Partner oder Notreserve?

Als einziger Industriestaat des ostpazifischen Raums leistet sich Japan eine teure weltweite Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mit und in der so genannten Dritten Welt. Japanische EntwicklungshelferInnen finden sich weit verstreut über den ganzen lateinamerikanischen Kontinent. In 22 Büros koordinieren und steuern sie Projekte, die meist im ländlichen Raum angesiedelt sind. Von einer Verbesserung des Fischfangs bis hin zur Ertragssteigerung bei Kulturpflanzen waren die primären Förderinteressen bisher im – wörtlich zu verstehen! – land-wirtschaftlichen Bereich. Das Ei-Land der roten Sonne ist seit 1990 noch vor den USA der größte Einzelgeber von Entwicklungsgeldern. Gemessen am Bruttosozialprodukt handelt es sich jedoch um weniger als 0,4 Prozent.
China, traditionell erstes Empfängerland japanischer bilateraler Hilfe, wurde inzwischen von Indonesien, Thailand und den Philippinen vom Spitzenplatz verdrängt. Ein halbes Jahrhundert lang konzentrierte sich die zur eigenen Stabilisierung als Industrienation begonnene Entwicklungshilfe auf Wirtschaftsförderung, technische Infrastruktur und den Agrarbereich. Japan will jedoch in den kommenden Jahren einen Wechsel versuchen, denn ein „Übergang von quantitativer zu qualitativer Entwicklungshilfe“ wird von der Regierung gewünscht. Mehr Finanzmittel sollen in die soziale und nicht mehr in die ökonomische Infrastruktur fließen. Dabei bleibt die Region Ostasien als Empfängerin von etwa 60 Prozent der bilateralen Hilfe ganz vorn, denn die Stabilität der Nachbarn ist für den Inselstaat von zentraler Bedeutung. Für Lateinamerika bleiben immerhin noch mehr als 10 Prozent, von ehemals weniger als 6 Prozent vor den neunziger Jahren.
Ausführende in Sachen EZ ist die japanische Agentur für Internationale Zusammenarbeit, JICA, die sowohl die technische Kooperation als auch die Vergabe von Entwicklungsgeldern organisiert. Ähnlich der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, GTZ, ist die JICA Auftragnehmerin der Regierung. Allerdings ist sie staatlich und direkt dem Außenministerium unterstellt, nicht wie in Deutschland über den Umweg eines Entwicklungshilfeministeriums. Das vereinfacht die Weisungsmöglichkeiten der Regierung und legt nahe, dass JICA´s Entwicklungszusammenarbeit auch zur Verfolgung eigener außenpolitischer Interessen stattfindet.

Fische für Autos

Japanische Interessen liegen in Lateinamerika vorwiegend im Import-Export-Geschäft. Rohstoffe werden nach Japan eingeführt, technische Produkte, vor allem Autos, sollen ausgeführt werden. Die Präsenz auf dem benachbarten Kontinent ist allgegenwärtig und wird oft durch gezielte Interventionen gestärkt.
Da die Beziehungen zu den meisten lateinamerikanischen Staaten unbelastet sind und sich die japanische Regierung in Fragen der Innenpolitik, beispielsweise der Einhaltung der Menschenrechte, mit Kritik eher zurückhält, sind die Regierungen gegenüber der japanischen EZ entgegenkommend oder zumindest aufgeschlossen.
Gern wird mit den wirtschaftlich starken Ländern kooperiert, in die auch ein großer Teil der Entwicklungsgelder fließt. Mit dem Mercosur sind Brasilien und Argentinien zentrale Ziele der japanischen Außenhandelsorganisation JETRO, des zweiten japanischen Arms, der über den westlichen großen Teich greift.
Die relativ einfache Erreichbarkeit der Pazifik-Anrainer ist es auch, die diese interessant macht. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA hat die Handelsbeziehungen zu Mexiko verschlechtert; einen Kandidaten gezielter Förderung stellt Chile dar. Dort ist Japan bereits – zusammen mit Deutschland – der größte bilaterale Geber im Entwicklungsbereich.

Rohstoffe aus Chile

Ein im Juni 2001 erstellter Bericht zur Vorbereitung eines Freihandelsvertrags zeigt die japanischen und chilenischen Interessen eng nebeneinander. Chile ist Japans Hauptlieferant für Kupfer und Fischmehl, Zweiter für tiefgefrorene Forelle und Lachs und immerhin Dritter in Sachen Holz. Es erhält Nachhilfe in Sachen Bergbau, Fischerei und Waldschutz, und vor allem könnte Chile Maschinen und Mittel zur „Transportausstattung“ bekommen. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Japans Importe aus Chile mehr als das Doppelte seiner Exporte ausmachen und Chile den zweitgrößten lateinamerikanischen Absatzmarkt darstellt, der noch ausbaubar wäre.
Ein ganzes Paket wurde von JICA geschnürt, aber es sind bei weitem nicht alle Vorhaben in den genannten Bereichen oder nur in der Wirtschaftsförderung angesiedelt.
Die Unterstützung indigener Initiativen beispielsweise erscheint eher als ein Feigenblatt der EZ, das dazu dienen soll, die dicken Fische aus der wirtschaftlichen Kooperation zu verstecken. Zumindest die HelferInnen vor Ort versuchen offensichtlich, mit ihren Projekten den indigenen ChilenInnen zu helfen. Doch ist nicht zu erwarten, dass Japan, am Willen der Landesregierung vorbei, auch deren Selbstbestimmungsrechte fördern würde. Zudem haben japanische Firmen quadratkilometerweise chilenischen Wald gekauft. Eine tatsächliche Schonung und nachhaltige Bewirtschaftung dieser Bestände wird nicht in deren Interesse liegen, obwohl Japan, auch hier gemeinsam mit Deutschland, Waldschutzprojekte fördert.

Springende Tiger und Bettvorleger

Wie würdest du den asiatischen Raum mit seinen politischen und ökonomischen Verflechtungen beschreiben?

Asien ist eine durch politische Spannungen und unterentwickelte regionale Kooperationsmechanismen gekennzeichnete Region. Das in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts viel diskutierte asiatische 21. Jahrhundert scheint sich nicht einzustellen. Die Asienkrise von 1997, mit ihren massiven Währungsturbulenzen, und die nun schon ein Jahrzehnt andauernde Stagnation in Japan haben den Erdteil auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Japan und China verstehen sich als regionale Hegemonialmächte, das Verhältnis zwischen den beiden potenziellen ökonomischen und politischen Riesen aber ist unterkühlt. Weder Japan, noch China haben in der Phase der Bewältigung der Asienkrise eine entscheidende Rolle gespielt. Hier zeigte sich, dass die führenden Länder der Region noch nicht einmal in der Lage waren, regionales Krisenmanagement zu organisieren, von globaler Führung also ganz zu schweigen. Die Reaktionen auf die Krise wurden aus Washington, von der US-Regierung und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gesteuert.
Angespannt ist auch das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea, die zwar ökonomisch eng verflochten sind, aber politisch noch immer nicht die kriegerischen Auseinandersetzungen der 40er Jahre bewältigt haben. Chronisch ist und bleibt der Konflikt zwischen Taiwan und China. Dennoch verfügt die Region über ein großes ökonomisches Potenzial. China wird schon wegen seiner schieren Größe ein weltwirtschaftliches Schwergewicht werden, auch wenn sein bisheriges Bruttosozialprodukt (BSP) noch weit unter dem des Mercosur in Südamerika liegt. Die neuen Industrieländer Südkorea, Taiwan, Singapur, und eingeschränkt auch Thailand, befinden sich nach dem Einbruch 1997/98 bereits wieder auf ökonomischem Wachstumskurs.
Weltpolitisch betrachtet bleibt die asiatische Region gegenüber der nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA und der Europäischen Union zweitrangig. Die neuen Weichenstellungen zur Gestaltung der Globalisierung, wie die Weltbankreform, die Debatten um die Reform des IWF, die Weiterentwicklung der Welthandelsorganisation WTO, der internationale Menschenrechtsschutz und humanitäre Interventionen sowie die globale Klimapolitik werden von den asiatischen Ländern nicht nachhaltig beeinflusst. Die Asienkrise und die führende Rolle „des Westens“ in der akuten Phase der Krisenbekämpfung führen dazu, dass sich Asien auf sich selbst als Region zu besinnen beginnt. Rasche Ergebnisse sind auf Grund der politischen Spannungen in der Region nicht wahrscheinlich, und die Erwartung, dass die Asienkrise den Prozess der Verwestlichung der Region bescheunigt, wird nicht erfüllt. In den 80er und 90er Jahren haben Heerscharen westlicher BeobachterInnen zu verstehen versucht, worin das Erfolgsgeheimnis Japans und der Tigerstaaten bestehen könnte. In den asiatischen Newly Industrializing Countries galten die westlichen Ökonomien als „Old Declining Economies“.
Nach den Ernüchterungen der Asienkrise sind nun auch die asiatischen Länder auf der Suche nach ihrem „Dritten“ oder besser „Vierten Weg“ zwischen angelsächsischem Wirtschaftsliberalismus, kontinentaleuropäischer Marktwirtschaft und ihrem aus der Mode gekommenen Modell der staatlich gelenkten Marktökonomie. Die Region ist auf der Suche nach dem, was unter den Bedingungen der Globalisierung des 21. Jahrhunderts ein eigenständiges asiatisches Projekt ausmachen könnte.

Welche Rolle spielt in diesem Szenario Lateinamerika für den asiatischen Raum?

Lateinamerika ist vor allem eine Rohstoff- und Agrarexportregion. Dies gilt auch im Handel mit Asien. Holz, Holzchips für die Papierproduktion, Eisenerze und Nahrungsmittel werden insbesondere nach Japan und in die Schwellenländer geliefert. Aus japanischer Perspektive ist es opportuner, Holz aus Lateinamerika zu importieren, als die heimischen Wälder gegen den Widerstand der nationalen Umweltbewegung abzuholzen. Japan und die Tigerstaaten hingegen exportieren Technologien und Konsumgüter nach Lateinamerika. Aus lateinamerikanischer Perspektive sind jedoch die Technologieimporte aus den USA bedeutender als die aus Asien. In Zentralamerika sind japanische und südkoreanische Unternehmen in vielen Exportsonderzonen engagiert, in denen vor allem arbeitsintensive Produkte wie Textilien gefertigt werden.

Warum boomten in den so genannten Tigerstaaten wie Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur und Hongkong die Ökonomien, während sich viele Länder Lateinamerikas in der Spirale der Verschuldung wiederfanden?

Die Mehrzahl der lateinamerikanischen Ökonomien haben bis Ende der 80er Jahre das Konzept der binnenmarktorientierten Industrialisierung verfolgt. Abkopplung vom Weltmarkt war die Devise. Es bestand die Hoffnung, sich in geschützten Industrien langsam an das Produktivitäts- und Effizienzniveau in der Weltwirtschaft heranzuarbeiten. Nationale, vernetzte Industrien sollten hinter hohen Zollmauern entstehen. Die notwendigen Importe von Maschinen und Technologie wurden durch den Export der in Lateinamerika reichlich vorhandenen Rohstoffe und Agrargüter finanziert.
Die Industralisierung gelang in den meisten Ländern durchaus. Jedoch wurde die Produktivitätslücke zwischen der lateinamerikanischen Industrie und dem Weltniveau immer größer statt kleiner. Die lateinamerikanischen Industrien hatten sich, ähnlich wie die sozialistischen Ökonomien, von den globalen technologischen Lernprozessen abgekoppelt. Die Finanzierung der Industrialisierung durch Agrar- und Ressourcenexporte wurde immer schwieriger, zumal die Rohstoffpreise in der Weltwirtschaft schon seit vielen Jahren kontinuierlich sanken. Die binnenmarktorientierte Entwicklungsstrategie mündete deshalb in der Verschuldungs- und Stagnationsfalle.
Die ostasiatischen Schwellenländer Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur dagegen setzten seit den 60er Jahren auf Strategien selektiver Weltmarktintegration, unterstützt durch aktive Technologie- und Industriepolitiken. Zugleich schützten sie ihre Binnenmärkte vor übermächtiger Konkurrenz. Exportorientierung und Importsubstitution wurden also miteinander verkoppelt. Nicht die freie Marktwirtschaft und der Freihandel, sondern der gezielte Aufbau nationaler Wettbewerbsvorteile und eine strategische Handelspolitik waren entscheidend. So gelang es den Ländern, von arbeitsintensiven Industrien sukzessive in immer technologie- und wertschöpfungsintensivere Segmente vorzudringen. Das zeigt die Entwicklung des Bruttosozialprodukts pro Kopf der Bevölkerung. Ende der 50er Jahre betrug in Südkorea das BSP pro Kopf etwa 500 US-Dollar. In Argentinien war es gut 4000 US-Dollar und das Land gehörte damit zu den reichsten Ökonomien der Welt. Bis Ende der 80er Jahre stieg das BSP pro Kopf in Südkorea auf etwa 6000 US-Dollar, in Argentinien nur auf 4500 US-Dollar.
Die ökonomische Entwicklung der asiatischen Schwellenländer zeigt zweierlei: Die These des Ökonomen André Gunder Frank, nach der die Integration in die Weltwirtschaft a priori der entscheidende Motor der Unterentwicklung sei, hat sich nicht bewahrheitet. Die neoliberale Lehre von der unsichtbaren Hand des Marktes aber lässt sich am Beispiel Ostasiens ebenso wenig belegen.

Aber die ostasiatischen Staaten nahmen für ihre Industrialisierung ebenfalls große Kredite in Anspruch. Warum saßen sie letztlich nicht in der Verschuldungsfalle?

Schuld an der zunehmenden Verschuldung Lateinamerikas in den 80er Jahren war der Versuch, die Industrialisierung über Agrar- und Ressourcenexporte zu finanzieren. Langfristig konnte das nicht gut gehen. Je rascher die Industrie wuchs, desto größer wurde der Bedarf an Devisen, um Maschinen- und Technologieimporte zu finanzieren. Da die Industrie selbst kaum exportierte, blieb sie auf die Exporte des Agrarsektors angewiesen. Doch die Terms of Trade für Ressourcen- und Agrarprodukte verschlechterten sich kontinuierlich, so dass ein Preisverfall bei den Exporten mit steigenden Importpreisen bei den Industriegütern zusammenfiel.
Das Ergebnis dieser strukturellen Abhängigkeit der nationalen Industrien Lateinamerikas von den Primärgüterexporten führte jedoch nicht nur in die Verschuldungskrise, sondern verfestigte auch die politische Vorherrschaft der alten Agraroligarchien. Die Importsubstitution scheiterte nicht nur ökonomisch, sie blockierte auch die politische Modernisierung und Demokratisierung.
Die ostasiatischen Schwellenländer verschuldeten sich in den 70er und 80er Jahren ebenfalls. Doch die externen Kredite wurden erfolgreich zum Aufbau exportorientierter Industrien genutzt. So konnten die Devisen erwirtschaftet werden, um Zinsen und Tilgung zu finanzieren. Zugleich schwächte die Entstehung einer leistungsfähigen Industrie die Macht der Landbesitzer. Dieser Trend wurde in Taiwan und Südkorea noch durch Landreformen verstärkt. In der Asienkrise Ende der 90er Jahre gerieten auch die asiatischen Schwellenländer kurzfristig in Finanz- und Währungskrisen. Eine Ursache war, dass beispielsweise Südkorea sein Banken- und Finanzsystem zu rasch liberalisiert hatte, ohne entsprechende Regulierungssysteme aufzubauen. Die südkoreanische Krise führte zu einem massiven Kapitalabfluss aus allen ostasiatischen Schwellenländern, Währungskrisen waren die Folge.

Chile gilt als Musterschüler des Neoliberalismus. Warum wurde dort nach dem Putsch 1973 ein neues Wirtschaftsmodell derart brutal und autoritär durchgesetzt?

Als die Militärs1973 in Chile putschten, bestand nicht nur in den Denkfabriken und meisten Gesellschaften der Entwicklungsregionen Afrikas und Lateinamerikas, sondern selbst bei der Weltbank noch ein breiter Konsens hinsichtlich der Erfolgsträchtigkeit des Modells der Importsubstitution und der industriellen Binnenmarktorientierung. Ein neoliberales Modell konnte in dieser Phase nur autoritär durchgesetzt werden. Der chilenische Umbruch von einer stark staatlich gesteuerten Ökonomie zur Marktwirtschaft war brutal. Innerhalb weniger Monate wurden die dreistelligen Einfuhrzölle auf nahezu Null reduziert. Die gesamte Industrie kollabierte, mit all den sozialen Folgeerscheinungen. Eine solch radikale Öffnung ist wohl nur in einem autoritären Regime möglich, oder wenn riesige finanzielle Transfers die sozialen Folgen radikaler Deregulierung, Liberalisierung, Außenöffnung und drastischer Deindustrialisierung abfedern, wie im Fall der neuen Bundesländer in Deutschland. Die Einstellung gegenüber dem neoliberalen Modell änderte sich in Lateinamerika aber in den 90er Jahren. Die Verschuldungskrise und das offensichtliche Scheitern der protektionistischen Binnenmarktorientierung machten nun neoliberale Konzepte gesellschaftsfähig. Viele Menschen glaubten, der rücksichtslose Wirtschaftsliberalismus könne einen Ausweg aus der Krise weisen. Menem in Argentinien und Fujimori in Peru wurden trotz oder wegen ihres neoliberalen Kurses in den 90er Jahren in Wahlen bestätigt. Übrigens wird auch in Russland viel über den chilenischen Weg diskutiert.

Wie steht es um die Attraktivität der Mischung aus Neoliberalismus und Autoritarismus in Asien?

Man könnte den chinesischen Weg in die Weltwirtschaft in diese Richtung deuten. Die Vertiefung der Marktwirtschaft wird zunächst ohne Infragestellung der Einparteienherrschaft versucht. Doch es gibt gewichtige Unterschiede. In China finden zwar gewaltige ökonomische Veränderungsprozesse statt, aber nicht in der Geschwindigkeit, in der das unter dem Pinochet-Regime in Chile passierte.
Die asiatischen Tigerstaaten befinden sich nicht auf dem chilenischen Weg. In Südkorea und Taiwan haben wir es mit sich konsolidierenden parlamentarischen Demokratien zu tun, in denen sich sukzessive auch Zivilgesellschaften entwickeln. Singapur ist ein eher autoritärer Staat, aber sicher nicht zu vergleichen mit dem Terrorregime Pinochets. In Thailand stehen die Chancen für eine langsame politische Liberalisierung nicht schlecht. Indonesien hat demgegenüber mit großen internen Spannungen und den Folgen der Korruption des alten Regimes zu kämpfen, doch hier geht es nicht um eine Verfolgung des chilenischen Modells der 70er Jahre, sondern um ein chaotisches Krisenmanagement ohne wirtschaftspolitische Linie.

Die politischen und ökonomischen Eliten in Lateinamerika haben ihre Länder weitgehend geplündert oder ruiniert. Wie kann es weitergehen und welche markanten Unterschiede lassen sich zu den asiatischen Eliten feststellen?

Ein Zurück zum alten Nationalismus der Vergangenheit kann es nicht geben. Und wenn doch, dann nur um den Preis politischer und ökonomischer Regression. Die Krise des alten Nationalismus erschwert den ökonomischen und politischen Eliten ihr Geschäft, denn der Appell an die Nation und das Projekt des „Aufbaus nationaler Wirtschaften“ waren die Klammern, die über die enormen sozialen Ungleichheiten hinwegtäuschen sollten. In Lateinamerika zeigt sich durch die neue Wirschaftskrise seit Ende der 90er Jahre, dass die Demokratien weniger gefestigt sind, als viele in den wenigen Jahren ökonomischen Wachstums meinten. In Venezuela regiert ein Populist, der zugleich rassistische Kampagnen gegen die Nachbarstaaten anführt. In Argentinien werden in der Wirtschaftskrise die alten „lateinamerikanischen Krankheiten“ erneut sichtbar: die Korruption, die Missachtung parlamentarischer Regeln und die Instrumentalisierung der Justiz in der politischen Auseinandersetzung. In Peru lässt sich noch nicht absehen, ob der neue Präsident einen Weg findet, die Korruption, das desolate Justizsystem („para mis amigos todo, para mis enemigos la ley“ – „für meine Freunde Alles, für meine Feinde das Gesetz“) und die maroden öffentlichen Institutionen in den Griff zu bekommen. In fast allen Ländern Lateinamerikas gilt: die ökonomischen und politischen Eliten sind kleine Gruppen, oft abgekoppelt von den Problemen und Lebenswelten der Bevölkerung. Die soziale Mobilität ist gering. Die soziale Ungleichheit auf dem Kontinent wächst und damit die politische Instabilität. Entwicklungsorientierte Eliten sucht man in den meisten Ländern vergeblich.
In einigen Ländern Asiens waren wirtschaftsnationalistische, aber zugleich auf die Weltwirtschaft orientierte Elitenprojekte erfolgreich: dies gilt für Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur und seit geraumer Zeit auch für China. Für die Eliten dieser Länder besteht die Herausforderung darin, mit zunehmend differenzierten, heterogenen und artikulationsfähigen Gesellschaften umgehen zu lernen. Das ist vor allem eine Folge der wirtschaftlichen Prosperität, der zunehmenden sozialen Mobilität und des steigenden Bildungsstandards. Es geht um den Übergang von stark hierarchisch geordneten zu sich pluralisierenden Gesellschaften. Dieser Prozess scheint in Südkorea und Taiwan zu glücken, beide Länder haben den Umbruch zur Demokratie in den 90er Jahren trotz Asienkrise erstaunlich gut gemeistert. Wie der politische Umbau oder Umbruch in China ausgeht, ist völlig offen. ExpertInnen bieten weit auseinander gehende Szenarien an: vom sukzessiven Übergang zur politischen Liberalisierung bis zum Auseinanderfall des Riesenreiches infolge zunehmender sozialer Ungleichheit und politischer Machtkämpfe zwischen reichen Küstenregionen und armen Regionen im Hinterland.

Welche Chancen hat Lateinamerika, in der Globalisierung eine eigenständige Rolle zu finden

Der Mercosur ist ein Zukunftsprojekt und ein Hoffnungsschimmer für Lateinamerika, der hoffentlich nicht an den Wirren der argentinischen Wirtschaftskrise zerbricht. Hier geht es um die Überwindung nationalstaatlicher Engstirnigkeit, alter Konflikte zwischen den Eliten der Länder und vor allem um den Aufbau einer Region, die Aussicht hätte, ihre Position in Weltwirtschaft und -politik sukzessive zu verbessern. Es könnte sich die Einsicht durchsetzen, dass die Globalisierung nur durch starke regionale Projekte gemeistert und mitgestaltet werden kann.

Interview: Jürgen Vogt

KASTEN:
Zur Person:

Dirk Messner, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft und der Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin; 1989-1995 Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Berlin; seit 1995 wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Entwicklung und Frieden an der Universität Duisburg.

