WIE GEHT ES WEITER NACH DER PANDEMIE?

              Luftbild von Tribugá Eine Strategie jenseits des Extraktivismus wird dringend gesucht (Foto: Andrés Bateman)

Wenn ein Satz die Haltung der kolumbianischen Machtzentren gegenüber dem Departement Chocó charakterisiert, dann der, den der Abgeordnete des Departamentos Antioquia, Rodrigo Mesa, während einer Sitzung 2012 sagte: „Das Geld, das man in den Chocó steckt, ist wie Parfüm, das man auf einen Scheißhaufen sprüht.“ Laut dieser Aussage ist der Chocó also ein Stück Scheiße, dessen Gestank durch nichts in der Welt überdeckt werden kann. Und damit fasst dieser Satz, der so offen rassistisch, diskriminierend und voll Verachtung gegenüber den Menschen der Region ist, die gesamte Geschichte der Unterwerfung und Unterdrückung zusammen, unter der der Chocó seit der Kolonialisierung leidet.

Das Gebiet wurde ursprünglich von Indigenen bewohnt, doch nach der Ankunft von in Westafrika versklavten Menschen entstand eine Bevölkerungsmehrheit von Afrokolumbianer*innen und Schwarzen. Die Region des heutigen Chocó wurde zu einem Ort des Rückzugs und Widerstands. In den so entstandenen Gemeinden, die cimarronas oder palenqueras genannt werden, lebten entflohene Sklav*innen, die durch den Austausch mit Indigenen ein spezielles und innovatives Wissen über das Territorium entwickelten. Trotz der Handelsbeziehungen zu den kommerziellen Zentren des Landes, blieben diese Siedlungen während des 19. und 20. Jahrhunderts in Teilen unabhängig von der Zentralregierung. Dank dieser Unabhängigkeit setzten einige Gemeinden viele der Praktiken fort, die sie seit der Kolonialzeit entwickelt hatten.

Nach einem langen Prozess sozialer Mobilisierung konnten im Rahmen der Verfassung von 1991 die Schwarzen Gemeinden des Chocó das Gesetz „Ley 70 de 1993“ durchsetzen, welches ihre soziale, kulturelle und wirtschaftliche Identität sichern sollte. Das Gesetz, das auch unter dem Namen „Gesetz der Schwarzen Gemeinden“ (Ley de las Comunidades Negras) bekannt ist, zielt darauf ab, „das Recht kollektiven Eigentums der Schwarzen Gemeinden anzuerkennen“. Es sind die Gemeinden, die sich, mit ihren traditionellen Produktionspraktiken, „auf dem verlassenem Land in den an die Flüsse des Pazifikbeckens angrenzenden, ländlichen Gebieten niedergelassen haben“.

Die Region des heutigen Chocó wurde zu einem Ort des Rückzugs und Widerstands

Trotz der Errungenschaften des besagten „Ley 70“ sieht die Realität anders aus. Der Anbau illegaler Pflanzen (in diesem Zusammenhang meist Kokapflanzen, Anm. d. Red.), Kokainhandel, infrastrukturelle Megaprojekte, Agrarindustrie und der großangelegte Bergbau gefährden die Koexistenz auf und mit dem Land, die von den Schwarzen Gemeinden seit Jahrhunderten dort gepflegt wird. Darüber hinaus bedrohen diese Aktivitäten auch die Ernährungssouveränität, die nicht-kapitalistische Nutzung des Territoriums und die Diversifizierung der Produktionsformen.

Seit der Kolonialisierung wurde so durch unterschiedlichste Interventionen Druck auf die lokale Bevölkerung ausgeübt, wurden autonome Führungen zum Schweigen gebracht, die Bevölkerung vertrieben und getötet, Flüsse ausgetrocknet und Berge entwaldet. Diese Eingriffe sowie die im eingangs erwähnten Satz angedeuteten Investitionen haben im Zusammenspiel mit Fortschritts- und Entwicklungsforderungen aus einer der artenreichsten Regionen der Welt eine der ärmsten und gewalttätigsten des Landes gemacht.

