Peru wird nicht im 21. Jahrhundert ankommen, solange weiterhin das Denken fortbesteht, für Bäuerinnen und Bauern würden keine Menschenrechte gelten. Das Innenministerium hat ein Video mit einer Botschaft über den Tod des Bauern Quintino Cereceda veröffentlicht, das sich sehr deutlich von der Haltung der Vorgängerregierungen unterschied. Darin wurde anerkannt, dass Cereceda am vergangenen Freitag (14. Oktober 2016, Anm.d.Red.) in Cotabambas (Apurimac) durch einen Schuss in die Stirn ermordet wurde. Das Ministerium wies darauf hin, dass es mehrere Irregularitäten im Polizeieinsatz gab. Ein Polizeieinsatz, der die Menschenrechte nicht berücksichtige, sei inakzeptabel, das Verbrechen werde aufgeklärt und sanktioniert.
Bisher konnten peruanische Polizisten davon ausgehen, dass sie straflos bleiben würden, wenn sie einen Bauern getötet haben. Ungefähr so, wie es in ähnlicher Weise in den USA geschieht, wenn ein Polizist einen unbewaffneten Afroamerikaner tötet. Diese Straflosigkeit hatte Bestand bei allen Morden an Bauern, die von der Nationalen Polizei Perus unter den Regierungen von Alejandro Toledo (2001-2006), Alan García (2006-2011) und Ollanta Humala (2011-2016) begangen wurden.
Der erste Mord ereignete sich in 2002, als Marcelino Sulca zu Tode kam. Die Polizei schoss ihm eine Tränengasgranate auf den Oberkörper. Der Innenminister jener Epoche, Fernando Rospigliosi, stärkte der Polizei den Rücken und während der folgenden Jahre der Regierung Toledo wurden weitere zehn Bauern ermordet. Lediglich unter der kurzen Amtszeit von Gino Costa als Innenminister gelang es, der Polizeigewalt Einhalt zu gebieten.
In der Regierungszeit von Alan García gab es noch mehr Morde an Bauern. Es traf vor allem jene, die an Protesten teilnahmen. Während des nationalen Bauernstreiks 2008 tötete die Polizei Julio Rojas in Barranca sowie Emiliano García und Rubén Pariona in Ayacucho. Merkwürdig war: Obwohl die Morde in unterschiedlichen Regionen geschahen, wurden alle drei durch Schüsse in den Kopf getötet – als ob die Polizei einen Befehl von oben erhalten hätte. In jenem gewalttätigen Jahr stand die Nationale Polizei Perus unter dem Kommando von Octavio Salazar, der in der aktuellen Legislaturperiode Kongressabgeordneter der rechtsgerichteten Fujimori-Fraktion ist.
Unter der Regierung von Alan García war Puno eine der Regionen, wo die heftigste Polizeigewalt ausgeübt wurde. Am „Tag des Bauern” 2011 kam es zum Massaker von Juliaca: Die Polizei erschoss Félix Vircanota, Antonio Campos, Raúl Chacchata, Petronila Coa Huanca und Gregorio Huamán. Sie protestierten gegen die Verschmutzung des Flusses Ramis.
In jener Regierungszeit ermordeten auch die Streitkräfte mehrere Bauern, wie Franklin Estalla, der anfänglich als Mitglied der Terrorgruppe „Leuchtender Pfad” dargestellt wurde. Das Militär mordete auch am Río Seco, wo Félix Canchanya, Maximiliano Pichardo, Alejandro Pichardo und Rosa Chávez Sihuincha ums Leben kamen. Sehr wahrscheinlich wurden auch die Kinder Moisés (sechs Jahre) und Rosa Linda (ein Jahr) ermordet, die bis zum heutigen Tag als verschwunden gelten.
Zudem gibt es viele Fälle, in denen Bergbauunternehmen Verträge mit der Nationalen Polizei Perus abgeschlossen haben, die dadurch zu einem privaten Dienstleister wird. Dabei agieren die Polizeieinheiten scheinbar nicht einmal wie private Sicherheitsunternehmen, sondern wie Gruppen brutaler Söldner (siehe dazu auch die fortwährenden Angriffe und Attacken auf Máxima Acuña und ihre Familie, siehe LN 489, Anm.d.Red.). In Piura ermordete die Polizei im Dienste des Bergbauunternehmens Majaz-Monterrico Metals die Bauern Reemberto Herrera (2004) und Melanio García (2005). In letzterem Fall wurden zudem viele protestierende Bauern auf dem Gelände des Unternehmens festgehalten und gefoltert. Monterrico Metals wurde vor einem britischen Gericht verklagt, vermied jedoch einen Prozess und eine Schuldanerkennung durch die außergerichtliche Zahlung einer Entschädigung. In der Regierungszeit von García, nachdem das chinesische Unternehmen Zijin Monterrico Metals aufgekauft hatte, tötete die Polizei die Bauern Castulo Correa Huayama und Vicente Romero Ramírez (2009).
Während der Regierungszeit von Ollanta Humala nutzte die Polizei das Betriebsgelände des Schweizer Bergbauunternehmens Xstrata als illegales Gefangenenlager während der gewalttätigen Auseinandersetzungen in 2012, bei denen Rudencindo Manuelo Puma, Walter Sencia und der Greis Félix Yauri getötet wurden. Nur Wochen später kam es zu Protesten in Cajamarca gegen das Projekt Conga – die Polizei tötete Joselito Vásquez in Bambamarca sowie in Celendín die Bauern Eleuterio García, José Faustino Silva, José Antonio Sánchez sowie César Medina, der nur 18 Jahre alt war.
Angesichts des wiederkehrenden Panoramas der Straflosigkeit ist die Reaktion des jetzigen Innenministers Carlos Basombrío, der verfügte, dass beteiligte Polizisten auf Spuren untersucht werden, um herauszufinden, wer Quintino Cereceda ermordete, eine präzise Botschaft an die Polizei, dass das Leben eines Bauern respektiert werden muss. Es ist ebenfalls eine Botschaft an das chinesische Unternehmen MMG, dessen Willkür bereits vier Tote in Apurimac gefordert haben. Von daher sollte diese Gelegenheit auch genutzt werden, um die Verträge zwischen Bergbauunternehmen und der nationalen Polizei einer Revision zu unterziehen, denn diese haben die Polizei in den Augen der Bevölkerung delegitimiert.
NEOLIBERALE KOOPERATIVEN
Es war der traurige Höhepunkt der bisherigen Auseinandersetzung, als der bolivianische Innenminister Carlos Romero am Abend des 25. Augusts vor die Fernsehbildschirme trat und verkündete, dass sein Vize Rodolfo Illanes von demonstrierenden Bergarbeiter*innen ermordet worden sei. Zuvor starben bereits zwei Protestierende, mutmaßlich durch Schüsse der Polizei. Illanes war aufgebrochen, um mit den aufgebrachten Demonstrant*innen zu reden. Diese nahmen ihn stattdessen als Geisel, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Nach einem weiteren Zusammenstoß zwischen Polizei und Bergarbeiter*innen wird Illanes tot aufgefunden: Todesumstände ungeklärt. Klar ist: Der Schlichtungsversuch ist grausam gescheitert, der Konflikt zwischen der Kooperativenvereinigung FENCOMIN und der Regierung feindseliger ist denn je.
Dabei wenden sich die Protestierenden gegen das modifizierte Bergbau- und Metallverarbeitungsgesetz, das am achten August im bolivianischen Parlament verabschiedet wurde. Es regelt die Belange der Kooperativen neu, die in Bolivien neben staatlichen und (transnationalen) privaten Unternehmen einen Großteil des Bergbaus ausmachen. Das neue Gesetz sieht vor, dass Kooperativen keine Verträge mit nationalen und ausländischen Investor*innen ohne die Zustimmung der Regierung unterzeichnen dürfen. Das soll verhindern, dass Kooperativen sich Territorien aneignen, die transnationalen Konzernen zu Gute kommen könnten. Außerdem schreibt es die Gründung von Gewerkschaften innerhalb der Kooperativen fest. Die FENCOMIN lehnt diese beiden Eckpunkte ab und fordert außerdem die Aufhebung von Umweltauflagen sowie ihre kostenlose Energieversorgung durch den Staat. Der inhaltliche Konflikt spiegelte sich in den vergangenen Wochen auf den Straßen in Blockaden von Autobahnen und mehreren Demonstrationen. Die Polizei unterband diese mehrfach gewalttätig, wobei auch Demonstranten ums Leben kamen.
Dass scheinbar gemeinschaftliche Kooperativen gegen das Recht zur gewerkschaftlichen Vereinigung Sturm laufen und darüber hinaus die Möglichkeit zur Privatisierung staatlichen Bergbaus und den Verkauf an ausländische Investor*innen fordern, scheint paradox. Erklärungen für den jetzigen Konflikt und seine Brisanz finden sich in der jüngsten Bergbaugeschichte des Landes.
Als sich sowohl ausländische Unternehmen als auch die staatliche COMIBOL in den 80er- und 90er Jahren weitestgehend aus den Minen des Landes zurückzogen, hatte das Massenentlassungen von Bergarbeiter*innen zu Folge. Diese zogen zu großen Teilen ins wärmere Chapare, um Koka anzubauen oder in die sich neu formierende Millionenstadt El Alto bei La Paz. Jene, die in den schrumpfenden Bergbaugebieten im Hochland blieben, gingen auch fortan unter Tage, um den Bergen die letzten Edelmetalle zu entziehen. Später erhielten sie vom Staat die nötigen Konzessionen und Schürfrechte; die sogenannten Kooperativen entstanden: Lose Zusammenschlüsse von Minenarbeiter*innen, die vor allem auf sich selbst gestellt waren. Gearbeitet wurde auf eigene Rechnung, ohne Regeln, ohne Sicherheitsstandards oder soziale Absicherungen. Je nach Mine konnte die Organisation verschieden aussehen. In den meisten entwickelte sich aber ein hierarchisch geprägtes System, von dem jene profitierten, die Metalladern für sich beanspruchen und fortan andere „Kumpel“ für sich arbeiten lassen konnten. Am unteren Ende der Rangordnung stehen Frauen und Kinder, die oft schwere Arbeiten zu schlechtesten Bedingungen verrichten. Wer es sich leisten konnte, wurde „Socio“ – „Gesellschafter“ in den Kooperativen, die sich im Verband FENCOMIN zusammenschlossen. Manche der Kooperativen blieben klein, während andere schnell wuchsen. Mit dem steigenden Zinnpreis wuchs auch der Einfluss der FENCOMIN und sie wurde zu einem wichtigen Akteur in Boliviens Bergbauindustrie, kaufte zunehmend weitere Minen auf und dehnte sich aus. Auch politisch – in Konkurrenz zur sozialistischen und einst mächtigen FSTMB, die vor allem die staatlich beschäftigten Minenarbeiter*innen vertritt und Teil des bolivianischen Gewerkschaftsdachverbandes COB ist.
Statt mit der FSTMB gingen Präsident Evo Morales und die Regierungspartei Bewegung zum Sozialismus (MAS) vor der Wahl 2005 eine Allianz mit der FENCOMIN ein, die mittlerweile rund 10.000 Bergarbeiter*innen aus 900 Genossenschaften vertritt. Der neue Minister für Bergbau wurde Walter Villaroel, einer der Führer der FENCOMIN, und dementsprechend entwickelte sich die Bergbau-Politik der Folgejahre im Sinne der Kooperativen. In vielen Bereichen wie beim Arbeitnehmer*innenschutz wurden Ausnahmeregelungen bestätigt oder geschaffen. Ein Großteil der Bergarbeiter*innen der FENCOMIN musste unter viel schlechteren Bedingungen arbeiten als ihre Kolleg*innen bei den verbliebenen Betrieben der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL – und das ohne Gewerkschaftsrechte.
Als Evo Morales nach der Wiederwahl mit Guillermo Dalence einen Minister mit Nähe zum COB ernannte, kam es zum Bruch zwischen MAS und FENCOMIN. Aus dem Streit entwickelte sich ein anhaltender Machtkampf.
Mit den neuen Gesetzesregelungen versucht die MAS also nicht nur, die Ressourcen als Gemeineigentum zu retten und Arbeitnehmer*innenrechte durchzusetzen, sondern auch die Macht der Kooperativen zu schwächen. Es ist ein Kampf um die Kontrolle über die mineralischen Ressourcen, wobei nach wie vor transnationale Konzerne den größten Profit einstreichen. Während die MAS von der Allianz mit den Kooperativen profitierte, wurden die rechtlichen und ökonomischen Lücken zu Gunsten der Kooperativen jahrelang ignoriert. Schon 2008 zeigte das Dokumentations- und Informationszentrum Bolivien CEDIB auf, dass in den Kooperativen private Gewinne nicht nur auf Kosten prekärer und unsicherer Erwerbsarbeit, sondern zum Teil sogar auf nicht entlohnter Arbeit zur Schuldentilgung erwirtschaftet werden.
Bei den Protesten zwischen dem 23. und 25. August starben neben dem Vizeminister noch fünf Minenarbeiter aus Kooperativen. Angesichts der (Polizei-)Gewalt stellt sich die Frage, ob ein neues Niveau der Eskalation erreicht wurde. Oder rückt in diesem Fall nicht vielmehr Gewalt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die es an Orten des Bergbaus bereits gibt? Dort kommt es nämlich immer wieder zu gewaltvollen Konflikten, vor allem wenn sich Personen dem Bergbau widersetzen. Die Aufarbeitung der aktuellen Todesfälle beschäftigt zurzeit die Regierung und die Kooperativen, von denen inzwischen zehn Mitglieder in Untersuchungshaft sind.
Für die MAS bietet sich die Möglichkeit, sich in diesem Konflikt wieder ihrer Kernklientel zuzuwenden und als Regierung der Ausgebeuteten zu agieren. Als starker Staat reagierte die Regierung in den Tagen nach dem Tod ihres stellvertretenden Ministers: Drei Tage Staatstrauer und die postwendende Festnahme von 15 Minenarbeiter*innen, die für den Tod von Illanes verantwortlich sein sollen. Gegen den FENCOMIN-Vorsitzenden Carlos Mamani ist Anklage erhoben worden. Was als Showdown der Auseinandersetzung inszeniert wird, könnte nun der Anstoß für neue Zusammenstöße zwischen Staat und FENCOMIN sein.
HUNGER UND WASSERMANGEL

Die Not ist zu einem Dauerzustand geworden. „Seit vier Jahren hat sich in La Guajira nichts geändert”, sagte einer der Vertreter der Wayúu, Javier Rojas, bei einem Interview mit BLU Radio am 3. Februar. Eine Woche später erklärte die neue Gouverneurin Oneida Pinto von der rechtsliberalen Partei Cambio Radical den Verwaltungsbezirk im Nordosten Kolumbiens für zahlungsunfähig. Sie könne die anhaltende Krise nicht allein bewältigen, sagte sie gegenüber Präsident Juan Manuel Santos bei einem Besuch in der Hauptstadt Bogotá. Zusätzliche 27 Millionen Euro sollen dem Institut für das Wohl der Familie (ICBF) in La Guajira zur Verfügung gestellt werden, entschied der Präsident am 11. Februar.
Doch die Regierung hat das Ausmaß der Situation in La Guajira noch nicht begriffen, so Javier Rojas, der die Wayúus in Manaure vertritt. Nach einem aktuellen Bericht der Tageszeitung El Tiempo sind mehr als 34.000 Kinder in der Region unterernährt. Zwischen 2008 und 2015 starben insgesamt 4.770 Kinder unter sechs Jahren an vermeidbaren Missständen. Während Präsident Santos die Statistiken für übertrieben hält, gehen die Indigenen der Region, die eine eigene Volkszählung durchgeführt haben, von mehr als 5.000 Todesfällen von Kindern allein bis zum Jahr 2013 aus
„Die zunehmende Armut im Schatten großer Bergbauprojekte wurde von der Regierung bewusst ignoriert”, erklärte Rojas in dem Interview. Nun ist der Fluss Ranchería, die wichtigste Wasserquelle für die Wayúu, komplett ausgetrocknet. In den von der indigenen Gruppe traditionell betriebenen Salinen zur Salzgewinnung gibt es kaum Arbeit. Die von der Sonne verbrannten Felder und die geringen Fangquoten der kleinen Fischer*innen erlauben den Wayúu kaum Nahrung zu erwirtschaften, geschweige denn Geld zu verdienen. „Die Unterernährung vernichtet unsere Kinder”, beklagte der Vertreter der größten indigenen Volksgruppe Kolumbiens.
Die steigenden Temperaturen – eine Folge des Wetterphänomens El Niño – sowie die anhaltende Dürre in der Region verstärken die humanitäre Krise noch, sind aber nicht deren einzige Ursachen. Denn bereits vor zehn Jahren wurde der Zugang zu Trinkwasser für die Bevölkerung erheblich eingeschränkt: durch die Umleitung des Flusses Ranchería sowie den Bau eines Damms für die Versorgung von El Cerrejón, einem der größten Steinkohlebergwerke weltweit (siehe LN 492).
Während eine Ortschaft mit 47.000 Einwohner*innen pro Tag etwa 7,5 Millionen Liter Wasser konsumiert, verbraucht die Mine täglich 17 Millionen Liter. Dabei gibt es in vielen Ortschaften in Alta Guajira, dem Norden der Region, nahezu keinen Zugang zu Wasserquellen oder Wasserversorgungssystemen.
Mittlerweile hat der Wassermangel die Landwirtschaft der Region lahmgelegt. 90 Prozent der Familien leiden unter ständig wiederkehrenden Engpässen bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Dazu verdrängt der industrielle Fischfang die handwerkliche Fischerei der Wayúu, so der Anthropologe Weildler Guerra im Interview mit El Tiempo. Seitdem Venezuela im vergangenen September die Grenze zu Kolumbien geschlossen hat, um den Schmuggel von staatlich subventionierten Gütern zu unterbinden, sind die Bewohner*innen der kolumbianischen Seite der Halbinsel auf sich allein gestellt.
„Als die Kohleförderung anfing, haben wir stückweise tausende Hektar unseres Grundbesitzes verloren”, hieß es in einem Kommuniqué derWayúu beim Tribunal der Völker 2008. „Die Situation hat einen Punkt erreicht, an dem die Wayúu in Albania (Region Alta Guajira) keinen Zugang mehr zum Fluss haben, weil das an die Mine angrenzende Land privatisiert wurde. Unsere Stadtgemeinde liegt 500 Meter von der Mine entfernt. Wir essen Kohlenstaub und müssen mit den ständigen Sprengungen und dem Getöse der Müllabfuhr leben. Andere Stadtgemeinden wurden von der 150 km langen Eisenbahnroute einfach abgeschnitten”.
El Cerrejón wurde vor und während des Baus von der Regierung als Hoffnungsschimmer dargestellt. Das Bergwerk bringe Wohlstand und Entwicklung in einer der ärmsten Regionen des Landes, hieß es. Zwischen 2002 und 2010 erhielt der Verwaltungsbezirk umgerechnet ca. 1 Milliarde Euro als Entschädigung für die Kohleförderung. Albania, die jüngste Gemeinde in La Guajira, liegt unmittelbar vor der 69.000 Hektar großen Kohlengrube und gilt als Musterbeispiel der Region. Durch den Bergbau verwandelte sich ein Gebiet von zerstreuten Rancherías in eine Kleinstadt, in der heute laut dem Statistikamt Kolumbiens (DANE) mehr als 26.000 Menschen leben. Offiziellen Angaben zufolge erhielt Albania 2013 ca. 50 Millionen Euro für die Nutzungsrechte der angrenzenden Mine. 70 Prozent davon wurden angeblich durch das ICBF in Gesundheitseinrichtungen, Wasserversorgungssysteme und Schulen investiert.
Doch die Korruption bleibt eine allgegenwärtige Geißel für den Verwaltungsbezirk im Norden Kolumbiens. Letztes Jahr wurden 14 Mitarbeiter*innen des ICBF wegen Veruntreuung von über einer halben Million Euro verhaftet. Sie werden beschuldigt, Einrichtungen erfunden und falsche Angaben über Kinder gemacht zu haben, die durch Programme begünstigt wurden. Auch Mahlzeiten, die kostenlos verteilt werden sollten, sollen sie zu Preisen verkauft haben, die den Einkaufspreis um das Fünffache überstiegen. Nachdem die Medien erneut auf die anhaltende humanitäre Krise in La Guajira hinwiesen, wurden im Januar zwölf weitere Personen wegen Korruption hinter Gitter gebracht. Sogar die Direktorin des ICBF in La Guajira, Cristina Plaza Milchensen, verurteilte die Existenz von Mafiastrukturen innerhalb ihres eigenen Instituts, das für die Entwicklung und den Schutz der Kinder der Region sowie für die Verwaltung von Geldern der Zentralregierung zuständig ist.
Dabei war La Guajira schon immer eine Hochburg paramilitärischer Gruppierungen. Der Ex-Gouverneur Juan Francisco ‘Kiko’ Gómez wurde 2013 wegen Mordes, Paramilitarismus und Veruntreuung von Staatsgeldern inhaftiert. Laut der Zeitschrift Semana war er ein wichtiger Unterstützer der ehemaligen Bürgermeisterin von Albania, Oneida Pinto. Sie bekleidet seit 2015 das Amt der Gouverneurin von La Guajira. Bei der Kampagne für ihr aktuelles Amt versprach die Wayúu-Politikerin, die Schuld zu begleichen, die Kolumbien gegenüber indigenen Gruppen hat. Doch in ihrer Zeit als Bürgermeisterin Albanias gelang es ihr weder die gewaltsamen Vertreibungen der Wayúu und anderer Indigenen zu verhindern noch die Kindersterblichkeit in den umliegenden Dörfern zu reduzieren.
Radio Macondo schreibt in einem Bericht,El Cerrejón sei zum Schauplatz menschlicher Ausbeutung geworden. 60.000 Menschen wurden für die Kohlengrube mit dem Versprechen auf Arbeit zwangsvertrieben. Die wenigsten von ihnen arbeiten heute in der Mine. Durch die Einschränkung ihres Lebensraumes sowie der Verknappung und Verseuchung ihrer Ressourcen sind die Grundlagen, die den Wayúu ermöglichten in der Wüste zu überleben, bedroht.
Ohne effektive Maßnahmen, um wenigstens den Zugang zu Trinkwasser zu sichern, wird Kolumbiens indigene Bevölkerung weiterhin schrumpfen, die Gemeinden werden auseinanderbrechen und schon bald völlig verschwunden sein.
AM BITTERSÜSSEN FLUSS

Beim Dammbruch der Bergwerkdeponie Fundão der Firma Samarco Mineração S.A. bei Mariana im Bundesstaat Minas Gerais gab es weder Alarm noch Notfall-Richtlinien. Als die Katastrophe passierte, schrien die Menschen: „Die Deponie ist gebrochen! Der Schlamm kommt gleich! Weg hier!“. Die Menschen rannten um ihr Leben. Dies berichtet Paula Geralda Alves aus dem kleinen Ort Bento Rodrigues, der durch die Schlammwelle dem Erdboden gleichgemacht wurde. Sie zeigt auf ihr rotes Moped, das sie zärtlich „Berenice“ nennt. „Als ich den Dammbruch mitbekam, raste ich mit Berenice durchs Dorf, lud meinen sechsjährigen Sohn João Pedro und weitere Familienmitglieder aufs Moped und brachte sie da weg.“ Dann fuhr sie zurück und holte weitere Dorfbewohner*innen, die deshalb heute noch alle leben. Warnsirenen gab es beim Bergwerk keine.
„Bis April ist der Fluss wieder sauber!“ Dies hatte der Wasserökologieforscher Paulo Rosman der Bundesuniversität Rio de Janeiro drei Wochen nach dem Dammbruch der BBC gesagt. Die Regenzeit werde dafür sorgen, dass der Schlamm über den Fluss ins Meer ausgewaschen werde.
Viel zu viel Zuversicht, wie die Sachlage heute zeigt. Denn mittlerweile zeigt sich die Schlammblase allerorten. In Bahia, 250 Kilometer nördlich der Mündung des Rio Doce, liegt das Unterwasserschutzgebiet Abrolhos. Es hat unzählige Riffe, viele Korallenarten und ist bevorzugtes Laichgebiet der Fische der Region. Die damalige Umweltminsterin Izabella Teixeira hatte wenige Wochen nach dem Dammbruch verkündet, die Schlammwalze werde sich im Meer verteilen, aber niemals so weit, dass sie Unterwasserschutzgebiete wie beispielsweise Abrolhos erreiche. Nun ist sie da. Im Rio Doce ist sie auch noch. Und aus der Samarco-Mine fließt noch weiter täglich der Klärschlamm.
Die Terra Indígena Piraquê-Açu liegt rund fünfzig Kilometer Luftlinie südlich der Atlantikmündung des Rio Doce. Piraquê-Açu heißt auf Guaraní „Großer Fisch“. Laut Behördenangaben hätte die Schlammblase auch hierhin niemals gelangen können. „Die Leute von Samarco kamen hier mit einem Lastwagen an, sprangen raus, nahmen Wasserproben und nahmen auch den verendeten boto cinza, den Guayana-Delfin, mit. Dann waren sie wieder weg und wir haben nichts mehr von ihnen gehört.“ Pedro, der Kazike der Terra Indígena Piraquê-Açu im Bundesstaat Espírito Santo, zeigt aufs Wasser. „Dort unten ist seit zwei Monaten so eine komische dickflüssige Schlammschicht. Die kannten wir vorher nicht“, sagt er. Der Schlamm sei eines Tages nach der Flut im Fluss gewesen. Ist daran der Delfin gestorben? Pedro weiß es nicht.

Er schickt seinen Sohn Rodrigo zum Tauchgang in fünf Meter Wassertiefe, um Proben dieser Schlammschicht hochzuholen. Als Rodrigo wieder auftaucht, zeigt er die dickflüssige Schlammmasse. „Wir wissen nicht, was das ist, und niemand redet mit uns.“ Pedro und Rodrigo sagen, sie haben Angst um ihr Gewässer. Angst um die Fische. Sie befürchten, dass dieser Schlamm, „von dem Bergwerk da in Minas Gerais“, wie Pedro sagt, zu ihnen gekommen ist. Sie wissen es nicht, weil niemand mit ihnen über die Wasserproben gesprochen hat.
Eine halbe Autostunde weiter liegt der kleine Küstenort Coqueiral, 30 Kilometer südlich der Mündung des Rio Doce. Die Palmen wehen im Wind, bieten Schatten auf dem Weg zum ehemaligen Firmensitz der Eukalyptusplantage, der nun ein wissenschaftliches Institut beherbergt. Hier befindet sich die ozeanografische Forschungsstation der staatlichen Universität von Espírito Santo. In der Aula hören zwei Dutzend Anwesende dem Professor Alex Bastos zu, der mit Kolleg*innen mehrerer Fachbereiche die Wasserdaten im Meer untersucht hat. Es ist das erste Mal, dass solche genauen Daten für den Mündungs- und Küstenbereich vorgestellt werden. Nach Ankunft der Schlammblase, sagt Bastos, sei der Eisengehalt im Meerwasser um den Faktor 20 angestiegen, bei Aluminium ging es um den Faktor 10 nach oben, bei Chrom und Mangan um den Faktor 5. Sehr besorgt zeigt er sich über die Folgen für die Artenvielfalt im Benthos, also im unteren Gewässerbereich. Dort sei die Zahl der Algenarten von 60 auf 25 zurückgegangen, und dies habe Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette.
Es gebe ja noch andere Daten, hebt Bastos an und wirft einen kurzen Blick in die vorletzte Reihe des Auditoriums. „Die Daten des Marineforschungsschiffs Vital de Oliveira, das als erstes vor Ort war und umfangreiche Datenerhebungen zu Wasser- und Sedimentqualität getätigt hat.“ Das Marineschiff verfüge über die beste Ausrüstung in Brasilien und habe Ende des Jahres die Wasserdaten der Region erhoben. „Die Daten aber sind unter Verschluss.“ Geheimhaltungsfrist: Fünf Jahre.
Bastos schaut wieder in die vorletzte Reihe, so dass die im Saal Anwesenden, die Wissenschaftler*innen, die Journalist*innen und die um ihre Existenz besorgten Fischer*innen, sich umdrehen. In der vorletzten Reihe sitzt ein Herr in Marineuniform. Er macht sich Notizen und verzieht sonst keine Miene. Auf der Anwesenheitsliste hat er sich nicht eingetragen.
Zwei Monate später. Der Druck in den Medien über die Verschlusssache wurde so groß, dass die Marine die Daten schließlich freigab. Diese zeigen, dass sich in 25 Meter Wassertiefe eine zwei Zentimeter große Schlammlache abgesetzt hat. Eine Todeszone, die sich über hunderte Quadratkilometer erstrecken könnte, so genau weiß das niemand. Die Marinedaten bestätigen zudem die Befürchtungen der Fischer: Bei Arsen, Mangan, Selen und Blei liegen die Messwerte über den zulässigen Grenzwerten.
Ortswechsel. Das Fischerdorf Regência liegt an der Mündung des Rio Doce. Eigentlich tummeln sich hier in der Brandung Surfer*innen, eine von Brasiliens wichtigsten Schildkrötenschutzzonen befindet sich hier und die kleinen Fischereiboote fahren im Fluss und aufs Meer, um Wolfsbarsche, Meeräschen, Snooks, Buntbarsche, Tigersalmler oder Krebse zu fangen.
Das Meer bei Regência ist tiefrot. Erst weit am Horizont bricht das Licht im Wasser und lässt es dort wieder bläulich schimmern. Im kleinen Hafen liegen die Boote verwaist. Ein Schild warnt vor dem Wasser. „Gebiet temporär fürs Baden ungeeignet“, steht da. Temporär?
„Ich war sieben Jahre alt, als ich anfing zu fischen. Und nun das.“ Seu Arnoilton kämpft mit den Worten. „Ich habe die Schlammwelle kommen sehen, ich war gerade mit dem Boot auf dem Fluss. Erst kam sie scheinbar langsam näher, und dann, ein paar Minuten später, war ich von ihr komplett umgeben.“ Die Fische seien aus dem Wasser gesprungen und vor dem Schlamm geflohen. Richtung Meer. „Überlebt haben nur die auch an Salzwasser angepassten Fische. Alle anderen: tot.“
Zwei Boote sind am Horizont zu sehen. Zwei Fischer entnehmen Wasserproben, damit die vor Ort entsandten Mitarbeiter*innen von Samarco die Qualität prüfen, erläutert an der kleinen Mole der Fischer Seu Zé do Sabino. Er und seine Frau Sônia sagen, kurz nachdem die Klärschlammwelle hier ankam, hätten sie viel zu tun gehabt. „Da haben wir für nicht wenig Geld die toten Fische für Samarco eingesammelt.“ 150 Reais am Tag, umgerechnet 35 Euro, hätte Samarco bezahlt, berichtet der Mittfünfziger. „Eigentlich dürfte ich das ja nicht erzählen, aber einige von uns sagten, dass da ruhig vier, fünf solche Dammbrüche kommen könnten, wenn sie dann jedesmal so ein gutes Auskommen haben.“ Aber man müsse auch sehen, dass das Samarco-Geld doch wenigstens ein wenig Kaufkraft hierher nach Regência gebracht habe. Zé zögert. Dann wird er nachdenklich und ergänzt, wie um sich zu entschuldigen. „Tourismus gibt es hier nicht mehr.“ An etlichen der pousadas, den Hostels, hängen Verkaufsschilder. Viele kleine Geschäfte haben dichtgemacht.
Es trifft die Kleinen. Sagt der Präsident der Fischer*innenvereinigung von Espírito Santo, Manuel Bueno. Alle kennen ihn unter dem Namen Nego da Pesca. Er ist wütend. Denn die Justiz hier in Espírito Santo hat am Tag zuvor den Fischfang im Meer vor der Mündung des Rio Doce komplett verboten. „Das regt mich so auf!“, sagt Nego da Pesca. Das Gericht verbot die Fischerei in drei Munizipien: In Aracruz, Linhares und einem Teil von São Mateus. Und das Verbot reicht bis in die Gegenden mit einer Wassertiefe von 25 Metern. „Damit haben sie der Kleinfischerei den Fischfang verboten.“ Denn die größeren Trawler können weiter aufs Meer hinausfahren, die kleinen nicht.

„Und das Kurioseste ist: Im Fluss dürfen wir fischen, im Meer nicht.“ Denn das Gericht hatte nur die Frage zu klären, ob der Fischfang im Meer verboten werden sollte. Im Fluss galt zuvor ein Fisch- und Angelverbot. Aber nicht wegen der Schlammwelle aus dem Bergwerk, sondern wegen der piracema. So heißt in Brasilien die Laichzeit der Fische von Oktober bis März, in der das Fischen verboten ist, um die Erholung der Bestände zu ermöglichen. Die Piracema lief im April aus, also ist der Fischfang im Fluss wieder automatisch erlaubt. Hat ein Gericht sich mit dieser Frage befasst? „Nein“, sagt der Fischer.
„Wir Fischer haben hier am Anfang zwei Sachen gemacht: Vor Ankunft der Schlammwelle haben wir die noch lebenden Fische eingefangen, um sie in Sicherheit zu bringen“, berichtet der Fischer Lazaro Roldão. „Das war unsere Aktion Arche Noah.“ Der junge Mann Anfang 20 erklärt, danach habe Samarco die Fischer angestellt, um die verendeten Fische einzusammeln. Die habe Samarco vergraben lassen, er wisse aber nicht, wo dies geschehen sei. Er dachte zuerst, sie würden die Fische untersuchen, um zu verstehen, woran sie gestorben seien, sagt Lazaro. „Als ich dann erfuhr, dass Samarco die Fische vergräbt, habe ich mich geweigert, mitzumachen. Ich werde doch nicht das Essen meiner Familie beerdigen.“ Und überhaupt: „Wir müssen doch wissen, was mit den Fischen nun los ist. Woran sie gestorben sind?“ Aber niemand sage ihnen etwas.
Die Firma Samarco sagt, sie hätte tausenden Kleinfischer*innen eine Kreditkarte zur Verfügung gestellt. Mit der erhalten sie jeden Monat den Gegenwert eines Mindestlohns in Höhe von umgerechnet 220 Euro. Hinzu kommt ein Aufschlag von zehn Prozent für Grundnahrungsmittel. Um diese Karte gibt es Streit. Denn nicht alle haben sie bekommen. In Regência haben von 80 Fischer*innen 20 keine Karte erhalten. „Verantwortlich war Samarco“, meint Seu Arnoilton. Er habe seinen Namen bereits im November registrieren lassen. Monatelang hielten sie hin. Letzte Woche war er wieder da, und auf einmal fanden sie seinen Namen nicht mehr auf der Liste. „Und das, obwohl mich hier alle kennen“, sagt Seu Arnoilton.
Der Fischer Frango und seine Frau Itamar sind auch zornig. Den größten Groll hegt Fischer Frango aber gegen die Fischer*innenvereinigung. Die habe im Auftrag der Samarco die Karten verteilt. Nicht alle, die Anspruch darauf haben, hätten eine bekommen. Einige aber, die nicht mal Fischer*innen seien, hätten Karten bekommen. Er selbst, Frango, hätte eigentlich Anspruch, aber die Vereinigung habe ihm mitgeteilt, seine Frau habe ja einen Job, im Heimatmuseum. Und die Karte von Samarco sei nur für die Alleinverdiener*innen von Familien gedacht.
Einig sind sich die Fischer*innen von Regência trotz allen Streits in einer Sache: Sie müssen einen Protest organisieren. Denn die Karte von Samarco gilt bis Ende April. Was danach geschieht, hängt einzig davon ab, ob die Fischer*innen genügend Proteste auf die Beine stellen können.
Hundert Kilometer weiter flussaufwärts. Seu Toninho und Dona Maria wohnen am Rio Doce, nahe Colatina. Seu Toninho ist Fischer, kann im Moment aber nicht auf den Fluss hinausfahren. Vor ein paar Tagen hat er sich die Hand verletzt, sie hat sich daraufhin entzündet. Er muss warten, bevor er wieder Fischen gehen kann. „Bevor ich mich an der Hand verletzt habe, bin ich da raus gefahren, trotz all dieses Klärschlamms“, erzählt Seu Toninho. „Ich habe am Abend zuvor immer bei der Polizeidienststelle angerufen und gefragt, ob sie neue Informationen oder Anordnungen hätten. Sagte ihnen, ich nähme das Gespräch hier auf, zur Absicherung. Morgen fahre ich raus und fische.“ Die Tonaufnahmen des Gesprächs will Seu Toninho für den Fall nutzen, dass irgendwer ihn verklagen sollte, falls er von dem Fisch krank werde.
Ein paar wenige Fische seien da noch. Bei weitem nicht so viele wie zuvor, sagt Seu Toninho. „Die meisten Fische sind kurz nach Ankunft der Schlammwelle gestorben. Die haben alle nach Luft geschnappt, so wie bei totem, verfaultem Wasser“, berichtet er. Seine Fischzucht in dem kleinen Teich, zehn Meter oberhalb des Flusses, musste er aufgeben. „Da waren 300 Kilo Fische drin, das Wasser hatte ich immer aus dem Fluss genommen“, erklärt Seu Toninho und zeigt, wo seine Pumpen sind. „Nach zehn Tagen waren alle tot. Ich musste unten den Abfluss aufmachen und alles in den Fluss ableiten.“
Auf der anderen Seite des Flusses hebt in der Ferne ein Rattern an. Es sind die Züge von Vale, die das Eisenerz an den Hafen von Vitória bringen. Der Schall bricht sich im Echo.
Seine Nachbarin habe ein neugeborenes Baby, sagt Seu Toninho. Er habe erst vor ein paar Wochen erfahren, dass sie ihr Baby mit Wasser aus dem Fluss wusch. Sie hatte kein anderes. Das Baby habe am ganzen Körper Ausschlag gehabt. Jetzt nicht mehr, denn Seu Toninho schickt seinen Sohn täglich hinüber mit mehreren Gallonen Wasser aus dem kleinen Bach, der bei seinem Grundstück vorbeifließt. „Dieser kleine Bach mit frischem Wasser ist ein Segen“, sagt er. Und verweist auf die Menschen in Colatina flussabwärts oder in Governador Valadares flussaufwärts. „Die kriegen von den Wasserbetrieben das Wasser aus dem Fluss geliefert. Sie sagen, es sei aufbereitet, aber dem traue ich nicht“. Will er bleiben? „Nein“, sagt Seu Toninho. Hier sei der Fluss tot, als Fischer könne er hier nicht mehr leben. Er sagt, er wolle hier alles verkaufen und mit seiner Familie nach Minas Gerais ziehen, wo er herstamme. Seine Frau sei von hier, der falle das wesentlich schwerer. „Aber ich denke, es geht nicht anders.“
Die indigenen Krenak leben und arbeiten auf 4.900 Hektar indigenen Territoriums in Resplendor im Osten von Minas Gerais, nahe der Grenze zu Espírito Santo. Itamar Krenak und seine Mutter Dona Deja freuen sich über den Besuch. Doch Itamars Miene ist ernst. „Ihr habt ja da unten den Fluss gesehen.“ Der Fluss hat jetzt Niedrigwasser, in den Gesteinswölbungen haben sich die Reste des Januarhochwassers angesammelt. Es ist knallorange. Beim Blick darauf wirkt es eher wie eine bemalte Wand, ganz oben ein silbriger Schimmer. Auf der anderen Seite des Flusses wieder die Eisenerz-Transporte. „Mehrmals die Stunde, tagein, tagaus, rattern die Züge“, berichtet Itamar.
