Good COP, Bad COP

Die Faktenlage war noch nie so eindeutig: Die zivilisatorische Krise mit ihren Auswirkungen auf Klima und Natur zerstört die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Historisch und bis heute maßgeblich dafür verantwortlich sind die Industrien des Globalen Nordens mit ihrem immensen Verbrauch an Rohstoffen. Extraktiviert wird im Globalen Süden, wo die Ausbeutung der Natur einher geht mit der Zerstörung von Ökosystemen wie den tropischen Regenwäldern, die essenziell für das Gleichgewicht des Planeten sind, und Unternehmen erhebliche Menschenrechtsverletzungen begehen.

Die COP30 in Belém ist mit Erwartungen aufgeladen. Vielen gilt sie als letzte Chance, die globale Klimapolitik zu retten. Zwar ist die Erkenntnis gewachsen, dass eine Umsetzung der Pariser Klimaziele einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation bedarf. Klimagerechtigkeit müsste jedoch damit einhergehen, dass nach dem Verursacher*innenprinzip die Regierungen des Globalen Nordens einerseits in der Pflicht stehen, Unternehmen in Richtung einer drastischen Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu regulieren und andererseits für die Folgen der globalen Umweltkrise einzustehen. Beispielweise durch Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen der Länder im Globalen Süden. Denn diese haben am wenigsten zur Krise beigetragen, sind schon heute am stärksten davon betroffen. Doch nach wie vor sind die Verhandlungen bei den UN-Klimakonferenzen von Konflikten zwischen verschieden positionierten Regierungen geprägt. Bei der bloßen Anerkennung des Problems, sowie bei Interessenskonflikten zwischen Ländern des Globalen Nordens und Südens: Viele der letzteren erachten die Finanzierungsziele und -zusagen in Anbetracht der historischen Verantwortung der imperialen Industrienationen als viel zu niedrig.

Doch die Kritik der Basisbewegungen, die sich zur COP30 wieder auf den Straßen versammeln, geht deutlich weiter. Seit Jahren problematisieren Aktivist*innen, dass Klimakonferenzen nicht über die Verabschiedung von Scheinlösungen hinauskommen, die die zugrundeliegenden Systemfehler des kapitalistischen, extraktivistischen Wirtschaftsmodells nicht angreifen. Ein exemplarisches Thema ist der internationale Emissionshandel, der es Verursacher*innen von CO2-Emissionen ermöglicht, diese durch den Kauf von CO2-Reduktionen bspw. durch Wiederaufforstung an einem anderen Ort zu kompensieren statt sie zu reduzieren. Gemeinden, die im Umsetzungsgebiet solcher Projekte in Amazonien leben, wehren sich gegen diese „Kompensation“. Denn damit gehen oft Landnahmen und Entrechtung einher – zusätzlich zu den vielfältigen Bedrohungen wie der fortschreitenden Zerstörung ihrer Territorien durch illegalen Goldbergbau oder den Bau von Staudämmen.

Für die brasilianische Regierung unter Präsident Lula ist die COP30 eine Gelegenheit, sich als Klimavorreiterin und Verteidigerin Amazoniens international zu profilieren. Die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas und der ungebrochene Einfluss der extraktiven Industrien und des mächtigen Agrobusiness in Brasilien sprechen eine andere Sprache. Ob der formulierte Anspruch einer „inklusiven COP“ eingelöst wird, die die Belange der Amazonasregion und ihrer Bevölkerungen ins Zentrum stellt, bleibt fraglich. In Kontrast und Widerstand zur Agenda der verhandelnden Staaten formulieren zivilgesellschaftliche Organisationen, Indigene und soziale Bewegungen ihre eigenen Forderungen an einen sozial-ökologisch gerechten Wandel, der Mensch und Natur gegenüber Kapitalinteressen priorisiert – und schaffen eigene Partizipationsräume, wie die Cúpula dos Povos („Gipfel der Völker“). Die dort diskutierten Alternativen zeigen, dass es auch anders geht und geben Hoffnung, dass die „letzte Ausfahrt Belém“ nicht in einer Sackgasse endet. Sie stellen klar, dass der erste Schritt aus der zivilisatorischen Krise sein muss, grundlegende Veränderungen des Systems nicht weiter von Unternehmensinteressen und den für sie einstehenden Regierungen blockieren zu lassen.


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Brasiliens Führungsanspruch

Zur COP30 Viele Menschen, auch aus dem Amazonasgebiet, wehren sich gegen die exklusive Klimakonferenz (Foto: Neil Palmer/CIAT (CC BY-NC-ND 2.0))

In den ersten beiden Regierungsjahren Lulas hat Brasilien sichtbare Fortschritte vorzuweisen: Die Abholzung im Amazonasgebiet ging 2023 deutlich zurück, internationale Finanzierungen wie der von Norwegen und Deutschland gespeiste Amazonien-Fonds wurden reaktiviert, auch die USA leisteten wieder Beiträge. Umweltministerin Marina Silva wirbt für eine internationale Roadmap zur geplanten und gerechten Abkehr von fossilen Energien.
Gleichzeitig aber sendet die Regierung widersprüchliche Signale. Das staatlich dominierte Ölunternehmen Petrobras drängt auf die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas („Equatorial Margin“). Die Umweltbehörde IBAMA hatte 2023 eine erste Lizenz abgelehnt, die Debatte ist jedoch nicht beendet. Im Parlament versucht die mächtige Agrarfraktion zudem, Umweltgenehmigungen zu lockern. Lula hat einzelne Gesetzesänderungen per Veto gestoppt, die Auseinandersetzung bleibt aber offen.


Dieser Spagat zwischen dem Anspruch, Klimavorreiter zu sein, und der fortgesetzten Abhängigkeit von fossilen Exporten ist der zentrale Glaubwürdigkeitstest für Brasilien in Belém. Hinzu kommt, dass der Anspruch einer „inklusiven COP“ sich an den Partizipationsräumen der Zivilgesellschaft, der Indigenen und der sozialen Bewegungen messen lassen muss und nicht zuletzt an der Ermöglichung der repräsentativen Teilnahme auch kleinerer Länder des Südens.

USA auf Klimarückzug

Für die internationalen Verhandlungen kommt erschwerend hinzu, dass die Vereinigten Staaten 2025 erneut den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen eingeleitet haben. Parallel dazu arbeitet die US-Regierung daran, zentrale klimapolitische Grundpfeiler zurückzunehmen: Die Entscheidung „Endangerment Finding“ der Umweltbehörde EPA, die Treibhausgase als Gefahr für die öffentliche Gesundheit einstuft, soll gekippt werden. Geplante CO23-Standards für Fahrzeuge werden ausgesetzt, Programme wie „Solar for All“ (7 Mrd. US-Dollar) gestrichen. Auf Regierungswebseiten verschwinden wissenschaftliche Klimainformationen oder werden abgeschwächt.
Die Folgen für die COP30 sind gravierend: Ohne die USA als konstruktiven Akteur sinkt der Druck auf andere große Emittenten, die Zusagen zur Emissionsminderung zu verschärfen. Auch die ohnehin umstrittene Klimafinanzierung für ärmere Staaten könnte weiter ins Stocken geraten. Das verschiebt die diplomatische Verantwortung stärker auf die EU, auf Schwellenländerkoalitionen und auf das Gastgeberland Brasilien.

Rechte Klimaskepsis als transnationales Phänomen

Erschwerend wirkt die ideologische Allianz rechter und rechtsextremer Kräfte in Nord- und Südamerika, die Klimawissenschaft in Zweifel ziehen oder die Dringlichkeit politischer Maßnahmen bestreiten. In Brasilien hat der Bolsonarismus über Jahre ein Narrativ etabliert, das Klimaschutz als Bedrohung für die nationale Souveränität darstellt. Auch in Argentinien vertritt Präsident Javier Milei ähnliche Positionen. Und in den USA bilden solche Sichtweisen das ideologische Fundament für regulatorische Rückschritte.
Diese Strömungen beeinflussen nicht nur den politischen Diskurs, sondern auch die Verhandlungsspielräume auf multilateraler Ebene, etwa wenn einzelne Länder Koalitionen gegen ehrgeizige Klimaziele bilden.

Chancen und Risiken für Brasilien

Trotz dieser widrigen Umstände hat Brasilien die Möglichkeit, in Belém eigene Akzente zu setzen: Die Glaubwürdigkeit im Amazonas-Schutz zu sichern, etwa durch konsequente Feuerprävention und Stärkung Indigener Schutzgebiete; klare Leitplanken für fossile Projekte zu formulieren, um zu zeigen, dass Öl- und Gasinteressen nicht Vorrang vor Klimazielen haben; Koalitionen jenseits der USA zu stärken, etwa durch Zusammenarbeit mit der EU, mit Amazonasanrainerstaaten und mit afrikanischen Partnerländern, um ein gemeinsames „Just Transition“-Narrativ zu entwickeln und Finanzierungsinitiativen auszubauen, etwa durch Aufstockung des Amazonien-Fonds und die Schaffung neuer Instrumente und Finanzierungsquellen für Waldschutz.


Die COP30 wird zu einer Bewährungsprobe für Brasiliens Anspruch, globaler Taktgeber beim Klimaschutz zu sein. Die innenpolitischen Widersprüche, die Abwesenheit konstruktiver US-Beteiligung und der Gegenwind von Klimaleugnern setzen enge Grenzen. Umso mehr wird es darauf ankommen, dass Brasilien seine Gastgeberrolle nutzt, um eine glaubwürdige, ambitionierte Agenda voranzutreiben – und dabei zeigt, dass Klimaschutz und eine gerechte Entwicklung im Globalen Süden kein Widerspruch sein müssen.


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Eine COP und viele Perspektiven

Entwaldung in Brasilien Brasiliens Glaubwürdigkeit beweist sich daurch, Abholzung zu reduzieren (Foto: Bruno Kelly/Amazonia Real (CC BY-NC-SA 2.0))

Als Luiz Inácio Lula da Silva 2022 die Präsidentschaftswahl gewann, kehrte Brasilien nach den Bolsonaro-Jahren wieder auf die Bühne der internationalen Politik zurück – und die Ausrichtung der COP30 war und ist dabei ein zentrales Instrument. Lula und die brasilianische Regierung wollten ihrem Bekenntnis zum Multilateralismus (Internationale Zusammenarbeit zwischen mehreren Staaten, Anm. d. Red.) ein global sichtbares Zeichen geben. Aber es ging auch darum, Brasiliens negatives Image zu revidieren: Immer wieder sorgte der brennende Amazonaswald für dramatische Bilder und Schlagzeilen. Und für Brasilien und Amazonien ist der Bezug zur Klimapolitik fundamental: Nach wie vor ist Entwaldung der wichtigste Faktor der CO2-Emissionen des Landes. Brasilianische Klimapolitik kann ohne die Reduzierung von Entwaldung kein Erfolg sein.


Die öffentlichen Äußerungen Lulas zeigen, dass zumindest für ihn Amazonien als Ort der COP den entscheidenden Unterschied macht. Er will damit auch der für viele Brasilianer*innen irritierenden Fixierung der internationalen Öffentlichkeit auf den Wald entgegentreten: „Es ist eine Sache, über Amazonien in Ägypten zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Berlin zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Paris zu diskutieren. Das ist jetzt anders. Jetzt werden wir über die Bedeutung des Amazonas innerhalb Amazoniens diskutieren. Wir werden über die Indigene Frage diskutieren, über die Indigene Bevölkerung. Wenn wir über Umweltfragen sprechen, müssen wir auch über die Menschen sprechen, die in diesen Regionen leben und ein Leben in Würde führen sollen. Denn wenn wir über Naturschutz sprechen, müssen wir auch die 50 Millionen Menschen schützen, die im Amazonas­gebiet Südamerikas leben. All das müssen wir schützen, denn nur so können wir die Umwelt schützen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Schutz der Umwelt damit beginnt, dass wir uns um die armen Menschen kümmern, die in diesen Regionen leben.“ Belém soll also ein Ort sein, der Umwelt- und Klimapolitik mit dem Kampf gegen Armut verbindet – und dabei auch die vorbildliche Bilanz der Regierung zeigt. Und tatsächlich hat die Regierung Lula nach fast drei Jahren Amtszeit einiges vorzuweisen: die Entwaldung im Amazonasgebiet ist deutlich zurückgegangen, ebenso wie extreme Armut und Mangelernährung. Die Einrichtung eines Ministeriums für Indigene Fragen und die Ernennung der Indigenen Aktivistin Sonia Guajajara zur Ministerin hat einen klaren Schwenk in der Politik für die Indigenen Völker signalisiert. Aber bald tauchten auch Probleme auf, die dem Image der Regierung Schaden zufügen können.

Nicht alles läuft gut

Bald beherrschten negative Schlagzeilen die internationale Presse und säten Zweifel, ob Belém tatsächlich ein geeigneter Austragungsort sei. Die Kritik an der prekären Infrastruktur in Belém (Straßen voller Löcher, offene Abwasserkanäle, Abfall auf den Straßen…) ließ sich noch relativ leicht als Arroganz westlicher Länder abwehren oder sogar als positives Merkmal umdeuten: willkommen in der realen Welt des Globalen Südens. Aber eine COP ist keine soziale Erkundung, sondern eine komplexe Konferenz, an der fast alle Staaten der Welt teilnehmen. Die Delegationen waren bald mit fehlenden Hotelbetten und horrenden Preisen konfrontiert. Die Krise der Unterkünfte dominierte daher bald nicht nur die Berichterstattung über die COP, sondern führte auch zu einem Aufschrei auf der Vorbereitungskonferenz in Bonn im Juni dieses Jahres. Und es waren nicht primär die Staaten des Globalen Nordens, sondern Länder aus Afrika oder Inselstaaten des Pazifiks, die erklärten, dass die exorbitanten Preise ihre Teilnahme unmöglich zu machen drohten und sogar eine Verlegung der COP ins Spiel brachten. Die wird es nun nicht mehr geben, aber auch bis Mitte Oktober war die Frage der Unterbringung trotz aller Beschwichtigungsversuche der brasilianischen Regierung und der Anmietung von Kreuzfahrt­chiffen nicht wirklich gelöst. Die Kritik gerade der ärmeren Staaten droht zu einem erheblichen Imageschaden für die brasilianische Regierung zu werden.

Bald kamen aber auch Zweifel an der Idee einer Wald- und Amazonien-COP auf. Wie steht es denn eigentlich um die Verhandlungsagenda? Da steht die Reduzierung von Entwaldung nicht auf der Tagesordnung. Wenn die COP nicht zu einem symbolischen Spektakel verkommen soll, dann darf sie die zentrale Frage der globalen Klimapolitik nicht ignorieren: das unvermeidliche Ende des fossilen Zeitalters. Diese Debatte kommt der brasilianischen Regierung höchst ungelegen. Denn im vergangenen Jahr wurde Erdöl zum wichtigsten Exportprodukt Brasiliens. Und ausgerechnet im Bereich der Amazonasmündung sollen neue Ölfelder erschlossen werden. Treiberin ist die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras, deren Präsiden­tin sich als brasilianische „Drill, baby, Drill“-Verkünderin profilierte. Präsident Lula unterstützte dies ausdrücklich und kritisierte die brasilianische Umweltbehörde für ihre zögerliche Bewilligung der erforderlichen Genehmigungen.