KASTEN:
Ökonomische Verflechtung durch Handel

Ende der 90er Jahre hatten die Staaten des asiatisch-pazifischen Raums (AP) einen Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt von rund 26 Prozent. Der Anteil der Staaten Lateinamerikas und der Karibik (LAK) lag bei 6 Prozent. Das Handelsvolumen zwischen beiden Regionen belief sich 1999 auf 50 Milliarden US-Dollar, was weniger als ein Prozent am Welthandel ausmacht. LAK exportierte in erster Linie Rohstoffe und Nahrungsmittel im Wert von 17 Milliarden US-Dollar nach AP. Die Exporte kamen im Wesentlichen aus Brasilien (38 Prozent), Chile (23 Prozent), Mexiko (11 Prozent) und Argentinien (11 Prozent). Die Importe von LAK aus AP lagen bei 34 Milliarden US-Dollar. Sie konzentrierten sich auf die beiden Mercosurstaaten Brasilien und Argentinien, sowie Mexiko (zusammen 65 Prozent). Chile spielte hier keine große Rolle. Japan liegt als Handelspartner mit LAK an der Spitze, 45 Prozent des interregionalen Handels geht auf Nippons Konto. Zusammen mit der Volksrepublik China und Südkorea wickelte in der 90er Jahren Japan zwei Drittel der Exporte aus LAK ab.
Quelle: Mikio Kuwayama / CEPAL

Ein Canal, wenig Cash und viele Chinesen

Die meisten asiatischen Staaten haben großes Interesse an Panama – und vor allem an dessen Kanal, da ihre Wirtschaften stark vom Export abhängen. Die USA sind zwar aktuell noch der Hauptnutzer des interozeanischen Seewegs, jedoch haben die asiatischen Nationen in den letzten Jahren schnell aufgeholt. Inzwischen sind die Volksrepublik China, Taiwan, Korea und Japan unter den zehn wichtigsten Staaten, die den Kanal nutzen. Auch in Folge davon haben mehrere asiatische Unternehmen Industrie- und Hafenanlagen in Panama errichtet. Der panamesische Kanalminister Ricardo Martinelli äußert klar, wovon allein die Erlaubnis für wirtschaftliche Aktivitäten in Panama abhängt: „Wer die besseren Bedingungen anbieten kann…“ Diese pragmatische Haltung zeigt sich besonders gegenüber den beiden Chinas. Panama erkennt Taiwan diplomatisch als Republik China an, während es gleichzeitig enge Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik China unterhält. So kommt es, dass sich Chang Yung-fa mit seiner taiwanesischen Evergreen Maritime Cop. in Colón an der Atlantikküste niedergelassen hat und gleichzeitig Li Ka-shing aus Hong Kong mit seiner Hutchison Whampoa an beiden Enden des Kanals Hafenanlagen betreibt.

Kommunistische Unterwanderung?

Li Ka-shing ist ein 73-jähriger, sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der offensichtlich über gute Kontakte nach Peking verfügt. Letzteres bringt vor allem konservative Gruppen in den USA ins Schwitzen. Sie vermuten, dass sich hinter den strategisch günstig gelegenen Hafenanlagen der Hutchison Whampoa der Arm der chinesischen Volksarmee verbirgt.
Während sich die USA um die Parteizugehörigkeit der Unternehmen sorgen, die in Panama investieren, hat Panama selbst ganz andere Probleme. Vom großen wirtschaftlichen Interesse an der Region profitiert das Land selbst nämlich kaum. So geht beispielsweise zwar ein Großteil des chinesischen Handels über den interozeanischen Seeweg, aber ohne, dass Panama daraus einen Gewinn ziehen würde.
Für die USA scheinen die Profitaussichten von Unternehmen der Volksrepublik China die einzige Beruhigung in Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Aktivitäten des kommunistischen Landes in Panama zu sein. Ein Bericht des US-Verteidigungsministeriums Anfang 2000 stellte fest, dass die Bedrohung durch die Hafenanlagen des Hong Konger Unternehmens „indirekt“ sei. Wahrscheinlich würden weder Angestellte von Hutchison Whampoa noch chinesische Beamte auf Befehl Pekings den Kanal beschädigen, da dies im Gegensatz zu ihren finanziellen Interessen stehe.
Japan ist ein weiteres Land Asiens, das offensichtlich versucht, Gewinne und Einfluss in Panama zu sichern. So hat es eine Studie für die schon lange in Erwägung gezogene Errichtung einer dritten Schleuse im Panama-Kanal erstellt. Außerdem bot Japan der panamesischen Regierung zu übertrieben großzügigen Konditionen an, eine neue Brücke zu bauen.
Auch die anderen Länder lassen sich nicht lumpen, wenn es darum geht, den panamesischen Staat mit Spenden und Krediten zu unterstützen. Beliebte Geschenke aus China, Taiwan und Korea sind vor allem Computer, Drucker und andere technische Geräte. Zuletzt gab es sogar ein Auto für das panamesische Außenministerium – aus Taiwan.

KASTEN:
Zur Person: Li Ka-shing

„Ich habe keinen Ehrgeiz, sondern allein ein liebendes Herz für Hong Kong.“ So sieht sich Li Ka-shing, einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner Asiens, selbst. Wahrscheinlich hätte er es aber ganz ohne Ehrgeiz nicht zu einem der mächtigsten Tycoons der Welt geschafft.
Am 13. Juni 1928 wurde Li Ka-shing in Chaozhou in der Provinz Guangdong in China geboren. Elf Jahre später ging der älteste Sohn eines Schulleiters dann nach Hong Kong. Li erhielt wenig formale Schulbildung, doch schon 1950 eröffnete er seine erste Fabrik, die Plastikblumen herstellte. 1979 erfolgte dann der Durchbruch: Als erster Chinese kaufte Li Ka-shing eines der britischen Handelsunternehmen auf, das damals die regionale Ökonomie dominierten. Heute gibt es keinen einzigen größeren Wirtschaftssektor in Hong Kong oder China mehr, in dem der Industriemagnat nicht seine Finger im Spiel hat. Li macht Geschäfte mit Immobilien, Telekommunikation, Einzelhandel, Medien, Investment Banking, dem Internet und Infrastrukturprojekten. Lis Wirtschaftsimperium geht weit über die Grenzen Chinas hinaus. Seine Hutchison Whampoa kontrolliert 18 wichtige Häfen und ein Zehntel des gesamten Welthandels. Weiterhin gehört dem Unternehmen beispielsweise in Kanada Husky Oil und in verschiedenen europäischen Ländern besitzt Hutchison Anteile von Telekommunikationsbetreibern.
Um so weit zu kommen hat Li stets seine guanxi (persönliche Beziehungen) mit großzügigen Spenden an karitative Einrichtungen und Universitäten gefördert. Außer Zweifel stehen seine guten Kontakte zu einflussreichen Politikern, die auch Chinas Präsident Jiang Zemin und Premierminister Zhu Rongji einschließen. Auch Li Ka-shings Verwandte sind äußerst geschäftstüchtig. Nachdem letztes Jahr zwei Unternehmen der Familie fusionierten, wurde der Wert von Unternehmen des Li-Clans auf fast 13 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der wachsende Erfolg Li Ka-shings veranlasste die Zeitschrift Asiaweek, ihn auf der Power-Rankingliste des Jahres 2000 unter den 50 ausgewählten Personen zum mächtigsten Mann Asiens zu küren. In Hong Kong ist es inzwischen fast unmöglich, nicht bei den Lis zu bezahlen. Ob man nun in einem Cheung Kong Apartment wohnt, ein Gerät der Marke Fortress mit dem Strom von Hong Kong Electric betreibt, Gemüse bei Park ‘N Shop oder Drogeriewaren bei Watson’s einkauft, Metro Radio hört oder sich über PCCW-HKT mit dem Internet verbindet, immer verdient ein Li daran.

Der Fall Chentex – Ein Lehrstück

Chentex Garment S.A. ist eine der großen Maquila-Fabriken in der Freihandelszone Las Mercedes in Managua. Sie gehört zur taiwanischen Unternehmensgruppe Nien Hsing, einer der weltweit größten Jeansproduzenten. Ungefähr 1900 ArbeiterInnen, in der Mehrzahl Frauen unter 26 Jahren, produzieren bei Chentex täglich rund 20.000 Hosen für den US-amerikanischen Markt. Rund zwei Drittel der Frauen sind allein erziehende Mütter mit bis zu vier Kindern. Die Monatslöhne betrugen im Juni vergangenen Jahres durchschnittlich 63 US-Dollar. Ein Grundwarenkorb (ohne Fahrkartentarife, Miete und Ausstattungsgüter wie Schuhe) kostete zur damaligen Zeit in Nicaragua bereits über 150 US-Dollar im Monat. Die Arbeitsbedingungen sind wie in allen Maquilas schlecht, unbezahlte Überstunden an der Tagesordnung, und jeder Versuch, sich gewerkschaftsmäßig zu organisieren, wird sanktioniert.

Lohnerhöhungen außer bei Chentex

Im März 2000 wurden in allen Nien-Hsing-Maquilas die Löhne erhöht, außer bei Chentex, dem einzigen Betrieb, in dem seit 1998 eine Gewerkschaft tätig ist. Acht Wochen später wurden acht Gewerkschaftsmitglieder, die sich aktiv für die gleichen Lohnerhöhungen bei Chentex eingesetzt hatten, unter fadenscheinigen Vorwänden entlassen. Ein Streik bewirkte, dass der Fall dem Arbeitsministerium übergeben wurde, welches die Entlassungen zwei Wochen später jedoch absegnete. Ermutigt durch die Stellungnahme des Arbeitsministeriums antwortete die Geschäftsleitung auf die eingelegte Berufung und in Erwägung eines neuen Streiks mit weiteren Entlassungen. Zusätzlich hagelte es Repressalien gegen alle, die nicht der vom Management gestützten Alibi-Gewerkschaft beitreten wollten. Entlassene Ge-werkschafterInnen berichteten, dass sie von bezahlten Banden bedroht wurden. Ein ehemaliger Mitarbeiter im Chentex-Sicherheitsdienst erklärte, er sei angehalten worden, missliebigen Personen beim Verlassen des Betriebsgeländes Diebesgut unterzuschieben, um sie so zu kriminalisieren.
Die Proteste der Chentex-ArbeiterInnen und der Gewerkschaften fanden internationale Unterstützung: Von der Taiwanese Solidarity for Nicaraguan Workers angefangen, die sich auf Aktionärsversammlungen für die entlassenen GewerkschafterInnen eingesetzt hatte, über den Solidaritätsbesuch eines Gewerkschaftsfunktionärs aus Südafrika, wo Nien Hsieng auch Maquilas betreibt, bis hin zu KonsumentInnenkampagnen in den USA beispielsweise in Kohl’s Department Stores, einem wichtigen Abnehmer von Chentex-Produkten. Als Reaktion auf die Folgen dieser Aktionen wie Aktienkursverluste und Auftragseinbußen ließ Chentex Anfang Januar 2001 über ihre firmeneigene Alibi-Gewerkschaft 700 ArbeiterInnen „mobilisieren“. Sie wurden in Bussen zu einer Kundgebung gegen die Einmischung der „Gringo-Aktivisten“ vor die US-Botschaft gekarrt.
Kritik an den internationalen Solidaritätsaktionen gab es allerdings auch von Seiten der nicaraguanischen Frauenorganisation MEC: Sie vertritt die Auffassung, dass eine als Boykott zu verstehende Kampagne zu einem Rückzug der Maquila-Betreiber aus Nicaragua führen würde und daher nicht im Interesse der ArbeiterInnen sei. Und so war auch die Androhung den Betrieb zu schließen, das stärkste Druckmittel des Unternehmens in den Verhandlungen.
Am 10. Mai wurde schließlich ein Abkommen zwischen der sandinistischen Gewerkschaft CST und dem Chentex-Management unterzeichnet, durch das der mehr als einjährige Arbeitskampf beendet wurde. Ergebnis: Alle ArbeiterInnen, die auf Grund ihrer Verbindung zur CST entlassen worden waren, wurden wieder eingestellt und für den Erwerbsausfall entschädigt. Im Gegenzug verpflichtete sich die CST, sämtliche von ihr angestrengten arbeitsrechtlichen Verfahren gegen die Chentex aufzugeben.

