Der Preis blühender Schönheit

Amor, mujeres y flores // Kolumbien 1989 // 72 Minuten // Regie: Jorge Silva, Marta Rodríguez // Spanisch mit englischen Untertiteln

In den 1970er Jahren wurde die Savanne von Bogotá zum fruchtbaren Boden für das lukrative Geschäft mit Exportblumen. Der Dokumentarfilm Liebe, Frauen und Blumen von Marta Rodríguez und Jorge Silva thematisiert den Kampf der Gewerkschaften für die Würde der Arbeiterinnen. Er wurde anlässlich des kolumbianischen Filmfestivals La Sur Real, siehe LN 620, in Berlin gezeigt.
Mehr als 70.000 Frauen waren in dem Sektor, der als „Frauenarbeit“ galt, rund um Bogotá beschäftigt. Um makellose Blumen zu verkaufen, wurden hochgiftige, im globalen Norden verbotene Pestizide eingesetzt. Dies führte zu schweren Vergiftungen und Fehlgeburten: denn schwangere Arbeiterinnen erhielten nur selten Mutterschutz. Auch Todesfälle sind bekannt. Der Blumen­markt, der Symbole für Schön­heit und Zuneigung vermarktet, beruht auf Formen rassistischer und gender­spezifischer Ausbeutung.


Der ab 1984 über fünf Jahre hinweg gedrehte Film übt kraftvolle Kritik an kolonialer Kontinuität und transnationalem Extraktivismus. Die zutiefst ungleichen Funktionsweisen der Blumenindustrie werden ebenso thematisiert wie der Prozess der Emanzipation der Arbeiterinnen, der kollektiven Organisierung und des gewerkschaftlichen Widerstands. Mit einem klar feministischen Ansatz thematisiert der Film genderspezifische Gewalt und reproduktive Gesundheit. Die gezeigten Perspektiven sind ein poetisches und politisches Zeugnis, das sowohl das Intime als auch das Kollektive offenbart.
Dies gelingt durch die schonungslose Konfrontation mit dem harten Alltag der Frauen, die den kargen Lohn der mitunter zwölfstündigen Arbeitsage oft an ihren Ehemann abgeben müssen und sich zu Hause der Sorgearbeit widmen. Die Erzählung der „Befreiung“, die Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt bedeuten soll, wird ironisch hinterfragt. Denn wie ist Emanzipation in einem System möglich, das Körper, Zeit und Gesundheit ausbeutet?


„Es hat viel Liebe gekostet, diesen Film zu machen“, betont Marta Rodríguez im Epilog des Films. Jorge Silva begann das Projekt mit einem zutiefst menschlichen Blick, der sich der Darstellung sowohl des Leidens als auch der Hoffnungen der Arbeiterinnen verschrieben hatte. Nach seinem Tod im Jahr 1987 übernahm Marta Rodríguez die Fertigstellung des Films und sah sich dabei mit institutioneller Zensur sowie Druck und Angriffen der Unternehmen konfrontiert. Die Restaurierung des Dokumentarfilms hat dem Werk nun seine historische und ästhetische Bedeutung zurückgegeben und bringt ihn auf internationalen Festivals


Heute, mehr als vierzig Jahre später, ist die Blumenindustrie nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig für Kolumbien. Doch die Probleme prekärer Arbeitsverhältnisse, gesundheitlicher Risiken und genderspezifischer Ungleichheiten bestehen fort. In diesem Zusammenhang bewahrt Amor, mujeres y flores seine volle Kraft als kritisches und poetisches Instrument, das die Gegenwart hinterfragt und zeitgenössische Formen der Ausbeutung infrage stellt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Bereit für den Kampf

The Gospel of Revolution // Frankreich/ Belgien 2024 // 115 Minuten // Regie: François-Xavier Drouet // Französisch, Portugiesisch und Spanisch mit deutschen und englischen Untertiteln // Deutscher Kinostart: 2. April 2026