Aber damit nicht genug: Ein Gesetz, das die Regulierungen für Umweltgenehmigungen in Brasilien dramatisch aufweicht, ist vom Parlament mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Die brasilianische Umweltministerin Marina Silva hat das Gesetz als den „Sargnagel für Umweltlizensierung“ bezeichnet, die Nichtregierungsorganisation Observatório do Clima („Klimabeobach­tungsstelle“) erachtet den Entwurf als den „entscheidensten Rückschritt in der brasilianischen Umweltpolitik in den letzten Jahrzehnten“. Aber anders als bei der Frage der Erdölförderung, handelt es sich hier um eine Politik gegen die Regierung. Die Lula-Regierung verfügt über keine stabile Mehrheit im Parlament und in Brasilien hat der Wahlkampf begonnen. In der nationalen politischen Agenda spielt die COP kaum eine Rolle. Es geht um den Gerichtsprozess gegen Bolsonaro und eine Amnestie für die Straftaten im Kontext der Parlamentsstürmung am 8. Januar 2023. Kurzfristig zumindest profitiert Lula in den Umfragen von den Sanktionen der US-Regierung. Er kann sich nun als Vorkämpfer der nationalen Souveränität Brasiliens profilieren. Die Agenda der COP tritt dabei in den Hintergrund.

Im Oktober 2026 wird in Brasilien gewählt, der Wahlkampf hat mit aller Heftigkeit bereits begonnen und damit verringert sich die Macht der Regierung und ihre Fähigkeit, im Kongress Kompromisse zu verhandeln. In verschiedenen Fragen hat die Regierung in den letzten Wochen Abstimmungen klar verloren. Von dem mehrheitlich als rechts zu verortenden Kongress ist keine Rücksicht auf die COP30 oder auf Klimapolitik zu erwarten – im Gegenteil. Dies ist auch ein Vorgeschmack davon, was droht, wenn die rechte bis rechtsradikale Opposition die nächsten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2026 gewinnen sollte. Und eines ist jetzt schon klar: Diese politische Lage wird die Umwelt- und Klimapolitik in Brasilien stärker beeinflussen als die COP30. Für das internationale Ansehen von Präsident Lula ist die COP wichtig – für den Ausgang der Wahl eher nicht.

Verhandlungsprozess ohne Agenda?

Während die internationale Presse breit über die Krise der Unterkünfte oder auch über einige problematische Baumaßnahmen der COP berichtet, bleibt der eigentliche Verhandlungsprozess im Hintergrund. Das liegt nicht nur daran, dass dies zu einer Frage von Spezialist*innen geworden ist, sondern hängt auch damit zusammen, dass keine wichtigen Entscheidungen zu fällen sind.
Die renommierte brasilianische Umweltjounalistin Daniela Chiaretti diagnostiziert, die Agenda der COP30 sei „wenig sexy“; es fehle das große Thema. Hinzu kommt eine gewisse Ermüdung im Konferenzmarathon. Die COP von Baku sollte eine COP der Finanzierung sein, nur erzeugt der Beschluss von Baku großen Frust im Globalen Süden.


Die brasilianische Präsidentschaft will auf keinen Fall das Ergebnis von Baku wieder zur Debatte stellen, sondern soll einen Fahrplan vorlegen, wie die als zu unzureichend beklagte Summe von 300 Milliarden US-Dollar überhaupt bis 2035 aufgebracht werden sollen. Angesichts anderer Prioritäten (Rüstung!) und einer kriselnden Wirtschaft in Europa ist hier der Frust vorprogrammiert.
Aber Paris hat auch den Schwerpunkt der globalen Klimapolitik verändert: Sie basiert nun nicht auf den globalen Vereinbarungen, sondern auf den nationalen Klimazielen, den NDCs, die von den Ländern selbst festgelegt werden und nicht Teil der Verhandlungen sind. Die brasilianische Präsidentschaft hat nun die COP30 zu einer Konferenz der „Implementierung und der Aktion“ erklärt. Aber ob das gelingt, muss abgewartet werden.


Wahrscheinlich ist, dass Vorschläge, die gar nicht zur Klimakonvention gehören, der eigentlichen COP-Agenda die Show stehlen werden. Das ist insbesondere der Vorschlag für einen neuen globalen Waldfonds, den TFFF. Und auch der Gouverneur des Bundesstaates Pará, Helder Barbalho, wird die COP nutzen, um seinen Bemühungen, den CO2-Markt für waldbasierte Kredite zu beleben, Aufmerksamkeit und Unterstützung zu verschaffen. Das Thema ist auch in Brasilien hoch umstritten und wird einer der Schwerpunkte der Proteste bei der COP sein.


Aber eines steht fest: Die COP30 mobilisiert die Zivilgesellschaft insbesondere in Brasilien und Lateinamerika. Brasilien ist ein demokratisches Land und nach den COPs der Diktaturen, wird es endlich wieder Demonstrationen, Proteste, Debatten und ein Parallelforum (Cúpula dos Povos) geben. Die COP in Belém ist auch eine Chance, den Akteur*innen Sichtbarkeit zu geben, die im offiziellen Prozess marginalisiert sind. Und daher ist der Ort der COP30 tatsächlich wichtig: Für Bruna Balbi von der Menschenrechtsorganisation Terra de Direitos („Land der Rechte“) ist die Kritik an Belém auch Ausdruck eines Vorurteils „gegen Amazonien als legitimer Ort der politischen Organisation“. Dies zeigt, dass die Zentren der Macht von der Autonomie Amazoniens beunruhigt sind. „Die Frage ist nicht nur, wo das Event stattfindet, sondern wer das Recht hat, zu sprechen, zu entscheiden und zu existieren.“ Viel Kritik wird auch als eine Arroganz des Zentrums gegenüber einer marginalisierten Region, die ihre Rebellion zeigen will, wahrgenommen.


Belém wird ein Ort dieses Disputes sein. Dazu mobilisieren die sozialen Bewegungen Brasiliens. Es gibt keine Kampagne gegen die Austragung der COP in Belém, bei aller Kritik an einzelnen Baumaßnahmen. Die Perspektive der COP30 als Ort demokratischer Debatten, massiver Proteste, von Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung, aber auch der Lebenszeichen des arg gebeutelten Multilateralismus, sollte wohlfeile Kritik an Hotelpreisen in Grenzen halten und etwas Hoffnung zulassen.


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Die Stimmen des Amazonas

1,3 Millionen Einwohner*innen Belém zeigt, dass Amazonien auch ein urbanes Gesicht hat (Foto: Cayembe via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0))

Die Entscheidung, eine Klimakonferenz in Belém, dem Herzen des Amazonasgebiets, auszurichten, ist symbolträchtig. Über die Symbolik hinaus ist es eine Strategie, den Amazonas in die Klimadebatte einzubeziehen und zu zeigen, was er über die globale kollektive Vorstellung hinaus ist. Der Amazonas ist nicht nur Wald, es gibt auch einen urbanen Amazonas, der ebenfalls unter dem Klimawandel leidet.
Von den mehr als 1,3 Millionen Einwohner*innen der Hauptstadt des Bundesstaates Pará leben mindestens 57 % in den Baixadas – Randgebieten wie Favelas (Armutsvierteln), niedrigen und sumpfigen Gebieten in der Nähe von Gewässern. Belém wird vom Brasilianischen Institut für Geografie und Statistik als die Stadt mit der höchsten Anzahl an Favelas und Baixadas in Brasilien angesehen. Die COP nach Belém zu bringen bedeutet, die verschiedenen Formen des Leidens unter dem Klimawandel sichtbar zu machen. Sei es in einer Flussgemeinde, in einem Indigenen Dorf oder in einer Baixada, wo es keine Infrastruktur gibt, um eine Umweltkatastrophe wie eine Überschwemmung zu überstehen. Das Problem ist, dass die COP eine elitäre Konferenz ist, die schwer zugänglich ist und die, obwohl sie im Amazonasgebiet stattfindet, die lokale Bevölkerung nicht wirklich in die Debatte einbezieht. Angesichts dieser paradoxen Distanz organisieren sich lokale, nationale und internationale Organisationen. Sie wollen alternative Veranstaltungen zur offiziellen Konferenz anbieten, die für die Bevölkerung zugänglich sind, die den Klimawandel am eigenen Leib spürt. Die COP das Baixadas rückt seit 2023 die Peripherien des Amazonasgebiets in den Mittelpunkt der Klimadebatte. Die COP do Povo (COP des Volkes) ist eine Koalition von 39 Organisationen aus traditionellen Territorien, Verbänden und sozialen Bewegungen, die mit den „Völkern des Waldes“ verbunden sind und mehr Beteiligung und Mitspracherecht bei klimabezogenen Entscheidungen anstreben. Der Cúpula dos Povos (Gipfel der Völker) ist seit der ersten UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, die 1992 in Rio de Janeiro stattfand, der parallele Gipfel der Zivilgesellschaft, dem heute mehr als 1.100 internationale Organisationen angehören. Der Gipfel legt Wert auf die Diversität der Lebensumstände, Haltungen und Perspektiven der Basis. Hier sollen die „durch Ungleichheit zum Schweigen gebrachten Stimmen“ Widerhall finden und diejenigen als Akteure einbezogen werden, „die die Realität leben, die das Land, das Territorium kennen“. Das an sechs inhaltlichen Achsen ausgerichtete Programm des Cúpula kann auf der Website eingesehen werden. Dort heißt es: „Die Klimakrise ist bereits da. Wir werden nicht darauf warten, dass Lösungen von oben kommen. Es sind nicht die Expert*innen, die den Planeten retten!“

Die Klimakonferenz der Vertragsparteien wird seit 1995 von den Vereinten Nationen als eine Veranstaltung durchgeführt, die „der Welt zeigt, dass es notwendig ist, über das Klima zu diskutieren und Klimafragen zu verhandeln“, erklärt Carolina Alves, politische Beraterin des Instituts für sozioökonomische Studien (Inesc), einer der zahlreichen Organisationen, die am Cúpula dos Povos teilnehmen und diesen mit vorbereiten.
Bevor man die Wirksamkeit und Zugänglichkeit der COP in Frage stellt, ist es wichtig, ihre Rolle als Ort der multilateralen Diskussion zu verstehen – also als Ort, an dem Dialoge auf globaler Ebene unter Einbeziehung mehrerer Akteure stattfinden. Das ist notwendig, um ein globales Problem zu diskutieren: den Klimawandel. „Ich halte diesen Prozess bereits für positiv“, erklärt Alves, „denn 195 Länder zu einem Gespräch zusammenzubringen, ist in der aktuellen geopolitischen Lage so schwierig, dass allein dieses Treffen schon ein positiver Punkt ist.“

Dass Belém als Austragungsort für die 30. Konferenz ausgewählt wurde, ist nicht zu unterschätzen. „Die COP nach Belém zu holen bedeutet, die Debatte in den Amazonas zu bringen und den Amazonas in die Debatte zu bringen“, sagt Alves. Dazu gehört auch, die Vielfalt zu zeigen, die in Belém, in Pará, im Amazonasgebiet existiert: tropische Regenwälder, aber auch städtische Zentren, Flussgemeinden und Indigene Völker. Den Amazonas jenseits der Vorstellung ausländischer Beobachter zu zeigen. Und natürlich auch die Abholzung zu thematisieren. Vor allem aber gibt die COP Belém die Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen und ihre Bevölkerung in die Debatten einzubeziehen. Zumindest in der Theorie.

Diskussion, die Menschen erreicht

Claudelice Silva dos Santos ist eine Frau aus dem Amazonasgebiet, aus dem Südosten des Bundesstaates Pará. Sie ist Mitglied der COP do Povo, einer der Basisorganisationen, die die Umwelt-debatte auf die Straße bringen wollen. Sie gehört einer Familie von Kleinbäuer*innen und Nusssammler*innen an. Als Amazonasbewohnerin gab es für sie keinen „entscheidenden“ Moment, in dem sie beschloss, Aktivistin für den Naturschutz zu werden: „Denn das ist für Menschen, die in diesen Gebieten geboren sind, etwas Selbstverständliches: Der Naturschutz ist untrennbar mit unserer Existenz verbunden.“ Der Kampf für die Umwelt wurde ab 2011 noch notwendiger, als ihr Bruder und ihre Schwägerin ermordet wurden, weil sie die Ausbeutung der Natur angeprangert hatten. Zu Ehren der beiden gründete sie das Instituto Zé Claudio e Maria, das sich für den Umweltschutz einsetzt.

Santos hat eine kritische Sicht auf die COP. Sie sieht keine praktischen Fortschritte, die aus den Diskussionen in den Regionen hervorgehen. „Was wir brauchen, ist, den Klimanotstand zu beenden“, betont sie. „Das machen die Menschen und Gemeinden bereits sehr gut, mit minimalen Mitteln.“ Eines der Probleme der COP sei, dass die Vereinbarungen „in Geld enden, nicht an der Basis ankommen, nicht in der Politik ankommen“. Was sie sieht, sind falsche Lösungen, die auf Kapitalbewegungen basieren – wie im Fall der Kohlenstoffkredite.

Jetzt, da die COP in der Hauptstadt ihres Bundesstaates stattfindet, ist ihre Sichtweise noch kritischer. Die Konferenz ist trotz ihrer geografischen Nähe für die Amazonasvölker, die für den Erhalt des Waldes kämpfen, aufgrund finanzieller und sprachlicher Schwierigkeiten weit entfernt: weil sie auf Englisch abgehalten wird und weil der Veranstaltungsort infrastrukturtechnisch schwer zu erreichen ist. Santos erklärt, dass die Infrastruktur der COP auf der Ausgrenzung der Peripherie und der lokalen Gemeinschaften basiert: „Wenn es sich um ein Treffen handelt, das die lokale Lebensweise nicht respektiert, das die Vielfalt der traditionellen Völker und Gemeinschaften auf dem Planeten nicht respektiert, die diesen Raum zugäng­lich machen müssen, dann ist es ein Gipfel der Lügen.“ Für Santos und alle anderen Menschen, die „aus dem Umland, vom Feld, aus dem Wald, vom Wasser“ kommen und an dem Gipfel teilnehmen möchten, ist die erste Hürde die Bürokratie der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), um sich für die Veranstaltung zu akkreditieren. Das Verfahren ist auf Englisch und muss lange im Voraus erfolgen, was es für kleine Gemeinden, die sich für den Umweltschutz einsetzen, schwierig macht, an den Diskussionen teilzunehmen. Große NGOs, Unternehmen und Bergbauunternehmen wie der brasilianische multinationale Vale – für Umweltkatastrophen durch Dammbrüche verantwortlich – erhalten hingegen ihre Akkreditierung und werden vom Staat unterstützt.
Die lokale Bevölkerung ist mit den Auswirkungen der städtisch-ökologischen Infrastruktur und den wirtschaftlichen Auswirkungen auf ihr tägliches Leben konfrontiert – durch steigende Immobilien- und Lebensmittelpreise. Was die Infrastruktur betrifft, gibt es das Problem der Abwasserentsorgung, es wird in Randgebiete mit geringerer wirtschaftlicher Infrastruktur umgeleitet. Es handelt sich um eine vorübergehende Veränderung der städtischen Verteilung, um ein Bild zu vermitteln, das nicht der Realität entspricht. Das heißt, der Müll wird aus den reichen Stadtvierteln, in denen die Konferenz stattfindet, entfernt und in die armen Stadtviertel gebracht.