Auf dieses Szenario trifft nun noch die Corona-Pandemie und verschärft die Probleme der Ausgrenzung und Marginalisierung, mit denen die Bevölkerung des Chocó seit Jahrhunderten zu kämpfen hat. Mit fast 3.800 Infektionen und mehr als 135 Toten wird die Pandemie zu einer Lupe, durch die die Dimension der sozialen Probleme und des Schadens, der durch die in der Region angewandten Maßnahmen zur „wirtschaftlichen Entwicklung“ angerichtet wurde, sichtbar werden. Überfüllte Krankenhäuser, mangelndes medizinisches Gerät und Ausrüstung, Anstieg von Armut und Hunger, der Bankrott lokaler Unternehmen, ein Ansteigen der Morde an sozialen Führungspersonen sowie der Druck auf indigene und Schwarze Gemeinden, mehr Zusammenstöße zwischen bewaffneten Gruppen, mehr Vertreibungen und mehr irreparable Umweltschäden sind die Folge. Die Pandemie hat all das in noch intensiverem Ausmaß hervorgerufen.

Gefahren der Ausbeutung natürlicher Ressourcen müssen erkannt werden

Die Verschärfung der Probleme im Chocó aufgrund der globalen Pandemie stellt in Frage, was so oft über Viren gesagt wird, nämlich dass sie uns alle gleichermaßen betreffen und niemanden diskriminieren. Vielleicht diskriminiert das Virus tatsächlich nicht den Wirt, aber es bringt je nach Region und Bevölkerung unterschiedliche Konsequenzen mit sich. Im Falle des Chocó gibt es über die humanitäre Tragödie hinaus zwei Auswirkungen, die soziale Bewegungen und Gemeinderäte alarmieren sollten. Die erste, die bereits im Gange ist, ist die Verschlechterung der sowieso schon schwierigen Lebensbedingungen der Bevölkerung in der Region, die Zunahme der Gewalt und die steigende soziale Segregation nach Hautfarbe, Geschlecht, Gender und Einkommen. Die zweite und eher langfristige Konsequenz ist die Ausweitung der Wirtschaftsmaßnahmen im Sinne des desarrollismo in der Region unter dem Vorwand, die Ökonomie nach den Auswirkungen der Pandemie wieder anzukurbeln. (Damit ist eine Wirtschaftstheorie gemeint, die besagt, dass sich weniger entwickelte Volkswirtschaften am besten durch die Förderung der Industrialisierung, eines starken und vielfältigen Binnenmarkts und die Erhebung hoher Zölle auf importierte Waren entwickeln könnten, Anm.d. Red.).