Weitere Publikationen des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit zum Thema Maquila:
Broschüre: „Profit ohne Grenzen“ – Freie Produktionszonen in Mittelamerika, 3 Maquila-Bulletins („Zentralamerikanisches Frauennetzwerk in Solidarität mit Maquila-Arbeiterinnen“, „Verhaltenskodizes der Unternehmen“ und „Der Fall Chentex – Ein Lehrstück“). Unsere Adresse: Pariser Str. 13, 81667 München. Tel. 089-4485945. Oder per Email: info@oeku-buero.de

Die Ein-China-Politik spaltet Lateinamerika

Ohne die zentralamerikanischen Verbündeten hätte Taiwans Präsident Chen Shui-bian keinen Vorwand für zwei öffentlichkeitswirksame Zwischenstopps in den USA gehabt.“ So kommentierte die angesehene Hongkonger Zeitschrift Far Eastern Economic Review die Lateinamerikareise des taiwanischen Präsidenten im vergangenen Mai. Im international weitgehend isolierten Taiwan galten Chens Zwischenstopps in New York auf dem Hin- und in Houston auf dem Rückweg als größte Erfolge seiner erst zweiten Auslandsreise. Noch im August 2000 genehmigte die damalige Clinton-Regierung Chen bei seiner ersten Reise einen Zwischenstopp nur mit der Auflage, sein Hotel in Los Angeles nicht zu verlassen und keine PolitikerInnen zu treffen. Die Regierung von George W. Bush, die gerade mit Peking um das in Hainan notgelandete US-Spionageflugzeug stritt, gönnte dem um internationale Anerkennung buhlenden Chen mehr Spielraum. Sie hatte nichts dagegen, dass er sich mit zahlreichen Kongressabgeordneten und New Yorks Bürgermeister traf.

Zwischenstopp in USA

Dass die Zwischenstopps in den USA gleich die ganze Reise nach Zentralamerika in den Schatten stellten, ist bezeichnend für Taiwans Verhältnis zu seinen lateinamerikanischen Verbündeten. Dabei besuchte Chen neben Guatemala, Honduras, Nicaragua, Panama und Paraguay immerhin den dritten zentralamerikanisch-taiwanischen Gipfel in San Salvador. Dort erwarteten die zentralamerikanischen Staats- und Regierungschefs von Taiwan mal wieder vor allem Geld. Denn alle sieben zentralamerikanischen Staaten erkennen statt der Volksrepublik China die Republik China an, so Taiwans offizieller Name. Das lassen sie sich von der Regierung in Taipeh mit Geldgeschenken und günstigen Krediten bezahlen. So baute Taiwan seinem verbündeten nicaraguanischen Präsidenten Arnoldo Alemán nicht nur einen neuen Präsidentenpalast in Managua, sondern auch gleich noch ein neues Außenministerium.
Taiwanische Firmen gehören zu den größten Investoren in Zentralamerika, wo das ostasiatische Land Exportproduktionszonen und Industrieparks finanzierte. Taiwan liefert seinen lateinamerikanischen Verbündeten vor allem Maschinen, Autoteile, Plastik, Schuhe und Fahrräder, während es von dort Leder, Fisch, Kaffee, Aluminium und Holz bezieht. Zentralamerika ist vor allem ein preiswertes Sprungbrett auf den nordamerikanischen Markt. So lässt in Nicaragua der taiwanische Textilkonzern Nien Hsing, dessen Firma Chentex wegen miserabler Arbeitsbedingungen und der Entlassung von GewerkschafterInnen für Schlagzeilen sorgte, Jeans und T-Shirts von 13.000 lokalen MitarbeiterInnen für Nordamerika nähen (siehe folgenden Artikel). Auch in El Salvador beschäftigen 32 taiwanische Firmen über 15.000 Menschen vor allem in Exportbetrieben. In dem von Erdbeben gebeutelten Land ist die Buddhist Compassionate Relief Tzu Chi Foundation, Taiwans größte Hilfsorganisation, zugleich eine der aktivsten ihrer Art.

Dollardiplomatie

Die lateinamerikanischen Beziehungen zu Taiwan datieren aus der Zeit des Kalten Kriegs. Schon damals wurden Taiwans Verbündete von autoritären antikommunistischen Regimen regiert, während auf der ostasiatischen Insel die Kuomintang diktatorisch herrschte. Die hatte bis 1949 auf dem chinesischen Festland die „Republik China“ regiert, mit der sie vor Maos KommunistInnen nach Taiwan floh. Bis 1971 vertrat Taiwan ganz China im UN-Sicherheitsrat. Doch nach dem Wechsel der UN-Mitgliedschaft zur Volksrepublik begann die Zahl der internationalen Verbündeten Taiwans kontinuierlich zu schrumpfen. Heute sitzt die Hälfte von Taiwans verbliebenen Freund in Zentralamerika, der Karibik sowie in Paraguay, dem einzigen Land Südamerikas, das noch keine Beziehungen zu Peking hat. Da die kommunistische Regierung in Peking Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, wertet sie dessen diplomatische Anerkennung als Einmischung in innere Angelegenheiten, was als „Ein-China-Politik“ bezeichnet wird. Und weil Peking mit Vergeltungsmaßnahmen droht, erkennen heute nur noch 28 vor allem kleine Staaten Taiwan an. Die Anerkennung lassen sich Taiwans Freunde mit „Dollar-Diplomatie“ bezahlen.
Taiwan versucht seine Verbündeten auch militärisch zu unterstützen. So übergab Taiwan laut einem Bericht der Taipei Times kürzlich fünf ausgemusterte Transporthubschrauber an Paraguays Luftwaffe. Weitere Hubschrauber sollen folgen, wenn Taiwan selbst neue Helikopter aus den USA erhält. Taiwans hochgerüstetes Militär trainiert bei seinen lateinamerikanischen Verbündeten Sondertruppen oder bildet selbst lateinamerikanische Militärs in Taiwan aus. So schickt Taipeh jährlich zwei Militärpolizisten von einer Sondereinheit zur Terrorismusbekämpfung nach El Salvador, um dort die Leibwache des Präsidenten auszubilden. Und am taiwanischen Fuhsingkang Militärkolleg gibt es eine ganze Klasse von Rekruten aus Lateinamerika, über deren Größe in Taiwan offiziell Stillschweigen herrscht.
Im inzwischen demokratischen Taiwan regiert seit Mai 2000 mit Präsident Chen ein ehemaliger Menschenrechtsanwalt aus der früheren antidiktatorischen Opposition. Er hat verkündet, die „Dollar-Diplomatie“ durch „qualitätsvolle Beziehungen“ zu ersetzen, zumal Taiwan heute wirtschaftlich nicht mehr so glänzend dasteht wie noch vor wenigen Jahren. Doch mit dem dezenten Hinweis, wenn Taipeh nicht genug zahle, werde man die Anerkennung der Volksrepublik China erwägen, gelingt es den zur Korruption neigenden zentralamerikanischen Verbündeten immer wieder, Taiwans Abkehr von der Scheckbuchdiplomatie zu verhindern.

Peking hofiert Taiwans Verbündete

Schließlich sucht Peking auch die Zusammenarbeit mit den PartnerInnen Taiwans. So war eine Delegation der in Paraguay regierenden Colorado-Partei gerade in Peking eingeladen, als Taiwans Präsident Chen zum Staatsbesuch in Asunción weilte. Peking wirbt um Taiwans Verbündete mal freundlich wie zurzeit im Fall des strategisch wichtigen Panama, wo mit 120.000 ChinesInnen die größte chinesische Gemeinschaft Zentralamerikas lebt, oder mit massivem diplomatischen Druck wie vor einigen Jahren im Falle Guatemalas. Dort stimmte das UN-Sicherheitsratsmitglied China im Januar 1997 einer UN-Beobachtungsmission für Guatemalas Friedensprozess erst zu, als die Regierung in Guatemala-Stadt ein distanzierteres Verhältnis zu Taiwan versprach. Ähnlich war die Situation ein Jahr zuvor im Falle einer UN-Mission nach Haiti gewesen.
Auch lockt Festland-China mit Geld und Investitionen und vor allem einem wachsenden Handelsaustausch mit seinem riesigen Markt. Das Reich der Mitte bezieht Kupfer aus Chile, Getreide aus Argentinien, Eisenerz aus Brasilien und Wolle aus Uruguay. Im Gegenzug liefert die Volksrepublik vor allem preiswerte industrielle Produkte. Allein im vergangenen Jahr stieg der wirtschaftliche Austausch der Volksrepublik China mit Lateinamerika von 8,5 auf 12,6 Milliarden US-Dollar. China wird als Handelspartner für einzelne lateinamerikanische Länder wie zum Beispiel für Chile immer wichtiger – dort ist die Volksrepublik bereits der fünftgrößte Handelspartner und Präsident Ricardo Lagos empfahl sein Land als Chinas Tor nach Lateinamerika. Für die Wirtschaftsmacht China mit ihren über 1,2 Milliarden EinwohnerInnen macht der lateinamerikanische Handel aber nur drei Prozent ihres gesamten Außenhandels aus. Lateinamerika ist für Peking vor allem politisch wichtig, nicht zuletzt lässt sich hier der Status der wachsenden Großmacht ablesen.
Dies zeigte sich auch bei der zweiwöchigen Lateinamerikareise des chinesischen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin im April, die sechs Wochen vor der Reise seines taiwanischen Rivalen stattfand. Jiang flog unbeirrt aus Peking ab, als sich das Verhältnis zu den USA wegen des kurz zuvor notgelandeten Spionageflugzeugs drastisch verschlechterte. Mit seiner Reise in eine Region, die von den USA traditionell als Hinterhof gesehen wird, demonstrierte Jiang Chinas gewachsenes Selbstbewusstsein. Fünf der sechs Länder, die Jiang besuchte, waren zudem Mitglieder der UN-Menschenrechtskommission. Die stimmte unmittelbar nach seiner Reise über einen chinakritischen Antrag der USA ab, wobei sich Pekings Position der Nichtbefassung klar durchsetzte.
Bei seiner Reise bot Jiang die Volksrepublik als Partnerin an, um den LateinamerikanerInnen zu helfen, ihre wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den USA zu mindern. Eins von Jiangs Lieblingsthemen war die von Peking favorisierte „multipolare Weltordnung“, in der Washingtons Hegemonie zu Gunsten Pekings reduziert werden soll. In Brasilia sprach Jiang denn auch ausdrücklich von einer „strategischen Partnerschaft“ mit Lateinamerikas größtem Land, die er mit seinem bereits zweiten Besuch dort unterstreichen wollte.

Hugo „Mao“ Chávez

Auf besonders offene Ohren stieß Jiang in Venezuela. In Caracas bezeichnte sich der populistische Präsident Hugo Chávez gegenüber Jiang gar als „Maoist“ und sprach von der chinesischen Revolution als der „älteren Schwester der venezolanischen Revolution“. Chávez schlug vor davon, dass chinesische BäuernInnen nach Venezuela kommen sollten, um die Agrarproduktion zu erhöhen. Dafür spendete ihm Jiang bereits einen 20-Millionen-Dollar-Kredit. Zudem liebäugelte der Ex-Fallschirmspringer Chávez, der ausdrücklich Chinas Position bei der Genfer Menschenrechtskommission sowie Pekings Olympiabewerbung unterstützte, mit dem Erwerb chinesischer Militärflugzeuge. Jiang vereinbarte den gemeinsamen Bau einer Anlage zur Herstellung des Schwerstöls und Kohleersatzes „Orimulision“. Die gesamte Produktion der ersten drei Jahre soll vom immer rohstoffhungrigeren China gekauft werden. Außerdem soll mit Hilfe chinesischer Firmen eine venezolanische Goldmine wiedereröffnet werden. Allein im Jahr 2000 hatten chinesische Firmen in Venezuela 530 Millionen US-Dollar investiert, und Chinas Handel mit dem Ölstaat stieg von 26,8 Millionen US-Dollar 1998 auf 218,8 Millionen im vergangenen Jahr.
Jiang zeigte seinen Gastgebern, dass er Lateinamerika auch persönlich ernst nahm. So hatte der 74-Jährige vor der Reise noch in einem Crashkurs Spanisch gelernt, um etwa im chilenischen Santiago einheimische Geschäftsleute mit einer 40-minütigen Rede in ihrer Sprache beeindrucken zu können. Demonstrativ äußerte sich Jiang während seiner Reise nur selten zum aktuellen Konflikt um das US-Spionageflugzeug, deren Besatzung China erst während seines Kuba-Aufenthaltes freiließ. Stattdessen genoss Jiang eine Kutschfahrt in Argentinien, ließ sich chilenische Weinbautechniken erklären und sang mit dem gleichaltrigen Fidel Castro Revolutionslieder.