Auch gibt es zu wenige Unterkünfte. Da es nicht genügend Hotels gibt, wurden Motels, Mietwohnungen (wie Airbnb) und sogar Boote umgebaut, um die Teilnehmenden der COP unterzubringen. Infolge des „freien Marktes“ sind die Kosten für Unterkünfte dadurch erheblich gestiegen – ins Zehnfache. Dies erschwert es ärmeren Ländern, die COP zu besuchen, und wirkt sich auch auf die lokale und regionale Bevölkerung aus, die mit den rasant steigenden Miet- und Immobilienpreisen zu kämpfen hat.

Kritik an Straßenbau

Was die Infrastrukturarbeiten betrifft, so wurde der Bau der Avenida Liberdade von Aktivist*innen kritisiert, da er eine Quilombo-Gemeinde in einer Nachbarstadt bedroht, die nicht zur Umweltgenehmigung konsultiert wurde. Der Quilombo do Abacatal liegt weniger als zwei Kilometer von der geplanten Straßentrasse entfernt, was den Zugang zur Gemeinde erschwert. Das ursprüngliche Projekt für die Avenida stammt aus dem Jahr 2012, wurde jedoch im März vom Gouverneur von Pará, Helder Barbalho, wieder aufgenommen, um das Problem der mangelnden Infrastruktur in Belém zu lösen und die Stadt auf die COP vorzubereiten. Es handelt sich um ein Projekt, das das „grüne“ Image, das der Gouverneur zu vermitteln versucht, in Frage stellt.

Santos bestreitet nicht, dass es positive Auswirkungen gibt, „aber zu welchem Preis?“ Sie weiß, dass es möglich wäre, weniger Schäden zu verursachen, aber es fehle das Interesse derjenigen, die hinter den Bauvorhaben stehen. „Wir sprechen hier vom Herzen des Amazonasgebiets, wir sollten in Bezug auf Bauvorhaben, Transparenz und die Berücksichtigung der tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung weit fortgeschritten sein.“
Carolina Alves erkennt zwar die geopolitische Bedeutung der COP an, sieht darin aber auch einen elitären Raum. „Es ist immer noch ein Raum, zu dem nur diejenigen Zugang haben, die Englisch sprechen und die auch eine Akkreditierung für die COP haben, denn nicht jede Organisation hat die Möglichkeit, eine solche Akkreditierung zu erhalten“, kritisiert sie. Deshalb betont sie die Bedeutung von Prozessen wie dem Cúpula dos Povos, der COP do Povo und der COP das Baixadas: „Diese parallelen Prozesse sind genauso wichtig wie die COP selbst. Sie rücken die Gesellschaft in den Mittelpunkt der Debatte und sagen: Seht her, auch wir führen hier einen Dialog, und zwar über Themen, die wirklich Auswirkungen auf euren Alltag haben, und wir werden alles tun, damit diese Themen auch in die COP einfließen.“

Kampf für echten Wandel

Claudelice Silva dos Santos kritisiert, dass bei der COP über Geld diskutiert wird, „nicht über die Zukunft des Planeten, die Zukunft des Waldes, der Gewässer“. Sie argumentiert, dass, wenn das Thema der Diskussion tatsächlich die Natur wäre, „diese Parteien wirklich für den Erhalt des Waldes, für den Erhalt der Umwelt, für eine echte Verpflichtung zur Reduzierung ihrer Emissionen kämpfen würden, aber was sie wollen, ist eine Kompensation (mit Geld)“, prangert sie an.
Mit ihrer Arbeit bei der COP do Povo hofft sie, „den Kampf und Widerstand für einen echten Wandel“ fortzusetzen. Sie vertritt die Ansicht, dass entweder die UNO die COP zu einem demokratischen Raum macht, „zu dem die Bevölkerung, insbesondere traditionelle Völker und Gemeinschaften, wirklich Zugang hat“, oder dass es eine in sich geschlossene Diskussion für Regierungen ohne Zugang für die Bevölkerung bleibt. „Für uns hat das keine Auswirkungen, denn wenn sie uns nicht zuhören, wenn sie die tatsächlichen Forderungen der Bevölkerung nicht verstehen, verhandeln sie nur auf der Grundlage dessen, was sie denken oder glauben“, kommentiert sie.
Solange diese Veränderung nicht eintritt, werde sie weiterhin auf die Straße gehen, um sich Gehör zu verschaffen: „Das ist der Ort, den wir immer einnehmen, wenn wir (Menschen-)Rechte einfordern und verteidigen müssen. Es ist unsere eigene Organisierung, mit unserer Art und Weise zu sein, mit Mystik, mit Musik, mit Poesie, mit erhobenem Kopf, in dem Verständnis, dass unser Platz in dieser Welt erfordert, dass wir stark sind.“


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Wer definiert die “Just Transition”?

Nicht nur Schönheitsfehler Weltweit fordern Aktivist*innen eine gerechte und grundlegende Transformation (Foto: Lorie Shaull via wikimedia commons (CC BY-SA 2.0))

Die Umsetzung der Pariser Klimaziele bedeutet einen tiefgreifenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Wandel. Wie dieser Wandel möglichst gerecht umgesetzt werden kann, wird seit einigen Jahren unter dem Konzept der Just Transition (gerechter Übergang) sowohl auf politischer Ebene, als auch in der Wissenschaft und innerhalb von sozialen Bewegungen diskutiert.
Seit einigen Jahren ist die Just Transition auch in den internationalen politischen Arenen ein bewährtes Schlagwort. Während der COP27 in Sharm-el-Sheikh wurde beispielsweise das Just Transition Work Programm (JTWP) aufgesetzt. Diese Initiative der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), soll Wege aufzeigen, wie die Ziele des Pariser Abkommens auf gerechte Weise umgesetzt werden können. Aktuell fungiert das JTWP vor allem als eine Austauschplattform für Regierungen, NGOs und Gewerkschaften, um zu diskutieren, wie Just Transitions in die nationalen Klimapläne integriert werden können. Der Hauptfokus liegt dabei auf dem Ausbau von sozialen Schutzsystemen für Arbeitnehmer*innen beim Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien (siehe Dossier 21 „Das Gleiche in grün“). Doch die Umsetzung stößt bereits jetzt an ihre Grenzen. Auf der COP29 in Baku gelang es nicht, eine Entscheidung über die weiteren Schritte des JTWP zu treffen. Die Gespräche scheiterten an den tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten, insbesondere darüber, ob breitere Bezüge zu den Menschenrechten und den Rechten Indigener Völker in den Verhandlungstext aufgenommen werden sollten. Auch bei den vorbereitenden UN-Klimaverhandlungen in Bonn im Juni 2025 war das Ergebnis der zweiwöchigen Verhandlungen unzureichend. Statt eines neuen Beschlussentwurfs wurde lediglich eine informelle Note veröffentlicht, die als Grundlage für die Gespräche über Just Transitions bei der COP30 dient. Diese benennt zwar erstmals die Bedeutung von Indigenen Rechten in der Umsetzung eines gerechten Übergangs, doch die Aussichten für eine Einigung während der COP30 sehen weiterhin schlecht aus.

Ein umkämpfter Begriff

Ein Grund für die Herausforderungen liegt in den grundlegend unterschiedlichen Auffassungen darüber, was ein gerechter Übergang bedeutet. Das Konzept stammt ursprünglich aus der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung der 1970er Jahre. Im Zentrum standen damals die Rechte und Lebensgrundlagen von Arbeitnehmer*innen der Öl-, Chemie- und Atomindustrie, deren Arbeitsplatzsicherheit von Umweltvorschriften betroffen war. Die Idee der Just Transition wurde seitdem vielfach aufgegriffen und weiterentwickelt – dabei aber auch vereinnahmt und entpolitisiert. Die heutige, politisch dominante Auslegung, wie die UNFCCC sie praktiziert, bleibt stark arbeitsmarktorientiert und technokratisch. Die dort besprochenen Maßnahmen von sozialen Auffangnetzen, Umschulungen, und der Förderung von „grünen Jobs“ sind wichtig, setzen allerdings auch einen etablierten Wohlfahrtsstaat und organisierte Gewerkschaften voraus. Diese Voraussetzungen fehlen in vielen Ländern Lateinamerikas, die mit hoher Verschuldung, informellen Arbeitsverhältnissen sowie postkolonialen, neoliberalen und oligarchischen Staatsstrukturen konfrontiert sind. Der aktuelle Diskurs reproduziert daher ein eurozentrisches Verständnis, das soziale und historische Kontexte des Südens ausblendet.
Gleichzeitig verfolgt der Globale Norden seine Klimaziele durch die Dekarbonisierung von fossilen Energiesystemen. Diese sogenannte „Energiewende”, die die Weiterführung von Öl- und Gasförderung auf Rekordniveaus beinhaltet, benötigt einen massiven Abbau von „kritischen Rohstoffen“ wie Lithium, Kobalt, Kupfer, oder Nickel für den Ausbau von E-Mobilität und erneuerbaren Energien. Lateinamerika steht im Zentrum dieses grünen Extraktivismus, der die gleichen ausbeuterischen Praktiken unter einem vermeintlich grünen Deckmantel fortführt. Die Intensivierung des Rohstoffabbaus verschärft soziale Ungleichheiten und sozial-ökologische Konflikte in den verschiedenen betroffenen Regionen Lateinamerikas – vom Lithiumabbau in Chiles Salar de Atacama, über die Militarisierung einer Kupfermine in Ecuador, zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Polizei in Perus Tía María Mine. Aber neben der Ausbeutung von Rohstoffen führen auch großflächige Solar- und Windenergieprojekte zu sozialen und ökologischen Konflikten, Landnahme und Vertreibung. Zum Beispiel in La Guajira, in Kolumbien, wo die Indigenen Wayuu vertrieben werden, um 31 Windkraftprojekte zu bauen (siehe Dossier 21). Oder im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Norte, in dem mehr als 240 der über 900 Solarparks des Landes stehen, die veränderte Energielandschaft aber nicht zu verbesserten Lebensbedingungen für die einheimische Bevölkerung führt. Oder in Magallanes, Chile, wo die Bevölkerung nicht über den Aufbau von grünen Wasserstoffanlagen konsultiert wurde.

Aber was ist mit anderen Perspektiven auf einen gerechten Übergang? Während die offiziellen Verhandlungen stocken, zeigt sich außerhalb der Verhandlungsräume ein anderes Bild. Die Cupula dos Povos (Gipfel der Völker, Anm. d. Red.), ein Zusammenschluss aus hunderten NGOs, Bewegungen, und Kollektiven der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit, eröffnet in ihrem Manifest eine radikal andere Vision eines gerechten Übergangs. Sie schreiben: „Ein gerechter, volksnaher und inklusiver Übergang ist von grundlegender Bedeutung.” Dies bedeutet unter Anderem das Recht auf Land und Territorium zum Beispiel durch Landreformen und die Legalisierung von Indigenen und Quilombola Territorien, die Schaffung von Ernährungssystemen mit dem Schwerpunkt auf Ernährungssouveränität, die Förderung von Indigenen, solidarischen und feministischen Ökonomien, die Anerkennung der Natur als Rechtssubjekt, faire Klimafinanzierung jenseits von Kohlenstoffmärkten und Verschuldung sowie Dekolonialisierung und strukturelle Gerechtigkeit. Ihre Forderungen stehen im Einklang mit weiteren alternativen Vorstellungen eines gerechten Übergangs, zum Beispiel den Indigenen Prinzipien und Protokollen für eine Just Transition der Koalition Securing Indigenous Peoples’ Rights in the Green Economy (SIRGE; Die Rechte Indigener Völker in der grünen Ökonomie sichern) oder des Öko-Sozialen und Interkulturellen Pakt des Südens. Was diese alternativen Ansätze vereint, ist eine Ablehnung von technokratischen Scheinlösungen, die Forderung von Dekolonialisierung und Wiedergutmachung, die Sicherung Indigener Souveränität und die Anprangerung von globalen Wirtschafts- und Verschuldungsstrukturen.

Alternative und dekoloniale Visionen einer Just Transition

Während sich die Bewegungen im Zuge der Cupula dos Povos mobilisieren, ist die Fortführung des JTWP über die COP31 hinaus noch nicht entschieden. Die Wirksamkeit des Programms soll nächstes Jahr bewertet werden. Es bleibt abzuwarten, ob und in welcher Form die Forderungen von sozialen und Indigenen Bewegungen Teil einer zukünftigen Auseinandersetzung über Just Transitions in den internationalen Verhandlungen werden, oder ob sie das überhaupt sollten, angesichts der Gefahr von weiterer Entpolitisierung und Vereinnahmung. Die COP30 ist somit auch in der Aushandlung von zukünftigen Transformationspfaden sowohl eine Chance, als auch ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite visualisieren die vielfältigen Proteste alternative und dekoloniale Ansätze einer sozial-ökologischen gerechten Transformation, die die Wurzeln der aktuellen Polykrise angehen. Auf der anderen Seite werden weiterhin in geschlossenen Räumen Maßnahmen verhandelt, die nicht weiter weg von den Lebensrealitäten der am meisten betroffenen Menschen der Klimakrise sein könnten. Der Konflikt um einen gerechten Übergang ist mehr als eine technische Debatte: Er ist ein Ausdruck grundlegend unterschiedlicher Vorstellungen von Entwicklung, Gerechtigkeit und Zukunft. In Belém treffen nicht nur unterschiedliche Strategien aufeinander, sondern auch widerstreitende Weltbilder über die Ursachen und Lösungen der globalen Polykrise. Die Just Transition bleibt somit umkämpft – und die COP30 wird zeigen, in welche Richtung sich die Debatte bewegt.