Die Tageszeitung El Espectador titelte in ihrer Online-Ausgabe vom 18. August 2020 „Bergbau: eine mögliche Rettungsleine für die Wirtschaft nach der Pandemie?“ Wie die Schlagzeile schon vermuten lässt, bedienen sich die im Artikel herangezogenen Entwicklungsexpert*innen der gesamten Palette technokratischer Argumente um einen Extraktivismus zu preisen, der nur den Reichtum einiger weniger fördert, dabei aber ganze Gebiete zerstört, in denen vor allem Schwarze und indigene Gemeinden leben. Ohne eine mögliche Kontrolle durch die Bürger*innenschaft und unter dem Vorwand der Wirtschaftsförderung werden Anreize und Steuererleichterungen für die Agrar- und Fischereiindustrie gewährt, Diskussionen über Megaprojekte der Infrastruktur neu angestoßen und der Massentourismus gefördert. Begünstigt durch die Ausgangssperren und mit der Begründung eines durch die Coronavirus-Pandemie ausgelösten Wirtschaftsnotstandes, werden so die sozioökonomischen Strukturen, die das Schicksal des Chocó bis heute bestimmt haben, fortgesetzt und weiter vertieft.
Doch nicht alles ist schlecht. Die Pandemie hat auch dazu geführt, die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken, nämlich die Notwendigkeit staatlicher Interventionen, die primär den Menschen und nicht das Kapital im Blick haben und die darüber hinaus Strategien zum Aufbau der Region jenseits des desarrollismo entwerfen. Letztlich geht es darum das umzusetzen, wofür die Gemeinschaften seit ihrer gewaltsamen Verschleppung in das Gebiet gekämpft haben: Ein friedliches und heterogenes Nebeneinander vielfältiger Lebensweisen, das die Diversität und das ökologische Gleichgewicht erhält und den gleichberechtigten Dialog zwischen dem medizinischen Wissen und den unterschiedlichen Erziehungs- und Wirtschaftsformen aller Akteur*innen im Gebiet fördert. Wie die afrokolumbianische Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Francia Márquez im Juni im Internetportal Diaspora schrieb, sei die einzige Lösung ein Zusammenleben am Pazifik, „ausgehend von den ökologischen, kulturellen, spirituellen und sozialen Potentialen zur Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft im Dienste und zur Pflege des menschlichen Lebens, des Territoriums und seiner biologischen Vielfalt“.
In der Interaktion all derer, die auf dem Gebiet zusammen leben, einschließlich staatlicher Institutionen und Nichtregierungsorganisationen, darf die Rolle der Gemeinden aber nicht auf die einer bloßen Empfängerin überkommener Entwicklungsrezepte reduziert werden. Genauso wenig braucht es Dialoge, in denen lokale Praktiken als Ausdruck von Folklore abgetan werden, die nur dem Konsum dienen, wie es der neoliberale Multikulturalismus diktiert. Was wir brauchen ist eine radikal interkulturelle Interaktion, bei der sich das unterschiedliche Wissen der Indigenen, Schwarzen und Bauern und Bäuerinnen und das, welches sich in den Großstädten entwickelt, gegenseitig befragen und nähren kann. Interaktionen die das Eigene und das Andere hinterfragen. Die all jenes in Frage stellen, was das Wohlergehen des Territoriums und die Autonomie der Bevölkerung bedroht.
Diese Vorstellung der radikalen Interaktion, wenn auch erst noch ein fernes Wunschbild, steht in der Tradition der zapatistischen Idee eine Welt aufzubauen, in die alle Welten hinein passen. Mit diesem Ziel vor Augen wurden sowohl im Chocó als auch in verschiedenen Teilen Kolumbiens schon Fortschritte erzielt, die die Bedeutung und das Potenzial dieses politischen Ansinnens widerspiegeln. Neben Hunderten von Initiativen, die im Alltagsleben der Gemeinschaften verankert sind, gibt es eine Reihe von Bemühungen, die schon durch ihre Konzeption die Fixierung der staatlichen Institutionen auf den wirtschaftlichen Fortschritt in Frage stellen. Diese Bemühungen zielen darauf ab, Dialoge zwischen den verschiedenen Akteur*innen der Region zu forcieren und schaffen es so, auch unter Einbeziehung der staatlichen Institutionen, einige der historischen Forderungen der Gemeinden umzusetzen.

Eine Welt aufbauen, in die alle Welten hinein passen


Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Erklärung des Flusses Atrato zum eigenständigen Rechtssubjekt zielt nicht nur auf dessen Schutz ab, sondern erkennt auch die besondere Beziehung der dort ansässigen Gemeinden zum Wasserlauf an. Die Ausrufung eines speziell geschützten Gebietes im Golf von Tribugá (Distrito Regional de Manejo Integrado en el Golfo de Tribugá, DRMI) entstand ebenfalls aus der Gemeinde heraus und zielt darauf ab, die Fischereiindustrie zu kontrollieren und bestimmte Praktiken umweltverträglicher zu machen. Eine Sonderzone für nachhaltige Fischerei (Zona Exclusiva de la Pesca Artesanal, ZEPA) zwischen den Gemeinden Bahía Solano und Juradó versucht, Fischereiaktivitäten zu entwickeln, die zur Erhaltung der Arten und des marinen Ökosystems beitragen.
All diese Strategien sind Errungenschaften der Gemeinden. Sie führen zu einer Umgestaltung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Institutionen und Praktiken und schaffen so die Voraussetzungen für eine Koexistenz der verschiedenen Lebensweisen in der Region. Diese Veränderungen stehen aber auch der Ausweitung kapitalistischer Entwicklungsmuster im Weg. Die in einer solchen Logik geschulten Institutionen zu verändern ist ein anstrengender Kampf und die Bevölkerung führt ihn gegen legale und illegale Kräfte, die die Region seit Jahrhunderten plündern. Auf lange Sicht arbeiten die indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden des Chocó durch ihre sozioökonomischen und institutionellen Vorstöße nicht nur an der Förderung ihrer eigenen Autonomie und ihres Wohlergehens, sondern tragen auch dazu bei, rassistische und diskriminierende Strukturen zu eliminieren.
Die Gefahren zu erkennen, die eine Ausweitung des Extraktivismus als Retter der Wirtschaft nach der COVID-19-Pandemie birgt, heißt auch die Fortschritte der Bevölkerung zu unterstützen, die sie im Kampf um ihr Gebiet bereits erzielt haben. Nur indem man den Institutionen Einhalt gebietet und ihre Ausrichtung durch sozialen Druck verändert, kann der Weg frei gemacht werden für einen neuen gesunden Menschenverstand, der das Leben, das Territorium und die Gemeinschaften wertschätzt. Die Abhängigkeit von Kapital und der Fortschrittsglaube um jeden Preis müssen neu durchdacht werden: Nur so kann die koloniale Beziehung, die die Machtzentren des Landes gegenüber dem Chocó haben, überwunden werden. Nur so kann eine Region entstehen, in die viele Welten passen. Nur so wird der Satz des Abgeordneten aus Antioquia undenkbar sein.

