„Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen“

Cristina Rivera Garza hat zahlreiche Literaturpreise erhalten. (Foto: Anette Hornischer)

Sie sind in diesem Jahr Kuratorin des ilb. Wie lief der Auswahlprozess der Schriftsteller*innen und der Themen?
Jede kuratorische Arbeit bedeutet zunächst einmal Teamarbeit. Ich bekam den Auftrag, gemeinsam mit einem sehr aktiven und dynamischen Team einen Teil des Festivals zu kuratieren. Mich interessiert und ich schreibe selbst Literatur, die in engem Kontakt mit den Gemeinschaften steht, aus denen sie hervorgeht. Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen und an die Fähigkeit der Literatur, Kräfte in der Sprache zu wecken und wiederzubeleben.
Aus diesem Grund war es mir wichtig, dass wir auf dem Festival einen Raum für Gespräche schaffen, die auch in den Büchern stattfinden. Eines der wichtigsten Themen dabei sind Migrationbewegungen. Ich selbst war fast mein ganzes Leben lang eine migrantische Schriftstellerin und bin der weltweiten Angriffe bewusst, unter denen migrantische Gemeinschaften heutzutage leiden. Ein Großteil der Eingeladenen dieses Festivals hat persönliche oder literarische Erfahrung mit diesem wichtigen und unvermeidlichen Thema.
Ein anderes wichtiges Thema sind für mich inter- und transdisziplinäre Übungen innerhalb der Texte, Mut und formale Kühnheit. Es gibt zum Beispiel eine Theatergruppe, die eine Performance mit Bezug auf das Buch der lateinamerikanischen Schriftstellerin Liliana Colancio aufführen wird. Dieses Spiel mit Genres ist mir wichtig. Ich glaube, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Literatur und Aktivismus gibt. Sie ist ein weiteres unumgängliches Element der Welt, in der wir leben.

Welche Rolle spielt die Literatur in der Politisierung des Erinnerns und des Schmerzes?
Ich bin der Überzeugung, dass ich beim Schreiben eine Sprache nutze, die nicht mir gehört. Es ist eine Sprache, die ganzen Gemeinschaften von Sprechern gehört. Eine Sprache, die bereits mit Geschichte behaftet ist. Ich ergänze meine eigene Geschichte mit ihren Konflikten, Hoffnungen und Visionen. Dort beginnt für mich die Beziehung zwischen dem Literarischen und dem Politischen. Ich sage „das Politische” statt „die Politik”, weil ich denke, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. In der Sprache werden verschiedene Formen der Hierarchie überprüft und bekämpft, es werden Gesprächs- und Handlungsfelder eingeschränkt oder erweitert. Deswegen denke ich, dass es eine Beziehung und eine Verantwortung derer gibt, die eng mit der Sprache arbeiten und den vielfältigen Realitäten, die wir mit ihr durchlaufen. Für mich ist es weniger eine Frage des Themas oder des Gegenstandes, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Materialien selbst zu tun hat, die Teil der Handlung oder dieser Praxis sind.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Auf unterschiedliche Art: Ich bin zum Beispiel nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Professorin in den USA. Ich leite seit einigen Jahren ein Doktoratsstudium für kreatives Schreiben in spanischer Sprache. Das Programm wurde 2017 ins Leben gerufen, gerade als das Weiße Haus Spanisch von seiner Website entfernte. Der Höhepunkt war vor nicht allzu langer Zeit, nachdem Englisch zur offiziellen Sprache der Vereinigten Staaten erklärt wurde, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Für mich ist die Leitung dieses Programms, in dem wir Schriftsteller, die in den USA auf Spanisch schreiben, beherbergen und eng mit ihnen arbeiten, ohne Zweifel eine Art von Aktivismus. Vielleicht ist der wichtigste davon ein linguistischer Aktivismus − nicht nur die Verteidigung der Sprache, sondern auch die Verteidigung der Gemeinschaften, die sich in dieser Sprache ausdrücken, leben, träumen und hoffen. Die USA sind nach Mexiko das zweitgrößte spanischsprachige Land der Welt. Das gibt uns eine Vorstellung, welche Bedeutung die Gemeinschaft und ihre Sprache in den Vereinigten Staaten heute haben.

Sie arbeiten viel mit dem Thema Grenzüber­schreitung und Migration. Wie überschreiten Sie Grenzen?
Ich wurde in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten geboren. Fast mein ganzes Leben lang habe ich an Grenzen gelebt. Ich war 20 Jahre in San Diego, wo ich oft die Grenze zur mexikanischen Stadt Tijuana überquert habe. Ich komme aus einer Tradition von Generationen von Grenzbewohnern. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, Autobiografía del algodón (Autobiographie der Baumwolle), das hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt wird, in dem ich die Migrations- und Grenzerfahrungen meiner Großeltern mütterlicherseits untersuche. Das heißt, die Grenze hat mich in vielerlei Hinsicht durchquert, sie ist Teil meiner Familiengeschichte, meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit. Es gibt ein Bestreben, Grenzen zu überschreiten, zum Beispiel formale Grenzen, Geschlechtergrenzen und litera­rische Genregrenzen. Es gibt ein Beharren, in den Bereichen und Kulturen zu arbeiten, in denen sich verschiedene Disziplinen berühren. Ich habe zum Beispiel gerade das studiert: erst Theologie, dann Geschichte. Aber ich lese viel zu Anthropologie, zu Philosophie und zu Literatur natürlich, und mich interessieren die bildenden Künste und zeitgenössische Kunst. Ich versuche diese Interessen in die Bücher, die ich schreibe, einfließen zu lassen. Ich bin also von Geburt an, aber auch aus eigener Entscheidung Grenzgängerin, und deswegen beleuchte ich die Problematik der Grenzen, ihre tödliche Macht und die Notwendigkeit, sie zu überschreiten.

Welche Grenze fällt schwer zu überschreiten?
Es gibt in Lilianas unvergänglicher Sommer eine letzte Grenze, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Teil der Erfahrung beim Schreiben dieses Buches, das sich mit dem Femizid befasst, dem meine Schwester 1990 zum Opfer fiel, ist es festzustellen, wie durchlässig diese Grenze ist, wie viele Wege es hin und zurück gibt. Die Tatsache, dass die Toten bei uns bleiben − wie unsere Großeltern und Vorfahren wussten − dass sie die Grenze überschreiten, diese letzte Grenze, die zwischen Leben und Tod existiert.
Welche Hürden gab es beim Schreiben von Lilianas unvergänglicher Sommer?
Ich glaube in diesem Fall war ein ausschlaggebender Punkt die Sprache, die in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine sehr starke feministische Bewegung und machtvolle Frauen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass wir jahrelang aufgrund der patriarchalen Narrative nicht über ausreichende Konzepte verfügten, um Geschichten der geschlechtsspezifischen Gewalt zu erzählen. Und zwar aus der Sicht der Frauen, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften. Ich glaube uns fehlte − mir persönlich fehlte − die Entwicklung einer Reihe von Begriffen und Konzepten, die uns jetzt ermöglichen, die patriarchalen Narrative zu untergraben, zu hinterfragen, zu kritisieren und die Stimme und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Um diese Geschichten kritisch zu erzählen, auf eine andere Art, auf eine Art, die sich den Krallen des Patriarchats entzieht.

Was muss in den heutigen Diskurs in Deutschland eingebracht werden?
Ich denke, mit den eingeladenen Schriftsteller*innen des Internationalen Literaturfestival Berlins machen wir einen guten Anfang. Es handelt sich um migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller und engagierte Aktivisten. Sie sind Teil einer aktuellen zeitgenössischen Debatte. Sie sind vor allem unglaublich intelligent und verfügen über eine unerschütterliche Sensibilität. Leute wie Javier Zamora, der in seinem autobiografischen Buch Solito davon erzählt, haben persönliche Erfahrung damit, was es bedeutet, in sehr jungen Jahren ein ganzes Land zu durchqueren. Es war eine gefährliche Reise, dort hinzugelangen, wo er heute lebt. Ich beziehe mich hier auf Javier, aber Claudia Donosa und Roxana Crisólogo könnten das Gleiche erzählen, auch Gabriela Wiener, von Velia Vidal ganz zu schweigen. Ich denke hier haben wir Personen, mit einer tiefen persönlichen Erfahrung, die sie erforscht und zum Ausdruck gebracht haben, in einer sehr angespannten, dringlichen, aber auch freudigen Sprache. Ich vertraue also darauf, dass sie mit ihrer Intelligenz und Leidenschaft Gespräche anregen können, die für unsere Zeit von grundlegender Bedeutung sind.


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Hoffnung statt Barbarei

Hip Hop Ana Tijoux ist im Juli in Berlin aufgetreten (Foto: Jara Frey-Schaaber)

Wie kamst du zum Rap? Was bedeutet er für dich?
Ich habe von klein auf Rap gehört; es war Liebe auf den ersten Reim. Ich bin in Frankreich geboren und mit Kindern von Immigranten aufgewachsen. Unsere Eltern waren aus Algerien, Marokko, Kongo oder Lateinamerika. Der Rap hat unsere Community zusammengebracht. Für uns, die nicht im Land ihrer Eltern geboren wurden, bot er ein neues Territorium.
Mit der französischen Kultur konnte ich mich nur teilweise identifizieren. Chile wiederum habe ich in den Worten meiner Eltern kennengelernt; in der Musik, die wir hörten, als wir Kinder waren. So ging es vielen, die außerhalb von Chile aufwuchsen. Wir haben Chile in den Liedern von Victor Jara verstehen gelernt. Diese Nostalgie tat weh, aber hat auch meine Neugier geweckt. Und einen Stolz, ohne dass ich das Land kannte oder komplett verstand. Für all diese Gefühle habe ich im Rap einen Ausdruck gefunden. Der Hip-Hop gab mir den Ort, den ich nicht hatte.

Wie zeigt sich die Erfahrung, in der migrantischen Community im Frankreich der Achtzigerjahre aufgewachsen zu sein, in deiner Musik?
Seitdem ich denken kann, war Politik ein Thema in meinem Leben. Das hat etwas mit meiner Familiengeschichte zu tun: Meine Eltern sind 1976 nach Europa gekommen, nachdem sie die Folterzentren der Pinochet-Diktatur überlebt hatten. Kurze Zeit später kam ich zur Welt. Auch wenn das nicht ausgesprochen wurde, ist es doch in der Erziehung vermittelt worden.
Die Diktatur in Chile war immer ein Thema. Mein Vater blieb auch in Frankreich mit internationalistischer Perspektive politisch aktiv. Es waren immer Palästinenser bei uns im Haus, Geflüchtete aus anderen Ländern. Es war ein schönes Aufwachsen, aber ich wurde auch für Krisenzeiten erzogen.
So habe ich gelernt, dass es Feinde gibt, die zu mächtig sind, als dass man sich wegen Nichtigkeiten streiten sollte. Mein Vater war in den Händen von Miguel Krassnoff gewesen, einem der brutalsten Folterer der Pinochet-Diktatur. Ich habe ihn beim Prozess gegen Krassnoff begleitet und trotz der Verurteilung kamen während der Demokratisierung Chiles viele Schuldige ungestraft davon. Diese Straflosigkeit der Diktaturverbrechen macht mich wütend.
Die Politik ist also Teil von mir. Sie ist der Grund, dass ich nicht in Chile geboren wurde. Sie hat meinen Blick auf die Welt geprägt. Sie ist, was ich zu vermitteln versuche, auf und außerhalb der Bühne.

Die Straflosigkeit hat dich politisch mobilisiert. Wie ist dein Blick auf die feministischen Bewegungen der letzten Jahre?
Die Umstände meines Aufwachsens haben es mir einfacher gemacht, in die sehr maskuline Welt des Hip-Hops zu treten. Selbst wenn es Machismus gab, ist es mir damals nicht aufgefallen. Ich war von anderen Themen wie der Straflosigkeit in Chile besessen. Mein Vater zeigte mit den Dokumentarfilm Shoa, der mich sehr beeindruckt hat: Er zeigte, wie die Folteropfer ihre Folterer konfrontieren.
Sicherlich habe ich viel Machismus erlebt, aber dem keine Bedeutung beigemessen. Dass ich mir dessen bewusster wurde, lag an Fällen, wie mir nahestehenden Kollegen, denen übergriffiges Verhalten vorgeworfen wurde. Ich habe ein enges Verhältnis zu meinem Vater, ich habe einen Sohn und es ist einfach, auf sie zu zeigen und zu sagen, dass sie alle Machos sind. Ich beschäftige mich lieber damit, wie machistisch ich in meinem Alltag bin. Wir leben in einem patriarchalen System, also versuche ich auch, mich selbst zu hinterfragen. Dieses System zu überwinden wird viel Zeit und Reflektion kosten.
Aber der Kapitalismus frisst alles, und es ist ihm gelungen, einen Feminismus zu vereinnahmen, der mich überhaupt nicht mehr repräsentiert. Ich finde mich vielmehr in einem Feminismus von unten wieder. Die interessantesten Gespräche, die ich mit Frauen hatte, von denen ich fürs Leben gelernt habe, waren mit Arbeiterinnen. Eine war eine bolivianische Arbeiterin in Argentinien. Für diese Frauen habe ich das Lied „Antipatriarca“ (Antipatriarchin) geschrieben. Ich erinnere mich an andere Gespräche, die ich mit Frauen hatte, die ihre Töchter in Guerrero (Mexiko) suchten. Das sind Frauen, die sich die Nägel lackieren, sich schminken, sich depilieren.
Dieser Feminismus ist anders als der weiße, akademische. Er führt dazu, dass ich mich selbst hinterfrage. Er ist viel näher am Alltag der Menschen.
Mein Problem mit dem weißen, akademischen Feminismus ist, dass er mir sagt, was ich zu tun habe. Schwanger zu sein hat mich extrem glücklich gemacht. Aber klar, das ist etwas sehr Persönliches. Ich habe viele Freundinnen, die keine Mütter sein wollen. Und das ist gut so. Stellt euch vor, es gibt einen anti-trans-Feminismus. Leuten vorschreiben zu wollen, wie sie zu sein haben ist furchtbar. Das finde ich geradezu faschistisch.
Es ist, als würde der Staat über meinen Körper entscheiden und dann kommt ein akademischer Feminismus, um zu bestimmen, wie ich mich als Frau fühlen sollte. Für mich hat das mit Feminismus nichts mehr zu tun..