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Der Streit ums Geld geht weiter

Reiche Länder, zahlt eure Klimaschuld! Demoaktion in Baku zur COP30 (Photo: UN Climate Change – Kiara Worth (CC BY-NC-SA 2.0))

Die internationale Klimafinanzierung steht schon seit vielen Jahren im Fokus der Debatten bei den UN-Weltklimakonferenzen. Bei diesem Streitthema zwischen Globalem Norden und Süden geht es einerseits um die Finanzierung von Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen sowie zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise und andererseits um die Finanzierung von jetzt schon gegebenen wie absehbaren klimabedingten Verlusten und Schäden im Globalen Süden. Und wie schon im Vorjahr, ist dieses Thema auch bei der anstehenden Klima-COP30 in Belém zentral.
Eigentlich sollte das Jahr 2025 eine neue Dekade in der Klimafinanzierung einläuten. Doch die Verhandlungen bei der COP29 2024 in Baku endeten mit einem neuen globalen Finanzierungsziel von 300 Milliarden US-Dollar jährlich bis 2035. Das New Collective Quantified Goal (NCQG) stellt zwar eine Verdreifachung des bisherigen Ziels dar, bleibt jedoch weit hinter dem tatsächlichen Bedarf des Globalen Südens zurück. Von der COP30 im Amazonas erwarten die Länder des Südens nun konkrete Ergebnisse zur Ausgestaltung des neuen Ziels. Für viele arme Länder bedeutet das enorme Schwierigkeiten, denn mit diesem Niveau an Unterstützung wird es nicht möglich sein, die eigene Wirtschaft klimafreundlich umzubauen, notwendige Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren oder klimabedingte Schäden und Verluste zu kompensieren.

Auf Druck der Entwicklungsländer wurde im COP29-Abschlusstext immerhin ein zweiter, weit ambitionierterer Zielrahmen für die Klimafinanzierung verankert: mindestens 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr bis 2035, mobilisiert aus „allen verfügbaren Quellen“. Genau diese Summe hatte der Globale Süden als eigentliches Ziel gefordert, jedoch vergeblich. Damit es nicht nur bei der Zahl bleibt, erhielten die COP-Präsidentschaften Aserbaidschan und Brasilien den Auftrag, bis zur COP30 einen Fahrplan auszuarbeiten, wie die Klimafinanzierung auf 1,3 Billionen US-Dollar gesteigert werden soll: die „Baku to Belém Roadmap to 1.3T“. Diese wird in Belém im Zentrum der Debatte stehen.

Doch die Roadmap wird kein verhandelter Text und bleibt damit unverbindlich. Streit ist daher vorprogrammiert: Umweltorganisationen und Entwicklungsländer fordern einen verbindlichen Aktionsplan, der die Schwachstellen der bisherigen Klimafinanzierung angeht. „Fix the money or forget the climate goals“ (Entweder das Geld oder vergiss die Klimaziele), warnte das NGO-Bündnis Climate Action Network. Denn viele Länder knüpfen ihre nationalen Klimaziele (NDC) direkt an verbindliche Finanzierungszusagen des Globalen Nordens. Indien hat bereits angedeutet, dass es weniger ambitionierte Minderungsziele für sein neues NDC bis 2035 festlegen wird.
Schon bei den halbjährlichen Klimaverhandlungen in Bonn zeigte sich, wie verhärtet die Fronten sind. Die Gruppe Like-Minded Developing Countries (LMDC) wollte – mit Unterstützung der G77+China – über klare Zusagen zu mehr öffentlichen Geldern für das NCQG sprechen. Doch die Industriestaaten blockten ab.


In Belém wird es daher nicht nur um die Höhe der Klimafinanzierung gehen, sondern auch um ihre Qualität. Entscheidend ist, wie viel davon aus öffentlichen Mitteln stammt, ob es Zuschüsse oder Kredite sind – und wie der Zugang zu den Geldern, vor allem für lokale Gemeinschaften, erleichtert werden kann.
Ein weiteres Problem des neuen Ziels ist sein realer Wertverlust. Bis 2035 werden die 300 Milliarden US-Dollar durch Inflation deutlich weniger wert sein als heute – nur etwa 170 Milliarden US-Dollar. Zudem soll ein erheblicher Teil aus Beiträgen multilateraler Entwicklungsbanken kommen. Letztlich könnten so am Ende lediglich rund 80 Milliarden an neuen und zusätzlichen öffentlichen Mitteln übrigbleiben.

Für Brasilien, das sich in diesem Jahr mit gleich drei großen Gipfeln (G20, BRICS und COP30) als globale Führungsmacht positionieren will, ist dies ein Härtetest. Die brasilianische COP-Präsidentschaft muss das Vertrauen zwischen Nord und Süd wiederherstellen, das nach Baku und Bonn gelitten hat. Eine Herausforderung angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und schrumpfender finanzieller Spielräume der Geberländer. Viele von ihnen kürzen ihre Entwicklungshilfe zugunsten von steigenden Militärausgaben massiv – mit direkten Folgen für die internationale Klimafinanzierung. Auch Deutschland kürzt seine Mittel für internationale Zusammenarbeit und droht, sein selbst gestecktes Ziel von jährlich sechs Milliarden Euro zu verfehlen. Im Koalitionsvertrag hatte sich die neue Regierung noch verpflichtet, den fairen Anteil an der Klimafinanzierung bereitzustellen. Für Brasilien und den Globalen Süden wird sich zeigen, ob die COP30 den Zielrahmen von 1,3 Billionen US-Dollar mit verbindlichen Zusagen füllen kann oder ob sich die Fronten weiter verhärten.

Die Finanzierungslücke ist eine Herausforderung für Gerechtigkeit

Doch während in Belém um den Fahrplan gerungen wird, bleibt die Realität ernüchternd: Die Finanzierungslücke ist riesig und Tricks verwässern den Begriff Klimafinanzierung. Studien gehen davon aus, dass Entwicklungsländer bis 2030 jährlich mindestens 2,4 Billionen US-Dollar benötigen, um ihre Wirtschaft zu dekarbonisieren und sich an die Folgen der Klimakrise anzupassen. Dies entspricht 6,5 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft. Allein für Anpassungsmaßnahmen wird ein dreistelliger Milliardenbetrag veranschlagt, und die Kosten für klimabedingte Verluste und Schäden könnten bis 2030 je nach Region auf bis zu 290 bis580 Milliarden US-Dollar anwachsen. Tatsächlich fließt deutlich weniger. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wurde das 2009 versprochene 100-Milliarden-Ziel für den Zeitraum 2020 bis 2025 erstmals 2022 erreicht (116 Milliarden US-Dollar). Davon stammten 72 Prozent aus öffentlichen Mitteln, der Rest größtenteils aus staatlich gehebelten privaten Investitionen. Das Climate Policy Institute schätzt, dass 2023 weltweit – international wie national – zwar rund 1,9 Billionen US-Dollar für Klimaschutzmaßnahmen mobilisiert wurden, davon aber über 90 % für Minderungsmaßnahmen und nicht mal 4 % für Anpassung. Für besonders verwundbare Staaten wie Tuvalu oder Mosambik bedeutet diese Schieflage eine akute Bedrohung. Was als Klimafinanzierung angerechnet werden kann, ist dabei nicht eindeutig definiert. Die OECD-Länder legen die Kriterien weitgehend selbst fest und schönen so ihre Bilanzen. Entwicklungsprojekte mit begrenztem oder indirektem Klimanutzen werden ebenso angerechnet wie rückzahlbare Kredite. Forderungen nach klaren Regeln, was als „neu und zusätzlich bereitgestelltes Geld“ gezählt werden darf, blockieren die Industriestaaten bislang. Auch die eigens eingerichteten UN-Klimafonds bleiben – mit Ausnahme des Grünen Klimafonds (GCF) – deutlich hinter den Erwartungen zurück. Besonders der Anpassungsfonds (AF) und der globalen Fonds für Schäden und Verluste (Fund for Responding to Loss and Damage, FRLD) sind völlig unterfinanziert. Die COP30-Präsidentschaft will das Thema Anpassung zur Priorität für die Verhandlungen machen. Denn der globale Süden drängt darauf, dass in Belém die Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen bis 2030 mindestens verdreifacht wird, damit die am stärksten betroffenen und oft hochverschuldeten Länder nicht noch weiter destabilisiert werden. Ob die Baku to Belém Roadmap das Thema Schäden und Verluste aufgreift, ist noch offen. Bei der COP29 in Aserbaidschan scheiterte der Versuch, es als Unterziel im NCQG zu verankern. Dieses umfasst nur die Unterstützung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen. Viele Länder und Umweltorganisation verlangen deshalb bei der COP30 ein Unterziel nur für die Finanzierung von Schäden und Verlusten – inklusive verbindlicher Zusagen für den FRLD.

Globale Verantwortung: Industrieländer unter Druck


Trotz ihrer historischen Verantwortung für den Großteil der globalen Treibhausgasemissionen zögern die Industrieländer weiterhin, eine faire Lastenteilung in der internationalen Klimafinanzierung zu akzeptieren. Viele Finanzierungsmodelle basieren auf kreditbasierten Ansätzen zu kommerziellen Konditionen, die die Schuldenlast vieler Empfängerländer zusätzlich erhöhen. Statt mehr öffentliche Mittel bereitzustellen, setzen sie neben Kredite verstärkt auf die Mobilisierung privater Investitionen – vor allem über sogenannte Blended-Finance-Instrumente. Dabei sollen staatliche Gelder Risiken für Investoren und Unternehmen abfedern. Doch die erhofften Hebeleffekte bleiben bisher hinter den Erwartungen zurück.

Für den Globalen Süden ist dieses Modell unzureichend und Ausdruck fortgesetzter Klimaungerechtigkeit. Dieser fordert nicht nur verlässliche öffentliche Mittel, sondern auch alternative Ansätze. Dazu gehören Debt-for-Climate-Swaps, also der Tausch von Auslandsschulden gegen Investitionen in Anpassungsmaßnahmen oder Erneuerbare Energien. Kolumbien, Kenia, Frankreich und Deutschland haben dafür 2023 eine unabhängige Expertenkommission initiiert. Diese empfahl in ihrem Abschlussbericht im April, solche Instrumente auszubauen und es wird erwartet, dass das Thema auf der COP30 weiter an Fahrt gewinnen wird.

Parallel wächst der rechtliche Druck auf die Geberländer: In einem Gutachten stellte der Internationale Gerichtshof (IGH) im Juli erstmals klar, dass „entwickelte Länder“ nach Artikel 9.1 des Pariser Abkommens völkerrechtlich verpflichtet sind, Entwicklungsländer mit Klimafinanzierung zu unterstützen. Zwar ist das Gutachten nicht bindend, doch liefert es dem Globalen Süden ein starkes Argument, bei der COP30 verbindlichere Zusagen zum NCQG einzufordern. Zugleich eröffnet es die Möglichkeit, fehlende Unterstützung juristisch einzuklagen. Inselstaaten bezeichneten das Gutachten als „Meilenstein“ für Klimagerechtigkeit.

Schließlich bleibt die Frage der Geberbasis umstritten: Während der Globale Norden eine Ausweitung auf Länder wie China und die Golfstaaten fordert, bestehen diese auf freiwilligen Beiträgen und betonen historische Ungleichgewichte. In ihrer Erklärung zur Klimafinanzierung bekräftigten die BRICS-Staaten beim diesjährigen Gipfel in Rio de Janeiro, dass diese primär eine Aufgabe der entwickelten Länder sei. Zugleich unterstreichen sie damit die wachsende Stimme und koordinierte Handlungsfähigkeit des Globalen Südens in der internationalen Klimapolitik.

Die Auseinandersetzungen zwischen Süd und Nord spiegeln ein tiefer liegendes Problem wider: Die internationale Finanzarchitektur ist bis heute von Machtverhältnissen geprägt und benachteiligt den Globalen Süden durch ungleiche Entscheidungsrechte, hohe Kreditkosten und schwerfällige Zugangsbedingungen zu Finanzierungsmöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund will die brasilianische COP30-Präsidentschaft die Reform der Finanzarchitektur vorantreiben – unter anderem über den Circle of Finance Ministers, der die Ausgestaltung der Baku to Belém Roadmap unterstützen soll. Diese sieht gezielte Reformen der multilateralen Entwicklungsbanken vor, innovative Finanzierungsinstrumente wie die Tropical Forest Forever Facility (TFFF) und eine Öffnung der Finanzarchitektur für Entwicklungsländer.

Mit der Austragung der COP30 im Amazonas – der eng mit der Entstehung der internationalen Klimafinanzierung verwoben ist – rückt Brasilien die zentrale Rolle der Wälder für den Klimaschutz in den Vordergrund. In Belém will es mit der TFFF groß auftrumpfen: 25 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Geldern sollen weitere über 100 Milliarden US-Dollar von privaten Investoren mobilisieren. Zinserträge in Höhe von 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr sollen tropischen Wäldern so eine leistungsbezogene, aber dauerhafte Unterstützung beim Waldschutz bieten. Neben Norwegen und Deutschland haben auch nicht klassische Geberländer wie China und die Vereinigten Arabischen Emirate bereits signalisiert, sich finanziell an der Initiative zu beteiligen.
Für Brasilien ist die TFFF damit mehr als ein Waldschutzfonds – sie ist der Versuch, eine neue Brücke in der globalen Klimafinanzierung zu schlagen. Ob diese Brücke trägt und den Riss zwischen Nord und Süd tatsächlich lindern kann, bleibt die zentrale Bewährungsprobe der COP30.


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Klimagerechtigkeit in der Sackgasse

“Artikel 6 korrigieren” Die Diskussion zur Regulierung des Artikel 6 geht in Belém weiter (Foto: Klima-Bündnis))

Der CO2-Handel gilt vielen als ein vielversprechender Ansatz, um die Klimaziele zu erreichen. Die schon 1997 im Kyoto-Protokoll aufgenommenen marktbasierten Instrumente werden auch auf der nächsten Klimakonferenz (COP30) in Brasilien ein wichtiges Thema sein.
Die Hoffnung dahinter: Ein immer höherer CO2-Preis wird Investitionen in den Klimaschutz wirtschaftlich attraktiv machen. Er soll den Staaten, neben den CO2- Reduktionsmaßnahmen im eigenen Land, zusätzliche Instrumente bieten, um ihre Reduktionsverpflichtungen zu erfüllen.
Neben dem Emissionshandel zwischen Industrie­­­­­ländern wurden im Kyoto Protokoll deshalb zwei wichtige projektbezogene Instrumente ins Leben gerufen: die Joint Implementation („gemeinsame Umsetzung“) und der Clean Development Mechanism („Mechanismus zur umweltgerechten Entwicklung“). Diese flexiblen Marktmechanismen werden von den Vereinten Nationen und den jeweiligen Nationalregierungen überwacht und politisch begleitet. Darüber hinaus wurde im Kyoto-Protokoll angeregt, dass jede*r sich über freiwillige Kompensationsmaßnahmen an den Reduktionsanstrengungen beteiligen kann.