SCHWEIGEN IM CHOCÓ

Paramilitär? Armeesoldat? Wer unter der Uniform steckt, ist oft unklar (Foto: Jonas Ruhs)

 

Auf der Fahrt in den Chocó, dorthin, wo Krieg herrscht, während die Medien vom Frieden reden. Hier, wo einst die FARC waren, locken illegale Minen und die strategische Lage für den Drogenschmuggel bewaffnete Gruppen an. Holz und Gold rufen internationale Unternehmen auf den Plan. Staatliche Institutionen sind kein Garant für die Sicherheit der Bevölkerung. Vor Ort haben die Bewaffneten ihre Augen und Ohren überall. Für meine Reise gibt es eine Bedingung: Keine Fragen zum Konflikt stellen. Nichts, was nur annähernd auf ein Interesse an den Machtkonstellationen vor Ort schließen lässt.

Es ist Nacht, der Bus fährt Richtung Quibdó, Hauptstadt des Chocó, als die Straßen schlechter werden. Kein Asphalt mehr, stattdessen schlammige Erde, dazu ein Slalom durch große Steinbrocken, die von den Hängen abgebrochen sind. Dann taucht auf der linken Straßenseite ein Baustellenschild auf, auf dem groß „ELN“ geschrieben steht. Eintritt in den Machtbereich der Guerilla.

Die Einschüchterung des freien Denkens, des Hinterfragens, des Politischen.

Wer die einst sozialistische ELN heute ist und was sie will, ist von außen schwer zu sagen, inwieweit aus „der Finanzierung für den bewaffneten Kampf“ zunehmend der „bewaffnete Kampf für die eigene Finanzierung“ wurde. Die ELN lebt von Entführungen, Erpressung, aber wohl auch von Drogenhandel. Wo die ELN ist, hat sie das Sagen. Klaut jemand oder geht seiner Frau fremd, klopft am nächsten Tag schonmal ein „Eleno“ an die Tür und spricht die letzte Warnung aus. Wer sich in irgendeiner Art und Weise verdächtig macht, sich gegen die Guerilla zu stellen, der oder die schwebt in Lebensgefahr. Die soziale Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens durch die Angst vor der Waffe ist das Ziel jeglicher bewaffneter Gruppen in Kolumbien. Dadurch wird das Machtmonopol auf kleiner Ebene gesichert.

Der Bus quält sich weiter durch die Nacht. Im Morgengrauen wird sichtbar, wie viele Indigene sich in der Nähe der Landstraße angesiedelt­*­haben.­­ Es sind Embera, die eigentlich weiter im Landesinneren leben und vertrieben wurden. Erst im Oktober 2017 hatte die ELN einen indigenen Anführer umgebracht.

Der Chocó ist eine multiethnische Region, die hauptsächlich von Afrokolumbianer*innen und Indigenen geprägt ist, wobei die Afrokolumbianer*innen in der großen Mehrzahl sind. Überhaupt ließe sich auch abseits des Kriegs viel über den Chocó erzählen. Zum Beispiel dass Indigene und Afrokolumbianer*innen stets friedlich koexistiert haben – und doch weitestgehend separat. Dass die Region eine einzigartige Natur hat: Der Chocó ist von dichtem Regenwald geprägt und es gibt kaum Straßen.

