Ich komme von nirgendwo, von hier

© Ezequiel Salinas

Der Wald ist sonnendurchflutet, aber die Stimmung angespannt. Aufgeregte Stimmen einiger Frauen verstummen an einer Polizeiabsperrung, die Kamera folgt einer Gruppe Menschen bergauf: Soldaten und Polizisten, die schusssichere Westen tragen, als sei jederzeit ein Angriff zu befürchten. Daneben Beamt*innen der Nationalpolizei in weißen Overalls und Personen in ziviler Kleidung. Langsam wird deutlich: die Szene ist Teil der Ermittlungen zur Ermordung des Mapuche Rafael Nahuel durch Angehörige der argentinischen Prefectura Naval. Der Film Bosque arriba en la montaña(Wald oben auf dem Berg) beginnt am Tatort, doch lange Zeit nach der Tat.

Während Freund*innen des jungen Mapuche nur mit Mühe die Fassung bewahren können, als sie berichten, wie Nahuel in jener Nacht angeschossen neben ihnen zu Boden ging, zeigen sich die Polizisten wortkarg und unberührt. Keine Stimme aus dem Off ordnet das Gezeigte ein, oft untermalen nur die Geräusche des Waldes und das schwere Atmen der Person, die sich mit der Kamera den Berg hinaufquält, das Gezeigte. Collagen aus Fotos des Tatorts und von Gerichtsakten überlagern die Bilder und schärfen das Gefühl: Was hier geschehen ist, lässt sich nicht aufarbeiten. Wie zum Beweis nimmt uns Regisseurin und Menschenrechtsanwältin Sofía Bordenave unkommentiert mit in den nächsten Abschnitt des offiziellen Aufarbeitungsprozesses.

Den größten Teil des Films nimmt die Hybrid-Übertragung eines Prozesstags aus einem Gerichtssaal ein. Wie in der Szene im Wald wird hier erst langsam deutlich, was eigentlich geschieht. Die Angeklagten sind teilweise nur per Video zugeschaltet, es gibt Übertragungs- und Verständigungsprobleme: auf die einfache Frage eines Anwalts der Verteidigung, ob die Ausbildung der Prefectura Naval den Einsatz tödlicher Waffen gegen fliehende Personen vorsieht, täuschen die angeklagten Polizisten konsequent Tonprobleme vor. Den Mapuche, die als Zeug*innen aussagen, wird verwehrt, in Mapudungun zu reden. Der Hauptangeklagte wirft kurzerhand den Richtern vor, für den Niedergang des Landes verantwortlich zu sein.

Eine Fahrt in einem alten Renault R12 über endlose Landstraßen erlöst kurzzeitig aus der quälenden Prozessbetrachtung. Mit im Auto sitzt die Mapuche Mirta Ñancunao, die erklärt, warum sie nicht sagen kann, woher sie kommt, nur, dass sie von hier ist: Die Geschichte ihrer Familie ist die eines Genozids, einer ewigen Vertreibung. Nachdem die sogenannte Eroberung der Wüste die überlebenden Indigenen immer weiter nach Süden drängte, wurde schließlich der Urwald zugunsten von Pinienplantagen abgeholzt und zugewiesenes Land nach Gutdünken wieder weggenommen. Regisseurin Sofía Bordenave greift auf einen unglaublichen Schatz alter Fotografien zurück. Die Bilder von Soldaten und Dampfzügen in Patagonien bebildern nicht nur die Erzählung, sondern auch Aussagen des Gerichtsprozesses und machen deutlich, dass Gewalt und Vertreibung nie aufgehört haben. Ebensowenig wie der Widerstand, wie etwa Archivaufnahmen der Punkszene Bariloches aus den 1990er Jahren beweisen. Dort fanden junge, in der Stadt aufgewachsene Mapuche einen Ausdruck für ihre Wut und gleichzeitig Zugehörigkeit in der Gemeinschaft.

Sofía Bordenave ist ein Film gelungen, der gerade weil er hauptsächlich anhand der offiziellen Ermittlung und Verfahren erzählt wird, umso schmerzhafter wirkt. Bis auf das Interview mit Ñancunao, stehen die Aussagen genauso für sich wie die atemberaubenden Naturaufnahmen, die man spätestens nach diesem Film mit einem anderen Blick sieht.

Trotz der schleppenden Aufarbeitung sind die beteiligten Beamten für den Mord an Rafael Nahuel verurteilt worden. In einer weiteren Instanz wurden die Urteile wurden bestätigt, doch bis zu einer Verhandlung vor dem obersten Gericht bleiben die Beamten auf freiem Fuß. Die Gewalt, die dahintersteht, geht unvermindert weiter.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Punk, Satire und die Tragik der Niederlage

Foto: Matapanki

Es gibt diese Filme, die sich nicht um Erwartungen kümmern. Sie ziehen ihr Konzept ohne Rücksicht auf Verluste durch, verunsichern und lassen das Publikum mit dem zurück, was es gerade gesehen hat. Genau so funktioniert Matapanki, das Debüt des chilenischen Regisseurs Diego „Mapache“ Fuentes, das im Februar 2026 auf den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin vorgestellt und dort in der Sektion Generation 14 Plus mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet wurde.

Matapanki ist ein Film, der von Anfang an ein Risiko eingeht. Wir begleiten Ricardo, einen jungen chilenischen Punk aus einem städtischen Vorort. Der wacht nach einer Party nicht nur mit einem Kater, sondern auch mit Superkräften auf, von denen er glaubt, dass sie durch ein mysteriöses alkoholisches Getränk genährt werden. Unterstützt von seinen Freunden Mella und Claudia und inspiriert durch die Ratschläge seiner geliebten Großmutter beschließt er, die Gesellschaft zu verändern. Als Matapanki stürzt sich Ricardo nun voll in seine neue Aufgabe als Superheld. Doch alles gerät außer Kontrolle, als er versehentlich den Präsidenten Chiles tötet und damit einen weltweiten Konflikt gegen sich entfesselt.

Die Geschichte eines Punk-Superhelden, der seine Kräfte zufällig erlangt, dient als Vorwand für ein Werk, das Genrefilm, politische Satire und eine bewusst raue formale Umsetzung miteinander verbindet. Weit davon entfernt, eine bequeme Erzählung oder eine eindeutige Botschaft anzustreben, arbeitet der Film bewusst mit Übertreibungen und erzeugt gezielt Unbehagen.

In schwarz-weiß gedreht und durch die körnigen Bilder mit einem gewissem visuellen Rauschen durchzogen, übersetzt Matapanki die Codes der von ihm porträtierten Punk-Kultur in die Sprache des Kinos. Das schmutzige, übersättigte Bild steht in direktem Gegensatz zu jeglicher Vorstellung von Sauberkeit oder Transparenz. Es handelt sich nicht unbedingt um eine „neue“ Art, Filme zu machen, sondern um eine Form, die als Position eingenommen wird: eine Bildsprache, die das Saubere, das Ordentliche und das leicht Konsumierbare ablehnt.

Hinzu kommt dje Aneignung der Ästhetik von Comics und Fanzines. Obwohl mit echten Schauspielern gedreht, bewegt sich der Film ständig zwischen Realismus und Illustration und versetzt seine Schauplätze und Situationen in einen grafischen Kontext, der die Logik des Realismus auflöst. Matapanki erzählt nicht nur die Geschichte eines Superhelden, sondern tut dies unter Rückgriff auf Mittel des Comics, indem er dessen Übertreibung, dessen Künstlichkeit und dessen Fähigkeit, Machtverhältnisse zu zerlegen, übernimmt.

Auf politischer Ebene verzichtet der Film gänzlich auf jede Subtilität. Der Antagonist ist der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, grotesk und karikaturistisch dargestellt: ein Präsident, der kein Englisch beherrscht und seine Absicht bekundet, sich Chile anzueignen. Die Konfrontation zwischen Ricardo und ihm strebt keine Glaubwürdigkeit an, sondern ist Allegorie. Imperiale Macht wird lächerlich gemacht, bis zur Farce getrieben, im Einklang mit dem Punk-Spirit und der Comic-Logik, die den gesamten Film durchziehen.