Zehn Jahre später, auf der Klimakonferenz in Bali 2007, wurde diese Marktlogik auch auf den Bereich der Wälder mit dem REDD+-Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation; Emissionsreduktionen aus Waldzerstörung und Degradierung) übertragen.
Kompensationsinstrumente bergen die Gefahr, den Blick von der dringend notwendigen Abkehr von den fossilen Ressourcen abzulenken. Besonders problematisch sind Kompensationen mit Waldflächen, da Wälder keine verlässlichen, dauerhaften CO2-Speicher sind – und sie außerdem Lebensräume für Menschen sowie vielfältige Ökosysteme darstellen. Als ökologisches System speichern Wälder zwar Kohlenstoff, geben diesen jedoch durch natürliche Prozesse, wie das Absterben der Bäume, auch wieder frei. Ein zentrales Kriterium für die institutionelle Anerkennung von Reduktionsmaßnahmen ist jedoch die Bestätigung, dass die jeweilige Reduktion dauerhaft erfolgt (die sog. Permanenz). Ein Wald kann diese Dauerhaftigkeit jedoch niemals garantieren.

Handel mit dem Wald

Abgesehen davon, dass Wälder der dauerhaften CO2-Senkung nicht dienen können, wird ihre Einbindung in das Kompensationsgeschäft für die dort lebenden Menschen zur Bedrohung. Viele Indigene Völker in Amazonien machen die Erfahrung, dass der REDD+-Mechanismus eine zusätzliche Gefährdung ihrer Lebensweise und ihrer Territorien wird. Teil der Problematik ist es, dass der akute Bedarf an Finanzmitteln zum Schutz ihrer Gebiete dazu führt, dass die im Zusammenhang mit REDD+-Projekten von Unternehmen und internationalen NGOs versprochenen Gelder zunächst attraktiv für Indigene Gemeinden scheinen. Die Ergebnisse beziehen ihre Interessen jedoch selten wirklich mit ein. „Am Anfang gab es viele Hoffnungen, dass REDD den Indigenen Völkern auch einen ökonomischen Vorteil bringen würde. Diese Hoffnung wurde von vielen Beratern, die uns über REDD informierten, geschürt. Je weiter die Diskussion voranschritt, desto mehr wuchsen die Bedenken hinsichtlich des Instrumentes“, berichtet die Indigene Vertreterin der Asháninka in Peru Teresita Antazú. Sie erläutert weiter, dass zu Beginn in den Gemeinden vor allem die Vorteile von REDD+ hervorgehoben wurden und die Probleme kaum thematisiert wurden. Einige Asháninka begannen, Teile ihres Territoriums für REDD+-Projekte auszuweisen. Als sie nach und nach erfuhren, dass sie in diesen Gebieten nicht mehr ihren traditionellen Aktivitäten wie Jagen, Fischen und Feldbau nachgehen könnten, sanken sowohl die Zustimmung als auch ihr Interesse an REDD+, so Antazú: „Wenn wir nichts mehr anpflanzen können und als Ausgleich nur Almosen erhalten, dann wollen wir nicht dabei sein.“


Seit 2007 sind viele Millionen Euro in die Entwicklung von REDD+-Strukturen geflossen. Deutschland ist einer der wichtigen Geldgeber. Keine dieser Strukturen erweist sich als wirksames Mittel, um mit den horrenden Gewinnmargen mitzuhalten, die die parallele Zerstörung der Wälder einbringt. Und diese nimmt in ihrer Geschwindigkeit immer weiter zu.

Funktionierende jahrtausendalte Strukturen fördern

Statt weiterhin Steuergelder in den Aufbau von wirkungslosen Strukturen und Instrumenten einzusetzen, sollten diejenigen gestärkt werden, die seit Jahrtausenden mit statt gegen die Natur wirtschaften. So könnten beispielsweise Indigene Völker, die Millionen von Hektar Regenwald in Amazonien durch ihre Lebensweise zu bewahren versuchen, für ihre Anstrengungen gefördert und entlohnt werden. Alle Menschen profitieren von den unverzichtbaren ökologischen Leistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Erhalt der Biodiversität und die Aufrechterhaltung von Wasserkreisläufen des Amazonas. Selbst die exportorientierte Landwirtschaft in Lateinamerika ist von diesen Wasserkreisläufen abhängig. Der Dachverband der Indigenen Organisationen des Amazonasbeckens (Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica, COICA) verfolgt gemeinsam mit RIA – REDD Indígena Amazónico genau diese Argumentationsweise und stellte schon 2011 ihren Ansatz als Alternative zum REDD+ Ansatz der Weltgemeinschaft vor.

Das Konzept des Indigenen REDD verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als die derzeitigen Kompensationsprojekte: Es zielt darauf ab, die rechtliche Anerkennung Indigener Territorien zu sichern und ihre Bewohner*innen im Schutz ihrer Wälder zu stärken. Ein zentrales Element ist ein von Indigenen selbst entwickeltes und durchgeführtes Mess-, Berichts- und Prüfungswesen, mit dem sie die klimatischen Veränderungen und die Nutzung ihrer Gebiete eigenständig überwachen. Damit bleibt die Kontrolle über ihre Territorien in ihren Händen. Im großen Unterschied zu den offiziellen REDD+-Projekten geht es hierbei nicht um die Schaffung handelbarer Zertifikate, sondern um die Stärkung von Rechten und Selbstbestimmung.
Das Indigene REDD gilt als sozialverträgliche Alternative zu den marktgestützten Mechanismen und als wirksamer Beitrag zum Klimaschutz, der auf einer nachhaltigen Bewirtschaftung Indigener Territorien im Amazonasbecken basiert und gleichzeitig die Rechte der Völker und ihre Selbstbestimmung stärkt.

Klimagutschriften sind Schlupflöcher für Industriestaaten

Vor dem 30. Klimagipfel im Amazonasgebiet steht der Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens im Fokus. Eine neue Version der früheren flexiblen Instrumente regelt darin die Zusammenarbeit von Staaten zur Erreichung ihrer Klimaschutzverpflichtungen. Damit wird es Staaten ermöglicht, ihre nationalen Klimaziele auch durch die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen im globalen Süden zu erreichen. Grundsätze zur Regulierung des Artikel 6 wurden auf der COP 29 in Baku auf den Weg gebracht, aber das Ringen um Details und die politische Debatte geht auch in Belém weiter.


Wegen bisheriger Erfahrungen besteht die Befürchtung, dass auch hier große Schlupflöcher entstehen. Selbst die EU hat in ihrem Klimaziel für 2040 die Anrechnung von Klimagutschriften vorgesehen. Dabei wäre genau jetzt ein sozialverträgliches Instrument wie das Indigene REDD dringend notwendig.
Die Konferenz in Belém wird daher auch zur Bewährungsprobe: Geht es um echten, ambitionierten Klimaschutz – oder darum, dass Industrieländer durch immer größere Schlupflöcher von Kompensationsmechanismen wie REDD+ ihre Verantwortung auf diejenigen abwälzen, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben.


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Der Wald ist nicht käuflich

Widerstand gegen REDD+-Projekte Hier auf einer Demonstration in San Francisco 2018 (Foto: Peg Hunter (CC BY-NC 2.0))

REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation, „Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung reduzieren“) ist als Idee bestechend: Wer Wälder schützt, soll belohnt werden. Mitte der 2000er Jahre, als klar wurde, dass bis zu 20 Prozent der globalen Emissionen durch Entwaldung entstehen – so viel wie der gesamte Verkehrssektor –, wurde der Ansatz unter dem Namen „Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries: Approaches to Stimulate Action“ („Emission aus Entwaldung in Entwicklungsländern reduzieren: Ansätze zur Anregung von Maßnahmen“) ins UN-Klimaregime eingebracht: Auf der COP11 in Montreal (2005) legten Papua-Neuguinea und Costa Rica einen Vorschlag vor, der die Anerkennung von vermiedener Entwaldung als Klimaschutzmaßnahme verlangte. Bald darauf erweiterte man das Konzept zu REDD+, das auch nachhaltige Waldbewirtschaftung und Aufforstung einschloss.
Auf der COP16 in Cancún (2010) einigte man sich auf sogenannte Safeguards („Leitplanken“), die verhindern sollen, dass Waldschutz soziale und ökologische Schäden anrichtet. Sie verlangten die Achtung der Rechte Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, die Sicherung traditioneller Wissenssysteme und eine breite Partizipation. Beispielsweise dürfen Naturwälder nicht in Plantagen umgewandelt werden, und Abholzung darf nicht in andere Gebiete verlagert werden. Diese „Cancún-Safeguards“ sind zwar politisch relevante Mindeststandards, aber völkerrechtlich weniger bindend als etwa die ILO-Konvention 169 zum Schutz Indigener Rechte.


Der entscheidende institutionelle Durchbruch erfolgte dann 2013 auf der COP19 in Warschau: Das Warsaw Framework for REDD+ („Warschauer Rahmenwerk für REDD+“) machte den Mechanismus sozusagen „geschäftsfähig”. Es legte fest, dass Länder nationale Strategien entwickeln, robuste Monitoring-Systeme aufbauen und sogenannte Referenzniveaus (Forest Reference Emission Levels, FREL) festlegen müssen. Diese Basislinien definieren, wie hoch die Emissionen ohne Gegenmaßnahmen wären. Erst wenn die Erfolge nachweislich über diesen Basislinien liegen, können Zahlungen erfolgen. Zudem wurde ein Safeguards Information System (SIS) verpflichtend, über das die Einhaltung der Schutzvorkehrungen transparent gemacht werden muss. Damit war REDD+ ein fester Bestandteil des Klimaregimes – technisch ausgearbeitet, aber politisch höchst umstritten.
Von Beginn an war REDD+ von Spannungen geprägt. Wälder wurden in erster Linie als Kohlenstoffspeicher behandelt. Vor allem für Indigene Völker aber sind sie kulturelle Territorien, spirituelle Räume und physische Lebensgrundlagen. Die Reduktion auf „Carbon Credits („Kohlenstoffkredite“) entwertet und verkürzt diese Vielfalt.


Ein wichtiger Punkt ist das Problem unklarer Landrechte. Viele Indigene Gebiete sind rechtlich nur unzureichend anerkannt. Oft sind die Landrechtssysteme ineffektiv bei der Sicherung von Außengrenzen – noch dazu ein Konzept, das Indigenen Gemeinschaften traditionell oft fremd ist. Wenn REDD+-Projekte auf Flächen unklarer Zugehörigkeit umgesetzt werden, kommt es zu Konflikten. Dokumentiert sind Fälle von „grünem Landraub“ – Landentziehungen im Namen des Klimaschutzes. Im brasilianischen Bundesstaat Pará etwa wurden großflächige REDD+-Projekte gestartet, bei denen Kohlenstoffkredite auf internationalen Märkten verkauft wurden, ohne die lokalen Gemeinschaften angemessen einzubeziehen oder ihnen eine faire Teilhabe zu sichern. Berichte sprechen von Landaneignung und der Verletzung traditioneller Nutzungsrechte.


Auch die technische Dimension sorgt für Misstrauen. REDD+ beruht auf komplexen MRV-Systemen (Monitoring, Reporting, Verification; „Überwachung, Berichterstattung, Prüfung“). Das begünstigt Regierungen, Beratungsfirmen und internationale Institutionen, während lokale Gemeinschaften (neben Indigenen Völkern beispielsweise auch afroamerikanische Gemeinschaften – in Brasilien Quilombolas genannt – oder Ribeirinhos, traditionelle Flussgemeinschaften) am Rand stehen. Kritiker*innen sprechen von Expertokratie – ein System, in dem diejenigen, die den Wald tatsächlich schützen, kaum mitentscheiden können. Schließlich stellt sich die Frage der Verteilung. Die Logik der Kohlenstoffmärkte erlaubt es Industriestaaten und Konzernen, sich durch Zertifikate von eigenen Reduktionsverpflichtungen freizukaufen. Doch die Einnahmen landen häufig nicht bei den Indigenen Wächtern, sondern bei Zwischeninstitutionen. So entsteht das Gefühl, dass Verantwortung externalisiert wird: Der Norden zahlt, der Süden trägt die sozialen Kosten.

Indigene Stimmen zwischen Ablehnung und Pragmatismus

„Man verkauft nicht die Luft, die man atmet, und man verkauft nicht seine Mutter“, bringen viele Aktivist*innen ihr Misstrauen gegenüber REDD+ auf den Punkt. Für sie ist der Wald kein Supermarkt, in dem Kohlenstoff als Ware in Regalen bereitliegt. Sie fürchten, dass mit jedem Vertrag ein Stück Souveränität verloren geht und, dass Versprechen nicht eingehalten werden.
Warum fordern Indigene Organisationen trotzdem finanzielle Unterstützung? Sie verweisen auf die Erbringung einer seit Jahrtausenden erbrachten und oftmals unterschätzten Leistung: den Schutz der artenreichsten Wälder der Erde. Dieser Schutz ist heute riskant und gefährlich. Indigene Wächter riskieren ihr Leben gegenüber Holzfäller*innen und Goldsucher*innen und sie verzichten auf kurzfristigen Profit durch Abholzung. Kompensation ist daher weniger Bezahlung für eine Ware als vielmehr Anerkennung einer globalen Dienstleistung – und eine Investition in ihre Kapazitäten, weiterzumachen.
Doch diese Spannung spaltet. Große Dachverbände der Indigenen Völker wie die APIB (Articulação dos Povos Indígenas do Brasil, „Vereinigung der Indigenen Völker Brasiliens“) lehnen REDD+ und andere marktbasierten Mechanismen weitgehend ab. In manchen Gemeinschaften klingt es pragmatischer: Wenn Geld für Patrouillenfahrzeuge oder Funkgeräte fehlt, erscheint manchen ein REDD+-Projekt, bei dem Mitsprache gesichert ist, als das kleinere Übel. Entscheidend ist die Kontrolle: Volle Einbeziehung von Anfang an, transparente Verträge, direkte Geldflüsse – und die strikte Einhaltung von FPIC (Free, Prior and Informed Consent), dem Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung, wie es auch beim Konsultationsrecht in der ILO Konvention 169 der Fall ist.
Ein ungelöstes Problem bleibt die Haftung. In klassischen Projekten kaufen Unternehmen Zertifikate, die aber wertlos werden, wenn ein Brand – ob durch Dürre oder Brandstiftung – den Wald vernichtet. Wer trägt dann die Verantwortung? Viele Indigene Gemeinschaften lehnen es ab, für Risiken einzustehen, die sie nicht kontrollieren können.

Brasilien als Prüfstein

Die Ausgangslage für COP30 ist widersprüchlich. Brasilien hat unter Präsident Lula den Kurs gewechselt: Nach den Jahren der Entwaldung unter Bolsonaro sank der Waldverlust 2024 auf rund 6.300 km – über 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit dem PPCDAm (2023-2027), einem laufenden Aktionsplan zur Bekämpfung der Entwaldung im Amazonas, bündelt die Regierung Maßnahmen für Überwachung, Territorialschutz und nachhaltige Entwicklung. Der Fundo Amazônia (Amazonien-Fonds), der durch Zuschüsse statt durch Zertifikate finanziert wird, zeigt, dass auch andere Wege möglich sind. Er wird seit 2008 mit Mitteln aus Norwegen und Deutschland gespeist und finanziert direkt Waldschutzprojekte.