Eigentlich darf man hier nicht sein. Denn Samarco hat hier einen zweistaffeligen Drahtzaun zwischen das Land der Krenak und den Fluss gezogen. „Sie sagten, das Wasser sei gefährlich für uns“, berichtet weiter unten am Wasser Irani Krenak. „Das wissen wir. Aber wir wissen nicht, wie viele und welche Schadstoffe in dem Wasser sind.“ Die Mittvierzigerin schaut auf den Fluss. Für die Krenak ist er zentraler Bezugspunkt, wirtschaftlich und kulturell. Sie nennen ihn seit altersher Watu Nek. „Wir Krenak sind traurig, denn Watu Nek ist gestorben”, erläutert Itamar. Und er fragt, woher sie die Fische zur Nahrung bekommen sollen? Woher das Trinkwasser nehmen? Das Wasser bringe das carro-pipa, der Tankwagen. „Aber die Fische?“
Die Krenak wollen nach Rio de Janeiro. Um dort ihren Protest in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn im April treffen sich dort die Konzernchefs und -chefinnen der Vale, Miteigentümerin der Firma Samarco, auf der jährlichen Hauptversammlung.
Einige Wochen später. Das Kloster der Schwestern von der Himmelfahrt liegt auf den Hügeln von Santa Teresa, unten breitet sich Rio aus. Der Blick streift die Christus-Statue auf dem Corcovado, die Favelas, das Maracanã-Stadion, die Guanabara-Bucht, die Zona Norte und die Weiten der Baixada Fluminense, am Horizont die Bergketten der Serra. Auf der anderen Seite des Gebäudes liegt eine Aula, die an einen Sportplatz grenzt. Ein fünfköpfige Gruppe macht dort im Schatten Capoeira-Übungen, die Sonne steht schon tief. Drinnen in der Aula brüten zehn Aktivist*innen über das weitere Vorgehen. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Aktionärsversammlung des Bergbaukonzerns Vale. Die Aktivist*innen haben sich alle eine Aktie der Firma gekauft. Damit können sie auf der Versammlung reden und den Konzernchefs die Leviten lesen. Denn der Dammbruch hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die einzelnen Protestreden müssen aufeinander abgestimmt werden, geklärt werden, wer sich wann zu Wort meldet. Denn Redelisten gibt es nicht. Über jeden Tagesordnungspunkt wird abgestimmt. Bei der Stimmabgabe haben die Aktivist*innen dann die Möglichkeit, ihr Abstimmungsverhalten zu begründen. Und dafür haben sie drei Minuten. Und für den Höhepunkt heben sie sich eine ganz besondere Überraschung für die Vale-Konzernchefs auf.
Es ist der 25. April. Heute tagt in Rio de Janeiro, im Stadtviertel Barra da Tijuca, die Aktionärsversammlung von Vale. Zwei handvoll Aktionär*innen sind da – und die Aktivist*innen, die sich durch den Kauf einer Aktie Rederecht verschafft haben. Nach mehreren kritischen Redebeiträgen, bei denen der Versammlungsleiter mehrmals droht, ihnen das Mikrofon abzustellen, lassen die Aktivist*innen die Überraschung aus dem Sack. Die Anwältin Raphaela Lopes beantragt die Entlassung von Vorstand, Aufsichtsrat und Finanzbeirat. Die Aktivistin erläutert den geschockten Firmenvertreter*innen, dass ihnen die Kontrolle über die Firma entglitten und der Umgang mit den Folgen des Dammbruchs skandalös sei.
Das hatte es so bei Vale noch nicht gegeben. Entsprechend schmallippig reagiert Vale. Der Vorsitzende weigert sich, den Antrag entgegenzunehmen, er sei nicht Teil der Tagesordnung. Den Aktivist*innen gelingt es nach der Versammlung dennoch, den Antrag auf Entlassung ins offizielle Protokoll der Vale-Jahreshauptversammlung aufnehmen zu lassen. Immerhin.
Zeitgleich zur Aktionärsversammlung der Vale fand im Zentrum von Rio de Janeiro, am Largo da Carioca, ein Straßenprotest statt. Anwesend war auch Douglas Krenak, der aus Resplendor aus Minas Gerais nach Rio gereist war. „Wasser ist Leben“, spricht Douglas Krenak in das Mikrofon. „Und wir alle haben jetzt kein Wasser mehr.“ Der Watu Nek, der heilige Fluss, „das war der Fluss, der uns Krenak Nahrung gegeben hat, der uns gesund gemacht hat, wenn wir krank wurden.“ Watu Nek sei nun tot. „Unser Leben ist dadurch komplett zum Stillstand gekommen. Wegen dieser Art von Rohstoffausbeutung.“
Ein paar hundert Kilometer weiter nördlich rattern noch immer die Züge, schwerbeladen mit Eisenerz aus den Minen von Minas Gerais. Tagein, tagaus.