„Befreiungstheologie ist keine Theorie, sondern Praxis“, erklärt die Schriftstellerin und Chronistin María López Vigil und beschreibt eine katholische Kirche, die sich weigerte, die Armen im Stich zu lassen. Anhand hervorragenden Archivmaterials und rührender Interviews mit Ikonen der lateinamerikanischen Theologie und Revolutions­eschichte, darunter López Vigil selbst, erzählt The Gospel of Revolution die Geschichte von Kirchenmitgliedern, die revolu­tio­näre Bewegungen unter­stützen. In vier Kapiteln stellt der französische Filmemacher Fran­çois-­Xavier Drouet mutige Lateinamerikaner*innen vor, die sich zusammen mit unterschied­lichen Gruppen innerhalb der katholischen Kirche gegen Ungleich­heit und Autoritarismus erhoben. Der Film beginnt mit El Salvador als anschauliches Beispiel für die revolutionäre Umsetzung dieses radikalen Ansatzes des christlichen Glaubens in den 1980er Jahren. Wir folgen einem belgischen Priester, der zum Guerillakämpfer wurde, sowie rebellischen Katechetinnen, inspiriert vom Evangelium.

In El Salvador werden wir auch zum ersten Mal mit der brutalen Verfolgung der Anhän­gerinnen der Befreiungstheologie konfrontiert, die wiederum als Treibstoff für den Aufstand dient.
Zur selben Zeit suchen die revolutionäre Gesellschaft und Regierung in Nicaragua die Nähe zur katholischen Kirche, werden vom Vatikan jedoch scharf zurückgewiesen. Die Zurechtweisung von Papst Johannes Paul II. gegenüber den rebellischen nicaraguanischen Priestern gilt als wichtiger Rückschlag für die Sandinist*innen. Die Utopie Nicara­guas, die vier Jahrzehnte später in Tyrannei ausartete, markiert das bittere Ende eines hoffnungsvollen Kapitels in der Geschichte Lateinamerikas. In Mexiko beleuchtet Drouet die Transformation der Religion in Chiapas.

Jahrhunderte lang diente sie der brutalen Unterdrückung der Indigenen Bevölkerung, bevor sie sich zu einer Verbündeten der Rebellion entwickelte. Brasilien wiederum tritt in mehrfacher Hinsicht in Erscheinung: Als historische Hochburg der Befreiungstheologie, die den Widerstand gegen die Militärdiktatur prägte und Bewegungen gegen Unterdrückung Kraft verlieh; als Herkunft eines ihrer wichtigsten Vertreteri*nnen, Leonardo Boff; und schließlich als Schauplatz für die aktuelle Verbreitung evangelikaler Kirchen, die einen deutlichen Gegensatz zu dem zutiefst politischen Christentum im Rest des Films bilden. Drouet ergänzt die Kapitel durch persönliche Reflexionen über seinen Glauben. Diese Einschübe wirken jedoch wie ein Fremdkörper und stehen im Widerspruch zum kollektiven Geist der porträtierten Protagonistinnen. Die eigentliche Kraft des Films entfaltet sich, wenn er sich ihnen widmet. Drouet gelingt es, ihre Geschichten zu würdigen, ohne sie zu idealisieren, indem er ständige Niederlagen einem unerschütterlichen Optimismus gegenüberstellt. „In diesem System werden wir immer verlieren, aber wir werden kämpfen“, fasst es Pater Júlio Lancelotti zusammen. Trotz Unterdrückung, Martyrium und Verrat kämpfen die besiegten, aber treuen Revolutionär*innen weiter.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Nur der Minister merkt es nicht

Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmen

Schade, dass das Festival so wieder einmal unverschuldet mit den falschen Dingen Schlagzeilen machte. Stattdessen hätten vielmehr die viele großartigen Filme im Mittelpunkt stehen sollen. Denn Tricia Tuttle ist es gelungen, der Berlinale ein Gesicht zurückzugeben: Weg von mittelmäßigen Produktionen aus Hollywood und Frankreich, die mit großen Namen qualitative Schwächen nicht überdecken konnten. Und hin zu einem jungen, mutigen und oft auch politischen Kino, das in allen Ecken der Welt Talent hervorzubringen scheint. Damit ist das Festival nach einigen programmatisch eher beliebigen Jahren wieder auf dem richtigen Weg.