Du sprachst von einem internationalistischen Blick. Was bedeutet das für dich?
Meine Eltern hatten schon immer einen internationalistischen Blick auf die Welt. Es ging viel, aber nicht nur um Chile. Zu Gesprächen kamen Freunde aus Argentinien oder Uruguay, um nur einige zu nennen. Wir spürten eine Verbindung zu allen Teilen der Welt, denn wir erlebten sehr ähnliche Dinge.
Das hat mir auch erlaubt, zu verstehen, dass Migration ein Muster ist. Ausgelöst durch Diktaturen, den Klimawandel, Kriminalität oder was auch immer. Alle Migrationsbewegungen, alle Menschen, die aus welchem Grund auch immer gehen müssen, sind Teil von etwas so Menschl­ichem wie Migration.
Heutzutage herrscht ein sehr migrationsfeindlicher Diskurs. Egal ob in Frankreich, Deutschland, den USA. Was ICE dort macht und alles, was an den Grenzen passiert. Diese furchtbare Idee des „reinen Bluts, des reinen Vaterlands“…, ein extrem faschistischer Diskurs.
Alles in allem ist es ein fruchtbares Terrain für einen modernen Faschismus. Heutzutage ist es völlig normal zu sagen, dass man Rassist ist. Vielleicht war es schon immer so, aber jetzt ist es politisch korrekt. Die Gewalt heizt sich auf, wie das Klima. Der Blick auf die USA ist wichtig, denn sie sind die Avantgarde der Gewalt. Dieser Rassismus hat viel mit Klasse und der kolonialen Vergangenheit zu tun.

Wie siehst du die Verbindung von Rassismus, Klasse und kolonialer Vergangenheit?
Es ist nicht das gleiche, Schwarz oder weiß zu sein. Dazu lassen sie dich glauben, dass du Mittelschicht bist, weil du dich verschulden kannst. Aber die Mittelschicht gibt es nicht. Und dazu kommt der Hass auf Migranten: egal ob in Deutschland, Argentinien, Chile oder den USA, das Muster wiederholt sich.
Besonders Gaza markiert für mich ein Davor und Danach. Auf diesem Territorium vereinen sich alle Grausamkeiten des Kapitalismus: Extraktivismus, Patriarchat, Klassenkampf, Rassismus, Kolonialismus.
Als Gaza implodiert ist, wurden alle Menschen, die etwas gesagt haben, direkt des Terrorismus bezichtigt. Das scheint mir so grotesk und grausam, ich kann diese Art von Propaganda einfach nicht mehr ertragen. Denn wir haben noch nie einen Genozid in Echtzeit erlebt.
Das erinnert mich an den chilenischen Sänger Victor Jara, der über Vietnam sang. Ich weiß nicht, ob er je dorthin gereist ist, vermutlich nicht. Aber er hat über Vietnam gesungen, da es, wie Gaza heute, alle Bedingungen vereint hat. Das ist, was mich meine Kultur gelehrt hat, das sind meine Werte. Ich kämpfe, damit kein Mensch Folter, Deportation und Vertreibung erleben muss.
Europa hingegen fühlt sich alt an. Es fehlt der Schwung anderer Orte. Vielleicht liegt das an der Kolonialgeschichte. Die Geschichte, die Straßen, die Nachbarn, alles ist umgeben von einem kolonialen Erbe. Vielleicht sind die Menschen hier deshalb politisch müder und ängstlicher als Personen in Lateinamerika oder den USA. Orte, an denen sich viel Wut vereinigt. Die koloniale Wut und die der Afrodiasporischen und Indigenen Communities verbinden sich und lösen etwas sehr Verrücktes, sehr Dynamisches aus. Sowohl in der Kultur als auch in der Politik.
Hier hingegen sehen sich alle als Opfer und das ist sehr gefährlich. Ich sehe das an jenen, die keine Anteilnahme daran zeigen, was in Palästina geschieht. Aber es geht nicht um uns. Es geht um Gaza. Niemand zweifelt die Schrecken der Vergangenheit an. Aber darum geht es heute nicht.

Was gibt dir angesichts all dessen Hoffnung und Antrieb, Musik zu machen?
Ja, vieles sieht hoffnungslos aus. Aber es gibt Dinge, die mir Hoffnung geben. Greta Thunberg zum Beispiel: Dass sich eine weiße Person radikalisiert und Dinge fordert, die Indigene Gemeinschaften seit Jahrzehnten einfordern, zeugt von einem grundlegenden Wandel. Es gibt viele Menschen wie sie, Menschen, die nicht mehr warten möchten. Ich denke an Gruppen wie Jews for Peace, Jews anti-Zionist, wie hart das für sie sein muss. Das erfüllt mich mit Hoffnung.

Hast du eine Botschaft für das deutsche Publikum, das dich durch dieses Interview kennenlernt?
Hier laufen alle wie auf rohen Eiern. Aber das ist nicht genug angesichts eines Genozids. Wenn Chile heute das peruanische oder bolivianische Volk massakrieren würde, würde ich das gleiche sagen. Was haben wir denn gelernt aus den Büchern über den Holocaust? Aus all den Geschichtsbüchern der Welt?
Wie soll die Menschheit morgen weitergehen, wenn wir nicht einmal fähig sind, den Anderen als menschliches Wesen zu betrachten? Wir dürfen die Barbarei nicht wiederholen. Wir müssen die Menschlichkeit und das Leben verteidigen. Ich denke, es braucht nicht viel mehr Botschaft als das.


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BRag Kultur: Um país de todes

Das Drag-Kollektiv BRag Kultur bringt seit 2023 brasilianische Vielfalt auf Berliner Bühnen. Die Gruppe besteht aus brasilianischen Dragkünstler*innen – Kings, Quings, Queens und Kreaturen: Ken Marroska aka Lilith the Quing, Miss Agnes Mitchell, Alice the Queen, Rosa Sontag aka Amy D. und BB von Tastik aka Mister Bitchcock. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Einbettung brasilianischer Einflüsse in die Dragkultur. Ihre Shows kombinieren verschiedene performative Elemente: Live-Gesang, MCing, Lipsync, Moderation, Tanz und Theater. Dabei legen sie besonderen Wert auf die Interaktion mit dem Publikum. BRag Kultur versteht Drag als vielschichtige Kunstform mit politischer Dimension. Ihre Performances verbinden Ästhetik mit Aktivismus und Bildung, wobei sie Geschlechterrollen hinterfragen und frische Perspektiven aus Brasilien in die Berliner Szene einbringen.


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„Taucht ein in Musik, Tanz und Talent“

Design: Andrés Escobar

Was ist „Berlin en Salsa“ und wie entstand die Idee für dieses Festival?
In einer Zeit, in der viele von uns weltweit mit schwierigen Situationen konfrontiert sind, entstand der Traum, Räume zu schaffen, die auf Gemeinschaft und Solidarität basieren. Daraus wuchs das Bedürfnis, einen Ort zu schaffen, an dem wir Vielfalt feiern und die Bedeutung der Salsakultur in Berlin hervorheben können. Ich habe das Gefühl, dass alle Menschen, die sich am Festival beteiligen, diese Idee teilen. Das zeigt sich im Teamgeist und in der Vielfalt, die diese Salsakultur ausmacht. So konnten wir verschiedene Schallplattensammler*innen, professionelle Tänzer*innen, DJs und Musiker*innen zusammenbringen. Die Idee entstand zwischen Pascal, auch bekannt als El Melómano Alemán, Pablo, dessen Künstlername El Vago ist, und Jessi, einer professionellen Salsatänzerin aus Cali, Kolumbien. Schon bei ihrem ersten Treffen stellten sie fest, dass jede*r von ihnen einen anderen Zugang zur Salsa hat. Daraus entstand eine breite Diskussion über die Vielfalt der Szene. Aus diesem Gespräch wuchs nach und nach ein gemeinsamer Traum, zu dem weitere Menschen dazukamen. Pablo sprach mich an und ich fing an zu überlegen, wer noch etwas beitragen könnte.

Was würdest du sagen, unterscheidet „Berlin en Salsa“ von anderen Salsa- oder lateinamerikanischen Veranstaltungen in Berlin?
Etwas Besonderes an diesem Festival ist, dass es komplett kostenlos ist. Jede Person kann teilnehmen, unabhängig davon, woher sie kommt. Es handelt sich um ein gemeinschaftliches Projekt, das kollektiv organisiert wird und getragen wird vom Zusammenhalt und dem Engagement aller Beteiligten. Das, was wir tun, ist nicht kommerziell und hebt damit unseren sozialen Einsatz hervor. Besonders ist auch, dass das Festival nicht nur Plattensammler*innen mit ihren DJ-Sets zusammenbringt, sondern ein beeindruckend vielfältiges Programm rund um die Salsakultur bietet.

Was sind die Hauptaktivitäten des Festivals?
Das Publikum hat die Möglichkeit, nicht nur DJ-Sets und Musik von Schallplattenammler*innen zu hören, sondern auch an Gesprächen über Salsa teilzunehmen. Dort erwarten sie spannende Einblicke in die Geschichte und die Ursprünge der Musik. Sechs lokale Salsabands aus Berlin live werden auftreten. Es gibt außerdem Percussion- und Tanzkurse, die allen Interessierten den Zugang zu diesen Ausdrucksformen ermöglichen sollen.
Ein weiteres Highlight ist die Teilnahme des berühmten Druckkollektivs La Linterna (dt.: Die Laterne) aus Cali am Festival. Ihre Europatournee fällt zeitlich mit unserem Termin zusammen und deshalb werden sie mit einem Stand dabei sein, an dem sie ihre originalen Salsa-Poster aus ihrer Heimatstadt verkaufen werden.

Das Festival beschreibt sich als offen und inklusiv. Wie zeigt sich dieser Anspruch in der Organisation?
Zugänglichkeit ist einer der Aspekte, in denen sich das sehr klar widerspiegelt. Die Inklusivität ist schon in der Grundidee des Festivals verankert: Es geht darum, Vielfalt zu feiern und uns durch unsere Unterschiede als Gemeinschaft zu verbinden.

Welche Ziele habt ihr euch für diese erste Ausgabe gesetzt? Gibt es bereits eine Vision für die Zukunft des Festivals?
Wir hoffen, das Festival jedes Jahr organisieren zu können. Wir wünschen uns noch mehr Kooperationen, mehr Menschen und mehr Künstler*innen die sich anschließen. Auch möchten wir dem Konzept noch mehr Gestalt geben.
Trotz anfänglicher Unsicherheit setzen wir in dieser ersten Ausgabe alles auf eine Karte. Um das Potenzial des Projekts zu testen, haben wir zwei sogenannte Descargas organisiert, die eine Art Warm-up für das Festival waren. Zum Glück waren beide ein voller Erfolg, was uns zeigt, dass eine jährliche Ausgabe möglich ist.
Wir wünschen uns auch, dass das Festival einen Raum für Reflexion schafft – sowohl für die Salsa-Community als auch für die lateinamerikanische Gemeinschaft. Ein Raum, in dem wichtige Themen wie Kultur, Identität und Respekt offen besprochen werden.
Deshalb laden wir alle herzlich zum Festival „Berlin en Salsa“ am 19. und 20. Juli ein. Kommt vorbei, taucht ein in die Musik, den Tanz und das Talent aller Mitwirkenden. Ich bin mir sicher, dass an diesen beiden Tagen eine ganz besondere Energie spürbar sein wird. Das Festival richtet sich an die ganze Familie und ist für alle Altersgruppen zugänglich. Es wird einen Familienbereich, ein Awareness-Team, viele Freiwillige und ein engagiertes Koordinationsteam geben, das dafür sorgt, dass sich alle wohlfühlen.
Kommt und feiert mit uns!

Weitere Infos:

Instagram: @berlinensalsa

Spenden über Paypal

Zum Reinhören (Spotify): Berlin en Salsa


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Berlin en Salsa

In einem kleinen Textformat stellen wir an dieser Stelle in jeder LN interessante Vereine und Initiativen vor, die wir unterstützenswert finden. Diesmal dein Projekt der Berliner Salsa-Community, das Musik, Kultur und Solidarität auf einzigartige Weise verbindet.

„Berlin en Salsa“ ist ein zweitägiges, kostenloses Festival im Neulich-Biergarten am Tempelhofer Feld, das die vielfältige und pulsierende Salsa-Kultur Berlins feiert. Freut euch auf die besten Salsa-Orchester und DJs spannungsvolle Tanzshows, unterhaltsame Workshops (auch für Kinder), und Vorträge, sowie auf einen Vinyl-Markt und lateinamerikanisches Essen.
Das Festival wird durch die Berliner Salsa-Community organisiert, die sich aus ehrenamtlichen Musikerinnen, DJs, Tänzerinnen und Kulturschaffenden zusammensetzt. Das Festival wird durch ein großes Netzwerk an Freiwilligen unterstützt. Die Kosten werden durch Spenden aus der Community und Unterstützung des Neulich-Biergartens gedeckt. Ziel ist es, einen niederschwelligen Zugang zur Salsa-Kultur zu bieten und die Vielfalt der Salsa-Tradition zu feiern. Das Festival soll ein Ort für ein solidarisches Miteinander in Zeiten von Kulturkürzungen und Rechtsruck sein. Ein Salsa-Festival für Alle: öffentlich, umsonst und draußen!

Mehr Infos: www.instagram.com/berlinensalsa


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Xochicuicatl e.V.: 
Asociación de mujeres latinoamericanas (Verein lateinamerikanischer Frauen)

Xochicuicatl bedeutet auf Nahuatl „Gesang der Blumen“. Seit 1992 setzt sich der gemeinnützige Verein für die Unterstützung lateinamerikanischer Migrant*innen in Berlin-Pankow ein. Gegründet von zehn lateinamerikanischen Frauen, hat sich Xochicuicatl e.V. zu einer wichtigen Anlaufstelle entwickelt – nicht nur für konkrete Hilfsangebote, sondern auch als Ort des Austauschs, der Begegnung und der politischen Reflexion über Migration, Exil, Feminismus und Rassismus.
Der Verein bietet individuelle Beratung zu sozialen und rechtlichen Fragen zum deutschen Schul- und Sozialsystem sowie zu psychischen Belastungen und häuslicher Gewalt an. Neben professioneller Unterstützung finden außerdem regelmäßig Deutschkurse statt. Ein besonderer Fokus liegt auf der Stärkung und Selbstermächtigung von Frauen in der Diaspora.
Darüber hinaus organisiert Xochicuicatl e.V. zahlreiche Aktivitäten, die den interkulturellen Austausch fördern. Seit 2019 bringt zum Beispiel das Projekt Ladies Meet and Do It! (Frauen treffen sich und machen es!) Migrantinnen, Geflüchtete und Nachbarinnen zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsame Initiativen zu entwickeln. Über die Woche verteilt gibt es zusätzliche Angebote wie den Chor Raiz Waki, Lotusblumen Yoga, einen Lesekreis zu lateinamerikanischen Schriftstellerinnen und eine Austauschrunde von Müttern für Mütter.


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Für die gemeinsame Befreiung

Selbstverwaltete Bildung Im Bachillerato Popular Mercelina Meneces können Menschen ihren Abschluss nachholen (Foto: Keno Feldhaus)

Durch das Fenster und die Tür des schmalen Raums im Erdgeschoss des Gemeindezentrums Lxs Invisibles („Die Unsichtbaren“) dringt nur wenig Licht. Gedrängt sitzen wir um einen Tisch, auf dem selbstgemachtes Gebäck und Tee stehen, und lauschen, wie Jenny von ihrer Arbeit im Viertel berichtet. Wir, eine neunköpfige Delegation aus Deutschland bestehend aus Mitgliedern und Menschen aus dem Umfeld des Bloque LatinoamericanoBerlin,sind nach Argentinien gekommen, um von der Frente de Organizaciones en Lucha (FOL) zu lernen. Wir wollen verstehen, wie sie es schafft, direkte Hilfe mit politischer Arbeit so zu verbinden, dass beides sich gegenseitig stärkt und zu einem größeren gesellschaftlichen Wandel beiträgt.

Die FOL ist eine landesweit aktive soziale Organisation, die sich als antikapitalistisch, antipatriarchal, antiimperialistisch, antibürokratisch sowie als für den Ökosozialismus, Feminismus und eine Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung kämpfend definiert. Sie ging 2006 aus dem Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen hervor, die ihre Wurzeln in der Arbeitslosenbewegung haben, welche in den 1990er Jahre im Zuge des neoliberalen Staatsumbaus entstand. Mit wenigen tausend Mitgliedern ist die FOL eine der kleineren sozialen Organisationen Argentiniens, die mit den vom formellen Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Menschen arbeiten – einer Bevölkerungsgruppe, die über 60 Prozent der Lohnabhängigen ausmacht. Ein Großteil der Arbeit der FOL dreht sich unmittelbar darum, die grundlegenden Bedürfnisse dieser Menschen zu erfüllen und die meisten Mitglieder der FOL schließen sich ihr aus diesem Grund an. Ihre organisatorische Struktur beruht auf Asambleas, also Versammlungen, in denen die Mitglieder Alltagsfragen diskutieren und ihre Arbeit und politischen Kämpfe koordinieren. Ausgehend von diesen Versammlungen gibt es eine Delegiertenstruktur, die diese auf regionaler und landesweiter Ebene verbindet.

Die konkrete Arbeit der FOL richtet sich nach den Bedürfnissen der Menschen, die sich in ihr organisieren. Heutzutage organisieren die Mitglieder der FOL Nachbarschaftsküchen, Kindergärten, Erwachsenenschulen, Straßenreinigung und Recycling, Gesundheitszentren, begleiten Frauen und Queers nach Gewalterfahrungen, unterstützen bei Trennungen, klären sie über ihre Rechte, über Verhütung und Abtreibungen auf, besetzen Land und fordern dessen Legalisierung ein, bauen ganze Viertel mit Sozialwohnungen neu und die gedrängt-chaotischen marginalisierten Viertel so um, dass sie lebenswerter werden. Sie betreiben Sportvereine und machen Jugendarbeit, produzieren Gemüse und stellen Biotope wieder her, und sie schaffen sich über diese Projekte bezahlte Arbeit, indem sie deren Anerkennung und Entlohnung vom Staat einfordern und erkämpfen.

Zwei Wochen lang besuchen wir mit den compas („Genoss*innen“) der FOL verschiedene Projekte und erhalten politische und historische Bildung. Unsere erste Station ist Buenos Aires, wo wir gleich am ersten Tag von der Mesa de Delegadxs, dem Delegiertengremium der Versammlungen der Stadt, feierlich in Empfang genommen werden. Reihum stellen sich die Delegierten, die die Asambleas vertreten, vor. „Wir sind hier, weil die FOL uns geholfen hat und wir mit ihr gelernt haben, für unsere Rechte zu kämpfen; für die Rechte, die jedem Menschen zustehen“, erklärt eine Delegierte, als sie an der Reihe ist. Der weit größte Teil der Anwesenden sowie generell der Mitglieder der FOL sind Frauen. Die meisten kommen aus Bolivien, Peru und Paraguay und sind auf der Suche nach einem besseren Leben nach Argentinien migriert.

In verschiedenen villas (marginalisierten Vierteln, Anm. d. Red.) der Stadt lernen wir die dort in den Asambleas organisierten compas kennen, darunter auch Jenny. Sie ist das am längsten aktive Mitglied des Gemeindezentrums Lxs Invisibles. Seit 2003 existiert das Zentrum, das in einem schmalen, durch andere Gebäude eingeschlossenen Haus in der Villa 31 im Zentrum von Buenos Aires liegt. Jenny erzählt uns davon, wie sie sich 2014 mit ihrer Kiezversammlung der FOL anschließen wollten. Einige ihrer compas waren damals dagegen, denn Teil der FOL zu sein, bedeutet eine politische Ausrichtung inklusive der Teilnahme an Demonstrationen und anderen Aktionen. Stattdessen wollten sie eine eigene Kooperative gründen. Der Streit eskalierte und als sich Jennys Fraktion in Lxs Invisibles mit Vertreter*innen der FOL trafen, wurden sie von bewaffneten Mitgliedern der Drogenbanden der Villa angegriffen. Sie mussten sich verschanzen, bis die Polizei nach langer Zeit endlich auftauchte. Später stellte sich heraus, dass die Angreifer von den compas gerufen worden waren, die sich der FOL nicht anschließen wollten.

Solche und ähnliche Geschichten hören wir immer wieder bei unseren Besuchen in den verschiedenen villas von Buenos Aires. Überall ringen die Mitglieder der FOL mit lokalen Machthaber*innen und Drogenbanden um Einfluss. „Jetzt, wo Milei uns die Mittel gestrichen hat, bleibt vielen nichts anderes übrig, als anderswo nach einem Auskommen zu suchen“, erklärt uns Ana bei unserem Besuch in einem Bachillerato Popular (Bachi) im Bezirk Bajo Flores. „Wir können unsere Strukturen teilweise nicht mehr aufrechterhalten.“ Die Bachis sind selbstverwaltete Schulen, in denen Erwachsene ihren Schulabschluss nachholen und so ihre Chancen, eine formelle Arbeit zu finden, erhöhen können. Bis vor Kurzem wurden die Gehälter der Lehrenden aus staatlichen Geldern gedeckt, doch auch diese wurden jetzt drastisch gekürzt. „Wir retten hier Leben“, erklärt uns Ana. „Ohne die Möglichkeit, hier Bildung zu erhalten, werden insbesondere viele der jungen Männer in die Hände der Drogenbanden getrieben, weil sie anders nicht über die Runden kommen.“

Seit Mileis Amtsantritt im Dezember 2023 vollzieht dieser einen Frontalangriff auf die sozialen Organisationen, die zu den lautesten Akteur*innen im Widerstand gegen seine rücksichtslose Sparpolitik gehören. Die Methoden dieses Angriffs reichen von medialen Schmutzkampagnen über juristische und polizeiliche Angriffe bis hin zum Entzug der staatlichen Mittel für die Organisationen. Die Folge ist ein dramatischer Mitgliederverlust der sozialen Organisationen, die teilweise weit über die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. Viele von ihnen können ihren Lebensunterhalt nun nicht mehr mittels der sozialen Organisationen bestreiten und sind gezwungen, andernorts nach Einkommen zu suchen – zum Beispiel bei der organisierten Kriminalität. Denn es ist die Not, die die Menschen in den villas bewegt; es fehlt an Arbeitsplätzen und somit Einkommen, um sich und die Familie zu ernähren, an bezahlbarem Wohnraum und dem Zugang zu Bildung und öffentlichen Dienstleistungen. Solange die sozialen Organisationen eine starke Präsenz haben, sind sie eine Alternative zu den Drogenbanden und lokalen Machthaber*innen. So war es auch im Fall von Jenny und dem Gemeindezentrum Lxs Invisibles. Letztlich schlossen sich die compas, die die bewaffneten Bandenmitglieder auf Jenny und die anderen gehetzt hatten, der FOL an. Alleine hatten sie es nicht geschafft, die staatliche Anerkennung ihrer Kooperative zu erstreiten.

Generell hat die FOL es geschafft, größere Anteile ihrer Mitgliederschaft zu halten, da sie in ihrer Arbeit mehr Wert auf Politisierungsprozesse legt als andere soziale Organisationen. Sie bietet Bildungskurse an, legt Wert auf offene Diskussionen sowie darauf, ihre Mitglieder zu befähigen, sich eigene Meinungen zu bilden und Verantwortung in der Organisation zu übernehmen. Hierdurch wird die Bindung der Mitglieder, die sich der FOL aus der Not heraus anschließen, gestärkt: Sie entwickeln die Überzeugung, dass der Ausweg aus der eigenen Misere nur kollektiv und im Widerstreit mit den herrschenden Verhältnissen gelingen kann.

In La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, mit dem Zug etwa anderthalb Stunden von der Stadt Buenos Aires entfernt, sind die Asambleas der FOL anders organisiert. Sie liegen in den Außenbezirken La Platas, wo mehr Platz ist als im urbanen Zentrum von Buenos Aires. Die Häuser stehen weniger gedrängt, haben nur ein oder zwei Stockwerke, dafür aber einen eigenen Garten vor oder hinter dem Haus. Generell scheint im Vergleich zur argentinischen Hauptstadt alles entzerrt, entschleunigt.

“Wir retten hier Leben”

Besonders fällt bei unseren Besuchen die Beziehung der Arbeit zum Wissen ins Auge. Aus sogenannten yuyos – Kräutern, deren Heilwirkung die zum Großteil aus Paraguay stammenden compas im Alltag nutzen – stellen sie Produkte in Form von Salben, Ölen und mehr her und verkaufen diese, um etwas Geld zu verdienen. Gleichzeitig tragen compas, die an Universitäten arbeiten, Wissen aus diesem Bereich, zu dem die Menschen aus diesen Vierteln sonst keinen Zugang hätten, in die Asambleas. Während wir im Garten hinter dem Gemeinschaftshaus stehen, wird uns erzählt, wie ein compa namens Ramiro damit begann, sein Wissen über die Nutzung von Kompost anzuwenden, um die brachliegenden Böden fruchtbar zu machen. Das Gemüse wird vor allem für den eigenen Konsum und den lokalen Handel im Viertel genutzt. Inzwischen ist das Wissen um Kompost sogar von Nachbar*innen übernommen worden, die nicht Teil der FOL sind.

Ramiro ist Biologe und arbeitet nun am Bau von Wasserfiltern, rein aus lokal verfügbaren Materialien. Das Wissen für den Wasserfilter kommt aus der Universität und ist dringend gebraucht. Denn die Viertel und La Plata generell sind auf ehemaligen Feuchtgebieten errichtet und von regelmäßigen Überschwemmungen betroffen. Dabei verunreinigen die unzureichenden Abwassersysteme immer wieder das Trinkwasser. Das stellt die Bewohner*innen der Viertel vor die Wahl, Unsummen für abgefülltes Wasser in Flaschen auszugeben oder sich den Krankheitserregern und Parasiten im Wasser auszusetzen – wobei die prekäre finanzielle Situation vielen nicht mal diese Wahl lässt.

Auch in Formosa im Norden Argentiniens an der Grenze zu Paraguay, der letzten Station des Austauschs, herrschen spezielle Bedingungen. Hier, in der ärmsten Provinz Argentiniens, ist die FOL noch relativ jung. Die Strukturen kamen erst vor wenigen Jahren im Zuge der Ausweitungen staatlicher Programme zustande, die der FOL die nötigen Ressourcen gaben, um sich auch in den Provinzen zu etablieren. Die compas in Formosa bewirtschaften Gärten und Felder in Hand- und tierischer Arbeit. Schon vor Sonnenaufgang stehen sie auf und beginnen ihr Tagwerk, denn ab dem Mittag macht die beißende Sonne die Arbeit in der immer schwülen Hitze Formosas unmöglich. Als wir ihnen für kurze Zeit zur Hand gehen, verstehen wir schnell, was der fehlende Zugang zu Maschinen und großem Gerät bedeutet und weshalb sich die Arbeit der FOL hier darauf konzentriert, diese zu beschaffen und Zugang zu Märkten für den Verkauf der produzierten Güter herzustellen.

Der Abschied nach den zwei Wochen ist einer der Momente des Austauschs, in dem offensichtlich wird, wie zentral die menschlichen Beziehungen sind, die durch den Besuch entstehen. Sie sind unverzichtbarer Teil für den Aufbau eines Internationalismus, der auf tiefgreifender Verbindung, der ehrlichen Erkenntnis und dem Wunsch beruht, einen gemeinsamen Kampf zu führen, und sich nicht mit wirkungslosen Solidaritätsbekundungen aus der Ferne zufriedengibt. Es bewegt uns, erneut zu hören, was die Organisation für die compas bedeutet, wie sehr sie ihre Leben und sie als Personen verändert hat und wie dankbar und stolz sie darauf sind. Auch wenn sie in einem völlig anderen Kontext leben, erkennen wir uns in ihren Gefühlen wieder; in der Hoffnung auf und der Gewissheit der Möglichkeit einer ganz anderen Welt und der tiefen Verbindung zu den compas und Genoss*innen, die wir an unserer Seite wissen.


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“ANMELDUNG PARA TODES!”

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Para les habitantes de Berlín, el aumento y la especulación de los precios de la vivienda, la inflación y la gentrificación de ciertas partes de la ciudad han alcanzado en los últimos años dimensiones alarmantes. Las consecuencias, por supuesto, afectan de manera desmedida a las personas extranjeras. Les migrantes, y particularmente aquelles que venimos del sur global, nos encontramos en importantes desventajas para acceder a una vivienda: además de las limitaciones ligadas al idioma, del desconocimiento del sistema burocrático, de las condiciones laborales precarizadas y de las redes de apoyo reducidas, sistemáticamente sufrimos prácticas excluyentes y discriminatorias a la hora de encontrar dónde vivir.

Ciudad Migrante: una iniciativa desde abajo

Motivades por la inseguridad legal, laboral y consecuentemente emocional ligada a esta situación, algunes integrantes del Bloque Latinoamericano iniciaron en abril de 2022 una serie de reuniones sobre el derecho a la vivienda. En un primer momento, estos encuentros fueron talleres abiertos a los cuales se acercaron decenas de personas para compartir sus historias y discutir soluciones comunes. A partir de la sistematización de estas experiencias, vimos la necesidad de ir más allá de la escucha colectiva: ¿Cómo podemos generar acciones concretas que tengan un impacto positivo en el acceso a la vivienda para la comunidad migrante?

Es así como, a principios del 2023, surge Ciudad Migrante, un espacio abierto creado por migrantes latinoamericanes e hispanohablantes en Berlín. Es el resultado de un arduo proceso colectivo y de la convicción de que Berlín es una ciudad donde les migrantes podemos crear un sentido de pertenencia a través de la solidaridad y de la participación política. Nuestro trabajo se orienta por dos principios fundamentales: la lucha por el acceso igualitario a la vivienda y el derecho a la ciudad.

En primer lugar, reconocemos el acceso a la vivienda como una necesidad básica para una vida digna. Esta convicción guía nuestro compromiso por promover prácticas antidiscriminatorias e incluyentes, así como por proveer herramientas informativas a les migrantes en busca de vivienda. Así, en septiembre de este año lanzamos la Guía migrante de supervivencia urbana: Herramientas para enfrentar el mercado inmobiliario y la burocracia en Berlín. En este manual se ponen a disposición mecanismos a través de los cuales puede obtenerse un cuarto; se explican las características, los derechos y las obligaciones que revisten los diferentes tipos de contrato de alquiler; cuáles son las estafas habituales a las que hay que prestarles atención; qué recursos existen para lidiar con situaciones de violencia de género en el hogar y muchas otras informaciones indispensables que no siempre resultan evidentes al momento de llegar a una ciudad desconocida.

El derecho a la ciudad se refiere al derecho de les habitantes a construir, decidir y crear la ciudad, priorizando las necesidades de la comunidad por sobre aquellas de los intereses mercantilistas. Ambos principios definen a Ciudad Migrante como un grupo anticapitalista, concentrado en la acción política, con miras a facilitar el acceso a la vivienda y al desarrollo social de aquellas personas cuya situación inmediata les orilla a la despolitización. Más que ofrecer soluciones individuales, nuestro objetivo es generar un cambio estructural, visibilizando las realidades de las personas migrantes, interpelando a la comunidad alemana e incidiendo políticamente en las decisiones que afectan la vida de todas las personas en Berlín.

El círculo vicioso de la Anmeldung

El problema del acceso a la vivienda no sólo plantea obstáculos materiales, financieros y psicológicos para les migrantes, sino que pone de relieve una serie de mecanismos burocráticos que dificultan el acceso a servicios esenciales. Entre estos, hay uno particularmente escabroso para la vida migrante: la anmeldung (registro). Fue a través del diálogo y de la reflexión con varios instrumentos de la cartografía crítica que este trámite burocrático surgió como un tema central en nuestro quehacer político. Este mecanismo de registro oficial ocupa un lugar fundamental en la legalización y establecimiento de la vida privada en Alemania. En teoría, la anmeldung se perfila como una herramienta progresiva para el control del censo poblacional, la comunicación con las autoridades y el acceso a servicios educativos, sociales y de salud. Sin embargo, en el contexto de la crisis habitacional mencionada, la deseada y muy rara vez obtenida anmeldung representa un dispositivo de exclusión fundamental de las vidas migrantes en Berlín: sin Anmeldung no hay acceso a la salud, al trabajo legal o a los servicios financieros, pues es requerida para obtener un seguro médico, solicitar el Steuernummer, abrir una cuenta de banco, firmar un contrato de trabajo, entre muchos otros servicios y derechos urbanos importante.

Campaña “Anmeldung für Alle”: la apuesta política de Ciudad Migrante

La capacidad de interpelar al Estado y a los partidos es un aspecto fundamental de la praxis política de Ciudad Migrante. Por ese motivo, nuestra reiterada presencia en las calles está siempre acompañada de consignas políticas claras a través de las cuales demandamos frente a las instituciones correspondientes soluciones concretas a los distintos aspectos de la precarización de la vida migrante. Con el propósito de luchar contra las trabas burocráticas que obstaculizan el acceso a la vivienda, Ciudad Migrante lanzará antes de fin de año una campaña denominada “Anmeldung für alle!”. Algunas de las soluciones que imaginamos son la creación de una dirección postal universal que brinde la posibilidad de registrarse en la ciudad independientemente del lugar en que se habita, la supresión de la autorización del proveedor de la vivienda (Wohnugnsgeberbestätigung), la decriminalización del falso empadronamiento (Scheinanmeldungen), entre otras. Para lograr estos objetivos, que pueden implicar la eventual modificación de la actual Meldegesetz (Ley de Registro), el trabajo conjunto con otras organizaciones del movimiento de inquilinos (Mieterbewegung) en Berlín y la izquierda parlamentaria es fundamental. Por eso motivo, todas las personas individuales e iniciativas políticas están invitadas a sumarse a la lucha en contra de burocratización y mercantilización de la vivienda. ¡Por el derecho a una ciudad migrante!


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„DU HAST DIE KUGEL – WIR HABEN DAS WORT“

Foto: CADEHO

Dieses Wandbild befindet sich an einer Außenmauer in der Malmöer Straße 29 in Berlin und gedenkt mit Berta Cáceres und Marielle Franco zwei Aktivistinnen, die sich in Honduras und Brasilien für grundlegende Menschenrechte einsetzten und aufgrund ihres Engagements ermordet wurden. Angestoßen wurde das Projekt von CADEHO (Menschenrechtskollektiv für Honduras) und orangotango (Kollektiv für kritische Bildung und kreativen Protest). Gemeinsam mit den kolumbianischen Wandbildkünstler*innen Fonso, Soma und La Negra und unter Beteiligung weiterer in Berlin lebender Aktivist*innen wurde 2019 die Idee des Wandbilds erarbeitet und schließlich künstlerisch in die Tat umgesetzt.

Als Collage sind Kämpfe für eine intakte Umwelt und indigene Selbstbestimmung, gegen Rassismus und Polizeigewalt dargestellt. Zudem thematisiert das Wandbild die deutschen Verbindungen zu den Morden an den beiden Aktivistinnen: Berta Cáceres kämpfte gegen ein illegales Wasserkraftwerk auf dem Gebiet der indigenen Lenca, an dem ein Siemens-Joint Venture als Turbinenlieferant beteiligt war. Der Auftrag für ihre Ermordung kam direkt aus dem Betreiberunternehmen des Wasserkraftwerks (siehe LN 563). Marielle Franco wurde mit einer Waffe der Marke Heckler & Koch ermordet. Dieses Fabrikat war an Spezialeinheiten der Polizei in Rio de Janeiro geliefert worden. Deutsche Waffenexporte unterliegen einer speziellen Kontrolle, die eigentlich die Weitergabe an nicht autorisierte Dritte unterbinden soll. Trotzdem war diese Waffe in Hände von Milizen in Rio geraten (siehe LN 537).


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ALS KUNSTSCHAFFENDE UND CHILEN*INNEN ZUSAMMENKOMMEN

Chilean Conexión 2020 Foto von der dritten Ausgabe des Kunstfestivals in Berlin (Foto: Magma Studio @magmastudio)

Wie kam es zu der Idee für Chilean Conexión?
Das war 2018. Ich habe damals mit ziemlich vielen chilenischen Künstlern und Musikern zusammengearbeitet – vor allem mit denen, die nach Berlin kamen. Sie fragten mich ständig nach Orten, an denen sie ihre Kunst ausstellen oder ein Projekt auf die Beine stellen könnten. Da kam dann die Idee auf, Meetups mit kreativen Chilenen zu veranstalten, also Räume, in denen wir uns treffen und Synergien aufbauen, unsere Erfahrungen teilen und uns gemeinsam verbessern können. Als ich dann einige befreundete chilenische Künstler einlud, sagten viele zu, aber am Ende wurde doch nichts daraus (lacht). Es verging ein Jahr und im Sommer kamen mich wieder Freunde besuchen. Super gute Musiker, die es leid waren, jedem Berliner Club eine Mail zu schreiben, ohne eine Antwort zu bekommen.. Und da kam mir Idee, einfach selbst ein Event zu schaffen, an dem unterschiedliche chilenische Künstler teilnehmen können: bildende Künstler, Musiker und so weiter. Ich meldete mich mit der Idee bei einigen Veranstaltungsorten und bekam sofort Antworten.

Der Fokus des Festivals ist eindeutig. Warum beschränkt ihr euch ausschließlich auf chilenische Künstler?
Als ich aus Chile wegging, war ich nicht gerade auf der Suche nach der chilenidad. Ich denke, dass viele Chilenen, vielleicht auch viele Lateinamerikaner, eher davoneilen als einfach nur weggehen. In Chile war die letzte Zeit außerdem politisch und gesellschaftlich gesehen ein besonderer Moment. Als ich hier ankam, war mir das alles sehr fern. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich zwar kein Patriot, aber doch irgendwie mit der Gemeinschaft verbunden bin. Denn obwohl ich mich nicht von der chilenischen Politik repräsentiert fühle, bin ich Teil dieser Gemeinschaft. Ich habe gemerkt, dass es vielen Chilenen hier so geht. Und außerdem spielten auch einige persönliche Interessen eine Rolle: Mich interessieren die Migrationsverbindungen und das, was die Menschen verbindet. So kam die Idee auf, einen Raum für Menschen mit einer gemeinsamen Herkunft zu schaffen.

Im vergangenen Jahr fand Chilean Conexión zum dritten Mal und im Schatten der Proteste in Chile statt. Was bedeutete es, in diesem Kontext zusammenzukommen?
Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal ein Thema für die Kuratierenden festgelegt. Das war angesichts der Ereignisse in der internationalen Politik und auch der Kunstwelt nötig, denn das Thema war überall und immer präsent. Es kam als Energie in unserem Umfeld auf – es gab dieses Thema und wir merkten, dass sich jemand damit beschäftigen muss. Es wäre uns komisch vorgekommen, einen Aufruf für ein Festival in die Kunstwelt zu schicken und das Thema nicht anzusprechen. Und es war toll, denn viele Künstler wollten gern darüber reden. Komplex war es aber auch, denn nicht alle arbeiten mit politischen Themen. So kam zum ersten Mal die Idee einer Kuration auf, die letztendlich sehr viel mehr Arbeit bedeutete.

Warum mehr Arbeit?
Die Herausforderung bestand darin, dass das Thema nicht nur ein Vorschlag war, sondern eine Vorgabe: Die Künstler arbeiteten genau zu diesem Thema. Manchmal hat das zu Verwirrung geführt: Es gab Leute, die schickten uns Vorschläge, aber keine Kunst, sondern eben Vorschläge für den Protest. Da mussten wir differenzieren. Es gab sehr viele Kunstwerke, und zwar alles mögliche. Die Künstler näherten sich dem Thema manchmal weniger eindeutig, als wir es erarbeitet hatten. In Chile arbeitete man vor allem explizit zum Thema Gewalt. Dabei gab es Dinge, die inhaltlich sehr hart, aber visuell gesehen nicht gewaltvoll waren. Den Leuten hat das Thema und die Art, wie es aufgearbeitet wurde, gefallen. Sehr viele Menschen sind der Einladung zum digitalen Teil des Festivals gefolgt.

Dank des digitalen Formats konnte das Werk auch von Chile aus gesehen werden. Wie wurde es dort aufgenommen?
Super gut. Ich denke, für ganz Lateinamerika gilt: Wenn in einem anderen Land etwas veranstaltet wird, was das eigene Land repräsentiert, dann erfüllt es die Leute mit Stolz. Das verleiht dem, was im Land passiert, noch mehr Geltung. Zum Beispiel haben wir 2020 in einem Streaming mit chilenischen Künstlern, vor allem Musikern, dazu aufgerufen, dass Leute auf der ganzen Welt eine Online-Demonstration über die Krise veranstalten. Das war genau zum ersten Jahrestag des estallido social. Es gab eine riesige Resonanz. Das Video dauerte am Ende mehr als zehn Stunden und wurde mehr als 80.000 Mal angesehen. Außerdem gab es Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken und Zeitschriften. Die Interventionen, die wir im öffentlichen Raum veranstalteten, haben auch viel Aufmerksamkeit bekommen. Zum Beispiel haben wir ein paar Projektionen am Alexanderplatz gemacht. Die Fotos gingen um die Welt. Am Ende tat es sehr gut zu sehen, dass wir großen Eindruck hinterlassen hatten.

Bei Chilean Conexión scheint es auch darum zu gehen, die Künstler*innen auf der Ebene ihrer persönlichen Laufbahn anzusprechen. Ich denke da an die angebotenen Seminare, Diskussionsveranstaltungen, Workshops.
Mir war es schon immer wichtig, dass es nicht nur eine Ausstellung ist, sondern dass auch die Künstler sich weiterbilden können. Deswegen organisieren wir schon seit der zweiten Ausgabe des Festivals viele Seminare. Bei dieser Gelegenheit gab es zwei: eines über das Urheberrecht in der Kunst und eines darüber, wie man selbst eine Ausstellung organisiert. Und klar, das Format Ausstellung ist attraktiver für das Publikum, aber auch für die Künstler: es ist eine Win-Win-Situation. Das ist ein weiterer Unterschied zu klassischen Meetups. Denn bei diesen Treffen geht es zwar um Austausch zwischen Künstlern, aber nicht um gegenseitige praktische Unterstützung. Im Fall von Chilean Conexión gibt es beides. Der Austausch ist hier indirekter: es gibt keinen Tisch, an dem sich alle versammeln und über visuelle Kunst diskutieren. Aber es kommen mehrere visuelle Künstler aus Chile, die in Berlin leben, zusammen und schaffen diesen Austausch. Chilean Conexión ist also ein Festival, bei dem die Künstler ihre Arbeit zeigen, Musik machen und so weiter, aber vor allem ist es ein Ort, an dem die Leute ihre Erfahrungen austauschen können.

Warum ist der Austausch von Erfahrungen für dich so wichtig?
Die Bedeutung, die ich dem Teilen von Erfahrungen zuschreibe, hat nicht nur mit der Kunst zu tun, sondern mit meinem persönlichen Blick auf menschliches Schaffen. Ich bin Architekt und habe es immer von der Architektur aus betrachtet. Ich habe schon immer mit partizipativer Architektur gearbeitet. Dabei ist die Partizipation fundamental, um Wissen aufzubauen, Dinge zu verbessern und Entwicklung zu fördern. In dem Moment, in dem Menschen ihre Erfahrungen teilen, profitiert man nicht nur von den Erfahrungen des andern, sondern stärkt auch das soziale Gefüge. Im Teilen liegen zwei wichtige Dinge: man hat Zugang zu Wissen, ohne selbst bestimmte Erfahrungen gemacht haben zu müssen und man schafft einen Akt der Gemeinschaft. Das gibt Kraft. Als Migrant ist das fundamental.

Warum?
Wenn du als Migrant nicht in der Lage bist, dich gut zu integrieren oder dich mit den anderen in einem neuen Land zurechtzufinden, bist du verloren. Wenn Chilenen, Argentinier oder sonstwer zu mir kommen und mich nach etwas fragen, denke ich jedes Mal: „Ich wünschte, ich hätte damals jemanden wie mich gefunden, der mir so klar sagen kann, wo es langgeht, was man machen kann, wie es geht.” Ich teile Wissen mit ihnen, das zu sammeln mich selbst sechs oder sieben Jahre gekostet hat. Auf diesem Weg kannst du wirklich verloren gehen. Aber wenn du ein soziales Gefüge findest, schaffst du den Weg wahrscheinlich schneller. Ich denke, Chilean Conexión hat es geschafft, ein solches Gefüge in diesen Bereich zu bringen.

Also ist das Festival auch eine Art Vermittler?
In der Welt der Kunst gibt es nicht so viele Orte, an denen Menschen zusammenkommen, um von den Erfahrungen des anderen zu lernen. Deshalb denke ich, das ist ein großer Vorteil des Festivals. Denn es ist keine Biennale der Kunst, sondern ein Treffen von Künstlern. Das Festival hat ein künstlerisches Standbein, aber auch ein soziales, denn das Ziel ist, dass die Künstler ihre beruflichen Möglichkeiten erweitern und verstärken können. Und das nicht nur als Künstler, sondern auch als Migranten. Dass sie sich im Austausch mit den anderen stärken, verstehen, was andere machen oder einfach nur mit anderen sprechen und ihren Weg kennenlernen. Da ist eine Plattform wie Chilean Conexión, auf der Menschen der gleichen Kultur zusammenkommen, ein großer Vorteil.


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„KYBURG MUSS SICH VERANTWORTEN“

Menschenrechtsverbrecher im Kiez Escrache in Prenzlauer Berg, Foto: Luciando Villalba Outeda

Was hat es mit Ihnen gemacht, als Sie erfahren haben, dass ein Folterer der argentinischen Militärdiktatur unbehelligt in Berlin lebt?
Ich habe es aus der Bild-Zeitung erfahren und für mich war es ein Schock. Schon seit meiner Arbeit mit den Abuelas de la Plaza de Mayo in Argentinien war uns bewusst, dass einige der Angeklagten versuchen würden, nach Europa zu fliehen, um sich über die doppelte Staatsbürgerschaft der argentinischen Justiz zu entziehen. In Argentinien gibt es viele Nachfahren von europäischen Einwanderern, die die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern erben. So wie im Fall von Luis Kyburg. Es ist aber nicht das Gleiche, das theoretisch zu wissen, wie es auf einmal so nah zu haben. Als ich die Schlagzeile gelesen habe, war klar: Die Vergangenheit kehrt zurück, holt mich wieder ein und kommt mir sehr nah. Ich konnte also nicht anders, ich musste etwas tun.

Und was haben Sie dann getan?
Es gab ein Kollektiv von verschiedenen Gruppierungen von Argentiniern in Berlin und Deutschland, Exilierte und andere. Nachdem die Nachricht erschienen war, haben wir zu einer Protestaktion aufgerufen und entschieden, diesen Aufruf als H.I.J.O.S. Deutschland zu veröffentlichen. Wir haben im Prenzlauer Berg Plakate geklebt und Flyer mit der Fahndungsanzeige von Interpol und dem Foto von Kyburg aus der Zeitung verteilt, zusammen mit offiziellen Infos über den Fall, damit die Anwohner Bescheid wissen.

Was wollten Sie mit dieser Aktion erreichen?
Die Idee eines escrache ist, dass die Leute ihn auf der Straße erkennen können. Und ein Restaurant- oder Kioskbesitzer sagen kann: „Nein, hier hast du Hausverbot, Menschenrechtsverbrecher werden von uns nicht bedient.“ Diese Aktionsform, in der es um die Anklage und Sichtbarmachung von Menschenrechtsverbrechern geht, kommt aus der Zeit, als in Argentinien noch Straflosigkeit herrschte. Wir versuchten damit eine soziale Verurteilung zu erreichen und wollten zeigen, dass sie ganz nah waren, wir wollten ihre Verstecke aufdecken. Kyburg versteckt sich hier in Berlin, er ist vor der argentinischen Justiz geflüchtet. Dieser Mann will unbedingt unbemerkt bleiben, niemand soll mitbekommen, wo er ist oder was er getan hat. Wir wollen das öffentlich machen. Wir wollen, dass den Nachbarn bewusst wird, neben wem sie dort wohnen.

Wie lief die Aktion am 12. September ab?
Wir sind gemeinsam und begleitet von einer Musikgruppe mit Plakaten und Fotos der gewaltsam Verschwunden durch den Prenzlauer Berg gegangen. An jedem Halt haben wir die Namen der 88 Opfer verlesen, wegen derer Kyburg angeklagt ist. Das sind die Menschen, die in dem geheimen Foltergefängnis inhaftiert waren, als Kyburg dort im Amt war. Wir haben Silhouetten auf die Straße gemalt, die symbolisch für die Verschwundenen stehen. Omar Marochis Neffe, Rodrigo Díaz, der in Köln lebt, war selbst da und hat den letzten Brief seines Onkels vorgelesen. Omar ist einer der Verschwundenen aus dem Marinestützpunkt, in dem Kyburg gedient hat.

In Argentinien wurden bei den escraches auch die Häuser der Militärs markiert, bei Kyburg nicht.
Das waren andere Momente und Kontexte. In Argentinien galten bis zum Jahr 2003 Gehorsamspflicht- und Schlusspunktgesetze, keiner der Völkermörder konnte damals verurteilt werden. Erst als die Gesetze unter der Regierung von Nestor Kirchner als ungültig erklärt wurden, begannen im ganzen Land die Prozesse für die Verbrechen der Militärdiktatur. Wir wollten nichts direkt gegen ihn machen, die Idee war, dass die Nachbarn Bescheid wissen und dass diese Unrechtssituation auch in den deutschen Medien aufgenommen wird. Unsere Aktion war ein symbolischer und sehr wichtiger Akt des Gedenkens.

Wieso wurde Kyburg nicht in Argentinien verurteilt?
Er konnte nicht verurteilt werden, weil er schon vor seiner Anhörung geflohen ist. Sonst wäre Kyburg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt und säße im Gefängnis. Im Jahr 2016 gab es im gleichen Prozess ein Urteil, in dem unter anderem ein direkter Vorgesetzter und andere seiner Kameraden bei den Kampfschwimmern, auch Untergebene, verurteilt wurden. Kyburg war 1976 Vizekommandant der Schwimmeinheit, ihm wäre das gleiche passiert. Er ist aber geflohen, bevor der Haftbefehl wegen der schwerwiegenden Anklagen gegen ihn ausgesprochen wurde.

Was erwarten die H.I.J.O.S nun von der deutschen Justiz?
Das gleiche wie von der argentinischen. Wir erwarten Juicio y Castigo, Prozess und Strafe: Einen gerechten Prozess, der die vergangene Zeit berücksichtigt. Wir reden von Taten, die vor 44 Jahren geschehen sind. Großmütter der Plaza de Mayo sind gestorben, während sie versuchten, ihre Enkel zu finden. Es gibt Überlebende, Zeugen der Folterlager, Kläger und Angehörige, die jetzt nicht mehr da sind. Folterer, die nicht mehr zu ihrem Prozess gekommen sind, da sie vorher verstorben sind. Also wollen wir, dass auf die Zeit geachtet wird, die schon verstrichen ist und auf die, die die Ermittlungen der deutschen Justiz noch brauchen wird.

Wie wurde Kyburgs Entdeckung in Argentinien aufgenommen?
Viele Menschenrechtsorganisationen blicken erwartungsvoll auf den Fall, zum Beispiel die Großmütter. Sie wollen natürlich wissen, was mit den beiden schwangeren Frauen und ihren Kindern geschehen ist, die dort inhaftiert waren. Die Informationen, die bei den Ermittlungen herauskommen könnten, sind wichtig.

Die Vorstellung, dass Kyburg mit diesem Wissen herumläuft, ist grausam…
Ja. Man geht in alle Prozesse um Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dieser Erwartung hinein, mehr Informationen über den Verbleib der Verschwundenen zu erfahren. Selbstverständlich muss er etwas wissen. Dieser ganze Fall ist sehr heftig. In Argentinien ist es Staatspolitik, die Unterdrücker der letzten Militärdiktatur vor Gericht zu bringen. Es gibt einen Staat, der darauf achtet, dass dieser Fall nicht unbestraft bleibt und die Menschenrechtsorganisationen von Mar del Plata, die Angehörigen und H.I.J.O.S. Wir sind verschiedene Generationen, die sich der Suche nach Gerechtigkeit verschrieben haben und wissen wollen, was damals passiert ist. Damit werden wir nicht aufhören.

Was sind Ihre Forderungen?
In diesem Fall ist es wichtig, darauf zu beharren, dass es Gerechtigkeit gibt. Wenn Deutschland Kyburg wegen des Grundgesetzes nicht ausliefern kann, dann soll er hier verurteilt werden. In Argentinien kann man nicht in Abwesenheit verurteilt werden, auch wenn alles Beweismaterial bereits beisammen ist. Alle Beweise, Zeugenaussagen, Dokumente und persönliche Akten belasten diesen Mann. Wir reden nicht von einer Vermutung, sondern von einem systematischen Plan der Auslöschung von politischen Gegnern, als Tatbestand auch Genozid genannt. Es gab eine Struktur in der Marine, es gab Ränge und er hatte einen hochrangigen Posten in der Befehlsstruktur inne. Das Zentrum der Kampfschwimmer war in dem Marinestützpunkt, wo Menschen inhaftiert waren, die gewaltsam verschwundengelassen wurden. Auch zwei Morde haben dort stattgefunden. Das sind bewiesene und schwerwiegende Verbrechen. Dafür muss er sich verantworten. Wir fordern einen Prozess mit einem gerechten Urteil – und einem Verteidiger, denn er kann aussagen, wenn er will. Normalerweise machen sie keine Aussagen. Es gab einen Schweigepakt unter ihnen über das, was während der Militärdiktatur passiert ist. Das fordern wir. Nicht mehr und nicht weniger.

Sie sind Tochter von Opfern der Militärdiktatur. Nun werden Sie selbst in einem Prozess als Zeugin aussagen.
Ich habe mich wie viele von uns der Aufarbeitung der Geschichte unserer Eltern und unserer eigenen Geschichte verschrieben. Meine Eltern Jacinto Alonso Saborido und Rosa Delfina Morales waren politische Gefangene. Meine Mutter konnte im peruanischen Exil überleben, mein Vater wurde ermordet. Ich konnte herausfinden, was mit meinem Vater geschehen ist, da sie seine Leiche meinen Großeltern übergeben haben. Das war kurz vor der Diktatur. Offen sind die Fragen danach, wer dafür verantwortlich ist. Dafür muss ich nun in einem Prozess aussagen, in dem es um das geheime Foltergefängnis Banfield geht. Ich war in vielen Prozessen als Anwältin anwesend, aber jetzt geht es um mich als Zeugin, als Tochter. Aus der Revolutionären Arbeiterpartei (PRT), in der meine Eltern politisch aktiv waren, lebt die Mehrheit nicht mehr. Es ist wichtig, den Opfern in den Prozessen die Möglichkeit zu geben, gehört zu werden. Das zu hören, was wir zu sagen haben. Manchmal kommt diese Möglichkeit zu spät. Deswegen bestehen wir so sehr darauf, in Fällen wie diesem schnell zu handeln, denn die Zeit spielt gegen uns.

Was bedeutet der Fall Kyburg für Sie als in Deutschland lebende Argentinierin?
Für mich sind die Fälle der schwangeren Frauen sehr wichtig. Es gibt nichts Bösartigeres als die Vorstellung, dass sie Schwangere foltern, aber am Leben lassen, um ihnen ihre Kinder zu nehmen und sie mit einer Identität aufwachsen zu lassen, die nicht ihre eigene ist. Das geht mir nicht in den Kopf. Ich bestehe darauf: Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sie richten sich gegen die gesamte Menschheit. Das darf nicht passieren. Vor allem, wenn wir die deutsche Geschichte im Kopf haben. Es ist sehr wichtig, dass Deutschland ein deutliches Signal gibt. Es muss eine klare Verurteilung dieser Verbrechen geben, damit sie nicht straflos bleiben. Wir reden hier von Entführungen, Folter, von gewaltsamem Verschwindenlassen von Menschen durch staatlichen Terror. Deutschland hat die UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen unterzeichnet, aber es noch nicht als eigenen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Dieser Mann soll nicht davonkommen, er soll nicht geschützt durch seine deutsche Staatsbürgerschaft in Berlin leben – nicht mit dieser Geschichte, die wir alle mit uns herumtragen.

Ich erwähne so oft den Fall der Großmütter und der schwangeren Frauen wegen der Idee, verschiedene Generationen in die Verantwortung zu nehmen. Denn es ist das, was sie wollten: auch die nachfolgenden Generationen vernichten. Ich denke dabei an das Bild von einem Stein, der Wellen macht, wenn man ihn in einen See wirft. Jede Welle ist eine Generation, der Stein des Verschwundenen geht unter, aber wir sind alle drumherum. Generation für Generation. Ich möchte nicht, dass meine Kinder, die Deutsche sind, hier mit dem Gedanken leben und aufwachsen, dass Deutschland diesen Mann ruhig in Freiheit leben lässt. Ich setze mich dafür ein – wegen meiner Geschichte, wegen meiner Kinder und weil ich hier lebe.


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OB DAS GESETZ KOMMT ODER NICHT: WIR MACHEN WEITER

CECILIA BRAGA (links im Bild) ist Psychologin aus der Provinz Neuquén, Patagonien (Argentinien), und Mitglied des feministischen Kollektivs La Revuelta. Sie hat ihre Abschlussarbeit über Abtreibung in Argentinien geschrieben und kam deshalb in Kontakt mit La Revuelta, wo sie seitdem engagiert ist. Seit Januar 2018 ist sie Teil des Kollektivs und begleitet Frauen und Queers, die abtreiben wollen.

ROSA MALDONADO ist Krankenschwester. Sie lebt in Barcelona, wo sie als Mitglied der feministischen Organisation Mika für Frauen*rechte kämpft. Außerdem engagiert sie sich im Kampf für ein universelles und kostenloses Gesundheitssystem. Sie arbeitete in Argentinien als Gewerkschaftsdelegierte des Krankenhauses Castro Rendon und unterstützte zwischen 2001 und 2004 die Arbeiter*innen der Fabrik Zanon, die unabhängig die Fabrik wieder in Gang setzten.

 

Abtreibung ist in Argentinien illegal, so wie in den meisten lateinamerikanischen Ländern. Sie begleiten Frauen und Queers, die sich dazu entscheiden, es dennoch zu tun. Trotzdem treten Sie öffentlich und mit vollem Namen auf?
Cecilia Braga: Das ist eine bewusste Entscheidung. Wir verstecken uns nicht.
Rosa Maldonado: Wir geben nur Informationen heraus und begleiten Frauen, die abtreiben wollen. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.

Haben Sie keine Angst?
C.B.: Unser Aktivismus ist riskant. Wir und die Frauen, die wir begleiten, riskieren viel. Die Abtreibungen an sich sind aber nicht wegen der dabei verwendeten Medikamente riskant, sondern weil sie heimlich stattfinden. Die Frauen sterben nicht an den Medikamenten, sondern an unsicheren Methoden.

Und dort kommen Sie ins Spiel. Wie entstand das Netzwerk der Socorristas?
C.B.: Wir kommen von La Revuelta, der ersten Organisation in Argentinien, die die sogenannte rosa Hilfe (socorro rosa), angewendet hat. La Revuelta gibt es seit 2001 und wendet seit 2013 die rosa Hilfe in Neuquén an. Im gleichen Jahr hat dieses Kollektiv die Entstehung des nationalen Netzwerkes der Socorristas angestoßen. Besagtes Netzwerk wuchs und gewann an Sichtbarkeit. Seitdem gibt es einmal im Jahr ein nationales Plenum. Dort treffen sich alle 52 Gruppen der Socorristas Argentiniens, um verschiedene Themen zu diskutieren.

Sie erwähnten die rosa Hilfe. Was ist das? Wie wird dabei vorgegangen?
C.B.: Die rosa Hilfe haben wir von Aktivistinnen in Frankreich übernommen. Es ist eine Möglichkeit, Frauen mit Abtreibungswunsch zu begleiten. Es gibt vier Schritte: Zuerst werden die Frauen telefonisch beraten. Dabei geht es darum, ihnen die Ängste zu nehmen und sie wissen zu lassen, dass wir sie begleiten und eine Lösung finden werden. Der zweite Schritt ist ein Workshop, in dem wir alle nötigen Informationen zur Abtreibung mit Medikamenten bereitstellen. Die Medikation, eine Kombination aus Misoprostol und Mifepriston, ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Wir wenden das von der WHO herausgegebene Protokoll an und werden dabei von Ärztinnen und Ärzten unterstützt. Wenn wir all diese Informationen an die Frauen weitergeleitet haben, füllen wir einen Vertrag aus, eine politische Vereinbarung des Netzwerks der Socorristas. Dieser Vertrag dient dazu, Informationen über die von uns begleiteten Frauen zu sammeln. Danach folgt die eigentliche Abtreibung und die anschließende medizinische Kontrolle. Außerdem gibt es noch die violette Hilfe (socorro violeta) für Fälle von Gewalt. Wir beraten nicht nur und stellen in Workshops Informationen zur Verfügung, wir begleiten auch den Moment der Abtreibung telefonisch und haben dafür Personen in Bereitschaft.

Wer organisiert die Workshops?
C.B.: Die Socorristas. Ich selbst bin Psychologin, die Mehrheit der Socorristas sind Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen oder arbeiten im Gesundheitswesen. Jede Person, die die Vorgehensweise kennt, kann den Workshop geben. Wir bilden auch Frauen aus, die lernen wollen, Abtreibungen zu begleiten. Letztes Jahr hat uns die marea verde [Anm. d. Red.: Grüne Flut, Bezeichnung der Bewegung für die Legalisierung von Abtreibung, die sich auf das Symbol der grünen Halstücher bezieht] überschwemmt, von 30 sind wir auf 52 Gruppen angewachsen. Es ist eine Herausforderung, Schulen für Socorristas aufzubauen und an abgeschiedene Orte des Landes zu reisen. Manche Frauen können nicht 600 km weit reisen, um den Workshop zu besuchen. Es war eine strategische Überlegung, diese Schulen aufzubauen, damit neue Gruppen entstehen.

Wie oft finden die Workshops statt?
C.B.: In Neuquén, einer der Provinzen, in der am meisten Frauen bei Abtreibungen begleitet werden, geben wir jeden Tag Workshops, manchmal zweimal am Tag. Und wir machen Gruppentreffen mit fünf, sechs oder mehr Frauen. Manchmal, wenn das Telefon heiß läuft, bieten wir sogar noch mehr Treffen an. Andere Provinzen, in denen ebenfalls viel begleitet wird, sind zum Beispiel Córdoba, Buenos Aires und Tucumán.

Wie finden die Personen, die abtreiben wollen, denn zu Ihnen?
C.B.: Es gibt hilfsbereite Ärzte und Ärztinnen, die unseren Kontakt weitergeben. Da gibt es einen Widerspruch, denn in Fällen von Vergewaltigung oder gesundheitlichen Problemen könnten sie einen legalen Schwangerschaftsabbruch gewährleisten. Warum also verweisen sie die Frauen an uns? Wir verlangen deshalb manchmal vom Gesundheitssystem Hilfe, in anderen Fällen wissen wir, dass da nichts geschehen wird und begleiten selbst. In Neuquén haben wir außerdem unglaublich viel Infomaterial verteilt. Zudem werden wir auch zu Gesprächen in Schulen eingeladen und bieten immer wieder Workshops an. In diesem Jahr haben wir eine beeindruckende Anzahl von Workshops in verschiedenen Schulen gegeben.

 

In Argentinien und Berlin: Für legale Abtreibungen (Foto: privat)

Was für ein Widerspruch, oder? Einerseits ist Abtreibung illegal, anderseits bieten Sie Gesprächsrunden in staatlichen Institutionen an….
C.B.: Ja, in Neuquén weiß die Regierung von uns. Wir werden von den Schulen eingeladen, um über Gewalt zu sprechen. Aber die Jugendlichen wollen mehr wissen: Wie wir das machen, wie wir begleiten. Also geben wir ihnen entsprechende Informationen. Es ist beeindruckend, wie sie darüber reden wollen. Da es viele Lehrer gibt, die das Gesetz der Integralen Sexualerziehung nicht anwenden, haben die Jugendlichen viele Fragen.

In Argentinien wird Misoprostol in Apotheken nur auf Rezept herausgegeben, theoretisch also nur in Fällen, in denen eine Abtreibung legal ist. Wie kommen Sie an die Tabletten?
C.B.: Manche Frauen besorgen sich das Medikament auf eigenen Wegen und wenden sich mit der Frage nach der richtigen Anwendung an uns. Denn oft erklären nicht einmal die Ärzte das Vorgehen. Es gibt auch Apotheken, die sich weigern, Misoprostol herauszugeben. Es war klar, dass nach der massiven Mobilisierung letztes Jahr, der grünen Flut, auch eine Gegenbewegung, dieses „Wir retten beide Leben“ entsteht. In vielen Apotheken verweigern sie sogar die Ausgabe der Pille danach, sie sagen dir: „Ich gebe dir das nicht, denn für mich ist das Abtreibung“. Wir haben Allianzen und Netzwerke mit internationalen feministischen Organisationen geschmiedet, die daran mitarbeiten, das Medikament zugänglich zu machen.
R.M.: Es ist wichtig zu betonen, dass dieser Rahmen der Illegalität den Schwarzmarkt fördert. Nicht nur was die Medikation angeht, sondern auch die Praxis der Abtreibung. Es gibt Ärzte, die sich für Abtreibungen teuer bezahlen lassen. Anderseits gibt es auch Beschwerden vom Personal gynäkologischer Abteilungen, denen Misoprostol nicht einmal für die beiden Fälle, in denen Abtreibung legal ist, zur Verfügung steht. Die „Kindermütter“ sind da ein weiteres sehr deutliches Beispiel für die Abwesenheit des Staates. Vor zwei Wochen gab es in einem solchen Fall ein Urteil. Der Fall des Arztes aus Cipoletti, der eine junge Frau, die vergewaltigt wurde, betreut hat. Sie hat sich danach an uns gewendet. Sie wurde von der Polizei ins Krankenhaus geschickt und hat sich dort einem „Pro-Leben-Gynäkologen“ gegenüber gesehen. Dieser hat ihr nicht nur die Abtreibung verweigert, sondern auch noch eine begonnene Abtreibung gestoppt und später eine Geburt eingeleitet. Der Fall ist sehr bekannt, denn es war der erste Fall, in dem ein Arzt verurteilt wurde. [Anm. d. Red.: Der Arzt Leandro Rodríguez Lastra wurde beschuldigt, das Prozedere einer legalen Abtreibung gestoppt zu haben. Gemäß den Angaben der Staatsanwaltschaft verabreichte er einer vergewaltigten jungen Frau ein Medikament, welches den bereits begonnen Prozess rückgängig machte. Nach diesem Eingriff wurde das Opfer gegen ihren Willen bis zur Geburt zwei Monate im Krankenhaus interniert. Am 21. Mai 2019 wurde Rodríguez Lastra schuldig gesprochen].

Jedes Mal, wenn Sie eine Abtreibung begleiten, werden einige Daten erhoben. Erstellen Sie Statistiken über die Zahl der Frauen und Queers, die sich an Sie wenden und die Sie begleiten?
C.B.: Ja, wir systematisieren das. Die Daten und Statistiken sind auf unserer Website abrufbar. Diese Information dienen auch dazu, Mythen zu widerlegen: Zum Beispiel gibt es viele religiöse Frauen, die dennoch abtreiben. All diese Daten haben wir beispielsweise zum Kongress mitgebracht, als dort 2018 über die Legalisierung der Abtreibung debattiert wurde.

Wie funktioniert die Finanzierung des Netzwerkes? Woher kommen die Mittel?
R.M.: Wir finanzieren uns über verschiedene Projekte. In Barcelona zum Beispiel gibt es ein Projekt der Calala-Stiftung zum Thema Arbeit und Informationsverbreitung. Wir finanzieren uns aber auch durch kulturelle Veranstaltungen, die wir selbst organisieren und durch Spenden von Organisationen und anderen feministischen Kollektiven.
C.B.: Die, die schon länger dabei sind, haben uns erzählt, dass sie früher alles aus eigener Tasche bezahlen mussten. Wenn ein Treffen in einer anderen Stadt stattfand, wurden Fahrgemeinschaften organisiert. Heute können wir einen Bus mieten und gemeinsam reisen, und wer wenig hat, kann weniger zahlen.

Sie versuchen aktuell, eine Gruppe der Socorristas in Berlin aufzubauen. Mit welchem Ziel?
R.M.: Wir sind auf der Suche nach Solidarität mit unserem Anliegen, nach Unterstützung für unser Netzwerk. Ein weiteres Anliegen ist das Thema der Ultraschall-Untersuchungen. Wir bitten die Frauen, die abtreiben wollen, sich vorher untersuchen zu lassen. Ein Ultraschall vor der Abtreibung, um zu erkennen, in welcher Schwangerschaftswoche sie sind und eine abschließende Kontrolluntersuchung. Sehr viele Frauen habe heute keine Krankenversicherung, also gehen sie in die öffentlichen Krankenhäuser, die wegen der Krisensituation, die das Land durchlebt, überfüllt sind. Dort müssen sie oft Monate auf einen Untersuchungstermin warten. Das ist ein heikles Thema, denn es ist nicht das gleiche, nach wenigen Wochen abzutreiben oder erst nach dem ersten Drittel der Schwangerschaft. Darum haben wir ein Projekt gestartet, mit dem wir versuchen, Unterstützung für die Anschaffung von vier Ultraschallgeräten zu gewinnen. Diese wollen wir in verschiedenen Orten des Landes einsetzen, in denen die wir die meisten Abtreibungen begleiten. Auch die bedürftigsten Frauen, ohne Krankenversicherung, sollen Zugang zu einer Ultraschalluntersuchung vor und nach der Abtreibung haben.

Millionen Menschen warten darauf, dass der Gesetzentwurf zur freiwilligen Unterbrechung der Schwangerschaft verabschiedet wird. Was ist die Zukunft der Socorristas, falls dies endlich geschehen sollte?
C.B.: Ob das Gesetz kommt oder nicht, wir machen weiter. Manche Frauen, die auch zu einem Gesundheitszentrum gehen könnten, um abzutreiben, sagen: „Nein, ich mache das lieber mit euch“. Denn sie wissen, dass sie bei uns betreut werden, dass wir da sind, dass wir sie begleiten. Es ist eine andere Art der Begleitung, eine feministische Begleitung.

 


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“QUE SALGA O NO LA LEY NO IMPLICA QUE DEJEMOS DE HACER LO QUE HACEMOS”

 Für die deutschsprachige Version hier klicken.

CECILIA BRAGA (izquierda) es psicóloga proveniente de la provincia de Neuquén, Patagonia Argentina, e integrante de la colectiva feminista La Revuelta. Escribió su tesis de licenciatura sobre el aborto en Argentina y se contactó por este motivo por primera vez con La Revuelta. Desde enero del 2018 es parte de la colectiva y acompaña mujeres a abortar.

ROSA MALDONADO es enfermera. Radica en Barcelona, donde también milita por los derechos de la mujer en la agrupación feminista Mika y participa en colectivos sociales  por una Sanidad Universal y publica. Participó en Argentina como delegada sindical del hospital “Castro Rendon” y colaboro en el 2001 al 2004 con los trabajadores de la Fábrica Zanon, recuperada por sus trabajadores bajo control obrero.

 

El aborto en Argentina, como en la mayoría de los países latinoamericanos, es ilegal. Ustedes acompañan a las mujeres que, a pesar de esa ilegalidad, deciden abortar. Sin embargo, hoy ustedes se presentan con nombre y apellido…

C.B.: Es una decisión. No nos escondemos.

R.M.: Nosotras sólo damos la información y acompañamos, no hace falta esconderse.

 

¿No tienen miedo?

C.B.: Nosotras siempre decimos que nuestro activismo socorrista es un activismo arriesgado: nosotras nos arriesgamos con las mujeres, estamos ahí y las acompañamos. No es arriesgado por la medicación, que es segura, sino porque estos abortos siguen siendo clandestinos. Las mujeres no fallecen por usar medicación; ellas fallecen por usar métodos inseguros.

 

Y ahí es donde entran ustedes en juego. ¿Cómo nace la red de Socorristas?

C.B.: Nosotras venimos de La Revuelta, una agrupación neuquina que existe desde el 2001. La Revuelta fue el primer grupo en implementar, en el 2010, el socorro rosa en Argentina. En el año 2013, se impulsó desde esta colectiva la creación de la Red Nacional Socorrista. La red creció, y en el año 2014 se hizo más visible: empezamos a tener más reuniones, incluso para semana santa. Desde entonces nos reunimos una vez al año en la llamada “Plenaria nacional”. Allí nos juntamos todas las „grupas“ de Argentina a debatir distintos temas. En este momento somos alrededor de 52.

 

Recién mencionaron el socorro rosa. ¿Qué es? ¿Cómo es el procedimiento?

C.B.: El socorro rosa es algo que tomamos de las compañeras de Francia; es uno de los dispositivos que tenemos para acompañar a las mujeres que desean abortar. Éste se divide en cuatro partes: la primera es cuando la mujer llama al teléfono. Tratamos de bajar mucho las ansiedades, de que sepan que las vamos a acompañar, que no van a estar solas, que tiene solución. De ahí pasamos al segundo momento, el del taller, donde nosotras les brindamos toda la información necesaria para abortar con medicamentos. La medicación, una combinación de Misoprostol y Mifepristona, es recomendada por la Organización Mundial de la Salud (OMS). Nosotras aplicamos el protocolo sacado de la OMS. A su vez, contamos con la ayuda de médicas y médicos. Una vez que les damos toda la información a las mujeres, llenamos una “protocola”, que es un acuerdo político que tenemos en toda la red de Socorristas. La “protocola” sirve para recolectar información de esas mujeres que nosotras acompañamos. El tercer momento es el del aborto en sí y el cuarto es el control médico. También tenemos lo que se llama Socorro violeta, que es para los casos de violencia.

Es importante aclarar que nosotras no sólo atendemos su llamada y ellas van a un taller donde le damos la información, sino que también las acompañamos telefónicamente en el momento del aborto. Hacemos una guardia según el momento en el que deciden abortar y estamos ahí con ellas.

 

Volvamos a ese segundo momento. ¿Quiénes están a cargo de los talleres?

C.B.: Las socorristas. Yo particularmente soy psicóloga, y la mayoría son docentes, trabajadoras sociales y del personal de salud, pero en realidad es un taller que lo puede dictar cualquier persona que conozca el procedimiento. Nosotras también les enseñamos a las mujeres que quieren acompañar, o sea, tenemos escuelas de socorristas.

El año pasado esta “marea verde” [Nota: el movimiento para la legalización del aborto, cuyo nombre se refiere al símbolo de los pañuelos verdes] un poco nos inundó, y pasamos a ser de 30 a 52 „grupas“ nuevas. Entonces se necesitó también plata para poder armar escuelas socorristas: hasta este momento, dictar los talleres implicaba viajar hacia distintos puntos del país, donde el aborto no llega. Porque está claro que hay mujeres que no pueden viajar 600 kilómetros para ir a un taller, obtener la información y enterarse cómo hacer todo. Era estratégico que haya escuelas socorristas para que hayan nuevas „grupas“.

 

Evidentemente, la demanda crece. ¿Con qué frecuencia se dictan los talleres?

C.B.: En el caso de Neuquén, que es una de las provincias que más acompaña, dictamos talleres todos los días, incluso hasta dos por día, y hacemos encuentros grupales de hasta 5 o 6 mujeres, o más. A veces hay que poner talleres extra porque explota el teléfono. Otras provincias que también acompañan mucho son, por ejemplo, Córdoba, Buenos Aires y Tucumán.

 

¿Cómo llegan las mujeres a ustedes?

C.B.: Hay médicos y médicas amigables que dan nuestro dato. Esto es una contradicción, ya que en muchos casos ellos pueden garantizar una interrupción legal del embarazo [en caso de las dos causales: por violación y por problemas de salud] ¿Por qué dan entonces nuestro dato? Bueno, lo dan igual. Nosotras también acompañamos a esas mujeres. A veces le exigimos al sistema de salud, otras veces sabemos que no va a suceder y acompañamos nosotras. Además, particularmente hablando de Neuquén, empapelamos la ciudad. Después nos invitan a dar charlas a las escuelas. Y siempre estamos dando talleres. El año pasado fue impresionante la cantidad de talleres que dimos en escuelas.

 

En Argentina y Berlín: Por el aborto legal (Foto: Privada)

 

Qué contradición, ¿no? Por un lado el aborto es ilegal, por otro, ustedes dan charlas en instituciones estatales…

C.B.: Sí, por lo menos en Neuquén, el gobierno sabe de nosotras, sabe que existimos. En general nos invitan las escuelas para hablar de violencia. Pero el adolescente quiere saber. Ellas quieren saber qué hacemos, cómo acompañamos, así que damos información. Es impresionante cómo quieren hablar de eso. Y como hay muchos docentes que no aplican la ley de Educación Sexual Integral (ESI), los chicos tienen muchas dudas…

 

En Argentina la venta de Misoprostol en las farmacias exige receta y en teoría sólo puede ser obtenido para la realización de un aborto en los casos que contempla la ley (disp. 946-12/10/2018). ¿Ustedes cómo lo obtienen?

C.B.: A veces hay mujeres que lo consiguen por su cuenta y nos llaman diciendo: “tengo esto, ¿cómo se usa?” Porque ni siquiera los médicos, muchas veces, explican bien cómo es el protocolo. Pero no hay que olvidar que hay farmacias que no lo venden. Ni hablar del hecho de que con todo el movimiento del año pasado, esa “marea verde”, también surgieron los grupos de „salvemos las dos vidas“. En muchas farmacias ni siquiera te dan la pastilla del día después. Ellos dicen: “No, yo no te la doy, porque para mí es abortiva”. Nosotras hemos sabido generar alianzas y redes de cuidado con organizaciones feministas internacionales que colaboran con la tarea de facilitarles el medicamento a las mujeres.

R.M.: Hay denuncias de gente del servicio de ginecología porque no tienen Misoprostol ni siquiera para el uso legal, es decir, bajo las dos causales. Cuando decimos que hay un Estado ausente, que abandona a la mujer, también lo es en las dos causales. Las “niñas madres” son un ejemplo de cómo se han saltado las dos causales. Otro ejemplo es de hace aproximadamente quince días: el caso del médico de Cipoletti, que atendió a una joven violada. [El médico Leandro Rodríguez Lastra fue acusado de haber detenido el proceso de un aborto legal. Según la fiscalía, le aplicó un medicamento a una joven violada para revertir el proceso ya iniciado. Luego de la intervención, la victima fue internada contra su voluntad durante más de dos meses. El 21 de mayo Rodríguez Lastra fue declarado culpable].

Es importante recalcar que en este marco de la ilegalidad se favorece el mercado negro. No solamente de la medicación sino de la práctica del aborto. Hay médicos que cobran por hacer un aborto.

 

Ustedes hablaron de un relevamiento de datos de las mujeres a las que acompañan. ¿Se lleva a cabo algún tipo de procesamiento de esa información obtenida?

C.B.: Sí, hacemos una sistematización que se encuentra en la página de la red. Sacamos estadísticas y cruzamos datos. Esa información la utilizamos para ir derribando mitos: por ejemplo, muchas practican algún tipo de religión y abortan igual. Todos estos datos los llevamos por ejemplo al Congreso cuando se debatió el aborto legal en Argentina en 2018.

 

Crearon una estructura que de algún modo hay que sostener. ¿Tienen algún tipo de financiación? ¿De dónde salen los recursos?

R.M.: Se sostiene con distintos proyectos. En Barcelona, por ejemplo, presentamos un proyecto a la fundación Calala para apoyar el trabajo que hacen las Socorristas y la difusión de la información. Y en el caso de las compañeras de Neuquén, colaboran el fondo María, de México, junto con otras organizaciones.

C.B.: Las que están hace más tiempo nos cuentan que organizar un encuentro e ir hasta Córdoba, por ejemplo, que está en el centro del país, era con plata de ellas. Una ponía el auto y dividían la nafta. Hoy podemos alquilar un colectivo y viajar todas juntas, poniendo una parte o capaz nada. Eso se sostiene con proyectos.

 

Ahora ustedes están buscando armar un grupo de Socorristas en Berlin. ¿Con qué objetivo?

R.M.: Nuestro fin con el contacto en Berlin es un poco la búsqueda de solidaridad con nuestra causa. Acá intentaremos buscar soporte para nuestra red, para las mujeres que están difundiendo en las redes sociales o atrás del teléfono o acompañando. Por otro lado, tenemos otro tema, que es el de las ecografías. Nosotras les pedimos a las mujeres que quieran abortar que se hagan un control antes, una ecografía previa al aborto, para ver de cuantas semanas están, y una después, como control post-aborto. El tema es que hoy en día muchísimas mujeres no tienen obra social [seguro de salud] y tienen que ir a los hospitales públicos, que están sobrepasados por la situación de crisis que está viviendo el país, y no consiguen un turno para la ecografía, o les dan uno para un mes más tarde. Y este es un tema delicado, porque no es lo mismo abortar con unas semanas que hacerlo después del primer trimestre.

Nosotras decidimos traer la propuesta a Berlin con el fin de conseguir apoyo para comprar cuatro ecógrafos que puedan ser instalados en distintos puntos del país donde se acompañan más abortos. Para que las mujeres más necesitadas, sin obra social, puedan acceder a una ecografía tanto pre- como post-aborto. Esto empezamos a charlarlo en Barcelona. Pero lo traemos como propuesta a las distintas “colectivas”, a ver si hacemos una actividad para conseguirlo.

 

Millones de mujeres estamos esperando que se apruebe el Proyecto de Ley de Interrupción Voluntaria del Embarazo (IVE). ¿Cuál es el futuro de las socorristas si esto finalmente ocurriese?

C.B.: Que salga o no la ley no implica que dejemos de hacer lo que hacemos. Una mujer que puede ir a un centro de salud a hacerse un aborto a veces nos dice: no, yo prefiero ir con ustedes. Porque saben que el acompañamiento es cuidado, que estamos ahí, que es acompañado, que no van a estar solas. Es otro tipo de acompañamiento; un acompañamiento que, como nos gusta decir a nosotras, es un acompañamiento feminista.

 


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RÜCKKEHR DER RATTEN

La Plaga Theater in Aktion // Foto: privat

Auf welcher Sprache kommuniziert ihr miteinander und mit dem Publikum? Welche Rolle spielt die Körpersprache dabei?
Lenia: Obwohl beide Gruppen unterschiedliche Sprachen sprechen, eint uns eine sehr starke Körpersprache. Als wir uns in Bolivien trafen, hatten beide Gruppen bereits unabhängig voneinander am Stück gearbeitet. Später, als wir uns die Szenen gegenseitig zeigten, mussten wir kaum etwas erklären: es wurde deutlich, dass beide Gruppen die Thematik ähnlich verstanden hatten, die erarbeiteten Bilder waren sehr ausdrucksstark. Über das Schauspiel gibt es eine sehr starke Verbindung zwischen uns.
Daniela: Wenn wir zusammen sind, spüren wir, dass es eine ähnliche Arbeitsweise gibt. Wir haben uns in der Art, wie wir Symbole und Metaphern erarbeiten gegenseitig erkannt.
Kathi: Diese Art des Arbeitens stellte für uns nie die Frage, ob Sprache ein Hindernis sein könnte. Ich denke, es hat auch damit zu tun, dass in Bolivien viele Sprachen gesprochen werden und man immer davon ausgehen muss, dass nicht alle die gleiche Sprache sprechen. So ist auch das Grundverständnis bei uns im Theater X. Wir haben oft Situationen, in denen Leute unterschiedliche Sprachen sprechen, dann wird entweder übersetzt oder mit Körpersprache gearbeitet.

Arbeitet die Gruppe des Teatro Trono mit unterschiedlichen Sprachen?
Lenia: Wir haben bereits mit verschiedenen Sprachen zusammengearbeitet, aber das wurde nicht vertieft. Wir haben es jedoch immer mit Pluralität zu tun. Bolivien ist ein sehr diverses Land, welches sehr viele unterschiedliche indigene Kulturen, Religionen und Regionen vereint. Das taucht in der Art wie wir arbeiten immer wieder auf. Mit unserem früheren Leiter Ivan Nogales haben wir sein Konzept der Dekolonisierung des Körpers erprobt und thematisiert. Die jahrelange Kolonialisierung Lateinamerikas hat sich zuallererst in die Körper eingeschrieben. Wenn man den Körper dekolonisiert, braucht man vor allem, wie bei allem anderen auch, Sprache. Im Prozess der Dekolonisierung geht es insbesondere darum, wieder den Körper zu benutzen und durch ihn mit anderen zu sprechen, denn das ist eine universelle Sprache.

In dem Stück La Plaga – die Rückkehr der Ratten geht es um das Wiedererstarken der politischen Rechten, um Diktatur und Kolonialismus. Wie habt ihr das Stück gemeinsam erarbeitet und euch über Motive und Inhalte ausgetauscht?
Daniela: Wenn man zurück geht in der Geschichte und von der Kolonialzeit ausgehend bis jetzt schaut, gab es viele Momente der Unterdrückung und Versuche, die Geschichte unsichtbar zu machen, insbesondere die Perspektive derer, die die Geschichte auf eine bestimmte Art gesehen haben. Ein wichtiger Moment dabei war die Diktatur und die Ansichten der Arbeiter*innen zu dieser Zeit. Ausgehend von diesem Blickpunkt bestand der Prozess vor allem darin, Parallelen und Ähnlichkeiten mit dem Theater X herauszufinden.

Welche historischen Verbindungen zwischen Deutschland und Bolivien will das Stück hervorheben? Und wie kann uns diese Betrachtung helfen, aktuelle politische Situationen besser zu verstehen?
Annika: Wir haben geschaut, was die historischen Kontinuitäten sind. Wo gab es Verbindungen zwischen Bolivien und Deutschland? Als Ansatzpunkt haben wir die Geschichte von Klaus Barbie, ehemaliger Chef der Gestapo in Lyon genommen, der beispielhaft für bestimmte Strukturen und Mechanismen steht und für etwas, dass überall auf der Welt immer wieder passiert. Klaus Barbie ist, so wie viele andere Nazis auch, mit Hilfe von Deutschland und den USA geflohen und wurde versteckt. In den fünfziger und sechziger Jahren, als es in Deutschland dann den Diskurs gab – „Jetzt haben wir Demokratie! Wir haben das alles hinter uns gelassen!“ – hat Barbie mit der Unterstützung des BND und der CIA die Diktatur in Bolivien aktiv mit aufgebaut. Das zeigt, wie faschistische Strukturen, Rechtsideologien und Staat zusammenhängen und weiter geführt wurden. Es wird sichtbar, welche verschiedenen Gesichter das hatte und wie es weiter gelebt werden konnte, einerseits in den 50er Jahren in Deutschland und andererseits in der Militärdiktatur in Bolivien. Und die heutige Zeit zeigt: Diskurse ähneln sich wieder.

Der deutsche Titel Die Rückkehr der Ratten bezieht sich auf die sogenannte Rattenlinie, der Fluchtweg für Ex-Nazis, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Lateinamerika geflohen sind. Darin enthalten ist die Idee des Unheilvollen, das aus dem Untergrund wieder erstarken kann. Wie bewertet ihr den heutigen Widerstand gegen den neu aufkommenden Rechtsruck in beiden Ländern? Welche Perspektiven will eure Performance aufzeigen?
Lenia: In der Recherche sind wir von Verbindungspunkten ausgegangen, die Ähnlichkeiten in beiden Ländern aufzeigen. Aber nicht nur zwischen Bolivien und Deutschland, wo es das Beispiel von Klaus Barbie gab, sondern auch auf globaler Ebene. Es war uns wichtig sich nicht nur mit den Schlächtern, Tätern und Diktatoren auseinanderzusetzten, sondern insbesondere auch mit dem Widerstand. Wir wollen keine Täterfaszination ausüben, sondern den Widerstand stärken. Wir wollen aktuelle Widerstandsbewegungen inspirieren, weil man heute das Gefühl hat das viele Leute – und die Jugend als ein großer Teil davon – schlafen. Ein Ziel des Stückes ist es aufzuwecken und den Leuten einen Impuls zu geben. Gerade sieht man in vielen lateinamerikanischen Ländern sogenannte sozialistische Regierungen, die nicht wirklich linke Politik machen. Da viele von den linken Regierungen enttäuscht sind, wählen sie danach häufig eine sehr rechte Regierung. Wir wollen die Leute daran erinnern, kritisch zu sein mit dem was passiert.

Wie diskutiert ihr Gegenbewegungen zur Rechten? Wie betrachtet ihr einerseits das linke Regierungsregime unter Evo Morales in Bolivien und andererseits linke Bewegungen in Deutschland?
Kathi: Wir haben uns öfter die Frage gestellt gegen was oder wen genau wir Widerstand leisten müssen. Sind wir wieder auf dem Weg zu einem faschistischen Zustand? Was bedeutet Faschismus eigentlich? Wie war das in der Vergangenheit? Wir haben uns auch die Momente vor der Nazizeit angeschaut, zum Beispiel die Novemberrevolution. Was war das für ein Moment des Widerstandes? Worauf wurde da reagiert? Dann haben wir versucht das in unsere Zeit zu übersetzen, um zu sehen, dass der Faschismus eine Reaktion auf die Konterrevolution war. Wir wollen eine antikoloniale und antirassistische Linke haben. Nicht nur die internationale Perspektive, sondern auch unsere Perspektive als Theater X bringt – und das ist eine weitere Verbindung mit dem Teatro Trono – das mit sich. Gemeinsam überlegen wir: welches ist unsere Perspektive? Viele der Leute, die bei dem Stück mitwirken, haben selber die Erfahrung gemacht, hier weiter als Kolonialisierte behandelt zu werden. Viele sind aus eigener Motivation involviert.
Annika: Wir brauchen wieder eine starke linke Bewegung in Europa. In der Diskussion, die wir in Bolivien geführt haben, kam dann direkt eine Gegenreaktion: Moment, was heißt denn eigentlich „links“? In beiden Ländern bedeutet es etwas Unterschiedliches. Aber wir sind übereingekommen, dass, wenn wir von einer linken Bewegung sprechen, eine Bewegung von unten meinen und keine Parteipolitik. Es geht darum, Leute zusammenzubringen, sich zu vereinigen, im eigenen Land oder transnational.
Daniela: Die plaga kommt wieder hoch, zum Beispiel medial oder über Konsum und gleichzeitig ist der linke Widerstand verbraucht. Es ist notwendig neue Widerstandsformen zu finden, die das aufgreifen können. Vielleicht auf eine poetische Art und Weise…
Das Stück beginnt mit dem Satz: „Ich komme aus einem Land, das die Erinnerung verloren hat“. Wie wird in Bolivien mit Geschichtsvergessenheit umgegangen? Wie wird über die Vergangenheit gesprochen?
Lenia: Ein Land das seine Geschichte vergisst, ist ein Land ohne Seele und dazu verdammt, sie zu wiederholen. Das Teatro Trono macht politisches Theater, um Zeugenschaft von der Geschichte abzulegen. In unseren Stücken wollen wir historische Ereignisse auf poetische und metaphorische Art und Weise unserem Publikum zugänglich machen und erzählen, was eigentlich passiert ist. Ähnlich wie das Theater X berichten wir durch das Theaterspiel über historische Ereignisse und Fakten. Aktuell arbeiten wir an einem Stück, welches Wir sind die Kinder der Mine heißt. Darin geht es um die Realität der Minenarbeiter*innen und um ihre gewerkschaftlichen Kämpfe, bei denen viel Blut geflossen ist. Bei Schulprojekten geht es uns immer darum, wichtige Themen körperlich und spielerisch zu vermitteln.
Annika: Wir haben einen zentralen Satz, der uns immer wieder begleitet: Man muss die Vergangenheit erkennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu verändern.


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DEN SCHMERZ WEG TANZEN

Schon die ersten Takte des neuen Albums von La Yegros laden mit einem fetten, basslastigen Beat zum Tanzen ein. Beinahe 40 Minuten dauert dieses Fest namens Suelta, eine explosive Mischung aus südamerikanischer Folklore, angereichert mit Elementen elektronischer Musik. Suelta el dolor, den Schmerz loslassen, darum geht es.

La Yegros ist vor allem Mariana Yegros, aufgewachsen in Morón, einem Vorort von Buenos Aires und nun im südfranzösischen Montpellier wohnhaft. Ihre Eltern stammen aus der an Paraguay und Brasilien grenzenden argentinischen Provinz Misiones und brachten sie früh mit der dort typischen Folklore in Kontakt. Wohl auch deshalb ist die Sängerin, die gerne als Königin des digitalen Cumbias bezeichnet wird, nicht nur auf diesen Stil limitiert. Auch andere Varianten der nordargentinischen Folklore, wie Chamamé, Carnavalito, Huayno und Chacarera sind in ihrer Musik präsent. Der von treibender Percussion, Charango, Akkorden und andinden Flöten getragene Sound wird von den elektronischen Klängen gelungen ergänzt. Zwischendurch klingen auch rockige Töne durch, wie im kämpferischen Sube la Presión. Cuando, ein Lied, welches in zwei verschiedenen Arrangements vertreten ist, erinnert in der von Streichern dominierten, das Album abschließenden Version ein wenig an einen französischen Chanson.

La Yegros singt von klassischen Themen der Folklore, wie der Schönheit der Natur, von den Anden bis in die Selva, dem Tanzen oder der Liebe. Manchmal ist die Stimmung melancholisch, aber nie verzweifelt, eher kämpferisch. Dabei sticht besonders das feministische Tenemos Voz hervor, welches die schottische Musikerin Soom T. durch einen ungewöhnlichen, da englischsprachigen, Rap-Part bereichert. Unterstützt wird La Yegros von ihrem argentinischen Produzenten Gaby Kerpel, unter dem Namen King Coya als Urgestein der elektronischen Folklore bekannt. An Suelta wirken darüber hinaus Eduardo Cabra, besser bekannt als Visitante vom puerto-ricanischen Duo Calle 13, und Jori Collignon von der südafrikanisch-niederländischen Band Skip&Die als Gastproduzenten mit. Auch Daniel Martín, Komponist von La Yegros’ bekanntestem Lied Viene de mi, steuert wieder einige Songs bei. Das Album erscheint auf ihrem eigenen Label Canta la Selva. Sehenswert sind übrigens auch die aufwendig gestalteten Musikvideos, im Besonderen das zu Tenemos Voz, in dem ein reales Wandgemälde trickfilmmäßig zum Leben erweckt wird.

Vor allem aber ist La Yegros eine Liveband, die in den sechs Jahren ihres Bestehens bereits unzählige Konzerte in über zwanzig verschiedenen Ländern gespielt hat. Ihre ausgedehnte Tour, die sie erst quer durch Europa und dann Südkorea führt, hat bereits begonnen. In Deutschland gibt La Yegros drei Konzerte. Am 27. April in Kassel, am 7. Mai in Berlin und am 25. Juli in Würzburg. Wer ein bisschen loslassen möchte, dem sei ein Besuch empfohlen.

 

La Yegros´ Konzerte in Deutschland im Sommer 2019:

07.05. Berlin @ Gretchen, Support: Louie Prima, Event: https://www.facebook.com/events/313326652647004/

25.07. Würzburg @ Hafensommer Würzburg, Link: https://www.hafensommer-wuerzburg.de/programm/programm-details/latina-beatz-somos-guerreras-la-yegros.html

16.07. Stuttgart @ Sommerfestival der Kulturen, Link: https://sommerfestival-der-kulturen.de/

 


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