Annäherung an Kuba

Kuba und China sind sich völlig einig in der Ablehnung der westlichen Menschenrechtspolitik. Jiang war im sozialistischen Bruderland Kuba ganz in der Gönnerrolle. Es war bereits sein zweiter Aufenthalt auf der Insel, und auch Fidel Castro und sein Bruder und möglicher Nachfolger Raúl waren selbst schon Gäste in China. Kuba hatte bereits vor 41 Jahren als erstes lateinamerikanisches Land Beziehungen zur Volksrepublik aufgenommen. Die entwickelten sich allerdings nicht so prächtig, da Kuba während der Zeit der chinesisch-sowjetischen Rivalität auf Seiten Moskaus stand, von dem es politisch, wirtschaftlich und militärisch abhängig war. Erst nach der Auflösung der Sowjetunion erhielten die Beziehungen zwischen Havanna und Peking neuen Schwung.
Heute zeugen in Kuba die allgegenwärtigen Fahrräder aus chinesischer Produktion davon, dass Peking ein Stück weit den alten Verbündeten Moskau ersetzt hat. Chinas Präsenz ist für Kuba vor allem wichtig in den Sektoren Landwirtschaft, Fischerei, Lebensmittel und Textilindustrie. Der bilaterale Handel stieg von 270 Millionen US-Dollar 1993 auf fast 500 Millionen im Jahr 1999. China gewährt Kuba Kredite von umgerechnet 820 Millionen Mark. 450 Millionen davon sind für die Modernisierung der Telekommunikation durch die chinesische Julong-Gruppe bestimmt. Für einen Kredit von 330 Millionen Mark kauft Kuba Fernsehgeräte der Panda-Gruppe. 50 Millionen Mark will Wanghai in ein Hotelprojekt an Havannas Malecón investieren.

USA: Kuba wird chinesischer Horchposten

Die USA unterstellen China, Kuba auch mit Waffen zu unterstützen. Wie die rechte Washington Times im Juni unter Berufung auf ihr nahe stehende Geheimdienstkreise meldete, hätten im vergangenen Jahr drei Schiffe der staatlichen chinesischen Cosco-Reederei Waffen in den kubanischen Hafen Mariel gebracht. Der Zeitung zufolge bestünden Pläne, Kuba zu einem chinesischen Horchposten auszubauen. James Kelly, der Direktor für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten im US-Außenministerium, sagte bei einer Anhörung, die US-Regierung sei „sehr besorgt über die Zusammenarbeit der chinesischen Volksbefreiungsarmee mit Kuba und die Bewegung militärischer Ausrüstung nach Kuba.“
Bekannt war bisher, dass China technische Hilfe für kubanische Radaranlagen und Flugabwehreinrichtungen leistet. Ob eine militärische Unterstützung Kubas aber eine chinesische Retourkutsche für Washingtongs Waffenlieferungen an Taiwan sind, bleibt offen. Havanna und Peking dementierten umgehend die Berichte über Waffenlieferungen. Laut Fidel Castro hätten die drei Schiffe neben Uniformstoffen, Militärstiefeln und etwas industriellem Sprengstoff vor allem Reis und Bohnen geliefert – „Waffen gegen Hunger“, wie Castro süffisant feststellte.

KASTEN:
Nicaraguas Präsidentenpalast sponsored by Taiwan

Wenn Nicaraguas Präsident Staatsgäste empfängt, dann schüttelt er ihnen im „Raum der Republik China“ die Hände. Diesen Namen trägt die Empfangshalle des neuen Präsidentenpalastes in Managua. Das lachs- und gelbfarbene Gebäude wurde vergangenes Jahr eingeweiht. Republik China ist der offizielle Name Taiwans. Eine angebrachte Tafel verweist auf eine „großzügige Spende“ des taiwanischen Volkes. Nach Angaben des taiwanischen Botschafters in Managua belief sich die Spende auf weniger als 10 Millionen US-Dollar. Das war aber nicht alles. Eine Dankestafel mit Verweis auf Taiwan schmückt auch das neue Gebäude des nicaraguanischen Außenministeriums.

Ein-China-Politik in der Karibik

In der Karibik sind die Dominikanische Republik und Haiti sowie die Zwergstaaten Grenada, Dominica, St. Kitts und Nevis sowie St. Vincent und die Grenadinen die diplomatischen Verbündeten Taiwans. Die karibischen Offshore-Finanzzentren wie die Jungfern-Inseln und die Bermudas spielen die Rolle eines Kanals für politisch delikate Geldgeschäfte zwischen China und Taiwan. Die 18.000 EinwohnerInnen zählenden britischen Jungfern-Inseln haben im vergangenen Jahr nach Angaben des Pekinger Außenhandelsministeriums Moftec gar Taiwan und Singapur als externe Kapitalquelle für die Volksrepublik überholt und liegen nun an dritter Position hinter Hongkong und den USA. Der karibische Archipel steigerte seine Investitionen im Reich der Mitte um satte 106 Prozent auf knapp 7,6 Milliarden US-Dollar. Damit kletterte der Anteil an den ausländischen Direktinvestitionen in China von 0,8 Prozent 1995 auf knapp 10 Prozent in 2000. Aus den winzigen Jungfern-Inseln wurden somit in China bis Ende Februar halb so viele genehmigte Auslandsfirmen registriert wie aus der gesamten EU. Hinter der statistischen Finanzmacht der Jungferninseln stehen vor allem taiwanische Firmen, die unter Umgehung der strengen Kontrollen für Geschäfte mit dem Festland auf dem Umweg über die Karibik in der Volksrepublik investieren. Doch auch (Staats-)Firmen von dort nutzen die karibischen Finanzoasen, in dem sie durch Briefkastenfirmen Kapital über die Karibik wieder nach China zurückleiten. Dort gilt es dann als Auslandskapital und genießt Privilegien, die einheimschen Firmen in China nicht zustehen.

“Wir sind alle eins, im positiven Sinn”

In Deutschland gilt Trinidad und Tobago als afrokaribisches Land, bekannt durch den Karneval und den Calypso. Fast niemand weiß, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung indisch-asiatischer Herkunft sind. Wie läuft es auf Trinidad zwischen den Ethnien, macht jede Community ihr Ding oder gibt es ein multikulturelles Miteinander?

Ich glaube Trinidad ist ein gutes Beispiel für eine multikulturelle Gesellschaft. Selbstverständlich machen die Afrokariben ihr Ding und die Inder machen Ihres. Aber trotzdem verstehen wir uns als eine Gesellschaft – trotz aller Versuche der Politiker, besonders vor Wahlen, die Rassen-Karte auszuspielen. Aber im Alltag leben Afrokariben zusammen mit Indern, mit Europäern. Wir alle sind eins im positiven Sinne, es ist ein gutes Beispiel für die Welt.
Unsere Probleme rühren woanders her, sie kommen direkt aus dem Kolonialismus. Wir sind zwar eine unabhängige Nation, aber das Gespenst des Kolonialismus wirkt weiter. Es wirkt im Erziehungswesen, es ist präsent in den kulturellen Werten, die dem Land übergestülpt wurden, es steckt im Rechtssystem. Ebenso wirkt die US-amerikanische Kultur über das Fernsehen, ich denke dabei zum Beispiel an MTV, und sie erschwert, dass sich eine starke trinidadische Identität herausbildet.

Trinidad und Tobago war bis 1962 britische Kolonie. Welche Geschichte wird in der Schule vermittelt, die englische oder die trinidadische?

Es ist ein zentrales Problem, dass wir keinen Geschichtsuntericht haben, der sich direkt auf unsere Wurzeln bezieht. Das hat Folgen für das (Selbst)Bewusstsein der ganzen Gesellschaft. Das ist eine Sache, die angegangen und geändert werden muss. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir es geschafft haben, über alle Rassengrenzen hinweg ein gutes Verhältnis zu entwickeln.

Nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 wurden indische Arbeiter auf die Insel geholt. Führte das nicht zu Konflikten?

Wenn die Arbeiter streiken und die Fabrikbesitzer andere Arbeitskräfte ins Land schaffen und sie als Streikbrecher einsetzen, dann schafft das selbstverständlich Feindseligkeiten. Die gab es auch damals zwischen den Afrikanern und der herbeigeholten indisch-asiatischen Bevölkerung. Trotzdem ist über die Jahre hinweg eine gemeinsame Grundlage entwickelt worden, kulturell, musikalisch und so weiter. Das hat alles zu einer trinidadischen Gesellschaft und Identität beigetragen.

Es heißt, die Afrokariben leben überwiegend in den Städten und die Inder mehr auf dem Land…

Das stimmt so nicht. Die Inder leben in der Stadt und auf dem Land, ebenso die Afrokariben…

Aber die Africans haben es wegen ihrer Vergangenheit als Sklaven weniger mit der Landwirtschaft?

Das ist richtig, aber dazu muss man wissen, dass den indisch-asiatischen Arbeitskräften in ihrem Arbeitsvertrag eine kostenlose Rückfahrt versprochen wurde. Oder an Stelle einer Rückkehr nach Indien ein Stück Land. Für die afrikanische Bevölkerung hat es nie eine Entschädigung für die gewaltsame Verschleppung aus ihren Herkunftsländern gegeben. Das ist eines der wesentlichen Probleme, warum es für Afrikaner schwierig war, nach der Abschaffung der Sklaverei an Land zu kommen. Deshalb zog es die meisten in die Städte, um der Situation auf den Plantagen zu entkommen.

Welcher ist der bedeutendste Einfluss der indischen Kultur auf die afrokaribische?

Das ist schwer zu beantworten. Sicherlich die Musik, die Kunst, aber in erster Linie die Küche, das Essen, das hat den größten Einfluss entfaltet.

Und in Bezug auf die Gebräuche und Sitten. Nehmen die Inder am Karneval teil?

In der indischen Community findet man die Hindus, die größtenteils als religiöse Gemeinde für sich leben, aber im Allgemeinen mischt sich das Leben, gibt es gegenseitige Einflüsse bei der Kleidung, dem Essen und alle nehmen am Karneval teil.

Aber der Karneval ist von Africans dominiert?

Es ist ein afrikanischer Karneval, in dem Sinne, dass er dort seinen Ursprung hat und sein Charakter afrikanisch ist. Er spiegelt die afrikanischen Traditionen, die traditionellen Masken und Zeremonien wider. Da liegt sein Ursprung. Gleichzeitig ist er aber die Feier der Emanzipation von der Sklaverei. So ist er direkt mit der Erfahrung der afrikanischen Bevölkerung verbunden. Aber mit der Zeit hat er sich zu einem trinidadischen Festival entwickelt, an dem alle teilnehmen: Africans, Inder, Europäer, andere Nationen. Es ist eine offene Kultur.

In den siebziger Jahren erlebte die Black-Power- Bewegung ihren Aufschwung. Hatte die indisch-asiatische Community nicht die Befürchtung, dass sich diese Bewegung auch gegen sie richtet?