Doch die Realität bleibt hart: Illegale Invasionen dauern an, die Agrar- und Bergbaulobby ist stark. Im Cerrado, im Herzen Brasiliens, der die artenreichsten tropischen Baum-Savannen der Welt beherbergt, steigt die Abholzung weiter. Rechtlich gibt es Fortschritte – etwa das Urteil des Obersten Gerichtshofs, welches 2023 die umstrittene Marco Temporal-These („Zeitrahmen-These“) verwarf und damit die Landrechte Indigener Völker stärkte. Trotzdem bleibt die Durchsetzung lückenhaft.
Auch geopolitisch ist das Bild zwiespältig. Die Amazonas-Staaten wollen internationale Verantwortung übernehmen, gleichzeitig aber Entwicklungsoptionen nicht aufgeben. Die Belém- Erklärung des Amazonas-Gipfels 2023 blieb mit vagen Bekenntnissen hinter den Erwartungen zurück und vermied Ziele wie ein Enddatum für Abholzung. Länder wie Guyana und Surinam erleben einen Ölboom, der Einnahmen und sozialen Fortschritt bringt. Dass ausgerechnet dort die Forderung nach einem fossilen Moratorium auf Widerstand stößt, überrascht nicht. Die COP30 wird daran gemessen werden, ob sie diesen Widerspruch produktiv adressieren kann.


Belém wird also zum Prüfstein: Gelingt es, REDD+ so zu gestalten, dass nicht nur Emissionen gezählt, sondern auch kulturelle Rechte respektiert, historische Leistungen gewürdigt und Gewinne fair verteilt werden? Oder bleibt es beim alten Muster, in dem Industriestaaten ihre Klimabilanz aufpolieren, während die wahren Kosten bei den Indigenen Wächtern des Waldes landen und der Mechanismus als „Kohlenstoff-Kolonialismus“ endet?
Ohne den Erhalt des amazonischen Regenwaldes schwinden die Chancen, die Folgen der globalen Klimakrise eindämmen zu können. Und ohne das Wissen und den Einsatz sowie den Schutz der (territorialen) Rechte Indigener Völker, steht es schlecht um die Zukunft des Regenwaldes. Die COP30 in Belém wird zeigen, ob die globale Gemeinschaft bereit ist, ihnen nicht als Käufer einer Ware, sondern als Partner auf Augenhöhe zu begegnen. Der Fremde im Wohnzimmer muss lernen zuzuhören, bevor er anfängt, es zu vermessen.


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Schutzmaßnahmen auf dem Papier

Palmira, Kolumbien Unterwegs im Naturschutzgebiet, um Kohle-Messungen zu machen (Foto: 2011CIAT/Neil Palmer, CC BY-SA 2.0))

In Peru, Kolumbien, Brasilien, Honduras, Panama und anderen Ländern wurden Projekte für freiwillige Kohlenstoffmärkte, vor allem REDD+-Projekte (siehe S.22 und S.25), die in ländlichen Gebieten durchgeführt werden, praktisch ohne Beteiligung der dort lebenden Gemeinden formuliert und umgesetzt. Dies belegen zahlreiche journalistische Recherchen, darunter die in der Reihe Carbono Opaco (Undurchsichtiger Kohlenstoff des Lateinamerikanischen Zentrums für journalistische Recherche (CLIP) veröffentlichten Beiträge.

Das Landproblem in Lateinamerika – eines der konfliktreichsten sozialen und ökologischen Probleme – taucht auch im Zusammenhang mit den politischen Maßnahmen und Mechanismen zum Klimawandel auf, die die Natur monetarisieren und ihre Bewohner*innen, größtenteils gefährdete ländliche Gemeinschaften, ausschließen. „Das System der ‚Kohlenstoffmärkte‘ hat eine enorme Schwäche, zum Teil aufgrund der mangelnden Fähigkeit des Staates, alle Prozesse dieser Märkte zu registrieren, zu überwachen und zu kontrollieren, insbesondere im Hinblick auf Indigene Völker“, erklärt Rodrigo Botero, Direktor der Stiftung für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in Kolumbien (FCDS) im Interview. In Lateinamerika, einer Region, die Kohlenstoffgutschriften bereitstellt, gibt es nur wenige Länder, die Fortschritte bei der Entwicklung regulierter Märkte erzielt haben. Zugleich wächst die Zahl der freiwilligen Marktinitiativen in der Region, die flexibler sind, aber auch enorme soziale Kosten mit sich bringen.

In Peru wurde die Kichwa-Gemeinschaft im Departement San Martín weder zur Schaffung des Nationalparks Cordillera Azul (2001) noch zur Entwicklung und Umsetzung des gleichnamigen REDD+-Projekts angemessen konsultiert, wie ein Bericht von Miguel Valderrama aufzeigt. Das Projekt wurde 2008 ins Leben gerufen. Die ansässigen Kichwas fordern seit mehreren Jahren die offizielle Abgrenzung ihrer Gebiete. Im vergangenen August wurde jedoch eine gerichtliche Entscheidung, die die lang ersehnte Abgrenzung anordnete, aufgehoben. Die Kichwas profitieren auch nicht von dem REDD+-Projekt, das in den Gebieten umgesetzt wird, die sie traditionell bewirtschaftet haben.

Streit um Landtitel In Kolumbien

haben mehrere Bäuer*innen in der Gemeinde Villarrica, Tolima, durch ihr Engagement für den Naturschutz und gegen die Ölförderung in ihrem Gebiet die Möglichkeit gefährdet, Eigentumsrechte an den Ländereien zu erhalten, von denen ihre Vorfahren vertrieben worden waren. Dort wurde 2018 der Regionalpark „Bosques de Galilea” gegründet. Das kolumbianische Recht verhindert aufgrund des Umweltstatus dieser Gebiete die Vergabe von Landtiteln. Die Bäuer*innen erfuhren von dem Redd+-Projekt Conservación del Bosque Galilea – Amé (Erhaltung des Waldes Galilea – Amé), wie es in einem der Presseberichte der Reihe Carbono Opaco von CLIP beschrieben wird, erst nachdem das Projekt vorgestellt worden war. Weder ihre Bemühungen um den Erhalt des Waldes noch die Unterstützung und Informationen, die sie den Initiatorinnen des Projekts zur Verfügung gestellt hatten, wurden berücksichtigt. Bis heute kämpfen zwanzig organisierte Bäuer*innen um Rechte und Beteiligung für die Gemeinschaft. Sowohl in diesem Fall wie auch bei dem Projekt „Cordillera Azul“ lieferten die betroffenen Gemeinden Informationen, die zur Formulierung der REDD+-Initiativen dienten. In der Umsetzung wurden ihre Interessen und Bedarfe jedoch ignoriert.

Stiftungen, Institutionen und Unternehmen profitieren


Es profitieren vor allem die formulierenden und entwickelnden Einrichtungen finanziell: In Peru das Zentrum für Naturschutz und Management von Naturgebieten (CIMA) und die Stiftung Amé zusammen mit der Universität Tolima in Kolumbien.
Doch auch der Kauf von Emissionszertifikaten in diesem Rahmen kommt vor allem Dritten zugute. Die über das REDD+-Projekt „Cordillera Azul“ erworbenen Zertifikate kompensieren die CO2-Emissionen von Unternehmen wie Total Energies oder Shell. „Immer mehr Unternehmen nutzen Kompensationsinstrumente nur, um ihre Aktivitäten grün zu färben“, sagt Thomas Brose, Geschäftsführer der Climate Alliance in Europa. Die Emissionszertifikate des REDD+-Projekts Bosques de Galilea, die von mehr als 50 Unternehmen des kolumbianischen Produktionssektors, Pensionsfonds, Banken, Ölvertriebsgesellschaften und sogar multinationalen Unternehmen wie Delta Airlines erworben wurden, ermöglichen es ihnen, ihre Emissionen zu kompensieren und zusätzlich die in diesem Land geltenden Steueranreize für Investitionen in Klimainitiativen zu erhalten.

Die Kichwas in Peru, die in diesem Gebiet leben oder es nutzen, dürfen dort nicht mehr wie bisher jagen und das Gebiet traditionell verwalten. In Kolumbien wurden die Bäuer*innen, die sich gemeinsam mit der regionalen Umweltbehörde für den Schutz des Hochanden-Ökosystems einsetzten, nicht zur Einweihung des Schutzgebiets eingeladen. Niemand informierte sie, dass diese Umweltmaßnahme die Vergabe von Eigentumsrechten verhindern würde. Plötzlich sahen sie sich mit einer REDD+-Initiative konfrontiert, von der sie nicht profitieren, obwohl sie seit Jahrzehnten in diesem Gebiet leben und es schützen. „In einigen konkreten Fällen dienten die von uns durchgeführten journalistischen Untersuchungen den Gemeinden als Grundlage für die Geltendmachung des Problems vor Gericht”, erklärt Andrés Bermúdez, Koordinator der investigativen Artikelreihe Carbono Opaco. „Wir sehen eine Vielzahl von Fällen, in denen die Gemeinden nicht wussten, worum es bei den Verhandlungen ging“, moniert Rodrigo Botero und fügt hinzu: „Ohne einen Plan zur Einbindung in die Gemeinden kommt es zu einem enormen Prozess der Korruption und zu riesigen internen Konflikten auf Gemeindeebene.“ Aufgrund der Neuartigkeit des Themas beschloss das Verfassungsgericht Kolumbiens, sich mit einem der Fälle zu befassen: der REDD+-Initiative Baka Rokaire. In diesem Fall beklagten Indigene aus dem Gebiet Pirá Paraná im kolumbianischen Amazonasgebiet, dass der Vertrag, auf dem die Initiative basiert, von einer Indigenen Führungsperson unterzeichnet wurde, die bereits aus der Vertretung des Gebiets ausgeschieden war, und dass das Projekt nie die höchste Regierungsinstanz von Pirá Paraná durchlaufen hatte. „Da keine Klarheit darüber herrscht und nicht verstanden wird, welche Indigenen Autoritäten Verhandlungsprozesse durchführen können, bietet dies Raum für jegliche Art von Manipulation“, kritisiert Rodrigo Botero weiter.

Überschneidungen mit Bergbau und Entwaldung

Aufgrund rechtlicher Probleme wurde das öffentliche Register für Kohlenstoffmarktprojekte in Kolumbien, RENARE, für mehrere Jahre bis Juli 2025 deaktiviert. „In diesem Zeitraum gab es keine anderen Informationsquellen als die Zertifizierungsstellen selbst. Das heißt, die Transparenz in diesem Markt hing weitgehend davon ab, was einer der Akteure in dieser Wertschöpfungskette meldete. Es gibt zudem Zertifizierungsstellen, die unvollständige Informa­tionen liefern“, sagt Andrés Bermudez.
Ende Juli 2025 wurde RENARE langsam wieder aktiviert. Besorgniserregend bleibt, dass Unternehmen und multinationale Konzerne wie Delta Airlines und Chevron in einem offensichtlichen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht weiterhin Kohlenstoffzertifikate von denselben Projektentwickler*innen mit schwerwiegenden rechtlichen Problemen in Kolumbien gekauft haben.

Die mangelnde Sorgfaltspflicht zeigt sich auch bei Unternehmen wie Google, Uber, Spotify, iFood und sogar Bergbauunternehmen wie Vale und Sigma, die versucht haben, ihre CO2-Emissionen zu kompensieren, indem sie Emissionszertifikate aus REDD+-Projekten in Brasilien gekauft haben. Kohlenstoffhändler hatten sie widerrechtlich für Regenwaldflächen verkauft, die im staatlichen Besitz sind und von lokalen Gemeinschaften bewohnt werden.
Die jüngste journalistische Recherche von Infoamazonia, die in der Reihe Carbono Opaco enthalten ist, hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Emissionszertifikate in Brasilien mit dem Bergbau in Verbindung stehen. Die Recherche berichtet von 114 REDD+-Projekten im Land, von denen 73 teilweise oder vollständig mit Bergbaukonzessionen übereinstimmen und 31 Emissionszertifikate verkauft haben.
Teil des Problems liegt in der Zertifizierung der Projekte: Untersuchungen von Expertinnen, Journalistinnen und Justizbehörden haben gezeigt, dass selbst bei den renommiertesten Unternehmen schwerwiegende Verfahrensfehler und in einigen Fällen Korruptionsprobleme in den Prozessen der Prüfung und Zertifizierung der Projekte vorliegen.

Die Sinnhaftigkeit der REDD+-Projekte ist mehr als zweifelhaft, denn die Probleme sind strukturell, wie Rodrigo Botero schließt: „Es gibt Leute, die sagen, dass es Projekte gibt, die in bestimmten Bereichen funktionieren können. Ich kenne sie nicht, aber man müsste erfolgreiche Fälle untersuchen. Was ich sehe, ist, dass es nicht nur zu Greenwashing kommen kann, sondern auch zur Geldwäsche illegaler Wirtschaftszweige, zu Piratenunternehmen und natürlich zu einer enormen Schwäche bei der Überwachung und Gewährleistung der Rechte der Bevölkerung, die oft nicht einmal die Mittel hat, sich über diese Angelegenheiten in ihrem Gebiet zu informieren.“


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Milliardenfonds zum Schutz tropischer Wälder

Illegale Entwaldung Im Indigenen Gebiet Tenharim do Igarapé Preto registriert Ibama Zerstörung (Foto: Ibama (CC BY-SA 2.0))

TFFF heißt das neue Kürzel (im NGO-Sprech „T-Triple-F“). Es steht für „Tropical Forest Forever Facility“. Im Kern sollen teilnehmende Staaten mit Tropenwaldbestand (TFC) von einem Fonds (der „Fazilität“) jährlich Geld dafür bekommen, dass sie ihre Wälder weitgehend erhalten. Wird dennoch abgeholzt, sinken die Zuwendungen empfindlich. Unter dem Strich sollen so drei Mal mehr nicht rückzahlbare Finanzmittel für den Waldschutz bereitstehen als bislang.
Umstritten: Der Auszahlungsfonds finanziert sich aus Finanzerträgen am Kapitalmarkt. Um diese zu erwirtschaften, sollen finanzstarke Länder oder Privatpersonen zunächst einen Kapitalgrundstock einbringen; angestrebt sind 25 Milliarden US-Dollar zu keinen oder wenig Zinsen. Mit diesem „Sponsorenkapital“ genannten Grundstock will TFFF Anleihen auf den internationalen Kapitalmärkten ausgeben, und zwar in vierfacher Höhe. Auf diese Weise möchte TFFF insgesamt bis zu 125 Milliarden USD mobilisieren.

