Milliardenfonds zum Schutz tropischer Wälder

Illegale Entwaldung Im Indigenen Gebiet Tenharim do Igarapé Preto registriert Ibama Zerstörung (Foto: Ibama (CC BY-SA 2.0))

TFFF heißt das neue Kürzel (im NGO-Sprech „T-Triple-F“). Es steht für „Tropical Forest Forever Facility“. Im Kern sollen teilnehmende Staaten mit Tropenwaldbestand (TFC) von einem Fonds (der „Fazilität“) jährlich Geld dafür bekommen, dass sie ihre Wälder weitgehend erhalten. Wird dennoch abgeholzt, sinken die Zuwendungen empfindlich. Unter dem Strich sollen so drei Mal mehr nicht rückzahlbare Finanzmittel für den Waldschutz bereitstehen als bislang.
Umstritten: Der Auszahlungsfonds finanziert sich aus Finanzerträgen am Kapitalmarkt. Um diese zu erwirtschaften, sollen finanzstarke Länder oder Privatpersonen zunächst einen Kapitalgrundstock einbringen; angestrebt sind 25 Milliarden US-Dollar zu keinen oder wenig Zinsen. Mit diesem „Sponsorenkapital“ genannten Grundstock will TFFF Anleihen auf den internationalen Kapitalmärkten ausgeben, und zwar in vierfacher Höhe. Auf diese Weise möchte TFFF insgesamt bis zu 125 Milliarden USD mobilisieren.

Dieses eingesammelte schuldbasierte Vermögen bildet den „Tropenwald-Investitionsfonds“ (TFIF). Dieser investiert wiederum in ein Portfolio festverzinslicher Wertpapiere und soll damit Gewinne in einer Höhe erwirtschaften, die über den Zinslasten des TFIF liegen. Die Nettoerträge schließlich füllen den Topf für die Auszahlungen an die Tropenwaldländer, so die Idee. Nach einer Rechnung auf Basis jüngerer Marktdaten im letzten (dritten) TFFF-Konzeptentwurf vom August dieses Jahres wären 3,4 Milliarden USD Nettoertrag zu erzielen. Die Summe würde Zahlungen von vier USD je Hektar Waldbestand ermöglichen. Bringt der TFIF weniger Ertrag, sinkt auch der Erlösanteil je Hektar.
Ein starker Hebel könnte der Sanktionsmechanismus sein: Entspricht der Waldverlust eines Landes innerhalb der letzten drei Jahre einer durchschnittlichen Rate von 0,3 Prozent pro Jahr oder weniger, so verliert es für jeden Hektar Bewaldungsrückgang 100 Anteile an den Erlösen. Dieser Abschlag wirkt bei vier USD je Hektar Erlösanteil wie eine Entwaldungsstrafe von 400 USD pro Hektar vernichtetem Tropenwald. Bei einer Entwaldungsrate zwischen 0,3 und 0,5 Prozent verdoppelt sich diese Strafe anteilig auf 800 USD je Hektar. Eine Entwaldungsrate über 0,5 Prozent führt zum Ausschluss vom Mechanismus. Vergleichbare Regeln gibt es für degradierte Wälder.

Verfügt also ein teilnehmendes Land beispielsweise über 200 Millionen Hektar tropischen Regenwald, den es im Schnitt der letzten drei Jahre erfolgreich geschützt hat, könnte es mit jährlich 800 Millionen USD Zuwendungen rechnen. Hat es in diesem Zeitraum jedoch eine jährliche Entwaldung von 0,4 Prozent zu verantworten, so würden nach dem Schema nur halb so viele Mittel an den Staat fließen.
Wie definiert TFFF eigentlich Wald? Laut dem Entwurf besteht er aus Bäumen mit einer Höhe von mehr als 5 Metern, die Baumkronen haben, welche mindesten 20 bis 30 Prozent der Landoberfläche abdecken („Kronendachbedeckung“). Flächen mit Baummonokulturen oder unter Aufforstung in Gebieten, in denen historisch kein Wald stand, sollen für Zahlungen nicht berücksichtigt werden. Der Zustand der Wälder wird nach dem Konzept satellitengestützt überwacht.

Verlagerung der Abholzung ließe sich vermeiden


Mit diesem Masterplan, der von Vertreter*innen der brasilianischen Regierung, der Weltbank, Lion’s Head Global Partners und anderen erarbeitet wurde, unterscheidet sich TFFF von den meisten Vorgänger-Mechanismen, wie etwa REDD+: Die Finanzmittel werden nicht projektbezogen eingesetzt, sondern ex post erfolgsorientiert auf den Waldbestand des gesamten Landes bezogen genutzt. Die Zahlungen fließen folglich auch nicht direkt zur Durchführung spezieller Waldschutzvorhaben bzw. in deren Refinanzierung. Sie gehen vielmehr an den teilnehmenden Staat. Dieser kann dann weitgehend frei entscheiden, wofür er sie einsetzt – und damit auch, welche Instrumente er im Waldschutz nutzt. Das wirft allerdings die Frage auf, inwieweit die jeweilige Regierung das Interesse des Staates an (mit dem Waldschutz verbundenen) längerfristigen Einnahmen höher gewichten wird als Deals mit finanzstarken und oft wahlkampfrelevanten Unterstützer*innen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen. So etwa aus dem Agrobusiness oder von Öl- und Rohstoff-Konzernen.


Im Übrigen bewirken die angepeilten Strafabschläge von 400 bzw. 800 USD je Hektar vernichteten Waldes zunächst nichts gegenüber verantwortlichen (potenziellen) Waldzerstörern. Zwar verwies das erste TFFF-Konzept noch darauf, dass der geschätzte jährliche Nettogewinn eines Hektars Sojaplantage in Brasilien bei knapp 400 USD je Hektar liegt (womit die TFFF-Strafzahlungen höher wären). Doch die Strafabschläge würden solche „alternativen Nutzungen“ nicht unwirtschaftlich machen. Denn sie drohen eben nicht konkreten Eigentümern oder Nutzern besagter Flächen, sondern dem Staatshaushalt des Waldlandes. Unter TFFF, das REDD+ & Co. nicht ersetzen, sondern ergänzen soll, wäre also stets ein starkes Regierungshandeln gefragt, um solche Umwandlungen zu unterbinden.

Zuspruch mit Bedenken

Zahlreiche internationale Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßten in einer Briefing Note vom 5. Juni 2025 im Grundsatz das neue Konzept, kritisierten aber unter anderem den Schwellenwert von 20 Prozent Kronendachbedeckung als einheitlichen Standard für die Definition von Wald. Denn er erweitere zwar den Kreis der einbezogenen Staaten, könne jedoch – würde er auch in Regionen angewendet, in denen die Kronenbedeckung des Primärwaldes 80 Prozent überschreiten kann – zu erheblichem Waldverlust führen, bevor eine Zuwendungskürzung ausgelöst werde. Felix Finkbeiner von Plant for the Planet verweist jedoch einschränkend auf eine zusätzliche strafbewehrte Regelung zur Walddegradation. Allerdings sei sie bislang nur für Waldschäden durch Feuer gedacht. Zudem hänge ihre Wirkmacht von noch unklaren Umsetzungsregeln ab.

Darüber hinaus äußern die Organisationen Bedenken dagegen, dass der Auszahlungsfonds wie eine multilaterale Entwicklungsbank der Weltbank verwaltet werden soll. Dies hätte eine Dominanz der USA und Europas zur Folge.
Im Zuge von TFFF könnte der auf das Land bezogene Erfolgsansatz zumindest auf Staatenebene dem Problem entgegenwirken, dass Entwaldung bei manchen projektfinanzierten Waldschutzvorhaben nicht verhindert, sondern nur verlagert wird (leakage): Eigentümer oder Projektträger kassieren die Fördermittel, verschieben aber die Abholzung lediglich von geförderten Flächen auf nichtgeförderte. TFFF erzeugt auch keine Kohlenstoffgutschriften, wie sie die dritte Stufe von REDD+ konzipiert, wenn auch solche Carbon-Credits mit zahlreichen methodischen Problemen behaftet sind und deren Beitrag zum Klima- und Waldschutz mehr als zweifelhaft ist. Im sogenannten freiwilligen CO2-Markt, wo sie zum Einsatz kommen, werden sie zudem häufig mit Greenwashing von Unternehmen in Verbindung gebracht.
Nach dem TFFF-Entwurf werden die TFC (bis zu 74 Länder, die derzeit über eine Milliarde Hektar tropische und subtropische Feuchtwälder beherbergen) verpflichtet, mindestens 20 Prozent der Zahlungen an „lokale Gemeinschaften, Indigene Völker und Schutzgebietsverwalter“ weiterzuleiten. Ein Punkt, den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßen.

Greenpeace plädiert überdies in einem Hintergrundbeitrag vom 16. Juni 2025 für einen besonderen Status für intakte Wälder und schützenswerte Waldökosysteme. So solle ein klarer Anreiz entstehen, „diese Wälder auch wirklich zu schützen und nicht nur Entwaldungsraten auf dem Papier zu reduzieren“. Zudem seien „umweltzerstörende Bereiche wie industrielle Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Biomasseproduktion“ von der Förderung auszuschließen.

Kritik an Kapitalmarktdeckung

Einer der größten Kritikpunkte am TFFF-Konzept ist derzeit dessen Kapitalmarkt-basierte Finanzierungsstrategie: Die oben genannten 125 Milliarden USD des Tropenwald-Investitionsfonds TFIF fließen in ein Investitionsportfolio am Kapitalmarkt. Anvisiert werden zwar vorrangig „klimabezogene und nachhaltige Anlagen“ in Ländern des Globalen Südens. Klassische Staats- und Unternehmensanleihen sind jedoch ebenfalls möglich. Investitionen, die auf einer (noch zu präzisierenden) Negativliste stehen, will der TFIF allerdings ausschließen. Auf ihr stehen bislang „Aktivitäten im Zusammenhang mit Kohle, Torf, Öl und Gas“.

Finanziert werden sollen die Investitionen durch Schulden. Genauer durch die „Emission liquider“, hoch bewerteter langfristiger Anleihen zum Kauf durch institutionelle und private Anleger (‚Marktinvestoren‘)“. Doch wer wäre im Falle des Falles wirklich Schuldner? „Wen werden Investoren verklagen, wenn sie ihre Zinsen und ihr Kapital nicht zurückbekommen, den TFFF oder die Empfängerländer?“ fragt entsprechend ein kritischer TFFF-Report der Global Forest Coalition (GFC). Schließlich dürfte es unsicher sein, ob das gigantische Investitionsportfolio tatsächlich die angepeilten Erträge von über acht Prozent einfahren wird (vor allem, wenn wirklich nachhaltige Investments getätigt werden), und gleichzeitig die Kreditzinsen auf erträglichem Niveau bleiben.

Die GFC kritisiert weiter, es könnten nicht nationale Regierungen für Hektar stehenden Waldes belohnt werden (wobei sie allerdings den TFFF-Strafmechanismus bei Waldverlust nur am Rande erwähnt), ohne von den Regierungen entschlossene Maßnahmen zu verlangen, „um die irrationale Ausbreitung von Monokulturplantagen (Soja, Ölpalmen, Zuckerrohr usw.) zu begrenzen und umzukehren“. Das gelte ebenso für „die nicht nachhaltige Viehzucht, den Bergbau, die Gewinnung fossiler Brennstoffe“. Vielmehr sei ein internationaler Rechtsrahmen erforderlich, der Unternehmen und Länder sanktioniert, die für Tropenwälder zerstörerische Produkte kaufen.
Das eine muss das andere vielleicht nicht ausschließen. Tatsächlich stellt sich neben all den aufgelisteten Kritikpunkten aber die grundsätzliche Frage, inwiefern es verantwortbar ist, eine zentrale Säule des globalen Waldschutzes von Finanzmarktgeschäften abhängig zu machen.