Nicht generell. Das war eher eine Frage der Klasse, ob jemand zur oberen Gesellschaftsschicht gehörte. Dieser Teil der Community, der Geld hatte oder hohe Positionen in der Gesellschaft besetzte, war sicher besorgt. Aber einer der zentralen Grundsätze der Black-Power-Bewegung war: “Africans and Indians unite – Afrikaner und Inder schließt euch zusammen!“ Das war nicht nur ein Slogan, das war ein Kernsatz der Bewegung. Der Betonung des Schwarzen lag eine politische Definition zu Grunde: wenn du nicht weiß bist, bist du automatisch schwarz, und so schloss die Black-Power Bewegung die indisch-asiatische Community mit ein.

Nimmst du als Rastafari an Wahlen teil oder gilt für dich der Satz: “Rastaman don’t vote?”

Ich gehe nicht zur Wahl. Aber nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern weil ich keine Partei erkennen kann, die die Interessen des Volkes vertritt. Ich beobachte die beiden wichtigsten Parteien, die auf Trinidad und Tobago gerade die Politik aushandeln, dabei, wie sie viel mehr Energie in die multinationalen Konzerne und das große Business stecken, als sich um die Interessen des Volkes zu kümmern. Aber ich achte schon darauf, dass ich am politischen Prozess teilhabe, denn darum geht es im Leben. Deshalb muss ich bei jeder Regierung, die im Amt ist, ich sage bewusst Amt und nicht Macht, darauf schauen, was ich von dieser Regierung zu Gunsten meiner unmittelbaren Gemeinschaft zu erwarten habe und zu Gunsten des Volkes im Allgemeinen.

Bist du in Basisbewegungen engagiert?

Überwiegend auf kulturellem Gebiet, beispielweise in der Vorbereitung des Karnevals. Darüberhinaus lebe ich in einer Gemeinschaft namens Lavantil, die eine der unterdrücktesten Communities in Trinidad und Tobago ist. Hier schlägt gegenwärtig das kulturelle Herz von Trinidad und an dieser Gemeinde hängt mein Herz, denn hier bin ich geboren worden. Ich setze mich dafür ein, dass sich hier die Lebensbedingungen verbessern und suche dazu auch Unterstützung durch Regierungsgelder.

Globalisierung ist heute als Schlagwort in aller Munde. Wie schlägt sich die Globalisierung in Trinidad nieder?

Wir spüren sie, aber eigentlich ist Globalisierung für uns nichts Neues. Wir haben immer alles von außen bekommen: Neuigkeiten, Sichtweisen, Werte. Wenn ich Globalisierung höre, kann ich nur sagen OK, lasst sie rein. Wenn Globalisierung bedeuten würde, dass es keine Rolle spielt, wie klein ein Land ist, wenn klar ist, dafür stehen wir, das ist unser oder mein Angebot und es wird in der gleichen Weise akzeptiert wie das der großen Nationen, dann macht Globalisierung Sinn. Anders wäre es für uns die gleiche alte bekannte Sache.

Können die karibischen Gesellschaften nicht als Modell für eine andere, weltoffene Globalisierung dienen? Jede karibische Insel hat MigrantInnen in vielen Teilen der Welt, ob in New York, Großbritannien oder anderswo und damit viele Verbindungen zu anderen Kulturen.

Da kann ich nur zustimmen, das sehe ich genauso.

Interview: Martin Ling / Jürgen Vogt

KASTEN:
Trinidad und Tobago und Guayana

Die Bevölkerungsmehrheit auf Trinidad besteht aus Nachkommen afrikanischer SklavInnen und indischstämmigen BewohnerInnen, jeweils rund 40 Prozent. Die indischstämmige Bevölkerung sind Nachkommen der indischen VertragsarbeiterInnen, die nach Abschaffung der Sklaverei 1834 mit dem so genannten Indentursystem (Vertragsarbeitssystem) auf die Insel geholt wurden. 150.000 ArbeiterInnen wurden in den Jahren von 1844 bis 1917 für die Zuckerrohrplantagen angeworben. Ihre Kontrakte enthielten den kostenlosen Rücktransport nach Vertragsablauf. Die steigenden Reisekosten brachten die Verwaltung der seit 1802 britischen Kolonie auf die Idee, den ArbeiterInnen alternativ Kronland auf der Insel anzubieten. Etwa drei Viertel griffen darauf zurück. So kamen zu den christianisierten Afrikanischstämmigen indische Hindus und zu einem geringeren Teil Muslime hinzu. Während sich bis heute die Landbevölkerung überwiegend aus indischen Nachfahren konstituiert, haben sich die Schwarzen und Mulatten in den Städten niedergelassen und stellen das Gros der Industriearbeiterschaft und der öffentlichen Angestellten. So sind von den 350.000 EinwohnerInnen der Hauptstadt Port of Spain gerade mal zehn Prozent indischer Abstammung. 1962 erhielt Trinidad die Unabhängingkeit. 1995 wurde mit Basdeo Panday der erste indischstämmige Ministerpräsident gewählt (siehe LN 320).
Eine ähnliche Entwicklung fand auch auf dem nahe gelegenen Festland in Guyana statt. Bis 1966 Britische Kolonie, wurde die Sklaverei 1833 ein Jahr früher als auf Trinidad abgeschaft. Die neue Verhandlungsmacht der ehemaligen SklavInnen über die Löhne veranlasste auch hier die Zuckerrohrplantagenbesitzer, verstärkt Arbeitskräfte von außerhalb anzuwerben. Von 1834 bis 1917 wurden 340.000 ArbeiterInnen ins Land geholt, wovon 240.000 aus Indien kamen. Heute liegt der Anteil der indischstämmigen Bevölkerung mit gut 45 Prozent über dem, der Afrostämmigen mit gut 35 Prozent. Noch vor der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht ging mit Cheddy Jagan der erste indischstämmige Premierminister aus den Wahlen von 1953 hervor.
M.L./jüvo

Von alten Männern und falschen Zöpfen

Die Sonne steht hoch am Himmel über Havannas Chinatown. Unbarmherzig brennt sie auf die Marktstände am Rande der Altstadt nieder. Seit den frühen Morgenstunden steht Luis Chang in einem der weißlackierten Blechcontainer und verkauft Obst und Gemüse. Der Duft von reifen Früchten hängt in der Luft. Fliegen tummeln sich auf einer aufgeschnittenen Orange, spazieren über frische Paprika und lassen sich auf einer Papaya nieder – bis Luis sie mit einem Palmwedel verscheucht. Der kleine Mann schaut auf seine silberne Armbanduhr. Es ist kurz vor zwölf, Zeit zum Mittagessen.
Er nimmt sich einige Peso aus der Kasse, zieht einen kleinen Beutel aus den adrett aufgeschichteten Auslagen hervor und lässt ihn in einer Tasche seines Hemdes verschwinden. Mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedet er sich von den Kollegen im Container in die Mittagspause.
Er hat es nicht eilig, denn es sind nur wenige Meter bis zur Residencia China, seinem Zuhause, wo er gemeinsam mit elf anderen gebürtigen Chinesen wohnt. Vor zwei Jahren ist er in das Altenheim eingezogen. In der eigenen Wohnung wurde es dem 69-Jährigen mit dem pechschwarzen, sauber gestutzten Haarschopf zu einsam. Familie hat Luis genauso wenig wie sein Freund Rafael Chang, der in der Küche der Residencia den Kochlöffel schwingt.
Lächelnd zieht Luis das Beutelchen aus der Tasche seiner Guayabera, dem kubanischen Nationalgewand, und überreicht es dem weißhaarigen schlacksigen Koch mit der fleckigen Schürze. Mit seinen 85 Jahren steht Rafael immer noch gern am Herd und mit großen Augen öffnet er den Beutel. „Jengibre“ – Ingwer ruft er freudig und täschelt dem Freund dankbar die Schulter.
Gewürze sind rar in Kuba und Rafael fehlen oft die Zutaten, um so zu kochen, wie er es von früher her gewohnt ist. „Es wird kaum etwas aus China importiert“, klagt er, „und fast alles wird nur gegen Dollar verkauft.“ Dollar besitzt der alte Koch, der aus Foshan, einer Stadt in der Nähe Hongkongs stammt, jedoch nicht. Umso mehr freut er sich, wenn ihm Luis etwas vom Markt mitbringt.

Waschechte Chinesen im barrio chino

1929, mit dreizehn Jahren, hat Rafael China gemeinsam mit seinen Eltern verlassen, die in Kuba ihr Glück suchen wollten und sich in Villa Clara ansiedelten. „Zeitlebens haben sie davon geträumt zurückzukehren, aber irgendwann waren sie zu alt für die Reise“, erzählt Rafael, der bei ihnen blieb und vor fünf Jahren nach Havanna übersiedelte. Geheiratet hat er genauso wenig wie Luis, der aus der gleichen Provinz stammt, jedoch fast sein ganzes Leben in Havannas Chinesenviertel verbracht hat.
Die beiden gehören zu den rund 300 waschechten Chinesen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einwanderten und heute noch in Kuba leben. „Damals gab es eine große chinesische Gemeinde in Kuba, und Havannas barrio chino war das lebendigste Lateinamerikas“, sagt Luis. Zahlreiche Vereine, sozialer, kultureller und geschäftlicher Natur, überzogen das Viertel wie ein Netz und waren Anlaufstelle nicht nur für Neuankömmlinge. Dort gab es Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und Vertrautes fernab der Heimat. Einige dieser Vereine haben bis heute überlebt. So zum Beispiel das Casino Chung Wah, das älteste und wichtigste Zentrum der chinesischen Gemeinde in Kuba. Hier treffen sich die Alten wie Luis und Rafael, um über längst vergangene Zeiten zu plaudern, die chinesischen Feiertage zusammen zu begehen oder der zweiten und dritten in Kuba aufgewachsenen Generation zu erklären, was sie beziehungsweise ihre Eltern nach Kuba geführt hat.

Zuckerrohrschneiden für 4 Pesos im Monat

Die Ersten von insgesamt rund 150.000 Chinesen setzten 1847 ihren Fuß auf die Insel: 206 Bauern waren es, die für die Zuckerrohrernte angeworben wurden. Acht Jahre sollten sie auf den Plantagen für 4 Peso im Monat schwitzen. Wer die Tortur überstand, musste sich eingestehen, dass mit den wenigen Peso, die am Ende übrig blieben, der Weg nach Hause verbaut war. Also siedelten sie sich unter elenden Bedingungen rund um Havannas Abwasserkanal, die Zanja, an. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs auch das Chinesenviertel. Neuankömmlinge aus den Nachbarländern, vor allem den USA, investierten: Eine Importgesellschaft entstand, genauso wie Theater, Kinos, Apotheken, Opiumhöhlen oder das Casino. Nicht nur im Handel spielten die Chinesen eine Rolle, auch an den kubanischen Unabhängigkeitskriegen nahmen sie teil. Bekanntestes Beispiel ist der Teniente Tankredo, der es bis zum General im zweiten Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien brachte. Nach der kubanischen Revolution von 1959, die von den Chinesen mit einem eigenen Milizbataillon unterstützt wurde, verblassten die Zeugnisse des chinesischen Einflusses, die im Casino lebendig gehalten werden, zusehends.
Dem Untergang des barrio chino und dem Vergessen der chinesischen Kultur wird seit einigen Jahren allerdings nicht mehr tatenlos zugesehen. Einige engagierte Nachkommen chinesischer Einwanderer haben sich 1992 zusammengefunden, um zu retten, was zu retten ist. An die eigene Tradition will man anknüpfen, das Viertel wiederbeleben und zu neuer Größe aufpäppeln, erklärt Elisa León, Mitglied der „Gruppe der Förderer des Chinesenviertels“. Die 49-jährige chinesischstämmige Biologin, arbeitet seit 1993 in der Organisation. Aus der Suche nach der eigenen Identität, mit der für sie alles begann, ist längst ein neuer Beruf geworden. Ihre Arbeit an einem Forschungsinstitut hat sie aufgegeben, was kaum möglich gewesen wäre ohne die Hilfe der Regierung, die sich dazu entschied, die Arbeit der Gruppe zu unterstützen. Sie wurde zur Regierungsorganisation befördert und erhielt recht weit gehende Autonomie, erinnert sich die viel beschäftigte Frau.