Dieses eingesammelte schuldbasierte Vermögen bildet den „Tropenwald-Investitionsfonds“ (TFIF). Dieser investiert wiederum in ein Portfolio festverzinslicher Wertpapiere und soll damit Gewinne in einer Höhe erwirtschaften, die über den Zinslasten des TFIF liegen. Die Nettoerträge schließlich füllen den Topf für die Auszahlungen an die Tropenwaldländer, so die Idee. Nach einer Rechnung auf Basis jüngerer Marktdaten im letzten (dritten) TFFF-Konzeptentwurf vom August dieses Jahres wären 3,4 Milliarden USD Nettoertrag zu erzielen. Die Summe würde Zahlungen von vier USD je Hektar Waldbestand ermöglichen. Bringt der TFIF weniger Ertrag, sinkt auch der Erlösanteil je Hektar.
Ein starker Hebel könnte der Sanktionsmechanismus sein: Entspricht der Waldverlust eines Landes innerhalb der letzten drei Jahre einer durchschnittlichen Rate von 0,3 Prozent pro Jahr oder weniger, so verliert es für jeden Hektar Bewaldungsrückgang 100 Anteile an den Erlösen. Dieser Abschlag wirkt bei vier USD je Hektar Erlösanteil wie eine Entwaldungsstrafe von 400 USD pro Hektar vernichtetem Tropenwald. Bei einer Entwaldungsrate zwischen 0,3 und 0,5 Prozent verdoppelt sich diese Strafe anteilig auf 800 USD je Hektar. Eine Entwaldungsrate über 0,5 Prozent führt zum Ausschluss vom Mechanismus. Vergleichbare Regeln gibt es für degradierte Wälder.

Verfügt also ein teilnehmendes Land beispielsweise über 200 Millionen Hektar tropischen Regenwald, den es im Schnitt der letzten drei Jahre erfolgreich geschützt hat, könnte es mit jährlich 800 Millionen USD Zuwendungen rechnen. Hat es in diesem Zeitraum jedoch eine jährliche Entwaldung von 0,4 Prozent zu verantworten, so würden nach dem Schema nur halb so viele Mittel an den Staat fließen.
Wie definiert TFFF eigentlich Wald? Laut dem Entwurf besteht er aus Bäumen mit einer Höhe von mehr als 5 Metern, die Baumkronen haben, welche mindesten 20 bis 30 Prozent der Landoberfläche abdecken („Kronendachbedeckung“). Flächen mit Baummonokulturen oder unter Aufforstung in Gebieten, in denen historisch kein Wald stand, sollen für Zahlungen nicht berücksichtigt werden. Der Zustand der Wälder wird nach dem Konzept satellitengestützt überwacht.

Verlagerung der Abholzung ließe sich vermeiden


Mit diesem Masterplan, der von Vertreter*innen der brasilianischen Regierung, der Weltbank, Lion’s Head Global Partners und anderen erarbeitet wurde, unterscheidet sich TFFF von den meisten Vorgänger-Mechanismen, wie etwa REDD+: Die Finanzmittel werden nicht projektbezogen eingesetzt, sondern ex post erfolgsorientiert auf den Waldbestand des gesamten Landes bezogen genutzt. Die Zahlungen fließen folglich auch nicht direkt zur Durchführung spezieller Waldschutzvorhaben bzw. in deren Refinanzierung. Sie gehen vielmehr an den teilnehmenden Staat. Dieser kann dann weitgehend frei entscheiden, wofür er sie einsetzt – und damit auch, welche Instrumente er im Waldschutz nutzt. Das wirft allerdings die Frage auf, inwieweit die jeweilige Regierung das Interesse des Staates an (mit dem Waldschutz verbundenen) längerfristigen Einnahmen höher gewichten wird als Deals mit finanzstarken und oft wahlkampfrelevanten Unterstützer*innen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen. So etwa aus dem Agrobusiness oder von Öl- und Rohstoff-Konzernen.


Im Übrigen bewirken die angepeilten Strafabschläge von 400 bzw. 800 USD je Hektar vernichteten Waldes zunächst nichts gegenüber verantwortlichen (potenziellen) Waldzerstörern. Zwar verwies das erste TFFF-Konzept noch darauf, dass der geschätzte jährliche Nettogewinn eines Hektars Sojaplantage in Brasilien bei knapp 400 USD je Hektar liegt (womit die TFFF-Strafzahlungen höher wären). Doch die Strafabschläge würden solche „alternativen Nutzungen“ nicht unwirtschaftlich machen. Denn sie drohen eben nicht konkreten Eigentümern oder Nutzern besagter Flächen, sondern dem Staatshaushalt des Waldlandes. Unter TFFF, das REDD+ & Co. nicht ersetzen, sondern ergänzen soll, wäre also stets ein starkes Regierungshandeln gefragt, um solche Umwandlungen zu unterbinden.

Zuspruch mit Bedenken

Zahlreiche internationale Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßten in einer Briefing Note vom 5. Juni 2025 im Grundsatz das neue Konzept, kritisierten aber unter anderem den Schwellenwert von 20 Prozent Kronendachbedeckung als einheitlichen Standard für die Definition von Wald. Denn er erweitere zwar den Kreis der einbezogenen Staaten, könne jedoch – würde er auch in Regionen angewendet, in denen die Kronenbedeckung des Primärwaldes 80 Prozent überschreiten kann – zu erheblichem Waldverlust führen, bevor eine Zuwendungskürzung ausgelöst werde. Felix Finkbeiner von Plant for the Planet verweist jedoch einschränkend auf eine zusätzliche strafbewehrte Regelung zur Walddegradation. Allerdings sei sie bislang nur für Waldschäden durch Feuer gedacht. Zudem hänge ihre Wirkmacht von noch unklaren Umsetzungsregeln ab.

Darüber hinaus äußern die Organisationen Bedenken dagegen, dass der Auszahlungsfonds wie eine multilaterale Entwicklungsbank der Weltbank verwaltet werden soll. Dies hätte eine Dominanz der USA und Europas zur Folge.
Im Zuge von TFFF könnte der auf das Land bezogene Erfolgsansatz zumindest auf Staatenebene dem Problem entgegenwirken, dass Entwaldung bei manchen projektfinanzierten Waldschutzvorhaben nicht verhindert, sondern nur verlagert wird (leakage): Eigentümer oder Projektträger kassieren die Fördermittel, verschieben aber die Abholzung lediglich von geförderten Flächen auf nichtgeförderte. TFFF erzeugt auch keine Kohlenstoffgutschriften, wie sie die dritte Stufe von REDD+ konzipiert, wenn auch solche Carbon-Credits mit zahlreichen methodischen Problemen behaftet sind und deren Beitrag zum Klima- und Waldschutz mehr als zweifelhaft ist. Im sogenannten freiwilligen CO2-Markt, wo sie zum Einsatz kommen, werden sie zudem häufig mit Greenwashing von Unternehmen in Verbindung gebracht.
Nach dem TFFF-Entwurf werden die TFC (bis zu 74 Länder, die derzeit über eine Milliarde Hektar tropische und subtropische Feuchtwälder beherbergen) verpflichtet, mindestens 20 Prozent der Zahlungen an „lokale Gemeinschaften, Indigene Völker und Schutzgebietsverwalter“ weiterzuleiten. Ein Punkt, den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßen.

Greenpeace plädiert überdies in einem Hintergrundbeitrag vom 16. Juni 2025 für einen besonderen Status für intakte Wälder und schützenswerte Waldökosysteme. So solle ein klarer Anreiz entstehen, „diese Wälder auch wirklich zu schützen und nicht nur Entwaldungsraten auf dem Papier zu reduzieren“. Zudem seien „umweltzerstörende Bereiche wie industrielle Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Biomasseproduktion“ von der Förderung auszuschließen.

Kritik an Kapitalmarktdeckung

Einer der größten Kritikpunkte am TFFF-Konzept ist derzeit dessen Kapitalmarkt-basierte Finanzierungsstrategie: Die oben genannten 125 Milliarden USD des Tropenwald-Investitionsfonds TFIF fließen in ein Investitionsportfolio am Kapitalmarkt. Anvisiert werden zwar vorrangig „klimabezogene und nachhaltige Anlagen“ in Ländern des Globalen Südens. Klassische Staats- und Unternehmensanleihen sind jedoch ebenfalls möglich. Investitionen, die auf einer (noch zu präzisierenden) Negativliste stehen, will der TFIF allerdings ausschließen. Auf ihr stehen bislang „Aktivitäten im Zusammenhang mit Kohle, Torf, Öl und Gas“.

Finanziert werden sollen die Investitionen durch Schulden. Genauer durch die „Emission liquider“, hoch bewerteter langfristiger Anleihen zum Kauf durch institutionelle und private Anleger (‚Marktinvestoren‘)“. Doch wer wäre im Falle des Falles wirklich Schuldner? „Wen werden Investoren verklagen, wenn sie ihre Zinsen und ihr Kapital nicht zurückbekommen, den TFFF oder die Empfängerländer?“ fragt entsprechend ein kritischer TFFF-Report der Global Forest Coalition (GFC). Schließlich dürfte es unsicher sein, ob das gigantische Investitionsportfolio tatsächlich die angepeilten Erträge von über acht Prozent einfahren wird (vor allem, wenn wirklich nachhaltige Investments getätigt werden), und gleichzeitig die Kreditzinsen auf erträglichem Niveau bleiben.

Die GFC kritisiert weiter, es könnten nicht nationale Regierungen für Hektar stehenden Waldes belohnt werden (wobei sie allerdings den TFFF-Strafmechanismus bei Waldverlust nur am Rande erwähnt), ohne von den Regierungen entschlossene Maßnahmen zu verlangen, „um die irrationale Ausbreitung von Monokulturplantagen (Soja, Ölpalmen, Zuckerrohr usw.) zu begrenzen und umzukehren“. Das gelte ebenso für „die nicht nachhaltige Viehzucht, den Bergbau, die Gewinnung fossiler Brennstoffe“. Vielmehr sei ein internationaler Rechtsrahmen erforderlich, der Unternehmen und Länder sanktioniert, die für Tropenwälder zerstörerische Produkte kaufen.
Das eine muss das andere vielleicht nicht ausschließen. Tatsächlich stellt sich neben all den aufgelisteten Kritikpunkten aber die grundsätzliche Frage, inwiefern es verantwortbar ist, eine zentrale Säule des globalen Waldschutzes von Finanzmarktgeschäften abhängig zu machen.


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Brasiliens fossiles Dilemma vor der COP30

Bald ein Meer aus Erdöl-Bohrinseln? Bilder aus dem Mündungsgebiet des Amazonas (Foto: Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE (CC BY-SA 2.0))

Ein neuer Ölfund vor der Küste Rio de Janeiros befeuert Brasiliens fossile Agenda – und verschärft die Spannungen im Vorfeld der COP30. Anfang August meldete das britische Unternehmen BP im Santos-Becken den größten Öl- und Gasfund der vergangenen 25 Jahre. Das „Bumerangue“-Feld liegt außerhalb der bekannten Pré-Sal-Zonen (Anm. d. Red.: “Zonen, in denen sich Öl- und Gasvorkommen unter einer dicken Salzschicht auf dem Meeresboden befinden”) und entfacht daher Spekulationen über bislang unerschlossene Reserven.

Der Fund erhöht zugleich das Interesse an der im Oktober anstehenden Auktion der nationalen Erdölagentur ANP, bei der 13 neue Pré-Sal-Blöcke im Santos- und Campos-Becken vergeben werden sollen. Damit setzt Brasilien wenige Monate vor dem Klimagipfel in Belém auf weitere Tiefseebohrungen – und verstärkt den offensichtlichen Widerspruch zwischen Klimaversprechen und fossiler Expansion. Bereits im Juni vergab die Regierung bei einer international scharf kritisierten Auktion 34 Öl- und Gaslizenzen, darunter mehrere im sensiblen Mündungsgebiet des Amazonas (Foz do Amazonas). Trotz massiver Proteste von Umweltorganisationen, Indigenen Vertreter*innen und selbst staatlichen Umweltbehörden sicherten sich internationale Konzerne wie Shell, ExxonMobil, Chevron und Petrogal (mittlerweile Teil des Konzerns Galp) Explorationsrechte in Gebieten, die von Expert*innen als ökologisch und sozial hochgradig verletzlich gelten. Besonders umstritten war die Vergabe des Blocks FZA-M-59, dessen Freigabe die Umweltbehörde IBAMA zuvor mit Verweis auf fehlende Studien, mangelnde Konsultation lokaler Gemeinschaften und erhebliche Risiken für das Ökosystem abgelehnt hatte. Präsident Lula da Silva setzte die Auktion dennoch per Notfallgenehmigung durch. Das von Umweltschützer*innen als „Weltuntergangsauktion“ bezeichnete Verfahren hat den klimapolitischen Richtungsstreit innerhalb der Regierung weiter verschärft. Die Regierung rechtfertigt die Ausweitung der Erdölförderung mit dem Argument, die Einnahmen für die Energiewende und eine sozial inklusive wirtschaftliche Entwicklung nutzen zu wollen. Tatsächlich sind die staatlichen Einnahmen eng mit dem Design der Vergabeverfahren verknüpft. Die Auktion im Juni fand im Rahmen des Verfahrens einer Oferta Permanente de Concessão statt. Hier trägt das Unternehmen das volle Explorationsrisiko, der Staat profitiert über Lizenzgebühren, Royalties und Steuern. Dieses Konzessionsmodell wurde für Gebiete außerhalb des Pré-Sal etabliert, um Investitionen in Regionen mit hohem Risiko, wie etwa an der Amazonas-Mündung, attraktiver zu machen.

Anders verhält es sich bei der für Oktober geplanten Auktion, die nach dem Produktionsbeteiligungsmodell (Partilha de Produção) durchgeführt wird. Hier ist der brasilianische Staat direkt an den Gewinnen beteiligt: Neben Royalties erhält er einen festen Anteil an der Produktion (sogenanntes profit oil), nachdem die Unternehmen ihre Kosten gedeckt haben. Die Einnahmen aus den Pré-Sal-Verträgen fließen zu einem erheblichen Teil in den 2010 geschaffenen Pré-Sal-Fonds, der laut Gesetz vor allem Bildung und Gesundheit finanzieren soll. Ein zentrales Instrument, um diese Narrative zu stützen, ist der Fundo Social do Pré-Sal, den Brasilien 2010 eingerichtet hat. Offiziell soll er als langfristiger Zukunftsfonds dienen und Mittel für Programme in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur und Klimaschutz bereitstellen. Im Juli 2025 wurde sein Mandat erweitert: Nun können die Einnahmen auch für soziale Infrastruktur, Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, die Rechte Indigener Völker sowie sozialen Wohnungsbau und Sozialprogramme genutzt werden. Konkrete Erfolge oder eine nachweisbare Wirkung auf Armutsbekämpfung und Entwicklung lassen sich bislang jedoch kaum belegen.

Einer Untersuchung des Instituto de Estudos Socioeconômicos (Inesc) zufolge nahm Brasilien 2024 zwar 108,2 Milliarden Reais aus der Erdölförderung ein, doch nur 0,16 Prozent dieser Summe floss in klima- oder sozialpolitisch relevante Projekte. Auch internationale Beobachter*innen zweifeln am Nutzen: „Öl hat einen wirtschaftlichen, aber keinen sozialen Einfluss“, kritisiert die Ökonomin Lia Hasenclever von der Candido Mendes University. Gemeinden ohne Öleinnahmen schnitten in Bildung und Gesundheit teils besser ab als jene mit, was für Kritiker*innen den Widerspruch zwischen fossilen Exporten und sozialpolitischen Versprechen verdeutlicht. Darüber hinaus zeigt sich, dass Brasilien mit seiner Erdölstrategie keineswegs alleinsteht. Auch andere BRICS-Staaten setzen weiterhin auf fossile Expansion: Russland und Iran forcieren ihre Produktion trotz Sanktionen, Indien importiert steigende Mengen, und China bleibt wichtigster Abnehmer brasilianischen Rohöls. Auf dem BRICS-Gipfel im Oktober 2024 verteidigten die Mitgliedsstaaten fossile Energieträger sogar ausdrücklich „unter dem Motto der Nachhaltigkeit“ und präsentierten sich als Vertreter einer gerechten Energiewende. Für Regierungen des Globalen Südens steht dahinter die Überzeugung, dass sie ihre Rohstoffvorkommen nutzen müssen, um Sozialpro­gramme, Infrastruktur und Armutsbekämpfung zu finanzieren – gerade, weil Industriestaaten im Globalen Norden ihre Öl- und Gasförderung ebenfalls weiter ausbauen. Kritiker*innen halten dagegen, dass damit zwar eine sozialpolitische Rhetorik bedient wird, die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Exporten jedoch bestehen bleibt – ein Widerspruch, der vor der COP30 in Belém besonders deutlich zutage tritt.


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„Priorität ist die Demarkierung der Indigenen Gebiete”

Alessandra Korap ist seit zehn jahren Aktivistin für Rechte Indigener Völker (Foto: João Paulo Guimarães)

Alessandra wurde in der Gemeinde Itaituba in der Region Médio Tapajós im Bundesstaat Pará geboren. Sie gehört zum Volk der Munduruku, das aus etwa 14.000 Menschen besteht, die in den Bundesstaaten Pará, Amazonas und Mato Grosso leben. Der Bundesstaat Pará sei ein Brennpunkt der Abholzung, sagt sie, „aufgrund von Farmen, Wasserkraftwerken und Bergbau. Es ist die Region mit der höchsten Abholzungsrate hier im Amazonasgebiet”.
Bis 2015 widmete Alessandra ihr Leben ihren Kinder, ihrem Mann und dem Haushalt. Sie hatte einen einfachen Alltag im Dorf nahe der Stadt Itaituba. Aber sie begann zu merken, dass sie ihre Fischerei- und Nahrungsbeschaffungsgebiete im Wald verlor – eine immer deutlicher werdende Verknappung der natürlichen Ressourcen, die das Leben in den Dörfern sicherten.

Sie machte sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, aber „verstand nichts“ von den Rechten der Indigenen. „[Früher] interessierte mich [der Kampf] nicht, weil ich mich um meine Kinder kümmern wollte. Aber mit dieser Invasion, dem immer stärkeren Wachstum der Stadt, interessierte ich mich viel mehr dafür, mich [dem Kampf] anzuschließen. Ich wollte wissen, was um uns herum vor sich ging.”
Auf der Suche nach Wissen und Gerechtigkeit begann Alessandra, an Kursen teilzunehmen und sich an Diskussionen mit den Schamanen und anderen Führer*innen (Kaziken) zu beteiligen. Am Anfang hatte sie viele Zweifel und Fragen. Als sie jedoch erkannte, dass die Rechte ihres Volkes in ihrem eigenen Gebiet verletzt wurden, entschied sie sich, sich aktiv am Kampf zu beteiligen. Als Frau war dies eine besondere Herausforderung, da das Volk der Munduruku patriarchalisch ist. Vor zehn Jahren hielt das Volk der Munduruku es nicht für so wichtig, dass Frauen ein Rederecht hatten – sie sollten zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern, nicht an Versammlungen teilnehmen. Aber Alessandra stellte diese Vorstellung in Frage: Sie wollte zeigen, dass Frauen sehr wohl an den Versammlungen in den Dörfern teilnehmen konnten – und mussten.

Sie begann, still zu den Versammlungen zu gehen, blieb „in der Ecke stehen und hörte nur zu”. Nach und nach fühlte sie sich wohler dabei, an den Diskussionen teilzunehmen. Und mehr noch: Sie gewann das Vertrauen anderer Anführer und wird heute auch zu Versammlungen anderer Völker eingeladen. „Heute wird mir großer Respekt entgegengebracht. Heute kommen [die Chefs] zu mir, sie wollen wissen, was los ist. Das bringt uns dazu, innerhalb des Territoriums als Kollektiv an unserer Stärkung zu arbeiten”, erzählt sie. Inzwischen nutzt sie ihre Stimme aktiv, um ihr Gebiet zu verteidigen: „Ich bin nicht groß, ich bin sehr klein. Aber wenn ich mich mit meiner Stimme, meiner Art zu sprechen, für etwas einsetze, entwickle ich eine große Kraft.“

Die Demarkierung Indigener Gebiete als Hauptthema

Als Alessandra begann, sich zu organisieren, hatte das Volk der Munduruku bereits Pläne, seine Gebiete zu kartografieren und ihre Anerkennung durch das Gesetz sicherzustellen. Da begann Alessandra zu verstehen, wie wichtig diese Gebiete nicht nur für das Volk, sondern auch für die Umwelt, die Tiere, die Flüsse und die Wälder sind. Sie begriff, dass es sich nicht nur um einen Kampf innerhalb ihres Volkes handelte. Es war ein weltweiter Kampf. „Der Kampf muss von uns allen geführt werden“, erklärt sie, „denn es gibt nur einen Planeten. Er ist der Ort, an dem wir atmen, an dem wir leben“. Und die einzige Möglichkeit, den Schutz dieser Gebiete zu gewährleisten, sei die Überwachung und Demarkierung der Gebiete.

Kurz gesagt, ist ein Indigenes Gebiet laut der Bundesverfassung von 1988 „ein abgegrenztes und geschütztes Gebiet für den dauerhaften Besitz und die ausschließliche Nutzung durch Indigene Völker”. Diese Gebiete sind „als Erbe der Union anerkannt und dienen der Erhaltung ihrer Kultur, Traditionen, natürlichen Ressourcen und Formen der sozialen Organisation“. Die Demarkierung dieser Gebiete ist ein 1996 gesetzlich geregeltes Verfassungsrecht, das die Grenzen eines traditionell von Indigenen Völkern bewohnten Gebiets festlegt und kennzeichnet. Mit der Demarkation soll „die Selbstbestimmung, Autonomie und der Schutz der Rechte der Indigenen Völker“ sowie ihre „aktive Beteiligung an der Verwaltung und Erhaltung dieser Gebiete“ gewährleistet werden, definiert die Nationale Stiftung für Indigene Völker (FUNAI).

Im September 2024 erzielte das Volk der Munduruku einen historischen Sieg mit der Demarkation des Indigenengebietes Sawré Muybu, das vom Justizministerium offiziell anerkannt wurde. Aber der Erfolg endet nicht mit der Demarkation. Das Gebiet muss von der FUNAI physisch demarkiert, dem Präsidenten der Republik zur Genehmigung per Dekret vorgelegt und schließlich im Grundbuchamt und im Sekretariat für Bundesvermögen registriert werden. „Denn für Nicht-Indigene muss man Papiere haben, um zu beweisen, dass es einem gehört. Wenn man keine Papiere hat, gehört es einem nicht”, sagt sie. Der Demarkationsprozess schreitet voran, allerdings noch sehr langsam. Deshalb argumentiert Alessandra, dass dies ein vorrangiges Thema auf der COP sein muss, da gerade die Indigenen Völker die wichtigsten Beschützerinnen des Amazonasgebiets und der natürlichen Ressourcen sind. Die Diskussionen auf der COP scheinen jedoch noch nicht ausreichend auf die Ureinwohnerinnen ausgerichtet zu sein und reproduzieren letztendlich oft Strategien des „grünen Kapitalismus“.

Die COP als kommerzielles Ereignis

Es wäre realitätsfern zu behaupten, dass die COP nutzlos sei oder keinen geopolitischen Wert habe. Andererseits wäre es zynisch zu sagen, dass die COP Lösungen präsentiert, die den Forderungen jener entsprechen, die tatsächlich unter der Klimakrise leiden. Denn in Lateinamerika, Afrika und Asien herrscht ein extraktivistischer Neokolonialismus, bei dem multinationale Unternehmen die Territorien, ihre natürlichen Ressourcen und vor allem ihre Bevölkerung ausbeuten, um Gewinne zu erzielen, die sich in den Händen einiger weniger konzentrieren. Und die COP führt Diskussionen, die sich hauptsächlich auf den Globalen Norden konzentrieren, mit Diskussionen über Finanzierungen und „grüne Technologien”.

Darüber hinaus gibt es aber auch das Problem der Zugänglichkeit. Wer kann an diesen Konferenzen teilnehmen? „Stellen Sie sich die Menschen vor, die unter Dürre leiden, die unter Bränden leiden, unter Ausbeutung, die zusehen müssen, wie ihre Fische sterben”, sagt Alessandra. „Oft haben sie keine Möglichkeit, in die Hauptstadt [Belém] zu kommen. Wer kann teilnehmen? Wer kann sich akkreditieren? Und wer kann für die Menschen sprechen?“

Die Konferenz sei „sehr kommerziell geworden, sehr auf den Verkauf ausgerichtet. Wir wollen aber nicht über Handel sprechen, sondern über das Leben, das Territorium, die Klimakatastrophen“, meint sie. Alessandra fühlt sich nur dann auf Konferenzen wie der COP vertreten, wenn Verwandte, also andere Indigene, anwesend sind, die ihre Anliegen kennen und für sie kämpfen können. „Denn ich vertraue den Worten der Regierung nicht. Wir vertrauen den Worten der Regierungsvertreter, die für uns sprechen, nicht, weil sie oft etwas dafür zurückbekommen“, kommentiert sie. Und sie nennt das Beispiel des Emissionshandels.
Der Emissionshandel ermöglicht es einem Verursacher von Treibhausgasemissionen (zumeist aus dem Globalen Norden) durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Kohlenstoffkredite) aus der Reduktion/Speicherung von CO2 bspw. durch Waldschutz/Wiederaufforstung (zumeist im Globalen Süden), die eigenen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Kohlenstoffmärkte als neue Form der Kolonialisierung


„Die ganze Welt spricht vom Emissionshandel. Aber für uns sind diese Kompensationsgeschäfte nicht geeignet.” Alessandra glaubt, dass die Akzeptanz des Kohlenstoffmarktes bedeutet, mit der Zerstörung Geld verdienen zu wollen. „Es sind die großen Unternehmen, die zerstören. Sie wollen uns dafür bezahlen, dass wir etwas schützen, damit sie an anderen Orten weiter zerstören können”, kritisiert sie.
Und mit dem Geld aus den Emissionszertifikaten müssten die Indigenen Gemeinschaften sich der Logik des Kapitals unterwerfen. „Ich werde das kaufen müssen, was aus der Stadt kommt, oft Pestizide, Konserven, abgepackte Produkte. Ich muss in der Stadt einkaufen und Gift in mein Dorf bringen, um dort Müll zu produzieren und Krankheiten zu verursachen.“

Während der Kohlenstoffmarkt der Logik des grünen Kapitalismus folgt, einer naiven Vorstellung, dass es eine Art nachhaltige Zukunft auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft gibt, wollen die indigenen Völker Autonomie über ihr Land. Sie wollen ihre Territorien mit ihrem jahrtausendealten Wissen pflegen können und nicht von multinationalem Kapital abhängig sein, das aus der Ausbeutung dieser Territorien stammt.
Alessandra erklärt, dass der Emissionshandel eine Art „Kolonisierung des Geistes“ bewirkt: „[Er] dring in die Köpfe der Indigenen Völker ein, um ihnen zu sagen, dass wir die Umwelt retten, dass wir den Planeten retten. Aber diese Rolle übernehmen wir schon seit vielen tausend Jahren.“ Die Indigenen Völker wollen kein Geld aus dem Kohlenstoffhandel, sagt sie. Was sie wollen, ist Respekt und die Demarkierung ihrer Gebiete.

Mehr Respekt und Rechte für die Territorien

„Die Welt muss die Indigenen Völker respektieren“, betont Alessandra. „Als ich anfing, die Welt zu bereisen, dachte ich, dass es nur in Brasilien Indigene Völker gibt. Dann habe ich gemerkt, dass es auch anderswo viele Indigene Völker gibt. Sogar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Bolivien und Mexiko.“ In Brasilien gibt es 305 Indigene Ethnien. „Wie reich ist doch unsere Welt, reich an Kulturen, Sprachen und traditionellen Völkern. Ein Reichtum, den es meines Wissens nirgendwo sonst gibt.“
Indigene Völker verfügen nicht nur über kulturellen Reichtum, sondern auch über Wissen von der Heilkraft der Natur, eine „lebende Bibliothek“ – und im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft hören sie auf die Natur. „Wie kann der weiße Mann uns sagen, dass nur das, was in den Büchern steht, gültig ist? Warum respektiert [der weiße Mann] unser Wissen über die Natur nicht? Die Natur spricht doch, während das Buch nicht sprechen kann.” Und deshalb muss die Natur geschützt werden. Weil die ganze Welt Zugang zu diesem Wissen haben muss.

„Nicht ein Wissen, um auszubeuten, sondern um zu bewahren.” Alessandra appelliert an alle Menschen, ob Indigen oder nicht, sich solidarisch mit den Ureinwohner*innen zu zeigen: durch Boykotte von Fleisch aus Abholzung oder von Bergbauunternehmen, die auf Indigenem Land tätig sind, durch das Lernen über verschiedene Völker und durch die Sensibilisierung an Schulen und Universitäten. In der spirituellen Welt der Ureinwohner*innen hat jedes Volk seine eigene Sprache. Wenn man Portugiesisch spricht, die Sprache, die vor fünfhundert Jahren durch die Kolonialisierung aufgezwungen wurde, kann man die Wälder und Flüsse nicht verstehen. Aber wenn die Munduruku ihre Sprache sprechen, können sie die Natur hören und wissen, was geschützt und respektiert werden muss. Bücher sprechen nicht, aber die lebendige Bibliothek doch. Und sie gibt dieses Wissen von Generation zu Generation weite
Die Abgrenzung Indigener Gebiete zu gewährleisten, bedeutet nicht nur, das Recht auf Überleben zu garantieren. Es bedeutet auch, sicherzustellen, dass die Natur von Abya Yala weiterhin in Harmonie mit den Völkern kommuniziert, die sich seit Jahrtausenden um sie kümmern.


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