
(Foto: ProNATs e.V.)
Wie ist eure Organisation aufgebaut und warum seid ihr nach Europa gekommen?
Wir sind eine Organisation, die sich für die Rechte arbeitender Kinder einsetzt. Im Gegensatz zu anderen Instanzen sprechen wir nicht davon, diese Art von Arbeit abzuschaffen oder zu verbieten, weil das aufgrund der Lebensrealität vieler Menschen nicht umsetzbar ist. Wir fördern diese Arbeit nicht an sich, sondern stellen uns der Herausforderung, die Arbeitsbedingungen der Kinder zu verbessern, die bereits arbeiten und weiterhin arbeiten werden. Derzeit ist geplant, soweit möglich einige europäische Länder zu bereisen, um bereits bestehenden Beziehungen zu festigen und neue Strategien und Partner*innen zu suchen. Derzeit arbeiten wir mit der deutschen Organisation Tierra de Hombres (Land der Menschen) und mit der italienischen NATs per zusammen. In Italien haben wir Gespräche in Schulen geführt und unsere Erfahrungen vorgestellt.
Jüngsten Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) zufolge, arbeiteten 2024 in Lateinamerika rund 7,6 Millionen Mädchen und Jungen, von denen 4,9 Milionen gefährliche Arbeiten ausübten, die ihre Gesundheit und Entwicklung gefährden. Wie interpretiert ihr diese Zahlen?
Wir als Organisation sind leider nicht in der Lage zu ermitteln, wie viele arbeitende Kinder es tatsächlich gibt. Wir wissen jedoch, dass die Zahl in Peru vor fünf Jahren bei zwei Millionen lag. Nach Angaben des Arbeitsministeriums sind derzeit 1,8 Millionen arbeitende Kinder im Land. Wenn man diese Zahl auf andere lateinamerikanische Länder hochrechnet, liegt die tatsächliche Zahl weit über der offiziellen Angabe und ist zudem weiter gestiegen. Diese Zahl ist auch deshalb komplex, weil sie die Frage stellt: Was wird unter Arbeit verstanden? Die Studien berücksichtigen nicht die verschiedenen Arten von Arbeit, die wir in unserer Bewegung feststellen, weswegen die Zahl geringer ausfallen kann.
Was sind eurer Meinung nach die Ursachen dafür, dass immer noch so viele Kinder arbeiten müssen?
Es gibt viele Gründe, aber die Hauptursache ist Armut. In der Schule wird einem gesagt, dass man ein Recht auf kostenlose Bildung hat, aber ich (Abel) zum Beispiel habe gearbeitet, um mir meine Hefte und meine Schuluniform zu kaufen. Im Alltag vieler Kinder ist Bildung also nicht kostenlos. Wenn du darauf wartest, dass die Regierung Lösungen findet, studierst du nicht oder du verhungerst. Viele von uns waren auch schon Familienoberhäupter, wir haben kleine Geschwister. Unsere Arbeit hat dazu beigetragen, dass sie studieren, essen und sich kleiden konnten. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, die Situation der Eltern zu betrachten, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Oft ist es auch so, dass wenn die Eltern im informellen Sektor arbeiten, ihre Kinder dies ebenfalls tun.
Zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung dieses Jahrzehnts gehört es, weltweit gemeinsame Anstrengungen zur Beseitigung der Kinderarbeit zu unternehmen. Was haltet ihr davon?
Das ist, als wollten sie die Sonne mit einem Finger verdecken. Die ILO erklärte ihrerseits: „Bis 2021 wird es keine Kinderarbeit mehr geben“, doch wir befinden uns bereits im Jahr 2026. In Peru werden die arbeitenden Kinder jedes Mal, wenn Präsidenten zu Besuch kommen, aus dem Blickfeld entfernt, um zu sagen: „Hier ist alles in Ordnung, wir erfüllen die Millenniums-Ziele“, doch das entspricht nicht der Wahrheit. Sie weigern sich weiterhin, die Realität anzuerkennen. Außerdem fassen sie alle Arten von Kinderarbeit unter einem Begriff zusammen und bestehen deshalb auf dem Verbot.
Gibt es im Bereich der Kinderarbeit wesentliche Unterschiede, die zu berücksichtigen sind?
In der Bewegung arbeitender Kinder sprechen wir von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und von Straftaten. Als Straftaten gelten alle Handlungen, die Jugendliche nicht freiwillig begehen würden, zu denen sie von Menschen gezwungen oder genötigt werden, wie beispielsweise Prostitution, bei der Beteiligung an bewaffneten Konflikten in Guerillagruppen oder in illegalen Bergwerken, in denen Kinder zum Abbau von Mineralien eingesetzt werden. Es kommt auch vor, dass Kinder, die Gewalt erfahren, sich innerhalb eines Landes bewegen und von zu Hause in die Hauptstädte fliehen. Dort leben sie auf der Straße. Die Polizei lässt sie nicht arbeiten, also ist das Ergebnis dieser Verfolgung, dass viele dieser Kinder zu Drogen greifen oder in die Kriminalität geraten. Derzeit hat die Zahl der Auftragsmorde in Kolumbien und Lateinamerika stark zugenommen. Junge Menschen werden rekrutiert, um zu töten.
Auf politischer Ebene besteht zudem ein gewaltiger Widerspruch: Man will das Mindestalter für die Aufnahme einer Beschäftigung anheben – das in Lateinamerika zwischen 14 und 16 Jahren liegt – und gleichzeitig das Alter senken, ab dem Kinder inhaftiert werden können. Uns wird die Möglichkeit verwehrt, durch Arbeit gegen Armut anzukämpfen, wenn man uns schon von klein auf ins Gefängnis stecken kann.
Was würde für euch eine menschenwürdige Arbeit bedeuten?
Das sind Tätigkeiten, die für Kinder günstige Bedingungen bieten. Manchmal denkt man, dass es sich dabei nur um die Arbeit als Straßenverkäufer handelt, aber es umfasst viel, viel mehr. Es gibt Kinder, die in Lagerstätten und auf Märkten arbeiten. Auch im Dschungel oder in den Andenregionen arbeiten Kinder, die zum Beispiel in der Viehzucht mithelfen. Hinzu kommen Mädchen, die sich um ihre Geschwister kümmern. Wir setzen uns nicht dafür ein, dass Kinder formale Arbeitsverträge erhalten, da viele Tätigkeiten weder anerkannt noch vergütet werden. Wir setzen uns dafür ein, die Arbeitsbedingungen entsprechend den unterschiedlichen Lebensumständen und Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes zu verbessern, unabhängig davon, wo es seine Tätigkeit ausübt.
Deshalb beteiligen wir uns an Foren wie den Vereinten Nationen und dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dort, wo Entscheidungen über Kinder getroffen werden. Ehrlich gesagt müssen wir uns diese Foren selbst suchen, weil wir nicht einfach so eingeladen werden. Wir müssen immer darauf achten, wann über uns gesprochen wird, um darum zu bitten, dabei zu sein. Sie wollen immer über „Kinderarbeit“ sprechen, ohne die arbeitenden Kinder einzubeziehen. Genau das ist Teil des Problems.
Welche Erfahrungen habt ihr in diesem Zusammenhang im politischen Kampf gemacht?
Seit vielen Jahren hören die Regierungen nicht mehr zu. Es wird geglaubt, dass die Kinder manipuliert werden oder nicht in der Lage sind, über diese Themen nachzudenken. Hinzu kommt der internationale Druck. Es wird als verpönt angesehen, wenn sich ein Politiker mit Kindern trifft. In Peru haben wir die Wahlversprechen der Präsidentschaftskandidaten analysiert und festgestellt, dass in keinem davon arbeitende Kinder erwähnt werden. Es ist wie eine ständige Zurückweisung; sie erkennen das Thema nicht als Problem an. Da Kinder nicht wählen dürfen, interessieren sich Politiker nicht für sie. In Bolivien hatte die Regierung zwar die Absicht, mit den arbeitenden Kindern ins Gespräch zu kommen, doch dabei kam nichts Konkretes heraus; das Vereinbarte wurde nicht umgesetzt. Jungen und Mädchen werden nicht als aktive politische Akteure anerkannt. Zudem ist es für Kinder in der Praxis sehr schwierig, an Protesten teilzunehmen. Dennoch sind kürzlich bei Demonstrationen einige unserer Freunde ums Leben gekommen, weil die Regierungen mit aller Härte vorgehen und die Polizei schießt.
Zum Schluss: Wie sehen eure Perspektiven als Bewegung aus?
Unser Kampf ist sozialer und politischer Natur: Zum einen müssen wir das Thema in der Gesellschaft allgemein bekannt machen. Da es sich um einen umfassenden Kampf handelt, muss der Wandel auch auf gesetzgeberischer Ebene passieren. Wir können nicht von menschenwürdiger Arbeit sprechen, wenn diese von den Regierungen nicht anerkannt und geschützt wird. Wir versuchen also auf interkontinentaler Ebene das Thema wieder sichtbar zu machen und eine internationale Bewegung für arbeitende Kinder ins Leben zu rufen. Für viele ist die Bewegung heute lebendige Solidarität, eine Stimme des Kampfes. Wir möchten den Kampf der Jugendlichen sichtbar machen: wie sie gleichzeitig arbeiten und lernen, ihre Familien unterstützen und ihre Rechte einfordern.