Das Viertel lebt wieder auf

Sämtliche Steuereinnahmen, die in den Straßen mit so klangvollen Namen wie Dragones, Rayo oder Sol y Villages erwirtschaftet werden, fließen in die Kasse der Organisation. Die kulturelle Arbeit, mit der die Gruppe begann, ist zu Gunsten der Kommerzialisierung des Viertels in den Hintergrund getreten. Sprachkurse und Seminare zur Geschichte der Gemeinde werden zwar nach wie vor organisiert, aber im Fokus der Gruppe steht der Aufbau einer leistungsfähigen Dienstleistungsstruktur im barrio chino. Für die Eröffnung von Restaurants, die Gründung kleiner Familienbetriebe, aber auch für die Planung von Hotels und Pensionen zeichnet die Gruppe verantwortlich. Das Angebot soll, so Elisa León alias Mayei Kui, kontinuierlich erweitert werden.
Die Handschrift der Gruppe ist in den noch vor wenigen Jahren durch Apathie und Verfall gekennzeichneten Häuserschluchten rund um die Zanja deutlich zu erkennen. Was 1968 während der zweiten kubanischen Verstaatlichungswelle enteignet wurde, scheint über dreißig Jahre später wieder aufzuerstehen. Alte Geschäftsschilder erstrahlen in neuem Glanz, Rollläden werden hochgezogen, Türen öffnen sich, hinter denen kleine Geschäfte, wie die Wäscherei an der Ecke Manrique, zum Vorschein kommen. Grundlage für den bescheidenen Boom ist die Legalisierung der „Arbeit auf eigene Rechnung“, der im September 1993 verabschiedeten gesetzlichen Grundlage für die Selbständigkeit in Kuba. Damit war es erstmals seit 1968 wieder möglich Handel zu treiben, wenn auch in engen Grenzen, was von der chinesischstämmigen Bevölkerung schnell genutzt wurde. Ständig entstehen neue Betriebe, von denen die meisten von chinesischen Familien betrieben und von der Gruppe der Förderer verwaltet werden.
Die Residencia China gehört ebenfalls dazu, die auch Miguel Barnet schon besucht hat. Er arbeitet an einem neuen ethnologischen Roman über die Geschichte und die Einflüsse der chinesischen Gemeinde in Kuba. Luis hat ihn schon gesprochen und ist begeistert, dass den alten Chinesen auf einmal Aufmerksamkeit geschenkt wird. Symbolisiert wird das Erwachen des Chinesenviertels durch ein überdimensioniertes Eingangstor, welches einer chinesischen Seifenoper entstammen könnte. Das 13 Meter hohe Kitschungetüm markiert den Eingang zur kleinen Meile chinesischer Restaurants und Garküchen, die das Herz des ehemals bekanntesten Chinesenviertels Lateinamerikas bilden.

Kein Karneval ohne chinesische Trompete

Die Einflüsse chinesischer Kultur sind jedoch auch abseits des Viertels sichtbar. So darf die Corneta China, die chinesische Trompete, auf keinem Karneval fehlen, und sowohl der Reis als auch die zahlreichen Gemüsesorten sind aus der kubanischen Küche kaum mehr wegzudenken. Besondere Aufmerksamkeit wird auch der traditionellen chinesischen Medizin zuteil. Die Akupunktur, aber auch die Verwendung traditioneller Heilkräuter sind in Kuba angesichts der chronischen Engpässe bei der Medikamentenversorgung zu einer echten Alternative geworden.
Für Luis kommen die vielfältigen Aktivitäten im barrio chino jedoch recht spät. „Zwar ist es schön, dass endlich etwas passiert, aber wir Alten werden davon nichts mehr haben. Unser Viertel wird zum Chinesenviertel ohne Chinesen.“

Die japanische Mauer

Das Jahr 1873 war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zu dieser Überzeugung gelangt, wer auf der Internetseite des japanischen Außenministeriums die Geschichte der peruanisch-japanischen Beziehungen nachliest. Diese begannen in jenem Jahr mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Kurze Zeit später, 1899, betraten die ersten 790 japanischen EinwanderInnen auf der Suche nach Arbeit in der peruanischen Hafenstadt Callao lateinamerikanischen Boden.
Heute ist die japanische Kolonie in Peru mit 80.000 Menschen die zweitgrößte in Lateinamerika. Das japanische Außenministerium erwähnt stolz, dass es mit Alberto Fujimori ein nisei, ein Sohn japanischer Einwanderer, bis zum Präsidenten gebracht habe. Es lobt außerdem die exzellenten Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern, und es zitiert eine peruanische Meinungsumfrage: Nach ihr hielten im Jahre 1995 über 70 Prozent der peruanischen Bevölkerung Japan für die vertrauenswürdigste Nation der Welt.
Dabei unterscheiden die PeruanerInnen ihre MitbürgerInnen japanischer Herkunft nicht einmal von jenen, die aus China oder Korea stammen: alle OstasiatInnen werden unter dem Oberbegriff chinos, Chinesen, zusammengefasst. Das liegt wohl daran, dass die chinesischen EinwanderInnen noch vor den ersten JapanerInnen peruanischen Boden betraten und deren Gemeinde, zählt man die Abkömmlinge aus Mischehen mit, inzwischen auf über eine Millionen Menschen zur größten chinesischen Kolonie in ganz Lateinamerika angewachsen ist. Die aktuelle Erfolgsbilanz der chinesisch- und japanischstämmigen PeruanerInnen liest sich nicht schlecht: zahlreiche Ministerposten und Abgeordnetensitze in den letzten zehn Jahren sowie Bilderbuchkarrieren in Wirtschaft und Behörden. UnternehmerInnen chinesischer Herkunft besitzen etwa 40 Prozent der peruanischen Lebensmittelgeschäfte und stellen den mächtigsten Supermarktbetreiber des Landes; über 70 Prozent der japanischstämmigen PeruanerInnen ist im Handel tätig.

Der Ex-Präsident im japanischen Exil

Nach dem ruhmlosen Abtritt Präsident Fujimoris ist allerdings der Einfluss der beiden Kolonien auf die Politik wieder spürbar zurückgegangen. Kein Wunder: Die Regierung Fujimori stellte sich als das korrupteste Regime der peruanischen Geschichte heraus. Überdies hob das peruanische Parlament erst Ende August einstimmig Fujimoris Immunität auf, die ihm als Ex-Präsident zustand. Damit kann er wegen mehrfachen Mordes angeklagt werden. Denn Fujimori steht unter dringendem Verdacht, zwei Massaker angeordnet zu haben, bei denen über 25 ZivilistInnen von Paramilitärs hingerichtet wurden.
Die Beziehungen zwischen Peru und Japan sind inzwischen auf einem Tiefpunkt angelangt, weil die japanische Regierung sich beharrlich weigert, den in das Land seiner Vorfahren geflüchteten Ex-Präsidenten auszuliefern. Nicht nur das: Neben Fujimori wurde auch seiner Schwester Rosa und deren Mann Victor Artomi die japanische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Artomi war bis Ende letzten Jahres peruanischer Botschafter in Tokio und wird zusammen mit seiner Frau von der peruanischen Justiz beschuldigt, Dollarbeträge in Millionenhöhe veruntreut zu haben.
Die japanische Kolonie in Peru ist über diese Entwicklung nicht glücklich. Seit einigen Monaten versammeln sich in steter Regelmäßigkeit DemonstrantInnen – zuweilen Tausende – vor der japanischen Botschaft in Lima und fordern die sofortige Auslieferung Fujimoris und Artomis.

Abriss der Botschaftsmauer

Sogar vor dem japanischen Kulturinstitut, einer Einrichtung, die hauptsächlich von japanischstämmigen PeruanerInnen genutzt wird, werden Protestaktionen organisiert. Die Bürgermeisterin des Hauptstadtbezirks Lince ließ kürzlich ohne Vorwarnung eine Sicherheitsmauer niederreißen, die die japanische Botschaft umschloss, worüber sich die japanische Regierung verstimmt zeigte. Als Begründung für den Abriss wurde angegeben, die Mauer sei vor über zehn Jahren ohne Genehmigung der zuständigen Behörden errichtet worden. Der anschließende Applaus der peruanischen Medien zeigte deutlich: Die zehnjährige Regierungszeit Fujimoris hat das Ansehen der JapanerInnen nur vorübergehend gehoben. Würde die vom japanischen Außenministerium auf seiner Internet-Seite zitierte Umfrage heute wiederholt, sähen die Ergebnisse sicher völlig anders aus.
Auch die chinesische Gemeinde in Lima musste Federn lassen. Zu sehr hatte Präsident Fujimori neben seinen japanischstämmigen FreundInnen auch Angehörige der chinesischen Minderheit mit guten Posten versorgt. Deren oberster politischer Repräsentant Victor Joy Way, unter Fujimori Parlamentspräsident und Industrieminister, steht seit einigen Wochen unter Hausarrest. Er soll unter anderem Staatsgelder aus der Privatisierung öffentlicher Unternehmen in großem Rahmen für illegale Waffenkäufe abgezwackt haben, für die er Provisionen in Millionenhöhe kassierte. Etlichen PolitikerInnen japanischer oder chinesischer Herkunft gelang es Anfang der 90er Jahre auch deshalb Karriere zu machen, weil ihnen weniger der Stallgeruch der Korruption anhaftete als der zuvor herrschenden politischen Klasse. Dieser Vertrauensvorschuss ist endgültig dahin.

Die Mär von der Freundschaft

Das japanische Außenministerium müsste seine Internetseite über die Beziehungen zur Republik Peru aber nicht nur dringend aktualisieren, sondern auch völlig neu gestalten. Denn die Mär von der peruanisch-japanischen Freundschaft war schon immer falsch. Ein Blick zurück auf die Geschichte der japanischen EinwanderInnen: Zwischen 1899 und 1924 kamen etwa 18.000 Arbeit suchende JapanerInnen im Hafen von Callao an.
Die große Mehrheit waren landlose BäuerInnen oder ehemalige Soldaten, die nach dem Ende des japanisch-russischen Krieges keinen Sold mehr bezogen. Sie heuerten als LandarbeiterInnen an, betrieben nach kurzer Zeit Restaurants, Bäckereien, Frisörläden, Bazare, Schneidereien oder widmeten sich Export- und Importgeschäften. Ab 1924 zogen nur noch FreundInnen und Verwandte der bereits in Peru ansässigen JapanerInnen nach. Nicht zuletzt den Handelsaktivitäten der japanischen SiedlerInnen war es zu verdanken, dass ihr altes Mutterland bereits Anfang der 30er Jahre den zweiten Platz bei den peruanischen Importen einnahm. Dabei war in Peru der Billigimport von Textilien nicht gern gesehen. Verschiedene peruanische Medien starteten damals eine Hetzkampagne gegen japanische Textilimporteure, von denen sie die heimische Fertigung bedroht sahen. In der Folge kam es im Mai 1940 zu einer Plünderung japanischer Geschäfte, die 620 japanische EinwanderInnen obdachlos werden ließ.
Der zweite Weltkrieg brachte weiteres Unheil für die japanische Gemeinde in Peru. Im Jahre 1942 brach die peruanische Regierung die diplomatischen Beziehungen zu Japan ab, suspendierte sämtliche kommerziellen und finanziellen Beziehungen und ließ 1500 ansässige JapanerInnen auf Druck der US-Regierung in Konzentrationslager der Vereinigten Staaten deportieren. Im Februar 1945 erklärte die peruanische Regierung Japan den Krieg und beschlagnahmte japanische Besitztümer, unter anderem allein in Lima fünf Schulen. Nicht zuletzt diese Ereignisse trugen dazu bei, dass sich die japanische Gemeinde in Peru stark zusammenschloss und weitgehend isolierte.