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Brasiliens fossiles Dilemma vor der COP30

Bald ein Meer aus Erdöl-Bohrinseln? Bilder aus dem Mündungsgebiet des Amazonas (Foto: Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE (CC BY-SA 2.0))

Ein neuer Ölfund vor der Küste Rio de Janeiros befeuert Brasiliens fossile Agenda – und verschärft die Spannungen im Vorfeld der COP30. Anfang August meldete das britische Unternehmen BP im Santos-Becken den größten Öl- und Gasfund der vergangenen 25 Jahre. Das „Bumerangue“-Feld liegt außerhalb der bekannten Pré-Sal-Zonen (Anm. d. Red.: “Zonen, in denen sich Öl- und Gasvorkommen unter einer dicken Salzschicht auf dem Meeresboden befinden”) und entfacht daher Spekulationen über bislang unerschlossene Reserven.

Der Fund erhöht zugleich das Interesse an der im Oktober anstehenden Auktion der nationalen Erdölagentur ANP, bei der 13 neue Pré-Sal-Blöcke im Santos- und Campos-Becken vergeben werden sollen. Damit setzt Brasilien wenige Monate vor dem Klimagipfel in Belém auf weitere Tiefseebohrungen – und verstärkt den offensichtlichen Widerspruch zwischen Klimaversprechen und fossiler Expansion. Bereits im Juni vergab die Regierung bei einer international scharf kritisierten Auktion 34 Öl- und Gaslizenzen, darunter mehrere im sensiblen Mündungsgebiet des Amazonas (Foz do Amazonas). Trotz massiver Proteste von Umweltorganisationen, Indigenen Vertreter*innen und selbst staatlichen Umweltbehörden sicherten sich internationale Konzerne wie Shell, ExxonMobil, Chevron und Petrogal (mittlerweile Teil des Konzerns Galp) Explorationsrechte in Gebieten, die von Expert*innen als ökologisch und sozial hochgradig verletzlich gelten. Besonders umstritten war die Vergabe des Blocks FZA-M-59, dessen Freigabe die Umweltbehörde IBAMA zuvor mit Verweis auf fehlende Studien, mangelnde Konsultation lokaler Gemeinschaften und erhebliche Risiken für das Ökosystem abgelehnt hatte. Präsident Lula da Silva setzte die Auktion dennoch per Notfallgenehmigung durch. Das von Umweltschützer*innen als „Weltuntergangsauktion“ bezeichnete Verfahren hat den klimapolitischen Richtungsstreit innerhalb der Regierung weiter verschärft. Die Regierung rechtfertigt die Ausweitung der Erdölförderung mit dem Argument, die Einnahmen für die Energiewende und eine sozial inklusive wirtschaftliche Entwicklung nutzen zu wollen. Tatsächlich sind die staatlichen Einnahmen eng mit dem Design der Vergabeverfahren verknüpft. Die Auktion im Juni fand im Rahmen des Verfahrens einer Oferta Permanente de Concessão statt. Hier trägt das Unternehmen das volle Explorationsrisiko, der Staat profitiert über Lizenzgebühren, Royalties und Steuern. Dieses Konzessionsmodell wurde für Gebiete außerhalb des Pré-Sal etabliert, um Investitionen in Regionen mit hohem Risiko, wie etwa an der Amazonas-Mündung, attraktiver zu machen.

Anders verhält es sich bei der für Oktober geplanten Auktion, die nach dem Produktionsbeteiligungsmodell (Partilha de Produção) durchgeführt wird. Hier ist der brasilianische Staat direkt an den Gewinnen beteiligt: Neben Royalties erhält er einen festen Anteil an der Produktion (sogenanntes profit oil), nachdem die Unternehmen ihre Kosten gedeckt haben. Die Einnahmen aus den Pré-Sal-Verträgen fließen zu einem erheblichen Teil in den 2010 geschaffenen Pré-Sal-Fonds, der laut Gesetz vor allem Bildung und Gesundheit finanzieren soll. Ein zentrales Instrument, um diese Narrative zu stützen, ist der Fundo Social do Pré-Sal, den Brasilien 2010 eingerichtet hat. Offiziell soll er als langfristiger Zukunftsfonds dienen und Mittel für Programme in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur und Klimaschutz bereitstellen. Im Juli 2025 wurde sein Mandat erweitert: Nun können die Einnahmen auch für soziale Infrastruktur, Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, die Rechte Indigener Völker sowie sozialen Wohnungsbau und Sozialprogramme genutzt werden. Konkrete Erfolge oder eine nachweisbare Wirkung auf Armutsbekämpfung und Entwicklung lassen sich bislang jedoch kaum belegen.

Einer Untersuchung des Instituto de Estudos Socioeconômicos (Inesc) zufolge nahm Brasilien 2024 zwar 108,2 Milliarden Reais aus der Erdölförderung ein, doch nur 0,16 Prozent dieser Summe floss in klima- oder sozialpolitisch relevante Projekte. Auch internationale Beobachter*innen zweifeln am Nutzen: „Öl hat einen wirtschaftlichen, aber keinen sozialen Einfluss“, kritisiert die Ökonomin Lia Hasenclever von der Candido Mendes University. Gemeinden ohne Öleinnahmen schnitten in Bildung und Gesundheit teils besser ab als jene mit, was für Kritiker*innen den Widerspruch zwischen fossilen Exporten und sozialpolitischen Versprechen verdeutlicht. Darüber hinaus zeigt sich, dass Brasilien mit seiner Erdölstrategie keineswegs alleinsteht. Auch andere BRICS-Staaten setzen weiterhin auf fossile Expansion: Russland und Iran forcieren ihre Produktion trotz Sanktionen, Indien importiert steigende Mengen, und China bleibt wichtigster Abnehmer brasilianischen Rohöls. Auf dem BRICS-Gipfel im Oktober 2024 verteidigten die Mitgliedsstaaten fossile Energieträger sogar ausdrücklich „unter dem Motto der Nachhaltigkeit“ und präsentierten sich als Vertreter einer gerechten Energiewende. Für Regierungen des Globalen Südens steht dahinter die Überzeugung, dass sie ihre Rohstoffvorkommen nutzen müssen, um Sozialpro­gramme, Infrastruktur und Armutsbekämpfung zu finanzieren – gerade, weil Industriestaaten im Globalen Norden ihre Öl- und Gasförderung ebenfalls weiter ausbauen. Kritiker*innen halten dagegen, dass damit zwar eine sozialpolitische Rhetorik bedient wird, die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Exporten jedoch bestehen bleibt – ein Widerspruch, der vor der COP30 in Belém besonders deutlich zutage tritt.


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„Priorität ist die Demarkierung der Indigenen Gebiete”

Alessandra Korap ist seit zehn jahren Aktivistin für Rechte Indigener Völker (Foto: João Paulo Guimarães)

Alessandra wurde in der Gemeinde Itaituba in der Region Médio Tapajós im Bundesstaat Pará geboren. Sie gehört zum Volk der Munduruku, das aus etwa 14.000 Menschen besteht, die in den Bundesstaaten Pará, Amazonas und Mato Grosso leben. Der Bundesstaat Pará sei ein Brennpunkt der Abholzung, sagt sie, „aufgrund von Farmen, Wasserkraftwerken und Bergbau. Es ist die Region mit der höchsten Abholzungsrate hier im Amazonasgebiet”.
Bis 2015 widmete Alessandra ihr Leben ihren Kinder, ihrem Mann und dem Haushalt. Sie hatte einen einfachen Alltag im Dorf nahe der Stadt Itaituba. Aber sie begann zu merken, dass sie ihre Fischerei- und Nahrungsbeschaffungsgebiete im Wald verlor – eine immer deutlicher werdende Verknappung der natürlichen Ressourcen, die das Leben in den Dörfern sicherten.

Sie machte sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, aber „verstand nichts“ von den Rechten der Indigenen. „[Früher] interessierte mich [der Kampf] nicht, weil ich mich um meine Kinder kümmern wollte. Aber mit dieser Invasion, dem immer stärkeren Wachstum der Stadt, interessierte ich mich viel mehr dafür, mich [dem Kampf] anzuschließen. Ich wollte wissen, was um uns herum vor sich ging.”
Auf der Suche nach Wissen und Gerechtigkeit begann Alessandra, an Kursen teilzunehmen und sich an Diskussionen mit den Schamanen und anderen Führer*innen (Kaziken) zu beteiligen. Am Anfang hatte sie viele Zweifel und Fragen. Als sie jedoch erkannte, dass die Rechte ihres Volkes in ihrem eigenen Gebiet verletzt wurden, entschied sie sich, sich aktiv am Kampf zu beteiligen. Als Frau war dies eine besondere Herausforderung, da das Volk der Munduruku patriarchalisch ist. Vor zehn Jahren hielt das Volk der Munduruku es nicht für so wichtig, dass Frauen ein Rederecht hatten – sie sollten zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern, nicht an Versammlungen teilnehmen. Aber Alessandra stellte diese Vorstellung in Frage: Sie wollte zeigen, dass Frauen sehr wohl an den Versammlungen in den Dörfern teilnehmen konnten – und mussten.

Sie begann, still zu den Versammlungen zu gehen, blieb „in der Ecke stehen und hörte nur zu”. Nach und nach fühlte sie sich wohler dabei, an den Diskussionen teilzunehmen. Und mehr noch: Sie gewann das Vertrauen anderer Anführer und wird heute auch zu Versammlungen anderer Völker eingeladen. „Heute wird mir großer Respekt entgegengebracht. Heute kommen [die Chefs] zu mir, sie wollen wissen, was los ist. Das bringt uns dazu, innerhalb des Territoriums als Kollektiv an unserer Stärkung zu arbeiten”, erzählt sie. Inzwischen nutzt sie ihre Stimme aktiv, um ihr Gebiet zu verteidigen: „Ich bin nicht groß, ich bin sehr klein. Aber wenn ich mich mit meiner Stimme, meiner Art zu sprechen, für etwas einsetze, entwickle ich eine große Kraft.“

Die Demarkierung Indigener Gebiete als Hauptthema

Als Alessandra begann, sich zu organisieren, hatte das Volk der Munduruku bereits Pläne, seine Gebiete zu kartografieren und ihre Anerkennung durch das Gesetz sicherzustellen. Da begann Alessandra zu verstehen, wie wichtig diese Gebiete nicht nur für das Volk, sondern auch für die Umwelt, die Tiere, die Flüsse und die Wälder sind. Sie begriff, dass es sich nicht nur um einen Kampf innerhalb ihres Volkes handelte. Es war ein weltweiter Kampf. „Der Kampf muss von uns allen geführt werden“, erklärt sie, „denn es gibt nur einen Planeten. Er ist der Ort, an dem wir atmen, an dem wir leben“. Und die einzige Möglichkeit, den Schutz dieser Gebiete zu gewährleisten, sei die Überwachung und Demarkierung der Gebiete.

Kurz gesagt, ist ein Indigenes Gebiet laut der Bundesverfassung von 1988 „ein abgegrenztes und geschütztes Gebiet für den dauerhaften Besitz und die ausschließliche Nutzung durch Indigene Völker”. Diese Gebiete sind „als Erbe der Union anerkannt und dienen der Erhaltung ihrer Kultur, Traditionen, natürlichen Ressourcen und Formen der sozialen Organisation“. Die Demarkierung dieser Gebiete ist ein 1996 gesetzlich geregeltes Verfassungsrecht, das die Grenzen eines traditionell von Indigenen Völkern bewohnten Gebiets festlegt und kennzeichnet. Mit der Demarkation soll „die Selbstbestimmung, Autonomie und der Schutz der Rechte der Indigenen Völker“ sowie ihre „aktive Beteiligung an der Verwaltung und Erhaltung dieser Gebiete“ gewährleistet werden, definiert die Nationale Stiftung für Indigene Völker (FUNAI).