Das Ende von Matapanki ist entscheidend für das Verständnis des Films. Hier gibt es weder Triumph noch Erlösung. Diese künstlerische Entscheidung knüpft direkt an eine Position des Punk an, der nicht nur eine Ästhetik, sondern eine politische und existenzielle Haltung ist: eine Feier der Verlierer*innen, derer, die die Niederlage als Teil ihrer Identität annehmen. In dieser Logik wendet sich Punk gegen alles und kann so per Definition niemals einen privilegierten oder siegreichen Platz einnehmen. Matapanki kann nicht gewinnen; sein Widerstand besteht in der radikalen Konfrontation, selbst auf Kosten seines eigenen Untergangs.

So gelesen entleert der Film das Superheldentum seiner klassischen Bedeutung. Es gibt kein Epos des Aufstiegs und kein Versprechen der Erlösung, sondern eine Ethik der Nicht-Verhandlung. Widerstand wird zum Selbstzweck: Das Ziel ist es nicht, zu siegen, sondern sich nicht anzupassen, um keinen Pakt mit der bekämpften Ordnung zu schließen.

In diesem Zusammenhang spielt Humor eine grundlegende Rolle. Im Laufe des Films werden die Geschichte und ihre Figuren ständig mit einer Absurdität persifliert, die Lachen und Überraschung hervorrufen. Dieser Humor verwässert das Anliegen nicht und macht es auch nicht zugänglicher; im Gegenteil, er verstärkt seinen subversiven Charakter. Das Lachen wird zum Mittel des Spotts über die Macht, den Heroismus und die Idee des Sieges an sich. In Matapanki ist Verlieren kein narrativer Fehler, sondern eine politische Entscheidung.

Schwierig, übertrieben und bisweilen verwirrend – Matapanki ist ein Film, der weder gefallen noch klare Antworten liefern will. Sein Anspruch besteht darin, zu verstören, zu provozieren und eine radikale Kohärenz zwischen Form, Politik und Subkultur aufrechtzuerhalten. Ein Kino, das die Niederlage als Geste des Widerstands feiert.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Vampire im Keller, Tauben auf dem Dach

La hora de irse

Mit Sicherheit das Highlight der diesjährigen lateinamerikanischen Kurzfilme auf der Berlinale. Was zunächst als ganz normales queeres Online-Date beginnt, entwickelt sich schnell zu einem skurrilen Vampir-Exploitation-Stück mit treffsicherem Sinn für abgründigen Witz. „Patricio arbeitet für seine Schwestern“, heißt es harmlos in der Berlinale-Kurzbeschreibung von La hora de irse (Time to go). Im Film sieht das so aus: Er lebt mit seinen Schwestern im Keller eines Hauses in Argentinien in einem Vampir-Matriarchat. Dort ist er quasi rechtlos und für die Beschaffung von Blut zuständig – obwohl ihm dieser Job eigentlich zuwider ist. Dazu muss er Wut und Spott seiner Schwestern ertragen, wenn er mal wieder „schlechte Qualität“ (also die falsche Blutgruppe) nach Hause gebracht hat. Kein Wunder, dass er mit dem Gedanken spielt, seine Arbeit früher oder später zu kündigen…

Da Regisseur Renzo Cozza für seine originelle Story auch noch schöne Bilder gefunden hat, überrascht es, dass diese Kurzfilm-Perle das Festival ohne Preis verlassen musste. Als kleines Trostpflaster gibt es immerhin von LN die Höchstnote für La hora de irse.

La hora de irse, Argentinien 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Shorts, Regie: Renzo Cozza
LN-Bewertung: 5/5 Lamas

Foto: Allá en el cielo | Nobody Knows the World

Allá en el cielo

Der zweite herausragende lateinamerikanische Kurzfilm der diesjährigen Berlinale spielt am Stadtrand von Lima. Der mehrdeutige Titel Allá en el cielo (Deutsch: Dort oben im Himmel) erinnert an ein bekanntes Lied des ecuadorianischen Sängers Julio Jaramillo. Protagonisten sind der elfjährige Chito und sein älterer Bruder Rockio. Rockio ist Drogenkurier, die Ware verschickt er mit Brieftauben, um die sich Chito auf dem Dach ihres Hauses kümmert. Als legale Tarnung verkaufen die beiden in der Nähe des Friedhofs Blumen – eine sichere Einnahmequelle, denn die Machtkämpfe der Narco-Gruppen fordern häufige Todesopfer und Begräbnisse sind an der Tagesordnung. Als dann Rockio ermordet wird, will Chito zunächst Rache für seinen Bruder nehmen. Doch am Ende schafft er es, dem Kreislauf der Gewalt zu entrinnen.

Dem peruanischen Regisseur Roddy Dextre gelingt mit Allá en el cielo ein realistischer und ergreifender Blick auf die Rolle von Kindern und Jugendlichen im Drogenhandel. Die Bilder von den Dachterrassen der unverputzten Lehmhäuser bleiben ebenso im Gedächtnis haften, wie die Rituale und Parolen der Jugendlichen bei der Beerdigung ihrer wie Märtyrer gefeierten Gruppenmitglieder.  Stark auch das Bild der in Käfigen gehaltenen Tauben, die schließlich aber doch noch zum Symbol der Befreiung werden. Allá en el cielo erhielt bei der Verleihung der Gläsernen Bären für die besten Jugend-Kurzfilme zu Recht eine lobende Erwähnung.

Allá en el cielo, Peru 2026, Berlinale-Sektion Generation 14plus, Regie: Roddy Dextre
LN-Bewertung: 5/5 Lamas

Floresta do fim do mundo

Suely ist eine Indigene Frau, die in einer brasilianischen Großstadt als Müllwerkerin arbeitet. In ihren monotonen Alltag, der vor allem aus dem Sortieren von Plastikabfällen besteht, schleichen sich immer mehr Tagträume ein. Träume, in denen sie sich in der Wildnis befindet oder sich selbst in eine Pflanze zu verwandeln scheint. In einer Bar begegnet sie Jorge, der mit seiner menschlichen Existenz hadert und Zuneigung sucht, aber keinen Ausweg aus seiner Verzweiflung findet. Doch eine geheimnisvolle Stimme führt sie auch von ihm weg. Ihre Bestimmung findet sie schließlich nach der Flucht aus der Betonwüste in der grünen Welt des Regenwaldes.

Floresta do fim do mundo (Forest of the End of the World) ist eine utopisches Plädoyer für die Rückbesinnung auf die Ursprünge des  Lebens in und mit der Natur. Die Botschaft ist nicht neu, doch Regisseur Felipe M. Bragança schafft es, sie mit originellen Bildern zu unterlegen, die zwischen poetisch und schockierend changieren. Dabei wurde er vom Indigenen bildenden Künstler Denilson Baniwa unterstützt, der  einige beeindruckende Spezialeffekte für den Film beisteuert.

Floresta do fim do mundo, Brasilien 2026, 25 Minuten, Berlinale-Sektion Forum Expanded, Regie: Felipe M. Bragança, Denilson Baniwa
LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Cuando llegue a casa

Auch in Guadalajara machen Teenager*innen das, was sie überall auf der Welt tun: Sie treffen sich, albern herum und scrollen gemeinsam durch ihre Social-Media-Feeds. So wie der 15-jährige Paco im mexikanischen Kurzfilm Cuando llegue a casa (Wenn ich nach Hause komme). Regisseur Edgar Adrián folgt ihm, wenn er mit seiner besten Freundin Andrea abhängt und erste queere Erfahrungen auf einem Jahrmarkt macht. Seine Großmutter Pina, bei der er wohnt, ahnt davon nichts. Sie ist Schneiderin und näht ihm zu Hause seine Kleidung. Doch mit Pacos Gefühlswelt ändert sich auch sein Modegeschmack. Ein Hemd, das Pina ihm liebevoll genäht hat, gestaltet er radikal um – auch auf die Gefahr hin, dadurch einen Konflikt zu riskieren. Cuando llegue a casa ist eine leise und unspektakulär erzählte Coming-of-Age-Geschichte über Coming-Out und ein Kleidungsstück, das mehr erzählt als tausend Worte.