“Wenn du unseren Schutz nicht haben willst, ist das deine Entscheidung.”

Drei große Flüsse, der Rio Baudó, der Rio Atrato und der Rio San Juan, sind die Hauptverkehrsadern, an deren Rändern die Dörfer liegen. Das Departamento, das die Region mit der höchsten Niederschlagsrate weltweit ist, hat gerade einmal 440.000 Einwohner. Die Erde ist reich an Bodenschätzen, unter anderem Gold, begehrt ist auch das Holz des Regenwaldes. Seit den 80er-Jahren ist der Chocó in den Fokus der bewaffneten Gruppen gelangt. Unvergessen bleibt das Massaker von Bojayá, als sich 2002 die FARC eine Schlacht mit den Paramilitärs der AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) lieferten und sich die Dorfbewohner*innen in die Kirche flüchteten, darunter viele Schwangere und Kinder. Dann verirrte sich eine Zylinderbombe der FARC und schlug durch das Dach im Altar der Kirche ein und zerriss die Körper von mehr als 100 Menschen. Ihnen ist ein eigener Bereich in einer Kapelle in Quibdó gewidmet. Eine Opferchronik führt Foto, Datum, Ort und Mörder der Opfer des Kriegs seit den 80ern bis 2013 auf.

 

Wohin führt der Weg im Chocó? Holzhäuser auf Stelzen in einem von Paramilitärs kontrollierten Dorf (Foto: Jonas Ruhs)

 

Viele Menschen ließen ihr Leben bei Massakern von Paramilitärs, Guerilla und Armee, dazu kommen die vielen Einzelermordungen. Vor allem diese hinterlassen ihre Spuren in den Köpfen der Menschen. Es geht darum, nicht der oder die nächste zu sein – und so mit der Familie so weit wie möglich in Frieden zu leben – mitten im Krieg. Das Mittel: Keine Fragen stellen, wegschauen, weiter eben. Denn der Kampf der bewaffneten Gruppen ist auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Einschüchterung des freien Denkens, des Hinterfragens, des Politischen.

Auch Johns* Mutter, in deren Haus ich unterkomme, sagt: „Rede hier mit niemandem.“ Das Credo einer Frau, die den Krieg in der eigenen Familie erlebt hat. Später erzählt John von einem Cousin, der von der ELN angeworben wurde und sich mit der Waffe in der Hand veränderte. So weit, dass er eine Todesliste erstellte, auf der auch Johns Vater stand, den der Cousin an einem abgelegenen Ort außerhalb des Dorfes umbringen wollte, weil dieser ihm ein Boot nicht geliehen hatte. Noch bevor der Cousin seine Pläne in die Tat umsetzen konnte, bemerkten andere Guerilleros die Pläne des außer Kontrolle geratenen Compañeros und erschossen ihn. Nicht selten geht der Riss des Konflikts durch einzelne Familien.

John fällt es schwer, darüber zu reden, und trotzdem sagt er, solle ich ihm jetzt alle Fragen stellen, bevor ich lieber schweige, denn wir bewegen uns in diesen Tagen im Gebiet der Paramilitärs. Wenn jemand mitbekommt, dass John in Begleitung eines Deutschen ist, der kritische Fragen stellt, könnte das heftige Konsequenzen für John haben. Und du weißt nie, wer mit wem redet.

John sagt, dass einst die FARC die unangefochtene Macht waren. Dann übernahmen die AUC, die Paramilitärs, die in der Folge zwar offiziell entwaffnet wurden, doch unter neuen Namen weiterhin Präsenz zeigten. Verschiedene Splittergruppen der AUC kämpften um die Vorherrschaft im Chocó, letztlich vereinigten sich die letzten rivalisierenden Gruppen zu den Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), die sich im Namen verwirrenderweise auf den linksliberalen Politiker Jorge Elicier Gaitan beziehen und seitdem die Vorherrschaft haben.

John erzählt, dass in all den Jahren der schlimmste Kommandant „alias Pinillo“ gewesen sei. Dieser habe ohne Vorwarnung getötet. Gefiel ihm ein Mädchen, musste dieses sich fügen oder wurde erschossen. Wusste man, dass Pinillo nur in der Nähe war, sei den Menschen der Schauer den Rücken hinuntergelaufen. Vor acht Jahren wurde Pinillo dann von eigenen Leuten umgebracht. Diese schnitten ihm Körperteil für Körperteil ab und streuten Salz und Zitronen in die Wunden. Ich frage John, ob er mir den Namen von Pinillo aufschreiben kann. Er zögert, nimmt den Stift erst nicht an, dann schreibt er. In seinen Augen die Angst vor einem Mann, der schon seit acht Jahren tot ist.

 

Unter ständiger Beobachtung Kindheit und Maschinengewähr (Foto: Jonas Ruhs)

 

Und von welcher Gruppe war Pinillo? John überlegt: von den FARC. Ein Freund korrigiert ihn: Nein, der war von den AUC (Autodefensas Unidas de Colombia), den Paramilitärs. „Die bewaffneten Gruppen sind alle gleich“, ruft Johns Mutter eine ihrer Konfliktweisheiten.

Dann lerne ich Gloria Luna Rivilla kennen, die keine Angst hat zu reden. Die Aktivistin hat gelockte graue Haare, Ohrringe mit rotem Edelstein und eine breite Brille. Sie war in der linken Studierendenbewegung aktiv, wurde für ihre Aktivitäten von mehreren Unis geworfen und arbeitete schließlich doch als Professorin für Geschichte. Sie erzählt, dass in Quibdó viele Busse nicht mehr fahren, da die Schutzgeldforderungen der bewaffneten Gruppen einfach zu hoch geworden seien. „Besonders Frauen sind von der Gewalt betroffen.“ In der gerade einmal 115.000 Einwohner zählenden Stadt gab es 2017 neun Feminizide.

Mit am Tisch sitzt ein junger Mann, der von einer weiteren Facette des lokalen Konflikts berichten kann. Eines Tages bat ihn das staatliche Militär nach einer Ausweiskontrolle, in einen Transporter zu steigen. Zwei Stunden außerhalb der Stadt wurde ihm eine Uniform in die Hand gedrückt, mit der Forderung, er habe nun zwei Jahre zu dienen. Zwangsrekrutierung von staatlichen Sicherheitskräften.

Dann fahre ich weiter, weg aus der Hauptstadt Quibdó. Auf der Strecke mehren sich die Militärposten und Polizeistationen. Am Eingang jedes größeren Dorfes stehen Sandsatzbunker, in denen sich die Soldaten verschanzen können. Immer wieder passieren wir Polizisten oder Soldaten mit Maschinengewehren. An den Häusern der Dörfer steht groß „AGC“ geschrieben, Reviermarkierungen, die Abkürzung der Gaitanistas, der paramilitärischen Gruppe. Diese wird von der Regierung „Clan del Golfo“ genannt, weil ihr der politische Charakter offiziell aberkannt und sie als reines Drogenkartell eingestuft wird. Nach der Entwaffnung des paramilitärischen Dachverbands AUC 2004 unter Ex-Präsident Alvaro Uribe, der selbst wegen seinen vielfältigen Beziehungen zu Paramilitärs in der Kritik steht, haben sich verschiedenste neue paramilitärische Gruppen mit dem alten Personal gebildet. Im Chocó waren es vor allem die Aguilas Negras und die Rastrojos, die sich Auseinandersetzungen lieferten.

 

Quelle des Lebens Zwei Kinder wenden ihr Boot (Foto: Jonas Ruhs)

 

Daniel, der immer wieder in verschiedensten Dörfern gearbeitet hat, erzählt, dass er 2011 ein Jahr nicht mehr in die Dörfer konnte, weil die Kämpfe zu brutal geworden waren. Jeder Mensch, der ein Handy besaß, lief Gefahr, als Informant der anderen Gruppe denunziert und umgebracht zu werden. Später schlossen sich die Gruppen den Gaitanistas an; diese haben ihre Uniformen, Waffen und Schlafplätze in ihren Camps, irgendwo im Dschungel. Sie sind unsichtbarer geworden, es gibt ein politisches Interesse, nicht allzu viel Präsenz zu zeigen. Und doch wissen alle, dass sie da sind.

Auch die Soldaten der kolumbianischen Armee, die ich treffe. Ungefragt plaudert einer: „Wir sind hier im absoluten Kriegsgebiet. Mehrere meiner Kameraden sind ermordet worden, von der Guerilla, das sind die schlimmsten. Mit den Gaitanistas kann man zusammenarbeiten, die lassen die Zivilbevölkerung weitestgehend in Ruhe.“

In den Machtzentren des Landes, wo Medien und Politik sitzen, wird derweil ein Konflikt zwischen AGC und Armee inszeniert. Immer wieder machen die Meldungen von der Ergreifung von Clanchefs die Runde. Nun erklärte die AGC offiziell ihre Bereitschaft, in Friedensverhandlungen zu treten.

Im Chocó kommen Zweifel an dieser Version auf. Die parallele Präsenz von Militär und AGC in den Dörfern ist auffällig. Könnte es sein, dass sich eine Tradition des kolumbianischen Konflikts fortsetzt, dass der Staat die Paramilitärs im Kampf gegen die Guerilla vorschickt und dann, wenn die „Drecksarbeit“ gemacht ist, nachrückt und die Paramilitärs dafür im Anschluss weitestgehend unbehelligt ihren Geschäften nachgehen lässt? Es ist noch schlimmer: „Wenn die Gaitanistas hier jemanden aus dem Dorf holen wollen, dann tun sie das, da kann die Armee nichts gegen machen“, sagt Valentina*, die hier wohnt. Valentinas Vater ist politisch aktiv in der Region, schon mehrfach wurde er von paramilitärischen Gruppen entführt. Valentina ist erstaunlich ruhig, wenn sie vom Krieg erzählt. Trotzdem wird ihre Stimme etwas leiser, als sie beschreibt, wie vor wenigen Monaten die AGC in die Gebiete der ELN vorrückten, es zu Gefechten kam, bei denen die AGC schwere Verluste erlitten und sich wieder in ihre Gebiete zurückzogen.

 

Am Wasser gebaut Am Tag werden Bananen, abends Drogen verschifft (Foto: Jonas Ruhs)

 

Selbst wer wegschauen möchte, den holt der Konflikt im Alltag immer wieder ein. So tanze ich am Abend in einer Dorfdisco mit einer Freundin, die daraufhin von einem anderen Mann zum Tanzen aufgefordert wird. Der Mann ist ein Paramilitär. Die bewaffneten Akteure sind Teil des Dorfes: „Menschen, die zum Beispiel keine ande

re Wahl hatten zum Beispiel unter Geldnot litten, als sie sich einer Gruppe anschlossen“, hatte Daniel erklärt. Oft stellen sich Dorfgemeinschaften gegenüber dem Staat sogar schützend vor die Kämpfer.

Man arrangiert sich, soweit es die Angst und der Schmerz zulassen. So entsteht ein Geflecht aus internalisierten Regeln, die einem ein möglichst ruhiges Überleben sichern. Schwierig wird es, wenn Menschen von außerhalb kommen, die diese Regeln nicht kennen. Als ich ein Foto eines Mannes machte, der mir beim Ausladen des Jeeps half, wurde er nervös und drängte, das Foto sofort zu löschen. Später erfahre ich, dass er ein mit Haftbefehl belegter Paramilitär ist. Die Alltäglichkeit des Kriegs begegnet uns auch an einem anderen Abend: Über die meiste Zeit begleitete uns eine Gruppe Soldaten, deren Leutnant mich eines Abends bittet, mich in einem Video bei der Armee zu bedanken. Ich will das nicht. „Wenn du unseren Schutz nicht haben willst, ist das deine Entscheidung“, entgegnet der Leutnant. Ab jenem Moment sehe ich die Soldaten nicht wieder. Staatlicher Schutz nur mit Gegenleistung.

Stattdessen sehe ich am nächsten Morgen schon von weitem, wie mir zwei bewaffnete Männer entgegenkommen – ohne Uniform. Meine Knie werden weicher, ich schaue gerade aus und gehe an ihnen vorbei. Ich erzähle John davon, er wird nervös, sagt, das müssten dann die Gaitanistas gewesen sein. Valentina, die die Männer ebenfalls gesehen hatte, beruhigt uns am Abend: Das waren bloß Marinesoldaten, die sich ihre Uniform noch nicht angelegt hatten.

Während die Waffe mich in diesem Moment nur erschreckt, hat sie Cristians Familie zerstört. Ich lerne Cristian* kennen, als er mir erzählt, dass er zwölf Jahre alt ist und gerne Schnaps trinkt. Schnaps und Frauen, davon redet er gerne. Doch als wir auf einem Holzsteg sitzen und die Beine hinunterbaumeln lassen, erzählt er, dass er vor drei Jahren aus seinem Dorf fliehen musste. Die ELN hatte seinen Vater zerstückelt – vor seinen Augen. Bis heute hat er Alpträume. Er macht nun Gelegenheitsarbeiten, wohnt bei einem Onkel, schlägt sich durch. Menschen mit Geschichten wie Cristian – und ich schäme mich in diesem Moment für diesen Gedanken – sind gefundenes Fressen für die Agitatoren der Paramilitärs, die oft junge Menschen rekrutieren, die sie früh prägen können.

Davon erzählt Esildo Pacheco, 65 Jahre alt, graue Augenbrauen, grauer Oberlippenbart, ein Hemd in verschiedensten Rottönen, dazu seine hervorstehenden großen Augen. Wir sitzen an einem Restauranttisch, von dem er die Eingangstür beobachten kann. Pacheco hat viele Regionen gesehen und viel Geld verdient in den verschie­densten Firmen. Doch das Prägendste seiner Biographie ist sein politischer Kampf – innerhalb eines bewaffneten Konflikts, aber stets ohne Waffen. Pacheco war Teil der afro­kolumbia­nischen Bewegung, die mühsam die Anerkennung der Afrokolumbianer*innen und deren Rechte in der Verfassung von 1991 erkämpfte. Später besuchte er als Berater der afrokolumbianischen Gemeinden in Kolumbien alle Afro-Dörfer des Landes.

 

Ohne Angst, mit Schutzengel Esildo Pacheco in Quibdó (Foto:Jonas Ruhs)

 

Im Baudó hat er sich immer eingemischt. Als Teil einer Bürger*innenbewegung wurde er 1997 mit 71 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Die paramilitärischen Gruppen ließen sich das nicht gefallen, die Morddrohungen an Pacheco nahmen zu.

Eines Tages saß er in der Kirche in Quibdó, als er erfuhr, dass die Auftragskiller schon auf dem Weg zu ihm waren. Er floh in die Schweiz. Zeit, um durchzuatmen. Pacheco hat mehrere Male eine Pistole an den Kopf gehalten bekommen, einmal sogar in den Mund. Sowohl Chefs der Paramilitärs als auch der Guerilla sagte er bereits „Dann erschieß mich doch“, und jeweils taten sie es nicht, aus Respekt vor dem Mann, den scheinbar ein Schutzengel begleitete. 1986 wurde er für 15 Tage von der Guerilla entführt, dann wieder freigelassen. Pacheco kennt die Männer, die in den vergangenen Jahrzehnten das Sagen in der Region hatten, und er hat sie alle überlebt. Er hört nicht auf, sich einzumischen. Nutzt seine Kontakte nach Bogotá, ist aktiv als Teil der Kommunalvertretung der Region Baudó. Auch heute. Er poltert gegen die ausländischen Investitionen und den Ausverkauf des Chocó. Gegen die Abholzung und den Bergbau, der die Flüsse verseucht. Und obwohl der Chocó riesige Süßwasserreserven hat, herrscht Wassermangel. Selbst in der Hauptstadt Quibdó sammeln die Menschen in den Häusern das Regenwasser, weil das öffentlich bereit gestellte Wasser nur schleppend in Tonnen vorbeigebracht wird.

Esildo Pacheco reist bis heute die Dörfer des Baudó hinauf und hinunter. Mittlerweile wollen sowohl Paramilitärs als auch ELN, dass er sich nochmal zum Bürgermeister aufstellen lässt. Sie hoffen auf mehr Investitionen in der Region durch die guten Kontakte Pachecos. So können die Gruppen mehr Schutzgeld erpressen. Und trotzdem gehen auch die Bedrohungen weiter. „Die kommen wöchentlich“ , sagt Pacheco. „Aber wenn du Angst davor hast, stirbst du innerlich“.

*Name geändert