Im September 2024 erzielte das Volk der Munduruku einen historischen Sieg mit der Demarkation des Indigenengebietes Sawré Muybu, das vom Justizministerium offiziell anerkannt wurde. Aber der Erfolg endet nicht mit der Demarkation. Das Gebiet muss von der FUNAI physisch demarkiert, dem Präsidenten der Republik zur Genehmigung per Dekret vorgelegt und schließlich im Grundbuchamt und im Sekretariat für Bundesvermögen registriert werden. „Denn für Nicht-Indigene muss man Papiere haben, um zu beweisen, dass es einem gehört. Wenn man keine Papiere hat, gehört es einem nicht”, sagt sie. Der Demarkationsprozess schreitet voran, allerdings noch sehr langsam. Deshalb argumentiert Alessandra, dass dies ein vorrangiges Thema auf der COP sein muss, da gerade die Indigenen Völker die wichtigsten Beschützerinnen des Amazonasgebiets und der natürlichen Ressourcen sind. Die Diskussionen auf der COP scheinen jedoch noch nicht ausreichend auf die Ureinwohnerinnen ausgerichtet zu sein und reproduzieren letztendlich oft Strategien des „grünen Kapitalismus“.

Die COP als kommerzielles Ereignis

Es wäre realitätsfern zu behaupten, dass die COP nutzlos sei oder keinen geopolitischen Wert habe. Andererseits wäre es zynisch zu sagen, dass die COP Lösungen präsentiert, die den Forderungen jener entsprechen, die tatsächlich unter der Klimakrise leiden. Denn in Lateinamerika, Afrika und Asien herrscht ein extraktivistischer Neokolonialismus, bei dem multinationale Unternehmen die Territorien, ihre natürlichen Ressourcen und vor allem ihre Bevölkerung ausbeuten, um Gewinne zu erzielen, die sich in den Händen einiger weniger konzentrieren. Und die COP führt Diskussionen, die sich hauptsächlich auf den Globalen Norden konzentrieren, mit Diskussionen über Finanzierungen und „grüne Technologien”.

Darüber hinaus gibt es aber auch das Problem der Zugänglichkeit. Wer kann an diesen Konferenzen teilnehmen? „Stellen Sie sich die Menschen vor, die unter Dürre leiden, die unter Bränden leiden, unter Ausbeutung, die zusehen müssen, wie ihre Fische sterben”, sagt Alessandra. „Oft haben sie keine Möglichkeit, in die Hauptstadt [Belém] zu kommen. Wer kann teilnehmen? Wer kann sich akkreditieren? Und wer kann für die Menschen sprechen?“

Die Konferenz sei „sehr kommerziell geworden, sehr auf den Verkauf ausgerichtet. Wir wollen aber nicht über Handel sprechen, sondern über das Leben, das Territorium, die Klimakatastrophen“, meint sie. Alessandra fühlt sich nur dann auf Konferenzen wie der COP vertreten, wenn Verwandte, also andere Indigene, anwesend sind, die ihre Anliegen kennen und für sie kämpfen können. „Denn ich vertraue den Worten der Regierung nicht. Wir vertrauen den Worten der Regierungsvertreter, die für uns sprechen, nicht, weil sie oft etwas dafür zurückbekommen“, kommentiert sie. Und sie nennt das Beispiel des Emissionshandels.
Der Emissionshandel ermöglicht es einem Verursacher von Treibhausgasemissionen (zumeist aus dem Globalen Norden) durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Kohlenstoffkredite) aus der Reduktion/Speicherung von CO2 bspw. durch Waldschutz/Wiederaufforstung (zumeist im Globalen Süden), die eigenen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Kohlenstoffmärkte als neue Form der Kolonialisierung


„Die ganze Welt spricht vom Emissionshandel. Aber für uns sind diese Kompensationsgeschäfte nicht geeignet.” Alessandra glaubt, dass die Akzeptanz des Kohlenstoffmarktes bedeutet, mit der Zerstörung Geld verdienen zu wollen. „Es sind die großen Unternehmen, die zerstören. Sie wollen uns dafür bezahlen, dass wir etwas schützen, damit sie an anderen Orten weiter zerstören können”, kritisiert sie.
Und mit dem Geld aus den Emissionszertifikaten müssten die Indigenen Gemeinschaften sich der Logik des Kapitals unterwerfen. „Ich werde das kaufen müssen, was aus der Stadt kommt, oft Pestizide, Konserven, abgepackte Produkte. Ich muss in der Stadt einkaufen und Gift in mein Dorf bringen, um dort Müll zu produzieren und Krankheiten zu verursachen.“

Während der Kohlenstoffmarkt der Logik des grünen Kapitalismus folgt, einer naiven Vorstellung, dass es eine Art nachhaltige Zukunft auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft gibt, wollen die indigenen Völker Autonomie über ihr Land. Sie wollen ihre Territorien mit ihrem jahrtausendealten Wissen pflegen können und nicht von multinationalem Kapital abhängig sein, das aus der Ausbeutung dieser Territorien stammt.
Alessandra erklärt, dass der Emissionshandel eine Art „Kolonisierung des Geistes“ bewirkt: „[Er] dring in die Köpfe der Indigenen Völker ein, um ihnen zu sagen, dass wir die Umwelt retten, dass wir den Planeten retten. Aber diese Rolle übernehmen wir schon seit vielen tausend Jahren.“ Die Indigenen Völker wollen kein Geld aus dem Kohlenstoffhandel, sagt sie. Was sie wollen, ist Respekt und die Demarkierung ihrer Gebiete.

Mehr Respekt und Rechte für die Territorien

„Die Welt muss die Indigenen Völker respektieren“, betont Alessandra. „Als ich anfing, die Welt zu bereisen, dachte ich, dass es nur in Brasilien Indigene Völker gibt. Dann habe ich gemerkt, dass es auch anderswo viele Indigene Völker gibt. Sogar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Bolivien und Mexiko.“ In Brasilien gibt es 305 Indigene Ethnien. „Wie reich ist doch unsere Welt, reich an Kulturen, Sprachen und traditionellen Völkern. Ein Reichtum, den es meines Wissens nirgendwo sonst gibt.“
Indigene Völker verfügen nicht nur über kulturellen Reichtum, sondern auch über Wissen von der Heilkraft der Natur, eine „lebende Bibliothek“ – und im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft hören sie auf die Natur. „Wie kann der weiße Mann uns sagen, dass nur das, was in den Büchern steht, gültig ist? Warum respektiert [der weiße Mann] unser Wissen über die Natur nicht? Die Natur spricht doch, während das Buch nicht sprechen kann.” Und deshalb muss die Natur geschützt werden. Weil die ganze Welt Zugang zu diesem Wissen haben muss.

„Nicht ein Wissen, um auszubeuten, sondern um zu bewahren.” Alessandra appelliert an alle Menschen, ob Indigen oder nicht, sich solidarisch mit den Ureinwohner*innen zu zeigen: durch Boykotte von Fleisch aus Abholzung oder von Bergbauunternehmen, die auf Indigenem Land tätig sind, durch das Lernen über verschiedene Völker und durch die Sensibilisierung an Schulen und Universitäten. In der spirituellen Welt der Ureinwohner*innen hat jedes Volk seine eigene Sprache. Wenn man Portugiesisch spricht, die Sprache, die vor fünfhundert Jahren durch die Kolonialisierung aufgezwungen wurde, kann man die Wälder und Flüsse nicht verstehen. Aber wenn die Munduruku ihre Sprache sprechen, können sie die Natur hören und wissen, was geschützt und respektiert werden muss. Bücher sprechen nicht, aber die lebendige Bibliothek doch. Und sie gibt dieses Wissen von Generation zu Generation weite
Die Abgrenzung Indigener Gebiete zu gewährleisten, bedeutet nicht nur, das Recht auf Überleben zu garantieren. Es bedeutet auch, sicherzustellen, dass die Natur von Abya Yala weiterhin in Harmonie mit den Völkern kommuniziert, die sich seit Jahrtausenden um sie kümmern.


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“Dies ist unser Land!”

Besetzung Brasílias zum 20-jährigen Jubiläum des Acampamento Terra Livre Gebiete zu demarkieren war eine zentrale Forderung
(Foto: Jefferson Rudy/Agência Senado via Flickr (CC BY 2.0))

Die Munduruku werden bedroht: durch Großprojekte wie Staudämme und Wasserstraßen, durch Bahnlinien wie Ferrogrão zum vermehrten Transport von Erzen, Agrarrohstoffen und weiteren Gütern, durch die massive Ausweitung des Sojaanbaus sowie durch die in der Region um Itaituba und Miritituba aus dem Boden sprießenden Sojaterminals der Multis um Cargill, Bunge, Maggi und ADM. Den vielleicht gewalttätigsten Bedrohungen sind die Munduruku wohl durch den garimpo, den illegalen Goldbergbau in ihren Gebieten, ausgesetzt. Bewaffnete Banden in Komplizenschaft mit der organisierten Kriminalität (nicht selten gestützt durch Hintermänner in Politik, Wirtschaft und Justiz) beuten das Land der Munduruku illegal aus, roden Wälder, graben mit ihren hydraulischen Baggern das Erdreich um und gewinnen Golderz. Dabei verwenden sie Quecksilber, das die Luft, das Erdreich und das Wasser vergiftet und so in die Nahrungskette gelangt und die Indigenen selbst und ihre Kinder schleichend vergiftet.

Zudem verabschiedete der mehrheitlich extrem konservative Nationalkongress mit seinen zwei Kammern, Abgeordnetenhaus und Senat, in den vergangenen zwei Jahren mehrere Gesetze zur Beschneidung der Grundrechte der Indigenen und ihrer Territorialrechte: Dabei sollen Bergbau und Landwirtschaft in Indigenen Gebieten freigegeben werden, die Umweltgenehmigungsverfahren geschleift und die sogenannte Stichtagsregelung „Marco Temporal“ eingeführt werden. Ihr zufolge bekämen nur diejenigen Indigenen Gebiete Rechtsschutz, bei denen der Nachweis gelingt, dass dort zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der brasilianischen Verfassung am Stichtag 5. Oktober 1988 ein Indigenes Volk lebte. Dadurch sollen, so die Kritiker*innen, 500 Jahre Landraub noch einmal legalisiert werden.
Gegen all das gäbe es eine einfache Antwort, die den Kampf der Munduruku um ihr Land weit voranbringen könnte: die abschließende formal-juristische Anerkennung und der Schutz des Territoriums der Munduruku – Sawré Muybu – als Terra Indígena durch die brasilianische Bundesregierung.

Brasiliens neue Regierung unter Luiz Inácio Lula da Silva hatte zum Amtsantritt seines insgesamt dritten Mandats im Jahr 2023 versprochen, die elementaren Rückschritte der Vorgängerregierung, der explizit und erklärt indigenenfeindlichen Regierung von Jair Bolsonaro, rückgängig zu machen und wieder mehr Indigene Territorien als solche zu demarkieren. Die Regierung Lula hat seit Anfang 2023 sechzehn neue Gebiete anerkannt. Es gibt jedoch mehrere Dutzend Indigene Gebiete, die unmittelbar zur rechtlichen Anerkennung (Homologation) anstehen, und etwa 200 weitere, die derzeit untersucht werden oder deren Grenzen bereits festgelegt sind. Sie sind von der Regierung noch nicht abschließend geschützt worden. Denn der Prozess zur Demarkation und Homologation ist in Brasilien auch immer ein politischer Aushandlungsprozess, zu stark ist der politisch-ökonomische Gegendruck oligarchischer Fazendeiros und ihrer parteiübergreifenden ruralista-Fraktion im Nationalkongress.

Derweil haben die Munduruku des Gebietes Sawré Muybu die Sache selbst in die Hand genommen, um die brasilianische Bundesregierung und die Indigenenbehörde FUNAI unter Druck zu setzen und ihr Land zu schützen. Die Munduruku errichteten Mitte 2024 entlang der Grenzen ihres Gebietes Sawré Muybu Warnschilder, die das Gebiet als Indigenes Territorium ausweisen: Jeden Kilometer an den Grenzen des Gebietes wurde und wird schrittweise ein Schild an den Baumstämmen hängen, auf dem steht: „Bundesregierung, Sawré Muybu Territorium, geschütztes Land“. Die Indigenenbehörde FUNAI erklärte Mitte 2024 auf Medienanfrage dazu, dass sie unter Personalmangel leide, aber daran arbeite, die Grenzen des angestammten Landes der Indigenen festzulegen, ein Prozess, der unter der letzten Regierung unterbrochen worden war.
Die Sache selbst in die Hand zu nehmen, ist Teil der erfolgreichen Strategie der Indigenen Völker Brasiliens zur sogenannten Auto-Demarkation: Ist der Staat nicht willens oder nicht fähig, so wird das Territorium in Eigenarbeit markiert und es werden eigenständig sogenannte Konsultationsprotokolle erstellt.

Indigene geben eigene Regeln vor


Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an von den traditionellen Völkern und Gemeinschaften selbst erstellten Konsultationsprotokollen: von Indigenen, Quilombolas, von weiteren traditionellen Völkern und Gemeinschaften. Denn diese Konsultationsprotokolle können Rechtskraft entwickeln, wie der Fall der Juruna im Jahr 2017 zeigte. Die Indigenen Juruna (traditionelle Selbstbezeichnung Yudjá) im Indigenen Territorium Terra Indígena Paquiçamba befinden sich seit Mitte der 2010er Jahre in der Volta Grande do Xingu im Kampf gegen Brasiliens künftig vielleicht größten offenen Goldtagebau der kanadischen Firma Belo Sun. Das Volk der Juruna hatte 2017 selbst ein Konsultationsprotokoll erstellt, das genau festlegt, auf welche Art und Weise jedweder sie betreffender Kontakt von außen (einschließlich ökonomischer Aktivitäten oder auch journalistischer oder anthropologische Kontaktaufnahme) abzulaufen habe. Noch im selben Jahr wurde dieses Protokoll bei den kommunalen, bundesstaatlichen und föderalen Behörden hinterlegt. Und gleich im Dezember 2017 setzte das Justizgericht von Pará TRF1 die laufende Umweltgenehmigung für die Firma Belo Sun an der Volta Grande do Xingu aus. Das Gericht folgte darin der Einschätzung der Klage der Bundesstaatsanwaltschaft, dass die Firma aus Kanada sich in ihrem Vorgehen vor Ort nicht an die Richtlinien des bei den Behörden hinterlegten Konsultationsprotokolls der Juruna gehalten habe und somit eine Verletzung der ILO-Konvention 169 zum Schutz der Rechte der Indigene Völker vorliege. Seither erstellen mehr und mehr Indigene Völker und andere traditionelle Gemeinschaften ihr eigenes Konsultationsprotokoll.

Am 25. September vergangenen Jahres haben die Munduruku der Sawré Muybu in Brasília einen großen Sieg errungen. Denn an diesem Tag ordnete der Justizminister Ricardo Lewandowski die Demarkierung des Indigenen Landes Sawré Muybu der Munduruku in Pará an. Alessandra Korap Munduruku befand sich auf Einladung der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) gerade in Genf, als die Botschaft der Demarkation von Sawré Muybu sie erreichte. In einer weit gestreuten Videobotschaft verbreitete sie: „Gute Nachricht! Ich bin hier gerade in Europa, in Genf, aber wenn ich in Kürze zurückfahre, dann werde ich dort bei den Meinen sein! Es war ein langer Kampf, so Vieles, was wir in die Wege geleitet haben: Wir haben die Auto-Demarkation vorangetrieben, wir haben Druck auf das Justizministerium ausgeübt, auf die Indigenenbehörde FUNAI, da haben wir sehr viel Druck ausgeübt, viel Kampf, wir haben viele Besetzungen gemacht, um zu sagen, dass dieses Territorium unseres ist! Als die Regierung damals entschied, den Staudamm São Luiz do Tapajós bauen zu wollen, da haben wir Munduruku mit der Bewegung Ipereg Ayu beschlossen, in den Kampf zu ziehen, um unser Territorium zu verteidigen und um zu zeigen, dass niemand, nicht einmal die (brasilianische) Bundesregierung dort einfach so ein Wasserkraftwerk auf unserem Gebiet errichten darf. Auch wenn die Regierung sagte, das sei nicht unser Land, so ist es doch unseres!“

Jetzt, fast ein Jahr später, steht die Unterschrift durch den Präsidenten noch immer aus. Ohne die abschließende Homologation gibt es keine umfassende Rechtssicherheit. Nach wie vor steht das Gebiet um Sawré Muybu am Zusammenfluss von Tapajós und Jamanxim im Fokus mächtiger Wirtschaftsinteressen wie der Schiffbarmachung des Tapajós oder des nahegelegenen geplanten Baus der Bahnlinie Ferrogrão zum kostengünstigeren Soja- und Erztransport. „Bahn der Zerstörung: Ferrogrão NEIN!“ ist seit gut vier Jahren auf den Protestplakaten der Munduruku zu sehen. Denn das Projekt Ferrogrão – von der Lula-Regierung als Zugeständnis für das mächtige Agrobusiness befürwortet – wird durch Naturschutz­gebiete und Indigenes Land führen, in dem etwa 2.600 Menschen leben, so die Indigenen. „Die Indigenen prangern das Fehlen einer freien, vorherigen und informierten Konsultation, die Fragi­lität der Umweltverträglichkeitsstudien und die sozio-ökologischen Risiken der Eisenbahn an“, teilte die Koordination der Indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonasgebiets Coiab anlässlich ihrer wiederholten Protestaktionen mit. Der Kampf um Indigene Territorien in Brasilien ist noch nicht entschieden.


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Im Widerstand gegen die Großprojekte

Kampf um den freien Wasserfluss Gemeinden, die an und mit Flüssen leben, wollen sauberes Wasser statt riesiger Dämme (Foto: Wesley Braun)

Derzeit fließen weltweit nur noch 37 Prozent der Flüsse mit einer Länge von mehr als 1.000 km über ihren gesamten Verlauf frei. Dämme und Wehre sind die Hauptursachen für den Verlust des freien Wasserflusses. In Brasilien hat der Bau von Staudämmen insbesondere im Zusammenhang mit der Umstrukturierung des nationalen Energiemodells seit den 1970er Jahren während der Militärdiktatur zu einer erzwungenen gravierenden Neugestaltung von Territorien geführt und vielfältige ökologische und soziale Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung gehabt, die bis heute spürbar sind.
Als Reaktion auf diese Situation organisierten sich die betroffenen Gemeinden ab Ende der 1970er Jahre im Widerstand gegen die Großprojekte, was sich im Jahre 1986 unter dem Namen der Bewegung der von Staudämmen Betroffenen (MAB) sammelte. Im April 1989 führte sie den ersten Nationalkongress der von Staudämmen Betroffenen in Goiânia durch, bevor sich im März 1991 formell die Bewegung der von Staudämmen Betroffenen gründete. Seither setzt sich die MAB für Veränderungen im brasilianischen Energiemodell ein, um die Rechte der betroffenen Bevölkerung zu gewährleisten und, in jüngerer Zeit, um der Klimakrise entgegenzuwirken und deren Auswirkungen abzuschwächen.

Laut dem landesweiten Instrument zur Kontrolle und Überwachung von Dämmen in Brasilien, dem Informationssystem für Dammsicherheit, gibt es heute mehr als 29.000 Dämme: Staudämme zur Energiegewinnung, zur Trinkwassergewinnung oder Bewässerung sowie Dämme von Rückhaltebecken von teils hochtoxischer Bergbauschlämme. Vor 25 Jahren stellte der Bericht der Weltkommission für Staudämme fest, dass in Brasilien etwa eine Million Menschen von Staudämmen betroffen waren. Laut der Oswaldo Cruz-Stiftung (Fiocruz) beläuft sich diese Zahl heute auf mindestens vier Millionen Menschen. In den letzten Jahren hat die Zahl der potenziell mit ökologischen und sozialen Risiken einhergehenden Staudammprojekte zugenommen, wie beispielsweise die (Umwelt-)Katastrophen durch die Staudämme Fundão in Mariana im Jahr 2015 und 2019 durch Mine Córrego do Feijão in Brumadinho aufzeigen.

Die Klimakrise, die wir derzeit erleben, ist zweifelsohne eine direkte Folge des kapitalistischen Produktions- und Konsumptionsmodells, der Treibhausgas-Emissionen der fossil-basierten Weltwirtschaft und der mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen einhergehenden Naturzerstörung. Angesichts der Notwendigkeit, die Wirtschaft zu dekarbonisieren, wurde ausgehend von den Ländern des Globalen Nordens eine Energiewende weg von fossilen Energieträgern eingeläutet.
Was jedoch eine historische Chance für Brasilien sein könnte, hat zu einer Vertiefung einer durch Konzentration von Reichtum und Abhängigkeit gekennzeichneten Energiepolitik geführt. Um die Nachfrage aus dem Ausland nach unabdingbaren Rohstoffen für die Umsetzung der Energiewende zu befriedigen, baut das Land die Gewinnung von kritischen Mineralien und Seltenen Erden für den Export aus und erweitert das Angebot an Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie und seit kurzem auch grünem Wasserstoff. All dies ist oftmals mit derselben systematischen Verletzung von Rechten der lokalen Bevölkerung verbunden, wie im Fall der Staudämme.
Trotz der nachgewiesenen negativen ökologischen und sozialen Folgewirkungen sowie der chronischen Verletzung der Rechte der lokalen Bevölkerung wurde und wird die Energiegewinnung durch Wasserkraft auch in anderen Ländern Lateinamerikas sowie in Afrika und Asien ausgebaut und mittlerweile als „grüne Energie“ als adäquate Lösung zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen bei der Energieerzeugung und für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft propagiert.
Vor diesem Hintergrund wird die internationale Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den von Staudammprojekten betroffenen Bevölkerungsgruppen immer wichtiger. Aktuell wird deshalb ein historischer Prozess internationaler Treffen wieder aufgenommen, der 1997 begann. Das Movimiento de Afectados por Represas (MAR) hat für November 2025 das IV. Internationale Treffen der von Staudämmen und der Klimakrise betroffenen Gemeinschaften einberufen, das in Belém do Pará, Brasilien, stattfinden wird.


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Giftiges Gold

Gold Der Abbau im Amazonas hat weitreichende Konsequenzen (Foto: Jimena Mercado, ANA)

Geopolitische Auseinandersetzungen, kriegerische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit aufgrund des Zollkriegs und andere Faktoren haben die Ziele und Strategien zur Bekämpfung der Klimakrise ausgebremst und Fortschritte bei deren Umsetzung verzögert sowie die wissenschaftlichen, politischen und finanziellen Institutionen erheblich geschwächt. Diese Schwächung wirkt sich direkt auf die Fähigkeit der Amazonasländer aus, Umweltschutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten und internationale Verpflichtungen zur Eindämmung der Klimakrise und zur Anpassung an deren Folgen zu erfüllen.

Zu diesem komplexen und herausfordernden Szenario kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der spezifische Auswirkungen auf den Amazonas und Lateinamerika hat: der illegale (Gold)Bergbau und die Folgen des Einsatzes von Quecksilber bei der Goldgewinnung. Seit 2020 ist der Goldpreis ungebremst gestiegen, hat alle Erwartungen übertroffen und Rekordwerte von fast 3.500 US-Dollar pro Feinunze (mehr als 95.000 Euro/kg) erreicht. Eine der stärksten Auswirkungen dieses internationalen Finanzphänomens ist im Amazonasgebiet zu spüren. Angetrieben durch vor allem „kleine“ Bergbaubetriebe intensiviert sich der Goldbergbau in diesem einzigartigen und wunderbaren Ökosystem. Sie sind im Wald, in den Flüssen und an deren Ufern tätig und stehen in vielen Fällen in Verbindung mit illegalen Wirtschaftszweigen sowie kriminellen Gruppen oder arbeiten mit diesen zusammen. Neben der Entwaldung, der Zunahme von Gewalt und Menschenhandel ist die Quecksilberverschmutzung eine der schwerwiegendsten Folgen des Goldbergbaus. Quecksilber ist aufgrund seiner Auswirkungen vor allem auf schwangere oder stillende Frauen und Kinder und seiner jahrzehntelangen Persistenz im Ökosystem einer der weltweit bedenklichsten Giftstoffe. Die Schäden am Nervensystem von Kindern sind dauerhaft und betreffen ganze Generationen, was eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit für Dutzende Indigener Völker des Amazonasgebiets darstellt.

„Drehkreuz“ des Quecksilber-Handels

Von 2015 bis vor knapp zwei Jahren war Bolivien im Herzen Südamerikas der weltweit größte legale Importeur von Quecksilber. Zwischen 2015 und 2023 importierte das Land laut Angaben der Vereinten Nationen insgesamt 1.450,97 Tonnen Quecksilber; dies entspricht 16,82 Prozent des gesamten in diesem Zeitraum weltweit importierten Quecksilbers. Praktisch das gesamte Quecksilber wurde für den Goldabbau verwendet, nicht nur in Bolivien, sondern auch für den illegalen Reexport in den Rest Südamerikas. Dies ist auf die Erleichterungen für den legalen Import dieses Metalls in Bolivien zurückzuführen, obwohl das Land Unterzeichner des Minamata-Übereinkommens ist – eines internationalen Abkommens, das die Abschaffung der Verwendung von Quecksilber vorsieht. Im Gegensatz dazu haben die Nachbarländer seit der Unterzeichnung desselben Übereinkommens Kontrollen und Mechanismen eingeführt, um den Import, den Handel und die Verwendung von Quecksilber zu begrenzen oder sogar ganz zu unterbinden. So wurde Bolivien seit 2015 zum „Drehkreuz“ des Quecksilberhandels in Südamerika und damit zu einem der wichtigsten Kanäle für die Lieferung dieses wichtigen Rohstoffs für den sogenannten „kleinen Goldbergbau“ im gesamten Amazonasgebiet.

Die bedauerliche Rolle, die Bolivien im legalen und illegalen Handel mit Quecksilber in Lateinamerika einnimmt, hat bei der nationalen und internationalen Öffentlichkeit, den vom Quecksilber betroffenen Indigenen Gemeinschaften und Siedlungen sowie bei nationalen (Ombudsstelle) und internationalen Menschenrechtsorganisationen (Interamerikanische Menschenrechtskommission, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für toxische Substanzen und Menschen­rechte) Besorgnis ausgelöst. Zwischen 2019 und 2023 wurden verschiedene Studien durchgeführt, die ergaben, dass die Bevölkerung an den Ufern der wichtigsten Amazonasflüsse zwischen drei- und neunmal mehr Quecksilber im Körper hatte als der von internationalen Organisationen festgelegte Höchstwert. Diese Zahlen bestätigen, dass das Quecksilberproblem nicht nur als Umweltproblem, sondern auch als Notfall für die öffentliche Gesundheit und Thema der Klimasicherheit verstanden werden muss.

Illegaler Quecksilberhandel in den Händen der organisierten Kriminalität

Im gleichen Zeitraum führte Mexiko – nunmehr der weltweit größte legale Exporteur von Quecksilber – Überwachungsmechanismen ein, wodurch die legalen Exporte zurückgingen. Aufgrund dieses internationalen und gesellschaftlichen Drucks und der Einführung eines nationalen Registers für Quecksilberhändler (Oberster Erlass Nr. 4959 vom 14. Juni 2023) gelangt seit 2024 kein Quecksilber mehr legal nach Bolivien. Dieser Rückgang der legalen Quecksilberimporte schlug sich jedoch leider nicht in der Praxis nieder, denn der Handel und die Verwendung von Quecksilber für den Goldabbau im Amazonasgebiet gehen weiter

Am 24. Juli dieses Jahres beschlagnahmte eine Zollkontrolle im Hafen von Callao in Peru vier Tonnen Quecksilber, die in einer Ladung Kies versteckt waren und einen geschätzten Wert von 0,48 Mio. US-Dollar hatten. Eine Studie der Umweltforschungsagentur (EIA) berichtete über diesen Mechanismus des illegalen Schmuggels von Querétaro in Mexiko nach Südamerika: Zwischen 2019 und 2025 wurden 50 Lieferungen (37 nach Peru, 10 nach Kolumbien und 3 nach Bolivien) mit schätzungsweise 200 Tonnen Quecksilber durchgeführt, die den Abbau von Gold im Wert von 8 Mrd. US-Dollar ermöglichten. Die entmutigendste Nachricht ist, dass für diesen illegalen Schmuggel das Kartell Jalisco Nueva Generación verantwortlich ist. Es steht unter anderem mit dem Drogenhandel in Verbindung und handelt mit bewaffneten Gruppen in Kolumbien sowie mit illegalen Bergleuten in der Region Madre de Dios in Peru. Die Krise im Amazonasgebiet ist daher nicht mehr nur eine Umweltkrise, sondern auch eine Krise der regionalen Sicherheit, die auf der Agenda der COP30 berücksichtigt werden muss.
Wir sehen also eine weitere Auswirkung dieser unsicheren und komplexen wirtschaftlichen und geopolitischen Lage: die fortschreitende Zerstörung des Amazonasgebiets durch den Goldbergbau, wobei kriminelle Gruppen eine immer wichtigere Rolle spielen und an Macht gewinnen. Wenn die internationale Gemeinschaft das 1,5-Grad-Ziel aufrechterhalten will, muss sie anerkennen, dass der illegale Goldbergbau und die Verwendung von Quecksilber im Amazonasgebiet die Fähigkeit des größten Tropenwaldes der Erde, seine Funktion als Kohlenstoffsenke zu erfüllen, untergräbt. Die COP30 in Brasilien darf sich nicht darauf beschränken, abstrakte Emissionsreduktionen zu diskutieren: Sie muss den illegalen Goldabbau und den Handel mit Quecksilber als kritische Bedrohungen für die globale Stabilität, die Gesundheit der Indigenen Völker und die regionale Sicherheit auf ihre Klimaagenda setzen.


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Die fliegenden Flüsse des Amazonas-Regenwaldes

Fliegende Flüsse des Amazonas (Illustration: Yana Marull)

Die Bäume im Amazonas-Regenwald produzieren riesige Mengen an Wasserdampf. Sie sind die fliegenden Flüsse, die Südamerika mit Regen versorgen und zur Abkühlung des Planeten beitragen. Der Amazonas-Regenwald ist der Lebensbereich und spirituelle Raum jahrtausendealter Kulturen, die ihn schützen, und beherbergt die größte Artenvielfalt der Erde.


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Amazonien schützen – Indigene Gemeinden unterstützen

Ohne den Erhalt des amazonischen Regenwaldes ist es nicht möglich, die Folgen der globalen Klima- und Umweltkrise einzudämmen. Und ohne die Unterstützung und Anerkennung der (territorialen) Rechte der Indigenen Völker Amazoniens wird es nicht gelingen, den Regenwald zu schützen. Doch sind der Wald und dessen Bewohner*innen akut bedroht. Einerseits sind die Auswirkungen der globalen Erderwärmung auf das für die Stabilisierung des Weltklimas so bedeut­same komplexe Ökosystem des tropischen Regenwaldes immer gravierender. Andererseits stehen die Regenwaldgebiete im Fokus wirtschaftlicher Interessen und der Rohstoffausbeutung. Für die im und vom Regenwald lebenden Menschen bedeutet dies Zerstörung ihrer Lebensgrundlage, Gewalt und Vertreibung. Das Land Berlin ist seit 1992 Mitglied im „Klima-Bündnis der europäischen Städte mit Indigenen Völkern der Regenwälder“. Um der globalen Klimakrise entgegenzutreten und mehr Klimagerechtigkeit herzustellen, haben sich die fast 2.000 Mitglieds-Kommunen dieses Städtenetzwerkes dazu verpflichtet, nicht nur mit lokalen Klimaschutzaktivitäten konkrete Klimaschutzziele zu erreichen, sondern auch den amazonischen Regenwald zu schützen und dabei mit den Indigenen Völkern Amazoniens partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Die aus sechs Organisationen bestehende Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis“ ist seit Mitte 2022 mit den Munduruku im Einzugsgebiet des Flusses Tapajós im westlichen Bundesstaat Pará des brasilianischen Amazonas in Kommunikation.

Das Anliegen der Berliner Initiative ist es, eine langfristig angelegte Partnerschaft zwischen dem Land Berlin und den Munduruku zu etablieren. Gleichsam geht es uns um die Stärkung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten mit dem Fokus auf Amazonien wie einen kontinuierlichen Politikdialog hier in Berlin. Damit wollen wir dazu beitragen, das kritische Bewusstsein dafür zu stärken, dass der Einsatz für Klimaschutz, den Erhalt der Regenwälder, die Unterstützung Indigener Völker und globale Klimagerechtigkeit unmittelbar miteinander verknüpft sind. Nach über 17 Jahren des Kampfes haben die Munduruku vom Mittleren Tapajós im September 2024 endlich die Anerkennung ihres Gebietes Sawré Muybu als Indigenes Territorium erreicht – dort liegt auch das Dorf Sawré Aboy, in dem mit Unterstützung der Berliner Initiative und Finanzmitteln des Landes Berlin das Bildungs- und Kulturzentrum „Munduruku Akay Buray“ aufgebaut wurde. Die Freude über die Demarkation von Sawré Muybu darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Munduruku sich bei ihrem beständigen Kampf für den Erhalt ihres Lebensraumes nach wie vor mächtigen Akteur*innen entgegenstellen müssen, die sie bedrohen, ihre Rechte missachten und sich die Indigenen Territorien für wirtschaftliche Inwertsetzung aneignen wollen. Die Berliner Initiative wird weiterhin alles daran setzen, die Munduruku und ihren Kampf solidarisch zu unterstützen.


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Bolsonaro hinter verschlossenen Türen

Vor Gericht Jair Bolsonaros Untersuchungshaft ist bereits ein Sieg für die brasilianische Bevölkerung (Foto: Ton MolinaSTF, Gustavo MorenoSTF e Fellipe SampaioSTF_Flickr)

Die brasilianische Bevölkerung hatte das Bier schon kaltgestellt, in der Hoffnung, dass Bolsonaro jeden Moment verhaftet würde. Er und sieben weitere Angeklagte werden vom Obersten Bundesgericht wegen eines Putschversuchs verhört, der während der Invasion des Platzes der drei Gewalten am 8. Januar 2023 (siehe LN 609) unternommen wurde – eine Woche nach der Amtseinführung von Präsident Lula, der Bolsonaro in einer Stichwahl im Oktober des Vorjahres knapp besiegt hatte.

Sie werden wegen fünf Straftaten angeklagt: bewaffnete kriminelle Vereinigung; schwere Sachbeschädigung durch Gewalt und schwere Bedrohung des Bundesvermögens mit erheblichem Schaden für das Opfer; Beschädigung von denkmalgeschütztem Eigentum; Versuch der gewaltsamen Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats und schließlich Staatsstreich. Das Urteil wird auf fünf Tage verteilt, wobei die letzte Sitzung am 12. September stattfindet.

Im Laufe der Ermittlungen wurden gegen Bolsonaro vorsorgliche Maßnahmen verhängt. Wegen Verletzung dieser Maßnahmen wurde er am 4. August unter Hausarrest gestellt. Seine Untersuchungshaft ist bereits ein vorläufiger Sieg für die brasilianische Bevölkerung, die während seiner Amtszeit (2019-2022) unter Angriffen und Hassreden gegen die Schwarze und Indigene Bevölkerung, LGBTQ+, Frauen und andere marginalisierte Gruppen gelitten hat. Eine Regierung, die vor allem während der Pandemie grausam war: nicht nur wegen ihrer Nachlässigkeit, sondern auch wegen der leugnenden politischen Maßnahmen, Kritik an Impfungen und vor allem wegen ihrer Gleichgültigkeit gegenüber mehr als 700.000 Todesfällen durch Covid-19.

2022 verlor Jair Bolsonaro (Liberale Partei) die Wahlen gegen Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei) in einem hart umkämpften Wahlkampf mit 1,8% Unterschied. Bolsonaro und seine Anhängerinnen reagierten darauf mit der Behauptung, die Wahl sei manipuliert worden.

Am 8. Januar 2023 drangen selbsternannte „Patrioten” in den Platz der drei Gewalten in Brasília ein und verwüsteten ihn. Nach Untersuchungen wurde das Attentat als Putschversuch angesehen, und Bolsonaro wurde als einer der Verdächtigen identifiziert, da er bei der Planung der Angriffe geholfen haben soll.

Lange Liste der Anklagen

Am 30. Juni 2023 erklärte das Oberste Wahlgericht Bolsonaro bis zum 2. Oktober 2030 für nicht wählbar. Der Grund dafür ist ein Treffen mit ausländischen Botschafterinnen im Jahr 2022, bei dem Bolsonaro das Wahlsystem attackierte. Das Treffen wurde als Missbrauch politischer Macht und als missbräuchliche Nutzung der Medien angesehen.

Im November 2024 wurde Bolsonaro schließlich im Rahmen einer Untersuchung wegen des Putschversuchs vom 8. Januar angeklagt. Laut dem Bericht der Bundespolizei soll Bolsonaro „vollständige Kenntnis” von dem Vorhaben gehabt haben und wurde wegen gewaltsamer Abschaffung der demokratischen Rechts­staatlichkeit, eines Staatsstreichs und der kriminellen Vereinigung angeklagt. Die Ermittlungen ergaben auch, dass der Putschversuch einen Plan zur Ermordung von Präsident Lula, seinem Vizepräsidenten Geraldo Alckmin und dem Minister des Obersten Bundesgerichts, Alexandre de Moraes, beinhaltete.

Monate später, im Februar 2025, wurden Bolsonaro und sieben weitere Mitglieder seiner Regierung auch wegen des versuchten Staatsstreichs und anderer Verbrechen im Zusammenhang mit dem Anschlag angeklagt.
Am 18. Juli verhängte Alexandre de Moraes einige vorsorgliche Maßnahmen gegen Bolsonaro, unter anderem wegen Fluchtgefahr, Behinderung der laufenden Ermittlungen vor dem Obersten Gerichtshof, Angriff auf die nationale Souveränität und internationale Zusammenarbeit gegen den Obersten Gerichtshof. Zu den Maßnahmen gehören das Tragen einer elektronischen Fußfessel, Hausarrest, das Verbot der Nutzung sozialer Netzwerke und das Verbot der Kommunikation mit Diplomatinnen, Botschafterinnen, Angeklagten und Verdächtigen.

Einige Tage nach der Verhängung der Maßnahmen zeigte Bolsonaro der Presse seine elektronische Fußfessel und erklärte, er sei unschuldig und Opfer einer „extremen Demütigung”. Am 3. August, erschien Bolsonaro in den sozialen Netzwerken seiner drei Söhne bei Demonstrationen der extremen Rechten, die die Judikative attackierten.
Laut Moraes habe Bolsonaro durch soziale Netzwerke Botschaften verbreitet, die „eindeutig zu Angriffen auf den Obersten Gerichtshof auffordern und offen die Einmischung des Auslands in die brasilianische Justiz unterstützen”.

So wurde am 4. August Hausarrest für Jair Bolsonaro angeordnet. Nach dem Urteil könnte Bolsonaro laut Juristinnen für die begangenen Verbrechen zu einer Gesamtstrafe von 43 Jahren verurteilt werden, mindestens aber zu 12. Obwohl sich das Urteil gegen Bolsonaro vor allem auf den Putschversuch bezieht, hat es auch eine symbolische Bedeutung als historische Wiedergutmachung für den Schaden, den er in seinen vier Jahren als Präsident angerichtet hat, unter anderem durch die aktive Vernachlässigung des Schutzes der Bevölkerung während der Pandemie. Bolsonaro verspottete die 700.000 Menschen, die an Covid-19 starben, sprach sich aktiv gegen Impfungen aus und verhinderte den Zugang zu diesen.

Politik mit vielen Opfern

Untersuchungen der parlamentarischen Untersuchungskommission zur Pandemie, die zwischen April und Oktober 2021 stattfanden, ergaben, dass die Regierung Bolsonaro mindestens elfmal Angebote zum Kauf von Impfstoffen ablehnte. Nach Berechnungen des Epidemiologen Pedro Hallal hätten mindestens 95.000 Menschenleben gerettet werden können, wenn die Regierung Bolsonaros die Impfstoffangebote nicht ignoriert hätte. Dimas Covas, Direktor des Butantan-Instituts, erklärte im Mai 2021 in einer Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss zur Pandemie, dass Brasilien das erste Land der Welt gewesen wäre, das mit der Impfung begonnen hätte, „wenn alle Akteure zusammengearbeitet hätten“. Die Bolsonaro-Regierung hat nicht nur Todesfälle verursacht. Sie hat auch Zerstörung und Hass gefördert: Sie hat die Verwüstung des Amazonasgebiets und die Invasion Indigener Gebiete zu verantworten und homophobe, rassistische und frauenfeindliche Äußerungen normalisiert, die weiterhin von seinen Anhängerinnen verbreitet werden.

Bis zum 12. September bleibt die Hoffnung, dass Gerechtigkeit walten wird und dass ein Land des globalen Südens als Beispiel dafür dienen kann, dass die Demokratie trotz ihrer Mängel keine rechtsextremen Putschist*innen toleriert. Und bis dahin wird Bolsonaro gezwungen sein einen Lockdown einzuhalten, den er vor fünf Jahren im Kontext der Pandemie dämonisierte.


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„Wozu solidarische Ökonomie?“

Portrait von André Ricardo de Souza
André Ricardo de Souza (Foto: privat)

Was sind die Prinzipien der solidarischen Ökonomie?
Die solidarische Ökonomie beruht auf gleichberechtigter und demokratischer wirtschaftlicher Praxis, sei es bei der Produktion, dem Konsum, dem Sparen oder dem Kreditwesen. Sie zielt darauf ab, die Gewinne wirtschaftlicher Aktivitäten so gerecht wie möglich zu verteilen und auch die Entscheidungen so demokratisch wie möglich zu treffen. Wir sagen, dass die Selbstverwaltung die Seele der solidarischen Ökonomie ist.

Welche Rolle spielt die solidarische Ökonomie in Krisenzeiten, wie zum Beispiel während der Corona-Pandemie?
In Krisenzeiten, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, gewinnt die solidarische Ökonomie als Arbeitsalternative immer mehr an Bedeutung. Sie ist ein Weg, wie Menschen produzieren und überleben können. Und historisch gesehen war es immer so: In Krisenzeiten nehmen Initiativen dieser Art zu.
Es gab jedoch auch Zeiten, in denen das Land ein Wirtschaftswachstum erlebte und die Zahl der solidarischen Unternehmen ebenfalls zunahm. Das verdeutlicht, dass solidarische Initiativen auch in Zeiten ohne Krise relevant sind.

Welche Rolle spielt die solidarische Ökonomie heute in Brasilien?
Die solidarische Ökonomie in Brasilien ist eine soziale Bewegung, die in allen Bundesstaaten durch kommunale, regionale und bundesstaatliche Foren sowie das Brasilianische Forum der Solidarischen Ökonomie organisiert ist. Ein Bereich, der sich in den letzten Jahren herausgebildet hat, ist das solidarische Genossenschaftswesen. Dieser grenzt sich vom traditionellen Genossenschaftswesen ab, der in Brasilien beispielsweise durch die Agrarwirtschaft und konventionelle Unternehmen repräsentiert wird.
Im Bereich des solidarischen Genossenschaftswesen gibt es beispielsweise die_Nationale Vereinigung der Müll- und Recycling-Sammler*innen Brasiliens (Unicatadores), die Vereinigung der Arbeiter*innen der Familienlandwirtschaft und Solidarischen Ökonomie (Unicafes), die Vereinigung der Genossenschaften und Unternehmen der solidarischen Ökonomie (Unisol), sowie die Vereinigung der Genossenschaften der Agrarreform und der Bevölkerung Brasiliens (Unicrab), die mit der Bewegung der landlosen Landarbeiter*innen (MST) verbunden ist. Zusammen bilden diese Organisationen den Verband der Solidarischen Genossenschaftsorganisationen (Unicopas).

Können Sie konkrete Beispiele für die territoriale Umsetzung der solidarischen Ökonomie nennen?
Klar, die Entwicklungen im Bereich Gemeinschaftsbanken sind gute Beispiele dafür. Es gibt das brasilianische Netzwerk der Gemeinschaftsbanken, das sich über mehrere Standorte erstreckt, vor allem die Gemeinschaftsbank von Maricá, die Banco Mumbuca, im Bundesstaat Rio de Janeiro, und auch die Banco Palmas in Fortaleza, Ceará. Letztere war die erste Gemeinschaftsbank in Brasilien. Von dort aus weitete sich das Netzwerk aus, denn es gab einen starken Impuls für die Verwendung sozialer Währungen und Praktiken zur Unterstützung der Bildung von solidarisch wirtschaftenden Unternehmungen. Auch wurden pädagogische Aktivitäten aus der Perspektive der educação popular (dt.: Bildung an der Basis) nach Paulo Freire durchgeführt.

Und was sind die Ziele der solidarischen Ökonomie?
Paul Singer sah in der solidarischen Ökonomie einen zentralen Weg zum demokratischen Sozialismus. Sie ist nicht nur eine Alternative in Krisenzeiten, sondern Ausdruck eines mensch­licheren Wirtschaftens – mit dem Ziel einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformation.
In Uma Utopia Militante: Repesando o Socialismo (dt.: Eine militante Utopie: Den Sozialismus neu denken) entwickelt Singer seine Theorie der solidarischen Ökonomie. Gemeinsam mit dem Paul-Singer-Institut, der Brasilianischen Vereinigung der Forschenden zur Solidarischen Ökonomie (ABPES) und Mitwirkenden wie Clarita Müller-Plantenberg bereiten wir zurzeit die Veröffentlichung des Buches in Deutschland vor. Es würdigt die Genossenschaftsbewegung und die oft vergessenen utopischen Sozialist*innen. Singer, fundierter Marx-Kenner, geht über dessen Kritik hinaus und fragt, wie eine Überwindung des Kapitalismus konkret aussehen kann. Schlüsselkonzept ist das der sozialistischen Implantate (Zusammenschlüsse von Genossenschaften und solidarischen Ökonomien, Anm. d. Red.). Gemeint sind damit sowohl Entwicklungen in sozialen Organisationen als auch im Überbau – Formen von Organisation und Widerstand, die über den Kapitalismus hinausgehen. Singer bezeichnet damit Projekte der solidarischen Ökonomie als Keimformen eines demokratischen Sozialismus innerhalb des Kapitalismus – aufgebaut von unten nach oben. Der Bürgerhaushalt, der 1989 in Porto Alegre eingeführt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür. Bürger*innen diskutieren hier über die Verteilung öffentlicher Mittel. Auch Sozialversicherungssysteme und Agrarreformen sieht Singer als solche Implantate. Entscheidend ist, dass sie sich vermehren, vernetzen und an Stärke gewinnen. Wenn sie von progressiven Regierungen unterstützt werden, die partizipative Demokratie fördern, entsteht daraus eine reale Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung.
Die solidarische Ökonomie ist daher nicht nur Praxis, sondern auch Widerstand – sie muss sich mit anderen Fronten verbinden, damit die langsame soziale Revolution vom Kapitalismus hin zu einem demokratischen Sozialismus spürbar wird.


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„Die Militärpolizei existiert nicht, um Bürger zu schützen”

Gegen Repression und Rassismus Sandra Bello wünscht sich Widerstnd in den Favelas (Fotos: Laura Pacheco)

Was passierte mit Herus an jenem Morgen auf der Festa Junina?
Mehr als hundert Menschen feierten in der Gemeinde die Festa Junina, als es plötzlich zu einer Invasion durch die Spezialeinheit BOPE kam – eine Situation, die inzwischen zum Normalfall geworden ist. Herus, das Opfer, war mit seiner Familie unterwegs, um in der Nähe einen Snack zu kaufen. Er kehrte nicht zurück. Die BOPE schoss auf ihn und holte nicht einmal Hilfe.
Dies ist eine gängige Praxis der Militärpolizei bei ihrem Vorgehen in den Gemeinden. Es hat sich die Vorstellung verfestigt, dass jeder in der Favela ein Krimineller ist. Selbst wenn dies der Fall wäre – wenn jemand also etwas tut, was in der brasilianischen Verfassung, im brasilianischen Staat, nicht als legal angesehen wird – die Todesstrafe ist abgeschafft. Allerdings nur auf dem Papier. In der Realität wird sie tagtäglich praktisch angewendet.
Wir müssen den Kampf aufnehmen, um dieser Vorstellung und der damit verbundenen tödlichen Repression entgegenzuwirken.
Die öffentliche Sicherheit muss diskutiert werden. Die Linke muss über den „Krieg gegen die Drogen“ diskutieren. Sie muss die Dringlichkeit einer ernsthaften und tiefgreifenden Debatte über die öffentliche Sicherheit aufgreifen.

Und wie zerstören Sie die Vorstellung, dass die Favela nur von Kriminellen bewohnt wird? Was ist Ihre Vision der Favela?
Man braucht viel Mut, eine Haltung und eine sehr kritische Vision, um der Repression entgegentreten zu können. Denn heute ist die Favela gefährlich, es gibt die Miliz, den Drogenhandel und den repressiven Staat. Verschiedene Kräfte arbeiten gegen eine Entwicklung der Favela, aber trotzdem reagieren die Menschen. Heute gibt es eine Bewegung, zum Beispiel auch durch Musikgenres wie Rap und Trap. Die Menschen leisten Widerstand.
Die Favela ist ein täglicher Kampf. Das alltägliche Leben in der Gemeinde besteht aus Aufbau. Wir gehen raus, um zu arbeiten, um zu studieren, und wir fordern dabei konsequent unsere Rechte ein. Wir schließen uns in Nachbarschaftsvereinen zusammen und lernen, mit Unterschieden umzugehen. Es gibt nicht nur Schwarze in der Gemeinschaft, es gibt nicht nur Heteros. Wir leben mit LGBT-Leuten, weißen, Menschen aus dem Nordosten des Landes, Menschen, die mehr Geld haben, und anderen, die weniger haben. Es ist gleichzeitig ein freudiges Leben, in dem wir unsere Freundschaften aufbauen, weil wir Kultur mitbringen. Diejenigen, die Schwarz sind, bringen die afrikanische Kultur mit; Samba, Capoeira. Die Menschen aus dem Nordosten des Landes bringen Forró (Tanz aus dem Nordosten Brasiliens, Anm. d. Red.) mit. Diese Vielfalt macht die Favela aus.

Hatte die Polizei schon immer eine solche Haltung gegenüber den Favelas?
Ja, das war schon immer so. Die Militärpolizei wurde nicht geschaffen, um die Bürger zu schützen, sondern die gesellschaftliche Elite. Das ist so, seit der brasilianische Staat gegründet wurde. So wurde Capoeira anfangs verboten. Und wer machte Capoeira? Ehemals versklavte Schwarze. Samba wurde verboten, weil es als Landstreicherei galt.
Heute sind Samba und Capoeira ist nicht mehr verboten, aber der Krieg ist jetzt ein anderer. Die Polizei und der Staat wollen diesen Mythos vom Krieg gegen die Drogen aufrechterhalten. Die Favelas wurden schon immer überwacht, um revolutionäre und transformative Aktionen zu verhindern.
Doch selbst in dieser angespannten Situation schaffen wir es, uns zu bewegen. Die Favela wird sich nicht selbst verändern. Sie ist Teil der Gesellschaft, des Staates, der Stadt. Wenn wir also keinen Staat haben, der sich wirklich für das Wohlergehen der brasilianischen Bevölkerung einsetzt, werden wir keine Veränderung erleben.

Fotos: Laura Pacheco

Und welche Art von öffentlicher Politik ist Ihrer Meinung nach wichtig, um diesen Wandel herbeizuführen? Was muss getan werden, um ein menschenwürdiges Leben in der Favela zu garantieren?
Wir brauchen Würde, die volle Staatsbürgerschaft und das Recht, den Mund aufzumachen ohne dabei Gefahr zu laufen, verprügelt oder abgeknallt zu werden. Wir brauchen eine öffentliche Gesundheitsversorgung, die für alle da ist. Eine wirklich gute Bildung, die nicht nur eine leere Versprechung bleibt. Wir haben eine Schule, schön und gut, aber welche Ausstattung hat sie? Wie hoch ist das Gehalt der Lehrer? Wie hoch ist das Gehalt der Eltern der Kinder? All das hängt zusammen.
Die Menschen in den Favelas werden diesen Wandel nicht allein schaffen. Das Weißsein – und damit meine ich nicht die weißen Personen, sondern das Weißsein als Machtverhältnis – muss mitsamt seiner Privilegien diskutiert werden und ein kritisches Bewusstsein etabliert werden.
Wenn wir in der Linken das Thema Ethnie, Sexualität oder Geschlecht zur Sprache bringen, wird gesagt, das sei Identitarismus (politische Ideologie, die kollektive Identität über kulturelle Vielfalt stellt, Anm. d. Red.). Sie sehen nicht, dass ich als Frau aus der Arbeiterklasse schwarz und lesbisch bin und mich in meinem Job als schwarze lesbische Arbeitnehmerin wohlfühlen möchte.
Die Linke kann das nicht ganz begreifen, sie ist da sehr traditionell und sehr eurozentrisch. Sie stützt sich immer noch auf Marx, Engels oder Gramsci. Ihnen zufolge kann nichts die Welt bewegen, wenn es nicht aus der Perspektive dieser Denker geschieht. Und dann schaue ich mir die Quilombola (Nachfahr*innen von Gemeinschaften geflohener versklavter Menschen, Anm. d. Red.) und die Kosmovisionen der Indigenen Völker an. Hier finden sich soziale Artikulationen, Lebensweisen. Warum können wir also nicht etwas anderes neu erfinden? Das soll nicht heißen, dass die linken europäischen Denker nicht wichtig waren, das ist es nicht. Aber sie funktionieren nicht mehr.

Was erhoffen Sie sich für die Favela? Welche Zukunft würden Sie sich wünschen?
Ich wünsche mir für die Favela, dass sie sich organisiert. Dass sie ihren Geist, der auf der Achtung der Vielfalt beruht, immer beibehält und weiterkämpft. Wir werden Erfolg haben, wenn wir kämpfen. Aber nicht allein. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft als Ganzes Verantwortung übernimmt und gemeinsam und organisiert einen Ort schaffen kann, an dem man sich wohlfühlen kann.
Ich bin eine Optimistin. Ich hoffe, dass wir die Dinge umkehren können. Aber heute leben wir in der Favela unter militarisierten Verhältnissen. Auch haben wir – ich nenne es mal Linke –, die gegen all diese Formen der Unterdrückung sind, keine Utopie mehr. Doch auch die Kritik muss mit einem Traum einhergehen. Wir müssen für uns selbst eine Utopie schaffen.
Ich glaube nicht mehr an die Demokratie. Sie ist eine Lüge. Die Demokratie, wie sie in der heutigen Welt besteht, begünstigt einige wenige Menschen, einige wenige Gruppen. Ich mache meinen Mund nicht auf, um zu sagen, dass ich Demokratie will. Ich will nicht sterben, ich will ein Leben haben. Ich weiß nicht, wie es genannt werden wird, aber ein Leben in Würde, wo die Menschen gesund sind, wo der Staat handelt, wo es eine soziale Perspektive gibt.
Ich weiß nicht, wie wir unsere Utopie nennen werden, welchen „Ismus“ wir ihr geben werden, aber heute hat das blutgetränkte Tuch der Demokratie seine Kraft verloren. Wir müssen es sehr deutlich, sehr gründlich und sehr ernsthaft überprüfen. Und wir müssen den Mantel des Eurozentrismus aus unserem Leben entfernen. Wir müssen uns davon befreien, um eine andere Weltsicht, eine andere Perspektive zu schaffen.


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BRag Kultur: Um país de todes

Das Drag-Kollektiv BRag Kultur bringt seit 2023 brasilianische Vielfalt auf Berliner Bühnen. Die Gruppe besteht aus brasilianischen Dragkünstler*innen – Kings, Quings, Queens und Kreaturen: Ken Marroska aka Lilith the Quing, Miss Agnes Mitchell, Alice the Queen, Rosa Sontag aka Amy D. und BB von Tastik aka Mister Bitchcock. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Einbettung brasilianischer Einflüsse in die Dragkultur. Ihre Shows kombinieren verschiedene performative Elemente: Live-Gesang, MCing, Lipsync, Moderation, Tanz und Theater. Dabei legen sie besonderen Wert auf die Interaktion mit dem Publikum. BRag Kultur versteht Drag als vielschichtige Kunstform mit politischer Dimension. Ihre Performances verbinden Ästhetik mit Aktivismus und Bildung, wobei sie Geschlechterrollen hinterfragen und frische Perspektiven aus Brasilien in die Berliner Szene einbringen.


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Teens unter Anklage

© Leonardo Feliciano

Davi ist am Boden zerstört. Vor Kurzem noch saß er mit seinen Freund*innen auf dem Platz in seinem Viertel und rauchte einen Joint. Jetzt muss er sich in einer Gerichtsverhandlung gegen den Vorwurf des Drogenhandels verantworten. Mit dabei: Seine Mutter, ein schmieriger Staatsanwalt und ein Polizist, der ihn nicht nur festgenommen, sondern ihm bei der Festnahme auch noch eine größere Menge weiterer Drogen untergejubelt hat. Wird es seine Anwältin schaffen, ihm zumindest eine mildere Strafe herauszuhandeln?

Dies Szene stammt aus der brasilianischen Serie De menor (Minderjährig), von der zwei Folgen im Rahmen der Reihe Generation auf der Berlinale 2025 gezeigt wurden. Regisseurin Caru Alves de Souza hat mit Meu nome é Bagdá schon einmal mit einem Jugendfilm bei Generation den Großen Preis der Jury auf der Berlinale gewonnen. De menor beschäftigt sich mit jugendlichen Straftäter*innen, die aus Leichtsinn oder Unwissen mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind und sich nun vor Gericht verantworten müssen. Dabei sind die Episoden ein Stilmix aus Theater und Film. Jugendliche Schauspieler*innen spielen ihre Rollen auf einer Theaterbühne ohne Zuschauer*innen. Alves de Souza begleitet sie aber nicht nur während ihrer Szenen mit der Kamera, sondern zeigt zwischendurch, wie sie sich auf ihre Auftritte vorbereiten. Auch Rollenwechsel während der Stücke kommen vor. Dazu unterscheiden sich die Episoden stilistisch. Die oben beschriebene Folge mit Davi schlägt einen ernsten Tonfall an, mittels erklärender Einschübe einer Gerichtsdienerin wird das Publikum direkt angesprochen. In der nächsten Folge wird dann ein Raubdelikt verhandelt, allerdings im weit weniger seriösen Setting einer Fernseh-Gerichtsshow. Das artet zeitweise in Klamauk aus, was angesichts des durchaus schwerwiegenden und realistischen Hintergrundes (Anleitung zu Straftaten unter emotionaler Abhängigkeit) trotz des Unterhaltungswertes etwas unangemessen wirkt.

De Menor ist eine gut auf die Zielgruppe zugeschnittene Serie. Es macht Spaß, den jugendlichen Schauspieler*innen, die mit viel Einsatz und großer Spielfreude bei der Sache sind, zuzusehen. Insgesamt wäre trotzdemnoch etwas Luft nach oben gewesen. Die fiktiven Fälle sind eindeutig nicht für Erwachsene, sondern für Jugendliche konzipiert, die das Justizsystem kennenlernen und auf seine Abläufe vorbereitet werden sollen. Da wäre es hilfreich gewesen, Ungerechtigkeiten nicht nur sichtbar zu machen und anzuprangern, sondern klare Handlungsoptionen aufzuzeigen. Wie sollte man einem Polizisten, der vor Gericht offensichtlich lügt, begegnen? Welche Nachteile können entstehen, wenn man vor einer drohenden Festnahme davonläuft? Und kann sich Marceline, die jugendliche Straftäterin aus der zweiten Episode, eventuell mit einem Widerspruch gegen ihr hartes Urteil wehren? Manche Figuren (vor allem die Bösewichte) wirken außerdem etwas arg klischeehaft, um der Relevanz des Themas, die durch Fakten und Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik in den Szenen gut unterstrichen wird, gerecht zu werden. Auf der Berlinale waren allerdings nur zwei Folgen der Serie zu sehen. So bleibt zu hoffen, dass De menor seine guten Ansätze in weiteren Episoden noch etwas präziser verfolgen kann.


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Das Leben ist nicht immer schön

Rihanna und Benin, zwei Kinder sitzen auf einem Wagen, sie haben den Mund offen, als ob sie singen oder schreien würden. Das kleine Mädchen hält einen Ball in der Hand. Der kleine Junge hat eine Mütze auf. Vor dem Wagen befindet sich eine Lautsprecherbox.
© Aline Arruda

Von oben gesehen sieht oft alles viel schöner aus. So auch der Müllwagen von Gal, den sie zu Fuß über das Labyrinth der Stadtautobahnen von São Paulo zieht. Doch als die Kamera in Anna Muylaerts Film A melhor mãe do mundo (Die beste Mutter der Welt) von der furiosen Drohnenaufnahme auf das Straßenlevel wechselt, wird klar: Müllsammler*in zu sein, ist eine schweißtreibende, staubige Knochenarbeit. Die zweifache Mutter Gal (stark: Shirley Cruz) steuert ihr Gefährt dennoch mit scheinbar unerschütterlicher Energie und Fröhlichkeit durch die Peripherie. Ohne Jammern und Klagen werden vor allem recycelbare Plastikflaschen auf den Wagen geladen und später sortiert und gewogen. Die Bezahlung reicht zum Leben, aber nicht für eine Mietwohnung für drei. Und hier beginnt Gals Problem: Denn wer dafür zahlt, ist ihr Partner Leandro (Seu Jorge), ein gewalttätiger Alkoholiker, der sie regelmäßig schlägt. Als auch die Sozialberatung, bei der Gal ihn anzeigt, keine schnelle Hilfe bietet, packt sie kurzerhand ihre beiden Kinder auf den Wagen. Los geht es auf eine mehrtägige Fahrt zum Haus ihrer Cousine, die am anderen Ende der Megalopolis lebt.

Regisseurin Anna Muylaert hat ein großes Herz für die Außenseiter*innen der Gesellschaft.  Que horas ela volta (Der Sommer mit Mamá) gewann 2015 mit einer Geschichte über eine Hausangestellte den Panorama Publikumspreis auf der Berlinale. Nun ist sie mit A melhor mãe do mundo zurück auf dem Festival. Im Zentrum ihres Films steht wieder eine Frau in einem Job, der trotz seiner Relevanz für die Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigt wird. Muylaert zeigt vor allem zu Beginn Gals Alltag, die verschiedenen Schritte des Müllsammelns, Sortierens und Recyclings, was zu Verständnis und Respekt für ihre Tätigkeit beiträgt. Daneben kommt in kleinen Szenen und Dialogen immer wieder Solidarität in der Working Class zum Vorschein: Unter anderem leihen die Müllarbeiter*innen sich gegenseitig Kleidung oder es wird ein Essen für die Kinder spendiert. So entsteht ein warmherziges Porträt der Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes täglich die Drecksarbeit für die Zwölfmillionenstadt  São Paulo erledigen.

Für Gals Flucht vor den Schlägen ihres Ehemanns hat sich Muylaert dann am Drehbuch von Roberto Benignis Oscar-prämiertem Film „Das Leben ist schön“ von 1997 orientiert. Denn die beste Mutter der Welt verkauft ihren Kindern die Obdachlosigkeit während ihrer Fahrt durch São Paulo als großes Abenteuer: Schlafen im Park labelt sie als Camping, in der Fußgängerzone wird getanzt und ein Brunnen kurzerhand zum Schwimmbecken. Während der junge Benin mit herzerwärmender Begeisterung bei allen Aktivitäten voll dabei ist, beginnt die ältere Tochter Rihanna irgendwann, Fragen zu stellen. Denn auf dem Weg lauern Gefahren und selbst manche vertrauten Personen sind plötzlich nicht so liebenswürdig, wie sie vorher schienen.

Der Plot von A melhor mãe do mundo verliert durch die Benigni-Vorlage natürlich ein wenig an Originalität und auch das Ende ist schon weit vor der Hälfte der Laufzeit absehbar. Dafür ist der Film aber nicht nur unterhaltsam, sondern erfüllt auch als Empowerment für Frauen aus der Arbeiter*innenklasse, die gegenüber häuslicher und struktureller Gewalt besonders vulnerabel sind,  eine wichtige Funktion. Schicksale wie das von Gal sind in Brasilien und anderswo leider immer noch viel zu normal und haben es deshalb verdient, auf der großen Bühne Aufmerksamkeit zu erhalten.


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Das Sichtbare und Unsichtbare des Todes

Fotoquelle: A natureza das coisas invisíveis

Glória (Laura Brandão) ist es leid. Die meisten ihrer Ferien muss sie im Krankenhaus verbringen, während Antônia (Larissa Mauro), ihre Mutter, lange Schichten als Krankenschwester hat. Sie kennt das Krankenhaus bereits in- und auswendig und ist an die Gesellschaft älterer Menschen gewöhnt, die sich im Zustand der Vorbereitung auf den Tod befinden – ältere Menschen, die ihre Freunde werden, Pseudogroßeltern, die ihr Geschichten erzählen.

In Rafaela Carmelos Film A Natureza das Coisas Invisíveis (Das Wesen der unsichtbaren Dinge) hat die zehnjährige Glória deshalb in ihrer Freizeit wenig Kontakt zu anderen Kindern. Bis sie Sofia  kennenlernt, die mit ihrer Urgroßmutter Francisca im Krankenhaus gelandet ist. Aufgrund von Alzheimer hatte ihre Bisa (kurz für Bisavô, Urgroßmutter) medizinische Komplikationen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Glória hilft Sofia, ihre blutverschmierten Kleider zu wechseln und die beiden Mädchen beginnen, ihre Umgebung zu erkunden und über den Tod, die Toten, den Glauben – oder Aberglauben – und das Leben nach dem Tod zu sprechen.

Nach ein paar Tagen, in denen Francisca relativ stabil ist, gelingt es Sofia, ihre Mutter Simone zu überreden, die Bisa zurück zu ihrem sítio (kleiner Bauernhof) zu bringen, dem Ort, an dem sie wirklich glücklich war. Glória und ihre Mutter kommen mit. In einem Dorf, das stellvertretend für jede Kleinstadt auf dem brasilianischen Land stehen könnte, stärken die Mädchen ihre Freundschaft und auch die Beziehung zu ihren Müttern. Und auf einfühlsame Weise tauschen sie sich über ihre unterschiedlichen Bedeutungen des Todes aus. Nicht nur den buchstäblichen Tod, sondern auch einen symbolischen: einen Neuanfang.

A natureza das coisas invisíveis zeigt alltägliche Porträts Brasiliens, die sich aber auch auf andere soziokulturelle und geografische Kontexte übertragen lassen, so wie Glórias Schule zu Beginn, das Krankenhaus und das Leben auf dem sítio. Davon ausgehend gelingt es dem Film, einen Dialog mit einem universellen Publikum zu führen. Nicht nur, weil er vom Tod handelt, sondern auch, weil er die Entwicklung der Familienbeziehungen und der Freundschaft zwischen zwei Mädchen aufzeichnet.

Selbst in spezifischeren und weniger universellen Szenen, wie denjenigen, in denen Gebete und traditionelle religiöse Zeremonien dargestellt werden, könnte es der Film sschaffen, ein eher distanziertes und sogar atheistisches Publikum emotional für sich zu gewinnen.

Das vielleicht Berührendste an Rafaela Carmonas Werk ist gerade die Einfachheit der beiden Kinder, wenn es um ein so komplexes Thema wie den Tod geht. Und trotz der metaphysischen Ansätze, die der Film vorschlägt – wie die Kommunikation mit denjenigen, die nicht mehr von dieser Welt sind  – ist das, was ihn dem Publikum wirklich näher bringt, das alltägliche Leben: die Routine einer Krankenschwester und Mutter, ein Kind im Urlaub, das Leben auf dem sítio.

Einige stilistische Elemente können als Rahmen für den tangentialen Charakter des Todes gedeutet werden. So wie Übergänge, die sich auf Baumblätter mit dem Himmel im Hintergrund konzentrieren, oder der unscharfe Blick aus einem Fenster, bei dem nicht das Bild in der Szene, sondern die Gespräche im Hintergrund wirklich wichtig sind. Szenen, die eine Loslösung von der irdischen Realität suggerieren.

Der 90-minütige Film erforscht das Tabu des Todes durch das Gesagte und das Ungesagte, das Sichtbare und das Unsichtbare sowie das Spirituelle. Der Tod wird sowohl durch eine alte mystisch-religiöse Weisheit als auch durch die Augen eines zehnjährigen Kindes betrachtet. Ein reiner Blick, aber nicht völlig naiv. Diese beiden Perspektiven laden uns ein, den Tod neu zu definieren. „Er ist nicht das Schlimme, von dem sie sprechen“, sagt die Urgroßmutter einmal. „Er ist nicht das Beste. Aber er ist ein Teil des Lebens.“ Es liegt in unserer Natur, einfach zu sterben. Und zu wissen, wie man mit dem Tod lebt.

A natureza das coisas invisíveis ist bewegend, da er ein schweres Thema aus der Sicht von Kindern behandelt, und es durch seine mitfühlende Betrachtung schafft, denjenigen, die sich darauf einlassen, Tränen in die Augen zu treiben. Der Film läuft auf der Berlinale in der Kinderfilmsektion Generation Kplus und dürfte dort gute Chancen auf eine Auszeichnung haben.


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