Cuando llegue a casa, Mexiko 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Generation 14plus, Regie: Edgar Adrián
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

Jülapüin Yonna

„Der Traum vom Tanz“ bedeutet übersetzt der Titel des Kurzfilms von Luzbeidy Monterrosa Atencio übersetzt aus der Sprache der Wayuu. Die Indigene Gemeinschaft lebt auf der Halbinsel Guajira, die teils zu Kolumbien, teils zu Venezuela gehört. Die 15-jährige Weinshi ist die Protagonistin von Jülapüin Yonna. In ihren Träumen kommuniziert sie mit ihren Vorfahren und  begibt sich auf eine Wanderung durch die Wüstenlandschaft der Guajira, um mit den Ältesten der Wayuu zu sprechen. Die Reise führt ihr vor Augen, wie sehr die Region unter Bergbau und Klimawandel zu leiden hat. Gleichzeitig beginnt sie den heiligen Tanz Yonna zu lernen, mit dem die Erde geheilt werden soll. Jülapüin Yonna ist ein vor allem visuell überzeugender Kurzfilm, der mehr mit farbenprächtigen und schön choreografierten Bildern als durch eine ausgefeilte Handlung überzeugt.

Jülapüin Yonna, Kolumbien 2026, 16 Minuten, Generation 14plus, Regie: Luzbeidy Monterrosa Atencio
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

Miriam

In Miriam schreibt die Regisseurin Karla Condado einen filmischen Brief an ihre Tante, die Opfer eines Femizids in Mexiko wurde. Der Täter war ihr ehemaliger Partner, doch das Verbrechen wird von der Familie tabuisiert. Als Dialog mit der Verstorbenen bricht der Film dieses Schweigen. Condado erzählt dabei auch ihre eigene Lebensgeschichte seit dem Tod ihrer Tante und untermalt das mit oft körnigen, verschwommenen Schwarz-Weiß-Bildern, in denen sie Pflanzen, Tiere und sich selbst zeigt. Aber obwohl die sehr berührende Botschaft auch durch auf den Bildschirm eingeblendete Worte transportiert wird, stellt sich keine wirkliche Verbindung zwischen Bild und Ton ein. So setzt Miriam zwar ein wichtiges Zeichen gegen die Tabuisierung femizidaler und intrafamiliärer Gewalt, schafft es aber nicht, die Zuschauer*innen auch über die visuelle Ebene emotional anzusprechen.

Miriam, Mexiko 2026, 20 Minuten, Berlinale-Sektion Shorts, Regie: Karla Condado
LN-Bewertung: 3/5 Lamas

El León

In den 1980er und 1990er wurden linke Studierende und Lehrende der Universidad de Colombia in Bogotá von Paramilitärs verschleppt und ermordet. Drei Professoren wurden im Auditorium aufgebahrt und mit einer Totenmesse verabschiedet. Die Kurzdoku El León (Der Löwe) zeigt ausschließlich zusammengeschnittene Archivaufnahmen der Trauerfeier: Ein klassisches Konzert, Personen, die Blumen und eine Fahne der Guerilla ELN auf die Bühne tragen. Regisseurin Diana Bustamante untermalt das Geschehen mit Gedichten des kolumbianischen Dichters León de Greiff.

Die Erinnerung an die Verbrechen der Paramilitärs ist auch für das heutige Kolumbien wichtig. Schade deshalb, dass El León so gar keine Einordnung der Ereignisse anbietet. Es gibt keine Erklärung zum Kontext oder zum Titel, weder das Datum der Trauerfeier noch die Namen der Aufgebahrten werden genannt. Wer nicht schon vor dem Film eine profunde Kenntnis der Ereignisse hatte, wird nur schwer verstehen, was hier vor sich geht. Fraglich, wie sinnvoll ein Dokumentarfilm zu einem historischen Ereignis sein kann, der seine Zuschauer*innen über die Umstände seiner Entstehung derart im Dunkeln lässt.

El León, Kolumbien, 14 Minuten, Berlinale-Sektion Forum Expanded, Regie: Diana Bustamante
LN-Bewertung: 2/5 Lamas


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Im Paradies der Schwurbler*innen

„Es ist ganz einfach: Bei uns darf jeder sagen, was er will und glauben, was er möchte“ proklamiert Erwin Annau gleich zu Beginn des Berlinale-Films Im Umkreis des Paradieses. Der Österreicher leitet eine Auswander*innenkolonie in Caazapá, einer ländlichen Kleinstadt im Süden Paraguays. Nur LGBT (sic!), Polygamie und Impfungen haben bei uns keinen Platz!“ Damit ist der Ton gesetzt in dieser Dokumentation mit ihrem etwas sperrigen deutschen Titel – der englische Around Paradise wirkt deutlich eingängiger.

© Zeno Legner / Trimafilm

Im Umkreis des Paradieses zeigt, wie sich Verschwörungstheoretiker*innen aus Deutschland und anderen Ländern des Globalen Nordens in der paraguayischen Provinz breitmachen und sich dabei wie moderne Kolonialist*innen benehmen. Trotz der räumlichen Nähe scheinen sie mental auf einem anderen Planeten zu leben als die sie umgebende Lokalbevölkerung.

Die deutsche Regisseurin Yulia Lokshina beschränkt sich filmisch auf das Stilmittel der Beobachtung. Es sprechen ausschließlich die Protagonist*innen selbst, Interviews oder Kommentare aus dem Off gibt es nicht. Dass das genau der richtige Ansatz ist, wird sehr schnell deutlich, wenn Lokshina die Beobachtung der esoterisch-verschwörungstheoretisch verklärten Zuwander*innen aus dem Globalen Norden mit dem Leben zweier lokaler Jugendlicher kontrastiert: Will und Yoha bezeichnen sich selbst als Influencer, lieben ihre Stadt und träumen davon, dort Touren für Tourist*innen anzubieten. Doch obwohl sie in den sozialen Medien für ihr Business werben, will das Geschäft nicht so richtig anlaufen. Also müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen: Will putzt in einem Fitnessstudio, Yoha arbeitet in einem Café. Den beiden bei ihren Gesprächen über ihre Pläne und Träume zuzuhören, ist ebenso herzerwärmend wie erhellend und steht im krassen Gegensatz zu den oft völlig verqueren und teils auch rassistischen Einlassungen der Neuankömmlinge. Wer sich als Zuschauer*in dabei an den Kopf fasst, nimmt die Hand am besten gar nicht mehr weg. Sätze wie „Ich kann Krebs ohne Medikamente nur mit meinen Händen heilen“ sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die Neokolonialist*innen glauben, in der paraguayischen Peripherie den Himmel auf Erden gefunden zu haben. In ihrer Siedlung am Rand eines Naturschutzgebietes namens El Paraiso Verde („Das grüne Paradies”) errichten sie teils imposante Häuser. Angeführt wird das Unternehmen von Erwin Annau, einem gleichermaßen überdrehten wie zwielichtigen Typen, der in seinem vorherigen Leben in Österreich als Anwalt und Finanzberater tätig war. Er lockt mit Versprechen staatlicher Kontrollfreiheit und „Schutz vor dem 3. Weltkrieg” Menschen mit meist viel Geld nach Paraguay. Was genau er mit dem eingesammelten Reichtum dann anstellt, macht er jedoch nicht wirklich transparent.

© Zeno Legner / Trimafilm

Hinzu kommt, dass sich die propagierte Basisdemokratie als Fassade erweist. Denn Demokratie heißt bei Annau, dass er sich bei allen wichtigen Fragen ein Vetorecht sichert. Entscheidungen an ihm vorbei zu treffen, ist faktisch unmöglich. Das führt im Laufe des Films zu erheblichen Spannungen der am Anfang noch so begeistert eingeschworenen Gemeinschaft der Schwurbler*innen. Einige Mitglieder werden im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlossen, Zurückweisung durch den bewaffneten (selbstverständlich paraguayischen) Wachdienst inklusive. Da helfen dann auch die Beschwörungen des Obergurus und seiner Familie, man werde von der CIA beobachtet, nichts mehr. Wenn es ums liebe Geld geht, ist es scheinbar schnell vorbei mit der neurechten Einigkeit.

Mit Im Umkreis des Paradieses ist Yulia Lokshina eine der bemerkenswertesten Dokumentationen der Berlinale 2026 gelungen. Ihr Film ist nicht nur eine genaue Beobachtung einer rechten Auswander*innen-Community, die deren Weltfremdheit und Menschenfeindlichkeit schonungslos bloßlegt, ohne externe Kommentare zu benötigen. Er zeigt auch koloniale Kontinuitäten auf, denn schon 100 Jahre zuvor scheiterte der Versuch der Gründung einer deutschen Siedlung fast am gleichem Ort. Und ironischerweise liegt damals wie heute ein wesentlicher Grund für das Scheitern an genau dem Punkt, den rechte Stimmen Migrant*innen in Deutschland nur allzu gerne vorwerfen: mangelnde Integration.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Über Wasser bleiben

Ob die das wirklich sehen? Auf dem Dach ihres Hauses albern Paula (Darana Álvarez) und La Maestra (Rocio Guzmán) herum und diskutieren, ob man von einem Flugzeug aus die reflektierenden Signale erkennen kann, die sie mit einem Spiegel in den Himmel über Mexiko City schicken. Die beiden 16-Jährigen sind die Protagonistinnen des Films Chicas Tristes (Sad Girlz), der in der Jugendfilm-Sektion Generation 14plus zum großen Gewinner der 76. Berlinale wurde: Sowohl der Gläserne Bär, verliehen von einer Jugendjury, als auch der Große Preis der internationalen Fachjury gingen an das Spielfilmdebüt der mexikanischen Regisseurin Fernanda Tovar.

© Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena

Der Film beginnt mit typischen Szenen aus einem Teenager*innen-Leben: Gespräche drehen sich um Schminktipps und Dating-Strategien, es wird gelacht und sich auf Social Media vergnügt. Doch auf die Unbekümmertheit der beiden fällt im Verlauf des Films ein Schatten, als Paula auf einer Party endlich mit ihrem Schwarm Daniel zusammenkommt. Was zunächst wie die Erfüllung eines Traums aussieht, endet in einem traumatischen Vorfall, der nicht nur die Freundschaft der beiden Jugendlichen schwer erschüttert.

Denn Paula gesteht nach längerem Bohren von La Maestra, dass es im abgeschlossenen Badezimmer zu einem sexuellen Übergriff von Daniel auf sie kam, dem sie zuvor klar widersprochen hatte. Was das bedeutet, wird den beiden spätestens nach einem Blick ins Internet klar: Es war eine Vergewaltigung. Doch über das weitere Vorgehen sind sich die Mädchen nicht einig. Während La Maestra darauf drängt, alles öffentlich zu machen, möchte Paula – obwohl sichtlich emotional angegriffen – den Vorfall auf sich beruhen lassen. Die Lage wird zusätzlich dadurch verkompliziert, dass beide mit Daniel zu den Topathlet*innen eines Schwimmteams gehören, das bald zusammen zu den panamerikanischen Jugendspielen nach Brasilien reisen soll. Vor allem die resolute La Maestra muss schon bald schmerzhaft erfahren, wie schwierig es für Missbrauchsopfer ist, Gehör zu finden.

© Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena

Regisseurin Fernanda Tovar gehört zum Colectivo Colmena, einem Filmkollektiv aus Mexiko City, das sie vor zehn Jahren mitbegründet hat. Selbst etwa doppelt so alt wie die jugendlichen Figuren in ihrem Film, zeigt sie viel Gespür für deren Lebenswelt. Dazu gehört auch, bei Problemen erst mal Chat GPT zu fragen, bevor man sich an eine*n Erwachsene*n wendet. Befindlichkeiten, die viele Teenager*innen nur zu gut kennen, geraten miteinander in Konflikt: Paulas Sorge vor den Konsequenzen für ihr eigenes Leben trifft auf die Tatkraft ihrer Freundin La Maestra, die Unrecht mit aller Macht bekämpfen möchte. Eine zufriedenstellende Lösung für beide scheint schwer möglich. Schließlich müssen die Mädchen einen Weg finden, den unterschiedlichen Umgang mit der Situation zu akzeptieren, wenn ihre Freundschaft nicht daran zerbrechen soll.

Chicas Tristes diskutiert mutig und unkonventionell die heikle Thematik eines sexuellen Übergriffs im Teenager*innenalter. Dabei wird auch der soziale Druck spürbar, als Jugendliche*r möglichst früh sexuelle Erfahrungen zu machen. Durch die klare Fokussierung auf die Opferperspektive und die jugendlichen Gefühlswelten gerät allerdings der Täter im Laufe des Films etwas aus dem Fokus. Es wäre schön gewesen, die Diskussionen in Daniels (Jungen-)Gruppe zu verfolgen oder zu sehen, wie er einer ernsthaften verbalen Konfrontation ausgesetzt wird. Deshalb bleibt bei Chicas Tristes hier trotz aller atmosphärischen Stimmigkeit – die Unterwasser-Aufnahmen aus dem Schwimmbad sind wunderschön gefilmt – das Gefühl einer Leerstelle. Dennoch ist Fernanda Tovar ein relevanter Beitrag zu einem sensiblen Thema gelungen, der durch seine Nähe und Authentizität vor allem viele jugendliche Zuschauer*innen ins Herz treffen dürfte.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Zum Gruseln

50 Millionen Mal hat sich Das Geisterhaus, der Debütroman der chilenischen Autorin Isabel Allende, weltweit verkauft, davon allein 7 Millionen Mal im deutschsprachigen Raum. An den Erfolg des Buches versucht der Streaming-Dienst Amazon Prime mit einer achtteiligen, auf dem Buch basierenden Serie anzuknüpfen. Die ersten drei Folgen feierten auf der Berlinale 2026 ihre Weltpremiere. Man durfte gespannt sein, denn bereits 1993 war der Stoff mit hochkarätiger Besetzung (u.a. Meryl Streep, Winona Ryder, Antonio Banderas) erfolgreich für das Kino verfilmt worden.  Würde Amazon mit der chilenischen Regisseurin Francisca Alegría (Die Kuh, die die Zukunft besang) und einem Millionenbudget noch einen draufsetzen können?

© Amazon MGM Studios

Der Beginn der Serie lässt darauf hoffen. In Bonbonfarben gefilmt und mit reichlich lateinamerikanischer Folklore vom Beginn des 19. Jahrhunderts ausgeschmückt, bleibt die erste Folge nah an der Buchvorlage der chilenischen Familiensaga und konzentriert sich auf die Kindheit der Protagonistin Clara del Valle (Nicole Wallace). Die hat hellseherische und andere übersinnliche Fähigkeiten und ein inniges Verhältnis zu ihrer großen Schwester Rosa (Chiara Parravicini). Als diese aufgrund einer Verwechslung vergiftet wird und stirbt, beschließt Clara aus Kummer, nicht mehr zu sprechen und das Verhängnis nimmt seinen Lauf – in der Geschichte, aber leider auch filmisch. Denn unglücklicherweise führt das Schicksal (oder vielmehr: das Drehbuch) sie mit Rosas ehemaligem Verlobten Esteban Truebo zusammen. Der wird vom mexikanischen Schauspieler Alfonso Herrera so miserabel gespielt, dass die Serie ab der zweiten Folge, in der Esteban neben Clara in den Mittelpunkt rückt, nicht mehr ernst zu nehmen ist. Beim Blick in sein Gesicht würde man des Öfteren eine leichte Magenverstimmung vermuten. Tatsächlich sind in der Geschichte gerade seine Mutter oder die Liebe seines Lebens gestorben, sein Ausdruck verändert sich dabei allerdings kaum. Die Regie geht aus diesem Grund schon bald dazu über, ihn bei Schicksalsschlägen hauptsächlich im Dunkel oder von hinten zu zeigen. Man möchte Herrera nicht nur eine goldene Himbeere (Preis für die schlechteste filmische Leistung in einem Jahr) für seine episch schlechte Performance überreichen, sondern am liebsten gleich einen ganzen Strauch.

Auch das Drehbuch reiht fortan absurde Einfälle aneinander, die man eher in einem Monty-Python-Film vermuten würde. Auf einer völlig verlassenen Landstraße soll sich ein Unfall ereignet haben, bei dem gleich beide Eltern von Clara ums Leben kommen. Gezeigt wird das zwar nicht, aber es muss der einzige Lastwagen im Umkreis von hunderten Kilometern gewesen sein, mit dem ihr klappriges Gefährt kollidiert ist – ansonsten fährt an dieser Stelle auf schnurgerader Strecke in der ganzen Folge nämlich kein einziges Auto vorbei. Die hochschwangere Clara lässt es sich jedenfalls nicht nehmen, persönlich zur Unglücksstelle zu fahren und mit Begeisterung den (wie auch immer) abgeschlagenen Kopf der Mutter aus dem Gebüsch zu ziehen. Fortan ziert dieser als schmucke Dekoration ihren Nachttisch und kann von dort aus die ehelichen Schlafzimmerszenen mit ihrem Angetrauten Esteban beobachten. Auch der steuert etwas zur Inneneinrichtung bei: Als Hochzeitspräsent für sie hat er aus ihrem geliebten verstorbenen Hund Barrabas einen Teppich schneidern lassen, der nun als Bettvorleger grüßt. Mehr daneben („cringe“ wie jüngere Film- und Serienfans es nennen würden) geht wohl kaum. Das Publikum brach bei der Berlinale-Vorführung angesichts solcher Szenen auch des Öfteren in herzliches Gelächter aus.

Nicht zum Lachen ist dagegen, wie die Serie es mit einem Schulterzucken (und Alfonso Herrera mit der Mimik eines Postbeamten) abtut, dass Esteban Truebo auf seinem Landgut mittlerweile zum Serienvergewaltiger geworden ist und dabei zahllose uneheliche Kinder mit den von ihm abhängigen weiblichen Angestellten gezeugt hat. Geschenkt, dass der angeblich hellsichtigen Clara diese Verbrechen in ihren Visionen komplett entgangen sind. Insgesamt rutscht der Plot von La Casa de los Espíritus mit zunehmender Dauer klar in Richtung drittklassige Telenovela ab, was auch der hochkarätige Cast (u.a. Dolores Fonzi, Maribel Verdú) nicht mehr retten kann. Unterhaltsam ist die Serie nur, wenn die nächste abstruse Wendung in der Handlung für unfreiwillige Komik sorgt. Ein Geisterhaus zum Gruseln.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Bei Coming-Out Mord

Regisseurin Victoria Linares Villegas hat auf der Berlinale schon einmal überzeugt: Mit ihrer stilistisch gelungenen Dokumentation Ramona über Mütter im Teenageralter landete die Filmemacherin aus der Dominikanischen Republik 2023 einen Achtungserfolg auf dem wichtigsten deutschen Filmfestival (https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/auf-einen-schlag-erwachsen/). 2026 bringt sie mit ihrem Spielfilmdebüt No salgas (Don´t come out) eine spannende Idee nach Berlin: Lesbische Frauen, die an einer Universität in der Dominikanischen Republik ihr Coming Out wagen, werden von einer mysteriösen, übersinnlichen Kraft brutal ermordet. Dieses Schicksal ereilt Wendy (Mariella Guerrero), die Partnerin der Studentin Liz (Cecile van Welie), kurz nachdem sie ihrem Bruder ihre Homosexualität offenbart hat. Dieser bringt sie daraufhin um, offensichtlich von einem Dämon besessen. Eine andere Kommilitonin wird auf gleiche Weise kurz nach ihrem Coming Out von ihrer Mutter getötet. Und so trifft Liz zu ihrer Sicherheit eine Vorkehrung: Sie legt sich einen Freund zu und simuliert eine glückliche heterosexuelle Beziehung. Das geht so lange gut, bis sie auf einem Wochenende mit ihren Freundinnen in deren Landhaus auf die selbstbewusst-mysteriöse Jessie (Camila Santana) trifft, zu der sie sich sofort hingezogen fühlt. Als diese beginnt, ihre Gefühle zu erwidern, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

© Jamie Guerra

No salgas beginnt stark und zieht die Zuschauer*innen schnell in die Geschichte. Leider kann der Film die Erwartungen im weiteren Verlauf nicht erfüllen. Denn was ein interessantes Experiment im Social Horror-Stil von Get Out hätte werden können, will bei No Salgas leider nie so richtig zünden. Die Figuren sind fast alle klischeehaft gezeichnet und wirken schon vor der unvermeidlichen Dezimierung seltsam leblos. Das liegt auch daran, dass versäumt wurde, den Charakteren interessante Hintergrundgeschichten zu verleihen und dass die Schauspieler*innen zum großen Teil nicht überzeugen können (Ausnahme ist die schon früh im Film verabschiedete Wendy). Somit fällt als Zuschauer*in eine Identifikation – bei aller ironischen Distanz auch im Horrorfilm unerlässlich – schwer. Zudem wird das zentrale Mysterium, wer eigentlich genau von dem lesbenhassenden Dämon besessen wird und warum, nicht richtig aufgelöst. Mal scheint es Familienangehörige zu treffen, mal wirkt es völlig beliebig. In einer der stärkeren Szenen wird angedeutet, dass christlicher Glaube dabei eine Rolle spielt, wirklich verfolgt wird dieser Erzählstrang dann aber leider nicht mehr.

© Jamie Guerra

Neben einigen weiteren Fragezeichen im Plot (Gibt es außer lesbischen Studentinnen noch andere queere Outing-Opfer?) hat No salgas auch zu viele technische Schwächen: die wenig stimmungsvolle Beleuchtung, der mangelnde Spannungsaufbau oder die – bei allem Verständnis für ein niedriges Budget – doch arg desolaten Splatter-Szenen. Insgesamt kommt so wenig Atmosphäre auf und am Ende stellt sich die Frage, ob No salgas in dieser Form schon reif für ein großes Festival war. Schade, denn die interessante Drehbuch-Prämisse hätte mit etwas mehr Arbeit an den Details durchaus das Zeug zu einem guten Film gehabt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Cowboys Electricos

Penjamillo, Michoacán: Eine ländliche Region in Zentralmexiko. Inmitten weiter, trockener Ebenen findet hier jährlich zu Weihnachten das traditionelle Rodeo Jaripeo statt. Ein Fest zur Schau gestellter Männlichkeit: Das Publikum feuert Wagemutige an, die auf Bullen reiten, und konsumiert dazu Alkohol in Strömen. Cowboytrachten soweit das Auge reicht. Eigentlich nicht der Ort, an dem man eine aktive queere Subkultur erwarten würde. Und doch ist sie kaum zu übersehen, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Dokumentarfilmer Efraín Mojica ist selbst ein Teil von ihr und hat zusammen mit seiner Regie-Kollegin Rebecca Zweig in Jaripeo einige überraschende Facetten dokumentiert.

Foto: Jaripeo

Mojica ist schwul, Rodeo-Fan und stammt aus der Region Penjamillo, doch einen Teil seines Lebens hat er auch in Kalifornien verbracht. Jaripeo ist einerseits ein Testimonial, in dem er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, andererseits aber auch eine Vorstellung unterschiedlicher queerer Lebensentwürfe, die Eingang in die vordergründig machistische Rodeo-Kultur gefunden hat. Er selbst gibt sich sehr reflektiert, kleidet und schminkt sich gerne feminin. Der Cowboy Noé fährt dagegen voll auf das hypermaskuline Image des Rodeo ab und stilisiert sich selbst als Macho, wobei auch er schwul ist. Geoutet hat er sich aber nur gegenüber einzelnen Personen und lebt seine Identität nicht offen aus. Umso erstaunlicher sind seine offenen Bekenntnisse im Gespräch mit Efraín Mojica und stellt zum Beispiel an einer Stelle fest: „Ich habe öfter etwas mit Heteros als mit offen schwulen Männern“. Die dritte Persönlichkeit im Film ist der schillernde Joseph, der fast schon zum Maskottchen des Jaripeo geworden ist, und, man glaubt es kaum, trotz seiner offenen Homosexualität auch dem Komitee der örtlichen Kirche vorsteht. Die Message des Films könnte kaum klarer sein: Auch wenn es nach wie vor nicht immer einfach ist, ist die Akzeptanz queerer Lebensformen auch in einem konservativen, ruralen Umfeld möglich.

Foto: Jaripeo

Jaripeo wechselt zwischen den Interviewgesprächen der drei Cowboys, Rodeo-Szenen und stilisierten Aufnahmen, in denen die Protagonisten fast wie Disco-Stars hin und her tanzen. Eine wichtige Rolle spielt der gut ausgewählte Soundtrack, der von Rancheras bis zu Elektro-Klängen reicht und perfekt auf die Bilder abgestimmt ist. Die knackige Laufzeit von 70 Minuten, die charismatischen Protagonisten und die interessante Bildsprache sorgen dafür, dass Jaripeonie langweilig wird, obwohl der Film keine weitergehenden Narrative oder Spannungsbögen aufbaut. Die Dokumentation versucht nicht künstlich mehr vorzugeben als sie ist und sorgt so dafür, dass man gerne zuschaut, wenn die queeren Vaqueros über ihre Coming-Outs sprechen oder sich ins Festgetümmel stürzen. Efraín Mojica und Rebecca Zweig ist hier ein erfrischendes und unterhaltsames Spotlight auf eine Subkultur gelungen, deren Präsenz man an diesem Ort nicht unbedingt erwartet hätte.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ausbruch aus dem Kokon

Da liegt sie nun auf dem Tisch, die Banane. Zerquetscht und braun, säuberlich auf einem Teller dekoriert. Und davor wie ein Häuflein Elend der neunjährige Cristian (Bastian Escobar), der weiß, dass er Mist gebaut hat. Denn der Rest der Banane befindet sich noch immer auf seinem Betttuch im gemieteten Zimmer und Schmutz und Unordnung kann die strenge Vermieterin Olga  
(Teresita Sánchez) nun einmal auf den Tod nicht ausstehen. Doch allzu schlimm fällt die Bestrafung nicht aus: Abspülen, Saubermachen und die Sache ist erledigt. Vielleicht ist Olga ja doch gar nicht so schlimm, wie es zu Anfang den Anschein hatte.

© Kinotitlán

Fernando Eimbcke (Club Sándwich, Olmo) ist bekannt für seine einfühlsamen, menschlichen Geschichten mit oft jungen Protagonist*innen. Und auch in seinem neuen Film Moscas (Fliegen)dem einzigen lateinamerikanischen Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale 2026, schafft er es wieder spielend, das Herz des Publikums zu gewinnen. 

Die Geschichte dreht sich um Cristian, der seine krebskranke Mutter gemeinsam mit seinem Vater Tulio (Hugo Ramírez) nach Mexico City begleitet. Dort liegt sie in einem Spezialkrankenhaus zur Behandlung, während Tulio und Cristian sich in der Nähe einquartieren. Da Tulio viel Geld für Medikamente benötigt, mietet er als kostengünstige Lösung ein Einbettzimmer in Olgas kleiner Wohnung direkt neben dem Krankenhaus. Dabei verschweigt er jedoch, dass er seinen kleinen Sohn dorthin mitbringt, und schnell ahnt man, dass das nicht lange unentdeckt bleiben wird. Denn Olga gibt sich zwar betont mürrisch („Ich will kein Wort über deine kranken Verwandten hören!“, herrscht sie Tulio gleich zu Beginn an), ist aber nicht auf den Kopf gefallen. Diese Eigenschaft teilt sie mit dem gleichermaßen cleveren wie unbekümmerten Cristian, und so ist es kein Wunder, dass sich die beiden annähern – anfangs zwar widerwillig, aber letztlich unvermeidlich. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Computerspiel Space Invaders (Im Film aus Copyright-Gründen umbenannt in Cosmic Defenders Pro), in dem Cristian seine Fähigkeiten bis zur Besessenheit auf einem Automaten vor dem Gebäude perfektioniert und mit dem auch Olga eine Geschichte verbindet.

Moscas ist kein Film, der das Kino neu erfindet. Die Geschichte über ein herzerwärmendes Kind, das das Leben einer älteren, verbitterten Person wieder öffnet und inspiriert ist so oder ähnlich schon viele Male auf der Leinwand erzählt worden. Was Fernando Eimbckes Tragikomödie dennoch absolut sehenswert macht, sind einerseits die mit vielen originellen Einfällen und interessanten Perspektiven gefilmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen und auf der anderen Seite das berührende Spiel der Hauptdarsteller*innen. Vor allem Bastian Escobar schafft es mit Leichtigkeit, sowohl kindliche Verspielt- und Frechheit als auch eine verantwortungsbewusste, über sein Alter hinausgehende Reife so zusammenzubringen, dass ihn spätestens ab der Hälfte des Films einfach jede*r Zuschauer*in gern haben muss. „Eine Fliege ist ein Eindringling, den zunächst niemand gerne bei sich hat. Aber er zwingt uns, aufzustehen, das Fenster aufzumachen und frische Luft in unser Leben zu lassen“, erklärt Fernando Eimbcke den Titel seines Films. Und genau diese frische Luft könnten wie Olga auch all diejenigen spüren, die Moscas im Kino gesehen haben.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Alle lieben Narciso

© La Babosa Cine

Am Ende ist wieder Ordnung eingekehrt, auch im Studio von Radio Capital in Asunción. Wo vorher der ekstatisch tanzende Moderator Narciso (Diro Romero) vor kreischenden Jugendlichen die neusten Rock’n’Roll Hits aus den USA präsentiert, spielt nun wieder Chinita Montiel, die Grande Dame der paraguayischen Folklore, vor einem brav sitzenden und im Takt mitklatschenden Publikum. Auf einer Brache werden Rock’n’Roll-Platten verbrannt – und Narcisos Leiche wird brennend in seinem Bett entdeckt. Narciso, der im Paraguay der späten 1950er Jahre angesiedelte zweite Langspielfilm von Marcelo Martinessi (u.a. zwei Silberne Bären für Las herederas 2018) beginnt mit dem letzten Auftritt des schnauzbärtigen, charismatischen und – wie der Name schon andeutet – sehr von sich selbst eingenommenen Narciso. In Buenos Aires hat er den Rock’n’Roll kennengelernt und ist nun in seine Heimat zurückgekehrt. Während die Unterdrückung der Militärdiktatur unter Paraguays Diktator Stroessner, im Film nur „El Rubio“ (der Blonde) genannt, in alle Bereiche des Lebens sickert, versucht Narciso, die aus den USA die Welt erobernden Hits von Chuck Berry, Little Richard, oder Bill Haley & His Comets (bei Narciso „y sus cometas“) in das noch provinzielle Asunción zu bringen.

© La Babosa Cine

Dazu muss er zunächst Radiodirektor Lulú (Manuel Cuenca) von seiner Show überzeugen. Das ist die Musik, die die Welt hört, erklärt der junge Mann Lulú. Der erwidert nur: Aber wir sind in Paraguay. Dass Lulú schließlich nachgibt, liegt nicht nur an der Intervention des charismatischen US-Botschaftsmitarbeiters Mister Wesson (Nahuel Perez Biscayart). Denn der heimlich schwule Lulú, der die Nächte auf den Straßenstrichen und Cruising Areas Asuncións verbringt, fühlt sich zu Narciso hingezogen. Und auch der dandyhafte Mr. Wesson, über dessen sexuelle Orientierung eh gemunkelt wird, kommt Narciso immer näher.

Neben queerem Begehren, das unterdrückt umso ungehemmter ausbricht, und Indigener Sichtbarkeit – ganz selbstverständlich wird in Teilen des Films Guaraní gesprochen – spielt das Radio eine große Rolle: als das Medium der Zeit, bevor das Fernsehen nach Paraguay kam. In einer Radionovela wird die Geschichte Draculas eindrücklich als Live-Hörspiel inszeniert und dient als gelungene Parabel auf die Militärdiktatur. „El Rubio“ beschwert sich persönlich über die Show: er mag keine düsteren Geschichten.

© La Babosa Cine

„In der Verzweiflung liegt eine eigene Ruhe“ bemerkt der Dracula-Darsteller (Arturo Fleitas), als von Razzien und Festnahmen  „unmoralischer“ Jugendlicher berichtet wird. Und so  dauert es nicht lange, bis schwere Fäuste auch gegen die Türe des Studios hämmern. Mister Wesson ist noch dabei, als der Diktator das neue, mit US-Hilfe aufgebaute Wasserwerk eröffnet. Doch die Protagonist*innen der Gegenkultur sind da schon alle auf Militärlastwagen abtransportiert. Narciso fängt die Brüchigkeit seiner Epoche wundervoll ein und ist gleichzeitig von beängstigender Aktualität: Wie dort gegen queere Menschen und Künstler*innen als „Invertierte“ gehetzt wird, vor denen Kinder und gute Sitten beschützt werden müssen, lässt unweigerlich an die allgegenwärtige Hetze weltweit erstarkender faschistischer Strömungen denken.

Martinessis Narziss blüht zwar nur als kurze Stichflamme auf. Dennoch beweist er, dass sich das Begehren auch von noch so autoritär agierenden Regimes nie ganz einhegen lässt. Die Reise in die Glanzzeiten des Radios, ein großartiger Soundtrack voller Rock’n’Roll-Hits und die Repräsentation queeren und Indigenen Lebens und kulturellen Widerstands gegen die Militärdiktatur machen Narciso zu einer unbedingten Empfehlung. Sollte der Film auf der  Berlinale einen der queeren Teddy-Awards gewinnen, wäre das mehr als verdient.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Roadmovie ins Unterbewusstsein

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

Rosa, eine Frau mittleren Alters, begibt sich mit ihrer Mutter Dalva auf eine imaginäre Reise entlang der Landstraße. Der Auslöser für dieses Unterfangen ist eine einfache Frage: „Welchen glücklichen Moment kannst du dir bildlich vorstellen?“ So beginnt Janaína Marques’ Film I Built a Rocket Imagining Your Arrival, ein Roadmovie  mit Elementen des magischen Realismus.

Auf dem gemeinsamen Weg, den sie zurücklegen, teilen Mutter und Tochter Momente des Glücks und der Vertrautheit, aber auch Szenen, die von tiefem Schmerz erfüllt sind. Die lange Abwesenheit voneinander hat bei beiden Narben hinterlassen, die nicht leicht zu bewältigen sind.

Auf visueller Ebene ist die Farbe Rot bei der Mutter präsent, die eine energiegeladene und fröhliche Persönlichkeit hat. Im Kontrast dazu steht Rosas Schweigen und Schüchternheit. Das lebendige Rot zeigt sich in einer Dualität: Es erscheint in freudigen Augenblicken, ruft aber auch Rosas Schmerz hervor, wenn sie sich an das Blut ihrer Mutter erinnert, das sie am Tag der Trennung sah. Nach und nach umhüllt diese Farbe auch Rosa, und je weiter sie auf der Reise vorankommen, desto ähnlicher wird sie Dalva. In gewissen Momenten wirken die beiden wie Schwestern, Freundinnen oder Komplizinnen.

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

 I Built a Rocket Imagining Your Arrival ist das Debütwerk der brasilianischen Regisseurin Janaína Marques, produziert wurde es von Moçambique Audiovisual. Mit einer unkonventionellen Erzählweise, die Erinnerung und Vorstellungskraft nachahmt, zeigt der Film sehr unterschiedliche Schauplätze: unwirtliche und wüstenartige Orte, eine Bar, ein Hotel, Durchgangsstationen. Die beiden Protagonistinnen begeben sich auf den Weg zu ihrem Ziel: Sie besuchen eine Frau namens Consuelo (auf Deutsch „Trost“, eine Anspielung auf ihre Persönlichkeit), die in einem kleinen Haus mitten im Dschungel lebt, das wie ein Schutz vor dem Sturm erscheint.

Mit einem verzweifelten Schrei ruft Rosa einmal nach ihrer Mutter, erhält aber keine Antwort. Von einem Berggipfel aus sehen wir sie klein und verletzlich, wie das Kind, das immer noch auf die Rückkehr ihrer Mutter wartet. Sie lebt in der Welt der Möglichkeiten und fragt sich, wie anders ihr Leben wäre, wenn sie ihre Mutter immer an ihrer Seite gehabt hätte. Wie glücklich wäre sie wohl gewesen?

Ein zentraler Aspekt des Films ist das Thema der Resilienz und der Solidarität von Frauen angesichts struktureller männlicher Gewalt. Sie alle sind Überlebende. Das queere Element scheint ein Ausweg aus diesen Gewaltszenarien zu sein, ein Fenster zu Glück, Liebe und Freiheit. Nähe und Emotionalität sind dabei im Film immer spürbar, wozu zweifellos die Chemie zwischen den Schauspielerinnen Verônica Cavalcanti (Rosa) und Luciana Souza (Dalva) viel beiträgt.  

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

I Built a Rocket Imagining Your Arrival war Teil des Programms der 76. Ausgabe der Berlinale und hat dort die Wertung der Leser*innenjury der Zeitung Tagesspiegel als bester Film der Sektion Forum gewonnen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Die Melancholie des Verbrechens

© Triángulo

Machado (Juan Lugo) arbeitet nahe Toulouse in der Weinlese, als er von einer alten Bekannten den Auftrag erhält, einen Edelstein aus der Krone einer Marienstatue in einer Kirche in Medellín zu rauben. Nach kurzem Zögern reist der wortkarge Machado in die lange nicht mehr besuchte Heimat. Am Flughafen erwartet ihn eine Frau, die ihm direkt einen Revolver überreicht. Denn vor dem Diebstahl gilt es, einen unbeliebten und als gefährlich geltenden Pfarrer aus dem Weg zu räumen. Die Information, dass sein Auftrag einen Mord beinhaltet, nimmt Machado ebenso ungerührt zur Kenntnis, wie er vorher seiner Freundin in Frankreich von dem Job erzählt hat. Der Coup läuft so glatt, dass jegliche Spannung, die sich aufbaut, schnell wieder abflacht.

© Triángulo

Piedras Preciosas, der erste Langfilm des kolumbianischen Regisseurs Simón Veléz, ist kein Gangsterfilm, sondern ein nachdenklicher Streifen, der den Bildern mehr Raum gibt als der Handlung. Ob das Riesenrad am Ufer der Garonne in Toulouse, die Seilbahn über Medellín oder bunte Vögel in einem Park, die Machado gedankenverloren im Gras hockend zeichnet: es ist diese Aneinanderreihung gelungen komponierter Bilder und ungewöhnlicher Perspektiven, die die Stimmung des Films prägt, aber auch ratlos zurücklasst.  Die Absurdität der Inszenierung scheint den manchmal wahllos auftauchenden Charakteren dabei bewusst zu sein: Machado wird, selbst als Priester mit dem charakteristischen weißen Collar (Kragen) verkleidet, stets als Padre – Vater – angesprochen und um Rat gefragt – auch von einer Frau, die ihrem Sohn ausreden möchte, selbst Pfarrer zu werden. Klar, er solle lieber Schauspieler werden, erwidert Machado. Diesen lakonischen Dialogen wohnt ein eigener Witz inne, sie stellen Sehgewohnheiten auf die Probe: die Erwartung, die Zuschauer*innen an diesen Film haben könnten, werden stets unterlaufen. Neben dem wachen Auge für Stimmungen und dem funkelnden Glanz der Diamanten – immer wieder werden in langen Einstellungen Hände gezeigt, die langsam und genüsslich in verschiedenen Edelsteinen wühlen – bleibt der Film zurückhaltend.  

© Triángulo

Am Ende liegen Machado und seine Freundin in ihrem Zimmer in Toulouse und überlegen, was sie nun mit ihrem Reichtum anfangen können – als sei es nichts weiter Besonderes. Über die fehlende Spannung und die inhaltlichen Lücken können die schönen Bilder dabei nur bedingt hinwegtrösten.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Freiwillig komisch

© Nicolás Pereda

Manchmal ist ein Film wie ein Blick in ein anderes Leben, das einem absurd vorkommen kann. Wie im Film eben. Mit kleinen Tricks gelingt es dem Film Lo demás es ruido (internationaler Titel: Everything else is noise) von Nicolas Pereda die Zuschauer*innen direkt teilnehmen zu lassen an einem Moment des Lebens von drei mexikanischen Komponistinnen. Ein Film, der unfreiwillig Komisches ganz freiwillig rüberkommen lässt.

Wir werden mitgenommen in den chaotischen und lauten Alltag einer mexikanischen Nachbarschaft. Der Film lässt uns teilhaben an einem Tag im Leben von Teresa, ihrer Tochter Luisa und der Besucherin Rosa. Alle drei sind Komponistinnen und scheinen sich selbst zu spielen, dafür spricht zumindest die Verwendung  ihrer echten Vornamen für die Charaktere im Film. Rosa soll von einem Filmteam für eine Dokumentation interviewt werden. Das geht jedoch nicht bei sich zu Hause, weswegen sie ihre Bekannte Teresa darum bittet, das Interview in deren Wohnung aufzunehmen. Doch nichts funktioniert wie geplant: Überall lauert eine Unterbrechung, ein Missgeschick, störender Lärm oder unangenehme Nachbarn.  Besonderen Spaß macht es, Teresa während des Interviews mit dem männlichen Filmteam zuzuschauen. Mit Kollegin Rosa amüsiert sie sich mit Ausgeglichenheit und Ruhe auf eine Art, die niemanden verletzt, aber die teilweise absurden Situationen mit ironischem Humor würzt. Und das mit so großem Talent, dass die alleinerziehende Mutter und Komponistin Teresa selbst Teil des Interviews wird. Tauchen Männer im Film auf, versuchen sie die Situation zu kontrollieren und sich in das Bild zu drängen. Wobei die Kamera sich wie ein*e Zuschauer*in verhält, der*die nicht immer dem Geschehen folgt und ganz eigene Interessen hat.