Das Cine Latino fügt sich sehr gut in diese neue Ausrichtung ein. Nicht zum ersten Mal konnten die lateinamerikanischen Regisseur*innen der Kinder- und Jugendfilme das Publikum und die Jurys begeistern. Chicas Tristes (Traurige Mädchen) aus Mexiko war der große Gewinner in der Jugendsektion Generation 14plus. In der Geschichte von Regisseurin Fernanda Tovar, die dem Filmkollektiv Colectivo Colmena angehört, müssen zwei Teenagerinnen mit einem Missbrauchsvorfall umgehen, der ihre Freundschaft auf die Probe stellt. Der Film gewann sowohl den Gläsernen Bären der Jugendjury als auch den ersten Preis der Fachjury.

In der Kinderfilmsektion Generation Kplus gelang Gugu’s Welt aus Brasilien das gleiche Kunststück. Auch die Geschichte um einen 9-jährigen Jungen, der es gleichermaßen liebt, sich zu schminken wie Fußball zu spielen und sich um seine demente Großmutter kümmern muss, räumte die beiden Hauptpreise der Sektion ab. Dazu erhielten der sehenswerte peruanische Kurzfilm Allá en el cielo (Dort im Himmel) über minderjährige Drogenkuriere und die trashige chilenische Punk-Groteske Matapanki lobende Erwähnungen. Schließlich war mit Papaya ein so sehenswerter wie ungewöhnlicher Zeichentrickfilm aus Brasilien am Start: Die Heldin ist ein kleiner Papayakern, der sich in einer regenbogenfarbenen Umge­bung mit dem Agrobusiness anlegt.

Matapanki Revolution im Punk-Stil Der Film Matapunki aus Chile


Ein wenig unter Wert geschlagen wurde dagegen der einzige lateinamerikanische Wettbewerbsbeitrag Moscas (Fliegen, siehe Rezension auf Seite 52). Fernando Eimbckes anrührende Geschichte um eine verbitterte Vermieterin, der ein kleiner Junge wieder die Lebensfreude zurückbringt, ging bei der Preisvergabe leer aus. Zumindest der großartige Kinderdarsteller Bastián Escobar hätte einen Preis verdient. Stark auch der queere paraguayische Rock’n’Roll-Film Narciso (siehe Rezension auf Seite 53), der mit dem FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet wurde, und der chilenische Noir-Thriller Hangar Rojo, der einen Luftwaffen-Ausbilder während des Pinochet-Putsches begleitet. Im Bereich Dokumentarfilm gab es unter anderem sehenswerte Beiträge aus Paraguay, wo in Im Umkreis des Paradieses eine ländliche Gemeinde von rechten Verschwörungstheoretiker*innen aus dem Ausland bevölkert wird und aus Mexiko, wo Jaripeo schwule Cowboys beim Rodeo begleitet.

Schließlich sorgte auch noch der queere Vampir-Kurzfilm La hora de irse (Zeit zu gehen) aus Argentinien mit tiefschwarzem Humor für erfrischende Abwechslung auf dem Festival. Doch auch beim Rest der insgesamt 31 lateinamerikanischen Berlinale-Filme des Jahrgangs 2026 fanden sich weit mehr starke als schwache Momente. Das Niveau nicht ganz halten konnten nur der dominikanische Teenie-Horror No Salgas (Komm nicht raus) und eine verkitschte Amazon-Serienproduktion des Isabel-Allende-Bestsellers Das Geisterhaus.
Das LN-Berlinale-Team hatte jedenfalls viel Freude an den lateinamerikanischen Berlinale-Filmen. Nachzulesen ist das in den Rezensionen dazu, die ab jetzt auf der LN-Homepage zu finden sind (www.ln-berlin/kultur/film/berlinale).


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren