Neue Ermittlungen im Fall Schäfer

Immer wieder glaubten die GegnerInnen der ehemaligen Colonia Dignidad, die pseudo-religiöse Gruppe um den mittlerweile 84-jährigen Paul Schäfer besiegt zu haben. Dem war aber nicht so. Die Enklave im Süden Chiles wurde 1961 von Schäfer gegründet, der dort eine von nationalsozialistischen Gedanken und Sekteneinflüssen geprägte Zwangswelt aufbaute. Zwar wurde sie formal 1991 vom chilenischen Staat aufgelöst, der rechtliche Träger des Guts existierte faktisch jedoch weiter; das Vermögen wurde auf sieben neu gegründete Gesellschaften übertragen und die Kolonie in Villa Baviera umgenannt. Nachdem mehrere chilenische Eltern Schäfer im Juni 1996 wegen Kindesmissbrauch verklagten, nahmen sich die chilenischen Behörden des Problems Colonia Dignidad endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit an. Im August 1996 wurde ein Haftbefehl gegen Paul Schäfer ausgestellt. Doch Schäfer tauchte unter. Auf einer von seinen engsten Vertrauten angemieteten Farm im Großraum Buenos Aires fand der durch ein chilenisches Gericht im November 2004 in Abwesenheit verurteilte Schäfer Unterschlupf. Chilenische ReporterInnen stießen im Januar 2004 in Argentinien auf seine Spur, was dazu führte, dass Schäfer zusammen mit fünf seiner BegleiterInnen am 10. März 2005 verhaftet wurde. Nach einer schnellen Abschiebung nach Chile befindet sich Schäfer, der nach einer Bypass-Operation mittlerweile im Rollstuhl sitzt, seit dem 13. März 2005 im Hochsicherheitstrakt des Gefängniskrankenhauses in Santiago.
Ebenfalls in Santiago in Haft sind fünf der führenden Mitglieder der ehemaligen Colonia Dignidad: Hartmut Hopp, damals Arzt der Sekte, Gerhard Mücke und Karl van den Berg, die für den so genannten „Sicherheitsdienst“ zuständig waren. Außerdem Kurt Schnellenkam. Die fünf in Argentinien verhafteten Begleitpersonen von Schäfer befinden sich dort inzwischen nicht mehr im Gefängnis, stehen aber unter polizeilicher Aufsicht. Sie wehren sich mit juristischen Mitteln gegen ihre Auslieferung nach Chile.

Waffenfund in der Colonia

Im Juni 2005 wurden bei Durchsuchungen der Colonia Dignidad von der chilenischen Polizei weitere Beweise für die Zusammenarbeit der Sekte mit der Pinochet-Diktatur und der ehemaligen Geheimpolizei DINA entdeckt. Neben einem größeren Waffenarsenal mit Handfeuerwaffen, Minen, Granaten sowie Raketenwerfern wurden vergrabene Autos gefunden, die verschwundenen politischen Gefangenen gehört hatten. Der Tipp für die Grabungsstelle kam von Efraim Fedder, der im Dezember 2002 die Kolonie verließ und in seinem Buch „Weg vom Leben“ über das interne Terrorregime der Sekte und auch vom Verschwindenlassen politischer Gefangener in der Colonia in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst berichtete. Auch andere Angehörige der Sekte haben mittlerweile dem zuständigen Untersuchungsrichter bereitwillig Auskunft erteilt. Anfang Oktober 2005 sind daraufhin die einsitzenden Führungspersonen der Colonia Dignidad zusätzlich wegen illegalen Waffenhandels angeklagt worden.
Darüber hinaus wurde in einem Versteck auf dem Gelände der heutigen Villa Baviera ein Archiv der DINA mit mehr als 40.000 Karteikarten gefunden. Die meisten sind vom Operationskommando Süd und der regionalen Brigade der DINA erstellt worden. Die Materialien dokumentieren laut der chilenischen Zeitung La Tercera den Aufenthalt von verschwundenen Gefangenen auf dem Gut sowie die Namen der Beteiligten an Entführung und Folter. Gerhard Mücke hat inzwischen ausgesagt, dass sich Sektenangehörige auch an Erschießungen von politischen Gefangenen beteiligt haben. Auf den Karteikarten finden sich Abschriften der durch Folter erzwungenen Aussagen sowie Geheimdienstanalysen und Richtlinien der DINA für die Suche nach weiteren politischen GegnerInnen. Unter den Karteikarten befinden sich auch solche, die zwischen 1967 und 1970 von der damaligen Politischen Polizei angefertigt wurden und die GegnerInnen der Sekte betreffen. La Tercera äußerte den Verdacht, dass dieses Material der Sekte Ende 1974 von der DINA zur Verfügung gestellt wurde, als die Zusammenarbeit vereinbart wurde. Das Archiv diente der Colonia Dignidad, sich ein Unterstützungsnetz aus chilenischen PolitikerInnen aufzubauen beziehungsweise Material zu deren Erpressung zur Verfügung zu haben.

Steuerhinterziehung und Zwangsarbeit

Am 26. August 2005 kam die Polizei mit Panzerwagen, Wasserwerfer und Hubschrauber in die Colonia Dignidad. Die Richterin Ximena Pérez aus der Provinzhauptstadt Parral übertrug dem Konkursverwalter Herman Chadwick die Regie über die sieben Firmen, die nach der formalen Auflösung der Sektengesellschaft im Jahr 1991 die Geschäfte der Gruppe betrieb. Die Unternehmen dienen der Vermarktung von Lebensmitteln, Getreide oder Holz und dem Betrieb eines Restaurants in Bulnes. Seit 1991 verschwanden Millionenbeträge. Pérez ermittelt wegen Bildung einer illegalen Vereinigung, Steuerhinterziehung und Zwangsarbeit.
Diese Bemühungen erlitten Mitte September jedoch einen Rückschlag. Der vom Obersten Gerichtshof neu ernannte Untersuchungsrichter Jorge Zepeda, dem sämtliche Ermittlungen gegen die Sekte übertragen wurden, hob die Zwangsverwaltung wieder auf. Seine Ermittlungen will er auf sechs Mitglieder beschränken. Aufgehoben hatte er bereits die richterliche Anordnung, gegen die Führung der Colonia Dignidad ein Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung einzuleiten. Seine Entscheidung begründete er damit, dass den Opfern durch die juristischen Maßnahmen nicht geholfen sei. Während die Führungsclique der Colonia Dignidad die Rücknahme der Zwangsverwaltung bejubelte, ist die Generation der etwa 40-jährigen Kolonie-BewohnerInnen enttäuscht, da sie sich erhofft hatten, durch die Bemühungen des Zwangsverwalters Licht in das Dunkel der finanziellen Transaktionen zu bringen und allen ArbeiterInnen reguläre Löhne zu zahlen. Das Innenministerium hat vor dem Obersten Gerichtshof die Aufhebung der Zwangsverwaltung angefochten. Eine Entscheidung ist noch nicht bekannt.
Die Verhaftung eines Großteils der Führungsgruppe hat die im Gut Verbliebenen, etwa 180 deutsche StaatsbürgerInnen, zwar weitgehend führungslos gemacht, andererseits aber eine gewisse Öffnung der Gruppe bewirkt. Das Gut kann nun ohne Kontrollen betreten werden und Presse wird nicht mehr abgewiesen. Auflösungserscheinungen sind unverkennbar: Die früher strikte Trennung nach Geschlecht und Alter wurde aufgehoben und der Kontakt zu Verwandten in Deutschland wieder aufgenommen. Einige Personen verließen sogar das Gut und versuchen in Chile oder auch in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Eine Gruppe der BewohnerInnen distanzierte sich inzwischen von ihrer bisherigen Führung und ihrer Vergangenheit. In einem Interview mit der chilenischen Zeitung La Nación vom 5. Juni 2005 äußerte Michael Müller, damals provisorischer Sprecher der Colonia Dignidad, dass schwere Anschuldigungen geäußert worden seien und jeder seinen Teil der Verantwortung übernehmen müsse. Angehörige dieser Gruppe arbeiten mit den chilenischen Behörden zusammen und erteilen Auskunft über das Leben in der Colonia Dignidad und deren Zusammenarbeit mit der Pinochet-Diktatur. Mit einem in Deutsch und Spanisch verbreiteten Memorandum vom Oktober 2005 wurde außerdem öffentlich um Vergebung gebeten.

Deutsche Beteiligung

Seit Ende des letzten Jahres muss sich Paul Schäfer, zusammen mit zwei Mitgliedern der DINA, wegen der Beteiligung am Verschwindenlassen des politischen Gefangenen Alvaro Vallejo verantworten. Auch in weiteren Verfahren, zum Beispiel wegen der Entführung des Mitglieds der bewaffneten Widerstandsgruppe MAPU Juan Maino Canales, wird er von verschiedenen RichterInnen verhört. Außerdem ist er der Bildung einer illegalen Vereinigung und des Waffenhandels angeklagt. Ihm wird in absehbarer Zeit der Prozess gemacht werden. 20 weitere Führungsmitglieder, die bereits vor einem Jahr wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch und Kindesentführung verurteilt worden sind, stehen kurz vor einer weiteren Verurteilung. Dabei wird viel davon abhängen, inwieweit es gelingt, die ökonomische Existenz der Enklave nach Verurteilung der Führungsclique zu sichern. Eine bedeutende Rolle spielt hier der chilenische Staat, der gegen die Colonia Dignidad Steuernachzahlungen in Millionenhöhe geltend macht und deshalb eine Beschlagnahme der Güter bewirkt hatte.
Eine Lösung muss auch für die chilenischen Opfer der Colonia Dignidad gefunden werden. Ehemalige politische Gefangene haben zivilrechtliche Ansprüche gegen die deutschen Helfer der Folterer gestellt. Die Lösung für diese Probleme wäre die Gründung einer Art Stiftung aus Teilen des Vermögens der Sekte. Aus diesem Grundstock könnte den Opfern der Diktatur zum Beispiel eine kleine Rente gezahlt werden. Im März 1976 veröffentlichte die deutsche Sektion von Amnesty International ihre Broschüre „Colonia Dignidad – Ein Folterlager der DINA“. Es bleibt zu hoffen, dass nun nach mehr als 30 Jahren endlich der wesentliche Teil der Verbrechen aufgeklärt wird, der in der Colonia Dignidad vom chilenischen Geheimdienst mit Hilfe der Deutschen begangen wurde. Hilfreich dazu könnte sein, dass endlich auch die Bundesregierung ihre Kenntnisse, einschließlich derer der deutschen Geheimdienste, veröffentlicht.

Paul Schäfer gefasst

Paul Schäfer, der „Führer“ der einst als „Mustergut“ gerühmten, dann nur noch berüchtigten, Siedlung Colonia Dignidad, verhaftet! Die Nachricht hat zu Recht Aufsehen erregt, sowohl in Deutschland als auch, mehr noch, in Chile. Es ist in der Tat erstaunlich, dass es acht Jahre nach seinem Untertauchen 1997 gelungen ist, Schäfer aufzuspüren.
Aber mindestens so erstaunlich ist es, dass sich Schäfer erst 1997, also im achten Jahr nach dem Ende der Pinochet-Diktatur, nicht mehr sicher vor juristischer Verfolgung fühlte. Um ein möglicherweise langwieriges Auslieferungsverfahren zu vermeiden, entschied sich die argentinische Regierung für eine schnelle Abschiebung Schäfers nach Chile: Denn, natürlich, lebte er in der Nähe von Buenos Aires unter falschem Namen.

Prozess in Chile

In Chile erwarten ihn mit Sicherheit mindestens zwei Verfahren: ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in 26 Fällen und darüber hinaus seine vermutete Beteiligung an Folter und Ermordung politischer GegnerInnen der Pinochet-Diktatur.
Die Untersuchungen wegen sexuellen Missbrauchs begannen im Jahre 1998. Über sechs Jahre danach, im November 2004, verurteilte der Richter González in erster Instanz 20 Mitglieder der Führungsriege Schäfers wegen Begünstigung und Komplizenschaft in diesen Fällen zu Strafen zwischen anderthalb und fünf Jahren Gefängnis; das Verfahren gegen Schäfer selbst wurde wegen seiner Flucht ausgesetzt. Für den internationalen Haftbefehl, der als Grundlage seiner Festnahme in Argentinien diente, hatte dagegen Richter Billard gesorgt – er ermittelt im Fall des Chilenen Álvaro Vallejos, der nach Aussagen ehemaliger Geheimdienstagenten im Jahre 1974 von der DINA in die Colonia Dignidad gebracht und dort an Schäfer übergeben wurde. Seitdem ist Vallejos „verschwunden“.
Die Vorwürfe, in der Colonia Dignidad seien ab 1974 RegimegegnerInnen gefoltert worden, erhielten in Chile offiziellen Charakter durch den „Rettig-Bericht“, der 1991 veröffentlicht wurde. Er fasste zusammen, was die von Präsident Aylwin eingesetzte Kommission „Wahrheit und Versöhnung“ über das Schicksal der unter der Diktatur Ermordeten bzw. „Verschwundenen“ ermittelt hatte. Juristische Folgen hatte dieser Bericht zunächst nicht, denn noch galt uneingeschränkt das von Pinochet erlassene Amnestie-Gesetz, das nach der damaligen Interpretation durch den Obersten Gerichthof nicht nur die strafrechtliche Verfolgung, sondern auch die Aufklärung schwerster Menschenrechtsverletzungen ausschloss.
Die Colonia Dignidad verlor, unabhängig vom „Rettig-Bericht“ , im selben Jahr 1991 ihren Status als wohltätige Organisation. Sie hatte entgegen den Statuten gewinnorientiert gearbeitet und die Gewinne auch nicht versteuert. Darüber hinaus, so schien es, hatte der Chef des „Musterguts“ nichts zu fürchten. Seit seiner Übersiedlung mit einigen hundert AnhängerInnen nach Chile im Jahre 1961 (aufgrund eines drohenden Verfahrens wegen Päderastie in der Bundesrepublik), war es Schäfer gelungen, das Bild einer hart arbeitenden Gemeinschaft zu vermitteln, die aber auch selbstlos für arme ChilenInnen – etwa im eigenen Krankenhaus – sorgte: Die Colonia Dignidad genoss Respekt. Erste Berichte – schon Ende der sechziger Jahre – über Misshandlungen erregten zwar kurz Aufsehen, führten aber zu keinerlei Konsequenzen.
In der Zeit der Militärdiktatur kam zum Respekt der regionalen Autoritäten vor der angeblichen Wohltätigkeit der ideologische Kitt: Kampf gegen den Kommunismus. Anders gesagt: Die Affinität zwischen den totalitären Strukturen innerhalb der Siedlung und dem Pinochet-Regime. Die geografische Lage der ausgedehnten Siedlung (die Angaben schwanken zwischen 14.000 und 17.000 Hektar) am Rande der Kordillere an der Grenze zu Argentinien war möglicherweise ein weiteres Plus für den Geheimdienst DINA. Da kein Siedler das Gelände ohne Erlaubnis der Führung verlassen konnte, war keine Entdeckung zu fürchten.
Das Image der hart arbeitenden und gleichzeitig wohltätigen Muster-Deutschen strahlte bis in die damalige Bundesrepublik, wo auch das Pinochet-Regime damals renommierte BewundererInnen hatte, etwa den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Als die deutsche Sektion von Amnesty International im Jahre 1977 eine Broschüre veröffentlichte, in der sie Foltervorwürfe gegen die Colonia Dignidad erhob, erwirkte ein Verein von Colonia-SympathisantInnen in Siegburg (wo Schäfer bis zu seiner Flucht gearbeitet hatte) eine einstweilige Verfügung gegen Amnesty wegen Verleumdung. Auch die Illustrierte Stern, die sich der Aufklärungskampagne von Amnesty anschloss, wurde verklagt. Es bildete sich ein bundesdeutscher Freundeskreis für die Colonia Dignidad mit solider Verankerung in Bayern. Auch der deutsche Botschafter in Santiago de Chile Strätling wurde nach seiner Rückkehr zum Freundeskreis gezählt.
All das war 1980 nachzulesen in einer Sonderausgabe der Lateinamerika Nachrichten. Der Prozess gegen amnesty übrigens wurde erst 1997, also nach zwanzig Jahren, eingestellt. Der Siegburger Verein hatte sich stillschweigend aufgelöst, auch die Colonia existierte nicht mehr als juristisches Subjekt – es gab keinen Kläger mehr. Und irgendwann in den neunziger Jahren verzichtete das Mustergut auf den Namen „Dignidad“ (Würde). Es firmiert jetzt einfach als Villa Baviera – bayrisches Dorf.

Die würdelose Kolonie

Im April 2003 flüchteten erneut Mitglieder der Colonia Dignidad und vertrauten sich den chilenischen Behörden an. Walter Szurgelies (73), seine Frau Mathilde (75) und ihre Tochter Ingrid sowie ihr Schwiegersohn Francisco Morales nutzten die Anwesenheit eines Untersuchungsrichters in der Colonia, um das Gelände der deutschen Sekte im Süden von Chile zu verlassen. Francisco Morales war als Junge von Hugo und Waltraut Baar adoptiert worden und hatte in der Kolonie den Namen Franz Baar. Sein Spanisch hatte er nahezu gänzlich vergessen. In Dignidad sprechen alle Deutsch. Die Geflohenen berichteten von anhaltender eingeschränkter Bewegungs- und Informationsfreiheit. „Wir wissen, dass noch mehr Menschen dort raus wollen“, erzählten die Szurgelies einem US-amerikanischen Journalisten.

Wer gehen will, gilt als geisteskrank

Walter und Mathilde Szurgelies waren in den 60er Jahren mit ihren acht Kindern nach Chile gegangen. Ihr jüngster Sohn Jürgen hatte mehrfach versucht, aus Dignidad zu flüchten, zuletzt 1989. Damals erklärten die Eltern öffentlich: „Unser Sohn ist seit der Geburt geistig behindert.“ Sie holten ihn zurück in die Colonia. Jürgen Szurgelies wurde wohl als Abweichler jahrelang mit Psychopharmaka behandelt, da Personen, die die Gruppe verlassen wollen, als krank angesehen werden. Er lebt noch heute in der Kolonie – seine Eltern dagegen sind draußen.
Nach ihrer Flucht im April blieben sie zunächst in Talca. Dort wurden sie im Rahmen eines lokalen Schutzprogramms für Opfer von Straftaten betreut. Mathilde Szurgelies konnte sich das erste Mal seit 40 Jahren eigene Kleidung kaufen. In der Colonia hatte sie weder über Geld verfügt, noch durfte sie die Kolonie verlassen.
Noch im gleichen Monat traf das Ehepaar Szurgelies mit ihren in der Colonia verbliebenen Kindern zusammen. Die Eltern drängten sie, Dignidad zu verlassen, die Kinder dagegen drängten ihre Eltern zur Rückkehr. Die Tragik im Fall der Szurgelies ist kein Einzelfall. Die psychische und physische Abhängigkeit der Sektenmitglieder von ihrer Gruppe ist nach wie vor unberechenbar.
Mittlerweile befinden sich die Flüchtlinge bei Verwandten in Deutschland, völlig mittellos und auf Sozialhilfe und die Unterstützung der Verwandten angewiesen.

Sektenführer auf der Flucht

Seit sechs Jahren ist der 81-jährige Paul Schäfer untergetaucht. Er hat die Colonia Dignidad gegründet und gilt noch heute als ihr unumschränkter Herrscher. Aber 1997 konnten es die chilenischen Behörden nicht mehr leugnen, dass es in der Kolonie nicht mit rechten Dingen zuging. Zu viele Anzeigen waren gegen Schäfer eingegangen. Ihm wird vorgeworfen, dass er sich an minderjährigen chilenischen Jungen vergangen hat, die das Schulinternat auf dem Gelände der Kolonie besuchten.
Damals wurde das Landgut mehr als ein Dutzend Mal von der Polizei durchsucht. Paul Schäfer fanden sie angeblich nicht, dafür aber ein unterirdisches Tunnelsystem. Das deutet daraufhin, dass die Colonia Dignidad auch ein Kommunikationszentrum des Geheimdienstes DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) beziehungsweise der chilenischen Armee war.
Noch im gleichen Jahr stellte Untersuchungsrichter Hernan Gonzalez seinen Bericht vor. Darin führte er aus, dass Paul Schäfer in 27 Fällen Kindesmissbrauch begangen habe, darunter fünf Vergewaltigungen. Offiziell ist damit, was geflüchtete Sektenmitglieder seit vielen Jahren berichtet haben.
Als Paul Schäfer noch in Dignidad lebte, begleiteten ihn täglich zwei Jugendliche. Im Sektenjargon hießen sie „Sprinter“. Es gab einen Nachmittags- und einen Nachtdienst. Ein Junge musste bei Schäfer im Zimmer schlafen, ein weiterer vor der Tür. Die Jungen standen Schäfer jederzeit zur Verfügung. Für die Sektenmitglieder war das seit Gründung der Sekte in den 1950er Jahren „normal“. Der Skandal wurde in Chile erst zum Skandal, als Schäfer auch chilenische Kinder sexuell missbrauchte und diese die Vorkommnisse zu Hause berichteten.

Verfahren gegen Schäfer eingestellt

Gegen Paul Schäfer besteht weiterhin ein internationaler Haftbefehl. Offiziell scheint niemand zu wissen, wo er sich aufhält. Aber es gibt Gerüchte: Schäfer solle sich weiterhin in der Kolonie oder in deren Nähe versteckt halten. Mit Schäfer verschwanden rund 15 weitere Mitglieder der Sekte. Offiziell ist auch deren Aufenthaltsort nicht bekannt. Eine Spur führt jedoch in die Schweiz, wo sich in einem kleinen Ort mit Namen Burghaslach das Sektenmitglied Renate Freitag im Oktober 2001 polizeilich angemeldet hat. Dort ist auch das Sektenmitglied Dorothea Hopp, geb. Witthahn, gemeldet.
Im Rahmen der Ermittlungen erweiterte der Untersuchungsrichter Gonzalez den Kreis der Beschuldigten. Acht Führungsmitgliedern der Gruppe wird Beihilfe und Mitwisserschaft nicht nur der Flucht Schäfers, sondern auch der Vergewaltigung der Kinder zur Last gelegt: Hans-Jürgen Blanck, Hartmut Hopp, Gerd Seewald, Kurt Schnellenkamp, Alfred Gerlach, Günter Schaffrik, Gerhard Mücke und Richardo Alvear. Sie wurden im April 1998 festgenommen, aber gegen Kaution wieder freigelassen. Über die Anklage ist noch nicht entschieden.
Das Verfahren gegen Schäfer stellte Hernan Gonzalez im vergangenen Jahr vorübergehend ein. Der Grund: der Beschuldigte sei nicht auffindbar. Warum es den chilenischen Behörden nicht gelungen ist, Schäfer zu verhaften, bleibt im Dunkeln. Eine mögliche Erklärung: Schäfer weiß um die Verbrechen des Geheimdienstes und hat Material, an deren Veröffentlichung weder Polizei, Geheimdienst noch Armee ein Interesse haben können.

Wirtschaftliche Basis wackelt

Juristische Auseinandersetzungen um Geld, Kinder, Erbe, Zollvergehen und Straftaten haben die Sekte seit ihrer Gründung begleitet und waren zeitweise eine erfolgreiche Strategie, das Imperium zusammenzuhalten. Jetzt wenden sich die rund 70 Prozesse, die die Gruppe führt, gegen sie.
So endete der Prozess der Colonia Dignidad gegen Amnesty International im November 1997 spektakulär. Ziel der Sekte war es, Amnesty International die weitere Verbreitung der Broschüre „Colonia Dignidad – ein Folterlager der DINA“ zu untersagen.
Da sowohl die chilenische Klägerin als auch die deutsche Sektenmutterorganisation „Private Sociale Mission“ juristisch nicht mehr existierten, wurde die Klage nach 20 Jahren abgewiesen. Amnesty International blieb auf mehreren Hunderttausend Euro Prozesskosten sitzen.
Ein schwerer Schlag für die Ökonomie der Sekte war der 2002 verlorene Prozess wegen Steuernachzahlungen an die chilenischen Finanzbehörden in Höhe von 13,4 Millionen US-Dollar. Der Prozess war 1991 eröffnet worden. Die Colonia Dignidad hatte sich wirtschaftlich betätigt, konnte sich dabei aber nicht auf ihre vom chilenischen Staat erteilte Gemeinnützigkeit berufen. Gegen das Urteil des Berufungsgerichts Talca besteht noch die Möglichkeit der Revisionsklage vor dem Obersten Gerichtshof. Sollte die Forderung tatsächlich durchgesetzt werden, kann dies das ökonomische Ende der Colonia Dignidad bedeuten.

Dignidad öffnet sich langsam

Die Flucht der Familie Szurgelies zeigt, dass sich das interne Regime lockert und sich die Kolonie langsam öffnet. Die alten Getreuen von Schäfer – unter anderem Hans-Jürgen Blanck und Kurt Schnellenkamp – bilden die neue Führung. Was jahrelang nicht möglich war, passiert jetzt. Nach 15 Jahren dürfen die Sektenmitglieder heiraten und zusammenleben. Frauen und Männer werden nicht mehr voneinander getrennt. Deutsche Verwandte erhalten nach vielen Jahren des Schweigens Briefe, in denen Verfehlungen der Sekte eingeräumt werden. Und Besuche aus Deutschland werden gestattet.
Nach Angaben der Zeitung La Tercera studieren sogar 20 jüngere Gruppenmitglieder an chilenischen Universitäten. 30 leben in Bulnes, wo sich das Restaurant der Gruppe befindet, sechs in Santiago, wo die Gruppe unlängst einen Lebensmittelladen eröffnet hat. Und ein paar Kinder besuchen die Schule von Parral.
Welche Bedeutung diese Öffnung tatsächlich für Dignidad hat, ist unklar. Denn schon bei Gründung der Sekte Mitte der 1950er Jahre gingen zahlreiche Sektenmitglieder außerhalb der Gruppe einer Arbeit nach oder machten eine Ausbildung. Eine mögliche Erklärung für den freien Ausgang wäre heute: Neue Gruppenführer werden auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet.

Folterkammer im Untergrund

Bis heute ist nicht geklärt, welche Rolle die Colonia Dignidad für die Armee oder den Geheimdienst der Pinochet-Diktatur gespielt hat. Feststeht, vor dem Putsch diente sie der rechtsradikalen Organisation „Patria y Libertad“ als Stützpunkt und nach dem Putsch als Verhör-, Folter- und Ausbildungslager des chilenischen Geheimdienstes DINA. Gegner des Pinochet-Regimes wurden in der Colonia gefoltert und ermordet – auch Sektenmitglieder legten hier Hand an.
1999 entdeckte die Polizei bei einer Durchsuchung einen Bunker. Nach chilenischen Presseberichten identifizierten ihn Überlebende als Folterkammer. Weitere Bunkeranlagen geben Rätsel auf. Vom Empfangshaus am Eingang des Grundstücks verläuft ein 20 Meter langer Tunnel aus Stahlbeton bis zum Fuß des nahe gelegenen Hügels. Eine andere 18 Meter lange Öffnung geht bis zu einer Schlucht. Von diesem Tunnel aus verläuft eine 60 cm dicke Wasserleitung dicht am Boden bis zum Fluss. In dem Tunnel befindet sich ein umgebauter Schlitten auf Kugellagern, der zu Transportzwecken gedient haben könnte.
Paul Schäfer bewohnte vermutlich einen drei Kilometer vom Eingangstor und 180 Meter vom Gästehaus entfernten Bunker: beleuchtet, acht Meter lang mit Flur, Bad und zwei weiteren Räumen. Besonders auffällig sind die elektrischen und Telefonleitungen, die für eine Siedlung von rund 250 bis 300 EinwohnerInnen überdimensioniert sind. Das könnte auf einen Horchposten des chilenischen Geheimdienstes oder der Armee zum Abhören des nationalen Funkverkehrs hinweisen.
Die Colonia Dignidad war eingebunden in das Machtgeflecht der Pinochet-Diktatur. Und deshalb existiert sie vermutlich heute noch – trotz erdrückender Beweise für zahlreiche Straftaten. Armee und Geheimdienst haben bei den Deutschen sprichwörtlich „Leichen und noch einiges andere im Keller.“ Aber die sollen nicht ins Licht der Öffentlichkeit.

Hilfe des Auswärtigen Amtes bleibt aus

Vor zwei Jahren führte die Deutsche Botschaft in einem öffentlichen Restaurant in Parral für Colonia Dignidad-Angehörige einen Konsularsprechtag durch, den rund 70 Angehörige auch nutzten. Einen ähnlichen Sprechtag führte die Botschaft noch einmal im März 2003 durch. Auf dem Fragebogen standen Rentenzahlungen, Passangelegenheiten und Fragen zum Staatsangehörigkeitsrecht wurden erörtert. Was die Kolonie sonst betrifft, hüllt sich das Auswärtige Amt in Schweigen.
Auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordneten Lothar Mark, debattierte der Auswärtige Ausschuss im Dezember 2001 über die Colonia Dignidad. Das Plenum des Deutschen Bundestages verabschiedete schließlich am 16. Mai 2002 eine umfangreiche Entschließung, die von SPD, Bündnisgrünen und PDS bei Enthaltung der CDU/CSU-Fraktion angenommen wurde.
Mit der Entschließung „Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad“ (BT-Dr. 14/7444) wird die Bundesregierung aufgefordert,
– dem Fall Colonia Dignidad eine höhere Priorität einzuräumen,
– den politischen Wandel in Chile für eine verstärkte Zusammenarbeit zur Aufklärung der Vergehen und zur unverzüglichen Hilfe für die BewohnerInnen der Kolonie zu nutzen,
– sich für die Einrichtung einer deutsch-chilenischen Arbeitsgruppe einzusetzen mit dem Ziel, nach sechs Monaten ein Strategiepapier zur Lösung des Problems zu erarbeiten im engen Dialog mit der chilenischen Seite Möglichkeiten der personellen und technischen Unterstützung zu klären,
– einen Fonds zur Finanzierung der notwendigen Hilfs- und Reintegrationsmaßnahmen einzurichten,
– bei den Bemühungen um Aufklärung auch die Zusammenarbeit mit der lateinamerikanischen Menschenrechtskommission zu suchen und nach 12 Monaten über ihre Aktivitäten zu berichten.
Im August 2003 lag immer noch kein Bericht vor. Die Signale aus dem Auswärtigen Amt sind vernichtend. Von erhöhter Priorität, dieses Problem anzugehen, ist nichts zu bemerken. Von einem Hilfsfonds scheint das Auswärtige Amt nichts zu halten, erst recht nicht für die in der Colonia Dignidad gefolterten ChilenInnen. Es gab weder intensive Kontakte mit chilenischen Behörden noch zu lateinamerikanischen Menschenrechtsorganisationen.
Auch in Deutschland drängt sich der Verdacht auf, dass die rot-grüne Bundesregierung die Angelegenheit Colonia Dignidad als lästiges Übel ansieht – und sich um die Verantwortung für ihre StaatsbürgerInnen drückt.

“Wir brauchen keinen idealisierten Allende“

Ihr Buch zeigt, daß Chile eine herausragende Rolle in den Beziehungen Lateinamerikas zum dritten Reich einnimmt. Warum gerade Chile?

Deutschlands Kolonialpolitik fußte auf der Schaffung von reinrassigen Enklaven. In Chile gab es die vielleicht größte deutsche Kolonie der Welt. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung war der Anteil der Deutsch-Chilenen sehr hoch, so dass sie in der Verwaltung und der Armee, also den entscheidenden Institutionen, stark repräsentiert waren.
Außerdem war diese Kolonie schon zu Zeiten der Weimarer Republik sehr militaristisch und stark deutsch-national. Das waren beste Voraussetzungen für die Herausbildung einer militanten Kolonie. Schon Kaiser Wilhelm hatte das Ziel mit dem chilenischen soldatischen Volk ein Bündnis zu schließen. Später mündete diese Absicht in der geopolitischen Auffassung der Nazis, Amerika als letzte Bastion der Menschheit zu versklaven. Das Wort „…und morgen die ganze Welt“ bedeutete eben: Morgen kommt Amerika dran. Süd-, besonders aber Nordamerika, weil dort sozusagen der judaisierte, demokratische Hauptfeind sass. Chile spielte dabei eine wichtige strategische Rolle: Von dort aus sollte der Rest Süd- und Mittelamerikas unterworfen, und dann gegen die eingekreisten Vereinigten Staaten zum letzten Schlag ausgeholt werden.

Auffällig ist ja die große Bereitschaft, mit der Teile der chilenischen Gesellschaft und wichtige chilenische Institutionen, beispielsweise die Kirche, die Nazipropaganda aufgenommen haben.

Chile steht in einer alten katholischen Tradition, deren Wurzeln weit vor dem Nationalsozialismus liegen. Diese Tradition ist stark antisemitisch. Der Erzbischof von Santiago schreibt 1927, dass Freimaurer und Juden vereinigt werden durch den Hass gegen unseren Herrn Jesus Christus und seine heilige Kirche. Auch chilenische Diplomaten schreiben in den 20-er Jahren, dass Juden aus rassischen Gründen nicht nach Chile gebracht werden dürfen. Sie hätten keine Fähigkeiten sich anzusiedeln und sich anzupassen und dazu noch wären sie noch hässlich. Verbunden mit der „Indianerrasse“, so ein Minister wörtlich, würden rassische Monster entstehen. Dieses Gedankengut spiegelte sich auch in anderen Institutionen der Gesellschaft wider. Auch über die Institutionen hinaus waren diese ideologischen Tendenzen überall in der Gesellschaft vorhanden. Im gesamten chilenischen Heer und der Marine ist bis heute kein einziger Jude zu finden.

Sie haben im Epilog ihres Buches den Briefwechsel zwischen Präsident Allende und Simon Wiesenthal veröffentlicht, in dem es um die Auslieferung vom Naziverbrecher Walter Rauff geht.Das hat in Chile zu einer großen öffentlichen Diskussion geführt. Sie waren gerade in Chile, was gab es für Reaktionen?

Diese Diskussion wurde auf sehr lustige Weise weiter geführt, lustig im zynischen Sinne des Wortes. Es geschah nämlich eine Art Wunder. Der erzkonservativste Historiker Chiles, Gonzalo Vial, hat Allende verteidigt, gegen Wiesenthal und gegen meine Publikation. Don Gonzalo sagte, er müsse zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal Präsident Allende beglückwünschen, weil er die Gesetze in Chile einhielt. Natürlich ist die Frage noch viel komplexer. Wiesenthal argumentierte für die Auslieferung Rauffs mit den selben Argumenten, mit denen heute der Richter Garzón und der Rechtsanwalt Garcés Pinochet attackieren. Allende stützte sich in seiner Ablehnung auf die gleichen Argumente, wie Pinochets Verteidiger heute, nämlich dass die nationale Rechtssouveränität nicht angegriffen werden kann. Aus dem Grunde hat sich Gonzalo vielleicht entschieden, Allende zu verteidigen, obwohl dieser Marxist war. Das ist immer noch besser als einem Mann Recht zu geben, der 500.000 Juden verteidigt.
Aber in der Diskussion kam es noch zu einem zweiten Akt. Als ich nach Chile kam, hatte sich eine Gruppe von Rechtsanwälten zusammengetan und für mich ein Dossier vorbereitet. Darin haben sie geprüft und festgestellt, dass Allende überhaupt keine Kollision mit dem Obersten Gerichtshof in Chile riskiert hätte, hätte er Rauff ausgewiesen, wie Konservative und auch Linke behaupten. Allende hätte sich auf das Ausländergesetz berufen können, welches dem Präsidenten der Republik die Möglichkeit einräumt, jeden Ausländer innerhalb von 24 Stunden aus Chile auszuweisen, wenn dieser das Prestige oder die Sicherheit des Landes in Frage stellt. Wenn Allende gewollt hätte, hätte er dieses Recht in Anspruch nehmen können. Das Dossier goss natürlich noch mehr Öl ins Feuer, jetzt fragen sich viele Leute: Was steckt eigentlich hinter der ganzen Angelegenheit?
Ich habe bei der jüdischen Gemeinde von Santiago einen Vortrag gehalten, wo sich mehrere junge Leute erhoben und fragten, ob sich die Unidad Popular (UP) überhaupt, ganz unabhängig von Wiesenthal, die Mühe gemacht habe, über diesen Verbrecher nachzudenken. Und ob sich die UP irgendeinen Gedanken über die Colonia Dignidad gemacht habe, bevor bekannt war, dass der Mann von Gladys Marín und andere Leute da auf furchtbare Weise gefoltert und getötet worden waren. Das hat niemanden interessiert. Eine Reihe von Studenten, die von mir infiziert wurden, forschen jetzt weiter.

Was können Sie zur Forschungssituation in Chile in diesem Bereich sagen? Sind die Archive in Chile überhaupt zugänglich? Was ist zum Beispiel mit den Militärarchiven?

Die Archive in Chile sind sehr gut ausgestattet. Per Gesetz und auch in der Tat ist jedes Dokument nach 3-5 Jahren für jedermann zugänglich. Das heißt, sämtliche Dokumente aus der Zeit der Unidad Popular sind einsehbar. Die einzige Ausnahme bilden die Archive der Streitkräfte und der katholischen Universität, an diese Geheimdokumente kommt man wirklich nicht ran. Aber man kann mit archivarischen Tricks sehr viel rekonstruieren. Es gibt eine Art natürlicher Filtrierung, das heißt, dass man aus Dokumenten ziviler Archive oftmals Rückschlüsse auf Geheimdokumente ziehen kann. So kann man eine Statue bilden, die natürlich in der Mitte hohl ist, weil der Kern fehlt. Aber die Form sieht oft ziemlich passabel aus.
Die Leiterin eines Archivs bemerkte einmal:“Die politische Geschichte Chiles wurde in den Zeitungsabteilungen der Bibliotheken geschrieben. Hier in die Archive, wo kilometerweise die Dokumente der Verwaltung, der Ministerien liegen, ist bislang noch kaum einer gekommen, weder von rechts noch von links.“ Hier liegt die gesamte Geschichte.

Um nochmal darauf zurückzukommen, dass von Allende die selbe Argumentation benutzt wurde wie heute im Fall Pinochet. Wieso ist das so bedeutsam?

Also die, die mich kennen, wissen, was ich für ein Verständnis von Forschung habe. Mir geht es darum Erstaunen hervorzurufen, die Sicherungen zum Platzen zu bringen, nur so kommt man zu kritischem Denken. In dem Briefwechsel sieht man das ganze Dilemma der chilenischen Geschichtsaufarbeitung.
Erstens: Sollen die fortschrittlichen Menschen in Chile weiter mit Göttern leben, die unerreichbar sind für jede Kritik? Zweitens: Warum wurden wir, wenn wir doch so gut waren, so leicht von der Macht entfernt? Warum endete das sozialistische Projekt in einer absoluten Katastrophe? Drittens: Wo ist die ganze Dokumentation und das kritische Studium, das uns erklärt, warum Pinochet und die CIA so leichtes Spiel mit uns hatten? Also wenn wir selber nicht in der Lage waren diesen übermächtigen Feind im Vorraus zu erkennen und selbst eine Gegenstrategie zu entwickeln, dann brauchen wir dringend eine vernünftige historische Erklärung. Es ist wichtig zu benennen, dass Allende die gravierende Bedeutung nicht gesehen hat, einen Kriegsverbrecher wie Walter Rauff zu Hause ruhig sitzen zu lassen, während im ganzen Land eine sozialistische, halbproletarische Revolution im Gange war. Wenn er das nicht mal kapiert hat, dann ist es nicht primär ein moralisches Problem, sondern ein politisches. Wie kann ein Mann, der entweder willentlich oder aus lauter Ignoranz so handelte, ein Volk in einer Revolution führen?
Ich habe provokativ meine LeserInnen mit dieser skandalösen Tatsache konfrontiert, so dass endlich weiter in der Richtung geforscht werden kann.
Von Gabriel García Márquez stammt ein goldenes Wort: ein gutes Buch fängt erst mit der letzten Seite an. Man könnte sagen, auch mein Buch fängt mit dem Epilog an.

Es stört sie also nicht, dass gerade der Briefwechsel von der chilenischen Presse als „Aufhänger“ benutzt wurde?

Einerseits ist es schade, weil das Buch noch 99 Prozent mehr Inhalt hat. Andererseits hatte ich befürchtet, dass man das Buch totschweigt. Das Schweigen ist das Schlimmste, was passieren kann. Durch die Diskussion um den Briefwechsel ist das Buch noch bekannter geworden und auf den Schreibtischen gelandet. So werden die restlichen 99 Prozent, die in der Presse jetzt nicht besprochen werden, doch irgendwann gelesen. Es ist doch notwendig, so ein wichtiges Thema wie die Beziehung eines Landes zu einem der verbrecherischsten Regime der Menschheit zu analysieren und damit den Demokratisierungsprozess voranzutreiben.

Also wird Ihr Buch einen Einfluss auf die geschichtliche Aufarbeitung in Chile nehmen?

Ich habe das Buch mit dieser Intention geschrieben. Aber ich kann nichts Konkretes sagen und lasse mich gerne überraschen. Ich sah so viele interessierte Gesichter, so viele Menschen, die fragten und fragten. Ältere Damen und Herren, die kamen und mir Briefe gaben, auch Tips, wo es weitere Materialien, privaten Ursprungs zu finden gibt. Es gibt noch Berge von Papieren aus der deutschen Kolonie, die im Verborgenen liegen.
Und dann habe ich ja auch die berühmte Liste aufgestellt, die hinten im Buch steht. Dazu ist ein großer Aufsatz in der Tageszeitung El Mercurio erschienen: Farías Liste, in Anspielung an den Film Schindlers Liste. Das ganze Land sucht jetzt Leute und das ist natürlich interessant. Übrigens ist eine der Firmen von der Liste, die mit den Nazis zusammenarbeitete, genau die Firma, die Rauff aufgenommen hat.

Wird es weitere Forschungsprojekte geben?

Mit der jüdischen Gemeinde in Santiago werde ich eine systematische Arbeit beginnen, ebenso mit dem von der Simon Wiesenthal Stiftung iniziierten Zentrum für Toleranz, das an den Holocaust erinnern will. Präsident Lagos hat für dieses Projekt schon ein Gelände zur Verfügung gestellt.
Außerdem sind Vorträge und Vorlesungen meinerseits, aber auch Seminare und Dissertationen an den Universitäten geplant.
Was die Leute selber machen werden? Ich weiss es nicht. Als Halb-Historiker und Halb-Philosoph bin ich weder optimistisch noch pessimistisch, sondern liefere die Sache so gut verpackt es geht, ohne Verfallsdatum. Ich werde weiter kämpfen, um die Tatsachen ans Licht zu bringen.

Wann wird voraussichtlich eine deutsche Übersetzung erscheinen?

Keine Ahnung. Es gibt diesen Verlag in Barcelona, der seine Kontakte in alle Richtungen spielen lässt. Ich hoffe sehr, dass es bald eine deutsche Übersetzung geben wird. Wahrscheinlich wird das aber noch eine Weile dauern.
Übrigens, ich habe Material genug für den zweiten Band. Es gibt zwei Aspekte, die bisher noch nicht berücksichtigt wurden. Zum einen müßte die gesamte Finanzpolitik, d.h. die Archive der Firmen und Banken beleuchtet werden.
Und ein zweiter riesiger Aspekt ist die Rezeption des Nazismus in Chile von 1933 bis 1945 in der politischen, sozialen, religiösen und institutionellen Presse. Diese Untersuchung wird vieles klären, sowohl rechts, wie auch links. Auch bei den Linken findet man viele Ungereimtheiten. So kämpfte zum Beispiel Pablo Neruda, anfangs konsequent gegen Nazideutschland und machte Propaganda. Damit hörte er schlagartig auf, als Ribbentrop und Molotov sich getroffen hatten. Dass Stalin mit dem Pakt aufhörte, gegen Hitler zu polemisieren, um sich selbst bewaffnen zu können, kann man verstehen. Aber dass Neruda in Chile auf die Bremse trat, das kann man nicht erklären. Er fängt erst wieder an als die Nazis in die Sowjetunion einmarschieren. Ich möchte diese lange Pause dokumentieren, weil es Licht bringt in unsere Gesellschaft. Wir brauchen keinen idealisierten Neruda oder Allende, sondern eine kritische Sicht auf Licht und Scheisse der gesamten chilenischen Gesellschaft.

Interview: Anja Witte, Nisha Anders und Olga Burkert

Die Nazis in Chile

Die Forschungen zum Nationalsozialismus einerseits, zu Südamerika andererseits, werden in der Bundesrepublik fast völlig getrennt betrieben. Obwohl zahlreiche VertreterInnen zum Beispiel der Chile-Solidaritätsbewegung ihr Verständnis und ihre Motivation aus der eigenen, der deutschen, Geschichte herleiten, wurden Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nur oberflächlich und an besonders neuralgischen Punkten in konkrete inhaltliche Verbindung zur Geschichte einzelner südamerikanischer Staaten gesetzt. Hinsichtlich der Beziehungen zwischen Deutschland und Südamerika sind die deutsche Einwanderung in einzelne Länder Lateinamerikas oder die wichtigen preußischen Einflüsse auf die Streitkräfte, insbesondere in Chile und Argentinien, allgemein bekannt und in zahlreichen Veröffentlichungen festgehalten.
Geht es allerdings darum, die Verbindung zwischen Deutschland und Südamerika in der Zeit des NS-Regimes zu thematisieren, beschränken sich die Veröffentlichungen bis auf wenige Ausnahmen auf das Thema südamerikanische Staaten als Exilländer für Flüchtlinge des NS-Regimes und später als Zuflucht für NS-Verbrecher. Bei der letztgenannten Thematik entwickeln sich allerdings nicht selten Mythen und aufgebauschte Sensationen und Legenden, wie in Zusammenhang mit der „Rattenlinie“ oder der Organisation „Odessa“. Kein Zufall: die in Europa begangenen Verbrechen „passen“ gut zu den Menschenrechtsverletzungen, die von den Diktaturen in Südamerika zu verantworten sind. Wenn ein Klaus Barbie alias Altmann in Bolivien für die Banzer-Diktatur tätig war, stellt sich die Frage, warum sollte ein Nazi-Verbrecher wie Walter Rauff in Chile nicht in engem Kontakt zur Colonia Dignidad gestanden haben, wo im Auftrag des chilenischen Geheimdienstes DINA chilenische Oppositionelle gefoltert wurden?
Das Wissen über die Verbindung des nationalsozialistischen Deutschlands mit Südamerika ist oft mehr ein Vermuten und eigene Schlüsse aus dem Vergleich zu anderen historischen Abschnitten der deutsch-südamerikanischen Beziehungen ziehen. So war zum Beispiel, angesichts der zahlreichen nach Argentinien geflohenen Nazis eine weit verbreitete Meinung, hier seien die Akzeptanz für das NS-Regime und die Anhängerschaft für die Auslandsorganisation der NSDAP innerhalb der deutschen Gemeinden im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern besonders hoch gewesen. Chile hingegen schien keinen guten Nährboden für das rassistische Gedankengut der Nationalsozialisten geboten zu haben. Schließlich waren es chilenische Institutionen gewesen, die NSDAP-Ortsgruppen zu einem relativ frühen Zeitpunkt untersagten.

Chile als Nährboden für NS-Ideologie

Víctor Farías hat nunmehr eine sehr umfassende historische Studie vorgelegt, die einerseits bestehende Vorurteile korrigiert und andererseits, und das ist ihr großer Verdienst, grundlegend über die Auswirkungen des Nationalsozialismus in Chile informiert. Grundlegend, weil Farías, obwohl er unter anderem wegen der zum Teil mangelhaften Quellenlage nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, einen Querschnitt durch alle wesentlichen gesellschaftlichen Bereiche erstellt. Die Anzahl der genutzten Dokumente ist in Anbetracht des sehr breit angelegten Themas des Buches nicht sehr hoch. Dafür konzentriert sich Farías auf umso aussagekräftigere und vor allem bislang unbekannte Dokumente, die weit reichende Rückschlüsse auf die allgemeine Befindlichkeit der jeweiligen Institution für den besagten Zeitraum zulassen.
Wie brisant die Akzeptanz der nationalsozialistischen Ideologie in verschiedenen chilenischen Institutionen tatsächlich ist, macht Farías deutlich, indem er die Ereignisse in Chile immer in Relation zu dem zeitgleichen Geschehen in Deutschland setzt. Dieser Logik folgend, beginnt das Buch mit einer Betrachtung der in der Verbreitung des NS-Gedankenguts im Ausland aktiven Institutionen und Organisationen, die in eine Beschreibung der Funktion des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin und des Institutsleiters General Wilhelm Faupel mündet.

NSDAP/AO Landesgruppe Chile

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte, Struktur und den Aktivitäten der NSDAP/AO Landesgruppe Chile, sowie der Rolle der deutschen Schulen und der deutschen Evangelischen Kirche konzentriert sich Farías auf die primären Adressaten, die Mitglieder der deutschen Kolonie in Chile, der zuvor beschriebenen Organisationen und ihrer Politik. Interessant ist in diesem Kapitel insbesondere, wie die Chilenen deutscher Herkunft und die in Chile lebenden Deutschen das rassistische Gedankengut der Nationalsozialisten in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Kontext propagandistisch weiter gaben. Fast absurd klingt es, wenn sie, die als Minderheit in Chile leben, betonen, von einer höherwertigen Rasse zu stammen, oder vor einer Vermischung des Blutes warnen. Wie groß die Akzeptanz für die rassistische Anthropologie der Nationalsozialisten allerdings nicht nur innerhalb der deutschen Kolonie ist, belegt Farías unter anderem mit bisher kaum gekannten Dokumenten zu medizinischen Experimenten an chilenischen Kindern im Deutschen Reich. Die Kinder, die aus Waisenhäusern, Armenschulen und Klöstern aus der Gegend von Concepción stammten, wurden auch mit Hilfe chilenischer Mediziner nach Deutschland gebracht.
In dem der Autor im Rahmen zweier Kapitel den Blick auf die Außenpolitik Chiles, die chilenisch-deutschen diplomatischen Beziehungen und die chilenischen Streitkräfte wirft, wendet er sich den Institutionen zu, die in Zusammenhang mit der Fragestellung nach Einflüssen des Nationalsozialismus auf ein Land üblicherweise untersucht werden. Das von ihm mit unterschiedlichen Dokumenten herausgearbeitete Bild, spiegelt die unverhohlene Bewunderung für das NS-Regime und seine „Leistungen“ seitens zahlreicher Vertreter sowohl der chilenischen Diplomatie als auch der Streitkräfte wieder. Wie sich diese Bewunderung in konkreten Aktivitäten zur Verbreitung der NS-Ideologie und zur Unterstützung der NSDAP/ AO Chile niederschlägt, macht Farías anhand zahlreicher Beispiele deutlich. Auch erfährt man hier, dass Pinochet bereits als junger Offizier die von Faupel mit dem eindeutigen Ziel der Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda innerhalb der lateinamerikanischen Streitkräfte herausgegebenen Zeitschrift „Ejército-Marina-Aviación“ abonnierte. Indem Farías allerdings eine 33 Namen umfassende „Schwarze Liste“ mit auf Seite der Alliierten stehenden chilenischen Offizieren veröffentlicht, weist er auch auf das Vorhandensein konträrer Positionen und die damit verbundene Ambivalenz zum Beispiel innerhalb der Streitkräfte hin.
Inhaltlich eng mit diesen Ausführungen verknüpft ist ein Kapitel, das sich mit den Bemühungen Nazi-Deutschlands beschäftigt, in Lateinamerika – hier Chile – einen strategisch wichtigen Stützpunkt gegenüber den USA unter anderem für den U-Boot-Krieg aufzubauen. Militärische, politische, wissenschaftliche und kulturelle Institutionen sollten zu diesem Zweck unterwandert werden, wie Farías in dem Kapitel „Nazi-Spionage in Chile“ anhand zahlreicher Fallbeispiele belegen kann. Darüber hinaus präsentiert Farías an dieser Stelle Berichte von unterschiedlichen US-amerikanischen Institutionen, die im Rahmen der ab 1942 von den USA in Chile durchgeführten Gegenspionage verfasst wurden und die eine Einschätzung der Aktivitäten der Nationalsozialisten wiedergeben.
Das letzte Kapitel „Musikalisches Intermezzo“, das näher auf die Einstellungen und Handlungen der Sängerin und Schauspielerin Rosita Serrano und des Pianisten Claudio Arrau im Deutschen Reich eingeht, ist erneut ein gelungener Versuch Farías, die große Bandbreite der gesellschaftlichen Bereiche, in denen es Beziehungen zwischen Chile und Nazi-Deutschland gegeben hat, darzustellen. Beide machten in Deutschland Karriere und konnten selbst in Zeiten, in denen jüdische Komponisten, Sänger und Schauspieler bereits lange verboten waren, vielumjubelte Auftritte feiern, die oft zu Propagandazwecken dienten. Damit räumt Farías insbesondere im Hinblick auf Claudio Arrau mit der in Chile verbreiteten Erzählversion auf, nach der Arrau sich deutlich vom NS-Regime und seinen Verbrechen distanziert haben soll.
Dass das Buch „Los nazis en Chile“ in seiner ersten Auflage binnen weniger Tage in Chile vergriffen war, lag aber im Wesentlichen am Epilog und an dem etwa dreißig Seiten langen Dokumentenanhang. Der Epilog „Der SS-Standartenführer Walter Rauff in Chile: Salvador Allende, Simon Wiesenthal und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ enthält nach einer Einführung zur Person Rauffs zwei Briefe. Einer ist die Bitte von Simon Wiesenthal um Revision der 1963 in Chile getroffenen Entscheidung Walter Rauff nicht auszuliefern, der andere ist die Antwort von Salvador Allende, der sich aus formal-juristischen Gründen entschließt, die Ablehnung der Auslieferung nicht aufzuheben und damit der Bitte von Wiesenthal nicht entspricht.
Bei den im Anhang abgedruckten Dokumenten handelt es sich zu einem großen Teil um Mitgliederlisten der NSDAP Chile. Aus interessierten Kreisen in Chile hört man, die Linken würden das Buch wegen des Briefes von Salvador Allende, die Rechten wegen der Mitgliederlisten kaufen. Wenn auch nicht in dieser Plattheit, so ist doch auffällig, dass das Schreiben Salvador Allendes Enttäuschung bei der einen, eine gewisse Häme bei der anderen Seite hervorruft. Die Mitgliederlisten scheinen für alle eine Möglichkeit zu sein, Verdachtsmomente oder Zweifel zu überprüfen.
Reduzierte man es auf Epilog und Anhang, würde man dem Buch von Farías allerdings nicht einmal annähernd gerecht. Minuziös recherchiert, liefert sein Werk einen wichtigen Beitrag über ein Thema, das bislang weit gehend unerforscht geblieben ist.
Ohne das Vorangegangene einzuschränken, sei allerdings auch darauf hingewiesen, dass dieses 586 Seiten umfassende Werk, zumal noch nicht in deutscher Sprache erschienen, auch etwas an „Lesearbeit“ erfordert. Zwar versteht auch der im Hinblick auf das NS-Regime und seine Strukturen eher unkundige Leser durch die von Farías immer wieder vorgenommene Rückkoppelung zur Entwicklung in Deutschland und die teilweise sofort durchgeführte Übersetzung einzelner Begriffe die beschriebenen Sachverhalte. Dennoch bedarf es gerade im Hinblick auf die genutzten Dokumente selbst für die des Spanischen im Allgemeinen mächtigen LeserInnen einer Gewöhnung an das fachspezifische Vokabular.

Victor Farías: Los Nazis en Chile. Seix Barral, Barcelona 2000. 586 S.

Der Fall Boris Weisfeiler und die Colonia Dignidad

Boris Weisfeiler, ein 1941 in Moskau geborener russischer Jude war begeisterter Wanderer und floh 1975 zu Fuß über Sibirien aus der UdSSR. Er wurde US-amerikanischer Staatsbürger und erhielt eine Professur für Mathematik an der Harvard-Universität. Seine Kollegen schildern ihn als „wirklichen Athleten“ und „streng konservativen“ Antikommunisten.
Am 25. Dezember 1984 flog Weisfeiler nach Chile. Im südchilenischen Antuco begann er eine seiner einsamen Wanderungen. Weisfeiler konnte kaum Spanisch. Während der mühsamen Unterhaltung mit einem Schafhirten deutete Weisfeiler auf seiner Landkarte auf sein Reiseziel San Fabian de Alico. „Aber San Fabian de Alico ist zufällig auch der Südzugang des unzugänglichen Eigentums der Colonia Dignidad“, heißt es später in einem vertraulichen US-Bericht. Nach einigen Kilometern Marsch wurde Weisfeiler von dem Bruder des Schafhirten gesehen, der dies den Carabinieros (bewaffnete Militärpolizei) meldete. Alle Fremden sollten dort gemeldet werden, hatte man ihm gesagt. Die Carabinieros veranlaßten, daß eine Armeepatrouille ausgeschickt wurde, die aus vier Soldaten bestand.
Am 5. Januar 1985 wurde Weisfeiler zum letzten Mal gesehen. Die Carabinieros schlossen aus Fußspuren und dem durchnäßten Rucksack, der am Ufer eines Flusses lag, daß er beim Versuch, diesen Fluß zu überqueren, ertrunken sei. Die Fundstelle ist etwa zehn Kilometer von der Colonia Dignidad entfernt.
Die US-Botschaft schickte daraufhin zwei „Konsularbeamte“, einen Mann und eine Frau in die Region. Die Frau war nach einem Zeitungsbericht Mitarbeiterin des CIA. Die US-Beamten konnten Weisfeilers Schicksal zwar nicht aufklären, stießen aber auf eine Reihe von Widersprüchen. So heißt es in ihrem Bericht – der nach der Freedom of Information Act freigegeben wurde, an vielen Stellen aus Geheimhaltungsgründen allerdings unleserlich gemacht wurde – daß ein Bauer, der ausgesagt hatte, in der Nähe des gefundenen Rucksacks Fußspuren gesehen zu haben, später einräumte, er habe diese Aussage unter Druck gemacht.

Berichte unleserlich gemacht

Aus einer verläßlichen Quelle erfuhren die US-Beamten, daß Weisfeiler versucht hatte, den Fluß an einer Stelle, wo es eine primitive Kabelfähre gab, zu überqueren, daß aber eine Gruppe Soldaten ihn daran hinderte. Der Fährmann hatte hingegen ausgesagt, er habe niemanden gesehen. Die US-Beamten bemerkten, daß die Carabinieros „äußerst besorgt darüber waren, daß politische Extremisten über die argentinische Grenze kommen könnten, um nach San Fabian oder San Carlos zu gelangen“.
Im April 1985 wurden drei und wenig später ein weiterer der fünf Carabinieros, aus der die Garnison in der abgelegenen Gegend bestand, versetzt; der fünfte wurde im August zwangsweise in den Ruhestand versetzt.
Der Besitzer des Hotels, in dem Weisfeiler zuletzt übernachtet hatte, sagte laut den US-Dokumenten, Weisfeiler habe seine Rechnung mit einer Visa-Card beglichen. Der Betrag wurde jedoch nie von Weisfeilers Konto abgebucht. Mitte 1985 hielt sich eine Gruppe von Agenten des CNI, der Nachfolgeorganisation der DINA, in der Gegend auf. Die chilenische Mathematikergesellschaft, die von Weisfeilers Kollegen um Hilfe gebeten worden war, antwortete mit einem wenig diplomatischen Schreiben: „Die Möglichkeit, daß Dr. Weisfeiler in die Colonia Dignidad gegangen ist, kann ausgeschlossen werden, denn diese ist mehr als 100 Kilometer von der Stelle entfernt, wo er zuletzt gesehen wurde“– eine offenkundige Fehlinformation.
In einem Telegramm der US-Botschaft in Santiago vom Oktober 1985 heißt es, der „Fall Weisfeiler nimmt eine sehr ernste Wendung“. Da das Dokument an vielen Stellen unleserlich gemacht wurde, wird nicht klar, worin diese Wendung besteht. Auf die Frage, ob Weisfeiler in der Colonia Dignidad verschwunden sein könnte, gab die US-Botschaft die Antwort, darüber wisse sie nichts. Im Januar 1988 sandte sie in Santiago ein vertrauliches Telegramm an das US-Außenministerium, in dem berichtet wird, daß ein Konsularbeamter am 8. Januar 1988 einzeln mit vier der Carabinieros gesprochen hatte, die zur Zeit des Verschwindens Weisfeilers in der Gegend stationiert waren. Offenbar waren diese auf das Gespräch vorbereitet worden. Sie machten keinen Hehl daraus, daß Weisfeiler „mehr als nur ein Tourist“ gewesen sei. Die Carabinieros widersprachen sich in einigen Punkten. Die vier Armeesoldaten, die Weisfeiler gesucht hatten, waren nie vernommen worden.
In seinem neuesten Buch „Colonia Dignidad – ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals“ (Frankfurt am Main, 1998) erwähnt Gero Gemballa ein internes Funkgespräch zwischen Sicherheitsleuten der Colonia Dignidad. Aus diesem Gespräch geht nach Gemballa hervor, daß die Colonia Dignidad Weisfeiler „unter die Kartoffeln“ und „auf den Friedhof“ gebracht hat (Seite 106). Ein ehemaliger chilenischer Heeressoldat, der angibt, innerhalb der Colonia Dignidad Dienst getan zu haben, teilte der US-Botschaft Ende 1997 in einem anonymen Brief seine Version des spurlosen „Verschwindens“ von Boris Weisfeiler mit. Nach dieser Version wollte Weisfeiler 1984/85 im Auftrag des israelischen Geheimdienstes Mossad den KZ-Arzt Josef Mengele aus der Colonia Dignidad herausholen. Eine chilenische Militärpatrouille habe ihn verhaftetet und einem Kommando der Colonia Dignidad übergeben. Paul Schäfer habe ihn „wild verhört“ und danach durch einen Genickschuß ermordet. Die US-Regierung nimmt den anonymen Hinweis ernst und hat eine gerichtliche Untersuchung verlangt. Dieser Prozeß wurde eröffnet. Der anonyme Brief ist Teil des Schriftsatzes der US-Botschaft.

Quelle: La segunda, 9.2.98, Ercilla 23.2.98 und die erwähnten, vom US-Außenministerium teilweise freigegebenen Dokumente.

KASTEN:
Leserbrief:

In Pinochets Sommerresidenz „veschwanden“ politische Gefangene
Pinochet ist nicht nur als Ex-Diktator und Oberbefehlshaber für das spurlose „Verschwinden“ politischer Gefangener verantwortlich, sondern auch als Hausherr. Dies berichtet ein ehemaliger chilenischer Offizier in mehreren unveröffentlichten Interviews, die eine Fülle überprüfbarer Einzelheiten enthalten und auf Band festgehalten sind. Nach diesem Bericht war Pinochets Sommerresidenz, ein Küstenort namens Bucalemu, in den Jahren 1974/75 einer der Orte, zu denen Gefangene gebracht wurden, die dann „verschwanden“. Sie wurden am Hubschrauberplatz dieser Residenz in Leinensäcke verpackt, in Hubschrauber (die französischen Pumas) verladen und von diesen aus ins Meer geworfen. Viele dieser Gefangenen kamen aus dem Lager innerhalb des nahegelegenen Militärstützpunktes Tejas Verdes, dessen Kommandant damals Geheimdienstchef Manuel Contreras war. Contreras war einige Zeit lang fast täglich in Bucalemu. Die Wachsoldaten von Tejas Verdes übergaben die Gefangenen in einer Garage rechts von der Einfahrt zur Residenz an eine Vernichtungseinheit des Geheimdienstes DINA. Der interviewte Ex-Offizier hat persönlich Gefangene dort abgeliefert. Es wurde auch gefoltert. Danach entschied die DINA, ob sie am Leben gelassen oder ermordet wurden. Einer der Offiziere, die mit diesem „Verschwindenlassen“ zu tun hatten, hieß Vitalua. Ein Offizier der Leibwache Pinochets, Javier Miguel Toro, war in dieser Zeit in Bucalemu stationiert und weiß ebenfalls über das „Verschwinden“ der Gefangenen. Auch der Militärarzt Dr. Orieto war häufig dort. Zu den Contreras unterstellten Offizieren in Tejas Verdes gehörte Juan Morales Salgado, der später Offizier des Geheimdienstes DINA wurde und die Leibwache Contreras’ befehligte. Morales hatte in den Wochen nach dem Putsch in Linares und anderen Orten Südchiles politische Gefangene „verschwinden“ lassen und war Verbindungsmann zur Colonia Dignidad.
F.P. Heller

Was kommt nach der Würde?

“Ein später, aber teurer Sieg der Wahrheit“ betitelte Amnesty International die Presseerklärung. Amnesty darf jetzt das wieder, was der Organisation vor 20 Jahren durch eine Einstweilige Verfügung verboten worden war: zu behaupten, daß in der Colonia Dignidad im Auftrag der chilenischen Militärregierung gefoltert worden ist. Juristisch muß dazu noch die vom Kölner Oberlandesgericht bestätigte Einstweilige Verfügung aufgehoben werden. Damit ist in Kürze zu rechnen. Das Urteil hat einen faden Beigeschmack, denn das Gericht hat nicht etwa in der Sache entschieden, sondern die Klage lediglich deswegen zurückgewiesen, weil beide Klägerorganisationen rechtlich nicht mehr existieren. Amnesty International wird höchstwahrscheinlich auf den für den Prozeß bisher ausgegebenen 160.000 DM sitzenbleiben, denn Organisationen, die nicht mehr existieren, können schlecht auf Zahlung der Gerichtskosten verklagt werden.
Für das weitere Schicksal der Colonia Dignidad, deren Mitglieder und deren Opfer stellt sich ein weiteres Problem. Es ist eine Frage der Zeit, bis der eigentliche Führer der Kolonie der Würde, Paul Schäfer, der sich seit fast einem Jahr versteckt hält, verhaftet wird. Was aber geschieht, wenn die Siedlung ohne Führung ist? Wie viele alte Wunden werden aufbrechen? Wie viele Panikreaktionen wird es geben? Fast alle deutschen und chilenischen BewohnerInnen der Siedlung sind Opfer Schäfers, wenn auch einige von ihnen seine Verbrechen gedeckt oder gefördert haben. Schäfer kontrolliert die Arbeit, die Gedanken, die Gespräche und die Sexualität seiner Anhänger. Die SiedlungsbewohnerInnen haben Jahrzehnte oder sogar ihr ganzes Leben hinter dem Siedlungszaun verbracht und kennen weder Deutschland noch Chile. Sie können, bis auf die Führungsgruppe und die in Chile zur Schule gegangenen Kinder, kein Spanisch und haben keine anerkannte Schul- und Berufsausbildung. Viele haben keine Alterssicherung. Die „Not- und Interessengemeinschaft für die Geschädigten der Colonia Dignidad“ hat bereits erklärt, daß die Mehrzahl der Angehörigen in Deutschland nicht in der Lage ist, ihre Verwandten aufzunehmen, und daß deshalb zumindest für eine „Übergangszeit die Lebensgrundlage der Bewohner … auf dem Gelände der Colonia Dignidad“ erhalten bleiben müsse. Auch die chilenischen Behörden und Menschenrechtsorganisationen stehen vor dem Problem, was sie mit der Siedlung einmal anfangen sollen, wenn diese kein Staat im Staate mehr ist. Es liegt nahe, die SiedlungsbewohnerInnen, die bleiben wollen, weiter in der florierenden Landwirtschaft zu beschäftigen und langsam mit den Realitäten der heutigen Gesellschaft vertraut zu machen. Die Colonia Dignidad könnte als ökologisches Gemeinschaftsgut mit einer starken therapeutischen Stütze weitergeführt werden. Berufliche Qualifikation und sichere Rentenansprüche müßten das urchristliche Gemeinschaftsunternehmen, das Schäfer aufzubauen vorgab, ergänzen und nach und nach zu einem Wirtschaftsunternehmen mit geregelten Arbeitsverhältnissen und geregelten Besitzanteilen für die AnwohnerInnen machen.
Unter den vielen tausend Folteropfern, die die Pinochet-Diktatur hinterlassen hat, verdienen die überlebenden Gefangenen des DINA-Folterzentrums in der Colonia Dignidad besondere Beachtung. Es gibt allein in der südchilenischen Stadt Talca etwa 80 von ihnen, meist gebrochene Menschen mit schweren gesundheitlichen und familiären Problemen. Fast alle haben durch die Haft ihre Arbeitsstellen verloren. Noch schwerer hat es die Angehörigen der „Verschwundenen“, die nicht aus der Haft zurückgekehrt sind, getroffen. Die Pinochet-Diktatur hat hunderte politischer Gefangener „verschwinden“ lassen. Viele von ihnen wurden zuletzt in der Colonia Dignidad gesehen. Einige dieser „Verschwundenen“ haben das Martyrium offensichtlich überlebt und geben sich jetzt als ehemals Verschwundene zu erkennen. Die Ehepartner und Kinder der „Verschwundenen“, die nicht zurückgekommen sind, haben neben dem Verlust von Mann, Frau, Vater oder Mutter besondere Schwierigkeiten in der Altersversorgung und Berufsausbildung oder Studienfinanzierung zu verkraften, wenn der Geldverdiener in der Familie ermordet wurde. Da die politischen Gefangenen auf dem Privatgelände und unter dem Schutz, wenn nicht gar mit aktiver Beteiligung der Colonia Dignidad gefoltert wurden, haben sie einen moralischen und vielleicht auch einen juristischen Anspruch auf Linderungen wenigstens ihrer materiellen Probleme gegen den Rechtsnachfolger der Colonia Dignidad. Es bietet sich an, einen Hilfsfonds zu gründen, der von Vertretern der Opfer- und Menschenrechtsorganisationen verwaltet wird. Ziel sollte es also sein, mit einem Hilfsfonds aus den Mitteln der aufgelösten Colonia Dignidad sowohl den unterdrückten ehemaligen Sektenmitgliedern als auch den chilenischen Folteropfern und ihren Verwandten Unterstützung zu gewähren.
Darüber hinaus muß ein zumindest zeitlich begrenztes Dokumentationszentrum errichtet werden. Wenn der Ring des Schweigens und der Lüge, der die Colonia Dignidad umgibt, einmal aufgebrochen ist, wird eine Menge neuer mündlicher und schriftlicher Informationen auszuwerten sein. Schon jetzt gibt es weit mehr Material über die Siedlung als ausgewertet werden konnte. In dem Buch „Colonia Dignidad – Von der Psychosekte zum Folterlager“ von Friedrich Paul Heller sind Beweise und Vermutungen weit größerer Verbrechen als bisher bekannt beschrieben bzw. angedeutet worden. Möglicherweise ist die Wirklichkeit sogar noch erschreckender. Das Thema Colonia Dignidad ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie alltägliche Gewalt und die entfesselte Gewalt einer Militärdiktatur, Politik und Verbrechen, Folter und Sektenwahn ineinanderspielen. Die Sicherung und Auswertung der Dokumente ist ein Teil der Aufarbeitung des Themas Colonia Dignidad und ein substantieller Beitrag zur Folterverhütung und Menschenrechtspädagogik.
Wir fordern daher, nach dem Ende der Colonia Dignidad einen materiellen Hilfsfonds für die deutschen Sektenopfer und die chilenischen Folteropfer der Colonia Dignidad einzurichten. Daneben muß ein Dokumentationszentrum „Colonia Dignidad“ errichtet werden.

Die Festung wankt

Derzeit werden in Chile mehr als dreißig Gerichtsverfahren mit unterschiedlichen Vorwürfen gegen Mitglieder der Colonia Dignidad geführt. Gegen Paul Schäfer besteht seit August 1996 ein internationaler Haftbefehl wegen Kindesmißbrauchs. Mittlerweile liegen Klagen wegen Vergewaltigung von sieben chilenischen Kindern vor. Der Sonderrichter Hernán Gonzáles Garcia ermittelt außerdem wegen eines angeblichen Jagdunfalls 1987, bei dem ein 14-jähriger Junge mit einem Schuß aus Paul Schäfers Waffe getötet wurde, Der Junge wurde auf dem privaten Friedhof der Kolonie beerdigt, ohne daß die Polizei benachrichtigt wurde. 27 Klagen gegen Kolonie-Bewohnerlnnen sind wegen Steuerhinterziehung in einer Höhe von 2,8 Mio DM erhoben worden.
Am 9. Mai 1997 durchsuchte die chilenische Polizei die Kolonie zum ersten Mal. Sie kam aber nicht wie angekündigt mit 2.000 Mann. Lediglich dreißig Beamte ersuchten am Haupteingang höflich Einlaß, inspizierten Wasser-und Telefonleitungen, Hühnerställe und einige Kellerräume und zogen wieder ab. Mittlerweile ist das Gelände neunmal vergeblich durchsucht worden. Die größte Aktion fand am 18. Juni statt. 600 Carabineros tauchten vor den Toren der Colonia Dignidad auf, 250 davon durchsuchten elf Stunden lang einen Teil des 1 300 Quadratkilometer großen Geländes mit Hubschraubern, Spürhunden und Metalldetektoren. Der Kommandant der Polizei, Mario Flores, gab an, nach „Personen, Sprengstoff und Material gesucht“ zu haben. Gefunden wurde allerdings nichts. Dies nährt den Verdacht, daß die chilenische Polizei, die auf Orts- ebene immer einen sehr guten Draht zur Führungsclique der Sekte hatte, auch gar kein Interesse am Auffinden von Paul Schäfer hat.
Möglicherweise fürchtet sie auch eine blutige Eskalation. Es ist bekannt, daß die Sekte mindestens
150 Schußwaffen unterschiedlichen Kalibers und mehrere Schnellfeuergewehre hat.

Im Juni 1997 demonstrierten dann vor den Toren der Colonia Dignidad Angehörige von verschwundenen chilenischen politischen Gefangenen. Die Beweise dafür, daß zwischen 1974 und 1976 etwa 100 politische Gefangene in der Kolonie gefoltert und ermordet wurden, sind inzwischen erdrückend. Angehörige der Kolonie griffen die Demonstrantlnnen mit einer Wasserkanone und Steinen an. Der öffentliche Druck war in Chile so stark, daß der Sonderrichter seit Anfang August 1997 nun auch beauftragt ist, die Morde an den politischen Gefangenen aufzuklären. Bei den Angreifern handelte es sich um chilenische „Amigos“ der Colonia Dignidad. Sie wurden für einige Zeit in Untersuchungshaft genommen. Auch Hartmut Hopp (53), zweiter Mann der Sekte, Arzt und Leiter des Krankenhauses der Kolonie, hat in diesem Jahr chilenische Gefängnisse von innen kennengelernt. Ende Juli sollte er in Parral vor Gericht er-scheinen, um in einem Prozeß gegen ihn wegen illegaler Adoption eines chilenischen Kindes auszusagen. Er setzte sich in die argentinische Stadt Mendoza ab und kam nach zwei Tagen ohne seinen Adoptivsohn Michael zurück. Er wurde bei seiner Rückkehr verhaftet, aber schon nach einem dreistündigen Verhör wieder freigelassen. Michael sollte in dem Verfahren gegen Paul Schäfer aussagen. Am
9. August 1997 wurde Hopp erneut verhaftet und nach drei Wochen gegen eine geringe Kaution freigelassen, da dem Gericht die Beweise für eine Komplizenschaft Hopps mit Paul Schäfer nicht aus-reichten.
Zwei Flüchtlinge
Mitte Juli gab es den schwersten Schlag für die Colonia Dignidad. Dem 24-jährigen Tobias Müller, der aus Gronau in Deutschland stammt, und dem 18-jährigen Chilenen Zalo Luna gelang die Flucht aus dem Lager. Gegenüber der Presse (Interview mit dem SPIEGEL 33/ 1997) bestätigten die beiden die schlimmsten Vorwürfe im Hinblick auf das interne Terrorsystem der Sekte. Müller, von seiner Mutter in die Kolonie geschickt, war 14 Jahre lang in den Händen der Colonia Dignidad, Luna zehn Jahre lang. Müller bestätigte, von Paul Schäfer vergewaltigt und mehrere Jahre mißbraucht worden zu sein. Dies sei bei den Jungen der Sekte üblich. Männer, Frauen und Kinder lebten getrennt in den jeweiligen Gruppen. Sie berichteten von unmenschlich harter Arbeit, ständiger gegenseitiger Kontrolle, Mißtrauen untereinander und blinder Ergebenheit gegen Paul Schäfer. Die Gruppe sei von Nachrichten völlig ab-geschnitten, denn es gebe kein Radio und keine Zeitung. Nur fünf Leute dürften einen Fernseher haben. Die
Mitglieder der Sekte verachteten die Demokratie und die Parteien, von den Christdemokraten bis zu den Kommunisten. Militärregime würden befürwortet. Zahlreiche Jugendliche der Sekte seien fanatische Anhänger des Militärlebens. Sie bewunderten „deutsche Soldaten“ und deren ,,kriegerische Fähigkeiten“ (Die Welt vom 12.8.1997). Paul Schäfer sei immer noch in der Kolonie, zeige sich aber nur gegenüber den Sektenmitgliedern und verstecke sich in den Wäldern des Landguts. Die Flucht hatten Müller und Luna unter extremer Geheimhaltung seit Jahren geplant. Für den Fall, daß sie erwischt worden wären, hatten die Freunde verabredet, bis zum letzten zu kämpfen, da sie anderenfalls ins sekten eigene Krankenhaus gesteckt und mit Psychopharmaka vollgepumpt worden wären. Durch eine solche „Behandlungn waren in der Vergangenheit mehr-fach Abweichler zu menschlichen Wracks gemacht worden. „Oppositon ist Selbstmord“, faßte Müller das Klima in der Colonia Dignidad zusammen. Müller ist inzwischen in Deutschland. Luna, der mit Müller nach Deutschland gereist war, ist nach Chile zurückgekehrt.
Die Aussagen der beiden Flüchtlinge haben in Chile weitere Vorwürfe aufkommen lassen. Mehrere Bäuerlnnen aus der Umgebung erklärten gegenüber dem staatlichen chilenischen Fernsehen TVN, ihren Kindern seien im Krankenhaus der Kolonie die Hoden entfernt worden. In eine ähnliche Richtung gehen die Vorwürfe des deutschen Journalisten Gero Gemballa in seiner Dokumentation „Die Kinder der Colonia Digniddad“ (ARD 27.8.1997). Gemballa mutmaßt über Menschenexperimente und künstliche Befruchtung in der Sekte. Eine Art nationalsozialistischer „Lebensborn“ könnte aufgebaut sein.
Politischer Druck wird jetzt auch in Chile erzeugt. Das chilenische Parlament forderte nach einer Debatte am 20. August 1997 mit klarer Mehrheit die Ausweisung der Sektenmitglieder, gegen die kein gerichtliches Verfahren läuft. Wenige Tage später erklärte der chilenische Präsident Eduardo Frei allerdings, daß eine Ausweisung der Sekten- mitglieder nicht in Frage komme. juristisch ist in Chile erst einmal wieder ein Stillstand eingetreten. Da Schäfer bis zum heutigen Tage nicht gefaßt worden ist, ist das gegen ihn angestrengte Gerichtsverfahren Ende September vorübergehend einstellt worden, da nach der chilenischen Prozeßordnung ohne den Angeklagten nicht verhandelt wer-den darf. Der Haftbefehl bleibt aber weiterhin in Kraft.

Deutscher Haftbefehl gegen Schäfer
In Deutschland ist eine Behörde aus ihrer jahrelangen Lethargie erwacht: Die Staatsanwaltschaft in Bonn. Sie hat einen Haftbefehl gegen Paul Schäfer wegen sexuellen Kindesmißbrauchs beantragt. Am 18. September 1997 hat das Amtsgericht Siegburg den Haftbefehl erlassen. Ein solches Verfahren hätte es schon 1988 geben können, als Hugo Baar und Georg und Lotti Packmor aus der Sekte geflüchtet waren und detaillierte Berichte über das interne Terrorregime des Paul Schäfer geliefert hatten. In juristischer Sicht ist auf deutschem Boden ein neu- er Aktionsplatz gegen die Kolonie eröffnet worden, während ein uralter bald nicht mehr existieren wird. Im Frühjahr 1977 hatte die Sekte amnesty international und die Zeitschrift Stern auf Unterlassung der Behauptungen verklagt, die Colonia Dignidad sei ein Folterlager des chilenischen Geheimdienstes.
Bis zum heutigen Tage ist gegen amnesty international eine Einstweilige Verfügung in Kraft, die der Organisation verbietet zu behaupten, was alle Welt weiß: daß die Colonia Dignidad ein Folterlager der DlNA war. Nach anfänglichen zahlreichen Zeuglnnenvernehmungen und einem Ortstermin in Chile im Jahre 1988 dümpelte der Prozeß jahrelang vor sich hin. Man stritt sich um Übersetzungen und Formalia.
Nach 13 Jahren war der Termin am 10. Oktober 1997 im Saal 13b des Bonner Landgerichts die erste öffentliche Verhandlung. Vor den drei Richtern der 15. Kammer stapelten sich Akten, denen man ihr Alter von 20 Jahren schon von weitem ansehen konnte. Wäre es an diesem Morgen nicht um Folter und Mord gegangen, hätte man der 25 Minuten dauernden Verhandlung eine heiter-absurde Seite abgewinnen können. Sätze wie: „Ich verweise auf meinen Antrag vom 19.12.1978″, waren aus dem Mund des Rechtsanwalts Classen zu hören. Am Tag zuvor hatte Anwalt Classen, der jahrelang die chilenische Klägerin „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ und den deutschen Ableger „Private Sociale Mission e.V . vertrat, einen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens gestellt. Man solle bitte warten, bis in Chile die Prozesse um die 199 1 angeordnete Auflösung der Colonia Dignidad entschieden seien. Die Sekte versucht nämlich zur Zeit mit Verfahren vor
unteren Gerichten, die Auflösungsanordnung der chilenischen Regierung, die inzwischen höchstrichtlich bestätigt wurde, anzugreifen.
Ob Rechtsanwalt Classen heute noch den deutschen Kläger „Private Sociale Mission“ vertreten kann, ist ebenfalls sehr zweifelhaft. Der verbliebene Teil der Sekte in Deutschland hatte nämlich 1995 amnesty international und dem Stern mit der Begründung ablehnen wird, daß sie wegen Nicht- Parteifähigkeit der Klägerinnen unzulässig geworden sind.
Es war offensichtlich: Das Gericht sieht sich nicht in der Lage und war auch nicht bereit, die mittlerweile erdrückenden Beweise zu würdigen und per Gerichtsurteil
dem Amtsgericht Siegburg mitgeteilt, daß die Mitgliederzahl des Vereins unter drei gesunken sei. Daraufhin entzog das Amtgericht dem Verein im August 1995 die Rechtsfähigkeit und stellte diese Entscheidung sogar in Chile der Colonia Dignidad zu. Während Rechtsanwalt Classen noch im Februar 1996 argumentierte, daß der Klägerverein weiterbestehe, hatte die Sekte hinter seinem Rücken den Laden schon aufgelöst. Diese Schizophrenie vermochte auch das Landgericht nicht einzusehen. Es deutete an, daß es beide Sektenvereine für nicht mehr parteifähig in diesem Prozeß ansehe. Eine Entscheidung wurde für den 18.1 1 ,1997 angekündigt. Es spricht viel dafür, daß das Gericht die Klagen gegen festzustellen, daß die Colonia Dignidad ein Folterlager der DlNA war. Alles deutet auf einen Sieg von amnesty ,und dem Stern aus formalen Gründen hin. Amnesty international wird wohl trotz des Prozeßsiegs auf seinen 150.000 DM Prozeßkosten sitzen bleiben, die
sie dem Gericht als Vorschuß für zahlreiche Zeugen, Übersetzungsdienste usw. zu leisten hatte. Nachträglich muß sich amnesty international fragen lassen, ob es nicht den Prozeß zu unpolitisch und zu zurückhaltend betrieben hat. Es wäre das erste Mal gewesen, daß ein ausländisches Gericht die Terrorherrschaft der Pinochet-Diktatur und ihrer Helfer in der Colonia Dignidad verurteilt hätte.
Jürgen Karwelat

Der unendliche Prozeß

Das Aktenzeichen 3 O 123/77 wird in die Geschichte der deut­schen Justiz eingehen als Kürzel für einen der längsten Zivilpro­zesse, die es in diesem Land je gegeben hat. Nach 20 Jahren be­findet sich der Prozeß, der am 25. Mai 1977 seinen Anfang nahm, noch immer in der ersten Instanz vor dem Landgericht in Bonn.
Die bemerkenswerte Dauer des Prozesses hängt auch mit der außergewöhnlichen Tatsache zu­sammen, daß ein deutsches Ge­richt Untersuchungen darüber an­stellen mußte, ob in Chile zur Zeit Pinochets im Auftrag des chilenischen Geheimdienstes DINA gefoltert und gemordet wur­de – und zwar mit Hilfe der deutschen Sekte Colonia Digni­dad. Im März 1977 hatte die deutsche Sektion von amnesty international in der Broschüre „Colonia Dignidad – Deutsches Mustergut in Chile – ein Folter­lager der DINA“ drei Zeugen­aussagen zusammenge­tragen, die be­legten, daß die Colonia Digni­dad der Geheimpolizei DINA dabei behilflich gewesen war, nach dem Putsch in Chile im Sep­tember 1973 politische Geg­ner zu foltern und zu ermorden. Ein entsprechender Artikel der Journalisten Kai Hermann und Hero Buss erschien am 17.3.1977 in der Illustrierten STERN. Über einen Monat lang war die Colonia Dignidad Ge­gen­stand zahlreicher Veröffent­lichungen und Fernsehberichte, ohne daß die Sekte darauf reagierte. Erst als amnesty international für den 23. April 1977 eine Infor­ma­tions­veranstaltung in Sieg­burg, dem Sitz der Sekte in Deutsch­land ankündigte, bean­tragte diese den Erlaß einer Einstweiligen Verfügung gegen amnesty inter­natio­nal, mit der sie sogar Erfolg hatte, und verklagte am 27. April 1977 den STERN und am 25. Mai 1977 amnesty international auf Unterlassung der Behaup­tungen. Die Sekte stritt schlicht alles ab.

Ein schleppender Prozeß

Dies war der Beginn eines zum Teil absurden Prozeßver­laufs, der zum einen durch Quer­schüsse und Verfahrenstricks der Kläger und der chilenischen Mi­litärregierung und zum anderen durch offensichtliches Desinte­resse des Bonner Landgerichts an der Beschleunigung des Verfah­rens gekennzeichnet ist. Darüber hin­aus scheint auch amnesty in­ternational nach eini­gen Jahren das Interesse an die­sem Prozeß, mit dem ein dunkles Kapitel der chilenischen Militär­diktatur auf­geklärt werden könnte, verloren zu haben.
Nach Einlegung der Klage durch die „Sociedad Benefactora Y Educacional Dignidad“, Chile, und der „Privaten Sozialen Mis­sion e.V.“, Siegburg, der deut­schen Restgruppe der Sekte, muß­ten ai und der STERN Be­weise für ihre Behauptungen lie­fern. 1978/79 präsentierte ai ins­gesamt neun Zeugen. Es waren sie­ben ehemalige politische Ge­fangene, die allesamt aussagten, in der Colonia Dignidad gefoltert worden zu sein. Außerdem wur­de ein ehemaliger Geheim­dienst­agent präsentiert, der be­richtete, mehr­fach Gefangene in die Ko­lo­nie transportiert zu ha­ben. Zu den Örtlichkeiten wurde auch ein Polizeibeamter aus Brühl be­fragt, der einen Bruder und sei­nen Vater in der Kolonie hatte und als Besucher dort ge­wesen war.

Viele Zeugen – kein Urteil

Die geschilderten Einzelhei­ten und Ortsbeschreibungen der Gefangenen, die alle mit verbun­den­en Augen in die Kolonie transportiert worden waren, reich­ten dem Landgericht als Beweis nicht aus, auch nicht die als Tonbandprotokoll vorlie­gen­de Aussage des 1977 ermor­deten ehemaligen DINA-Agen­ten Juan René Muñoz Alarcón, dem be­rüch­tig­ten Kapuzenmann aus dem Nationalstadion, der politi­sche Gegner identifizierte, die anschließend gefoltert wur­den. Kurz vor seiner Ermordung hatte Alarcón in einer Lebens­beichte dem katholischen Solida­ritäts­vikariat berichtet, daß er in der Colonia Dignidad an der Er­mor­dung von politischen Gefan­gen­en beteiligt gewesen war.
Das Bonner Landgericht er­ließ am 22.1.1980 einen umfang­reichen Beweisbeschluß, der die Über­prüfung der Zeugenaussa­gen vor Ort, also in Chile, zum Gegenstand hatte. Mitte 1981 lehn­te die chilenische Regierung unter Pinochet dieses Ansinnen mit dem Hinweis auf die rechtli­che Souveränität Chi­les ab. Prof. Dr. D. Blumenwitz von der Uni­versität Würzburg leistete der Sekte und der chile­nischen Dik­tatur Hilfe durch ein entspre­chendes Rechtsgutachten. Dar­auf­hin beschloß das Gericht, die Unter­suchungen „in Amts­hilfe“ von einem chilenischen Gericht durchführen zu lassen. Es folgte ein Hin- und Herschie­ben der Akten zwischen Deutschland und Chile über fast fünf Jahre. Immer wieder wur­den Überset­zungen angezweifelt und neue Unterlagen angefor­dert. Im Herbst 1987 wurde dann endlich die erste Zeugenverneh­mung durch das chilenische Ge­richt vorgenom­men. In Deutschland kam es derweil im Februar 1988 zu einer Anhörung im Unter­ausschuß des Deut­schen Bundes­tages zum Thema Colonia Dig­nidad, bei der nicht nur das brutale Vorge­hen der Sekten­spitze gegenüber den ein­fachen Mitgliedern of­fenbar wur­de, sondern sich auch die Zu­sammenarbeit mit den Geheim­diensten bestätigte. Drei geflo­hene Sektenmitglieder schilder­ten Einzelheiten über Gefangene, Waffenkäufe und ge­stohlene Fahr­zeuge von politi­schen Ge­fangenen.

Ortsbegehung

Im Eindruck dieser Enthül­lungen fand im April 1988 schließlich der Lokaltermin in der Colonia Dignidad statt, der weltweit Aufmerksamkeit er­reg­te. Unter Beobachtung von 40-60 JournalistInnen führte eine chi­le­ni­sche Richterin die Unter­suchungen durch, bei der sie sich an dem umfangreichen Fragen­katalog des Bonner Landgerichts halten mußte. Für Chile war dies eine Premiere, denn hier sollte ein chilenisches Gericht im Auf­trag eines ausländischen Gerichts überprüfen, ob der chilenische Ge­heimdienst gefoltert und ge­mordet hatte – und dies zu einer Zeit, als die Pinochet-Diktatur noch an der Macht war. Obwohl die Sekte und der Geheimdienst 11 Jahre lang Zeit hatten, die Spuren zu beseitigen, wurden zahl­reiche Details der Zeugen­aussagen bestätigt. Seitdem ist in dem Prozeß praktisch nichts ge­schehen. Die Aussagen und Protokolle der chilenischen Rich­terin wurden nach Deutsch­land geschickt. Ein erneutes Ge­plänkel über die Form der Über­setzungen begann.
In Chile hingegen gab es meh­rere Untersuchungen und eine nicht zu überblickende Zahl von Straf- und Zivilverfahren ge­gen die Colonia Dignidad bzw. von der Sekte angestrengte Ver­fah­ren. Im März 1991 stellte die so­genannte Rettig-Kommission des neu gewählten demokratischen chile­nischen Parlaments fest, daß die Colonia Dignidad Folterort der DINA war.

Haftbefehl gegen Paul Schäfer

Vor einigen Monaten geriet die Colonia Dignidad erneut in die Schlagzeilen: Gegen den Sektenführer Paul Schäfer liegt ein Haftbefehl vor, da er be­schul­digt wird, mehrere Jungen sexuell mißbraucht zu haben. Ende Mai durchsuchte die Poli­zei erfolglos das Sektengelände, um den Flüchtigen, der bereits mit Selbstmord gedroht hat, fest­zunehmen. In verschiedenen anderen Verfah­ren geht es um Steuer­hinterzie­hung, Betrug, Zollvergehen und Entführung.
Am 18. März 1993 wurde der Sociedad Benefactora Y Educa­cional Dignidad durch den christ­demokratischen Präsiden­ten Aylwin endgültig der Rechts­status entzogen. Die Gesellschaft ist aufgelöst. Die Sekte war al­lerdings so schlau, vor dieser Entscheidung praktisch alle Vermögensgegenstände der Gruppe auf neu gegründete Ge­sellschaften zu übertragen. Fak­tisch existiert die Colonia Digni­dad weiter.
Für den Zivilprozeß bedeutet dies jedoch, daß amnesty inter­national und dem STERN die Prozeßgegner abhanden gekom­men sind, denn auch der deut­sche Arm der Sekte in Siegburg existiert nicht mehr.
Amnesty international und der STERN haben jetzt das Bonner Landgericht aufgefordert, nach der gegebenen Aktenlage zu ent­scheiden, denn für Beide besteht die absurde Situation, daß es ih­nen auf Grund der Einstweiligen Verfügung von April 1977 unter­sagt ist, die Colonia Digni­dad als Folterlager zu bezeich­nen, ob­wohl dies mittlerweile All­ge­mein­wissen ist.

Späte Hilfe

So kann es doch noch dazu kommen, daß nach über 20 Jah­ren ein deutsches Gericht bestä­tigt, daß nach dem Militärputsch in Chile 1973 die deutsche Sekte Colonia Dignidad den chileni­schen Geheimdienst dabei unter­stützt hat, politische Gegner zu foltern, zu ermorden und ver­schwinden zu lassen. Es ist eine (fast zu) späte Hilfe für die vielen ehemaligen politischen Ge­fangenen in Chile, die die Aufklärung der Verbrechen der Pinochet-Diktatur und ihrer Hel­fer fordern.

KASTEN

Späte Gerechtigkeit

Das hätten wir nicht ge­dacht! Als wir vor 20 Jah­ren In­for­ma­tio­nen darüber sammel­ten, daß die deut­sche Sekte Colo­nia Di­gni­dad dem chilenischen Ge­heim­dienst DINA ihr rie­siges land­wirtschaftliches Gut zur Ver­fügung gestellt hatte, um politische Gegner zu foltern und zu ermor­den, hatten wir die Hoff­nung, daß diese Ter­ror­gruppe, die auch ihre eige­nen Mit­glieder wie Sklaven behan­del­te, bald auffliegen würde. Jetzt scheint die Verhaftung des Sektenfüh­rers Paul Schäfer end­lich kurz bevor zu stehen.
Nie in meinem Leben ist mir eine solch merkwürdige Kom­bi­nation von pseudo-re­ligösem Fa­na­tismus, Per­fektion von Über­wa­chungs­systemen, wirt­schaft­lich­em Erfolg und Drei­stig­keit beim Lü­gen begegnet.
Daß diese Psychoterror­gruppe, die auch vor Mord nicht zurückschreckte, so­lange be­ste­hen konnte, hat verschiedene Grün­de. Jah­relang hat sie die Pinochet-Diktatur als Verbünde­ten ge­habt, die natür­lich kein Interesse daran hatte, ihre Helfer auffliegen zu lassen. Auch der langjährige Ge­heimdienstchef Ma­nuel Con­tre­ras ist Freund der Colonia Dignidad.
Durch milde Gaben an die unmittelbare Umge­bung, sicher­lich auch Schmiergeldzahlungen und Wohltaten an lokale Grö­ßen, hatte sich die ver­schrobene Sekte auch eine örtliche Macht ge­schaffen. In der Region ist die Colo­nia Dignidad ein Wirt­schafts­faktor. Nicht zuletzt hat die deutsche Botschaft dem Trei­ben der rechten Sek­te jahrelang ta­ten­los zu­gesehen.
Auch in Deutschland hatte die Sek­te einflußrei­che Freunde, meist aus Bayern – von der CSU. Zwei Hochschulprofesso­ren, die der CSU naheste­hen, Lothar Bossle und Dr. Dieter Blumen­witz haben die Sekte jahrelang unter­stützt.
Daß die Sekte unter der Führung des heute 76-jäh­rigen Paul Schäfer mittler­weile wankt, liegt nicht an deren Verbrechen kurz nach dem Militärputsch 1973. Schon 1992 hat eine chilenische Parlaments­kom­mis­sion festgestellt, daß in der Kolonie politische Ge­fangene ge­foltert und er­mor­det worden sind. Paul Schäfers Terrorregime schei­tert jetzt, 40 Jahre nach seinem Entstehen, an der sexu­ellen Perversion ihres Führers, der chileni­sche Jungen sexuell miß­braucht hat. Erst bei diesen Vorwürfen wurde die chile­nische Öffentlichkeit hell­hörig. Sexu­eller Mißbrauch von Kindern und Jugend­lichen, das war auch der Grund für Paul Schäfer, mit seinen Getreuen 1961 Hals über Kopf Deutschland zu verlassen.
Es bleibt zu hoffen, daß nicht nur diese Straftaten aufgeklärt werden, sondern auch das Ver­schwinden von mehreren dut­zend, vielleicht sogar mehreren hundert poli­tischen Gefangenen der Pinochet-Dik­tatur, die in der Colonia Dignidad ge­wesen sind. Wir haben wie­der einmal Hoff­nung auf späte Ge­rechtigkeit.
Für die deutschen Be­hörden bleibt die Aufgabe, sich um etwa 200 deutsche Staatsangehörige zu küm­mern, die intensive psycho­logische Betreuung brau­chen, weil sie zum Teil ihr gan­zes Leben un­ter der Terror­herschaft einer men­schen­ver­ach­ten­den Sekte ver­bracht haben.

Kindesmißbraucg in der „Kolonie der Würde“

Eine Frau hatte Schäfer im Juni 1996 beschuldigt, ihren Sohn sexuell mißbraucht zu haben. Ob es zu einer Verhaftung und einem späteren Prozeß kommen wird, bleibt abzuwarten. Im Laufe der mittlerweile 35-jährigen Geschichte der Sekte auf chilenischem Boden hat es ihr Führer Paul Schäfer immer wieder geschafft, Verhaftungen und Nachprüfungen zu entgehen. Schon 1961, noch in Deutschland, war Paul Schäfer wegen Kindesmißbrauchs angezeigt worden. Die Staatsanwaltschaft in Bonn kam damals nicht mehr dazu, die Ermittlungen erfolgreich zu Ende zu führen. Bevor weitere Kinder gehört und Schäfer verhaftet werden konnte, hatte er sich bereits nach Chile abgesetzt. Seine Anhänger folgten ihm später. Dort tauchte er erst einmal auf dem großen Landgut der Sekte unter. Offiziell war er wieder aus Chile ausgereist. Die Sektenmitglieder erklärten, er sei tot. Erst nachdem die Delikte verjährt waren, leugnete die Sekte nicht mehr die Existenz ihres Führers, der bis heute darauf bedacht war, nie eine offizielle Funktion in der Sekte wahrzunehmen. An den Vorwürfen der chilenischen Mutter wird es keinen Zweifel geben. Ehemalige Sektenmitglieder bestätigen, daß sich Schäfer auch in Chile an Jungen vergangen hat. Zwei „Springer“, wie sie in der Sektensprache genannt wurden, mußten ihn ständig begleiten.
Noch immer leben in der Colonia Dignidad, nahe der Provinzstadt Parral in Südchile, 250 deutsche Staatsangehörige und 50 Chilenen. Ende 1995 waren schon einmal Haftbefehle gegen zwei führende Mitglieder der Sekte, Herman Schmidt und Kurt Schnellenkamp, wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe ergangen.

Die Colonia Dignidad als Folterlager der DINA

Diese Haftbefehle waren offensichtlich die Folge des Abschlußberichtes des „Untersuchungsausschusses zur Auflösung der Rechtspersönlichkeit der Colonia Dignidad“ des chilenischen Abgeordnetenhauses vom 15. November 1995. Die Verhafteten kamen gegen Zahlung einer Kaution frei. Die Kommission unter Leitung des sozialistischen Abgeordneten Jaime Naranjo hatte zahlreiche Verstöße gegen chilenische Gesetze festgestellt, auch wegen nicht gezahlter Steuern. Zur Unterdrückung der Rechte der Gruppenmitglieder hatte die Kommission festgestellt: „Es scheint weiterhin starke Einschränkungen der individuellen Bewegungsfreiheit der Einwohner der früheren Kolonie und im Briefgeheimnis zu bestehen.
Zu der Tatsache, daß die Colonia Dignidad nach dem Pinochet-Putsch im Jahre 1973 als Folterlager der DINA diente, sagte der Kommissionsbericht nichts. Darum bemüht sich eine Gruppe von etwa 80 ChilenInnen, die damals von der Geheimpolizei verhaftet, in die Colonia Dignidad verschleppt und dort gefoltert worden waren.
Derweil lebt die Colonia Dignidad weiter. Zwar hatten die Berufungen gegen die Auflösung der „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ durch das Justizministerium vom 31.1.1991 keinen Erfolg, die Sekte hatte jedoch schon vorher sämtliche Vermögensgegenstände und Grundstücke auf andere Gesellschaften, die im Eigentum von Sektenmitgliedern standen, übertragen, so daß das Auflösungsdekret praktisch ins Leere lief.
(Die LN haben über die Colonia Dignidad seit Jahren immer wieder berichtet, zuletzt in den LN 227, im Dezember 1989 gab es ein Sonderheft und im Januar 1988, Nr. 166, ein Schwerpunktheft zur Colonia Dignidad)

Von der Psychosekte zum Folterlager

„Von der Banalität des Bösen“ könnte man das neue Buch über die Colonia Dignidad in Chile auch nennen. Das wievielte Buch über diese verschrobene deutsche Sekte, die zur Helferin des chilenischen Geheimdiestes DINA und zur Folter- und Mordassistentin wurde, ist es eigentlich?
Seitdem die etwa 300 Köpfe zählende Sekte unter ihrem Führer Paul Schäfer 1961 Hals über Kopf von Deutschland nach Chile ausreiste, weil Schäfer von der Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Miß­brauchs von Sektenkindern gesucht wur-de, stand die Gruppe in Chile mehrfach im Mittelpunkt von Skanda­len. Flucht, Prü-gel, Freiheitsberau­bung, psychische und physische Ab­hängigkeit der Sekten-mitglieder, Folter und Mord gemeinsam mit dem Pino­chet-Geheim­dienst DINA waren die Stichworte.
Allein in Chile sind min­destens zwei Ro-mane und vier Sach­bücher über die Psy-chosekte erschie­nen. Neben den Ver­öf-fentlichungen von Amnesty Internatio­nal 1977 und der Lateinamerika-Nachrichten 1980, 1988 und 1989 ist hier in Deut-schland vor allem das etwas zu schnell ge­schriebene und deshalb mit Detailfeh­lern behaftete Buch „Colonia Dignidad – ein deutsches Lager“, Reinbeck 1988, von Gero Gemballa zu nennen. Die Zahl der Fernsehberichte und längerer Zei­tungs-artikel geht in die Dutzende. Auch ein Spielfilm („Die Kolonie“ von Orlando Lübbert, BRD 1985) ist ent­standen.
F. Paul Heller geht die Sache jetzt auf 306 eng beschriebenen Seiten gründlich an, mit Personenregister und Chronik und vielleicht etwas zu gründ­lich. Er sucht Antworten auf die Frage: Wie kommt es, daß eine ursprünglich christlich orientierte Gruppe – der Großteil der Mitglieder stammt aus ei­nigen Baptisten-Gemeinden in Nord­deutschland – zur Terrortruppe nach innen und außen wird? Die Kapitel „Theologie des Terrors“, „Christentum und Folter“ und „Gott und Teufel“ machen Erklärungsversuche. „Arbeit ist Gottes­dienst“ ist eines der wichtigsten „Glaubensbekenntnisse“ von Paul Schäfer. Schweigen gegenüber anderen Sektenmit­gliedern und gegenüber Au­ßenstehenden bei gleichzeitiger voll­ständiger Offen­legung aller Gedanken und Gefühle ge­genüber dem Sekten­führer sind die Herrschafts-instrumente, mit denen die Gruppe auf Gedeih und Verderb zusam­mengeschweißt worden ist.
Es wird ein Psychogramm der Gruppe ge­zeichnet, und es werden auch Verbin­dungen zwischen der ver­steckten ideolo­gischen und theologi­schen Basis der Gruppe und einem „esoterischen Hitlerismus“ einiger Freunde der Colonia Dignidad herge­stellt. Das ist schwer ver­daulich. Was den Wert des Buchs aus­macht, ist zum einen die Darstellung der Colonia Dignidad als Ort der Folter von politischen Gefangenen und als Ausbil­dungslager für den chilenischen Geheim­dienst. Zum anderen sind die zahlreichen bisher unveröffentlichten Dokumente spannend, weil sich die LeserInnen mit ihnen ein eigenes Bild vom Innenleben der Psychosekte und von der Terror-ideologie des Geheimdienstes machen kann.
Während des Putsches 1973 und in den Monaten danach sind in Chile einige tausend Gegner der Pinochet-Diktatur verhaf­tet worden und danach spurlos ver­schwunden. Der Autor präsentiert nun im Kapitel „Das Massaker“ und „Das Arbeitslager“ konkrete Zeugenaussagen über die Ermordung von etwa 100 so­genannten Verschwundenen in der Nähe der Colonia Dignidad an einem Berg mit dem Namen Monte Mara­villa. Monte Ma-ravilla war ein Ar­beitslager, das die Colonia Dignidad mit einem Teil der chilenischen Streit­kräfte (höchstwahr-scheinlich war dies die DINA) unterhielt. Nachden im Buch zusammengetragenen Aussagen bestand das Arbeitslager aus Fertig­baracken und Zelten. Dieses Lager, in dem bis zu 100 Gefangene unterge­bracht gewesen sein sollen, soll noch bis 1978, also 5 Jahre nach dem Mili­tärputsch bestanden haben. Die Arbeit, die auch nachts geleistet werden mußte, bestand in Steineschleppen und Graben. Soweit der Autor recherchie­ren konnte, sind alle, die dort gefangen gehalten wurden, bis heute „verschwunden“.
Zu den dort Ermor­deten zählt wahrscheinlich auch der 1974 verhaftete und verschwundene Chileno-Franzose Alfonso Chanfreau, dessen Schicksal ausführlich dargestellt wird. Erschreckend die Geschichte der ehemaligen Freundin Chanfreaus, die wie er zum linksre-volutionären MIR gehörte und nach Ver-haftung und Folter DINA-Agentin wurde. Jetzt führen die aus dem französischen Exil zurückgekehrten Eltern Chanfreaus einen Prozeß, um die Mörder ihres Sohnes dingfest zu machen. Einer der Folterer Chanfreaus, Osvaldo Romo, wurde in-zwischen von Brasilien ausge­liefert und sitzt nun in Chile in Un­tersuchungshaft. Das Buch bietet eine Fülle von Einzel-heiten, die es manchmal schwer machen, den Über­blick zu bewahren. Grausame Doku­mente sind abgedruckt, so z.B. die Empfehlungen eines Militärarztes 1973, wie mit den Anhängern der Unidad-Popular-Regierung umzugehen sei. Sie wurden in heilbare und unheilbare Ex­tremisten eingeteilt, die Unheilbaren soll-ten deportiert und schließlich „neutra-lisiert“, also ermordet werden. Betroffen macht auch die Lebens­beichte des DINA-Agenten Rene Mu­ñoz Alarcón, der kurz nach dem Mili­tärputsch im National-stadion alte Par­teifreunde der Sozia-listischen Partei identifizierte und der nach eigener Aussage in der Colonia Dignidad an Verhör- und Folterkursen teilnahm.
Grausig und dunkel sind auch die di­rekten Dokumente aus der Colonia Dignidad, die von einem krankhaften Verfolgungswahn zeugen. Häufig ver­fahren sie nach der Methode, die Beschuldigungen schlicht umzudrehen und die Verfolgten zu Verfolgern zu machen. Projektion nennen die Psy­chologen so etwas. Das „Protokoll der Außerordentlichen Generalversamm­lung“ vom 26.10.1985 ist ein beredtes Dokument über die Denkweise der Sekte. Nach der Flucht dreier wichtiger Gruppenmitglieder, u.a. von Hugo Baar, der jahrelang der Leiter des zu­rückgebliebenen Außenpostens der Gruppe in Siegburg war, wurde dieses Protokoll verfaßt, um mit den Flüchti­gen abzurechnen. Baar wird als gel­tungssüchtiger hysterischer Psychopath bezeichnet. Psychoterror, Bespitzelung, Post- und Telefonkontrolle werden ihm vorgeworfen. Praktiken, die für Baars damaliges Verhalten treffend ge­wesen sein mögen, die aber wahr­scheinlich in noch größerem Ausmaß auch für die Colonia Dignidad in Chile zugetroffen haben.
Am Ende des Buchs stellt sich die Frage, was jetzt aus der Colonia Dignidad wird. Immer wieder in neue rechtliche Formen mu­tiert, existiert die Gruppe unter Sek­tenführer Paul Schäfer seit Mitte der 50er Jahre. Zwei große Skandale mit zwei parlamentarischen Untersuchun­gen (Chile 1967 und Deutschland 1988) hat die Gruppe unbeschadet überstanden. Als Helferin der Pino­chet-Diktatur jahrelang gut geschützt, dann aber auch in Chile in die öffent­liche Kritik geraten und im Februar 1991 formell aufgelöst, besteht die verschrobene Sekte weiter, weil sie ihr Eigentum rechtzeitig in neue Gesell­schaften von Sektenmitgliedern über­führt hat.
Wird es eines Tages eine Befreiung der von ihrer Führung un­terdrückten Sekten mitglieder geben? Wird eines Tages die ganze Wahrheit über die Kollaboration der Colonia Dignidad mit dem Geheimdienst ans Licht kommen? Werden die Mörder und Helfer gerichtlich zur Verantwor­tung gezogen werden können? Gewisse Chancen bestehen jetzt. Die chileni­sche Justiz hat inzwischen den frühe­ren Geheimdienstchef und Freund der Colonia Dignidad, Manuel Contreras, zu 7 Jahren Haft verurteilt. Dies geschah jedoch nicht für die Straftaten, die er zu­sammen mit der Colonia Di­gnidad began­gen hat, sondern wegen der Ermordung des ehemaligen Außenministers Or­lando Letelier, der 1976 einem Bom­benattentat in Washington zum Opfer fiel. Ob die gegen die Colonia Digni­dad angestrengten Prozesse jemals ein Ende finden werden, bleibt zweifelhaft. Der Autor jedenfalls wagt keine Pro­gnose.

Friedrich Paul Heller, Von der Psy­chosekte zum Folterlager, ISBN 3-926369-99-X, DM 29.80 Schmetterling Verlag, Stuttgart 1993

Exil zwischen Solidarität und Bevormundung

Der Militärputsch am 11. September 1973 ist nicht nur ein für die chilenische Geschichte einschneidendes Ereignis, sondern er markiert auch den Beginn für die größte Flucht und Migrationsbewegung in Lateinamerika seit den Unabhängigkeitsbestrebungen Anfang des 19. Jahrhunderts. Schätzungen der chilenischen Menschenrechtsorganisation CODEPU (Comite de Defensa de los Derechos del Pueblo) zufolge haben in den Jahren nach dem Militärputsch insgesamt 1,6 Millionen ChilenInnen ihre Heimat verlassen, außerdem mehr als 700.000 ArgentinierInnen nach dem Staatsstreich im Jahr 1976. Schließlich folgten die Fluchtbewegungen aus Uruguay und Peru mit jeweils rund 500.000 Menschen.
Das politische Exil hat in den siebziger und achtziger Jahren die lateinamerikanischen Migrationsbewegungen bestimmt. Heute hat die Emigration dagegen ihre eindeutig politische Konnotation verloren. An die Stelle der offenen Gewaltanwendung gegenüber politisch Andersdenkenden ist die Gewalt der neoliberalen Wirtschaftspolitik getreten. Die Menschen fliehen nicht mehr primär vor dem Militärterror und den Todesschwadronen, sondern vor der wirtschaftlichen Verelendung, von der heute bis zu 40 Prozent der Bevölkerung betroffen sind.
In diesem Sinne ist eine klare Trennung in politische Flüchtlinge und die vielfach diskriminierten Armutsflüchtlinge gar nicht möglich und erweist sich als ethnozentrisches und interessengeleitetes Konstrukt.

Deutsch-chilenische Migration

Mit dem Putsch 1973 wurde Deutschland zum Einwanderungsland für exilierte ChilenInnen. Man sollte aber nicht vergessen, daß schon seit der Unabhängigkeit Chiles 1818 immer wieder große Migrationsbewegungen stattgefunden haben, allerdings in umgekehrter Richtung, von Deutschland nach Chile. Zunächst kamen durch die Anwerbung des chilenischen Staates und deutscher Handelsunternehmen zahlreiche deutsche Siedlerfamilien, die das Handwerk in den großen Städten modernisierten und vor allem die IndianerInnengebiete südlich des Flusses BioBio für die Landwirtschaft nutzbar machen sollten.
Seit der chilenischen Staatsgründung hat es fünf große Einwanderungswellen aus Deutschland gegeben: Die erste große Fluchtbewegung erfolgte nach der Revolution von 1848, die zweite nach der Verkündung der Sozialistengesetze unter Bismarck 1878; sie hielt bis Ende der 80er Jahre an. In diesem Jahrhundert löste die Wirtschaftskrise in den 20er Jahren erneut eine große Auswanderungsbewegung aus. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer weiteren starken Migration nach Chile. Während das Land zunächst flüchtende NazigegnerInnen und jüdische EmigrantInnen aufnahm, tauchte hier nach dem Krieg eine große Zahl von
SS-Angehörigen und Nazigrößen unter, deren Verbindungen zu den Reichsdeutschen im Süden Chiles seit jeher sehr gut waren.

Exil in der Bundesrepublik

Mit dem Putsch vor zwanzig Jahren wurde nun also das Einwanderungsland Chile über Nacht zum Auswanderungsland. Was hätte sich da mehr angeboten, als Zuflucht in den Herkunftsländern der Vorfahren zu suchen? Doch diese schlossen nach einem ersten Ansturm von Flüchtlingen ihre Botschaften in Santiago (mit Ausnahme Spaniens, das die Einreise ohne Reisepaß und Visa ermöglichte), obwohl die Medien voll von grauenhaften Berichten über Menschenrechtsverletzungen in Chile waren und internationale Kommissionen zu folgenden Untersuchungsergebnissen kamen: „Die Praktiken der Folter und Hinrichtungen werden derart systematisch angewandt, daß sie an Völkermord grenzen, wie er von den Vereinten Nationen definiert wurde“.
Zwar beschloß das bundesdeutsche Kabinett noch im Oktober, daß den ChilenInnen unbürokratisch geholfen werden sollte, doch schließlich wurde nur die Aufnahme eines Kontingentes von 2.000 ChilenInnen zugesagt. Im Rahmen dieser Quotenregelung durften in die Bundesrepublik aber ausschließlich inhaftierte ChilenInnen einreisen, deren Prozesse bereits abgeschlossen waren und deren Haftstrafen in Landesverweise zwecks Ausreise umgewandelt werden konnten. Aber gerade die Gefangenen ohne rechtskräftiges Urteil waren der Folter und der Gefahr des ‚Verschwindens‘ besonders ausgesetzt. Diesen Menschen hätte also besonders geholfen werden müssen.
In der Folge kam es zu erbitterten Kontroversen zwischen Bundesregierung und einzelnen Bundesländern, als diese ihre Zusage zur Aufnahme der Verfolgten mit den unterschiedlichsten Bedingungen verknüpften. Während das Saarland und Bayern die Aufnahme kategorisch verweigerten, stellte BadenWürttemberg folgende Forderungen: „Die Bundesregierung muß unbedingt sicherstellen, daß von der Aufnahme Angehörige extremistischer und anarchistischer Gruppen und darüberhinaus solche Personen ausgeschlossen sind, deren Ziel die Beseitigung des demokratischen Verfassungsstaates ist“.
Angesichts dieser Logik, mit der die ChilenInnen als ‚Sicherheitsrisiko‘ stigmatisiert wurden, war es dann nur konsequent, daß ein Vertreter des Verfassungsschutzes aus Köln die Sonderkommission der Bundesregierung im November nach Santiago begleitete, um bei der Befragung der Verfolgten anwesend zu sein, was schon damals eine eklatante Verletzung beziehungsweise Nichtbeachtung des Artikels 16 des Grundgesetzes war. Trotz scharfer Proteste von SPD, Diakonischem Werk, Amnesty International und Chile-Komitees kam es zu den Verhören der chilenischen Flüchtlinge in Santiago, und erst nach der Zustimmung des Verfassungsschutzes wurde den ersten 23 ChilenInnen Mitte Dezember 1973 die Ausreise erlaubt.
Angesichts der breiten Debatten über das ‚Sicherheitsrisiko‘ und die Übernahme der Kosten für die Aufnahme der chilenischen Flüchtlinge zeigte sich, daß je reicher ein Land ist, desto perfekter auch sein Machtapparat zur Ausgrenzung der Fremden funktioniert.

Koordinierung der Chilesolidarität

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Ineffizienz staatlicher Strukturen kam es bereits Ende 1973 zu einer Koordinierung der ChileKomitees mit Amnesty International, an der sich bereits im Mai 1974 auch die Stiftung Mitbestimmung der Gewerkschaften (heute HansBöcklerStiftung) beteiligte, um den Flüchtlingen über die Vergabe von Stipendien oder Arbeitsverträgen die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen. Viele Gemeinden der Evangelischen Kirche halfen mit Notunterkünften aus, zur Überbrückung wurden Sach und Geldspenden mobilisiert, und die chilenischen Flüchtlinge wurden persönlich betreut und bei ihren Wegen zu den Ämtern begleitet.
Innerhalb weniger Monate wurde so eine effiziente Struktur für verfolgte ChilenInnen errichtet, die nicht unter die Regelungen des staatlichen Kontingentes fielen. In Einzelfällen wandte sich sogar die deutsche Botschaft mit der Bitte um Hilfe an die ChileKoordination. Neben der breit gefächerten praktischen „Integrationsarbeit“ leisteten die Komitees vorrangig eine offensive Öffentlichkeitsarbeit, die die Lage in Chile sowie das Verhalten der Behörden in der Bundesrepublik thematisierte. Ohne diesen Druck, der gemeinsam von Gewerkschaften, Diakonischem Werk, Amnesty International und ChileKomitees ausgeübt wurde, und der eine positive Resonanz in den öffentlichen Medien fand, wäre es sicherlich nicht zur Aufnahme der circa 4.000 Exil-ChilenInnen gekommen, die in den folgenden Jahren Schutz in der Bundesrepublik fanden. Denn nach wie vor mahlten die Mühlen der staatlichen Aufnahmeverfahren – inzwischen in der Kompetenz des Innenministeriums- äußerst langsam.
„Während es in England oder den Niederlanden etwa sechs bis zwölf Wochen dauerte, und manche skandinavischen Staaten in dringenden Fällen innerhalb von Stunden Einreisevisa erteilten, benötigten die deutschen Behörden wegen der eingehenden Sicherheitsprüfungen häufig ein dreiviertel oder gar ein volles Jahr“.
Als Beispiel für den Erfolg der internationalen Öffentlichkeitsarbeit sei an den Fall der Gefangenen Gladys Diaz erinnert, die mehrfach gefoltert und vergewaltigt wurde und tagelang spurlos aus den Gefängnissen verschwand, sowie an die Prozesse der Holzarbeiter von Panguipulli, die für einen nicht nachgewiesenen Überfall auf eine Polizeistation Höchststrafen zu erwarten hatten. In beiden Fällen konnte die Ausreise erwirkt werden.
Im Zentrum der Aktivitäten der privaten bzw. nicht-staatlich organisierten Solidaritätsaktionen stand die Basisarbeit in Komitees und Nicht-Regierungs-Organisationen in den vielfältigsten Formen und auf verschiedensten Ebenen, weniger die Lobby-Arbeit.
Getragen von der Überzeugung einer notwendigen Solidarität mit Verfolgten und dem klaren Feindbild einer Militärdiktatur ist es nach und nach zu einer Übernahme staatlicher Aufgaben durch die Solidaritätsbewegung gekommen, die sich heute unter anderem in dem Nichtvorhandensein offizieller Daten oder einer analytischen, inhaltlich bewertenden Stellungnahme zum chilenischen Exil ausdrückt. Selbst nach ausgiebigen Recherchen war es nicht möglich, offizielle Daten über die chilenischen Flüchtlinge in Deutschland zu erhalten. Zwar gibt es eine allgemeine Bevölkerungsstatistik, die unter anderem auch die Zahl der chilenischen Bürger in Deutschland aufweist. Diese enthält jedoch weder Hinweise auf die Verhältnisse während der Ein und Ausreise, noch gibt sie Aufschluß über die Einreisegründe.
Hochrechnungen chilenischer und internationaler Menschenrechtsorganisationen ergeben aber eine relativ gleiche Zahl, nämlich ca. 1600 anerkannte politische Flüchtlinge bei einer Gesamtzahl von 6000 chilenischen Staatsbürgern in der Bundesrepublik. Diese Zahl von rund 6000 Flüchtlingen ist weitgehend konstant geblieben, weil die seit 1984 verstärkt einsetzende Rückkehr von Exil-ChilenInnen durch den Zuzug von Familienangehörigen, Studenten oder Arbeitssuchenden ausgeglichen wurde.

Ende des Exils

Mit dem Plebiszit im Jahr 1988, mit dem die chilenische Bevölkerung die Beendigung der Militärregierung und die Rückkehr zu demokratischen Politikformen einleitete, war die politische Begründung des chilenischen Exils nicht mehr gegeben. Die Verteidigung der Menschenrechte muß heute nur noch in Einzelfällen vor Gerichten eingeklagt werden und nur in einigen wenigen Fällen muß die Rückkehr von Flüchtlingen, deren Militärgerichtsprozesse in Chile noch anhängig sind, weiterhin erkämpft werden. Somit kann man sagen, daß das chilenische Exil mit der Regierungsübernahme durch Präsident Aylwin im März 1990 beendet wurde. Heute gilt es, in Chile selbst die psychischen Wunden und die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Diktatur zu heilen, beziehungsweise deren menschenrechtsverletzenden Charakter anzuklagen und ihre Ursachen zu beseitigen.

Die Integration

„Das Exil wurde uns mit Gewalt aufgezwungen. Wir wurden gezwungen, unser Land zu verlassen. Es war eine nicht gewollte Erfahrung, eine ungerechte und unendliche Strafe, ohne irgendwelche rechtfertigenden Gründe. Das Exil gehört zu den gravierenden Verletzungen der Menschenrechte des Pinochetregimes“.
In dieser kurzen Aussage wird bereits der zentrale Unterschied benannt, der das Exil von jeder anderen Form der Migration unterscheidet und der das Leben der Menschen als Exilierte grundlegend charakterisiert. Es ist der Gewaltcharakter, der zur Folge hat, daß Menschen aus ihren politischen, beruflichen und familiären Zusammenhängen gerissen werden und sich gegen ihren Willen und ohne ihr Zutun, oftmals völlig unvorbereitet, in einer völlig fremden Gesellschaft wiederfinden, zu der sie keine Beziehungen haben, deren Menschen in anderen Sozialisationsmustern handeln, von denen sie sich tendenziell ausgeschlossen fühlen; die eine ihnen fremde Sprache spricht und dadurch die Herstellung von normalen Alltagsbeziehungen ungemein erschwert.
Obwohl diese Charakteristika des Exils zunächst alle gleichermaßen betrafen, gab es im Umgang mit den Problemen große Unterschiede, z.B. zwischen jüngeren und älteren Flüchtlingen: Es war erstaunlich, mit welchem Pragmatismus sich erstere in die Universitäten einschrieben, sich um Umschulungen beziehungsweise Lehrberufe bemühten und in kürzester Zeit über das notwendige Beziehungsnetz verfügten, um die Sprache zu lernen und an Gelder heranzukommen.
Frauen haben vielfach, nachdem sie sich in den ersten Jahren total auf den Zusammenhalt der Familien konzentrierten, eigenständige Entwicklungen genommen, sich stark mit den deutschen Sozialisationsmustern auseinandergesetzt und an selbständigen Beziehungen zu deutschen Freundinnen gearbeitet. Viele haben sogar Ausbildungsgänge erfolgreich abgeschlossen, während Männer sich oft, nach den ersten bestätigenden Erfahrungen als Vertreter revolutionärer Bewegungen, in ihrer traditionellen Rolle in Familie und Gesellschaft zu behaupten suchten.
Zudem hat es deutliche Unterschiede im Aufeinanderzugehen zwischen den deutschen, mehrheitlich mittelständisch geprägten Mitgliedern der Solidaritätsbewegung sowie den exilierten ChilenInnen akademisch-mittelständischer oder proletarischer Provenienz gegeben. Besonders im ersten Jahr, als hauptsächlich StudentInnen und AkademikerInnen ankamen, gab es ein unausgesprochenes Einverständnis, sich gegenseitig als gleich anzuerkennen und über die „gemeinsame Sache“ zu kommunizieren. In den Folgejahren, als nach und nach immer mehr GewerkschaftsführerInnen und ArbeiterInnen flüchteten, funktionierte dies nicht mehr so bruchlos. Man achtete viel stärker auf Distanz, was für viele chilenische Familien einem zweiten Exil gleichkam, d.h. sie wurden hierdurch tendenziell auf ihre eigenen Familien oder ihre chilenischen Vertretungsorganisationen zurückgeworfen.
Quer durch alle Schichten und Untergruppen des chilenischen Exils läßt sich sagen, daß ein Hauptproblem für viele in den ersten Jahren war, überhaupt zu akzeptieren, daß das Exil möglicherweise von längerer Dauer sein würde. Denn dieses anzuerkennen bedeutet nicht nur, seinem Leben eine andere berufliche und politische Perspektive zu geben, sondern vor allen Dingen zu akzeptieren, daß es „das Modell Chile der Unidad Popular“ nicht mehr geben würde. Zur Verhinderung dieses Eingeständnisses wurden alle Energien für die Kontaktpflege mit dem Widerstand in Chile mobilisiert, der Aufbau von Exilvertretungen der Parteien in der Bundesrepublik wurde vorangetrieben, und die deutschen Solidaritätsorganisationen wurden in deren Aktivitäten einbezogen. Vielfach wurden die alten parteipolitischen Rivalitäten im Exil – ohne die Sachzwänge des chilenischen Alltags – erbitterter als im Herkunftsland selbst ausgetragen.
Auch viele Deutsche aus der Solidaritätsbewegung haben sich in diese Auseinandersetzungen – oder waren es Fluchtbewegungen vor der Realität? – einspannen lassen. Es galt die Vision einer utopischen Wirklichkeit in Chile. Aber vielleicht waren dies notwendige Prozesse, um den brutalen Bruch, das Hinausgeschleudertsein aus seinem eigenen Leben, zu verkraften.

Verlust von politischer Identität

Die chilenische Migration wurde fast ausschließlich politisch begründet, das heißt die Ankommenden hatten in Chile viele Jahre ihres Lebens in kollektiven Prozessen nicht nur für einen abstrakten „Neuen Menschen“ gekämpft, sondern hatten ihr individuelles Leben stark an gesellschaftliche Veränderungsprozesse geknüpft. Ihr Alltag war – neben dem Beruf und den traditionellen vielfältigen familiären Aktivitäten – geprägt von einer aktiven Suche nach alternativen gesellschaftlichen und politischen Modellen. Diese wurden in den Gewerkschaften, Stadtteilorganisationen, MütterOrganisationen, Jugendverbänden und Parteien gelebt, und zwar desto leidenschaftlicher, je stärker die Außenbedrohung durch die Rechten wurde. Hierdurch ging tendenziell der Blick für die Außenwelt immer mehr verloren, und der Bruch des Exils war um so brutaler.
Über Nacht befand man sich in der reichen deutschen Gesellschaft, die mit dem Kapitalismus identifiziert wurde und die Wurzeln des Nationalsozialismus noch immer in sich zu tragen schien. Beeinflußt von vielen USMedien, die in Chile stark das Bild von Deutschland geprägt hatten und von dem elitären, geschlossenen Charakter der deutschen Kolonie (Colonia Dignidad), gab es zunächst ein großes Mißtrauen gegenüber dieser deutschen Gesellschaft. Eine kritische Auseinandersetzung schien zudem nicht opportun, weil die ganze Kraft für die Arbeit dem Widerstand in Chile gewidmet werden sollte.
Schwierigkeiten entstanden auch aus den gegenseitigen Projektionen. Erst heute können uns Vertreter des Exils offen sagen, daß sie schon lange nicht mehr an den Widerstand in Chile geglaubt hatten, aber weil die Deutschen es so haben wollten, sie entsprechende Informationen auf großen Veranstaltungen weitergaben. Jeder hatte seine Funktion in dem Bild, das sich die 68er Generation von einer besseren Gesellschaft gemacht hatte. Die ExilchilenInnen waren greifbare Beweise dafür, daß es MärtyrerInnen und Henker gibt und daß es nur eine Frage von konsequenter Haltung und Informationsmacht ist, diese Bilder in ihrer Ungebrochenheit zu reproduzieren und zu verbreiten.
Damals hat niemand richtig durchschaut, daß der Preis hierfür der Verlust von politischer Identität, Authentizität und Entwicklungsfähigkeit sein würde. So kam es im Laufe der Zeit zu immer ritualisierteren Beziehungen, statischen Bündnissen der verschiedenen Gruppierungen mit „ihrer“ Exilgruppe, zu Solidaritätsfesten mit der immer gleichen Musik von „vorher“, den chilenischen Teigtaschen „empanadas“ und politischen Diskursen, die durch leere Worthülsen bestimmt waren. Wir haben uns gegenseitig gebraucht, und -oftmals unbewußt- unter dem Deckmantel der Solidarität persönliche Sehnsüchte ausgelebt. In der Idealisierung unserer Zusammengehörigkeit wurden Differenzen überspielt. Zur wirklichen Begegnung kam es auf beiden Seiten oft nicht. Trotz alledem: Diese Zusammentreffen wurden auch gebraucht! Sie waren ein Trost gegen die Individualisierungstendenzen in der deutschen Gesellschaft, die kaum eine familiäre oder politische Kultur des Zusammenseins kennt. Es hat unvergeßliche und intensive gemeinsame Erfahrungen gegeben, Freuden und Ängste, Siege und Niederlagen, Kampf mit Behörden und interkulturellen Austausch, worin alle Beteiligten eng miteinander verbunden waren.
Erst mit der Erfahrung der Notwendigkeit, einen gemeinsamen Weg des Umgangs miteinander zu finden, konnte die Grundlage der Toleranz gegenüber der anderen Kultur, politischen Haltung oder dem jeweiligen Ethnozentrismus entstehen, zum Beispiel bezüglich der Unterschiedlichkeit der Frauensolidarität dem Machismo gegenüber. In der gegenseitigen Annahme von unterschiedlichen Wertvorstellungen, der Suche nach einer gemeinsamen Ethik haben wir uns Maximen eigenen Verhaltens erarbeitet, die oftmals noch heute Orientierungshilfen darstellen, sowohl für uns hier in der interkulturellen Arbeit gegen Ausgrenzung und Rassimus als auch für manche ChilenInnen, die nach ihrer Rückkehr mit den hier erfahrenen Organisations- und Solidaritätspraktiken ihr neues Arbeits- und Lebensfeld gestalten. Diese Toleranz zuzulassen und anzuerkennen, sowie das, was einmal als total „chilenisch“ oder „deutsch“ empfunden und eingeordnet wurde, auf dem Hintergrund gemeinsamer Lebensgeschichte politisch neu zu bewerten, ist sicherlich eine der wichtigsten Lehren des chilenischen Exils beziehungsweise der Solidaritätsarbeit.

Sprachverlust bewirkt kulturelle Stagnation

Die große Mehrzahl der chilenischen Flüchtlinge hatte keine Deutschkenntnisse und höchstens relativ schlechte Kenntnisse anderer Fremdsprachen. Diese „Sprachlosigkeit“ hatte eine totale Orientierungslosigkeit in den neuen Verhältnissen zur Folge. Es ist nicht nur das Sozialverhalten in der fremden Gesellschaft, es sind auch die sprachlichen Grenzen, die eine nur funktionale, oberflächliche Beziehung zur Umwelt ermöglichen. So verarmt schließlich das Leben selber und ist nur noch ausgerichtet auf gewohnheitsmäßiges und materielles Bewältigen von Anforderungen.
Die Deutschkurse, die nun in kürzester Zeit von den verschiedenen Sozialdiensten angeboten wurden, sollten nicht nur der Sprachvermittlung dienen, sondern auch auf die jeweilige soziale Situation der Lernenden eingehen. So gab es Gesprächskreise zu Fragen des deutschen Sozialhilferechts, zu spezifischen Frauenthemen, zu Themen der 68er Studentenbewegung etc. Die Resonanz dieser Kursangebote war jedoch relativ schwach, weil die Mehrheit der ChilenInnen mehr über ihre baldige Rückkehr und über Chile nachdenken wollte, als sich mit den Problemen des Hierseins auseinanderzusetzen.
Argumente wie: Deutsch brauche man sowieso nicht mehr nach der Rückkehr nach Chile, oder daß die Kinder in der Familie nur Spanisch lernen sollten, um die chilenische Identität nicht zu verlieren, haben sich zehn bis fünfzehn Jahre lang gehalten. Erst angesichts der baldigen Rückkehr wurde der hieraus resultierende Verlust sozialer Kompetenz deutlich. Die Sehnsucht nach einer Welt, die einerseits vergangen und mit vielen leidvollen Nachrichten verbunden ist, und deren Entwicklung einem andererseits in den vielen Jahren der Abwesenheit fremd geworden ist, hat die vitale, alltägliche Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur und Gesellschaft verstellt. Viele ExilchilenInnen waren so, ohne sich dessen bewußt zu sein, zu AnalphabetInnen beider Kulturen geworden.

Die Rückkehr beginnt im Exil

Diese Erkenntnis war es, die das chilenische Exil bereits 1983, zehn Jahre nach seinem Beginn, zu einer breiten, in vielen Städten der Bundesrepublik organisierten RückkehrerInnenarbeit motivierte, die auf der rechtlichen, beruflichen, ökonomischen, sozialen, politischen und psychologischen Ebene gleichzeitig laufen sollte. „Wir verstehen diese Rückkehr der ChilenInnen im Kontext des Kampfes für die Menschenrechte und die Wiederherstellung der Demokratie in unserem Land. Wir sehen sie jedoch auch als persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen oder der jeweiligen Familie“.
Zahlreiche Veranstaltungen wurden seit 1983 zur Vorbereitung der Rückkehr durchgeführt, so Veranstaltungen über spezielle rechtliche Probleme; Informationsveranstaltungen zur aktuellen Situation in Chile und Erfahrungen von Rückkehrern in ihrem Integrationsprozeß; Informationsveranstaltungen über Eingliederungsprobleme in das Erziehungssystem und die Anerkennung von akademischen Titeln und Ausbildungs und Studiengängen.
Kontakte mit Instituten in Chile und anderen Ländern wurden aufgenommen, um die Finanzierung der Rückkehr und der ersten Zeit im Heimatland zu gewährleisten. Aber der wohl wichtigste Inhalt der RückkehrerInnenarbeit war die Begegnung mit anderen Exilierten, die kritische Auseinandersetzung mit sich selber, den eigenen Veränderungsprozessen und der Wiederbegegnung mit Chile über die Erfahrungsberichte der Besuchsreisenden in die Heimat.

Exil zwischen Solidarität und Bevormundung

Diese letzte Phase, die schon vom Abschiednehmen und der kritischen Auseinandersetzung mit der neuen neoliberalen Wirtschaftspolitik der AylwinRegierung gekennzeichnet war, hat darüber hinaus ein ganz neues Licht auf die Beziehung zwischen ChilenInnen und Deutschen geworfen. Weder das HelferInnensyndrom noch die eigene Profilierung mit Hilfe der chilenischen RevolutionärInnen standen mehr zwischen uns, so daß unsere Begegnung auch unter der Perspektive der Beziehungen der Deutschen zu den Fremden thematisiert werden konnte. Schwierigkeiten in der Verständigung, in der Zusammenarbeit, in den Beziehungen, die immer auch Ausdruck von gesellschaftlicher Akzeptanz, Einfühlung und politischer Kultur sind, wurden nunmehr unter dem Blickwinkel des deutschen Dominanzverhaltens und Ethnozentrismus gesehen.
Als VertreterInnen der deutschen Chile-Solidarität mußten wir uns mit dem eigenem Größenwahn und einem idealisierten Selbstbild konfrontieren, das auf der Überhöhung der chilenischen RevolutionärInnen beziehungsweise edlen MärtyrerInnen im Widerstand beruhte. Mit der Idealisierung eines Chilebildes löschten wir jedoch gleichzeitig jene Widersprüchlichkeit des Entwicklungsprozesses aus, mit der wir schon in unserer eigenen Gesellschaft nicht zurecht gekommen waren. Nicht die Probleme mit einem reformistischen Entwicklungsweg, nicht die Ambivalenz der Moderne, die alles Fremde degradiert und tendenziell ausmerzt, waren Inhalte unserer Zusammenarbeit, sondern der strahlende Morgen der Revolution. Es war das Fehlen einer politischen Alternative in Deutschland beziehungsweise die bescheidene Auseinandersetzung mit den realen Möglichkeiten politischer Arbeit in Deutschland, die aus dem chilenischen Exil unsere Projektionsfläche machte. Hier haben wir uns getroffen, ChilenInnen und Deutsche, um die Geschichte für einige Jahre anzuhalten.
Die Bilder, die wir uns voneinander machten, waren jedoch nur von kurzer Dauer. Die Solidarität mit Portugal, Argentinien, Uruguay sowie seit Mitte der siebziger Jahre mit Nicaragua und später El Salvador hielt immer neu in Atem, ließ unseren Blick in die Ferne schweifen und die Probleme des chilenischen Exils zum Alltag werden, bis „plötzlich“ Themen wie Rassismus und vielfältige Diskriminierungen in diesen Alltag Einzug hielten.
Wir hatten uns in unserer Solidarität menschlich gleichberechtigt gefühlt, aber dies war offensichtlich einseitig gewesen. Nicht nur Behörden hatten gegängelt, sondern chilenische Identität war mit „wohlgemeintem“ Integrationsdruck ausgelöscht worden. Je angepaßter die ChilenInnen lebten, desto „erfolgreicher“ waren sie. Wer von uns hätte dies vor Hoyerswerda und Rostock so selbstkritisch gesehen? Wer hätte gespürt, daß wir noch immer eine Gesellschaft von ClaqueurInnen sind?
„Es bleibt ein Stachel für die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft, daß diese politischen Flüchtlinge, die nach der Verfassung bei uns Asyl genießen, sich nicht heimisch fühlen, sich nicht angenommen fühlen konnten in einer Gesellschaft, die gleichzeitig eine Entsorgung der deutschen Geschichte von ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit versucht, alten Antisemitismus hochkommen ließ, Fremdenfeindlichkeit mit Parolen wie ‚Asylantenschwemme‘ schürte und unter diesem publizistischen und politischen Druck zuließ, daß die Asylgesetze bei uns dramatisch verschärft wurden“.
Anstatt aus unserer Geschichte und aus dem vielfältigen Mißbrauch der Asylgesetzgebung während der Chile-Solidarität zu lernen, vermeiden wir die Auseinandersetzung damit, indem wir sie zu einem „Sicherheitsproblem unserer Gesellschaft“ (so Innenminister Seiters in der Asyldebatte im Deutschen Bundestag am 25. Mai 1993) umdefinieren. Das Grundrecht auf Asyl, das von den Gründern der Bundesrepublik angesichts der Erfahrung mit dem Antisemitismus in unser Grundgesetz aufgenommen wurde, ist in den Asyldiskussionen der letzten Jahre zu einer Inszenierung deutscher Dominanzkultur verkommen. Die Festung Europa, das heißt das Schengener Abkommen und die Änderung von Artikel 16 des Grundgesetzes, richten Mauern auf, anstatt den Blick frei zu machen auf Prozesse, wie sie angesichts der chilenischen Erfahrung deutlich wurden.

Der obige Artikel erscheint in seiner vollständigen, 26 seitigen Fassung, mit ausführlichem statistischen Material und über die Arbeitsmigration in Chile in einem Reader: Ethnische Minderheiten in Deutschland – ein Handbuch. (Hg.) Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung, Oktober 1993, DM 42,-

Wo sie sind, bleibt ungeklärt

Das Konzept dieser transición hatte die chilenische katholische Kirche noch zu den schlimmsten Zeiten der Repression entworfen. Sie war die einzige Institution, die sich frei äußern konnte, und sie nutzte dieses Privileg, indem sie auf die Menschenrechtsverletzungen hinwies und zugleich einen einvernehmlichen Weg zurück zum Rechtsstaat vorschlug. Als Tausende von DemonstrantInnen während der monatlichen Protesttage ab 1982 „Brot, Arbeit und Gerechtigkeit“ forderten, verbreitete die in ihrer Mehrheit christdemokratisch orientierte Kirche „Dialog“ und „Versöhnung“. Die Diktatur hatte sich auf einen „repressiven Konsens“ in der Bevölkerung stützen können, der aus einem Sich-Fügen in die herrschenden Verhältnisse und der Teilhabe am Konsumangebot der neoliberalen Wirtschaftspolitik bestand. Dieser repressive Konsens wurde durch das Kräftespiel innerhalb der Streitkräfte und Verhandlungen mit zivilen politischen Gruppierungen in einen politischen Konsens der Mehrheit der Bevölkerung transformiert. Auch der ausländische Druck und zwischen Regierung und Kirche ausgehandelte Ereignisse wie der Papstbesuch 1987 spielten dabei eine wichtige Rolle.
Unter Beibehaltung der Wirtschaftspolitik der Militärs sollte deren Macht eingeschränkt und zugleich institutionell abgesichert werden. Die Militärs sollten neun Senatoren des zu wählenden Kongresses benennen können und Pinochet bis 1997 Oberbefehlshaber der Streitkräfte, deren Haushaltsmittel nicht gekürzt werden durften, bleiben. Den Obersten Gerichtshof brachte der General durch Personalentscheidungen auf seinen Kurs.

Viele Opfer, aber keine Täter

So sorgsam die transición angebahnt war, blieb doch eine alte Wunde. Mord und Folter waren nicht konsensfähig. Deshalb machten sich die Protagonisten des Dialogs daran, die Fakten umzudeuten. Die Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur wurden zu Verbrechen ohne Urheber, sie erschienen als Ereignisse ohne kausalen Zusammenhang, als das, was Pinochets Geheimdienst DINA mit dem Wort „das Verschwinden“ politischer Gefangener hatte suggerieren wollen. Diese Neutralisierung auch noch des härtesten Bruches der geltenden Gesetze und Moralvorstellungen gelang nicht zuletzt deshalb, weil die Mehrheit der ChilenInnen die Fakten nie hatte wahrhaben wollen und viele der Opfer einfach alles vergessen wollten, was sie durchlitten hatten. Eine pauschale Selbstamnestie der Militärs für alle Menschenrechtsverletzungen vor 1978 fügte dem Konstrukt der Taten ohne Täter den juristischen Unterbau hinzu. Damit waren die Menschenrechte verhandlungsfähig und wurden zum ideologischen Schmiermittel der transición.

Eine Menschenrechtskommission ohne Vollmachten…

Kurz nach seiner Amtsübernahme im März 1990 kündigte Aylwin die Bildung einer „Nationalen Kommission für Wahrheit und Versöhnung“ an, die die Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur aufarbeiten sollte. Das Wort „Gerechtigkeit“ war entgegen dem ursprünglichen Vorschlag nicht in den Titel der Kommission aufgenommen worden. Die Kommission hatte keine juristischen Vollmachten. Im März 1991 stellte Aylwin den Bericht der Kommission (nach dem Vorsitzenden auch als Rettig-Bericht bekannt) der Öffentlichkeit vor. Insgesamt 2.115 Menschen seien während der Dikatur „Opfer von Menschenrechtsverletzungen“ geworden, so Aylwin bei seiner Fernsehansprache. Gemeint sind die als „Menschenrechtsverletzungen mit tödlichem Ausgang“ beschönigten Morde, soweit die Kommission sie aus der Vielzahl der ihr vorgetragenen Fälle ausgewählt und als bewiesen angesehen hatte. Die mehr als 100.000 Fälle von Folter hatte die Kommission gar nicht erst untersucht. Mit Tränen in den Augen schloß Aylwin damals seine Fernsehansprache: „Laßt uns mit Verständnis und Großherzigkeit das Notwendige tun, damit die Wunden der Vergangenheit geheilt werden und für Chile eine Zukunft in Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden aufgebaut werde.“ Mit Sätzen wie diesem kam Aylwin gut an, außer bei den unverbesserlichen PinochetistInnen und bei denjenigen Opfern der Diktatur, die erst einmal die Namen der Täter wissen wollten, bevor sie ihnen überhaupt würden verzeihen können.

… erstellt einen Bericht, ohne die Verantwortlichen zu nennen

Der Bericht war zumindest die erste offizielle Anerkennung seitens einer chilenischen Institution, daß die Pinochetdiktatur gemordet und gefoltert hatte. Aber so gut die Kommission gearbeitet hatte, so kompromißlerisch war das Ergebnis formuliert. Die RedakteurInnen des Berichtes fochten um Worte. Wie etwa sollte der Putsch vom 11. September 1973 genannt werden? Vorgeschlagen wurden „pronunciamento“ (das beschönigende Wort der Militärs, dt.“Auflehnung“), „Staatsstreich“ und „Regierungssturz“, und schließlich einigte man sich auf das scheinbar unverfängliche „11.September“. Der Bericht enthält keine Namen der Schuldigen, obwohl die Kommission viele davon kannte, er klärt das Schicksal der mehr als tausend in ihm dokumentierten Fälle „verschwundener“ politischer Gefangener nicht auf und er nennt die Opfer des Staatsterrors im selben Atemzug mit den paar Dutzend Opfern unter den Sicherheitskräften. Der Regierungskoalition aus ChristdemokratInnen und SozialistInnen kam diese Art der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen gelegen. Der als „nationaler Konsens“ bezeichnete wachsweiche Kompromiß der Regierung war einmal mehr legitimiert. Einer Seite war Genugtuung widerfahren, indem die Fakten benannt worden waren, zugleich aber war der Konflikt mit den Streitkräften vermieden worden. Der Bericht enthüllte die Wahrheit, damit sie vergessen werde.

Erst Gerichtsprozesse nennen endlich Namen

Das Kalkül ging allerdings nur teilweise auf. Es gab längst inoffizielle Informationen über die Menschenrechtsverletzungen und ihre Urheber. Die Presse lieferte die vom Kommissionsbericht vorenthaltene Wahrheit scheibchenweise nach. Die Sozialistin Luz Arce, die unter der Folter zerbrochen war und lange als Agentin von DINA und CNI gearbeitet hatte, hatte viele Stunden lang vor der Kommission ausgesagt. Ihre Aussage erschien in der Presse. Obwohl die veröffentlichte Version des Kommissionsberichts keine Namen von Schuldigen nannte, gingen die Kommissionsakten unzensiert an die jeweils zuständigen Gerichte und trugen dazu bei, daß 30 Menschenrechtsprozesse, die die Diktatur nicht endgültig eingestellt hatte, wiedereröffnet wurden. Hinzu kommen 170 weitere Prozesse, die ebenfalls nicht endgültig eingestellt worden waren und in denen neu verhandelt werden kann, wenn neue Beweismittel auftauchen.
Die chilenische Justiz ist dem Pinochetregime bis auf die Knochen hörig gewesen und hat sich seitdem nicht geändert. Aber sie konnte die in den Akten protokollierten Ungeheuerlichkeiten nicht gänzlich ignorieren. Das große Offenlegen war verhindert worden. Aber die Menschenrechtsprozesse, die nach der Diktatur neu verhandelt wurden (siehe die Aufzählung in LN 226), fügten der halben Wahrheit des Kommissionsberichts immer neue Beweisstücke hinzu. Für die Angehörigen der „Verschwundenen“ waren diese Prozesse ein Wechselbad von Hoffnung und Enttäuschung. Zum ersten Mal wurden in verbindlichen Zusammenhängen Namen genannt. Täter wurden greifbar. Der berüchtigste Folterer der DINA, Osvaldo Romo, wurde 1992 in Brasilien, wo die DINA ihn versteckt hatte, verhaftet. Macia Alejandra Merino, die unter der Folter zerbrochen war und jahrelang mit DINA und der Nachfolgeorganisation CNI gearbeitet hatte, legte Anfang 1993 ihre Lebensbeichte ab.

Die Entlarvung der Folterer

Hatte der Rettig-Bericht einen für fast alle Parteien und die Militärs akzeptablen Kompromiß gefunden, so prallten jetzt die Kräfte des Pinochetismus und das uneingelöste Wahrheitsversprechen der Demokratie aufeinander. Schauplatz waren diesmal nicht Fernsehstudios und Pressekonferenzen, vielmehr standen sich nun als Zeugen geladene ehemalige politische Gefangene und ihre Folterer vor Gericht gegenüber. Die ehemaligen DINA-Agenten, mittlerweile in den Rang von Generalmajoren aufgerückt, machten sich mit Leibwachen und Militärrechtsanwälten in irgendeinem Büro des Gerichts breit, als seien sie in einer Kaserne. Es gab teilweise 15-stündige Verhandlungen. Zeugen und Beschuldigte, das Gerichtspersonal und die stets präsente Schar von JournalistInnen richteten sich in den Korridoren häuslich ein.
Während der Pinochetdiktatur war die Justiz heruntergewirtschaftet worden und stellte nun die schäbige Bühne für Prozesse von historischer Dimension dar. Es fehlte an allem: Zum Kopieren mußten Originalakten zu irgendeinem nahegelegenen Copy Shop gebracht werden. Wichtige Protokolle wurden von studentischen Hilfskräften aufgenommen. Die Dürftigkeit der Utensilien schmälerte jedoch nicht die Bedeutung des Verhandelten. Worüber hier verhandelt wurde, war real, nicht symbolisch, nicht medial geglättet und durch nichts zu beschönigen. Den Überlebenden ging es um die Genugtuung, die Täter vor Gericht zu sehen, ob als Zeugen oder als Angeklagte, wog weniger stark. Den Angehörigen der „Verschwundenen“ ging es um die Wahrheit. Eine gerechte Strafe für hundertfache Folter und hundertfachen Mord gibt es im Rechtsstaat ohnehin nicht. Aber solange Gericht gehalten wurde und schlechtbezahlte GerichtsreporterInnen Tag und Nacht in den Fluren hockten und nach jedem Detail schnappten, solange wurde das Leiden der Opfer nicht verschwiegen. Den Folterern zerbrach ihre Lebenslüge, derzufolge nach einer Zeit des Ausnahmezustandes Normalität eingekehrt sei. Ihre Bilder waren in der Zeitung zu sehen, und sie wurden vor der Öffentlichkeit als Folterer entlarvt, eine Situation, die sie bis dahin sorgsam vermieden hatten.

Gegen die Hauptverantwortlichen wird zuletzt verhandelt

In der chilenischen Öffentlichkeit wirkten die Menschenrechtsprozesse dem schalen Gefühl entgegen, der Rettig-Bericht sei das letzte Wort zum pinochetistischen Staatsterror gewesen. Die meisten Prozesse fanden allerdings nur im engen Kreis des interessierten Publikums Widerhall. Der Prozeß um den in der Colonia Dignidad „verschwundenen“ Alfonso Chanfreau aber eskalierte bis zu einem Spruch des Obersten Gerichtshofs und der darauf folgenden Absetzung eines obersten Richters und fand Eingang in die besten Sendezeiten des Fernsehens.
Es liegt in der Logik gerichtlicher Prozeduren, daß die großen Brocken zuletzt abgehandelt werden. Gegen die Chefs der DINA wird erst jetzt verhandelt. Aufhänger ist der Prozeß wegen der Ermordung des früheren chilenischen Außenministers Orlando Letelier im Washingtoner Exil 1976. Auch diesem Prozeß kommt ein politisches Gewicht zu, das über den verhandelten Tatbestand hinausgeht. Die Vorermittlungen waren so komplex, daß von DINA-Chef Manuel Contreras abwärts ein repräsentativer, bisher von Vorladungen verschonter Täterkreis auf der Anklagebank oder im Zeugenstand steht.
Das Säbelrasseln in Santiago am 28. Mai 1993 (siehe den Artikel von Jaime Gré in diesem Heft) war die symbolische Erinnerung daran, was die Militärs in Chile ausrichten können. Der oberste Herreskommandierende nach Pinochet, Santiago Sinclair, verlas das Programm zum wohlinszenierten Truppenaufmarsch in Kampfanzügen mitten in Santiago. Die Machtdemonstration richtete sich gegen die weitere Untersuchung von Scheckbetrügereien durch Pinochets Sohn, gegen das Recht der Zivilregierung, Offiziere in den Ruhestand zu versetzen, gegen die mögliche Freilassung der sechs Pinochetattentäter von 1988 und gegen die aktuellen Menschenrechtsprozesse, in denen sich Militärs verantworten müssen.

Die Angehörigen der Verschwundenen kämpfen weiter für die Wahrheit

Die „verschwundenen“ politischen Gefangenen Chiles wurden, wie man heute weiß, ermordet. Wie, wann und durch wen sie ermordet wurden, ist nur in wenigen Fällen geklärt. Solange das so ist, ist die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in Chile nicht abgeschlossen. Im Alltagsbewußtsein wird dieser Prozeß gerne als abgeschlossen betrachtet. Das Schicksal der „Verschwundenen“ bricht mit diesem Verständnis. Deshalb verstummt das „Wo sind sie“ der Angehörigen nicht und löst immer neue Prozesse und Proteste aus. Selbst wenn die Angehörigen vergessen wollten, könnten sie es nicht, denn Vergessen setzt Trauer voraus, und um zu trauern bedarf es der Gewißheit des Todes. Die Opfer des staatlichen Terrors in Lateinamerika widersprechen aufgrund der Unaufgeklärtheit ihres Schicksals allen Appellen zur Versöhnung. Sie weisen kompromißlos auf die Halbwahrheiten staatlicher Kommissionsberichte hin und erweisen eingestellte Prozesse als faule Kompromisse mit den Tätern, die oftmals heute noch in einflußreichen Positionen sitzen.

Colonia Dignidad vor dem Aus?

Auseinandersetzungen vor Gericht

Bereits im Februar 1991 hatte Präsident Patricio Aylwin ein Dekret erlassen, nach dem der „Sociedad Benefactora Colonia Dignidad“ der Status als eigenständige Gesellschaft und damit als „Staat im Staate“ entzogen werden sollte. Dieser von der Presse international gefeierte Schritt der chilenischen Regierung erwies sich allerdings recht schnell als „Schuß in den Ofen“, denn die Dignidad-Anwälte gingen wie erwartet in Berufung, indem sie das Dekret des Präsidenten als nicht „verfassungsgemäß und willkürlich“ bezeichneten. Der Fall wurde dem Corte Suprema (dem Obersten Gerichtshof Chiles, ein Tribunal aus neun Pinochet-treuen Richtern) übergeben, und die chilenische Öffentlichkeit hörte eineinhalb Jahre nichts mehr von dem Fall, bis im September der Corte Suprema dem Einspruch der Colonia stattgab und Aylwins Initiative als nicht verfassungskonform bewertete. Über die darauf folgende Berufungsklage der chilenischen Regierung entschied jetzt das Berufungsgericht. In dem Urteil werden die Anschuldigungen der Colonia-Anwälte und damit auch das Urteil des Corte Suprema zurückgewiesen. In der Begründung heißt es, die Entscheidung Aylwins sei als fester Bestandteil des chilenischen Bürgerlichen Gesetzbuches bezüglich der Befugnisse des Präsidenten durchaus verfassungskonform. Gegen die angebliche Willkürlichkeit wendeten die Richter ein, daß die Maßnahme ein Ergebnis umfangreicher Untersuchungen gewesen seien. Außerdem hätten sowohl der chilenische „Rat zum Schutze des Staates“ als auch die staatliche Finanzbehörde dazu geraten. Zudem habe es während der Zeit der Militärdiktatur über 100 solcher Fälle gegeben, in denen die Berufungsklage der Gesellschafts-Eigner jedesmal abgelehnt wurde. Warum also bei der Colonia jetzt anders verfahren?

Suche nach Beweismaterial

Der „Fall Dignidad“ hat aber im Augenblick noch eine ganz andere Brisanz. Im Zusammenhang mit Nachforschungen über 21 Personen, die während der Militärregierung in Parral (ein Ort nahe der Colonia Dignidad) zwischen 1973 und 1974 verschwunden sind, stieß der Richter des 7. Kriminalgerichtes, Lientur Escobar, auf eindeutige Hinweise für eine Zusammenarbeit zwischen der DINA (chilenischer Geheimdienst während der Diktatur) und der Colonia Dignidad. Vermutungen hatte es darüber schon seit langem gegeben, unter anderem durch Zeugenaussagen von Gefolterten, die überzeugt waren, in der Colonia gefoltert worden zu sein. Bisher gab es aber kein Beweismaterial, das für eine Anklage gereicht hätte. Escobar fand im Februar heraus, daß das Haus des ehemaligen DINA-Chefs in Parral, Fernando Gómez Segovia, der Colonia gehörte. Dafür gibt es Verkaufsbelege. Zudem sagte ein Verwandter Segovias aus, zwischen der Familie des DINA-Chefs und den Obersten der Colonia hätten freundschaftliche Kontakte bestanden. Anfang März ordnete Escobar eine umfangreiche Untersuchung sowohl des Colonia-Geländes als auch sämtliche Akten der Gesellschafter an. Zudem beantragte er zu überprüfen, ob die Colonia zwischen 1973 und 1975 einen Antrag auf Anlage eines Friedhofes gestellt hatte. Zusätzlich wollte Escobar Daten über sämtliche Deutsche haben, die sich nach 1960 in Chile angesiedelt haben und die Akten der Miltärschule in Linares (in der Nähe der Colonia) untersuchen, in der unter anderem DINA-MitarbeiterInnen ausgebildet wurden.

Eine neue Qualität ?

Der erste Schritt gegen den Richter erfolgte bereits Ende Februar. Das Berufungsgericht (das gleiche Berufungsgericht, das jetzt den Colonia-Einspruch abgewiesen hat) entschied, den Fall dem zivilen 7. Kriminalgericht zu entziehen und ihn dem 3. Militärgericht in Concepción zu übergeben. Damit war für eventuell verwickelte Militärs und Verantwortliche die Gefahr gebannt – bei einer Untersuchung des Falles durch die Militärs laufen sie kaum Gefahr einer Bestrafung, zumal für den fraglichen Zeitraum das Gesetz der Generalamnestie für Menschenrechtsverletzungen (bis 1978) gilt.
Am 10. März kam für Escobar das „Aus“: Der „Corte Suprema“ enthob ihn seines Amtes mit der Begründung, der Richter habe im Fall Parral nicht objektiv genug und damit nicht im Sinne eines Richters gearbeitet. Die Absetzung Escobars hat in Chile eine Welle des Protestes von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen ausgelöst.
Dennoch hat der Richter einen Prozeß in Gang gesetzt, den auch der „Corte Suprema“ nicht so schnell wird stoppen können. Denn die Anordnungen, die er noch vor seiner Amtsenthebung getroffen hat, müssen ausgeführt werden. Und das ist eine spezielle Untersuchung der Colonia Dignidad, mit Schwerpunkt bei den Finanzgeschäften der Gesellschaft.
Derartige Untersuchungen hat es allerdings schon Dutzende gegeben, und bisher ist dabei nicht viel herausgekommen. Bisher konnte sich die Colonia aber auch immer auf ihren Rechtsstatus als Gesellschaft berufen, und der wird ihr jetzt entzogen.

Im folgendem dokumentieren wir ein Interview mit Julia Urquita, der Rechtsanwältin von CODEPU (chilenische Menschenrechtsorganisation) zum Fall „Parral“:

LN: Gibt es Hoffnung, im Fall „Parral“ noch etwas zu ändern?
Julia Urquita: Wir haben eine Berufungsklage eingelegt, um den Fall zumindest in der Schwebe zu lassen. Das bedeutet in der Praxis, daß gegen die fünf Hauptangeklagten – unter ihnen ist auch der EX-DINA-Chef Segovia – weiterhin ermittelt wird, und daß die beiden von ihnen, die in Haft sind, zunächst nicht freikommen. Außerdem kann der Fall solange nicht an die Militärjustiz übergeben werden, bis der „Corte Suprema“ darüber entschieden hat. Wenn Du mich also fragst, ob es Hoffnung gibt … es gibt immer Hoffnung, solange noch nichts entschieden ist. Wenn wir uns aber die juristische Praxis des Corte Suprema anschauen, sage ich Dir, daß unsere Hoffnung nicht groß ist, denn gerade vor einigen Tagen wurden zwei sehr ähnliche Fälle der Militärjustiz übergeben.

LN: Hat Escobar auch die Möglichkeit, Berufung einzulegen?
Julia Urquita: Escobar hat bereits beantragt, seine Qualifikation noch einmal zu überprüfen.

LN: Kann er dabei politische Gründe angeben?
Julia Urquita: Offiziell nicht, aber er hat in seiner Verteidigungsschrift einige Punkte angeführt, die klar auf eine politische Entscheidung hindeuten. So fragt er zum Beispiel, wie es möglich sei, daß er noch letztes Jahr, bevor ihm der „Fall Parral“ übertragen wurde, als „gut“ qualifiziert wurde, jetzt aber durchgefallen ist.

LN: Welches ist die Position von CODEPU zu den Vorgängen?
Julia Urquita: Wir haben uns öffentlich mit Escobar solidarisiert und verlangt, daß ihm seine frühere Verantwortung im „Fall Parral“ wieder übertragen wird. Wir glauben, daß es sich hier um politische Verfolgung handelt, weil es anderen Richtern in ähnlichen Fällen genauso ergangen ist.

LN: Ist dieses „Übergeben an die Militärjustiz“ eine normale Praxis?
Julia Urquita: Bisher leider ja. Und bisher ist es uns nicht gelungen, den „Corte Suprema“ zu entmachten.

LN. Gab es bisher Anstrengungen von Seiten der Regierung, in diesen Fällen zu intervenieren?
Julia Urquita: Bisher leider nicht. Die Regierung hat sich bisher bei keinem der Fälle von Menschenrechtsverletzungen eingemischt, bis auf den „Fall Letelier“*, aber der ist auch sehr speziell.

LN: Haben sie denn die Möglichkeit, sich einzumischen?
Julia Urquita: Haben sie. Es gibt keine gesetzliche Regelung, die dem entgegensteht.

LN: Was passiert jetzt im Fall „Colonia Dignidad“?
Julia Urquita: Die Anwälte haben wieder Berufung eingelegt, aber die Chancen sind gering, daß dem Einspruch stattgegeben wird. Bei Entzug des Rechtsstatuses wird der Besitz der Colonia an eine andere Gesellschaft zur Verwaltung übergeben, vor zwei Jahren war die Rede von einer kirchlichen Organisation.

* Der Fall Letelier: Letelier war Minister unter Allende; er wurde im September 1976 im Exil Opfer eines Bombenattentates der DINA in Washington D.C. Vergeblich drängte die US-Regierung das Pinochet-Regime, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Erst unter Aylwin wird jetzt dem EX-DINA-Chef Contreras der Prozeß gemacht

Das Ende der Colonia Dignidad?

Die letzten Schachzüge

Am 22. September 1989 – wenige Tage vor dem verfassungsändernden Plebiszit vom 5. Oktober – haben die Führer der Kolonie, Probleme mit der zu erwartenden demokratischen Regierung voraussehend, das gesamte Grundeigentum der Kolonie, etwas mehr als 13.000 Hektar, an 30 Mitglieder der Gruppe verkauft. Diese blieben gerade drei Monate und 19 Tage Landeigentümer/innen. Am 10. Januar 1990 übertrugen sie ihre Ländereien an eine extra zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft. In den folgenden Monaten wurden vier weitere Gesellschaften gegründet, die letzte am 1. Februar 1991, dem Tag des Regierungserlasses, der die Rechtsperson der Colonia aufhebt. Zwischen dem 30. Januar 1990 und dem 15. Januar 1991 wurden dem Abratec praktisch alle beweglichen Güter der Colonia übereignet, unter anderem 42 Lastwagen, landwirtschaftliche Maschinen, ein Schotterwerk, das Restaurant und die gesamte medizinische Einrichtung des Krankenhauses. Die chilenische Abratec wird von den Mitgliedern der Dignidad-Führungsclique Gert Seewald (Vorsitzender), Hans Jürgen Blank (Geschäftsführer) und Siegfried Hoffman (Direktor) geleitet. Die Muttergesellschaft gleichen Namens hat ihren Sitz in Beldien.
Im Laufe der Untersuchungen über die Colonia wurde schon Ende 1989 deutlich, daß sie ihren Statuten nicht gerecht wird. Daraufhin hat sie im Januar 1990 eine Veränderung ihrer Statuten beantragt. Das infolgedessen vom Gobernador (Regierungspräsidenten) der Provinz Linares, Manuel Francisco Mesa, erstellte Gutachten über die Kolonie fiel vernichtend aus. Darauf reagierte die Kolonie mit Verleumdungsklagen, der Zürücknahme ihres Antrags auf Änderung der Statuten und seit dem 30. Januar mit einem Hungerstreik von 200 Mitgliedern.

Die Entscheidung der Regierung

In einem Interview mit „24 Stunden“, dem Nachrichtenmagazin von Televisión Nacional, am Abend des 31. Januars, kündigte der Regierungssprecher Enrique Correa eine Regierungsentscheidung an, die ausschließt, daß es weiterhin in Chile einen Staat im Staate gibt. Am 1. Februar verlas der Innen-Staatssekretär Belisario Velasco in Anwesenheit des Innen- und des Justizministers eine Erklärung, die besagt, daß die juristische Person der Colonia Dignidad aufgehoben ist und ihre Besitztümer an die Methodistische Korporation übergehen. Velasco erläuterte, daß die Entscheidung auf einer Untersuchung beruht, die bereits im März 1988 unter der Militärregierung begonnen hatte, als der damalige Außenminister das Innenministerium um Informationen über die Unregelmäßigkeiten in der Kolonie bat. Die Untersuchung ergab mehrere Anormalitäten in der Befolgung der Statuten sowie verschiedene andere Gesetzeswidrigkeiten im Bereich von Erziehung, Steuer, Wehrpflicht und Gesundheit.
Nach den wiederholten Anklagen wegen Verletzungen der Menschenrechte durch den Geheimdienst DINA im Inneren der Kolonie befragt, äußerte der Innenminister Enrique Krauss: „Nachdem die juristische Person aufgehoben wurde, kann man nun nachweisen, ob tatsächlich andere Arten von Gesetzeswidrigkeiten vorliegen.“

Rechtsnachfolger – Methodistische Corporation

„Die „Corporación Metodista“ ist der Dachverband der Methodistischen Kirchen in Chile. Sie besteht seit 85 Jahren und arbeitet unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Arbeit, Erziehung und Bauernfortbildung. Sie ist Eigentümerin des „Radio Umbral“, das bekannt ist für seine Beteiligung am Kampf für die Menschenrechte und deshalb als kommunistisch apostrophiert wird. Wichtige Arbeit für die Menschenrechte haben die Methodisten auch mit der Fundación de Ayuda Social de las Iglesias Cristianas – FASIC (Stiftung für soziale Hilfe der Kirchen) geleistet. Während der Militärregierung hat FASIC sich auf die Verteidigung politisch Verfolgter konzentriert. Seit März waren ihre Schwerpunkte die Begleitung von Angehörigen Verschwundener bei der Identifikation von Leichenfunden, die Zuarbeit für die Kommission „Wahrheit und Versöhnung“, die Hilfe für die Vereinigung der Angehörigen von Opfern der Repression und die Arbeit für eine Gesetzgebung, die die Befreiung der politischen Gefangenen ermöglicht.
Der Vorsitzende des Direktoriums der Corporación, Presbyter Juan Osorio, äußerte sich zu den Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad deutlicher als der Innenminister: „Nun erwartet die Kirche den Bericht der Rettig-Komission (Wahrheit und Versöhnung), in dem Folterungen und Angriffe auf die menschliche Würde ausführlich vermerkt sein werden.“
Nachdem der größte Teil der Ländereien und auch die Schule und das Krankenhaus der Colonia in den letzten Monaten an private Gesellschaften verkauft worden sind ist zu befürchten, daß es nicht viel ist, was die methodistische Corporación in ihre gemeinnützige Arbeit eingliedern kann.

Reaktionen der Kolonie…

Neben dem bereits erwähnten Hungerstreik und der Verleumdungsklage gegen den Gouverneur Mesa hat der Rechtsanwalt der Colonia, Fidel Reyes, alle möglichen Rechtsmittel angekündigt. Reyes behauptet eine „internationale Verschwörung von hohen Regierungsfunktionären Chiles und Deutschlands gegen Dignidad“ sei im Gange. Als Beweis präsentiert er beglaubigte Fotokopien eines Fernschreibens der deutschen Botschaft in Chile an das deutsche Außenministerium, in dem die Möglichkeiten der Auslieferung Schäfers diskutiert werden (s.Kasten)
Reyes erklärte, daß das Verfahren am Bonner Gericht auf eine Anzeige des früheren Kolonie-Mitglieds Hugo Baar beruht, „der hier als Drogenabhängiger und Alkoholiker aufgenommen, behandelt und geheilt worden ist, aber es scheint, daß jemand ihm die 30 Judas-Silberlinge angeboten hat, und jetzt verbreitet er die Verleumdung, daß er hier keine Freiheit hatte“. Wegen des Telex der deutschen Botschaft hat Reyes ein vorsorgliches Schutzgesuch für Schäfer beim Obersten Gerichtshof eingereicht.
Die chilenische Kriminalpolizei teilte mit, daß sie die Vorladung an Schäfer nicht zustellen konnte, weil die Kolonie behauptet, daß dieser nicht anwesend sei, was mangels Haft- oder Durchsuchungsbefehl nicht nachprüfbar ist.

…und der Politik

Wie zu erwarten, verurteilt die politische Rechte die Regierungsentscheidung. „Ich fürchte, in diesem Moment verlieren wir nicht die ‚Kolonie Würde‘, sondern unsere Würde als Land“, äußert der ‚unabhängige‘ Vizepräsident des Senats Beltrán Urenda, sich auf den Druck der Bonner Regierung beziehend. Der Abgeordnete der rechten UDI Víctor Pérez behauptete, die Colonia Dignidad habe ihre Ziele treu erfüllt. Der Abgeordnete der ebenfalls rechten RN, Angel Fantuzzi, meinte, es sei „nicht das erste Mal, daß eine christdemokratische Regierung böswillig mit dieser Organisation umgeht“.
Die sozialistischen Abgeordneten der Region, in der sich die Colonia Dignidad befindet, Jaime Naranjo und Sergio Aguilo, die die Aufhebung der Rechtspersönlichkeit der Kolonie im vergangenen November gefordert hatten, zeigten sich befriedigt über die Entscheidung und erwarten, daß sich nun „die Türen öffnen“, um „alle der deutschen Kolonie vorgeworfenen Unregelmäßigkeiten zu untersuchen“. Sie sind mit der Übergabe der Besitztümer der Colonia an die Methodistische Korporation einverstanden. Die kommunistische Partei erklärte ihre Hoffnung, daß dieser Schritt „erlaubt, voranzukommen mit der Aufklärung der Rolle, die diese Nazi-Enklave während der Diktatur Pinochets spielte“.
Quellen: El Mercurio, La Epoca, La Nación

Kasten:
Telex im Wortlaut (Rückübersetzung)

„Aus Santiago de Chile. N 630 vom 23-11-90, 16.30 Ortszeit. Nach Bonn, Aus¬wärtige Angelegenheiten. Telex (verschlüsselt) an 330. Erhalten: 23-11-90, 16.25 Ortszeit. Verfaßt von Botschaftsrat Nr. 1, Dr.Kliesow. Code pol 543.00. Betr.: Colonia Dignidad.
Hier: Unterredung mit Staatssekretär B. Velasco am 22-11-90 betreffend Nr. 260 vom 14-11-90, 330-504.00 Chl. Im Rahmen der vollständigen Aufklärung des Komplexes Colonia Dignidad, über die getrennt berichtet wird, teilte der Staatssekretär des Inneren Velasco die Entscheidung der chilenischen Regie¬rung mit, Schäfer und 5 oder 6 Mitglieder der Führungsclique der C.D. (Colonia Dignidad) auszuweisen. Er (Velasco) fragte, ob Schäfer dann in Deutschland verhaftet werde. Ich (Pabsch) verwies auf den Prozeß vor dem Bonner Gericht und die großen Beweisprobleme, die einen Haftbefehl schwie¬rig oder unmöglich erscheinen lassen. Daraufhin erbat Velasco wenigstens eine Vorladung für Schäfer vor das Bonner Gericht über Interpol. Wenn auch der ausschlaggebende Punkt für die Ausweisung und Auslieferung Schäfers und anderer – sagt Velasco – die Störung der diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland sei, müsse man doch die öffentliche Mei¬nung aufklären und überzeugen, daß Schäfer auch schwebende Prozesse bei der deutschen Justiz hat.
Es wird um umgehende Information gebeten, ob der Bonner Staatsanwalt oder das Bonner Gericht bereit sind, eine entsprechende Vorladung über In¬terpol an Interpol-Chile auszustellen.
Unterschrift Pabsch (Botschafter).“