher. Das Volk verteidige sein Wasser und sein Leben, und das Recht auf Leben stehe in der argentinischen Verfassung.

Für Eber Abarca aus Uspallata sind die Leute im Protestmarsch ein unrealistischer Haufen aus Linken und radikalen Kirchneristen. „Niemand will hier das Wasser verschmutzen“, sagt er. Der 42-Jährige ist in Armut aufgewachsen und hofft auf eine bessere Zukunft für sich und seine Heimatstadt. Das San Jorge-Projekt von PSJ würde Fortschritt und Infrastruktur bringen, sagt er. Gasanschluss, neue Straßen, höhere Gehälter. Die Kooperation habe ihm bereits eine Fortbildung in Bergbaulogistik finanziert, aktuell mache er einen Schweißkurs, ebenfalls gesponsert vom Bergbauunternehmen.

Es sei klar, dass ein kapitalistisches Unternehmen wie PSJ Gewinne machen würde, aber auch die geschätzten ein bis drei Prozent der Gewinne aus dem Projekt, die am Ende in der Region bleiben sollen, seien ein Fortschritt. Die Umweltprüfung sei wasserdicht, die Mobilisierungen rein politisch motiviert. Für ihn ist das Thema Bergbau ein ideologischer Kampf, bei dem er klar auf einer Seite stehe. „Ich bin rechts, nicht Mitte“, sagt er, schimpft nebenbei auf Solidarität mit Palästina und äußert seine Bewunderung für Deutschland, das Militär und das Christentum.
Abarca sagt, nur weil die Region viele Ressourcen habe, heiße das noch lange nicht, dass es auch Reichtum gebe. Klar wollten die Konzerne nur die Ressourcen, die dann in den Produkten fortschrittlicher Länder landen. Aber: „Ihr habt die Umwelt zerstört und jetzt fordert ihr vom globalen Süden, von Argentinien, uns nicht zu entwickeln?“ Er träumt davon, dass das Bergbauunternehmen die Bahn zurück in die Region bringt. „Nicht weil die Investoren gute Menschen sind, sondern weil sie es brauchen“, hofft er.

Laut eigenen Angaben von PSJ bringe das Projekt Innovation, Infrastruktur und gut bezahlte Stellen für die ganze Region, außerdem setze die Kooperation Programme zur sozialen Entwicklung der lokalen Gemeinschaften um. Gegner*innen sagen hierzu allerdings, es sei bereits in den Nachbarprovinzen San Juan und Catamarca zu sehen, dass derartige Megaprojekte nicht dazu führen, dass es der lokalen Bevölkerung besser gehe. „Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge“, sagt Pariani. Dort gebe es nur riesige Krater in der Berglandschaft, Armut und Krankheiten unter der Bevölkerung.
Fortschrittsverweigerer, sagt Abarca. Klar habe der Kapitalismus schlechte Seiten, doch der Kommunismus – und das ist für ihn alles andere als der freie Markt – lasse alle verarmen. Der aktuelle libertäre Kettensägenpräsident Javier Milei mache seiner Meinung nach vieles richtig. „Ich glaube an Mileis Projekt, er will dieses Land wieder produktiv machen.“

Produktivität heißt für den selbsternannten Anarchokapitalisten Milei vor allem Freiheit für Großinvestoren, für die er bereits massive steuerliche und rechtliche Erleichterungen durchgesetzt hat. Unter starkem Beschuss ist vor allem der Umweltschutz, denn Milei leugnet den menschengemachten Klimawandel. Aktuell ist konkret das seit 2010 bestehende Gletscherschutz­gesetz in Gefahr, das den Bergbau in Gletscher- und Permafrostgebieten untersagt. Ende Februar stimmte das Parlament der Aufweichung des Gesetz in erster Instanz zu.

Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, dass die argentinischen Gletscher als strategische Wasserspeicher und Biodiversitätsspeicher für das Weltklima von zentraler Bedeutung seien. PSJ interessiert das nicht, denn San Jorge liegt nicht im periglazialen Gebiet. Andere Großinvestoren wie die Barrick Mining Cooperation mit Sitz in Kanada, welche bereits 2019 eine Klage gegen das Gesetz verloren hatte, stehen allerdings schon in den Startlöchern, um sich Kupfer aus Mileis Ressourcenparadies zu sichern.


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“No hay mucho margen de maniobra para la izquierda”

Fotoquelle: Edson Ticona

Según el Registro Nacional de Identificación y Estado Civil (RENIEC) el 4.4% del electorado peruano están registrados fuera del país. ¿cómo funciona el sistema electoral para los peruanos residentes en el exterior?

La principal diferencia es que el voto es facultativo, es decir que es opcional. Si estás registrado en tu consulado tienes la opción de votar. Cuando vives en el Perú, tienes la obligación de votar y si no votas debes pagar una multa. Por eso en Perú la participación es bastante alta. En el exterior llegamos en torno al 23% mientras que en Perú es casi 72% de participación. eso hace una gran diferencia, al no estar coaccionado por una multa de carácter económico.

Ahora la segunda diferencia es que, para votar desde el extranjero, tienes que estar registrado en tu consulado. Hay mucha gente que vive desde hace años fuera del país que no está registrada en su consulado. Entonces, teóricamente tendrían que votar en Perú, pero no lo hacen.

Los peruanos residentes en el exterior (PEX) cuentan como un proprio distrito electoral y votan por dos congresistas y un senador/ una senadora directamente. ¿Desde cuándo existe ese sistema y por qué es importante una representación específicamente para los peruanos residentes en el exterior?

Esta es la segunda vez en que va a haber esta representación de peruanos en el exterior. En las elecciones anteriores ya hubo representantes, fueron dos congresistas electos representando al exterior. Antes de eso los peruanos que vivimos en el exterior teníamos que votar por representantes de Lima, lo cual era un sinsentido, porque tienes gente que vive desde hace 20, 30 años fuera del país y tenía que votar por un congresista que te hablaba de cuestiones de Lima. La problemática limeña es muy diferente a la problemática migrante. Entonces eso fue un pedido de años que al final desde la legislación pasada se implementó. Y claro, eso es bastante importante porque como tú has mencionado, representa al 4.4% de los electores.

Pero acá hay dos números que hay que diferenciar: primero son los electores y segundo es la migración como tal. Como te decía, hay gente que migra y que vive por años fuera del país, pero no está registrada en su consulado. Entonces estas personas no son electores PEX. Hay un número mucho más grande y mucho más crítico, que son los peruanos no regularizados. Los electores en el exterior para estas elecciones son 1.200.000 y un poco más mientras que los peruanos que viven en el exterior son más de 3 millones y medio. Se está hablando de más de 2 millones de peruanos que viven en el exterior y que no están registrados en sus embajadas. No tenemos estadísticas exactas, pero lo que sí podemos decir es que de esos más de 2 millones de peruanos que viven en el exterior y que no están registrados en la embajada, hay una gran cantidad que son trabajadores precarizados, que no tienen los documentos regularizados. Eso afecta bastante porque estás fuera del sistema, no tienes derechos ni en tu país, ni en el país donde resides.

Tú eres candidato al congreso por el distrito electoral de peruanos residentes en el exterior del partido Nuevo Perú postulando con la Alianza Electoral Venceremos. ¿Cuales son sus propuestas?

Una de las banderas de la izquierda en el Perú durante años, desde la caída de la dictadura, ha sido el cambio de constitución, porque la constitución que tenemos actualmente es una constitución salida de la dictadura de Fujimori, dada en condiciones de dictadura y que establece un modelo económico neoliberal. Sale del Consenso de Washington, el consenso internacional que se hace para reducir el tamaño del estado, rematar empresas estatales, para que así haya supuestamente libre mercado. Eso es lo que es ahorita es el modelo económico nacional.

No permite el desarrollo nacional de cara hacia las necesidades de las grandes mayorías, sino más bien perpetua ese modelo que favorece a un pequeño sector de la oligarquía nacional, del empresariado nacional. Tenemos muchas más propuestas obviamente pero quizás el cambio de la constitución es la fundacional.

En las últimas elecciones generales de 2021 el voto PEX ha sido más conservador que el promedio peruano ¿Cómo te explicas esto?

Es preocupante que la gente vote por el partido Renovación Popular porque es un discurso abiertamente racista y fascista en muchos aspectos y la gente está apoyando este discurso.

Pero no podemos poner a todos los PEX en una misma canasta, porque depende mucho del contexto local. Podríamos hablar primero de la migración en Estados Unidos que, de hecho, es la más grande y es más o menos el 33% de la migración peruana. Ahí hay un sistema donde todo está privatizado. Hay mucha propaganda por parte de la derecha de Estados Unidos, entonces la gente que vive allá está mucho más expuesta. El famoso sueño americano: si trabajas duro vas a salir adelante, que depende de ti. Entonces me parece que eso explica mucho esa tendencia a la derecha en la migración.

Creo que en el caso europeo difiere un poco a lo anterior. Acá la socialdemocracia en los últimos años ha logrado construir un estado de bienestar, entonces la gente lo ve de manera diferente o en todo caso aprecia lo que significa tener un sistema de salud, y en algunos países, sistemas educativos sólidos que son gratuitos. Lo anterior te permite replantear un poco. Otro ejemplo: en París, que reúne la mayor migración peruana de Francia, ahí ganó la izquierda, como es también en el caso en Alemania.

Vemos que el Perú está atravesando una crisis política, con masivas movilizaciones en la calle. En octubre y noviembre la población estuvo expresando su descontento con el actual gobierno y el congreso en las calles. ¿cómo se va a reflejar esta crisis en la decisión electoral de los peruanos en estas elecciones?

Hay mucha desconfianza porque ha habido mucha impunidad. La gente sale a protestar y matan a tus seres queridos, matan a gente que no estaba protestando, matan a menores de edad y no pasa nada. El estado sigue como si no pasara nada. De hecho, se hace todo lo contrario: lo justifican. Te encuentras con mucha antipatía, la desconfianza viene porque también es cierto y hay que decirlo: en las elecciones pasadas entra un sector de izquierda y parte de ese sector de izquierda, que dice representar al pueblo y luchar por las causas populares, termina aliándose con la derecha y termina gobernando con la derecha. Entonces hay una clara traición.

Es responsabilidad de los candidatos, del movimiento social y de la izquierda responder a eso: Saber ganar la confianza de la gente, ser transparentes, ser honestos y hablar sobre las cosas que pasaron, de los errores que se cometieron. Este, el cargo de parlamentario, es un cargo de representación. Y para representar a este sector de la población tienes que estar conectado con él, crear canales de comunicación efectivos.

Las movilizaciones fueron llevadas en gran parte por la llamada generación Z. Un 25% del electorado tiene menos de 30 años ¿que rol jugará el electorado joven en estas elecciones?

Creo que sí van a tener un rol fundamental, porque mucha gente joven está harta de lo que está pasando. Hoy en día, un chico que tiene 26 años recién ha tomado conciencia del escenario político desde probablemente el 2020 a la fecha. Entonces ¿qué es lo que ha vivido el país desde el 2020? Crisis, presidentes vacados una y otra vez, corrupción, escándalos, … Eso ha sido desde la época de Pedro Pablo Kuczynski (PPK) que entró 2016. Entonces tienes gente joven que solamente ha vivido eso: protestas, que maten a la gente e impunidad. Entonces lo que yo he visto en muchos jóvenes es escepticismo: “todos son más de lo mismo”, “todo es una porquería”, “las cosas no van a cambiar”. El rol del electorado joven va a ser un factor que me parece importante, entonces tenemos que saber atender esa inconformidad. No por una cuestión electoral sino porque realmente tienen razón, nosotros coincidimos en eso, nos quejamos de todo eso. Hay que entender que han visto un país siempre en crisis.

Las instituciones han perdido su legitimidad. En el caso del congreso, la legitimidad se ha perdido porque sacan leyes desconectadas de la realidad. Los congresistas te hablan de institucionalidad que para ellos significa: hay que defender el congreso. Porque esa es la institución. Pero la institucionalidad es algo mucho más profundo. Significa que ese congreso sirva para el bien público, para lo que se supone que es una democracia representativa. Es que las instituciones sirvan para lo que fueron creadas. Y si esos fines para los que fueron creadas ya no tienen sentido, que se reformen o se cierran y se creen instituciones que sí sirvan a las necesidades de hoy en día.

Existen riesgos para las elecciones libres tanto internos como externos. Por ejemplo, el cuestionamiento de los resultados electorales como medio de presión política.

En las últimas elecciones, el día siguiente en que se anuncia el resultado de las elecciones que gana Pedro Castillo, la derecha comenzó a decir que era fraude. Y han estado con el discurso de fraude todo el tiempo hasta la fecha, crearon una comisión en el congreso para investigar las elecciones. Pese a que las conclusiones de dicha comisión no llegaron a nada, la derecha sigue con que hubo fraude.

Han presionado sistemáticamente al gobierno y finalmente lo han sacado. El hecho de que mantuvieran a la expresidenta Dina Boluarte en el cargo durante tanto tiempo fue estratégico: no podían arriesgarse a tener un gobierno tan débil en la recta final antes de las elecciones, porque una movilización social favorece a la izquierda. Si la izquierda gana terreno en las encuestas, volverán a presentar acusaciones de fraude.

El nuevo embajador estadounidense ha tenido una clara agenda intervencionista en la política interna del país. Ha cuestionado la legitimidad del puerto de Chancay (a 60 kilómetros al norte de Lima, Redacción) y defendido al hoy derrocado Jerí. Incluso actores de derecha han marcado distancia por su estilo poco diplomático. No me cabe duda de que si Estados Unidos ve que la izquierda consigue apoyo popular de tal manera que perjudique sus intereses, intervendrá inmediatamente. Esto no le deja mucho margen de maniobra a la izquierda.

Por eso debemos estar bien organizados e involucrar a observadores y organizaciones internacionales. Pese a que ahorita las instituciones internacionales están debilitadas, son las herramientas que tenemos y hay que utilizarlas. Hay que buscar bloques regionales. Brasil es un actor estratégico en este sentido, y en Colombia hay elecciones pronto. Al mismo tiempo es fundamental transmitir a la gente que el imperialismo es una cosa real en pleno ejercicio por parte de Estados Unidos. La intervención en Venezuela lo ha hecho muy evidente.


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Am Scheideweg der populistisch-autoritären Welle

Die Situation in Costa Rica ist nach wie vor politisch und sozial angespannt: Zum dritten Mal in Folge erreichte die Zahl der Morde 2025 mit fast 900 Morden einen Rekordwert. Zweimal scheiterten Versuche, die Immunität des noch amtierenden Präsidenten Rodrigo Chaves wegen möglicher Wahlverstöße und Finanzkorruption aufzuheben. Dazu kam der aggressive Ton der Regierung: Politische Gegner*innen wurden nicht mehr als Rival*innen behandelt, sondern als Feind*innen. Das deutlichste Beispiel dafür ist die Bezeichnung der eher kritischen Medien und derjenigen, die der Regierung gegenüber skeptisch sind, als „Schurkenpresse“. Sachliche Debatten wurden dadurch zunehmend erschwert.

Die Spaltung im mittelamerikanischen Land zeigte sich dabei auf zwei Ebenen: symbolisch durch die aggressive Sprache und materiell durch die wachsende Ungleichheit zwischen Stadt und Land. Letzteres ist entscheidend, denn die starke Zentralregierung hat die ländlichen Regionen über Jahre hinweg vernachlässigt. Das Wahlergebnis sortiert nach geografischen Regionen verdeutlicht diesen Aspekt, den die Kampagne von Fernández von Anfang an instrumentalisierte. Vor allem in den vernachlässigten ländlichen und Küstenregionen erzielte Pueblo Soberano große Erfolge. Ironischerweise war es gerade die Regierung unter Chaves, die diese Regionen benachteiligte. Der chavismo verstand es jedoch, schnell andere Schuldige zu finden und einfache Lösungen zu versprechen. Dies lenkte von den eigenen Widersprüchen ab.

Chronik eines angekündigten Sieges


Diese Strategie ist nicht neu. In Argentinien, Bolivien, Chile oder den USA funktioniert sie ähnlich: Vereinfachende, oberflächliche und oft unwahre Versprechen werden verbreitet. Es entsteht eine Art „wir gegen die da oben“, anstatt die tatsächlichen Probleme anzugehen oder Schlupflöcher zu schließen. Wie LN bereits im Dezember 2025 berichtete, siehe LN 618, weigerte sich die Regierung von Chaves zunächst, Mittel für die Zivil- und Justizpolizei zu bewilligen. Sie verlegte die Ausbildungsstätte der Küstenwache in eine Stadt ohne Küste – bis heute ohne nachvollziehbaren Grund. Gleichzeitig genehmigte sie den Bau eines Mega-Gefängnisses nach dem Vorbild von El Salvadors Präsident Bukele, der zur symbolischen Grundsteinlegung persönlich vorbeikam.

Vor diesem Hintergrund begann der Wahlkampf eher verhalten, allerdings mit hohen Erwartungen der anderen Parteien sowie der organisierten Zivilgesellschaft. Die Bedeutung der Wahl wurde breit kommentiert und analysiert, insbesondere hinsichtlich möglicher institutioneller Folgen, darunter die politische Verfolgung durch den Staatsapparat. Der erste Reality-Check kam dann mit der Veröffentlichung der ersten Meinungsumfrage im Oktober 2025: Pueblo Soberano würde mit einer überwältigenden Mehrheit gegenüber den übrigen zwölf Kandidat*innen gewinnen. Die folgenden Umfragen bestätigten diesen Trend und verstärkten den Eindruck einer völligen politischen Entfremdung in der Gesellschaft – etwa 30 Prozent der Wähler*innen waren bis zur letzten Woche unentschlossen.

Erst im Januar nahm der Wahlkampf Fahrt auf. Alle Kandidat*innen außer Fernández kämpften um jede Stimme, wohl wissend, dass ein Kurswechsel fast unmöglich war. Die politische Auseinandersetzung gewann zunehmend an Intensität, insbesondere bei den Themen Korruption und Sicherheit. Fernández ging aber nur zu vier Debatten und rächte sich damit an den Medien, die ihrer Kampagne und auch Chaves weniger nahestanden. Stattdessen setzte sie auf intensive Basisarbeit, die mit viel Desinformation gespickt war, was die gesellschaftliche Spaltung weiter verstärkte. Über soziale Medien wurden beispielsweise Fake News über die Arbeit des Wahlamts verbreitet.

Machtdynamiken: Férnandez (vorne) und Chaves (Mitte) als Marionetten des Bösen (Grafik: Andrés Artavia Tencio)

Hohe Wahlbeteiligung,
wenig Spannung


Kurz vor der Wahl, als klar wurde, dass es keine zweite Runde geben würde, versuchten die Parteien, sich als beste Option für das Parlament zu präsentieren. In Costa Rica ist es üblich, bei der Präsidentschafts- und der Parlamentswahl unterschiedlich zu stimmen – eine Praxis, die als „Split-Voting“ bekannt ist. Anders als in Deutschland bilden sich im costa-ricanischen Parlament fragile, themenorientierte Koalitionen, während das Regierungsmandat beim Präsidentenamt verbleibt. Aus Sicht der Oppositionsparteien war es angesichts der Umfrageergebnisse wichtig, sich stärker auf die Sitze zu konzentrieren und sich als beste legislative Partei zu präsentieren, zumal Pueblo Soberano angekündigt hatte, 40 Sitze im Parlament erreichen zu wollen. Mit 40 Sitzen kann eine Partei die Verfassung ändern – etwa um Grundrechte einzuschränken oder unbegrenzte Wiederwahlen zu ermöglichen.

Trotz des neuen Fokus auf die Parlamentssitze kämpften zivilgesellschaftliche Gruppen und politische Oppositionsparteien weiterhin um eine mögliche Stichwahl. Auch noch kurz vor der Wahl wurden vielerorts Demonstrationen organisiert, die zur Wahlbeteiligung aufriefen. Die Botschaft der Proteste: Die demokratischen Institutionen müssen verteidigt werden. Tatsächlich war die Wahlbeteiligung mit 69 Prozent so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Das führte stellenweise zu Problemen: lange Schlangen, hitzige Diskussionen und einige Wähler*innen schafften es nur knapp, noch rechtzeitig ihre Stimme abzugeben. Doch am Ende blieb die Mobilisierung um einen zweiten Wahlgang erfolglos. Zum ersten Mal seit 16 Jahren wurde eine Wahl in der ersten Runde entschieden, was durch die Vielzahl der Parteien in der politischen Mitte schwieriger denn je geworden war. Nicht nur wurde Fernández zur 50. Präsidentin gewählt, sondern Pueblo Soberano stellt auch 31 Abgeordnete. Dies entspricht einer absoluten, wenn auch keiner qualifizierten Mehrheit. Sprich: die Regierungspartei kann viele der in ihrem Wahlkampf angekündigten Gesetzesreformen durchführen, denn formell benötigt sie dafür 28 Stimmen. Bei tiefgreifenden Strukturreformen wird es jedoch knapp, da Verfassungsreformen 38 Stimmen erfordern und von zwei verschiedenen Legislaturperioden ratifiziert werden müssen. Auch wenn Fernández zunächst nicht über die nötige Mehrheit für die anvisierten Verfassungsänderungen verfügt, kann sie dennoch wichtige Gesetze ändern und das populistisch-autoritäre Projekt von Chaves fortsetzen.

Das Wahlergebnis markiert Costa 
Ricas Eintritt in die populistisch-
autoritäre Welle

Vier weitere Parteien werden im Parlament vertreten sein: die Mitte-rechts-Partei Liberación Nacional mit 17 Sitzen, die linksdemokratische Frente Amplio mit sieben Sitzen, die Mitte-links-Partei Coalición Agenda Ciudadana mit einem Sitz und die Mitte-rechts-Partei Unidad Social Cristiana mit einem Sitz. Es ist die konzentrierteste Machtverteilung seit dem Ende des Zweiparteiensystems 2006. Alle anderen Parteien haben dabei deutlich an Bedeutung und Wähler*innen­stimmen verloren, sei es, dass sie Pueblo Soberano absorbiert oder überholt wurden. Die neu gewählte Opposition kündigte bereits an, einen „Pakt für die Demokratie“ bilden zu wollen, um zu verhindern, dass Pueblo Soberano Ausnahmezustände verhängt oder unbegrenzte Wiederwahlen ermöglicht. Diese Bemühungen haben jedoch schon vereinzelt begonnen. Fernández kündigte kurz nach der Wahl an, auf „Dialog und Konsens“ setzen zu wollen. Ihre Mehrheit gibt ihr genug Spielraum, um ihre Agenda ohne größere Hindernisse durchzusetzen. Dennoch bleiben viele dringende Fragen offen, darunter die Frage der Kontrolle von Gewaltkriminalität und der Umgang mit der offenbar institutionalisierten Korruption in Regierung und Justiz.

Rolle von Chaves wird entscheidend


Die Rolle von Chaves selbst ist dabei entscheidend. Er gilt als Hauptverantwortlicher für die Spaltung des Landes und seine Rolle in der kommenden Regierung ist noch ungewiss. Beobachter*innen gehen allerdings davon aus, dass er Teil von Fernández’ Kabinett wird. Zwei Gründe sprechen dafür: Einerseits die Kontinuität der politischen Narrative und andererseits der Schutz seiner Immunität, da gegen ihn mindestens ein Dutzend Ermittlungen laufen. Bezeichnenderweise holte er Fernández jetzt als sogenannte Präsidentschaftsministerin in sein Kabinett zurück – eine symbolische Geste, die angesichts des Kontextes nicht unbemerkt blieb.

Das Wahlergebnis markiert Costa Ricas Eintritt in die populistisch-autoritäre Welle, die bereits weite Teile Lateinamerikas erfasst hat. Das politische Projekt ist klar, das Drehbuch fast wortwörtlich kopiert. Die Auswirkungen könnten tiefgreifend sein und kurzfristig nicht umkehrbar. Die sozialpolitische Landschaft wurde am 1. Februar deutlich transformiert, was einen Wendepunkt für das demokratische Leben im Land bedeutet. Jedoch bleiben zahlreiche Fragen offen: Wie wird die Regierungsfraktion agieren? Welche Mehrheiten werden sich zu welchen Themen bilden? Ist die Opposition handlungsfähig jenseits der offensichtlichen Unterschiede? Wird es Volksabstimmungen geben, um Vorhaben durchzusetzen, die im Parlament scheitern würden? Und welche Rolle wird die Zivilgesellschaft spielen, um eine populäre und populistische Regierung in Schach zu halten?


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„Ich musste von innen heraus handeln“

Was hat Sie dazu bewogen, die Unregelmäßigkeiten, die Sie innerhalb von Ecopetrol sahen, anzuzeigen?
Schon in meinen ersten Tagen bei Ecopetrol bemerkte ich Missstände und die Verschleierung von Informationen. Ich war gerade von meinem Masterstudium in Umweltpolitik in Cambridge zurückgekehrt und hatte bereits bei der Autonomen Regionalen Körperschaft von Santander gearbeitet, die die ältesten Bohrlöcher des Landes überwacht. Drei Monate später wurde ich von Ecopetrol als Berater des Präsidenten rekrutiert und durch meine Arbeit mit Betriebsabläufen und Umweltfragen bekam ich Zugang zu umfangreichen Datenbanken und Analysen. Diese zeigten zum Teil Muster der Nichteinhaltung von Vorschriften bei Wassereinleitungen.
Meine eigentliche Motivation entstand jedoch, als ich sah, wie sich die Aktivitäten von Ecopetrol direkt auf mein Land, auf Freunde und Familienangehörige auswirkten. Zu sehen, dass das Unternehmen über Menschen hinweggehen konnte, ohne Wiedergutmachung zu leisten, weckte in mir das ethische Bedürfnis, zu handeln. Ich erkannte auch, dass diejenigen, die sich Projekten widersetzten, als technische Probleme behandelt und zum Schweigen oder sogar in Gefahr gebracht werden konnten. Das verstärkte meine Überzeugung, dass ich von innen heraus handeln musste.

Wie verlief die Recherche innerhalb des Unternehmens und welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber?
Meine Position bei Ecopetrol ermöglichte mir den Zugriff auf fragmentierte Datenbanken und intelligente Tools zur Analyse von Wassereinleitungen, Methanemissionen und der Einhaltung von Vorschriften. Ich trug Informationen zusammen, dokumentierte Unstimmigkeiten und sammelte Beweise, darunter auch Daten, die nicht offiziell gemeldet worden waren. Der Umgang mit diesen Informationen war mit erheblichen Risiken verbunden: Ich erhielt direkte Drohungen und die Situation wurde für meine Familie untragbar, was uns dazu brachte, das Land zu verlassen. Aus dem Ausland schickte ich die Daten an regionale, nationale und internationale Behörden und wandte mich an Transparency International, um die Informationen zu schützen. Journalisten überprüften die Daten und erstellten einen Bericht, der als Vorlage für einen BBC-Dokumentarfilm diente. Außerdem reichte ich bei der SEC (US-amerikanische Bundesbehörde, die die Finanzmärkte überwacht, Anm. d. Red.) eine Anzeige wegen irreführender Informationen gegenüber Investoren ein. Damit wurde ich offiziell zum „Whistleblower“.

Was waren die größten persönlichen und beruflichen Opfer, die Sie bringen mussten, als Sie beschlossen, die Informationen weiter­zugeben?
Die Kosten waren enorm. Es gab eine finanzielle Belastung, weil wir umziehen mussten, eine berufliche, weil meine Karriere in der Branche erheblich beeinträchtigt wurde, und eine enorme emotionale Belastung durch posttraumatischen Stress und familiäre Konflikte. All das passierte, als ich gerade einmal 24 oder 25 war, und es wirkte sich auch direkt auf das Leben meiner Schwester und meiner Eltern aus, die mich bedingungslos unterstützten.
Gleichzeitig sind meine Opfer im Vergleich zu den allermeisten Aktivist*innen in Kolumbien, deren Arbeit vor Ort und deren Lebensgefahr viel größer sind, gering. Ihr Mut und die Kosten, die sie zum Schutz ihrer Gemeinschaften auf sich nehmen, zeigen, dass mein Weg, so schmerzhaft er auch war, dank Ressourcen und Bildung möglich war. Das verpflichtet mich, ihren Kampf zu würdigen, während ich mich weiterhin mit den persönlichen Auswirkungen meiner Entscheidung auseinandersetzen muss.

Welche konkreten Folgen haben Sie für die betroffenen Gemeinschaften gesehen oder befürchten Sie?
Die Art und Weise, wie Ecopetrol operiert, ist tief in seinem Geschäftsmodell verankert, und das hat schwerwiegende Folgen. Während meiner Zeit im Unternehmen konnte ich anhand von Daten beobachten, wie bestimmte Personen um den Schutz ihrer Umwelt kämpften, doch in vielen Gemeinschaften herrscht Resignation: Nach Jahren des Kampfes gegen einen Giganten fühlen sich die Aktivist*innen machtlos und viele junge Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre kulturelle Identität. Obwohl ich meine Erfahrungen hauptsächlich vom Bildschirm aus machte, konnte ich mich in die Fälle in meiner Nähe, wie etwa in Santander, hineinversetzen und das historische Leid an anderen Orten wie Putumayo, Meta oder Arauca gut nachvollziehen. Dank des Berichts und der Dokumentation der BBC glaube ich, wurde ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen: Jetzt können sich Aktivist*innen und Gemeinschaften auf solide und überprüfbare Beweise stützen, nicht nur auf einzelne Anzeigen. Das stärkt ihren Kampf und bietet einen Hoffnungsschimmer angesichts der Machtstrukturen, die Ecopetrol nach wie vor schützen.

Gab es nach der Veröffentlichung des Berichts und der Dokumentation irgendeine Reaktion von Seiten des kolumbianischen Staates oder der Medien?
Bislang haben weder die kolumbianische Regierung noch Ecopetrol offizielle Stellungnahmen abgegeben. Die Berichterstattung in den kolumbianischen Medien war so gut wie nicht existent. Die Fernsehsender Caracol und RCN berichteten nicht über das Thema, während die Zeitschrift Semana einen Artikel veröffentlichte, in dem das Unternehmen verteidigt und die Richtigkeit des Dokumentarfilms infrage gestellt wurde.

Welche strukturellen Risiken birgt der Fall Ecopetrol für Kolumbien als Land?
Das größte strukturelle Risiko ist der Interessenkonflikt, der entsteht, wenn ein privates Unternehmen das Militär finanziert und eng mit ihm verbunden ist. Denn die Aufgabe des Militärs sollte ja eigentlich sein, die Interessen aller Kolumbianer*innen zu schützen. Aber es kann dann passieren, dass das Militär die Ziele des Unternehmens über das Wohl der lokalen Gemeinschaften stellt. In einem zentralisierten Land, in dem Entscheidungen in Bogotá getroffen werden und die Kontrolle über natürliche Ressourcen konzentriert ist, wirft diese Beziehung tiefgreifende Fragen zur Qualität der Demokratie auf. Zudem verstärkt die in Kolumbien historische Verbindung zwischen illegalen bewaffneten Akteuren und dem Schutz strategischer Infrastrukturen diese strukturellen Konflikte, sodass bestimmte fragwürdige Praktiken fortbestehen und sich im Laufe der Zeit reproduzieren können. Dadurch kann sich ein Modell verfestigen, in dem sich wirtschaftliche und politische Macht gegen die Rechte und die Stimme der lokalen Gemeinden richtet.

Sie leben jetzt im Exil. Wie hat sich diese Situation auf Ihr persönliches Leben und Ihr Verständnis für den Preis der Wahrheit ausgewirkt?
Das plötzliche Verlassen Kolumbiens und das Leben im Exil waren eine enorme Herausforderung. Ich musste das Leben meiner Schwester und meiner Eltern neu organisieren, mich an ein fremdes Land anpassen und mit gesundheitlichen Problemen und Stress fertig werden, ganz zu schweigen von der beruflichen Unsicherheit, die mit dem Dasein als Whistleblower einhergeht. Diese Erfahrung hat mir noch deutlicher vor Augen geführt, welchen Preis es hat, die Wahrheit zu sagen und wie viel Widerstandskraft solche Entscheidungen erfordern. Nach einiger Zeit nach Kolumbien zurückzukehren, war zutiefst heilsam. Mit meiner Familie zusammen zu sein, mich wieder mit meinen Wurzeln und den Orten mener Kindheit zu verbinden, hat mich daran erinnert, warum ich getan habe, was ich getan habe, und erlaubte mir, mich mit dem Verlust eines Lebensplans zu versöhnen, den ich nie freiwillig aufgegeben hätte.

Welche Botschaft würden Sie gerne anderen Umweltaktivist*innen in Kolumbien mitgeben, die sich in ähnlichen Situationen befinden?

Ich möchte meine tiefe Bewunderung und meinen Respekt für die Umweltaktivist*innen ausdrücken, die ihr Leben und ihr Wohlbefinden riskieren, um ihr Land, ihr Zuhause und ihre Familie zu schützen. Ich bedauere zutiefst all das Leid und möchte, dass sie wissen, dass mein Handeln darauf abzielt, ihren Kampf zu würdigen. Es ist essenziell, vorsichtig, klug und strategisch vorzugehen, die verfügbaren Ressourcen zum Schutz zu nutzen und bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie weit man gehen kann, ohne das eigene Leben oder das von Angehörigen zu gefährden. Ich respektiere auch diejenigen, die sich aus Sicherheitsgründen entscheiden, zu schweigen oder sich zurückziehen, denn es ist völlig legitim, angesichts mächtiger Gegner seine persönlichen Grenzen einzugestehen. Vor allem aber möchte ich diejenigen ehren und ihnen danken, die ihr Leben für die Verteidigung ihres Lands gegeben haben. Ihr Mut ist der wahre Motor der Hoffnung in Kolumbien.


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Von der Macht der Küche und anderen Lektionen

Sophia Boddenberg // Revolution der Frauen. Von Feministinnen in Lateinamerika lernen // mandelbaum verlag // 2025 // 20 Euro // 156 Seiten

Aufmerksamen Leser*innen des LN-Editorials wird die Phrase, dass wir von lateinamerikanischen Feminist*innen viel lernen können, wohl bald zum Halse heraushängen – bleibt sie im kurzen Editorial doch oft wenig konkret. Wie schön, dass dem Thema nun nicht nur eine Seite, sondern ein ganzes Buch gewidmet ist: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen von Sophia Boddenberg erschien bereits 2025 im mandelbaum verlag.

Die Journalistin und Autorin lebt seit 2014 auf dem Subkontinent und berichtet von dort für verschiedene Medien, auch für die LN. Nach Revolte in Chile ,siehe LN 559, ist Revolution der Frauen ihr zweites Buch. Es ist eine Sammlung von Eindrücken, Gesprächen und Geschichten feministischer Bewegungen, die Boddenberg in zehn Jahren kennengelernt hat. Sie beleuchtet ausführlich die Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt und Feminizide unter dem Stichwort Ni Una Menos (Nicht eine weniger) und erzählt vom Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, der sich von Argentinien aus mit seinen grünen Tüchern auf ganz Lateinamerika ausgeweitet hat. Indigenen und antirassistischen feministischen Kämpfen sind ebenso eigene Kapitel gewidmet wie der Verknüpfung von Umweltaktivismus und Feminismus. Was es da zu lernen gibt? Vieles. Zum Beispiel, dass die Küche im Feminismus der Indigenen Mapuche eine entscheidende Rolle spielt.

Revolution der Frauen dürfte vor allem für Leser*innen interessant sein, die sich mit dem Thema noch nicht so viel beschäftigt haben. Doch auch alle anderen finden darin sicher noch etwas Neues: Boddenbergs Bericht aus der Ciudad de las Mujeres (Die Stadt der Frauen) etwa, einer Stadt in Kolumbien, die von durch den bewaffneten Konflikt vertriebenen Frauen aufgebaut wurde. Mit viel Augenmerk auf den regionalen und historischen Kontext zeigt die Autorin immer wieder auf, dass das Patriarchat nur verstanden und bekämpft werden kann, wenn auch Kolonialismus und Kapitalismus angegangen werden.

Boddenberg hat aber nicht die Absicht, eine akademische Abhandlung vorzulegen. Stattdessen erzählt sie sehr persönlich von Begegnungen mit lateinamerikanischen Feminismen und ihren Praxen. Immer wieder kommen Aktivist*innen selbst zu Wort, was das Buch leicht lesbar macht. Zugleich gelingen der Autorin hier und da kurze Exkurse zu feministischen und dekolonialen Theoretikerinnen Lateinamerikas. Dass es einen starken Fokus auf Chile und Argentinien gibt und andere Regionen eher zu kurz kommen, gibt die Autorin im Vorwort gern selbst zu. Hochaktuell ist ihr Blick auf einen „Feminismus gegen Rechts“. Das Kapitel macht klar: Feministische Kämpfe müssen von unten kommen, verbinden statt spalten und Unterschiede anerkennen. Nur so können wir tatsächlich „alles verändern“. Wer wissen will, was wir dabei noch von lateinamerikanischen Feminist*innen lernen können, sollte das Buch unbedingt lesen.


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Authentisch Deprimiert

Un poeta // Kolumbien 2026 // 123 Minuten // Regie: Simón Mesa Soto // Spanisch mit englischen und deutschen Untertiteln

Wenn Erfolg und Scheitern danach gemessen würden, wie treu wir unseren eigenen Prinzipien sind – hätten wir dann noch dieselben Held*innen? Oscar ist die Hauptfigur einer Geschichte, die in Medellín, Kolumbien, angesiedelt ist. Zu Beginn des Films erscheint er fast wie die Karikatur eines Mannes in seinen Vierzigern, der in seinem Leben nichts erreicht hat: weder den Ruhm oder die Anerkennung, die seine frühe Karriere als Dichter versprach, noch die wirtschaftliche und persönliche Stabilität, die seine Familie von ihm erwartet. Nichts in seinem Leben scheint zu funktionieren.

Er hat ein schlechtes Verhältnis zu seiner pubertierenden Tochter, lebt bei seiner Mutter, wird von seiner Familie unter Druck gesetzt, eine ungeliebte Stelle als Lehrer an einer Schule anzunehmen und hat keine Freund*innen. Immer wieder wacht er betrunken schlafend auf der Straße auf, nachdem er hitzige Diskussionen mit anderen Trinkern über die Bedeutung seines Lieblingsdichters José Asunción Silva geführt hat, dessen Porträt an der Wand seines Zimmers hängt. Oscar bewegt sich zwischen Selbstzerstörung und der Melancholie unerfüllter Träume. Seine fatalistische Sicht auf das Leben lässt ihn sich stark mit dem tragischen Leben und dem selbst herbeigeführten Tod des Dichters identifizieren, den er bewundert. Doch dann lernt Oscar eine junge Frau kennen, die er für ein großes poetisches Talent hält. Ihr dabei zu helfen, ihr Leben zu verändern und bessere Chancen zu bekommen, gibt ihm wieder Sinn und eine Verbindung zur Welt.

Die Geschichte wird aus der abwertenden Perspektive erzählt, aus der die Gesellschaft einen Mann wie Oscar betrachtet. Trotz seines Selbsthasses ist er ein sensibler und respektvoller Mensch, der sich in einer Umgebung wiederfindet, die von Opportunismus geprägt ist – von Menschen, die jemand anderes werden, um dazuzugehören, und die von dem Bild leben, das sie nach außen zeigen. Der Film untersucht mit Spannung und Humor die Heuchelei jener, die gesellschaftliche Anerkennung genießen, deren Leben jedoch auf Manipulation und Lügen aufgebaut ist. Oscars frühere Kolleg*innen, die größere Erfolge in der Poesie vorweisen können, führen ihm vor Augen, dass der Preis des Erfolgs oft darin besteht, sich selbst zu verraten. Vielleicht ist das der Grund, warum er nie Teil dieser Welt war.

Un poeta erzählt mitreißend von den inneren Kämpfe jener, die bereit sind, etablierte Formen und sich selbst zu hinterfragen, um Aufrichtigkeit und Authentizität ins Zentrum zu setzen. Zugleich zeigt die Geschichte Alltagsbilder aus Medellín in unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexten und hebt die moralischen Gegensätze hervor, die die Figuren je nach Umfeld durchleben. Die Tragikomödie macht deutlich, dass Kunst je nach Lebensbedingungen ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Damit bietet der Film eine hervorragende Gelegenheit, die Idealisierung von Kunst angesichts konkreter Realitäten zu hinterfragen – durch eine ebenso unterhaltsame wie tiefgründige Geschichte.


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