Chinesische Zwangsarbeiter

Die Geschichte der chinesischen Einwanderung stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Sie begann 1849 mit einem Gesetz der peruanischen Regierung, das jedem Menschenhändler, der 50 Arbeitskräfte im Alter zwischen zehn und fünfzig Jahren nach Callao beförderte, eine stattliche Prämie zusicherte. Hintergrund war der Guanoboom, der inzwischen das Land erfasst hatte. Die Exkremente, von riesigen Vogelschwärmen auf den peruanischen Felsen der Pazifikküste hinterlassen wurden, sorgten damals in Europa als Düngemittel für eine Agrarrevolution. Die auf den Plan gerufenen Menschenhändler wurden vor allem in China fündig und schafften bis 1875 knapp hunderttausend Männer heran, insbesondere aus der Provinz Kanton und der portugiesischen Kolonie Macao. Schon auf den Transportschiffen wurden die Chinesen wie Tiere zusammengepfercht. Über zehn Prozent der Passagiere bezahlte die Überquerung des Pazifiks mit dem Leben.
Einmal in Peru angekommen, wurden sie an Plantagenbesitzer oder Guanoexporteure verkauft. Der Form halber – es handelte sich formal schließlich nicht um SklavInnen – bekamen die frischen Arbeitskräfte einen Kontrakt für die Zeit von acht Jahren. Doch da sie fast ausschließlich Analfabeten waren, konnten sie ihre Verträge ohnehin nicht lesen. Fakt war: Während der acht Jahre durften sie ihren Arbeitsplatz nicht ohne Zustimmung ihres Patrons verlassen, und die meisten konnten es auch anschließend nicht, weil ihr Patron dafür sorgte, dass sie anstelle von Ersparnissen Schulden bei ihm anhäuften. Sie lebten zum großen Teil unter den gleichen Verhältnissen wie die schwarzen Sklaven auf den Baumwollfeldern und Zuckerrohrplantagen an der peruanischen Pazifikküste. Bis zu 10.000 Chinesen wurden zum Bau der Eisenbahnlinien herangezogen, auf denen peruanische Erze und Mineralien aus dem Andenhochland zu den Häfen der Pazifikküste transportiert werden sollten. Deren Landsleute hatten sich schon zuvor als prächtige Zwangsarbeiter beim Bau der US-Eisenbahn über die Rocky Mountains erwiesen.
Tausende chinesischer Arbeitssklaven verendeten unter der Obhut ihres Patrons elendig. Meutereien oder Massensuizide verbesserten die Arbeitsbedingungen nicht. Die Diskriminierung der Chinesen erreichte ihren Höhepunkt, als im peruanisch-chilenischen Salpeterkrieg die auf peruanisches Territorium vorgerückte chilenische Armee chinesische Zwangsarbeiter aus ihren menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen befreite und diese wiederum als Dank in chilenischer Uniform gen Lima marschierten. Als Folge kam es 1881 zur Plünderung chinesischer Geschäfte in Lima und zu einer Reihe weiterer Übergriffe gegenüber der chinesischen Bevölkerung. Noch 1936 verabschiedete die peruanische Regierung ein Gesetz, das sich explizit gegen japanische und chinesische BürgerInnen richtete. Danach wurde die Einwanderung auf 16.000 Personen einer Nationalität begrenzt, eine Ziffer, die bis dato nur von den ImmigrantInnen dieser beiden Länder erreicht worden war.

Kochkunst aus Kanton

Die Integration in die ohnehin multikulturelle peruanische Gesellschaft ist den ChinesInnen dennoch besser gelungen als den JapanerInnen. Sie waren schließlich von Anfang an gezwungen gemischte Ehen einzugehen, weil die Menschenhändler damals für chinesische Frauen keine Prämien erhielten. Ein Großteil der chinesischen Bevölkerung hat sich taufen lassen. Viele Nachkommen der ersten Einwanderer beherrschen die chinesische Sprache heute weder in Wort noch Schrift. Doch der Einfluss der chinesischen Kultur in Peru nicht zu übersehen. In Lima gibt es immer noch zwei chinesischsprachige Zeitungen, und das direkt hinter dem peruanischen Kongress gelegene chinesische Viertel der Hauptstadt wird restauriert. Fest zur peruanischen Kultur gehören vor allem die vielen chifas, die chinesischen Restaurants, von denen es allein in Lima über tausend gibt. Die dort angebotenen Gerichte sind Produkt der kantonesischen Kochkunst und werden von den PeruanerInnen inzwischen sogar als Nationalgerichte akzeptiert.
Die japanische Kolonie in Peru hat sich dagegen bis heute weitgehend abgesondert und ebenso wie die Botschaft ihres Mutterlandes eine Mauer um sich errichtet. Das ist vor allem immer noch den schlechten Erfahrungen während der Kriegszeit geschuldet. Zwar sind auch von den Nachfahren der japanischen EinwanderInnen viele zum christlichen Glauben übergetreten, doch eine ganze Reihe PeruanerInnen japanischer Abstammung hat sich auch in der vierten Generation noch nicht auf eine Mischehe eingelassen. In der japanischen Gemeinde wird weiterhin der Gebrauch der Muttersprache gepflegt, obwohl sie teilweise nicht mehr korrekt gesprochen wird. Nur ist es nach den Erfahrungen mit der Regierung Fujimori äußerst unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft nochmals einem chino gelingt, peruanischer Präsident zu werden.

Pendeln zwischen den Kulturen

Absolute Stille. Wer wochentags das „Tal der Tempel“ Kinkaku-Ji aufsucht, eine waldähnliche Parkanlage 40 Kilometer südwestlich von São Paulos Stadtzentrum, merkt erst, was in der Megametropole nicht mehr zu haben ist. Über einen Teich hinweg kann man vortrefflich meditieren, den buddhistischen Goldenen Tempel im Blick, der dem Original in Kyoto nachempfunden ist. Das ökumenische Friedhofszentrum bietet ab 350 Mark einen Stellplatz für die Urne an.
Asiatisches Flair. Die Praça da Liberdade in São Paulo ist zur gleichen Zeit einer der Knotenpunkte pulsierenden urbanen Lebens. StraßenverkäuferInnen aus dem Nordosten bieten Billigsnacks oder eisgekühltes Kokoswasser an. Doch die chinesischen und japanischen Schriftzüge, auf die selbst der unvermeidliche McDonalds hier nicht verzichtet, und der Vielvölkermix unter den PassantInnen erinnern an San Franciscos Chinatown oder Soho in London. Die Straßen werden von roten Säulengängen gesäumt. In Plattenläden hören sich cool gestyle Jugendliche frisch aus Japan importierte CD-Singles an.
Der erste Haiku. Die 190.000 JapanerInnen, die zwischen 1908 und 1941 nach Brasilien kamen, arbeiteten fast ausschließlich in der Landwirtschaft – zuerst auf den Kaffeeplantagen im Hinterland von São Paulo. Es war für die Meisten eine extrem harte Zeit, wie der wohl erste in Brasilien verfasste Haiku bezeugt:
Am Spätnachmittag
Wein´ ich im Schatten des Baums
Beim Kaffeepflücken.
Autor dieser Zeilen ist der Agent der Kaiserlichen Kolonisierungsgesellschaft Shuhei Uetsuka, der von den ersten EinwanderInnen für ihre missliche Lage verantwortlich gemacht wurde – von einigen erhielt er sogar Morddrohungen.

„Geist Nippons“ verklärt

Durchhaltevermögen. Die Geisteshaltung des gambarê half über die Durststrecken in der unwirtlichen Fremde hinweg: Das demütige Akzeptieren aller Härten als Schicksal, die Ausdauer und der unbedingte Siegeswille der ImmigrantInnen werden in den Romanen über die Pionierzeit hervorgehoben und zum „Geist Nippons“ verklärt.
Schmutzige Herzen. Auf den ersten Kulturschock folgte die traumatische Erfahrung des ultranationalistischen Regimes Estado Novo (ab 1937) und des Zweiten Weltkriegs, als die nikkeis ähnlich wie Deutsche und ItalienerInnen zu internen StaatsfeindInnen deklariert wurden. Ein Teil der Kolonie war unfähig, sich die Niederlage Japans vorzustellen, und verfolgte alle Andersdenkenden bis aufs Messer. Ein dankbarer Stoff für den aktuellen Bestseller Corações Sujos „Schmutzige Herzen“ von Fernando Morais.
Lockruf der Stadt. Die EinwanderInnen der ersten Jahrzehnte mussten sich zwangsweise als KontraktarbeiterInnen in der Landwirtschaft betätigen. Dort führten sie zahlreiche Obst- und Gemüsesorten ein. 1945 zerschlug sich für viele von ihnen endgültig der Traum von der Rückkehr nach Japan. Um ihren Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen, zogen in der Folgezeit viele in die Städte.
Identitäten. Die BrasilianerInnen japanischer Herkunft – heute schätzt man sie auf anderthalb Millionen – bezeichnen sich selbst als nikkei-Kolonie. Issei ist der (oder die) japanische ImmigrantIn. Deren Kinder heißen nisei. In der dritten Generation folgen die sansei, in der vierten die yonsei. Und aus Mischheiraten gehen die não sei (portugiesisch: “weiß nicht”) hervor.
Heimliche Hauptstadt. „Liberdade ist das Herz der nikkei-Gemeinschaft“, sagt Célia Oi, die Direktorin des „Museums der japanischen Einwanderung“. Geschäftsleute japanischer, später auch chinesischer und koreanischer Herkunft hätten den Stadtteil im Zentrum São Paulos erst seit den Sechzigerjahren zu einem „orientalischen Viertel“ entwickelt – mit Geschäften, Dienstleistungsbetrieben und Lokalen aller Art. Doch wichtigste Anlaufstelle für die Neuankömmlinge aus Übersee war Liberdade spätestens seit der zweiten Einwanderungswelle, die von 1953 bis 1973 anhielt.
Brasilianisierung. Heute gibt es keine arrangierten Hochzeiten mehr. Für die allermeisten nikkei-Jugendlichen ist Japanisch eine Fremdsprache. Doch von Außenstehenden werden sie regelmäßig als „JapanerInnen“ angesprochen, was sie zu einer ständigen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zwingt. Da das moderne Japan in Brasilien einen sehr guten Ruf genießt, ist das weniger schmerzhaft als etwa für Migrantenkinder in Nordamerika oder Europa. Übrigens: 2000 hieß der Sieger des Internationalen Rodeoturniers von Barretos, einem Symbol der brasilianischen Binnenlandkultur, Márcio Suzuki.
Gegenbewegung. „Eine Zukunft in Japan“ – in Liberdade werben solche Schilder unübersehbar für die Auswanderung in das Industrieland auf der gegenüberliegenden Seite des Erdballs. Seit 1985 fließt der MigrantInnenstrom von Brasilien nach Japan. Rund 250.000 dekasseguis („GastarbeiterInnen“) leben bereits dort. Für einen festen Job verschulden sich die jungen Ausreisewilligen bei ArbeitsvermittlerInnen mit über 6.000 bis 9.000 Mark – und arbeiten dann monatelang nur, um aus den roten Zahlen zu kommen. 12-Stunden-Tage in der Industrie sind keine Seltenheit. Nach sieben Jahren Schufterei in Japan hat sich Ilísia Teruko Kavagouth eine Drei-Zimmer-Wohnung in São Paulo gekauft. Die 49-Jährige plant noch einen mehrjährigen Arbeitseinsatz in Tokyo, denn: „Zum Leben ist Brasilien gut, aber Geld verdient man besser in Japan.“