© Nicolás Pereda

Ein Leben kann der Versuch sein, das Chaos um sich herum zu ordnen oder es zu akzeptieren und darin einen eigenen chaotischen Weg zu finden. Ähnlich kann sich Musik verhalten: Ein Unterschied zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik, die Harmonie und Ordnung entsprechen können. Teresa, Luisa und Rosa können darüber nur lachen. Und wir mit ihnen. Wozu braucht jemand Hollywood, wenn es solche Filme gibt?


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Mit Glitzer gegen das Klischee

„Na Prinzessin, alles klar?“: Sprüche dieser Art darf sich der 11-jährige Gugu (Yuri Gomes) im Film Gugus Welt (Feito Pipa) fast täglich anhören. Denn neben seiner Leidenschaft für Fußball klebt er sich auch gerne Glitzerperlen ins Gesicht und studiert im Tanktop mit seinen Freundinnen Tanzchoreographien ein. So passt er nicht in die Schemata, die einige seiner Mitschüler und auch sein Vater von ihm erwarten. Gugu nimmt das meist aber mit Gelassenheit hin, denn zu Hause bei seiner Großmutter Dilma (Teca Pereira) findet er Geborgenheit und Akzeptanz. Die lebenslustige Dilma leidet allerdings unter fortschreitender Demenz. Dabei wird es für Gugu immer schwieriger, sich um sie zu kümmern und gleichzeitig die Schule und seine eigenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.

© Jamille Queiroz

Allan Deberton hat die Geschichte um eine Großmutter-Enkel-Beziehung im brasilianischen Nordosten am Ufer eines unter Protest angelegten Stausees verortet. Dabei kommt er trotz deutlich erkennbarer Sozialkritik mit angenehm klischeefreien Charakteren aus. So hat Gugu alles andere im Sinn, als das Opfer zu spielen: Gegen Mobbing in seiner Klasse setzt er sich handfest zur Wehr und gibt auf die Frage der Rektorin, ob er es denn in Ordnung finde, so etwas zu machen, genauso schlagfertig zurück: „Finden Sie es denn in Ordnung, was Sie mit mir machen?“ Auch Gugus Vater Valmir (Carlos Francisco) wird nicht als brutaler Macho gezeigt, sondern eher als unsicher und überfordert mit seiner Aufgabe: Wenn er Gugu Pornoheftchen zustecken möchte, ist er seinem Sohn sichtlich peinlich. Und dass er sich selbst so gar nicht für Fußball interessiert, gibt Valmir lieber nicht offen zu – nicht, dass das am Ende noch das pseudo-männliche Rollenbild, das er seinem Sohn vermitteln möchte, stört.

Schwierig wird es für Gugu erst, als die Episoden zunehmen, in denen die Erinnerung seine Großmutter verlässt. Da helfen weder Medikamente noch ein so gutgemeinter wie erfolgloser Exorzismus, den Gugus  religiöser Schulkumpel Enzo bei Dilma durchführen möchte (die wohl lustigste Szene des Films). Schließlich muss sich Gugu entscheiden: Soll er alleine weiter für seine Oma sorgen, die ihn – wenn sie es noch kann – in Allem unterstützt? Oder muss Dilma doch ins Altersheim und er zurück zu seinem Vater ziehen, obwohl der nicht für alle seine Aktivitäten Verständnis hat?

Mit Gugus Welt ist Allan Deberton ein einfühlsamer Familienfilm gelungen, der ernste Themen wie Gender-Diskriminierung und Altersdemenz leichtfüßig behandelt und deshalb nicht nur für Kinder und ihre Großeltern empfehlenswert ist. Die wunderschöne Landschaft um die Stadt Quixadá bietet dazu eine beeindruckende Kulisse für Außenaufnahmen. Gugus Welt dürfte in diesem Jahr ein heißer Kandidat sein, wenn die Berlinale ihre Preise für die besten Kinderfilme verteilt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Gefangen im Wald

Dröhnende Motoren durchbrechen die Stille der Nacht. Ein Scheinwerfer zuckt durch die Dunkelheit. Er gehört zu einem LKW, der sich eine bewaldete Bergstraße hochwindet. Kurz hört man noch den Flügelschlag eines Vogels, der weghuscht. Dann hält der LKW, Arbeiter steigen aus und beginnen, eine notdürftige Schutzhütte aufzubauen. Am Ende bleiben vier Personen dort: Ein Mann, eine Frau und zwei Kleinkinder. Sie sind aus Haiti geflüchtet und auf dem Weg in die USA in Zentralmexiko gestrandet. Dort sollen sie einem zwielichtigen Unternehmer beim illegalen Holzschlag in einem Waldgebiet helfen.

© Amondo Cine

Es ist trotz des idyllischen Titels ein bedrückender Stoff, den der mexikanische Regisseur Joaquín del Paso mit seinem dritten Spielfilm El jardin que soñamos (Der Garten, von dem wir träumen) auf die Leinwand bringt. Mitten im Winterquartier der berühmten Monarchenfalter im Bundesstaat Morelia angesiedelt, verfolgt der Film die unbarmherzige Ausbeutung einer haitianischen Familie durch die Holzwirtschaft. Esther (Nehemie Bastien) versucht mit ihren beiden Töchtern Flor und Aisha, beide noch im Kindergartenalter, den Verhältnissen in ihrem Heimatland zu entkommen. Der Vater hat die Familie verlassen, ihren neuen Partner Junior (Faustin Pierre) hat sie auf der Reise kennengelernt. Nun versuchen die vier gemeinsam das Beste aus ihrer Lage zu machen. Bevor es weiter nach Norden geht, will Junior versuchen, mit der Holzfällerei die Kasse aufzubessern. Das klappt zu Beginn auch noch leidlich: Die erste Zahlung kommt an und die Familie richtet sich in der ärmlichen Behausung ohne Toilette und fließend Wasser so gut es geht ein. Doch schon bald beginnen die Probleme. Der skrupellose Holzunternehmer Toño (Carlos Esquivel), von dem Junior in der Waldeinsamkeit völlig abhängig ist, fordert immer längere Arbeitszeiten. Als dann auch noch Kämpfe mit einer rivalisierenden Gruppe um Profitanteile des illegalen Geschäfts ausbrechen, gerät die Familie unverschuldet in Lebensgefahr.

El jardin que soñamos ist ein realistisches Sozialdrama, das die Ausbeutung von Geflüchteten in Mexiko schonungslos offenlegt und dabei nur wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Situation der Familienangehörigen, darunter zwei Kleinkinder, die medizinische Hilfe benötigen, ist den unbarmherzigen Geschäftemachern spätestens dann egal, wenn ihr Gewinn auf dem Spiel steht. Nebenbei wird durch die Abholzung im Naturschutzgebiet auch der Lebensraum der gefährdeten Monarchenfalter, ein Wahrzeichen der Region, zerstört. Es ist wichtig, dass Joaquín del Paso ein Schlaglicht auf die brutale Situation Geflüchteter in Mexiko wirft und dabei mafiöse Strukturen auch einmal jenseits des omnipräsenten Drogenhandels anspricht. Die Charaktere im Film wirken zwar etwas eindimensional – entweder sind die Figuren hilflose Opfer oder rassistische Ausbeuter – und die Hoffnungslosigkeit teilweise erdrückend. Aber die Situation der Geflüchteten in der Realität gibt leider keinen Anlass zu einem Feel-Good-Movie. Wenn El jardin que soñamos dazu beiträgt, den gezeigten Problemen internationale Beachtung zu verschaffen, hätte der Film ein großes Ziel erreicht.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren