Monster im Schatten des Lichts

Era Rolim spricht über Dissidenz und Monster (Foto: Privat)

Era ist Performancekünstlerin aus der Hauptstadt Brasilia in Brasilien und wird im Herbst in Amsterdam Dirty Arts studieren, ein Master an der Gerrit Rietveld Academie für schöne Künste und Design. In diesem Moment sind wir zwei transfeminine Menschen, die sich als Mitbewohner*innen in einem Haus im Berliner Stadtteil Wedding kennengelernt haben. Dissidenz ist ein im Deutschen kaum geläufiger Begriff, der aber zentral für queere Bewegungen und Kämpfe in Lateinamerika ist. Dissidente Körper, das können alle sein, die sich der Norm entziehen, sei es, weil sie Schwarz sind, dick, behindert, trans. Körper, die aus sich heraus in Ungehorsam leben müssen, die sich nie der kolonialen Ordnung gefügt haben. Die andere Arten von Widerstand manifestieren. Die Revolution, sagt Era, ist, glücklich zu sein und im Kollektiv. Aber in einem System, das ihre Existenz verleugnet, sind Dissidente vom Kämpfen oft so ermüdet, dass die Möglichkeit, glücklich zu sein, fast in Vergessenheit gerät. Era raucht und wir rücken näher zusammen.

Wo Dissidenz ist, sind die Monster nicht weit, sie verkörpern die Frage, wer die Monster sind, am Rande dieser Gesellschaft im Schatten. Aber wer erschafft die Monster, wer kümmert sich um sie, wie wehren sie sich? Diejenigen, die von der Norm zu Monstern gemacht werden – die Bösen, die Unerwünschten, die chicas malas, trans Personen, Travestis –, sind oft dieselben, die die heimlichen Fantasien jener bevölkern, die sich tagsüber als Hüter*innen von Familie, Moral und Ordnung inszenieren.
Ihnen gilt im Licht der Hass, wehe, sie gehen aufs Frauenklo, im Schatten aber werden sie begehrt, zum Sexobjekt fetischisiert. Wie absurd das ist, lacht Era, dass die Guten im Licht die sind, die den Hass nähren. An einem Ort, nicht weit entfernt, führt ihr Begehren ins Dunkle, und äußert sich in Gewalt. Doch darunter wünschen sie sich, mit einer Travesti Sex zu haben oder ihre Kleidung zu tragen.

Von der Macht, ein Monster zu sein


Eras nächstes Projekt dreht sich um Negative Poetik: Diese widmet sich den Dingen, die verleugnet werden, geheimnisvoll, unausgesprochen aus dem Licht gedrängt. Wie dann, wenn sie den Tod nahe gespürt hat, erzählt Era, und dass sie dann neue Möglichkeiten der Fantasie gesucht hat, um über diese Traurigkeit zu sprechen, über Liebe, über Gemeinschaft, über Gender.
Nein, es soll nicht explizit um das Transsein gehen, sondern um die Performativität dissidenter Körper. „Ich bin trans, aber ich rede nicht über Gender in meiner Show“, sagt Era und kritisiert, dass Institutionen nur eins von zehn Projekten an eine dissidente Person vergeben: in der Erwartung, dass diese dann die Aufklärungsarbeit leistet, die sie selbst zu machen nicht bereit sind. Als Institution gilt es, sich dieser Verantwortung zu stellen, als Künstlerin, einen Umgang damit zu finden. Es bleibt eine Herausforderung, sich von den zugewiesenen Plätzen zu lösen und in Auseinandersetzung zu treten.

Ihr Projekt entwirft den Körper als Kino: einen Ort der Projektion, der Fiktion und der Metamorphose. In diesem Körper-Kino übernimmt die Performance die Regie und inszeniert über vier Stunden hinweg einen Mythos, der sich jeder normativen Erzählung entzieht. In vier Laboratorien soll der bestehende Raum erforscht werden genau wie die damit verbundenen Möglichkeiten: Bewegung, Stimme und Dramaturgie. Dann wird die Übertragung erprobt, mit Dronen und Kameras und schließlich im Schritt einer Postproduktion das Ergebnis verarbeitet. Das Kino ist per se ein Sein im Licht, sagt Era, aber ihre Arbeit drehe sich nicht um das Licht. Während sie diesen Mythos noir imaginiert, diese trans-Fantasie, magisch wie unser Treffen. Die Sonne scheint nicht mehr auf den ersten Stock und in der Performance unseres Gesprächs sitzen wir beide auf dem Boden des Balkons.
Der Schatten birgt die Dissidenten, ihre Geheimnisse, die sie für sich behalten müssen: für ihre Subjektivität, gegen das, was nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Erinnerungen auslöschen will. Aus diesem Schatten heraus können sie ins Licht treten, für atemberaubende Feiern.


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DAS HORRORKABINETT DES HAUPTMANNS BOLSONARO

Die LN stellen das neue Kabinett in Brasília vor.

Die Chicago Boys, Anhänger der ultraliberalsten Schule der Wirtschaftspolitik, sind zurück! Superminister Paulo Guedes ist vehementer Anhänger Pinochets und sammelte fünf PhDs aus Chicago. Er propagiert klar Privatisierung, die Kürzung von Sozialausgaben und die Öffnung der Märkte. Paulo Guedes ist Liebling der Wirtschaft und der deutschen Unternehmen in Brasilien!

Die Lobbyist*innen, insbesondere des Agrobusiness, übernehmen gleich das Agrarministerium mit der „Muse der Pestizide“, Tereza Cristina. Chef des Bodenreforminstituts wird der Präsident des Grundbesitzerverbands UDR. Der Umweltminister Ricardo Salles, selbst in Prozesse verwickelt, geht sofort gegen Umwelt-NGOs vor und will Dienstleitungsverträge mit ihnen suspendieren. Er verspricht, schnell und flexibel zu agieren, und weniger Strafen für Umweltvergehen!

Die Militärs haben nun die für Infrastruktur, Wissenschaft und Technologie und Verteidigung wichtigen Ministerposten inne. Die Militärs beäugen die Privatisierungspläne von Guedes misstrauisch und widersprachen bereits dem Präsidenten sofort, als dieser mit der Idee kam, den USA Militärbasen in Brasilien anzubieten.

Der Sheriff, Richter Sérgio Moro, ist nun Justizminister und schon lange Liebling der hasserfüllten Mittelklasse und seit gut einem Jahr sprichwörtlicher Kerkermeister des Ex-Präsidenten Lula. Moro muss schon jetzt damit leben, dass der erste Korruptionsskandal um den Erstgeborenen von Bolsonaro (Flávio, oft kurz „01“ genannt) bereits jetzt bekannt wurde. Moro hat keine Erfahrung mit den umfangreichen Tätigkeitsfeldern eines Ministeriums, will sich aber an nordamerikanischen Erfahrungen inspirieren.

Die Lunáticos – Portugiesisch für die Bekloppten – sind nun das beste ideologische Spiegelbild der Denkstrukturen von Bolsonaro. Die evangelikale Pastorin Damares Alves (Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte) proklamiert: „Endlich ist die Kirche an der Macht“. Und weiter: „Ab sofort tragen die Mädchen rosa und die Jungs blau”. Ein Stipendium für vergewaltigte Frauen, die schwanger wurden, damit sie nicht abtreiben, gehört auch zu ihren Highlights. Und sie weiß, wie es so in den Niederlanden (?) läuft: „Die Eltern masturbieren dort ihre Babys“. Der Bildungsminister Ricardo Velez Rodriguez will endlich die Schul-Curricula vom Marxismus restlos säubern und natürlich: die Genderideoligie bekämpfen. Der Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta will die Aidsaufklärung aus den Schulen verbannen („Das Thema soll in den Familien besprochen werden“). Und nun die einsame Spitze: Außenminister Ernesto Araújo, dessen Feldzug gegen den kulturellen Marxismus (?) und seine besonders christliche Gottesfurcht bereits in der internationalen Presse ein dubioses Echo gefunden haben. Sein Vorbild: Präsident Trump sowie die Helden in Israel. Besonders wichtig: die europäische Erbschaft Brasiliens. Sein Feindbild: China (hier: Widerspruch der Lobbyisten!) sowie natürlich die Kommunisten allgemein, die Globalisten und überhaupt ist Klimawandel natürlich Humbug, gar eine Verschwörung. Brasilien müsse die Welt größer denken, nicht so kleingeistig „wie es der Philosoph Ludwig Wittgenstein“ vorgebe, die vorgefundene Welt zu akzeptieren, paraphrasiert er wild aus dem – vielleicht nie gelesenen, aber bestimmt nicht verstandenen – Tractatus Logico-Philosophicus, um kurz zu schlussfolgern: „I don’t like Wittgenstein.“ Eine finstere Gestalt, die Bolsonaro aus der unteren Hierarchie des Außenministeriums hervorgeholt hat.

Und zum Schluss nun der Mann mit dem Tatoo, Onyx Lorenzoni, der Schildträger Bolsonaros und nun sein wichtigster politischer Sprecher mit Sitz im Präsidialamt. Als herauskam, dass er für seine politische Kampagne Schwarzgeld annahm, bat er Bolsonaro um Entschuldigung (wurde angenommen) und ließ sich ein Bibel-Tatoo auf seinen Arm als Erinnerung an seine Sünden anbringen. Nur: Ein paar Wochen später wurden weitere illegale Zahlungen an ihn entdeckt – und jetzt munter das Ganzkörpertatoo anstreben?

 


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