DAS UNSICHTBARE MASSAKER DER SPIELE

Mit 18 Jahren aus einer ostdeutschen Kleinstadt nach Mexiko-Stadt zu reisen – das geht auch 2018 noch als großes Abenteuer durch. Aber damals muss diese Nachricht Sie doch völlig umgehauen haben …

Ich bekam einen Anruf von meinen Eltern, als ich gerade bei meiner Freundin im Vogtland war. Ich müsse sofort nach Hause nach Altenburg kommen, es gäbe eine sensationelle Neuigkeit. Also fuhr ich gleich zurück. Das war just der 22. August 1968, also am letzten Tag des Prager Frühlings, als die UdSSR in Prag einmarschierte. Zurück in der Schule informierte mich ein Lehrer: „Es könnte sein, du fährst mit ‘ner Jugenddelegation zu den Olympischen Spielen nach Mexiko. Aber wir beide wissen auch, was heute passiert ist. Also, die Chancen sind wohl nicht sehr groß.“ Letztlich hat es dann doch geklappt.

Glück für Sie. Was war das für eine Delegation?

Es gab im Rahmen der Olympischen Spiele in Mexiko zwei wesentliche Rahmenprogramme: Das eine war die Kultur-Olympiade und das zweite war ein internationales Jugendlager, an dem ungefähr 850 Jugendliche aus aller Welt teilnahmen. Die DDR schickte 25 junge Leute.

Die DDR wollte in Mexiko bei den Wettkämpfen richtig groß auftrumpfen. Gerade weil das Land das erste Mal mit einem eigenen Team am Start war.

Ja, das hatte einen riesigen Stellenwert. Bis 1964 war ja immer eine gemeinsame deutsche Mann­schaft angetreten. In Mexiko startete die DDR als East Germany, mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit den Olympischen Ringen drin. Beethovens Neunte wurde als Hymne gespielt. Am ersten Tag der Olympischen Spiele in Mexiko hat das IOC dann beschlossen, dass die DDR bei den nächsten Spielen mit eigener Hymne und Fahne antreten kann. Ich denke, das alles war Teil des Kampfes um diplomatische Anerkennung – letztlich auch die entsendete Jugenddelegation.

Mexiko nahm erst 1973 offizielle diplomatische Beziehungen zur DDR auf. Wie wurde das Land denn vorher politisch eingeordnet, als Sie auf Reisen geschickt wurden?

Mexiko war weder Bruderland, noch Verbündeter. Es wurde überwiegend positiv dargestellt, als ein Land, in dem das Pro-Kopf-Einkommen stieg. Und mit Blick auf die Olympischen Spiele wurde die Einweihung jedes mexikanischen Sportplatzes auch in der DDR als Errungenschaft gefeiert. Daran schloss dann immer ein „aber“ an: „Aber es gibt auch Einschränkungen der Meinungsfreiheit, aber es gibt auch viele soziale Probleme“, und so weiter.

Es galt ja die Formel: Mit Staaten aus dem damaligen Ostblock wird sozialistischer Internationalismus gepflegt und mit den Ländern der sog. 3. Welt anti-imperialistische Solidarität. Letztere wurden motiviert, den kapitalistischen Wachstumspfad zu verlassen. Sollten dabei auch die Jugendlichen Überzeugungsarbeit leisten?

Ich bin da kein Experte. Ich glaube, das Interesse der DDR, diplomatische Anerkennung zu erlangen, dominierte alles. Mexiko positiv darzu­stellen, war auch deshalb ein Ziel, um dort für das eigene gute Ansehen zu arbeiten. Wir haben Mexiko damals nicht als Bruderland gesehen und ich glaube, auch eher zurückhaltend, was eine linke Entwicklung im weitesten Sinne betrifft.

Und wie haben Sie dann die Ankunft erlebt?

Unser Flieger kam am 2. oder 3. Oktober an. Von den schweren Auseinandersetzungen haben wir bei der Fahrt vom Flughafen durch die Stadt nach Oaxtepec zunächst mal überhaupt nichts mitbekommen. Der Ort lag so 70 bis 80 Kilometer außerhalb der Stadt. Untergebracht waren wir in einem Ferienkomplex der mexikanischen Sozialversicherung – mit Blick auf den Vulkan Popocatépetl.

Und da war dann die 68er-Jugend aus dem Ost- und Westblock untergebracht. Wie wurde diskutiert in dem Jugendlager?

Wir haben uns radebrechend auf Englisch verständig. Aber an die Details der Gespräche kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Vielzahl der Ereignisse war einfach zu gewaltig. Die einzelnen Delegationen organisierten Treffen mit Jugendlichen anderer Länder und wir redeten darüber, was in der Welt passierte, mit Sicherheit auch über Prag. In meiner Erinnerung wurde es zurückhaltend besprochen und ich kann mich nicht an Vorbehalte oder Vorwürfe uns gegenüber erinnern. Mit der Delegation der BRD praktizierten wir, was damals offizielle Politik war: Maximal noch „Guten-Tag“-Sagen. Mehr ist da nicht passiert.

Die DDR war mit ihren 250 Sportler*innen sehr erfolgreich, gewann insgesamt 25 Medaillen. Waren Sie auch mal im Stadion?

Wir waren bei der Eröffnung dabei und dann erneut im Stadion, als Christoph Höhne das 50km-Gehen gewann, mit 10 Minuten Vorsprung. Alle dachten: „Hoffentlich hat er keine Abkürzung genommen.“ Das war wirklich sensationell. Auch in Xoximilco waren wir dabei, wo die DDR zwei Goldmedaillen im Rudern gewann.

Als die schwarzen US-Athleten auf dem Podium die Black-Panther-Faust in die Höhe reckten, waren Sie nicht zufällig in der Nähe?

Nee, aber das kriegten wir natürlich mit und haben das begeistert aufgenommen.

1968 blieb für sie ein wichtiges Ereignis. Wie entwickelte sich denn das vage Wissen, dass da auf dem Platz der Drei Kulturen in Tlatelolco noch etwas anderes passiert war? Kam da irgendwann noch ein Schub an Informationen?

Das kann ich nicht beantworten. Das weiß ich echt nicht mehr. Woran ich mich noch einigermaßen erinnere: Dass wir noch in Mexiko, oder relativ zeitnah danach, erfahren haben, dass es nicht nur um eine Demonstration oder Protestaktion ging, sondern dass da Schlimmeres passiert sein musste. Aber das ist so fast das Einzige…

Goerg Fehst versucht, zu rekonstruieren, was er damals wissen konnte. Er schlägt im Buch „Olympia 1968. Grenoble und Mexiko-Stadt“ und dem offiziellen DDR-Olympiaband nach, die beide 1969 erschienen sind. Dort heißt es einmal: „Nachdem es [das mexikanische Volk, Anm. d. Red.] in den Wochen vor den Olympischen Spielen Tage sozialer Erschütterung […] erlebt hatte, verschob es diesen Kampf, um die Durchführung der Spiele nicht zu gefährden.“ An anderer Stelle werden zumindest „fortschrittliche Studentengruppen“ erwähnt, deren Proteste „Todesopfer gekostet haben“.

1981 reiste Erich Honecker nach Mexiko und versuchte, Kontakte mit einer kleinen sozialistischen Einheitspartei links der etablierten PRI zu etablieren. Da setzte die DDR wohl weiter Hoffnungen auf einen Dialog.
Ja, richtig, aber das war überhaupt kein Vergleich mit den Beziehungen zu Chile Anfang der 1970er. Mexiko war unter „ferner liefen“. Mit eben dieser einen Ausnahme 1968. Zugespitzt formuliert geschah das aus egoistischen Gründen: Die DDR wollte sich zeigen, als politisch zunehmend anerkanntes Land und als sportliche Großmacht – auf dem dritten Platz in der Länderwertung. Das wurde über alles gestellt und deckte alles andere zu.

Ende September dieses Jahres hat die mexikanische Regierung erstmals von einem „Staatsverbrechen“ auf dem Platz der Drei Kulturen 1968 gesprochen. Sollte die Erinnerung an Tlatelolco nicht immer dazugehören, wenn von den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt die Rede ist? Als eine mahnende dunkle Wolke…

Selbstverständlich gehört das dazu. Ich zögere nur bei diesem Bild, weil, wenn ich meine eigenen Erinnerung bemühe, dann schwebt da nichts über den Olympischen Spielen, weil wir einfach nichts mitbekommen haben.

Und heute?

Heute muss man das einbeziehen. Wenn man sich die euphemistischen Formulierungen in dem DDR-Olympia-Band anschaut: na, Hallo! Es ist wichtig, dass Klarheit geschaffen wird, darüber, wie vielen Menschen dort ganz, ganz Schlimmes passiert ist. Das steht außer Zweifel.

„Weißensee war für mich eine Befreiung“

Wenn im Rückblick auf das Leben in der DDR geschaut wird, fallen nicht selten die Begriffe von Enge und eingeschränkten Freiheiten. Sie lebten als Studentin aus Kuba von 1984 bis kurz vor dem Mauerfall in Ostberlin und kamen zu dem Fazit: „Weißensee war für mich eine Befreiung.“ Inwiefern?

Sánchez: Ganz einfach: Der Lehrplan an der Kunstakademie in San Alejandro in Havanna, der zweitältesten Akademie Lateinamerikas überhaupt, war sehr eng und sehr traditionell. Die Kunsthochschule Weißensee war dagegen offen. Weißensee war für mich eine Befreiung, weil ich da mit dem Expressionismus und dem Bauhaus-Design konfrontiert wurde. Das war für mich etwas ganz Neues und im Sinne von künstlerischem Schaffen viel freier, als was ich bis dahin kannte. In Kuba waren wir sehr weit entfernt von den Kunsttheorien, die in der restlichen Welt gelehrt wurden.

Betraf die Befreiung nur die Kunst oder haben Sie diese auch in Bezug auf die Gesellschaft der DDR im Vergleich zu Kuba empfunden?

Sánchez: Ich hatte ein Freiheitsgefühl. Viele verstehen das heute nicht so richtig, weil die DDR im Rückblick oft auf mangelnde Freiheiten reduziert wird. Für mich als Kubanerin war das anders. Ich kam von einer Insel, die ziemlich vom Rest der Welt abgeschnitten war. Ich hatte überhaupt keine konkrete Vorstellung von der Welt. Die DDR nahm ich als eine ganz fremde Welt wahr, in der ich einen Reichtum an Kultur antraf, den ich mir nicht hätte vorstellen können. Und auch die Freiheit, sich innerhalb der DDR und im Rahmen der sozialistischen Bruderländer frei bewegen zu können, war für mich eine Befreiung. Mein Horizont hat sich enorm erweitert.

Sie sind nur wenige Wochen vor dem 9. November 1989 nach Kuba zurückgekehrt. War für Sie der Mauerfall absehbar?

Sánchez: Man hat schon etwas wie Endzeitstimmung empfunden. An der Kunsthochschule gab es schon jahrelang Diskussionen über die Mängel des Systems.

Freie Diskussionen?

Sánchez: Unter den Studenten gab es freie Diskussionen, die waren nicht von der Hochschule organisiert. Es wurde viel über die Zukunft spekuliert und viele Vorstellungen entwickelt. Aber niemand hat sich vorstellen können, dass die Einheit kommt. Es bestand eine große Unzufriedenheit mit dem, was war.

War die Unzufriedenheit vor allem materiell festzumachen oder an mangelnden Freiheiten?

Sánchez: Das war unterschiedlich. Viele waren unzufrieden mit der Mangelwirtschaft. Für mich als Kubanerin war das nicht so nachvollziehbar. In Kuba war der Mangel weit offensichtlicher. An der Kunsthochschule ging es eher um die Frage nach Freiheit, vor allem Meinungsfreiheit, um eine offene Diskussion über die Zukunft der DDR, wie sich die Gesellschaft verändern ließe, indem die Bürger mehr Eigenverantwortung übernähmen.

Einen Reformprozess durchläuft derzeit auch Kuba. Beim sechsten Parteitag im April wurden die Weichen für einen tief greifenden Umbau der Staatswirtschaft gestellt. Überwiegt bei den Kubanern eher der Optimismus oder die Angst vor den Veränderungen?

Sánchez: Das ist von Mensch zu Mensch anders. Werktätige, die in der Produktion tätig sind und jetzt plötzlich ihre Arbeit verlieren, werden sicher auch Angst haben. Ich denke, dass Veränderungen nötig sind. Allerdings sehe ich nicht, dass die Maßnahmen, die jetzt geplant sind, eine grundlegende Transformation bewirken und die Probleme lösen können.

Lourdes, Sie sind von Haus aus Ökonomin, haben in Karlshorst Kybernetik studiert. Wie sehen Sie den wirtschaftlichen Umbau in Kuba?

Serra: Ich bin nicht so pessimistisch wie Teresa. Die kubanische Regierung hat sich die Aufgabe gestellt, die Probleme anzugehen. In einem Grundlagenpapier wurden vor dem Parteitag die „Leitlinien der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei und der Revolution“ festgehalten, die so genannten lineamientos. Seit November 2010 wurden die lineamientos in Kuba diskutiert, in Betrieben und von Massenorganisationen. Ich war in einigen Versammlungen mit Studenten dabei. Dort wurde akribisch erläutert, mit welchen Maßnahmen die Wirtschaft auf Vordermann gebracht werden soll, und die Studenten machten ihrerseits Verbesserungsvorschläge. Auch wir als Professoren haben uns zusammengesetzt und überlegt, wie der Reformprozess aussehen soll und welchen Beitrag wir leisten können. Die Regierung hat zugesagt, die Verbesserungsvorschläge aufzunehmen und in die Leitlinien einfließen zu lassen.

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura schrieb im April, dass die ersten Maßnahmen der sogenannten „Aktualisierung des Kubanischen Wirtschaftsmodells“ Havannas Alltag sichtbar veränderten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Serra: Ja. An vielen Ecken sind Cafés und Verkaufsstände für Lebensmittel entstanden. Die Kubaner profitieren von dem größeren Angebot, können für kubanische Pesos mehr kaufen als bisher und sind nicht immer auf den konvertiblen Peso (CUC) angewiesen. Viele Kubaner, die entweder woanders gearbeitet haben oder gar nicht, finden in den 178 zur Selbstständigkeit freigegebenen Berufen und Tätigkeiten ein Auskommen. Seit Oktober 2010 haben mehr als 200.000 Kubaner und Kubanerinnen eine Lizenz in diesem Bereich beantragt.

Zur Disposition steht auch die libreta, das Bezugsheft für Grundnahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs für alle Bürger. Wie sehen Sie das?

Serra: Das sehen viele mit Besorgnis. Bei den Universitätsdiskussionen, an denen ich teilgenommen habe, haben die Leute gesagt, dass mit dem Abbau der libreta sehr vorsichtig umgegangen werden muss, weil es viele Menschen gibt, die auf diese zugeteilten Güter angewiesen sind und sie sich nicht einfach kaufen könnten. Außerdem werden Preissteigerungen befürchtet, wenn diese Güter nur noch auf dem Markt verfügbar sind.

Gibt es ein Vorbild für den kubanischen Reformprozess, etwa Chinas Liberalisierung?

Serra: Nein. Kuba hat ein eigenes Profil und muss seinen eigenen Weg gehen, der sich an den auf dem Parteitag überarbeiteten Leitlinien orientiert.

Die Transitionserfahrungen der DDR dürften Kuba auch nicht zur Nachahmung animieren. Persönlich dürfte das anders sein. Was nahmen Sie aus Ihrem Leben in der DDR mit?

Serra: Es waren die besten Jahre meines Lebens. Ich erlebte von 1974 bis 1981 dort den Boom des Sozialismus und fand viele Freunde. Als ich 1981 die DDR wieder verließ, hatten die Menschen dort einen hohen Lebensstandard. Am Berliner Ostbahnhof gab es ein neues Warenhaus, in dem man Levis Jeans kaufen konnte. Ich besorgte mir auch eine. Was mir damals auffiel: Wenn meine Freundinnen von ihren Wochenenden zurückkamen, zeigten sie immer, was ihnen die »Tanten von drüben« mitgebracht hatten. Meistens waren es gebrauchte Sachen, und wahrscheinlich hätte man Ähnliches in besserem Zustand in den DDR-Läden bekommen können.

Wie kamen Sie mit den sogenannten deutschen Tugenden Ordnung und Pünktlichkeit klar?

Serra: Gut. Da ich immer ein relativ disziplinierter Mensch war, gewöhnte ich mich schnell an die strikte Ordnung und die Pünktlichkeit in Deutschland. Von meinen Kommilitonen und von meinen Lehrern habe ich sehr viel gelernt. Sie vermittelten mir strukturiertes Denken. Auch für meinen späteren Beruf als Universitätsprofessorin konnte ich einiges mitnehmen – wie man Unterricht gestalten kann. Das Buch Abenteuer DDR kam zuvor auf Spanisch unter dem Titel Regresé siendo otra persona (Ich kam als anderer Mensch zurück) heraus. Das trifft es auf den Punkt. Die DDR war für uns ein Abenteuer, das uns verändert hat. Wir haben nicht nur sehr viel Wissenswertes über unsere Berufe gelernt, wir haben auch andere Lebensweisen kennengelernt.

War der Zeitabstand zum Ende der DDR für das Buch wichtig?

Serra: Ich denke schon. Jetzt, nach 20 bis 30 Jahren, können wir objektiver diese Zeit betrachten. Und das Wichtigste ist, dass dieser Teil von der Geschichte festgehalten wird. Das ist auch für die jüngeren Deutschen wichtig, die keine Erinnerung mehr an diese Zeit haben. Das Buch deckt ein breites Feld ab und beschönigt nichts. Beispielsweise werden auch die Probleme geschildert, die die kubanischen Vertragsarbeiter und -arbeiterinnen teilweise hatten, aber auch selbst verursachten. Manchen fehlte es an Disziplin, andere lernten die Sprache nicht. Sie kamen teilweise ohne vernünftige Vorbereitung an. Das sorgte für Probleme und auch für Vorbehalte gegenüber Kubanern, die ich in der Zeit von 1974 bis 1978, bevor die ersten Vertragsarbeiter kamen, nicht erlebt hatte. An meinem positiven Fazit über das Abenteuer DDR, das mein Leben verändert hat, ändert das freilich nichts.

KASTEN:
Teresa Sánchez und Lourdes Serra gehören auch zu den ProtagonistInnen in dem Buch Abenteuer DDR. Kubaner und Kubanerinnen im deutschen Sozialismus von Wolf-Dieter Vogel und Verona Wunderlich, Karl Dietz Verlag, 184 Seiten, 16,90 Euro.

Solidarität in den Farben der DDR

Liebe Freunde der Lateinamerika Solidarität,
Ihre Ausgabe 287 habe ich mit Freude zur Kenntnis genommen. Die Entwicklungen in Lateinamerika verfolge ich bereits über viele Jahre und natürlich die Aktivitäten der Solidaritätsgruppen aus den Bundesländern.
Ihr spezielles Anliegen, die „Solidarität in den Farben der DDR“ auch nach dem politischen Verschwinden dieses Staates widerzuspiegeln, habe ich mit großem Interesse gelesen. Mir sind diese Aktivitäten aus eigenem Erleben nachvollziehbar, da ich nicht nur als ferner Beobachter, sondern direkt oder indirekt beteiligt war. Aus diesem Grunde möchte ich zu einigen Komplexen meine Meinung zum Ausdruck bringen.
Aus der Sicht der Solidarität der DDR gegenüber Kuba und Nicaragua muß ich Raimund Krämer voll zustimmen, daß die Solidaritätsprojekte der DDR „besser den örtlichen Gegebenheiten angepaßt“ waren und sich „an den Grundbedürfnissen der breiten Bevölkerungsmehrheit“ orientierten. Das war nicht nur für Kuba und Nicaragua der Fall, sondern kann auch für andere Länder in Afrika und Asien nachgewiesen werden.
Ob nun das Krankenhaus „Carlos Marx“, eingeweiht am 23. Juli 1985, eine „Chefsache“ oder eine „Prestigeobjekt“ war oder nicht, sollte uns doch am wenigsten interessieren. Es war ein Solidaritätsobjekt, so wie man es wünscht und sehen kann. Es war ein Projekt zur Armutsbekämpfung, ein Projekt zur Stabilisierung der Gesundheitsversorgung breiter Bevölkerungsteile in Nicaragua und ein Projekt, das nicht nur die Spender sondern auch die Empfänger der Solidarität als solche begriffen, und begrüßten. Deshalb die breite Spendenbewegung, die nicht nur durch die FDJ (Freie Deutsche Jugend) sondern auch durch das Solidaritätskomitee der DDR für eine breite und wirksame Öffentlichkeitsarbeit genutzt wurde. Und die zahlreichen Spenden von Einzelpersonen und von Kollektiven (heute als Teams bezeichnet) waren doch der Beweis, daß diese Solidaritätsmaßnahme verstanden wurde. Es entsprach den Erfordernissen Nicaraguas. Und wenn es ein „Faß ohne Boden“ gewesen sein soll, dann brauchte man überhaupt keine Solidarität zu leisten.
Entwicklungspolitisch Engagierte werden mir sicher zustimmen, daß im Grunde genommen fast jedes Projekt in den Entwicklungsländern ein Faß ohne Boden ist. Und Probleme gab und gibt es doch bei jedem Projekt, oder? Ich will hier nicht weiter auf Details eingehen. Ich suche natürlich auch den Vergleich mit der alten Bundesrepublik und den dort engagierten Solidaritätsgruppen. Wo gibt es ein ähnliches oder gleichwertiges Projekt einer Nichtregierungsorganisation?
Die Größe dieses einzigartigen Solidaritätsprojektes der DDR, getragen vom Solidaritätskomitee und der FDJ, wurde mir nach der Wende besonders deutlich, als die Verantwortlichen des BMZ und der GTZ, sicher nachgeplappert, sagten, was in Regierungskreisen die Runde machte: das Projekt Krankenhaus „Carlos Marx“ ist für die Bundesrepublik Deutschland eine Nummer zu groß.
Die Nicaragua Experten der Lateinamerika-Solidarität werden es sicher registriert haben, wie viele Delegationen und Personen zur Evaluierung nach Nicaragua reisen mußten, um nachzuweisen, daß das Projekt zur Gesundheitsförderung breiter Schichten der Bevölkerung von Nicaragua nicht mehr in der von der DDR beabsichtigten Art und Weise weitergeführt werden kann. Und nach Kenntnis des ominösen internen Gutachtens eines Experten von medico international über ein „Prestigeobjekt“ der DDR bedaure ich nur diese Einschätzung des Vertreters dieser international respektierten Nichtregierungsorganisation. Festzustellen bleibt: Es ist ein Verdienst sachkundiger Ärzte und Entwicklungspolitiker, daß das Krankenhaus „Carlos Marx“ heute noch existiert und weitergeführt wird.
Berührt hat mich der Artikel von Willi Volks über die „unabhängige Solidaritätsbewegung in der DDR“. Neben vielen guten und richtigen Feststellungen zu auch in der DDR notwendigen Basisinitiativen ist mir bis heute nicht nachvollziehbar, daß der Staatsapparat DDR sich „bekanntermaßen und paradoxerweise dem Bedürfnis nach echter Basisinitiative verschloß“, so wie Willi Volks das schlußfolgert. In den vielen Jahren gesellschaftlicher und nahezu zehnjähriger Solidaritätsarbeit habe ich die Erfahrung machen können, daß Initiativen solcher Art eine Angelegenheit der gesellschaftlichen Kräfte war, die am Ende nur den Staat zur Realisierung von Solidaritätsprojekten brauchten.
Ich halte es einfach für überheblich, die unabhängigen Gruppen, wie zum Beispiel auch die Initiative Gruppe Hoffnung Nicaragua (IHN), über viele hunderttausende Bürger zu stellen, die bewußt und in der Absicht solidarische Hilfe zu leisten, sich in die breite Solidaritätsbewegung der Bürger der DDR einreihten, Geld spendeten, sich aktiv in Parteien und Massenorganisationen für die Solidartät engagierten und in zehntausend Fällen als Lehrer und Ausbilder in der Tat und mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen junge Menschen aus den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ausbildeten. Zahlen wurden bereits genannt und ich brauche hier keine mehr hinzuzufügen. Es ist wohl unbestritten, daß nicht jeder, der Hilfe für die Entwicklungsländer leisten will, in diese Länder reisen kann.
Zwei Dinge möchte ich jedoch hier festhalten:
1. Die Spendenfreudigkeit der DDR-Bürger ist der Ausgangspunkt für die heutige Existenz der Stiftung Nord-Süd-Brücken.
2. Die Solidarität der DDR wirkt auch heute noch in den Empfängerländern. Sie wird hoch geschätzt und gewürdigt. Die Bundesrepublik Deutschland war nicht gut beraten, diese Wertschätzung für die Weiterführung der deutschen Enwicklungspolitik nicht zu nutzen.
Herr Volks meint, daß erreicht wurde, über das „staatliche“ Solidaritätskomitee einmal im Jahr einen Sammelcontainer „unabhängiger“ Nicaragua-Gruppen zu Partnern in Nicaragua unentgeltlich zu transportieren. Das betraf aber nicht nur die IHN. Es muß hier einmal deutlich gesagt werden, daß das nichtstaatliche Solidaritätskomitee allen Religionsgemeinschaften gegenüber immer offen war, vielen davon geholfen hat und alle Wünsche der Kirchengruppen in der Art und Weise behandelte, wie es im Rahmen eines Bittstellers gegenüber dem Staat, auch für das Solidarttätskomitee, für die Bereitstellung von Solidaritätsgütern möglich war Notwendige Devisen gab es nicht und die erforderlichen Güter waren knapp.
Heute ist es anders. Es gibt genug Waren, die in der Dritten Welt dringend gebraucht werden, aber das Geld ist knapp.
Ich freue mich immer, wenn das, was die DDR-Bürger geleistet und auch in der Solidaritätsarbeit erreicht haben, unverklärt und sachlich wiedergegeben wird. Wenn ich jedoch den Artikel von Katrin Neubauer über das Leben der Exilchilenen lese, kommt mir schon beim Lesen des ersten Abschnitts der Kaffee hoch. Exilchilenen, die der mordgierigen chilenischen Soldateska entrissen werden konnten, wurden in der DDR als politisch Verfolgte und Klassenbrüder willkommen geheißen. Und dazu brauchte man niemand von der Staatssicherheit. Das ist eine Beleidigung der Solidaritätsarbeiter, die zu dieser Zeit Tag und Nacht ihre Kraft einsetzten, den Chilenen möglichst viele Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Ich frage mich bei solchen Artikeln immer wieder, warum man solche Dinge zum Teil zusammenhangslos in den Raum stellt und Glaubens machen will, wie schlimm es in der DDR war und wie von oben alles gedämpft wurde. Nein, liebe Katrin Neubauer. Die Solidarität war unten breiter und tiefer, als Sie sich vorstellen können. Und Sie haben es ja auch selbst erlebt und beschrieben.
Sicher gäbe es noch mehr zu sagen, aber hier soll das genügen.
Sollten Sie dazu noch fragen haben, stehe ich Ihnen jeder Zeit zur Verfügung. Nur abschließend die Bemerkung: ich kenne die Soliszene der alten Bundesländer seit Anfang der achziger Jahre und habe als Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR und als Geschäftsführer von Solidaritätsdienst-international e.V. bis 1992 maßgeblich die Aktivitäten der immerhin sehr breiten Solidaritätsbewegung der DDR mitgestaltet. Ich stehe allen kritischen Bemerkungen sehr offen gegenüber, verwahre mich jedoch gegen unsachliche Darstellungen und Verallgemeinerungen, die wohl wie immer subjektiv gefärbt sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Achim Reichardt

“Es lebe die internationale Solidarität“

Die Akte DDR wurde vor acht Jahren geschlossen und seither verstaubt sie im Archiv der Geschichte. Hin und wieder wird sie nochmal aufgeschlagen, um darin zu lesen und Rechtfertigungen für ihre restlose Einäscherung zu suchen. In dieser Ausgabe soll ein relativ kleiner und ganz spezieller Ausschnitt der DDR-Geschichte aus der Versenkung geholt, entstaubt und mit dem Licht der fast ein Jahrzehnt alten Distanz beleuchtet werden. Es geht nicht um Geschichtsbewältigung oder -aufarbeitung. Auch soll es kein Ostalgietrip in eine Vergangenheit ohne Zukunft werden. Der Anspruch liegt einzig darin, Momentaufnahmen aus der DDR-Beziehungskiste aufzuzeichnen und dabei persönliche Erfahrungen ebenso wie offiziell verordnete Richtlinien einzubeziehen.
In der Tat war Lateinamerika, von Kuba und Nicaragua abgesehen, für die DDR politisch eher zweitrangig, in wirtschaftlicher Hinsicht sogar drittrangig. Beim näheren Hinsehen aber fördert das Thema sowohl spannungsgeladene Ost-West und deutsch-deutsche Konflikte als auch Konflikte innerhalb der DDR zutage und blendet Teile (gelebter) DDR-Geschichte ein. Und gerade für jene, die die 40 Jahre westlich der „großen Mauer“ verbrachten, enthalten die anschließenden Beiträge einiges Unbekanntes, aber durchaus Erfahrenswertes.
Wie kann man die jüngste Geschichte Lateinamerikas entschlüsseln, wenn man den Ost-West-Konflikt – den die DDR mitprägte – ausklammert? Wenn wir uns bezüglich lateinamerikanischer Außenbeziehungen immer nur auf die USA oder die Bundesrepublik stürzen, unterschlagen wir den wichtigen Einfluß, den ein untergegangenes System über Jahrzehnte hinweg in Lateinamerika ausübte, ein Einfluß, der noch immer nachwirkt.
Die acht Beiträge zeigen ein komplexes Gebilde ostdeutscher Beziehungen zu Lateinamerika. Bis auf die Analyse der 40jährigen Story der DDR Außenpolitik aus der Sicht von Raimund Krämer, eines ehemaligen Mitarbeiters der kubanischen Botschaft, spiegeln die Artikel eher kurze, aber prägnante Momente dieses Kapitels der DDR-Geschichte wieder.
So wirft Sabine Zimmermann einen Blick auf und hinter die Kulisse des Prestige-Entwicklungsprojekts Krankenhaus „Carlos Marx“ in Managua. Erfahrungen vor Ort, gepaart mit SED-Rhetorik, malen ein sehr differenziertes Bild von offizieller Entwicklungshilfe. Von „unten,“ aus der Perspektive inoffizieller Solidaritätsarbeit in Kirchengruppen, erzählt Willi Volks die Geschichte unabhängigen Engagements und der Schwierigkeiten in einem von Kontrolle besessenen Staat eigene Projekte, übers „Päckchenpacken“ hinaus, zu entwickeln. Christoph Links beschreibt seine ganz persönlichen Erinnerungen an die Vor- und Nachwendezeit – und wie diese sich auf sein Interesse für Lateinamerika auswirkten.
„Tania – la guerrillera“ zeichnet das Porträt der berühmten Nachkriegspartisanin, die nach Lateinamerika ging, „um den unterdrückten Völkern den Sozialismus zu bringen“ und wie Che Guevara zur Märtyrerin wurde. Daran anschließend schwenkt die Kamera vom letzten Schauplatz DDR-Politbüro nur einige Meter weiter in die Friedrichstraße. Dort überquerten zwischen 1973 und 1975 hunderte politische Flüchtlinge aus Chile die Westberliner Grenze Richtung Osten, um sich in der DDR – so gut es ging – erstmal ein neues zu Hause einzurichten. Der Artikel beleuchtet Ängste, Freude und Alltagsprobleme des Exils aus Perspektive der ChilenInnen und das Funktionieren staatlicher Solidaritätspolitik in diesem speziellen Fall.
Wer hat schon einmal von der Existenz eines Lateinamerikainstituts im Osten gehört? Nun, mittlerweile ist es mitsamt der DDR und mit der energischen Hilfe einiger Politiker eingeäschert worden. „Lichter aus!“ beschreibt Aufstieg und Fall des Lateinamerika-Instituts in Rostock. Und für Literaturfreunde, die wissen wollen, welche lateinamerikanischen Bücher die staatliche Zensur passierten und in der DDR gelesen werden durften, bringt der Beitrag von Hans Otto Dill abschließend das eine oder andere Licht ins Dunkel.

Bittersüßes Naschwerk

Seit zehn Jahren besteht nun die Frankfurter Initiative LiBeraturpreis, der Autorinnen aus der „Peripherie“, aus Afrika, Asien und Lateinamerika, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Jedes Jahr wird eine Vorauswahl unter sämtlichen im Vorjahr in deutscher Übersetzung erschienenen Büchern getroffen – Kriterium für eine Preisverleihung ist literarische Originalität, Engagement und das weibliche Geschlecht. Denn, so wird im Vorwort bemerkt, die Mitglieder der LiBeraturpreis-Initiative sind der Meinung, daß schreibende Frauen es im Literaturbetrieb ihrer Heimatländer vielfach schwerer haben, wahrgenommen zu werden, als ihre männlichen Kollegen. Carmen Boullosa, Zoé Valdés und Rosario Ferré gehören unter anderen zu den Preisträgerinnen.
Das zehnjährige Jubiläum wurde also zum Anlaß dieser Anthologie genommen, die die Texte aller Preisträgerinnen und zahlreicher Anwärterinnen in sich vereint. Vorgegeben wurde lediglich das Thema: „Schreiben zwischen Liebe und Zorn“.

Ein Kaleidoskop des Südens

Das Ergebnis ist eine schillernde Perlenkette unterschiedlichster Texte, oftmals im Original noch unveröffentlicht: Kurzgeschichten, Auszüge aus Romanen und eigens für diese Anthologie verfaßte Texte. Sie spiegeln die Welt der Autorinnen wider, deren Herkunft und Lebenslauf nicht verschiedener sein könnten (auch wenn erstaunlich viele Lateinamerikanerinnen mit Texten vertreten sind). Dies ist eine andere Kostbarkeit der Anthologie: Vor jeder Geschichte gibt es eine Seite mit dem Foto und kurzem Lebenslauf der jeweiligen Autorin, so daß ein überaus plastisches Bild entsteht; das kleine Häppchen schriftstellerischen Könnens, das daraufhin folgt, und einen oft aufgewühlt zurückläßt, trägt dazu bei, die Neugierde auf die Werke der jeweiligen Autorin anzustacheln.
Die Beiträge der Schriftstellerinnen lassen sich vier Themenkomplexen zuordnen, die alle von der Wirklichkeit des Lebens von Frauen und den davon aufgeworfenen Problemen beeinflußt sind. Zuerst geht es um die nachdenkliche Reflektion über weibliches Schreiben, dann sind es die Erfahrungen von Frauen, die aus der Rolle fallen – der Mutterrolle, „die liebende, unterwürfige Frau“ – und zuletzt die Aufarbeitung traumatischer Kindheitsmuster.

Sprache der Nacht

So verschieden die Texte in jeder Hinsicht auch sind, fast immer sind sie ein Sich-heraus-Schreiben aus den Nacht- und Schattenseiten des Daseins. Fast immer sind die Texte von quälenden Erlebnissen geprägt, von Tod, Haß, Unterdrückung, Gewalt und Exil. Schreiben stellt sich als Therapie dar, die, manchmal als erdachte Weltflucht, einen Ausweg öffnet. „Scham, meine Scham auf einer Buchseite zur Schau stellen, seitdem ich Bücher schreibe.“ schreibt Vénus Khoury-Ghata aus dem Libanon.
Wie erfrischend beginnt da die bisher unveröffentlichte Geschichte Zoé Valdés’: „Wie Gott in Frankreich“. Mit beißender Ironie und sprühendem Witz reflektiert sie ihre Rolle als kubanische Schriftstellerin und lästert über die französischen Frauen, um dann nach und nach leider ihren Witz zu verlieren und ein melancholisches Portrait eines ins französische Exil gehenden Pianisten zu zeichnen.
Bemerkenswertes Grausen packt einen beim Lesen von „Wie eine gute Mutter“ von der argentinischen Ana María Shúa. Es ist eine bissig-scharfe Satire auf die Rolle der Mutter: Zwei Monster, die zum großen Unglück der Mutter ihre eigenen zwei süßen Wonneproppen sind, tyrannisieren sie und schaffen es innerhalb eines Nachmittags, die Ehe ihrer Eltern zu zerstören, die ganze Wohnung zu verwüsten und ihre Mutter ernsthaft zu verletzen. Diese greift schließlich voller Wut auf gesellschaftlich nicht anerkannte Erziehungsmittel zurück, und der Leser kann auch nicht anders, als diese Kinder wirklich aus vollstem Herzen zu hassen.
„Die Geschichte ist ein Band, die Geschichte ist eine Schlange, ein Rinnsal, ein Labyrinth, einmal nur paßt du nicht auf, schon hat sie dich umzingelt oder in ihren Fluten mitgerissen.“ Angélica Gorodischer scheint die Wirkung ihrer Erzählkunst zu beschreiben: „Schlangenmund“ entführt den Leser in die amazonengleiche Welt von Wäscherinnen in der argentinischen Pampa. Erotische Phantastik ist die Substanz dieser Geschichte, die einen rätselhaft umgarnt.
Es hat einen eigenen Reiz, sich der nächsten Geschichte zuzuwenden, wenn man noch ganz verhangen und fasziniert in dem Kosmos der vorangegangenen weilt. Nie weiß man, was einen als nächstes erwartet, welche Sprachgewalt nun wieder Macht über einen ausüben wird, in was für ein Lebensgefühl man tauchen wird. Fast hat man Angst, enttäuscht zu werden, nachdem doch die vorige Geschichte einen so tief berührt hatte – trotz ihrer Kürze. Gleichzeitig kann man es vor lauter Neugier nicht erwarten umzublättern, und tatsächlich, ein neues Land, eine neue Frau ziehen einen in den Bann.

Schlangenmund und weibliches Schreiben

Im Vorwort wird die Frage aufgeworfen, was genau weibliches Schreiben ausmacht, und die Antwort angeboten, daß es das Gegen-den-Strom-Schwimmen, das Durchkreuzen von Erwartungen sein könnte. Jede Geschichte dieser Anthologie erfüllt auf ihre Art und Weise diese Eigenschaften, auch wenn die Themen vielleicht nicht überraschend oder neu sind. Es ist die Annäherung an die Themen, die die Geschichten dieses Lesebuchs besonders machen. Doch ist das wirklich spezifisch weiblich? Oder eher eines der Merkmale von Literatur, die man nicht vergißt, die einen die Augen aufreißen läßt? Vielleicht ist die Suche nach der Besonderheit weiblichen Schreibens jedem selbst überlassen. Diese Anthologie macht die Suche besonders reizvoll.

Regina Keil und Thomas Brückner (Hrsg.): Mohnblumen auf schwarzem Filz, Unionsverlag Zürich 1998, 348 Seiten, 19,90 DM (ca. 10 Euro).

Die DDR und der Oberst Aureliano Buendía

Früher hatten es die literarischen Helden der lateinamerikanischen AutorInnen sehr leicht, gewissermaßen visafrei in die DDR einzureisen. Ihre Werke waren weit früher und zahlreicher im Osten Deutschlands verbreitet als im Westen. Kommunistische und linke SchriftstellerInnen überstanden die Nazizeit im lateinamerikanischen Exil, lernten die Literaturen ihrer Gastländer schätzen, wurden in Thematik wie Schreibweise von den Latinos beeinflußt – so Anna Seghers, Ludwig Renn, Gustav Regler und Bodo Uhse in Mexiko oder Eduard Klein in Chile. Als sie sich nach Kriegsende nach Ostdeutschland begaben, animierten sie dort die Übersetzung vieler Latinos: von Amayo Amador bis zu Guimarães Rosa. Jorge Amado wurde in der DDR mehr wegen seiner sexuellen Freizügigkeit und seines Humors als wegen seiner politischen Überzeugungen zu einem Erfolgsautor, lange bevor man seinen Namen in der Bundesrepublik auch nur kannte.
Der Neuruppiner Lyriker Erich Arendt, der in der kolumbianischen Avantgarde um León de Greiff verkehrte, editierte und übertrug neben dem barocken Spanier Góngora die im deutschen Westen lange Zeit als unbekannte Dichter geltenden Pablo Neruda und Nicolás Guillén kongenial und auflagenstark ins Deutsche. Allerdings wurden entsprechend der kulturpolitischen Dogmen des Sozialistischen Realismus zumeist linke, kommunistische und gesellschaftskritische Autoren verlegt, die damals zwischen Rio Grande und Feuerland den Ton angaben. Dazu wurden verschiedene Handschriften wie die von Volodia Teitelboim, Alfredo Varela, José María Arguedas oder des frühen Roa Bastos gerechnet. Doch nach der „kopernikanischen Wende“ des Neuen Romans hatten es die, meist auf sprachliche, ästhetische und kulturelle Finessen statt auf politische Fundamentalismen konzipierten LateinamerikanerInnen in der DDR schwer, wogegen sie im Westen sehr schnell Fuß faßten. So kam es, daß García Márquez, anfangs mit seinen „realistischen“ Romanen, zum Beispiel Die böse Stunde nur im Osten bekannt und verlegt, mit Hundert Jahre Einsamkeit nur im Westen Übersetzer und Editoren fand. Der Oberst Aureliano Buendía, der 1967 das Licht der literarischen Welt erblickte, durfte somit erst 1975 mit westdeutscher Lizenz in die DDR einreisen. Darauf folgten verzögert, aber unaufhaltsam die Editionen von Carpentier, Vargas Llosa, Fuentes, Borges, Lezama Lima, Cortázar tutti quanti.
Allerdings: politische Subversion und Dissidenz waren verboten: bestimmte Werke von Vargas Llosa oder Fuentes oder gar von Cabrera Infante oder Reinaldo Arenas konnten höchstens illegal in die DDR gelangen. Dennoch bleibt insgesamt eine positive Bilanz der Rezeptionsgeschichte lateinamerikanischer Literatur im Osten Deutschlands. Zu dieser gehören auch die berühmten Kurzprosa-Anthologien aus lateinamerikanischen Ländern in der Sammlung Erkundungen des Verlages Volk und Welt und die teilweise erstmals in deutscher Sprache erfolgte Edition von Klassikern wie José Martí, Horacio Quiroga oder Ricardo Güiraldes im Verlag Rütten & Loening.

Lichter aus!

An der Universität Rostock, ehemals Wilhelm-Pieck-Universität, hatte sich aus der Romanistik und nachfolgend dem Lateinamerika-Institut nach der Hochschulreform von 1968 eine Sektion der Lateinamerikawissenschaften entwickelt. Den Anstoß, sich überhaupt auf wissenschaftlicher Basis mit dem entfernten Kontinent zu befassen, hatte 1959 bereits die Kubanische Revolution gegeben. Die Sektion Lateinamerikawissenschaften gehörte zusammen mit den Afrika-Nahostwissenschaften (Leipzig), den Asienwissenschaften (Berlin) und den Nordeuropawissenschaften (Greifswald) zu den interdisziplinär ausgerichteten Regionalwissenschaften in der DDR. Deren Etablierung war auf das engste mit der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die Entwicklungsländer in den 1960er und 1970er Jahren und den daraus hervorgehenden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen verbunden. Insofern waren die Regionalwissenschaften, die kein Pendant an Universitäten der anderen sozialistischen Länder, aber auch nicht in der BRD besaßen, ein genuines Kind der Wissenschaftspolitik der DDR und durch ihre Gegenwartsbezogenheit und Politikrelevanz natürlich auch „staatsnah“. Hinzu kam, daß durch die Etablierung der Regionalwissenschaften in nicht wenigen Fällen die weitere Entwicklung altertumswissenschaftlicher und linguistischer Institutionen ins Hintertreffen geriet. Diese Tatsache führte dann auch 1990 zu ihrer pauschalen Abwicklung seitens bestimmter politischer Kräfte, insbesondere auf Landesebene.

Wie funktionierte die DDR-Lateinamerikanistik?

Ende der 1980er Jahre umfaßten die Rostocker Lateinamerikawissenschaften folgende Fachgebiete: Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Literatur, Philosophie/Politik, Indianische Sprachen und Kultur sowie Hispanistik und Lusitanistik. Mit der Einrichtung verbunden war eine Zweigstelle der Universitätsbibliothek mit ca. 43.000 Bänden, eine Dokumentations- und Informationsstelle, ein umfangreiches zeitgeschichtliches Archiv und ein äußerst wertvolles Archiv lateinamerikanischer Popularmusik, das eine der größten Privatsammlungen Europas darstellte.
Die Sektion gab auch eine eigene Zeitschrift „Lateinamerika“ heraus, die am längsten erschienene Fachzeitschrift dieser Art in Deutschland. Lange wissenschaftliche Kontakte und vertraglich abgesicherte Kooperationsbeziehungen existierten zu Universitäten, Institutionen und einzelnen WissenschaftlerInnen in Lateinamerika, in den USA, in Ost- und Westeuropa und im skandinavischen Raum. Alle zwei Jahre wurden ca. 20 StudentInnen immatrikuliert. Nach fünf Jahren schlossen sie die Ausbildung mit einem Diplom ab. Die überwiegende Mehrheit der StudienabgängerInnen wurde (vor 1990) als SprachlehrerInnen bzw. DolmetscherInnen für Spanisch und Portugiesisch, in Forschung und Lehre sowie in Großbetrieben mit Außenhandelsbeziehungen eingesetzt. Nur wenige AbsolventInnen erhielten eine Anstellung in zentralen Einrichtungen von Partei und Staat, die ja bekanntlich ihre eigenen Ausbildungsstätten hatten. Diese wenigen Fälle waren dann allerdings später die Grundlage für die bisweilen kolportierte Behauptung, daß die Lateinamerikawissenschaften eine „Kaderschmiede der SED“ gewesen seien. Im September 1990 wurden die letzten StudentInnen an der Sektion immatrikuliert.

Der Anfang vom Ende

Bereits in den Monaten Oktober/November des gleichen Jahres verdichteten sich Hinweise darauf, daß seitens des Kultusministeriums in Schwerin die Abwicklung der gesamten philosophischen, wirtschaftswissenschaftlichen und agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock geplant war. Dieses Vorhaben konnte zwar durch massive Proteste verhindert werden, nicht aber die Abwicklung bestimmter Fachbereiche und Institutionen. Wenige Tage vor Weihnachten 1990 erfuhren MitarbeiterInnen und StudentInnen der Lateinamerikawissenschaften aus den Medien, daß ihre Einrichtung abgewickelt werden sollte. Diesem rein administrativen Akt war weder eine Diskussion noch eine fachliche Evaluierung oder politisch-moralische Überprüfung der MitarbeiterInnen vorausgegangen. Es wurde auch nicht der Tatsache Rechnung getragen, daß der Senat der Universität der neuen Entwicklungs- und Ausbildungskonzeption der Sektion gerade seine Zustimmung erteilt hatte. Grundlage des Beschlusses waren einzig und allein pauschale politische Vorurteile, deren Berechtigung und Wahrheitsgehalt niemals überprüft worden sind. Dieser Abwicklungsbeschluß entsprach auch nicht dem Geist des Einigungsvertrages, da es sich bei Lateinamerikawissenschaften nicht um eine Institution handelte, die automatisch mit dem Erlöschen der DDR oder ihres politischen Systems ihre Daseinsberechtigung verloren hätte, was, zum Beispiel, mit Ministerien oder anderen Einrichtungen der Fall war.
Die Abwicklung löste nicht nur bei MitarbeiterInnen und StudentInnen des Fachbereichs Protest aus. PolitikerInnen, Universitäten und zahlreiche WissenschaftlerInnen aus den alten Bundesländern, Europa und Lateinamerika sowie der Rektor, Konzil und Fakultätsrat protestierten im Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern und bei der Universitätsleitung gegen die Schließung. Diese Proteste und der den StudentInnen zugesicherte Vertrauensschutz bildeten die Grundlage für einen vermeintlichen Neubeginn 1991.
Parallel zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gab es zahlreiche Bemühungen, den weiteren Bestand des Instituts abzusichern. 1991 faßten der Europäische Rat für Sozialforschung zu Lateinamerika (CEISAL) in Wien und die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) entsprechende Beschlüsse, um ihr institutionelles Mitglied in Rostock zu unterstützen. Ein Jahr darauf wurde von der Universität ein Beirat zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gebildet, dem unter anderem Professoren aus den Universitäten von Hamburg, Nürnberg, Münster und Tübingen angehörten. Die Empfehlungen des Beirates waren, prinzipiell ein interdisziplinäres wissenschaftliches Lateinamerikazentrum mit sechs MitarbeiterInnen beizubehalten.

Die Einebnung

Im August 1992 kam dann die Nachricht, daß an eine Weiterführung der Lateinamerikawissenschaften nicht zu denken sei. Zunächst sollte sogar die Ausbildung der immatrikulierten StudentInnen von auswärtigen Kräften übernommen werden. Durch die Unterstützung der Universität gelang es zwar noch, die Institutsstruktur zu erhalten, aber von ehemals rund 30 MitarbeiterInnen blieben gerade mal vier übrig. Obwohl sich Rektor, Senat und Fakultätsrat bis 1995 für die vom Beirat gegebenen Empfehlungen einsetzten, wurde am 30. September des gleichen Jahres die Einrichtung – nun wirklich für immer – geschlossen.

Exilchilenen: Leben in der DDR

Über zwei Stunden wartet die junge Chilenin in der Friedrichstraße, bis endlich ein Auto vorfährt. Zwei Männer, vermutlich von der Staatssicherheit, treten auf sie zu und schieben sie, Sekunden später, in den Wagen. Das Ziel ist unbekannt; die Fahrt erscheint unendlich lang. Nach über zwei Stunden kommen sie in Eisenhüttenstadt an. Im Hotel Lanik, der ersten Aufenthaltsstation vieler Chilenen, stehen Dolmetscher und Betreuer bereit. Die junge Frau wird noch am selben Tag ins Krankenhaus gebracht, wo am Abend ihr erstes Kind das Licht der Welt erblickt. Ihr Mann, der bereits einen Job im Dresdner Foto-Betrieb Pentacon bekommen hat, weiß nichts von der Ankunft seiner Frau. Am nächsten Morgen wird er knapp vom Abteilungsleiter informiert: „Es ist ein Mädchen.“
Bereits am 25. September 1973, zwei Wochen nach Pinochets Putsch, beschloß das DDR-Politbüro „Solidaritätsmaßnahmen“ zur Aufnahme politischer Flüchtlinge aus Chile. Die Unterbringung und Eingliederung der Emigranten lief – für DDR-Verhältnisse – relativ unbürokratisch ab. Über den FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) und das Solidaritätskomitee der DDR wurden Mittel bereitgestellt, um die Unterbringung, Betreuung und Einkleidung der Chilenen zu finanzieren. Bis Dezember 1974 flossen insgesamt 9,6 Millionen Mark, zum großen Teil aus Mitteln des FDGB, in die Eingliederungsmaßnahmen der chilenischen Flüchtlinge. So erhielt jede Emigrantenfamilie mindestens 2.500 Mark Übergangsgeld um die Zeit, bis ein Job für sie gefunden wurde, zu überbrücken. Das entsprach mehr als dem Dreifachen des durchschnittlichen Monatsverdienstes einer ArbeiterIn in der DDR. Zur Einrichtung von Wohnungen gewährte der Staat langfristig zinslose Kredite, die in sehr niedrigen Raten (5% des Nettoeinkommens) abzuzahlen waren (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv [SAPMO, BArch-ZP], Sign.-Nr. DY 301 IV B 2/20/201).
Die ersten zwei Monate verbrachten die chilenischen Neuankömmlinge zunächst in größeren Sammelstellen, meist Hotels oder FDGB-Ferienheimen, wo sie medizinisch betreut und ihre Papiere in Ordnung gebracht wurden. Danach teilte man sie auf die verschiedenen Bezirke, wie Halle, Dresden, Gera, Suhl, Cottbus, Leipzig und Rostock auf. Dort hatten die Bezirksräte die unpopuläre Aufgabe, Wohnungen und „zumutbare“ Jobs für die Emigranten zu finden. Das Erste war angesichts chronischer Wohnungsnot und dementsprechend langer Wartelisten von Wohnungssuchenden ein besonders delikates Unterfangen. Von oben hieß es, die Chilenen müßten bei der Bereitstellung von Wohnungen unbedingt bevorzugt werden – so schrieb es die internationale Solidarität vor.
Aber der „normale“ DDR-Bürger war diesbezüglich weniger einsichtig und ließ hin und wieder seinen Unmut über die „Wohnungsräuber“ freien Lauf. Sonia Cifuentes, Emigrantin und ehemals Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes in Chile erzählt: „Ich arbeitete am Fließband in der Endfertigung bei Pentacon. Eine Frau neben mir warf mir immer böse Blicke zu und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Später erfuhr ich, daß sie mir vorwarf, den Leuten in der DDR die Wohnungen wegzunehmen und mir riet, doch wieder nach Chile zurückzukehren.“ Derartige Kritik erfuhr jedoch schnell einen Dämpfer von oben – und Ruhe war.
Hin und wieder gab es auch Prügeleien zwischen chilenischen und deutschen Arbeitern, aus ähnlichen Gründen. Aber irgendwann hörten die Feindseligkeiten auf. „Als wir die DDR-Arbeiter besser kennenlernten, merkten wir, Arbeiter sind überall auf der Welt gleich. Nur deutsche Arbeiter können nicht tanzen,“ fügt Sonia amüsiert hinzu.
Aggressive Ausländerfeindlichkeit kam aber auch deshalb nicht auf, weil die Zahl der Emigranten relativ gering war. Im April 1975 lebten knapp 1.000 chilenische Flüchtlinge in der DDR, wovon – nach Angaben des Politbüros – ca. 880 bereits Arbeit und Wohnung hatten. Fast ein Drittel von ihnen waren Mitglieder der KP bzw. des Kommunistischen Jugendverbandes. Daneben waren etwa 130 Mitglieder des Sozialistischen Jugendverbandes und die Führung der Sozialistischen Partei in die DDR emigriert. Der Rest gehörte der Radikalen Partei, linken Splittergruppen (MAPU, MIR) oder keiner politischen Gruppierung an.

Aller Anfang ist schwer

Für viele chilenische Flüchtlinge bedeutete das Asyl in der DDR eine radikale Veränderung ihres Lebens. Während der ersten Jahre glaubten die meisten, bald zurückkehren zu können. „Wir lebten ständig mit gepackten Koffern hinter der Tür.“ Diese dauerhafte Aufbruchsstimmung wurde bis 1978 auch von den chilenischen Parteiführungen geschürt, die sich in der DDR zum Antifaschistischen Chile-Komitee, einer Art kleinen Unidad Popular im Exil, zusammengeschlossen hatten. Das Komitée, insbesondere die KP, orientierte die Emigranten nur auf einen kurzfristigen Aufenthalt und warb für eine schnelle Rückkehr nach Chile, um in den Reihen des Volkes gegen Pinochets Diktatur zu kämpfen. Einige kamen den Aufforderungen, ihren Ideen doch Taten folgen zu lassen, nach. Viele aber kostete die Rückkehr in ihre Heimat das Leben.
Innerhalb des DDR-Politbüros gab es verhaltene Kritik an den Aufbruchsermutigungen der KP-Führung. Schließlich war die Eingliederung der Emigranten mit einem erheblichen finanziellen und organisatorischen Aufwand verbunden. Chilenische Studenten brachen ihr Studium oder ihre Ausbildung ab, um den Aufforderungen der KP nachzukommen. Einige wollten gar nicht erst Deutsch lernen, weil sie eine „Germanisierung“ befürchteten (SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. DY 301 IV B 2/20/102). In der Basis der Kommunistischen Partei erweckte die Schieberei lukrativer Studienplätze unter emigrierten Mitgliedern der KP-Führung Unmut und Verdrossenheit.
Trotz einiger argwöhnischer Blicke in Richtung innere Angelegenheiten der Emigranten, enthielt sich die SED-Führung jedoch jeglicher Einmischung. Ihre Verantwortung endete da, wo die sozialen Belange der Chilenen einigermaßen befriedigt waren. Unstimmigkeiten politischer Natur hatten sie unter sich zu lösen.
Ein weiteres Problem für die Chilenen war die völlige Umstellung ihrer sozialen Gewohnheiten. Zunächst mußte sich die Mehrheit der Emigranten mit Hilfsarbeiterjobs und einem Monatsverdienst von 400 bis 600 Mark zufriedengeben, ein Gehalt das einen bescheidenen Lebensstandard, aber auch nicht mehr, sicherte. „Die verschiedensten Leute vom einfachsten Arbeiter, gefolterten Gefangenen bis hin zum Wissenschaftler kamen in die DDR. In Cottbus zum Beispiel, waren die Massen der emigrierten Arbeiter untergebracht. Aber die Mehrheit der Emigranten waren Studenten, Akademiker, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte. Mindestens 90% der Leute hatten ein Abitur,“ erklärte Sonia. Am schwersten fiel es jedoch emigrierten Bürgerlichen, wie zum Beispiel dem ehemaligen Justizminister der Allende-Regierung, und Künstlern, in der DDR Fuß zu fassen. Erstere vermißten die Standards gehobener gutbürgerlicher Lebensweise. Die KünstlerInnen, hauptsächlich in Rostock angesiedelt, kamen wahrscheinlich mit der Kultur des sozialistischen Realismus und der künstlerischen Enge in der DDR nicht zurecht. Einige kapitulierten schließlich vor der Realität einer Gesellschaft, die sie in Chile besungen hatten; sie zogen dem lieber das kapitalistische, aber an künstlerischen Freiheiten weit mehr bietende Frankreich, ja sogar Venezuela und Peru vor.

Und heute?

Nach dem Mauerfall herrschte unter den DDR-Chilenen Verwirrung gepaart mit Aufbruchsstimmung – Aufbruch in eine Heimat, die vielen über die Jahre hinweg politisch fremd geworden war. Die meisten kehrten Anfang der 90er Jahre zurück. Andere wiederum hatten sich an die Beschränkungen, die Ecken und Kanten der DDR gewöhnt, eine mehr oder weniger bescheidene Karriere gemacht und eine neue Heimat gefunden. Mit der Wiedervereinigung wurde ihnen nun plötzlich auch diese, wie ein Teppich unter den Füßen, weggezogen. Trotzdem kam ein Zurück nach Chile nicht in Frage. Sonia erzählt offen: „Als die Mauer fiel, habe ich geheult, denn ich wußte ja, was nun kommen würde. Ich hatte den Kapitalismus in Chile noch gut in Erinnerung. Meine schöne heile Welt war zusammengebrochen.“
Am belastendsten war zunächst die juristische Unsicherheit. Viele fürchteten, ausgewiesen zu werden. Nachdem sich das antifaschistische Chile-Komitee aufgelöst hatte, gründeten die im Osten Berlins verbleibenden Chilenen im November 1991 den Verein „Gabriela Mistral,“ der ihnen Rechtsbeistand in Sachen Aufenthaltsgenehmigung bot. In Rostock bildete eine kleine Gruppe von Chilenen den Arbeitskreis TALIDE, eine Organisation, die sich für Entwicklungsprojekte in Chile engagiert.
Heute leben noch rund 6.700 Chilenen in der gesamten Bundesrepublik. Die meisten sind auf ihrer jeweiligen Seite der ehemaligen Mauer geblieben. Die unterschiedlichen Erfahrungen, die Ost- und Westchilenen während des Exils sammelten, haben neue, voneinander verschiedene Identitäten geformt. Während viele in der DDR gebliebenen Chilenen ihre Exilzeit, wenn auch mit Abstrichen, überwiegend positiv beurteilen – viele schätzen noch heute die Ausbildungsmöglichkeiten in der DDR – klagen einige Westchilenen über die geringen beruflichen Chancen, die ihnen das Leben im Exil zuweilen sehr schwer machten. Hin und wieder fiel dann auch ein neidendes Wort über die „privilegierten“ Schwestern und Brüder im Osten. „Die beiden verschiedenen Systeme haben uns stärker geprägt als unsere gemeinsame Vergangenheit in Chile,“ erklärt Manuel Huertas, Präsident von „Gabriela Mistral.“ „Wir sind inzwischen mehr mit der DDR als mit Chile verwachsen. Einige von uns waren seit ihrer Ausreise nach dem Putsch nie wieder dort.“ Und schmunzelnd fügt er hinzu, daß unter den Berliner Ostchilenen, wie in der DDR eben, weit mehr Solidarität und Zusammenhalt herrsche als unter den „Wessis.“ Heute sind die aufreibenden Streitereien der Nachwendezeit beigelegt, die erhitzten Gemüter beruhigt, man lernt miteinander umzugehen, spricht höflich voneinander und lebt nach wie vor jeder auf seiner Seite der ehemaligen Mauer.

Tania – Guerrillera aus Eisenhüttenstadt

Bolivien, Ende August 1967. Eine kleine Gruppe schlechtgekleideter, ausgehungerter Partisanen nähert sich vorsichtig der Holzhütte des Bauern Honorato Rojas. Unter ihnen ist eine Frau, Ende zwanzig, mit dunkelblondem, welligem Haar – Tamara Bunke, alias Tania, alias Laura Gutiérrez Bauer. Ihr Rucksack wiegt nicht weniger als der der anderen Compañeros – 30 Kilo, die sie durch die tropische Hitze schleppt. Krankheit, Unterernährung und die ständige Furcht, von den Militärs entdeckt zu werden, plagen seit Monaten Che Guevaras ehemals 14köpfige Nachhut. Sieben Compañeros und ein „Ausgeschlossener“ – ein Deserteur – sind übrig geblieben. Nur wenige Meter sind es noch bis Honoratos Hütte, wo sie um Verpflegung und Arzneimittel bitten werden. In der Umgebung fallen Schüsse der Soldaten, die sich den Partisanen seit April an die Fersen geheftet haben, bisher erfolglos. Honorato erhält Geld von den Partisanen und den Auftrag, bis zum nächsten Tag lebensnotwendige Sachen herbeizuschaffen. Auch Che hatte vor einigen Monaten bei Honorato Halt gemacht. Damals vermerkte er in seinem Tagebuch: „Der Bauer ist…unfähig, uns zu helfen, aber auch unfähig, die Gefahr zu erkennen, die ihm selbst droht. Deshalb ist er möglicherweise gefährlich.“ Tags darauf bewegen sich die Partisanen, eingedeckt mit Lebensmitteln und Medikamenten, flußaufwärts entlang des Río Grande. Honorato führt sie bis in die Nähe einer Furt, dann verabschiedet er sich schnell. Kurz darauf zerreißen Gewehrsalven die schwüle Luft und das monotone Rauschen des Flusses. Sieben Guerilleros stürzen in die Fluten; die meisten tödlich getroffen. Erst nach einer Woche finden Soldaten Tamaras Leiche über einen halben Kilometer flußabwärts. In ihrem Rucksack finden sie neben Notizbüchern und Ausweis einen von einer Kugel durchbohrten Aluminiumteller und ein Tonband mit lateinamerikanischer Folkloremusik, eine Leidenschaft von Tamara.

Eine Argentinierin in der DDR

Als Tamara 1961 die DDR in Richtung Kuba verließ, hatte sie wohl nicht einmal im Traum daran gedacht, drei Jahre später für Ches Guerillagruppe in Bolivien ausgewählt zu werden. Damals wollte sie nach einem längeren Aufenthalt auf Kuba in ihre angestammte Heimat Argentinien zurückkehren. Dort war sie am 19. November 1937 als zweites Kind der deutschen Emigranten Nadjeshda und Erich Bunke geboren worden, einer Familie mit beachtlicher revolutionärer Tradition. Die Eltern engagierten sich in der illegalen Kommunistischen Partei Argentiniens, und Tamaras Großvater mütterlichseits hatte bereits 1905 in der russischen Revolution in den Reihen der Aufständischen gekämpft.
Tamara war ein sehr lebhaftes und begeistertes Kind, erinnert sich die heute 87jährige Frau Bunke. Mit drei Jahren ist sie das erste Mal allein auf einem Pferd geritten, eine Leidenschaft, die sie wohl von ihrer Mutter geerbt hatte. 1952 kehrte die Familie in die DDR zurück, wo Tamara ihre sportlichen Fähigkeiten in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) der damaligen Clara-Zetkin-Schule in Eisenhüttenstadt perfektionierte. Sie war eine der besten Schützinnen und Springreiterinnen der Region. Das Sportschießen in der GST sollte später eine wichtige Grundlage für ihre militärische Ausbildung auf Kuba sein, wo sich Tamara zu einer treffsicheren Schützin entwickelte.
Während der neun Jahre in der DDR träumte Tamara von ihrer Rückkehr nach Argentinien. Kulturell und emotional fühlte sie sich stark zu Lateinamerika hingezogen, zur dortigen Lebensart, der Musik und der revolutionären Jungfräulichkeit des Kontinents. Sie nutzte Briefwechsel, ihre Dolmetschertätigkeit und private Kontakte zu Lateinamerikanern in der DDR, um sich genauestens über die Ereignisse auf dem Kontinent zu informieren. 1957 borgte sie sich von ihren Eltern 350 Mark und fuhr auf eigene Faust zu den Moskauer Weltfestspielen. Dort fand sie schnell Anschluß an Kubaner, von denen sie mehr über Fidel Castros Guerilla-Training in der Sierra Maestra erfahren wollte, ein Thema, das sie brennend interessierte.
Nach der Kubanischen Revolution stand für Tamara fest, daß sie über kurz oder lang die DDR verlassen würde, um „den Aufbau des Sozialismus in Kuba mitzuerleben. Später war sie dann so begeistert von Kuba, daß sie bleiben und sogar kubanische Staatsbürgerin werden wollte,“ erklärte die Mutter.
Doch zunächst verbrachte sie noch über zwei Jahre in Berlin. Bereits im November 1955, zu ihrem 18. Geburtstag, stellte sie von sich aus einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Ihre Eltern erfuhren erst später davon. Nach dem Abitur arbeitete Tamara ein Jahr als Dolmetscherin im Außenministerium. Danach schrieb sie sich am Romanistischen Institut der Humboldt-Universität ein – ein Studium, das sie wegen ihrer häufigen Dolmetschereinsätze und politischen Aktivitäten weniger intensiv betrieb. Auch an der Universität suchte sie den Kontakt zu Lateinamerikanern. Gemeinsam mit einigen lateinamerikanischen Studenten gründete sie 1959 die Ernst-Thälmann-Gruppe. In dieser Gruppe konnte Tamara einerseits ihr großes Informationsbedürfnis über politische Ereignisse in Lateinamerika befriedigen und andererseits die lateinamerikanischen Studenten über aktuelle Vorgänge in der DDR auf dem laufenden halten. Das Letztere lag Tamara besonders am Herzen.
Die Krönung ihrer Dolmetschertätigkeit war zweifellos 1960 der Besuch der kubanischen Wirtschafts- und Handelsdelegation, die von Che Guevara, damals Wirtschaftsminister auf Kuba, geleitet wurde. Tamara dolmetschte für Che auf einem Treffen mit Studenten in Leipzig, ein Ereignis, das einen großen Eindruck auf sie machte. „Für Tamara, die in Argentinien geboren und aufgewachsen war, bedeutete die Tatsache, daß sie an diesem Treffen teilnehmen und für Che dolmetschen durfte, außerordentlich viel. Sie fühlte sich dort ganz als Argentinierin. Dieses erste Zusammentreffen mit Che steigerte ihre Bewunderung und Achtung, die sie für ihn, den Argentinier, Kommunisten, Partisanen…hegte“ (Frau Bunke).

Wahlheimat Kuba

Am 9. Mai 1961 verließ Tamara mit argentinischem Paß und einem DDR-Paß für Ausländer die DDR Richtung Kuba. Zuvor hatte sie ausdrücklich darum gebeten, die DDR-Staatsbürgerschaft abgeben zu dürfen. Sie wollte beim „Aufbau des Sozialismus“ in Kuba vor Ort sein, persönlich mit „anpacken“. Dabei, so ihre Mutter, kamen Tamara ihre Erfahrungen, die sie in der DDR, besonders in der FDJ (Freie Deutsche Jugend), gesammelt hatte, zugute. Den Sozialismus in Lateinamerika aufzubauen – das war ihr ganz persönliches politisches Ziel, und Kuba bot ihr ein exzellentes Betätigungsfeld. „Sie sehnte sich nach einer revolutionären Tätigkeit von größerem Ausmaß als der, die sie in Berlin durchführte“ (Hortensia Gomez, ehem. Direktorin der kubanischen Zeitschrift „Mujeres“). Diese Tätigkeit fand sie auf Kuba.
Im Gegensatz zur DDR propagierte die kubanische Führungselite, den bewaffneten militärischen Kampf in anderen Ländern zu unterstützen und mit Hilfe gut ausgebildeter Guerillagruppen eine revolutionäre Situation zu erzeugen, die später in eine Revolution à la Kuba münden würde. Die DDR-Führung hingegen hielt, entsprechend der sowjetischen Linie, nichts vom „Revolutionsexport“ und distanzierte sich vom „revolutionären Abenteurertum,“ das Ches und Castros foco-Theorie verkörperte (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv, Sign.-Nr. DY 30 IV A2/20/85, im weiteren SAPMO, BArch.-ZP).
„Ich glaube, Kuba war für Tamara die schönste Zeit ihres Lebens, dort hat sie sich am wohlsten gefühlt,“ resümiert Frau Bunke. Dreißig, größtenteils enthusiastische Briefe schrieb sie in jener Zeit an ihre Eltern. Danach erreichte sie nur noch ein Brief über Umwege aus Bolivien.
Tamaras Aktivismus auf Kuba kannte keine Grenzen. Sie war überall dabei, engagierte sich u.a. im Kubanischen Institut für Völkerfreundschaft (ICAP), in der Frauenföderation, als Übersetzerin für verschiedene Ministerien. Nebenbei studierte sie Journalistik und machte Dienst in den Stadtviertelmilizen. 1963 begann ihre militärische und konspirative Ausbildung für den Guerilla-Kampf in Bolivien. Das Ziel ihrer Ausbildung erfuhr Tamara jedoch erst kurz vor ihrer Abreise 1964, die sie ein letztes Mal nach Europa führte. Von West-Berlin aus schaute sie gen Osten, wo ihre Familie lebte, die sie seit über drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Hochhäuser des Zentrums schienen verlockend nah. Still und ganz für sich allein nahm sie Abschied auf unbestimmte Zeit.
Monate später traf Tamara in Bolivien als Laura Gutiérrez Bauer, Argentinierin, von Beruf Ethnologin, ein. Zwei Jahre sammelte sie Informationen über die bolivianische „high society“, den Regierungs- und Militärapparat, Unternehmer und den Einfluß der Amerikaner auf Politik und Wirtschaft. Tamara knüpfte Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen, bis hin zum damaligen Präsidenten Barrientos und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte General Ovando. So bereitete sie die Ankunft von Ches Guerillagruppe im Herbst 1966 vor und schloß sich im März 1967 selbst der Gruppe an.
Tamaras Wunsch, in einer Revolutionsavantgarde in Lateinamerika mitzukämpfen, war in Erfüllung gegangen. Sie wurde zu „Tania – la Guerrillera.“ Die Wahl dieses Namens war keineswegs zufällig. Tania war der Partisanenname einer 17jährigen Russin, Sonia Kosmotimianskaja, die im Zweiten Weltkrieg auf von Faschisten besetztem Gebiet in Rußland kämpfte, in Gefangenschaft geriet und gehängt wurde. Tamara hatte diese Geschichte in der DDR im Russischunterricht gelesen, eine Geschichte, die einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht hatte. Ebenso fasziniert war sie von Ruth Werners Buch „Ein ungewöhnliches Mädchen,“ in dem die Geschichte einer jungen Frau erzählt wird, die sich in China den Partisanen anschließt und Mann und Kind zurückläßt. Tamara fragte ihre Mutter, was sie davon halte; „du bist doch so für Familie.“ Als ihre Mutter meinte, daß junge Leute ihren eigenen Weg gehen müssen, war das quasi der Freibrief für Tamaras Untergrundarbeit Jahre später.

Bürokratische Mühlen mahlen langsam

Nach der Bekanntgabe von Tamaras Tod in einer Anzeige im November 1967 herrschte in der DDR zunächst Schweigen. Im Oktober hatten Bunkes auf Kuba vom Tod ihrer Tochter und Ches erfahren. Aus Rücksicht auf noch kämpfende Partisanen in Bolivien wiesen die Kubaner an, „bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts zu schreiben.“ Anfang März 1968 stellten sich die letzten Guerillakämpfer aus Ches Gruppe der chilenischen Polizei. Damit wurde die Informationssperre hinfällig. Kubanische Zeitungen veröffentlichten erste Artikel über die Guerilla in Bolivien.
Die Frau des kubanischen Botschafters in der DDR, Sílvia Nireida Pérez Llombard, trat an Frau Bunke heran, um Material für einen Artikel über Tamara für die Zeitschrift „Mujeres“ zusammenzutragen. Dreißig Seiten umfassende Dokumente, Briefe, Interviews und Fotos übergab Tamaras Mutter am 22. August 1968 ebenfalls dem Chefredakteur der „Jungen Welt,“ Horst Pehnert, für eine bald zu veröffentlichende Artikelserie. Am 31. August, dem ersten Todestag von Tamara, überschwemmte eine Welle von Veröffentlichungen sowohl aus dem linken als auch dem rechten Lager die internationale Presse (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185).
Ein kleiner Artikel, in der „Jungen Welt“ „überschwemmte“ auch die DDR Presse. Während kubanische Journalisten auf Anraten Fidel Castros bereits ein Buch „Tania – la guerrillera inolvidable“ über Tamara zusammenstellten und Teile der rechten bürgerlichen Presse mit Geschichten über die vermeintlich „dreifache Spionin und Geliebte Ches“ eine regelrechte Verleumdungskampagne starteten, hüllten sich die DDR-Medien in peinliches Schweigen. Warum? Hatten einige SED-Funktionäre „politische Bauchschmerzen,“ den revolutionären Abenteuergeist einer jungen ehemaligen DDR-Bürgerin mit der „politisch korrekten Linie“ zu vereinbaren? „Es muß… vermieden werden, in irgendeiner Weise auf die kubanische Konzeption der Revolution in Lateinamerika einzugehen,“ teilte der mit der Überarbeitung der dreißig Seiten betraute SED-Genosse seinem Vorgesetzten, Friedrich Trappen, in einem Schreiben vom 4. März 1969 mit (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Und: „Che Guevara wird nur insofern eine Rolle spielen, als es durch die Veröffentlichung seines Tagebuchs bereits bekannt ist,“ um „jeden Gedanken an Abenteurertum auszuschließen“ (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Nach zwei Briefen von Frau Bunke an den persönlichen Freund und Politbüromitglied Werner Lamberz und den Sekretär des Zentralrats der FDJ, Frank Bochow, in denen sie sich – nun langsam ungeduldig – nach den Fortschritten in der vorgesehenen Artikelserie erkundigte, erschien im März 1969 in der „Jungen Welt“ die seit August geplante 13teilige Serie über Tamara Bunke.
Tamara wurde zum politischen Vorbild in der DDR. Über 240 Kollektive und Organisationen sowie Straßen und Schulen wurden nach ihr benannt. Zwei Bücher, die kubanische Übersetzung von „Tania“ und „Der Weg zum Río Grande“ von Eberhard Panitz, wurden veröffentlicht. Ob Tamara jedoch dem durchschnittlichen DDR-Bürger, dessen Kollektiv nicht ihren Namen trug, ein Begriff war, ist fraglich. Im Geschichtsunterricht jedenfalls wurde das DDR-Kapitel Tamara Bunke ausgespart.
Die achtmonatige „Bearbeitungszeit“ des dreißigseitigen Manuskripts mag eine absichtliche Verzögerung von Veröffentlichungen über Ches Kampfgefährtin in der DDR nahelegen. Jedoch bleibt diese Vermutung aus Mangel an Beweisen spekulativ. Und Frau Bunke selbst wehrt derartige Gedanken energisch ab: „Es ist nicht wichtig, was ich in meinen dreißig Seiten an Pehnert geschrieben habe, sondern was 1969 in der Serie der „Jungen Welt“ erschienen ist. Vielleicht war ich zu abschweifend…Naja, Sie wissen doch, DDR-Mühlen mahlen eben langsam.“

Ostdeutsche Fluchten in ferne Wirklichkeiten

Daß meine langjährige Beschäftigung mit Lateinamerika zu einem guten Teil Ersatzfunktion hatte, wurde mir schlagartig im Herbst 1989 bewußt. Von meinem Schreibtisch aus, an den ich mich zurückgezogen hatte, um die Schlußthesen meiner Dissertation über den Sandinismus zu verfassen, blickte ich direkt auf die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg, eben jenem Ort, an dem gerade so etwas wie eine Revolution stattfand, eine Revolution, wie ich sie bis dahin nur aus den Nicaragua-Studien kannte. Fortan war ich mehr auf den Straßen und Plätzen, in Versammlungssälen und Kirchen als am Schreibtisch bei meiner Arbeit. Wir verfaßten radikale Forderungskataloge, trugen Transparente durch die Stadt, bildeten neue Parteien, diskutierten Umgestaltungskonzepte. Als dann auch noch die Zensur abgeschafft wurde, gründete ich quasi über Nacht einen Verlag für Politik und Zeitgeschichte. Sein Gegenstand war überraschend klar: Aufarbeitung der tabuisierten DDR-Geschichte, kritische Begleitung der laufenden Umgestaltung. Von Lateinamerika, das bisher mein berufliches Leben als Journalist und Literaturwissenschaftler bestimmt hatte, weit und breit keine Spur.
Erst zwei Jahre später fragte mich mein Freund Helmut Schaaf von der Nicaragua-Koordination Köln, was denn eigentlich aus meiner Arbeit geworden sei. Sie lag völlig unberührt im Regal, so wie ich sie im Oktober 1989 verlassen hatte: fertig geschrieben, doch niemals eingereicht. Er erbot sich daraufhin, sie an seinem Computer zu setzen und in einem kleinen Kölner Verlag zu publizieren, damit die vier Jahre Arbeit nicht ganz umsonst gewesen seien. So dann auch 1992 geschehen. Das war zugleich der Schlußpunkt unter mein erstes Leben. Erst heute, neun Jahre später, werde ich wieder darauf gestoßen. Meine großen Töchter (18 und 15) kommen mit Che-Plakaten nach Hause und wollen wissen, warum ich mich nicht mehr mit Lateinamerika beschäftigte und in unserem Verlag nur Bücher zur deutschen Geschichte erscheinen. Inzwischen ist mir bewußt geworden, daß Lateinamerika für mich wie für viele meiner Freunde aus der damaligen Soli-Szene nicht nur Gegenstand ehrlichen Engagements war, sondern zugleich auch eine gewisse Ersatzfunktion hatte. Dort spielte sich für uns das eigentliche Leben ab, denn da geschah tatsächlich etwas: es wurden Streiks organisiert, Basis-Initiativen gegründet, linke Parteien aufgebaut, Guerilla-Gruppen gebildet. Bei uns dagegen stagnierte alles in der Spät-Honecker-Ära, nahezu jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens war vordefiniert, der Bewegungsraum weitgehend eingeengt. Insofern sogen wir begeistert die Berichte südamerikanischer Emigranten und mittelamerikanischer Rebellen in uns auf, versuchten, ihren Kampf mit einigen Produkten aus der DDR wie optischen Geräten, Medikamenten und Unterrichtsmaterialien zu unterstützen, denn unser Geld war ja in diesem Teil der Welt nichts wert. Doch selbst unsere kleinen Solidaritäts-Aktionen, egal ob von kirchlichen Gruppen, privaten Freundeskreisen oder einzelnen Zeitungsredaktionen ausgehend, wurden von der zentralplanerischen Staatsmacht mißtrauisch beäugt, obwohl sie eigentlich dem erklärten außenpolitischen Ziel der DDR entsprachen. Es sollte nur ins Ausland gehen, was offiziell gewollt und mit sogenannten Bilanzanteilen in der Mangelwirtschaft auch abgesichert war. Sonst befürchtete man „Versorgungsengpässe“ und weiter wachsenden Unmut der Bevölkerung. Insofern war unser Streiten für „die gute Sache“ zugleich ein Stückchen Rebellion gegen die unbeweglichen Verhältnisse im Lande, ohne daß man uns vom Ansatz her staatsfeindliches Handeln hätte unterstellen können. Wir rieben uns über den Umweg Lateinamerika am eigenen Staat.
Mit dem Ende der DDR entfiel auch diese Ersatzfunktion, waren keine fremden Projektionsflächen mehr vonnöten. Man konnte sich in die unmittelbaren Auseinandersetzungen vor der Haustür einbringen. Die Erkenntnis allerdings, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik bei aller äußeren Beweglichkeit letztlich verdammt zäh sind und sich viel weniger verändern lassen, als aus der Ferne einst gedacht, haben einzelne meiner Freunde auf einen neuen Trip geführt, diesmal allerdings eher in Richtung Tibet. Bei mir hat es dagegen eine neue Annäherung an Lateinamerika bewirkt. Ich lese wieder mehr aus dieser Region. Und das nicht nur in den nach wie vor abonnierten Lateinamerika Nachrichten, sondern vor allem in der Belletristik, und ich werde in diesem Sommer mit meinen Töchtern nach Nicaragua fahren, um Freunde zu besuchen und an einem neuen Projekt mitzuarbeiten, dem Aufbau einer mittelamerikanischen Verleger-Union.

Ein wenig Befreiung von unten

Nicht nur mit Worten die SandinistInnen verteidigen, sondern „konkret etwas für Nicaragua tun“ – so lautete die Quintessenz dieser Auseinandersetzung. Der Anlaß mag zufällig sein, die Motivation für unabhängige Gerechtigkeit war es nicht, meist hatte sie zwei Aspekte: Das Wissen von Elend in unserer Welt läßt Untätigkeit nicht zu. Und: Nur wer „etwas Sinnvolles tut“, konnte der Apathie und den vorgefertigten Strickmustern der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR entgehen.
Wie andere Basisinitiativen auch, standen die Mitglieder der IHN in einem generellen Spannungsfeld, denn charakteristisch und tragisch war, wie in fast allen Bereichen der ehemaligen DDR, die Trennung von staatlich bzw. gesellschaftlich kontrolliertem Vorgehen und dem innovativen, unabhängigen Engagement nicht weniger Bürgerinnen und Bürger. Nichts fürchtete das alte System mehr als klarblickende, nicht erpreßbare Menschen, die nicht aufgaben.

Engagement gegen den Staat

In dieses gesellschaftliche, besser noch Partei- und Staatsumfeld, pflanzte sich die Arbeit der IHN, deren Mitglieder mit durch das unabhängige Engagement für Nicaragua geschärftem Blick auch die gesellschaftliche Realität in der ehemaligen DDR kritisch reflektierten. Kunst und Kultur des Volkes, Befreiungstheologie und Dialog zwischen SandinistInnen und ChristInnen blieben somit nicht nur Begriffe aus einer fernen Welt, sondern wurden zu Instrumentarien für unser eigenes Handeln. Karim Saab, einer der Mitbegründer der IHN, brachte dies in einigen Thesen wie folgt zum Ausdruck:
– „Die Theologie der Befreiung verweist uns auf die Armen im eigenen Lebensbereich. … Christen in der DDR, die sich von der Theologie der Befreiung inspirieren lassen, müssen sich daher in ihrem eigenen Lebensbereich den Armen (Deformierten, Benachteiligten, Leidtragenden) zuwenden.
– Die Auseinandersetzung mit dem Elend in der Zweidrittelwelt provoziert Rückfragen an uns und unsere Gewohnheiten. … Hören wir von der Beteiligung salvadorianischer Christen am bewaffneten Befreiungskampf, sollten wir es nicht versäumen, unsere Haltung zur Gewaltfrage zu differenzieren….
– Wenn uns ein Mosambikaner von der Hoffnung erzählt, daß die neuen Verhältnisse in seinem Land einen „Neuen Menschen“ prägen werden, sollte uns das anregen, über die Verwirklichung dieses sozialistischen Ideals in der DDR nachzudenken….“
Diese Ausführungen spiegeln etwas vom Selbstverständnis der IHN-Arbeit wider. Innerhalb der quantitativ recht kleinen Gruppe der „unabhängigen“ Zweidrittelwelt-Engagierten waren Selbstverständnisdiskussionen eher die Ausnahme denn die Regel. Man war froh, sich überhaupt gefunden zu haben, kommunizieren und arbeiten zu können – möglicherweise „trennende“ Diskussionen wurden vermieden.
Aber klar war: Gruppen wie die IHN verstanden sich auch als entwicklungspolitisch Wirkende, die bewußt und gezielt das gesellschaftliche Konzept in der DDR, Normen und Wertvorstellungen mit Hilfe von Systemdiskussionen in den Zweidrittelweltländern in Frage stellten. Zugleich waren diese Gruppen Praxis- und Erprobungsfelder für Demokratieverhalten und alternative Ansätze für kommunikative und partizipatorische Strukturen. Neben der konkreten Zweidrittelwelt-Arbeit stellten sie ganz bewußt ein Stück Gegenöffentlichkeit in der DDR dar.

Zwischen Opposition und Anpassung

Eine solche Arbeit war ohne die Unterstützung der Kirche nicht möglich, da sich der realsozialistische Staatsapparat bekanntermaßen und paradoxerweise dem Bedürfnis nach echter Basisinitiative verschloß (was zweifelsohne auch zu seinem beschleunigten Verfall beitrug) und den bestehenden Gruppen das Leben schwer machte. Der Staat überließ sowohl die Legitimation der Gruppen als auch die Reglementierung in den meisten Fällen der Kirche, deren hierarchische Organisation er als Pendant zu sich (Staat im Staate) ansah und geradezu herausforderte.
Die Kirche nahm diese Rolle an – in Form einer Gratwanderung zwischen Opposition und Anpassung, als Konfliktvermittler und Stellvertreter. Mitunter war dabei die innere Zensur fast größer als die äußere staatliche. Diese politische Selbstbeschränkung stieß bei aktiven Basisgruppen zum Teil auf erhebliche Kritik. Dieser, im Verhältnis zwischen Kirchenleitung und Basisgruppen immer latent oder offen vorhandene Konflikt, verschärfte sich in den achtziger Jahren durch veränderte politische Rahmenbedingungen.
Die IHN war der Superintendentur Leipzig an der Nikolaikirche angegliedert. Dies bildete zum einen den Rahmen und die Voraussetzungen ihrer Arbeit, zum anderen aber befand sie sich damit auch in dem komplexen Spannungs-, Abhängigkeits- und Entsprechungsgefüge zwischen Kirche und Staat. Letztlich wurden viele Initiativen der Gruppen durch den Synodalausschuß bei der Superintendentur Leipzig mehr behindert denn gefördert, wie man heute aufgrund von Stasimit- und zuarbeit einzelner Mitglieder weiß. Auch die IHN war lange Jahre im Visier der Stasi. Mehrmals versuchte sie, Inoffizielle Mitarbeiter in die Gruppe einzuschleusen – manchmal mit Erfolg.
Unabhängig aber vom ambivalenten Verhältnis zwischen Basisgruppen und Kirchenleitung ermöglichte dieser Bezug der IHN eine Arbeit, die tatsächlich in die Öffentlichkeit getragen werden konnte und den vom Staat zuerkannten Rahmen sprengte. So zum Beispiel mit einer dreitägigen Veranstaltung zugunsten des Projektes der Gruppe, dem Landschulzentrum Monte Fresco in Nicaragua, an der sich eine ganze Reihe bekannter KünstlerInnen beteiligte, einschließlich einiger, die mit Auftrittsverbot belegt waren, oder durch die Veranstaltungsreihe „Hoffnung und Politik“, die zu einem Podium des Austausches über Innenansichten zur DDR wurde.
Auch nach außen, über die Ländergrenzen hinweg, wurde die staatliche Abschottung durchbrochen. So konnte jahrelang das Landschulzentrum Monte Fresco unterstützt werden, auch mittels des Erlöses aus einer mail-art-Ausstellung „Hoffnung Nicaragua“, an der sich KünstlerInnen aus etwa 20 Ländern mit ihren Arbeiten beteiligten und die in zahlreichen Kirchen zu sehen war.
Diese und andere Initiativgruppen wurden natürlich staatlicherseits nicht einfach hingenommen, sondern beständig behindert. So wurde eine Lichterkette der IHN vor dem Leipziger Capitol während der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche 1983 zum Anlaß genommen, über die Botschaft den nicaraguanischen StudentInnen den Kontakt zur Gruppe zu untersagen, da diese vom CIA (!) unterwandert sei. An dieser Legende hatte die Gruppe jahrelang zu tragen, bis sie mit Hilfe eines neuen nicaraguanischen Botschafters ausgeräumt werden konnte.
Ähnlichen Behinderungen waren auch die anderen unabhängigen Gruppen ausgesetzt. Dies änderte jedoch nichts daran, daß die Nicaragua-Solidaritätsarbeit sich stark entwickelte. Wie im Westen, so im Osten: In der Soli-Szene war das „Modell Nicaragua“ Beispiel eines alternativen Gesellschaftsentwurfes. Anders aber als im Westen „strickte“ in der DDR der Staat selbst an diesem „leuchtenden Bild“ mit. Dies aber offenbarte die Absurdität nur um so offensichtlicher: Offizielle Solidarität mit Nicaragua war “in”, ließ sich davon aber eine Gruppe anstecken und initiierte ihrerseits Aktivitäten, so wurden diese argwöhnisch beäugt.
Die Nicaragua-Solidarität bildete nicht zuletzt wegen des „Modellcharakters“ den Schwerpunkt der Arbeit von unabhängigen Gruppen in der DDR. Aber es war nicht nur der Schwerpunkt, es war auch der einzige zu Lateinamerika: es gab nur Nicaragua. Es arbeiteten in den achtziger Jahren etwa zehn Basisgruppen und -initiativen zu diesem Land. Deren Aktivitäten waren sehr unterschiedlich akzentuiert und motiviert. Die IHN war eine der politischsten, andere hatten eher einen karitativen Ansatz und waren mehr durch eine „Paketpackmentalität“ geprägt. Zentren der Arbeit waren Leipzig, Jena, Berlin und Magdeburg.

Solidarität zwischen Ost und West

Manche Projekte waren eigentlich „Dreiecksbeziehungen“ Ost-West-Süd. Es waren nämlich West-Gruppen, die diese beiden (Vor)-Schulprojekte wesentlich förderten (Auf- und Ausbau der Infrastruktur, Gehälter für Kindergärtnerinnen etc.) während die Ost-Gruppen vor allem didaktisches und Schulmaterial beisteuerten. Vor allem über diese (verbotenen) Westkontakte gelangten dann auch die Informationen, Dias und sonstige Medien zu uns, mit denen wir unsere konkrete Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bestritten. Man brauchte für dieses Engagement also verläßliche Verbündete und schuf sich gleichzeitig selbst größere – und damit wirkungsvollere – Arbeitszusammenhänge und -strukturen.
Eine der wichtigsten war INKOTA (Information, Koordination und Tagungen zu Problemen der Zweidrittelwelt). Der Name war Programm: es wurden die in der Regel schwer zu beschaffenden Informationen besorgt, koordinierte Aktionen gestartet und zentrale und dezentrale Tagungen durchgeführt. Wenn dann zu einer solchen Tagung zum Beispiel Bernd Päschke aus Mainz auftauchte, einen Stapel seines El Salvador-Buches „Befreiung von unten lernen“ über die Grenze geschmuggelt hatte und wir mit ihm gemeinsam eine „lateinamerikanische Bibelstunde“ durchführten, dann war dies ein ganz besonderes Highlight und die TagungsteilnehmerInnen fühlten sich danach selbst ein wenig „von unten befreit“.
INKOTA hatte es sich in der DDR zur Aufgabe gemacht, die Kluft zwischen Basisinitiativen und Administration zu überbrücken. Dabei kam uns zugute, daß zumindest einige Leute beim damaligen „Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR“ die Arbeit unterstützten, so daß wir als ökumenischer Arbeitskreis unter seinem Dach arbeiten konnten. Dies eröffnete die Möglichkeiten für Verhandlungen mit dem Staat „auf höherer Ebene“, die für eine Basisgruppe allein nicht möglich gewesen wären. Dadurch wurde einiges ermöglicht, daß auch der Nica-Arbeit zugute kam und deren AkteurInnen motivierte, weiterzuarbeiten. So wurde beispielsweise erreicht, daß über das staatliche Solidaritätskomitee einmal im Jahr unentgeltlich ein Sammelcontainer unabhängiger Nicaragua-Gruppen zu ihren Partnern transportiert wurde. Das war ein „unheimlicher Erfolg“, ebenso das Zustandekommen einer Studiendelegation der Evangelischen Studentengemeinde und INKOTA 1986 oder mein halbjähriger Aufenthalt in Nicaragua 1989.
So wie INKOTA vor der Wende die Grundlage für die Arbeit der unabhängigen Nica-Gruppen war, gingen von dem Netzwerk nach der Wende wesentliche Impulse für den Auf- und Ausbau dieser Arbeit aus.
Paradoxerweise hatte die Mehrzahl der Nica-Engagierten erst nach der Niederlage der Sandinisten 1990 die Möglichkeit, dieses Land und seine Leute von „Angesicht zu Angesicht“ kennenzulernen. Diese Möglichkeit führte zu einem Motivationsschub im Osten just in dem Moment, in dem sich Soli-Engagierte aus dem Westen wegen des fracasos der Sandinisten aus der Arbeit zurückzogen.

Nach der Wende

Die Wende brachte den unabhängigen Soli-Gruppen im Osten zudem einen unverhofften Geldregen. Von den rund 16 Millionen Mark Soligeldern, die der FDGB veruntreut hatte, zahlte dieser, das schlechte Gewissen wog schwer, eine Million Mark auf das Konto von INKOTA. Über den „Nicaragua-Verteilerrat“ der unabhängigen Soligruppen wurde dieses Geld – nach der Währungsreform noch eine halbe Million DM – für Projekte vor allem in Zentralamerika zur Verfügung gestellt. Heute ist die 1994 gegründete Stiftung Nord-Süd-Brücken von großer Bedeutung für die Arbeit in den Neuen Bundesländern. Diese entstand aus übriggebliebenen Geldern des staatlichen „Solidaritätskomitees“ auf Intervention des „Entwicklungspolitischen Runden Tisches“, dem es gelang, diese Mittel der Treuhandgesellschaft zu entreißen – Theo Waigel wollte mit dem Geld Haushaltslöcher stopfen.
1990 führte INKOTA das erste und gleichzeitig letzte Workcamp zu DDR-Zeiten in Nicaragua durch. Das war der Ausgangspunkt für Kontakte, die über Nicaragua hinaus gingen, denn ein Teil der Gruppe besuchte auf Einladung des Lutherischen Bischofs Medardo Gómez auch El Salvador. Aus diesen Workcamps heraus – die bis heute Bestandteil der INKOTA-Arbeit sind – entstanden neue Projekt- und Partnerbeziehungen.
So haben heute INKOTA-Mitgliedsgruppen zahlreiche Kontakte nach Zentralamerika. Der „Eine Welt Laden am Dom“ in Brandenburg hat Projektbeziehungen nach El Paisnal, die Berliner Segensgemeinde pflegt eine Gemeindepartnerschaft mit der Gemeinde am Vulkan von San Miguel (beides in El Salvador) und das „Eine Welt Haus“ in Jena hat erreicht, daß es heute eine Städtepartnerschaft mit San Marcos in Nicaragua gibt.
Die Geschäftsstelle von INKOTA in Berlin begleitet heute Projekte in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Schwerpunkte sind die Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit, Kommunalentwicklung und Frauenprojekte. Damit werden die Ansätze weiter verfolgt, die durch INKOTA noch zu Zeiten der DDR initiiert worden sind.

Willi Volks war in den achtziger Jahren Mitglied der „Initiativgruppe Hoffnung Nikaragua“ und ist seit 1994 Geschäftsführer des INKOTA-netzwerks.

Dr. Carlos Marx in Nicaragua

Ich war eher von meinem Fernweh geleitet, als ich schnell und ohne groß zu überlegen laut und deutlich „ja“ sagte, als man mich fragte, ob ich nicht für zwei Jahre als Dolmetscherin am Hospital in Managua arbeiten wollte. Das war 1987, ich begann gerade mein letztes Studienjahr und träumte davon, wenigstens den spanischsprechenden Teil der Welt einmal zu sehen. Von Nicaragua wußte ich nicht viel, von dem Krankenhaus wußte ich das, was man eben wußte in der DDR – es war ein sympathietragendes Projekt, über das in der Presse ziemlich oft berichtet, für das immer wieder Geld gesammelt und auch lieber als für andere Projekte gegeben wurde. Da funktionierte das SpenderInnenherz in der DDR nicht anders als anderswo: anrührende Bilder von kranken Kindern haben noch immer die Herzen bewegt und die Portemonnaies geöffnet – Gott sei dank.

„Geleitet von dem gemeinsamen Ziel, die Beziehungen der Freundschaft und der antiimperialistischen Solidarität zu festigen, die die Völker und die Jugend der Deutschen Demokratischen Republik verbinden, und in Übereinstimmung mit der Vereinbarung über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der FDJ und der Juventud Sandinista 19 de Julio (JS 19 J) schließen der Zentralrat der FDJ, das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR, das Nationale Exekutivkomitee der JS 19 J und das Ministerium für Gesundheitswesen der Republik Nikaragua folgendes Protokoll über den Einsatz der Brigade der Freundschaft der FDJ „Karl Marx“ im Krankenhaus Managua, das von der DDR als Solidaritätsgeschenk an die Regierung der Republik Nikaragua übergeben wurde, ab.“(Präambel eines Protokolls zwischen dem Zentralrat der FDJ, der Juventud Sandinista, dem nicaraguanischen Jugendverband, und den Ministerien für Gesundheitswesen beider Länder von 1985)

Im Stadtteil Xolotlán von Managua, im Osten der Stadt, war 1985 das Hospital „Carlos Marx“ entstanden. Erst war es in großen Zelten untergebracht. Operiert wurde in OP-Containern, wie es sie für Feldlazarette gibt, mit tarnfarbener Verkleidung. Mit der Zeit wurden dann Fertigteilhäuser daraus und feste Gebäude. Während der sogenannten III. Ausbaustufe 1989 kamen ein moderner OP-Trakt und ein Kreißsaal dazu. Es wurde immer erzählt, daß das Krankenhaus ein ausdrücklicher Wunsch der nicaraguanischen Regierung war – und daß Honecker ein Faible hatte für dieses kleine mittelamerikanische Land und deshalb diesem Wunsch entsprach. Das Hospital – eine Chefsache? Womöglich. Das wäre auch eine Erklärung dafür, daß für das Krankenhaus, das finanztechnisch ein Faß ohne Boden war (der jährliche Finanzbedarf lag schätzungsweise bei 4 Mio. Mark), immer Mittel zur Verfügung standen, auch als es der DDR ökonomisch schon ziemlich schlecht ging. Besucht hat Honecker das Land nie, aber als Indiz für die Verbundenheit mag auch die Tatsache gelten, daß Daniel Ortega ihn Anfang der neunziger Jahre in der Haftanstalt Moabit besucht hat.

Artikel 1

Der Zentralrat der FDJ und das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR entsenden eine Brigade der Freundschaft der FDJ nach Managua, um die medizinische Betreuung der Bevölkerung der Hauptstadt der Republik Nikaragua sowie die Qualifizierung junger nikaraguanischer Kader im Bereich des Gesundheitswesens zu unterstützen.
Von Anfang an war der Andrang von Patienten riesig groß und steigerte sich jedes Jahr beträchtlich. Es beschränkte sich keineswegs auf das geplante Einzugsgebiet der Hauptstadt. Manche Leute, beispielsweise von der Atlantikküste oder aus dem Grenzgebiet zu Honduras im Norden, nahmen tagelange, beschwerliche Reisen auf sich, um ins Krankenhaus zu gelangen und in der Sprechstunde dann ein paar Minuten mit dem Arzt zu reden. Dieser Zulauf schmeichelte dem Projekt und seinen Schöpfern und ist natürlich auch Ausdruck der (objektiven oder subjektiv wahrgenommenen) Defizite des nicaraguanischen Gesundheitswesens. Nicht zu unterschätzen ist auch der exotische Faktor – es war ganz einfach schick, zu einem Doktor zu gehen, der aus Europa kam, aus Deutschland.
Das Hospital war als ein Krankenhaus der Grundversorgung angelegt, das heißt es gab die Fachrichtungen Allgemeinmedizin/ Innere Medizin, Gynäkologie und Geburtshilfe (ab 1989), allgemeine Chirurgie und Kinderheilkunde. Komplizierte Erkrankungen, die eine spezialisierte Behandlung erforderten, wurden an die Fachkrankenhäuser in der Stadt überwiesen. Im Hospital „Carlos Marx“ wurden ca. 100.000 Patienten jährlich ambulant, mehr als 10.000 stationär behandelt. Neben der Betreuung der Patienten bestand eine zentrale Aufgabe auch in der Ausbildung von nicaraguanischen Fachärzten für Allgemeinmedizin. Dies war für Nicaragua eine neuartige Fachrichtung, die ausschließlich am Hospital „Carlos Marx“ ausgebildet wurde.

Artikel 2

… [Die vertragschließenden Seiten] fördern die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Jugend der DDR und Nikaraguas und den Austausch von Erfahrungen der Arbeit der FDJ und der JS 19 J.

So ganz ernst war das mit der Freundschaft von offizieller Seite wohl nicht gemeint. Im Gegenteil. Wir hatten ziemlich strenge Vorschriften, was den privaten Umgang mit Nicaraguanern betraf. Eine MTA mußte sogar vorzeitig ihren Einsatz abbrechen und in die DDR zurückkehren, weil sie eine Affäre mit einem Nicaraguaner hatte und das auch nicht mehr versteckte. Verbrämt wurde diese „Kontaktsperre“ (hinter der wie überall die Phobie steckte, die Leute könnten sich absetzen, via Nicaragua in den Westen) mit dem Sicherheitskonzept, das die staatlichen Stellen hatten. Komisch: Die Freundschaft, die auf dem Papier vereinbart wurde und formal auch in organisierten offiziellen Begegnungen abgefeiert wurde, durfte denn im Kleinen und Konkreten nicht sein. Sie existierte aber doch, und zwar viel tiefer, als es sich die Initiatoren des Projektes vorstellen konnten. Die tägliche Arbeit verband manche trotz Sprachbarrieren und kurzer Dauer der Begegnung (und den Vorschriften zum Trotz) aufs tiefste miteinander. Die Geschichte dieser Brigade ist auch eine Geschichte des ständigen Kommens und Gehens, der permanenten Abschiede von Freunden, die – zu DDR-Zeiten – immer endgültige Abschiede waren. Die Chance, sich ein zweites Mal im Leben zu begegnen, war gering.

Artikel 3

Für die Verwirklichung dieses Protokolls übernehmen das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR und der Zentralrat der FDJ folgende Verpflichtungen:
(…)
5. Notwendige medizinische und technische Ausrüstungen für das Krankenhaus zu liefern sowie Medikamente, Verbandsmaterial und andere notwendige Materialien und Ersatzteile bereitzustellen.
6. Die Vergütung der Brigademitglieder und ihrer Familienangehörigen in der DDR und in der Republik Nikaragua.
(…)
8. Die Lieferung von Materialien für die Ausrüstung der Wohnungen für die Brigademitglieder und ihrer Familienangehörigen sowie deren Versorgung mit Dingen des persönlichen Bedarfs, Haushaltsgeräten und Materialien für die kulturelle und sportliche Betätigung…

Es war wirklich witzig: Bis hin zum Klopapier wurde jedes kleinste Materialstückelchen aus der DDR geliefert – der Transport war aus damaliger Sicht immer noch „billiger“, als für Devisen vor Ort oder in der Region einzukaufen. Das war auch der Grund dafür, daß (für die klimatischen Verhältnisse völlig irrsinnige) Doppelfenster in den Fertigteilhäusern hingen, die sich noch nicht einmal ankippen ließen, oder daß DDR-Türklinken montiert wurden, die man in Nicaragua nicht kennt und mit deren alltäglicher Handhabung alle, Schwestern wie Patienten, arge Probleme hatten. Richtig fatal allerdings war das Kapitel „Stromversorgung“: Der in Nicaragua aus den Kraftwerken gelieferte Strom hat 60 Hertz, die fast ausschließlich aus der DDR stammenden medizinischen und sonstigen technischen Geräte jedoch liefen mit den hier üblichen 50 Hertz. Die Lösung sah so aus, daß der Strom erst einmal gleichgerichtet und dann wieder zerhackt wurde, und dieses System war entsprechend störanfällig. Zeitweilig mußte der Notstromgenerator ununterbrochen laufen – mit Diesel, also der teuersten Art überhaupt, Strom herzustellen! Daß diese Sachen keine Schildbürgerstreiche waren, sondern aus den Gegebenheiten (um nicht zu sagen: aus der Not) der DDR-Wirtschaft geboren wurden, daran sei hier kurz erinnert.
In einem internen Gutachten, das ein Vertreter von medico international gleich 1989/90 verfaßte, war zu lesen: „Bei dem Krankenhaus handelt es sich um ein Prestigeobjekt der DDR-FDJ, das ohne entwicklungspolitische Konzeption hingestellt wurde. Vielmehr wurde ein DDR-Kreiskrankenhaus nach Nicaragua exportiert, um dort Eindruck zu machen. Vor allem Fragen der laufenden Kosten, der Folgekosten etc. wurden niemals angegangen.“ Daß dem so war, bestreitet heute keiner. Trotzdem haben diejenigen, die dabei waren, viel davon gehabt.

Zwischen politischem Kalkül und revolutionärer Romantik

Der mittlerweile zu einem historischen Phänomen mutierte ostdeutsche Staat Deutsche Demokratische Republik ist heute ein Objekt der Begierde. PolitologInnen, SoziologInnen, PsychologInnen und HistorikInner haben das seltene Glück, auf dem Seziertisch ihrer wissenschaftlichen Analyse die Strukturen eines gerade gescheiterten politischen Systems freilegen zu können. Dabei scheint die von Hegel oft beschworene List der Geschichte zu bewirken, daß gerade jenes Herrschaftssystem, das im Innern jegliche Öffentlichkeit verbannte und sich nach Außen abkapselte, heute in den Archiven einer solch intensiven Durchleuchtung seiner 40jährigen Geschichte ausgesetzt ist, wie wohl kaum eines in der bisherigen deutschen Geschichte. Die Instrumentalisierung der gewonnenen Befunde in den politischen Grabenkämpfen des vereinten Deutschlands ist offenbar, und auch der Versuchung, post festum alte akademische Fehden nun zu einem siegreichen Ende zu führen, wird selten widerstanden.
Nachdem dieser Staat deutsche Geschichte ist, wird Gericht gehalten. Oftmals sind die Urteile schon vor Beginn des Prozesses gesprochen. Historischer Kontext und konkretes Wissen werden kaum abgefragt. Was die auswärtigen Beziehungen des untergegangenen östlichen deutschen Teilstaates angeht, so überwiegen heute Desinteresse oder einfach Ignoranz (1). Für einige zählen diese Beziehungen einfach nicht zur Geschichte der „deutschen Außenbeziehungen“. In der offiziellen deutschen Diplomatie wird die Erinnerung an die Beziehungen des verblichenen Rivalen heute eher vermieden. Gewiß kann die Analyse der Außenbeziehungen der DDR, auch die mit Süd- und Mittelamerika, den rationalen Diskurs über die jüngste deutsche Geschichte befördern. Dabei müssen unsere Forschungsboote den gefahrvollen Weg zwischen der Scylla nostalgisch eingefärbter Rechtfertigung der Außenpolitik des Ancien Regime um jeden Preis und der Charybdis ihrer Pauschalaburteilung in westlich-besserwisserischer Gutsherrenart finden, wollen wir uns dem Horizont historischer Wahrheit nähern. Wissenschaft, wenn sie sich als kritische versteht, sollte dies als Herausforderung annehmen. In diesem Sinne soll im folgenden über die Beziehungen der DDR zu diesem Raum – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – geschrieben werden. Dabei stütze ich mich vor allem auf die ungewöhnlich weit geöffneten Archive im Osten Deutschlands, speziell das der Parteien und Massenorganisationen der DDR in Berlin. Aber natürlich ist es dann auch hier, wie bei jeder historischen Betrachtung, die persönliche Erfahrung des Autors, die manche der bereits Staub ansetzenden Saiten zum Klingen bringen kann.
In größeren Abhandlungen zur DDR-Diplomatie nahmen die Beziehungen zu Süd- und Mittelamerika eher einen marginalen Platz ein. (2) Das entsprach auch dem tatsächlichen Stellenwert dieser Ländergruppe für die DDR-Außenpolitik. Dabei variierte zwar im Verlaufe der vierzig Jahre der Platz einzelner Regionen, wie z.B. Afrika oder der arabische Raum, in der Prioritätenskala. Jedoch waren stets die Beziehungen zur Sowjetunion, zu den östlichen Nachbarn Polen und CSSR sowie zur Bundesrepublik Deutschland an der Spitze der außenpolitischen Agenda. Dies galt sowohl für die politischen als auch für die wirtschaftlichen Beziehungen. Auf den ersten Blick kann die marginale Bedeutung Süd- und Mittelamerikas für die Politik der DDR-Führung aus deren Beschäftigung mit „lateinamerikanischen Themen“ abgelesen werden. Erstmals beschäftigte sich das Politbüro am 23. Juli 1956 mit Süd- und Mittelamerika. Es war einverstanden, daß einer „in der UdSSR befindlichen Parlamentsdelegation aus Uruguay eine Einladung der Volkskammer zum Besuch in der DDR überreicht wird.“ (3) Letztmalig war diese Region auf der 47. Politbüro-Tagung am 31. Oktober 1989 auf der Tagungsordnung. Verteidigungsminister Heinz Kessler berichtete von seinem Besuch in Nicaragua. Insgesamt kamen die lateinamerikanischen Themen relativ selten auf die Agenda des Machtzentrums der DDR-Gesellschaft, des SED-Politbüros.(4)
Gab es nach der Staatsgründung der DDR im Oktober 1949 angesichts der formal durch die UdSSR eingeschränkten Souveränität bis 1955 eine Zeit außenpolitischer Abstinenz, so begann danach ein Anrennen gegen den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik. Zeitlich reichte dies bis Anfang der 70er Jahre. Politisches Ziel war es, mit möglichst vielen Partnern einen hohen Grad der diplomatischen Beziehungen zu vereinbaren und damit die DDR völkerrechtlich als (zweiten) souveränen deutschen Staat zu etablieren. Süd- und Mittelamerika maß man zunächst dabei keine große Bedeutung zu.

Von anfänglicher Distanz zu informeller Berührung

Eher am Rande erwähnte der damalige Außenminister Lothar Bolz auf einer Botschafterkonferenz im Januar 1957: „Wir bemühen uns, mit einigen Ländern Süd- und Mittelamerikas Handelsbeziehungen aufzunehmen und diese zu erweitern.“ Interessant ist dabei nur, daß Bolz auch auf die Bevölkerungsgruppen deutscher Herkunft in Süd- und Mittelamerika verweist, die stärker über den anderen deutschen Staat informiert werden sollten. (5) (In den 70er und 80er Jahren wurde auf diesen Umstand überhaupt nicht bzw. nur sehr zurückhaltend verwiesen.) Die lateinamerikanischen Staaten ihrerseits lehnten offiziell diplomatische Beziehungen ab. Dahinter standen sowohl ein gewisses Desinteresse als auch der erwartete Druck seitens der wirtschaftlich bedeutenderen Bundesrepublik. Während des Besuches einer Delegation des Bundestages im Frühjahr 1960 in Brasilien brachte dessen Präsident Gerstenmeier die Hallstein-Doktrin deutlich mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Leider müßten wir mit Brasilien brechen, falls die Beziehungen zu Ostdeutschland aufgenommen würden.“ (6) Dazu gehörte auch, daß das Protokoll, das der brasilianische Sonderbotschafter Dantas während seiner Osteuropa-Reise auch in der DDR unterzeichnet hatte, nach diplomatischer Intervention seitens der BRD nicht anerkannt wurde.
Das alles bedeutete jedoch nicht, daß es keine politischen Kontakte auf staatlicher Ebene gab. Der damalige stellvertretende Außenminister Georg Stibi definierte als Ziel der Politik gegenüber dieser Region „die Anerken- nung der DDR als rechtmäßigen deutschen Staat“. Dies mußte aber nicht unbedingt die offizielle Anerkennung bedeuten. Das zu fordern erschien unrealistisch. Es ging deshalb um die „faktische Anerkennung durch die lateinamerikanischen Regierungen“. (7) Dazu wurden verschiedene Kanäle genutzt. Der wichtigste befand sich in den Handelsvertretungen, die es seit Mitte der 50er Jahre in verschiedenen Ländern des Cono Sur gab. Diese arbeiteten auf der Basis von Bankenabkommen und hatten diplomatische Sonderrechte, die ihnen von den Gastländern stillschweigend gewährt wurden. So war es z.B. in Brasilien (8) und in Uruguay. Als weiterer Kanal dienten die diplomatischen Kontakte mit lateinamerikanischen Botschaften in Prag, Moskau und Genf. Hier wurden erste Gespräche über die Aufnahme von Handelskontakten geführt, so beispielsweise 1961/62 mit Mexiko in Genf. Von gewisser Bedeutung waren auch die Besuche von Parlamentsdelegationen aus Süd- und Mittelamerika in der DDR, die jedoch in der Regel inoffiziellen Charakter hatten.

Diplomatischer Durchbruch mit Verzögerung

„Projekt Mission einschließlich diplomatischer Rechte und Funk von Guevara gebilligt. Er sieht keine Schwierigkeiten.“ telegraphierte K. sichtlich zufrieden am 12.8.1960 als „streng vertraulich“ aus Havanna nach Berlin (Ost). K. führte im Auftrage der DDR-Regierung im Sommer 1960 Gespräche zur Herstellung diplomatischer Beziehungen und war dazu in der Nacht vom 9. zum 10. August 1960 mit Ernesto Guevara de la Serna, el Comandante Che, zusammengekommen. Kuba schien der nächste Stein zu sein, den man aus der Mauer der diplomatischen Nichtanerkennung des „anderen Deutschlands“ herausbrechen konnte. „Kuba wird erstes lateinamerikanisches Land, das China und DDR anerkennt“, zitiert K. im artikellosen Telegrammstil Che Guevara. Dieser hatte ihm in einem zweiten Gespräch am 11.8.1960 erklärt, daß die kubanische Führung „bald völligen Wirtschaftsboykott seitens der USA und anderer NATO-Staaten“ erwarte und deshalb „Totalumstellung Außenhandel Kuba“ bevorstehe. (9) Die kubanische Revolution bedeutete auch eine Zäsur in den Beziehungen der DDR zu Süd- und Mittelamerika. Kuba wurde von nun an der wichtigste Partner in dieser Region. Zugleich verstärkten sich Interesse und Hoffnung der DDR-Führung gegenüber diesem Raum. Nach dem ersten Besuch von Politbüro-Mitglied Paul Verner im Sommer 1960 auf Kuba beschloß das Politbüro am 13.9.1960 nicht nur eine „Direktive über die Weiterentwicklung der Beziehungen mit der Republik Kuba“, sondern es beauftragte auch das Außenministerium „zur Auswahl der Kader und zur Bildung einer Abteilung für südamerikanische Länder in 14 Tagen die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen.“ (10) Daraufhin wurde auch die 6. Außereuropäische Abteilung geschaffen, die für die Beziehungen mit Süd- und Mittelamerika verantwortlich war. Jedoch verzögerte sich trotz der Zusagen von Che die Herstellung voller diplomatischer Beziehungen erheblich. Die Zeit lief gegen die DDR. Zwar hatte Guevara dem bundesdeutschen Botschafter von Spretti im Oktober 1960 noch erklärt: „Wir werden mit der DDR Missionen austauschen. Wenn Sie sich damit zufrieden geben, dann können unsere Beziehungen normal weiterlaufen. Falls nicht, so ist das allein Ihre Angelegenheit.“ (11) Jedoch wurde den drängenden DDR-Vertretern dann sowohl von kubanischer Seite immer wieder die Bedeutung der kubanischen Wirtschaftsbeziehungen zur Bundesrepublik in Erinnerung gebracht. Dieser Faktor schien im Jahre 1961 angesichts der komplizierter werdenden Lage für die kubanische Führung sogar an Bedeutung zuzunehmen. Ein Abbruch der Beziehungen zur BRD, der von einer DDR-Mission zu erwarten war, sollte vermieden werden. Man schlug deshalb eine „Handelsvertretung“ vor, deren Chef jedoch alle Rechte haben sollte. Das würde, so die kubanische Hoffnung, nicht zum Abbruch der Beziehungen zur BRD führen. Das sei aber, so nochmals DDR-Unterhändler K. im Telegramm nach Berlin, ein Widerspruch zu dem, was Che Guevara versprochen hatte, und er fügt etwas resignierend hinzu: „Haben Sache wirklich in günstiger Zeit ungebührlich verzögert.“ (12) Die DDR akzeptierte letztlich die kubanische Haltung, und der erste Diplomat der DDR war im Frühjahr 1961 ein „Leiter der Vertretung“ im Range eines Gesandten. Erst im Zuge der Verschärfung der Lage nach der Karibik-Krise (Im Westen unter dem Begriff Kuba-Krise bekannt [Anm. d. Red.]) im Oktober 1962 wurde die Vertretung in eine vollwertige diplomatische Mission umgewandelt. Sie erfolgte am 12.1.1963.
Neben Kuba definierte Stibi in der bereits erwähnten Konzeption von 1962 Brasilien als regionalen Schwerpunkt der Politik gegenüber Süd- und Mittelamerika. Hier erwartete man zumindest Regierungsvereinbarungen über Handel, die mit konsularischen Rechten verbunden sein könnten. Hoffnung setzte man auch auf die Entwicklung in Britisch-Guyana, wo nach der Unabhängigkeit mit einer Regierung unter Cheddi Jagan offizielle Beziehungen als möglich erschienen. Als potentielle Partner wurden weiterhin jene Staaten aufgeführt, die sich neben Brasilien auf der OAS-Tagung im uruguayischen Punta del Este 1962 gegen den Druck der USA nicht für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Kuba ausgesprochen hatten (Argentinien, Ecuador, Bolivien, Chile, Mexiko und Uruguay). Bei den „Hauptaufgaben 1962“ gegenüber der Region wurde nicht nur an die Entsendung von Sonderbotschaftern an die Präsidenten einzelner Länder oder von Briefen an Parlamentspräsidenten zwecks Einladungen an die Volkskammer gedacht, sondern es wurde unter anderem auch die Möglichkeit erwogen, „eine größere Zahl von Facharbeitern aus Lateinamerika in der DDR auszubilden.“ (13) Das in dieser Zeit deutlich gestiegene Interesse der DDR an Süd- und Mittelamerika kam auch in dem Vorschlag zum Ausdruck, einen „Sonderbevollmächtigten der DDR für Lateinamerika“ mit ständigem Sitz in Brasilien einzurichten. Jedoch kam nach der Machtübernahme der Militärs in Brasilien im März 1964 nicht nur diese Idee nicht zur Umsetzung, sondern angesichts der geringen Aussichten auf eine stärkere diplomatische Präsenz schwand auch das politische Interesse der Führung der DDR an diesem Raum. Andere Regionen, wie Afrika und die arabische Welt, zogen in der Folgezeit stärker die politischen Aktivitäten der DDR an.

Von der Einheit zur Geschlossenheit

Jedoch blieb das Interesse an Kuba. Bis es jedoch zu der „brüderlichen Einheit“ der 70er und der „ideologischen Geschlossenheit“ der 80er Jahre kam, mußte noch so manche politische Klippe umschifft werden. Die kritische Distanz der SED-Führung gegenüber Fidel Castro und seiner Bewegung zog sich trotz vielfacher Solidaritätsbekundungen für Kuba durch die gesamten 60er Jahre hindurch. In internen Berichten wurde kritisiert, daß Castro „keine Volksvertretung, sondern so etwas wie die gelenkte Demokratie Sukarnos“ (indonesischer Präsident in den 50ern, Anm. d. Red.) einführen wolle, wurden die „nicht vertrauenswürdigen Minister“ aufgelistet und die „Partisanenmethoden“ von Fidel Castro beklagt, die von den anderen nachgemacht würden, „so daß die Unordnung komplett“ wäre. (14) Diese im Partei- und Wirtschaftsapparat gepflegten Ansichten müssen auch in offiziellen Verhandlungen sichtbar geworden sein. Fidel Castro beklagte in einem Brief vom 9. November 1964 zu vorangegangenen Wirtschaftsverhandlungen gegenüber Walter Ulbricht, „daß einige deutsche Genossen der Meinung sind, daß es bei einigen kubanischen Funktionären in früheren Verhandlungen spekulative und unredliche Momente gegeben habe.“ (15) Ab Mitte der 60er Jahre kam dann das Schisma innerhalb der kommunistischen Bewegung hinzu. Dabei galten bis Anfang der 70er Jahre die kubanischen Sympathien, besonders die Che Guevaras, eher der chinesischen als der sowjetischen Seite.
Ende 1967/ Anfang 1968 kam es dann zu einer ernsthaften Krise in den bilateralen Beziehungen, die in den folgenden Jahrzehnten stets in den Hinterhof der Peinlichkeiten verbannt worden war. Auf der 3. Tagung des ZK der Kommunistischen Partei Kubas im Januar 1968 wurden namentlich Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft und auch der DDR-Botschaft genannt, die man der Zusammenarbeit mit einer prosowjetischen und anticastristischen Fraktion innerhalb der Partei beschuldigte. Mit der als „Mikrofraktion“ bezeichneten Gruppe um Anibal Escalante, die von Castro der „Kriecherei“ und des „Knechtsinns gegenüber der Sowjetunion“ bezichtigt wurde, hätte es (auch in der DDR-Botschaft selbst) Kontakte gegeben. Es gehört sicherlich auch zu den schon erwähnten Listigkeiten der Historie, daß Ende der 80er Jahre gerade jene an der Spitze der Botschaften der UdSSR bzw. DDR in Kuba standen, die 1968 der „Konspiration mit politischen Feinden“ und der „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ beschuldigt worden waren.
Zwei politische Entwicklungen trugen maßgeblich zu einem veränderten Verhältnis zwischen der DDR und Kuba zu Beginn der 70er Jahre bei. Zum einen war da der Canossa-Gang Fidel Castros nach Moskau und die danach erfolgte umfassende Eingemeindung Kubas in das sozialistische Lager. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Ende der 60er Jahre, die sich mit der gescheiterten 10 Millionen Zuckerrohrernte 1970 zu einer ersten Legitimationskrise Castros verwandelte, sah sich der Máximo Lider aus machtpolitischen Gründen zu einer engeren Zusammenarbeit mit der UdSSR gezwungen. Politbüro-Mitglied Paul Verner hatte nach seinem Besuch Ende 1969 eine „echte Belebung“ festgestellt.
Die andere politische Veränderung, die zu einem Wandel in der Sicht auf Kuba, Fidel Castro und auch die Person Che Guevaras in der DDR führte, war die Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker an der DDR-Spitze. Im Unterschied zu Ulbricht, der sich angesichts der ernsthaften Probleme auf Kuba Ende der 60er Jahre in seiner Distanz zu den Barbudos, den Bärtigen, bestätigt sah, fand Honecker ein politisch anderes Kuba vor. Es war nun eindeutig im eigenen Lager gebunden und hatte zudem einen erstrangigen strategischen Wert für die UdSSR. Hinzu kam, daß der personelle Wechsel an der DDR-Spitze auch mit einem gewissen politischen Neuansatz verbunden war, der sich unter anderem auch in einer kulturellen Öffnung zeigen sollte. Das schlug sich z.B. auch in der nun eintretenden öffentlichen Beschäftigung mit Che Guevara nieder. Aus einem anfänglichen Tabu wurde ein propagandistisch breit aufgemachtes Thema. Die Ikone von Che kehrte nun auch in die Studierstuben zwischen Rostock, Babelsberg und Leipzig ein. Gerade bei der studentischen Jugend, die offenbar stets eine Dosis Utopie benötigt, sollte mit diesen beiden Märtyrern die Attraktivität des Sozialismus verstärkt werden. Das blieb nicht ohne Erfolg und machte Che nach seinem Siegeszug durch die Hörsäle von Hamburg, Frankfurt/a.M. und Berlin-West nun zu einem systemübergreifenden „gesamtdeutschen“ Idol.
Im folgenden Jahrzehnt nahmen die bilateralen Beziehungen jene Form an, wie sie zwischen „sozialistischen Bruderländern“ typisch war: gegenseitige Besuche der Partei- und Regierungsspitze (Honecker 1974 in Kuba und Castro 1977 in der DDR), Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit (1980), Koordinierung der Volkswirtschaftspläne, umfangreicher Delegationsaustausch auf allen Ebenen, der sich in den verschiedensten Abkommen niederschlug. Ideologischen Gleichklang hatte man nun auch im Kampf gegen Peking gefunden. Im Dezember 1978 betonte nun Fidel Castro die Wichtigkeit, sich „mit der antisozialistischen Politik der Pekinger Führer prinzipiell auseinanderzusetzen.“ (16)
Für Kuba waren die wirtschaftlichen Beziehungen zur DDR von besonderer Bedeutung. Castro bat in mehreren Briefen an das Politbüro sowohl um zusätzliche Lieferungen (u.a. technische Ausrüstungen, Nahrungsmittel) als auch um die Beibehaltung der für Kuba außerordentlich günstigen Preisrelationen im bilateralen Handel, speziell bei Zucker. 1980 stimmte nach einer Bitte Castros das SED-Politbüro zu, die „gegenwärtigen Preisrelationen im Warenaustausch auch im Zeitraum 1981-1985 beizubehalten“, um die Kaufkraft der kubanischen Exporte zu erhalten. Castro nannte das dann „ein Musterbeispiel für die Beziehungen zwischen sozialistischen Ländern mit unterschiedlichen Entwicklungsniveaus.“ (17) Ungeachtet der konkreten kubanischen Bedingungen und der eigenen Wirtschaftskraft wurde im „Leuchtturm des Sozialismus“ (Honecker) solidarische Gigantomanie praktiziert. Kuba erhielt „die größte Brauerei“ und das „größte Zementwerk“ der Karibik. Beide konnten nie vernünftig ausgelastet werden. Diesen „politischen Entscheidungen“, die die reale wirtschaftliche Lage beider Länder kaum in Betracht zogen, versuchten in den 80er Jahren DDR-Ökonomen, wirtschaftlich sinnvolle Projekte zur Seite zu stellen (Bananenmarkproduktion, Kupferproduktion, Spritrektivikate). Kubanischerseits blieb das Interesse an Großprojekten ungemindert. Da Kuba auch seine Verpflichtungen bei der Lieferung der für die DDR-Innenpolitik so brisanten Südfrüchte kaum erfüllte (1988 hatte man nur zirka 50 Prozent der geplanten Menge geliefert), blieb Kuba bis zum Schluß primär eine „politische Frage“, die man – auch mit Blick nach Moskau – ungeachtet des eigenen wirtschaftlichen Desasters zu lösen versuchte. Bemerkenswert, da im Unterschied zu den anderen Projekten auch über das Ende der DDR hinaus von Relevanz, ist die zwischen 1984 und 1989 erfolgte Ausbildung von rund 30.000 Kubanern in der DDR (80 Prozent davon als Facharbeiter).

In den Farben der DDR

Ab Mitte der 80er Jahre erreichte die politische Übereinstimmung in der starren Ablehnung der Reform-Politik von Gorbatschow ihren Höhepunkt und schließlich auch ihr abruptes Ende. Castros „Rectificación“ und Honeckers „Sozialismus in den Farben der DDR“ waren gleichermaßen politische Versuche, sich vom sowjetischen Einfluß abzukoppeln und durch innere Verhärtung dem Druck aus Moskau zu widerstehen. Ende der 80er Jahre verstärkten sich nochmals die politischen Kontakte. Politbüro-Mitglieder der SED gaben sich 1988/89 in Havanna gegenseitig die Klinke in die Hand und ließen sich von den Kubanern ihren politischen Starrsinn als „ideologische Festigkeit“ bestätigen. Honecker gab seinen Politbüro-Mitgliedern die Rede Castros vom 26. Juli 1989, in der er sich erneut gegen Perestrojka und Glasnost wandte, zur Pflichtlektüre auf. Mit den Worten Raúl Castros „Wir sind sehr stolz auf die Übereinstimmung mit der SED“ (18) betonte im September 1989 letztmalig ein Mitglied der kubanischen Führung in Berlin dieses „Bündnis in Agonie“, ehe der andere Partner von der politischen Bühne für immer verschwand.

Ein Schwiegersohn in Chile

Was die Beziehungen zum „restlichen“ Süd- und Mittelamerika betraf, so kam es zu Beginn der 70er Jahre, vor allem im Kontext der Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die UNO, zu diplomatischen Beziehungen mit der großen Mehrheit der Staaten dieses Raumes. Begonnen hatte die lateinamerikanische Anerkennungswelle mit Chile. Die Regierung der Unidad Popular von Salvador Allende suchte sehr schnell Kontakte zur DDR. Im März 1971 kam es zu ersten Gesprächen über die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen. Chile war besonders an einer Kooperation in der Kupferproduktion und Chemie interessiert. Die DDR wiederum wünschte von Chile die Fürsprache bei internationalen Organisationen (z.B. in der WHO) und Unterstützung bei der Statuserhöhung ihrer Vertretungen in Süd- und Mittelamerika. (19) In der Folgezeit wurde eine Reihe wirtschaftlicher Abkommen geschlossen, deren volle Umsetzung jedoch durch den Militärputsch im September 1973 verhindert wurde. Das Politbüro beschloß im September 1973, „daß die diplomatischen Beziehungen mit Chile unterbrochen werden.“ (20) Zugleich wurde ein Maßnahmepaket angenommen, das sowohl die Rückführung von DDR-BürgerInnen als auch die solidarische Unterstützung der chilenischen EmigrantInnen betraf. In den nachfolgenden 15 Jahren war die DDR Aufnahmeland für Tausende von ChilenInnen und ein Zentrum des chilenischen Widerstandes gegen die Pinochet-Diktatur. Dabei ist vor allem das von der Sozialistischen Partei unterhaltene Büro „Chile Antifascista“ in Berlin zu nennen. Die Kommunistische Partei Chiles hatte ihre Auslandsführung in Moskau. Diese Unterstützung wurde mit propagandistischen Kampagnen im Innern verbunden, die mit der Herausstellung der „antifaschistischen Solidarität“ eine Grundmaxime im Selbstverständnis der Führung der SED, den Antifaschismus, untermauern sollte. Hinzu kamen bei einer Reihe von Politbüro-Mitgliedern die Erfahrungen des eigenen Exils durch den Faschismus. Das stark innenpolitisch motivierte Festhalten an dem Konzept blockierte aber in den 80er Jahren sowohl die realistische Analyse der Entwicklung in Chile als auch eine adäquate Politik der DDR. Demgegenüber wurde z.B. während der blutigen Militärherrschaft in Argentinien Ende der 70er Jahre weder offizielle Kritik an dem Regime geübt noch in der Presse über die massenhaften Verbrechen berichtet. Offenbar ordnete man sich in diesem Falle stark den sowjetischen Interessen unter, für die Argentinien, vor allem wegen der Getreideimporte, ein wichtiger Faktor war. Sicherlich war für die Chile-Politik auch die durch seinen chilenischen Schwiegersohn entstandene persönliche Beziehung Honeckers zu diesem Land ein wichtiges Moment. Für die Politik gegenüber Chile wurde das jedoch immer mehr zur Selbstblockade. Ab Mitte der 80er Jahre begannen zwar im Apparat die Bemühungen, Chile neu zu thematisieren. Es dauerte aber noch geraume Zeit, bis im März 1989 im Politbüro eine als „Geheime Verschlußsache“ eingestufte Vorlage zu „Maßnahmen zur Herstellung von Kontakten mit Chile“ bestätigt wurde. (21)

Nicaragua – „Kein zweites Kuba“

Die nicaraguanische Revolution von 1979 fiel in eine Zeit gewachsener diplomatischer Potenz beziehungsweise internationalen Anspruchs der DDR. Die „europäische Mittelmacht DDR“ verstand im Kontext des einsetzenden 2. Kalten Krieges die Beziehungen zu Nicaragua als wichtiges Moment der bipolaren Auseinandersetzung. Zugleich wurde bald die These formuliert, daß Nicaragua „kein zweites Kuba“ werden solle. Neben der damit verbundenen militärstrategischen Komponente, eine zweite Raketen-Krise lag angesichts der praktizierten Dialogpolitik in Europa nicht im DDR-Interesse, waren es auch die „ökonomischen Erfahrungen“ aus der Kuba-Problematik, die ein anderes Herangehen sinnvoller erscheinen ließen. Solidarische Unterstützung wurde verhältnismäßig strikt von bilateralen Geschäften getrennt. In den Konzeptionen wurde immer stärker die „Erwirtschaftung von Devisen“ auch in den bilateralen Beziehungen mit Nicaragua betont. Die solidarische Unterstützung war quantitativ, im Vergleich zu Kuba, geringer. Sie entsprach aber viel stärker den konkreten Bedürfnissen des Landes. Die unterschiedlichen Entwicklungsprojekte der DDR waren besser den örtlichen Gegebenheiten angepaßt und orientierten sich an den Grundbedürfnissen der breiten Bevölkerungsmehrheit. Das gilt neben dem Berufsausbildungszentrum in Jinotepe vor allem für das Krankenhaus „Carlos Marx“ in Managua.

Vorläufiges Fazit

Die Beziehungen zu Süd- und Mittelamerika hatten für die DDR nur eine relativ geringe Bedeutung und von einer „Lateinamerika-Politik der DDR“ zu sprechen, wäre sicherlich verfehlt. Grob können zwei Etappen ausgemacht werden: In einer ersten stand die Frage der diplomatischen Anerkennung im Mittelpunkt. Sie reichte von Mitte der 50er bis Anfang der 70er Jahre. Die DDR bemühte sich, sowohl in Süd- und Mittelamerika selbst als auch mittels der lateinamerikanischen Staaten als gleichberechtigter internationaler Akteur akzeptiert zu werden. In der zweiten Etappe (ab 1972/73 bis 1989) ging es der DDR in den Beziehungen zu Süd- und Mittelamerika um den politischen und rechtlichen Ausbau dieser Beziehungen. Letzteres betraf vor allem die Konsularbeziehungen, in denen die politisch wichtige Staatsbürger-Problematik berührt, aber nie zur eigenen Zufriedenheit gelöst werden konnte. Die DDR-Führung bemühte sich zugleich um ein eigenständiges Auftreten in der Region. Die steigende Zahl von Besuchen lateinamerikanischer Außenminister in der DDR machte ebenfalls die beginnende Normalität in den bilateralen Beziehungen deutlich. Kuba hatte als Mitgliedsland des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und durch die engen bilateralen Bindungen einen besonderen Stellenwert für die DDR. Die Anstrengungen, die wirtschaftlichen Potentiale der Region stärker zu nutzen, scheiterten nicht zuletzt an der eigenen ökonomischen Schwäche und an der mangelnden internationalen Kooperationsfähigkeit. Wie in realsozialistischer Außenpolitik generell, so war auch in der Politik der DDR-Führung gegenüber dieser Region ein erhebliches Maß an Ideologie, manchmal auch revolutionärer Romantik, vorhanden. Diese Politik sollte dem System natürlich auch Legitimität verschaffen. Angesichts eigener Erstarrung waren lateinamerikanische Vitalität und Revolutionsrhetorik willkommen, wenn auch diese dann selbst an die realsozialistischen Mauern stießen.
Trotz einer gewissen Versachlichung des Lateinamerika-Bildes blieb der Subkontinent auch in der „späten DDR“ ein Fluchtpunkt revolutionärer Ideen und romantischer Utopien. Damit stand man in jener jahrhundertealten westeuropäischen Geistestradition, die bis heute die „Neue Welt“ als letzte Zufluchtsstätte revolutionärer Visionen versteht. Und das galt sowohl für die „alten Herren“ des Politbüros als auch für viele Jugendliche und Intellektuelle. Viele Details der Beziehungen zu Nicaragua sind nur aus der großen Sympathie Erich Honeckers für Daniel Ortega, den er gewissermaßen als „politischen Enkel“ verstand, erklärbar.
Die schwindende materielle Untersetzung des internationalen Engagements begrenzte jedoch sowohl den Ausbaus der sachlichen Beziehungen zur Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten als auch die unbegrenzte Fortsetzung der solidarischen Beziehungen zu einzelnen Ländern.
Ab Mitte der 80er Jahre führte das starre Festhalten an einem entwicklungsunfähigen Gesellschaftssystem innenpolitisch zur Agonie und außenpolitisch in die Isolation. Nach der Wende im Herbst ’89 fiel dieser Raum fast völlig aus dem Gesichtskreis der ostdeutschen Politik. Weder die zwei Modrow-Regierungen noch die erste frei gewählte Regierung unter de Maiziere verwanden ernsthaft politische Energien für die Beziehungen mit diesem Raum. Allein die entwicklungspolitisch aktiven Gruppen, die zum Teil in der Bürgerbewegung der Wende verwurzelt waren, thematisierten noch Süd- und Mittelamerika als Teil des Südens. Als dann der 3. Oktober 1990 nahte, blieb den DDR-Diplomaten in den lateinamerikanischen Hauptstädten nur noch übrig, ihre Gebäude besenrein zu übergeben. Sie selbst fielen in das schwarze Loch sozialer Unsicherheit. Vom Auswärtigen Amt wurde kaum jemand übernommen. Viele der DDR-Immobilien in diesen Ländern wurden veräußert und das Mobiliar großzügig verschenkt. Geblieben ist nur die Geschichte. Diese aber kann man weder verkaufen, noch verschenken, sondern wir müssen sie als Teil der deutschen Außenbeziehungen des 20. Jahrhunderts annehmen.

Anmerkungen:
1. Vgl. dazu ausführlich Erhard Crome/ Raimund Krämer; Die verschwundene Diplomatie. Rückblicke auf die Außenpolitik der DDR, in: WeltTrends, Heft 1 (1993), S. 128-146.
2. Vgl. Geschichte der Außenpolitik der DDR, Abriß, Staatsverlag: Berlin 1985. Das gilt auch für eine Abhandlung über die Außenpolitk der Entwicklungsländer, in der der Autor für den Abschnitt „Lateinamerika“ verantwortlich war: Vgl. Autorenkollektiv, Die Außenpolitik befreiter Länder, Staatsverlag,: Berlin 1983, 6.Kapitel.
3. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv (im weiteren abgekürzt: SAPMO, BArch.-ZP), Sign.-Nr. J IV 2/2 – 491.
4. Im Zeitraum von 1949 bis 1989 war diese Region insgesamt 346 Mal auf der Tagungsordnung des Politbüros. Bei wöchentlich durchschnittlich 15 Tagesordnungspunkten (in den 70er und 80er Jahren war die Zahl deutlich höher als in den 50er und 60er Jahren) war es insgesamt nur zirka 1 Prozent der Protokollpunkte, in denen sich das höhste Machtgremium der DDR mit Süd- und Mittelamerika beschäftigte. Dabei konzentrierte sich dies auf Kuba (153 Mal auf der Tagesordnung), Nicaragua (56) und Chile (50).
5. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. IV 2/20/81.
6. Journal do Comercio, Rio de Janeiro, 29.3.1960.
7. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. IV 2/20/49.
8. Zu Beginn der 60er Jahre hatten in Brasilien der Leiter der Vertretung und seine Frau einen Diplomatenpaß, die Handelsvertretung konnte chiffrierte Telegramme empfangen und senden, deren Mitarbeiter hatten keine Steuern zu zahlen, ein Dienstsiegel mit DDR-Wappen konnte geführt und eine Art Vorvisabescheinigung ausstellt werden. Ebenda.
9. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. DY 30/ IV/ 2/ 20/147 Bl.1.
10. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. J IV 2/2-724.
11. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. DY/ IV/2/20/147/ Bl.21.
12. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. DY 30/IV/ 2/20/142/ Bl. 178.
13. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. IV 2/20//49.
14. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. J IV 2/202-367.
15. Ebenda.
16. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. IV B/20/592.
17. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr.J IV 2/2-1834.
18. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. IV 2/2. 035/41.
19. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr.J IV 2/2-1333.
20. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr.J IV 2/2-1469.
21. Zu diesen gehörten u.a. die „Errichtung einer Interessenvertretung der DDR mit konsularischen Rechten“, die Aktivierung der komerziellen Beziehungen, die Veränderungen der Sendungen von Radio Berlin International, dem Auslandssender der DDR, sowie der Wiederaufbau einer Freundschaftsgesellschaft DDR-Chile. SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr.J IV 2/2-3204.

BRDDR: Dem Rostocker Lateinamerika-Institut droht die Abwicklung

Das Lateinamerika-Institut in Rostock, das nach Prüfung aller Unterlagen zur schon begonnenen Umstrukturierung von Lehre und Forschung durch die frei gewählten Gremien der Universität der Hansestadt als ein selbständiger Fach­bereich bestätigt worden war, tauchte Anfang Dezember 1990 auf der Liste der in Mecklenburg-Vorpommern „abzuwickelnden“ Einrichtungen des Hochschul­wesens auf. Damit droht einer in ber 30 Jahren gewachsenen, international re­nommierten Lehr- und Forschungsstätte das Aus. Gerade heute, nach der Auf­hebung des Ost-West-Gegensatzes und dem verheerenden Krieg am Golf, müßte der Blick auf den sich seit Jahren verschärfenden Nord-Süd-Konflikt freigegeben sein. Es ist unerklärlich und widersinnig, in dieser Situation ein sich der Ent­wicklungsländerproblematik annehmendes Zentrum einzustampfen.
Die Einrichtung wurde 1958 als Romanisches Institut gegründet. Fünf Jahre spä­ter enstand daraus das Lateinamerika-Institut. Im Rahmen der dritten Hoch­schulreform der DDR von 1968, die insgesamt zu ähnlich unverantwortlichen dirigistischen Eingriffen in die Bildungslandschaft im Ostteil Deutschlands fhrte, wie sie das beabsichtigte „Abwicklungs“verfahren unter anderen Vorzei­chen wieder zum Inhalt hat, wurde das Institut in „Sektion Lateinamerikawissen­schaften“ umbenannt. Heute bestehen hier zwei Lehrsthle für Ökonomie mit den Schwerpunkten „Volkswirtschaft der Länder Lateinamerikas“ sowie „Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik in Lateinamerika“, zwei Lehr­sthühle für Geschichte, die sich einmal auf die historischen Entwicklungen in der Kolonialzeit und im 19.Jahrhundert, zum anderen auf die Geschichte Lateiname­rikas im 20.Jahrhundert konzentrieren, die selbstständigen Fachgebiete für Philo­sophie, Soziologie und Literatur Lateinamerikas sowie der Wissenschaftsbereich Hispanistik-Lusitanistik. Kleinere Gebiete wie Staats- und Völkerrecht, ökono­mische Geographie, Wirtschaftsgeschichte, Ökologie, indianische Sprachen und Kulturen sowie Kirche und Religion sind diesen Lehrstühlen bzw. Fachgebieten untergeordnet.
Viele der vielfältigen ein breites Wissenschaftsspektrum abdeckenden Arbeiten konnten seit 1965 im „Semesterbericht der Sektion Lateinamerikawissenschaften“, seit 1987 Zeitschrift „Lateinamerika“, veröffentlicht werden. Sie ist inzwischen die am längsten erscheinende Fachzeitschrift zu Lateinamerika im deutschsprachi­gen Raum. Eine wichtige Grundlage für Forschung, Aus- und Weiterbildung ist die Zweigstelle Lateinamerikawissenschaften der Universitätsbibliothek. Auf der Grundlage von Tauschbeziehungen und Schenkungen lateinamerikanischer wis­senschaftlicher Einrichtungen und diplomatischer Missionen wurden unter denkbar schwierigen finanziellen Bedingungen und bei zahlreichen bürokrati­schen Hindernissen mehr als 43.000 bibliographische Einheiten zusammenge­tragen. In mühevoller Kleinarbeit, d.h. ohne moderne technische Hilfsmittel ent­stand zudem eines der umfangreichsten zeitgeschichtlichen Lateinamerika-Ar­chive in Deutschland.
Das Institut unterhält wissenschaftliche Beziehungen in ber 40 Länder. Wissen­schaftlerInnen weilten zu Studien- und Vortragsreisen sowie zur Ausbung von Gastdozenturen in den meisten Ländern des Subkontinents, in den USA und ver­schiedenen Staaten Ost-und Westeuropas. Die Sektion ist Mitglied der europäi­schen Lateinamerikanistenvereinigung CEISAL und hat den Antrag auf Auf­nahme in den deutschen Verband ADLAF gestellt. Einzelne HistorikerInnen ge­hören dem europäischen Fachverband AHILA an. Gäste aus zahlreichen Staaten besuchten das Institut. Seit die DDR in den 80er Jahren ihre schizophrene Ab­schottungspolitik schrittweise auflockerte, verbreiterten und vertieften sich auch die Kontakte zu KollegInnen im Westteil Deutschlands.

Keine absatzgerechte AbsolventInnenproduktion mehr

Schwerpunkt der Arbeit der Sektion ist die Ausbildung von StudentInnen, die immer einer breiten Interdisziplinarität Rechnung trug. Wie in der Planwirtschaft blich, wurde die Zahl der Immatrikulationen auf den voraussichtlichen Absatz von AbsolventInnen am Ende der fnfjährigen Studienzeit abgestimmt. Die be­grenzte Außenwelt der DDR erlaubte nur jedes zweite Jahr eine Einschreibung auf der Basis von Sprachprüfungen und Eignungsgesprächen. Von 1990 an sollte nun jährlich immatrikuliert werden. Der Numerus Clausus wurde abgeschafft. Bewerbungen aus den alten Bundesländern, in denen die Hörsäle aus den Näh­ten platzen, liegen bereits vor. Das Institut hat in den vergangenen Monaten eine umfassende Konzeption zur Neugestaltung des Studiums ausgearbeitet. Danach soll es zukünftig einen Hauptstudiengang (Lateinamerikastu­dien/Entwicklungspolitik), verschiedene Nebenstudiengänge mit vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten, ein postgraduales Studium und vielfältige Weiter­bildungsangebote geben. Da die Strukturkommission noch dar­ber zu entschei­den hat, soll hier nicht näher darauf eingegangen werden. Auf jeden Fall möchte das Institut an der bewährten Praxis festhalten, die StudentInnen frühzeitig und zielgerichtet in die Hochschulforschung einzube­ziehen; für diese Arbeit standen ihnen immer vorlesungsfreie Ausbildungsab­schnitte zur Verfügung. Wenn Kul­tusminister Oswald Wutzke eine „notwendige politische Säuberung“ und ein in allen Bundesländern vergleichbares akademi­sches Niveau fordert, kann ihm nur zugestimmt werden. Der demokratische Neubeginn kann jedoch nicht aus Pau­schalverurteilungen von der Landeshaupt­stadt Schwerin aus erwachsen. Ein „Abwicklungs“verfahren wird nicht mehr, sondern weniger Ehrlichkeit und Transparenz im Umgang miteinander schaffen. Es ignoriert die von innen und unten begonnenen Erneuerungsprozesse, schafft neue Anpassung, wo individu­elle Auseinandersetzung mit dem eigenen Op­portunismus, der eigenen Mitver­antwortung als Rädchen im Getriebe eines Sy­stems nottun wrde. Während es innerhalb der „abzuwickelnden“ Bereiche alle MitarbeiterInnen ber einen Kamm schert, verletzt es an den Hochschulen insge­samt das im Grundgesetz fixierte Gleichheitsgebot. So werden Bauernopfer be­nannt, so als ob es die vielzitierten „alten Seilschaften“ nur in ausgewählten Sek­tionen gegeben hätte.

Reform von innen ist möglich

Nicht um eine sentimental rückwärtsgewandte Kritik an geplanten und ohne Frage notwendigen strukturellen und personellen Veränderungen an den Hoch­schulen ging es in dem offenen Brief, der durch StudentInnen der Lateinameri­kanistik an Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker in Bonn bergeben wurde, bei ihren Gesprächen mit Ministern der Landesregierung und schließlich – in einem verzweifelten Zustand von Ohnmacht und Selbstzweifeln und keines­falls unberlegtem Revoluzzertum – bei ihrem Hungerstreik im Dezember. Sie klagten nicht mehr als die in einem Rechtsstaat notwendigen gleichen Bedingun­gen fr alle, Mitbestimmung und die Wahrung der Wrde des Menschen ein. Dabei waren die StudentInnen von anbeginn peinlich bemüht, nicht den Ein­druck zu erwecken, sie ließen sich vor einen Karren spannen, den sie nicht zu ziehen bereit waren. Als durch den „Abwicklungsbeauftragten“ festgelegt wurde, daß zur Absicherung der Ausbildung der „jetzt Studierenden“ am Lateinamerika-Institut 13 Feststellen verbleiben sollten, drückten die StudentInnen unmißver­ständlich aus, wen sie von den Lehrkräften für die fachlich besten und integer­sten halten und wen sie nicht weiter akzeptieren wollen. Im Ergebnis von ehr­lichen und in der Sache harten Auseinandersetzungen wurden diese Stellen an einen von ehemals vier Professoren, drei von fünf DozentInnen, vier von sechs OberassistentInnen, drei von zehn AssistentInnen und zwei von acht LehrerInnen im Hochschuldienst vergeben. Gewiß, diese personellen Konse­quenzen kamen spät, aber schließlich sind sie auch an die Vorgabe der künftigen Größe des Instituts gebunden. Doch viel wichtiger ist es, daß sie in der Tat von innen heraus geleistet wurden.

Beitrag zum Export der Weltrevolution?

Es bleibt die Frage, warum die Sektion Lateinamerikawissenschaften zu den Bau­ernopfern im Hochschulwesen Mecklenburg-Vorpommerns gehören soll. Fragt man nach, hört man vor allem, das Institut habe zum Export der Weltrevolution beitragen wollen. Es soll gar nicht in Abrede gestellt werden, daß solche und ähnliche Gedanken in den Köpfen einiger SED- und Staatsgrößen gespukt haben mögen, als im Angesicht der sozialen und nationalen Bewegungen in den Ent­wicklungsländern an der Wende zu den 60er Jahren die regionalwissenschaft­lichen Institute (neben der Rostocker Sektion die Afrika- und Nahostwissen­schaften in Leipzig, die Asienwissenschaften in Berlin und die Nordeuropawis­senschaften in Greifswald) gegründet wurden. Eigentlicher Hintergrund waren jedoch die zunehmenden kulturellen, kommerziellen und schließlich auch diplomatischen Beziehungen der DDR zu den Ländern der „Dritten Welt“. Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften mit breiten Regional- und Sprachkennt­nisssen wuchs beträchtlich. Kontakte zu staatlichen- und Parteiinstitutionen waren angesichts zahlreicher Auslandsverbindungen, der Ausrichtung von nationalen und internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen zu außenpo­litisch, außenwirtschaftlich, und kulturpolitisch relevanten Fragen, die allein durch die Gästeliste immer einen gewissen offiziellen Charakter hatten und da­durch in die Schlagzeilen kam, der Ausbildung von AbsolventInnen für staatlich- gesellschaftlichen Bereiche (nur im Ausnahmefall aber – ein weiteres Vorurteil – für den diplomatischen Dienst) und der mehr oder weniger vorausgesetzten – obgleich nie zwingend notwendigen – Parteimitgliedschaft der Lehrkräfte gege­ben. Hinzu kam sicherlich auch das subjektive Selbstverständnis die Völker Lateinamerikas auf dem Wege zu ihrer „zweiten, wahren Unabhängigkeit“ soli­darisch begleiten zu wollen. Die Sektion war jedoch immer eine rein universitäre Einrichtung und folglich auch nur dem Hochschulministerium unterstellt, nicht dem Außenministerium oder sogar dem Parteiapparat. Wenn behauptet wird, die Sektion habe Diversanten (was ist das? d.K.), Guerillas, Terroristen, o.ä. ausgebildet, ist dies böswillige Irreführung der Öffentlichkeit. In der gesamten Geschichte der Bil­dungseinrichtung waren lediglich ein polnischer, ein ungarischer und zwei bul­garische StudententInnen immatrikuliert. Die Hilfe des Instituts für Kuba und Nikaragua beschränkte sich auf Solidaritätsaktionen im Rahmen der Universität, z.B. lateinamerikanische Abende, deren Erlös gespendet wurde, Dolmetscherein­sätze von StudentInnen und jungen AssistentInnen in einem DDR-Krankenhaus in Managua und Vorträge und Gastlehrtätigkeit von MitarbeiterInnen im Hoch­schulwesen. Diese Unterstützung zur Rechtfertigung von „Säuberungs“aktionen anführen zu wollen, so die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ am 21.12.1990, „kann nur als barbarischer Akt bezeichnet werden“.

Die Sache mit den Reisen…

Wir haben in einem Land gelebt, in dem die Mehrheit der Bevölkerung einge­sperrt war. So mußte jedes Sprachstudium von StudentInnen in Havanna und jede Reise von MitarbeiterInnen der Lateinamerikanistik auch völlig verständlich Neid und Zorn hervorrufen, der teilweise bis heute nachwirkt. Es sollten jedoch drei Aspekte beachtet werden: Erstens gehört die unmittelbare Kenntnis Latein­amerikas und seiner Völker zum Berufsbild des Lateinamerikanisten. Davon hing der Grad der Sprachbeherrschung und letztendlich auch die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Arbeit ab. Sicher hat das Institut alle ihm gebotenen Mög­lichkeiten, die mit denen im „Westen“ nie vergleichbar waren, genutzt, man sollte es jedoch nicht für das geschlossene System des Stalinismus verantwortlich machen. Zweitens hat jeder, der eine Studienreise machen konnte, anschließend im Kreise seiner eigenen Familie, seiner Freunde und KommilitonInnen erlebt, wie schmerzhaft es ist, Eindrücke und Begeisterung nicht teilen zu können. Das freie Reisen für alle, unabhängig von vorherigem Wohlverhalten, und die unbe­spitzelte, persönliche Fortführung von Kontakten in die Gastländer wiegen in der Werteskala schwer. Und drittens darf nicht vergessen werden, daß Reisen auch innerhalb des Instituts ungleich verteilt waren, und dies keineswegs nur wegen der Leistung. Viele WissenschaftlerInnen haben das Land, ber das sie arbeiten, nie gesehen. Auch bei der Lateinamerikanistik gab es als „Reisekader“ gesperrte MitarbeiterInnen.
Gewiß waren auch die Regionalwissenschaften wie alle Geisteswissenschaften (und nicht nur sie!) marxistisch orientiert. Doch will man berhaupt eine Dif­ferenzierung in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Landschaft der ehema­ligen DDR vornehmen und eine Evaluierung nicht schlechthin zum Politikum werden lassen, kann diese nur zwischen denen erfolgen, die Marx zum Dogma verkommen ließen und Fakten nur passend zurecht bogen, um bereits vorher feststehende Schlußfolgerungen und Kategorien „illustrieren“ zu können; und jenen, die Marxismus als Methode verstanden und auch andere, moderne Strö­mungen der Philosphie und Gesellschaftstheorie zur Kenntnis nahmen und zu­mindest in die Lehre einbauten (Publikationen waren stärker der Zensur unter­worfen). Letzteren dürften schon früher Zweifel an der „real-sozialistischen“ Politik auch und gerade gegenber den Entwicklungländern, gekommen sein. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen Propaganda nach Parteivorgaben, wie sie im Bereich der DDR- und SED-Geschichte überwog (auch hier sind Pau­schalverurteilungen sicher fehl am Platz) und Wissenschaftlichkeit, wie man sie der Lateinamerikanistik bei allen notwendigen Differenzierungen bestätigen muß. Studienpastor Dietrich beobachtete diesen Differenzierungsprozeß schon vor Jahren. Was die StudentInnen der Sektion anbetrifft, so waren sie von jeher ein sehr kritisches Potential. Insbesondere in den Jahren der perestroika und glasnost‘ empfanden und artikulierten sie immer deutlicher und öffentlicher den augenscheinlichen Widerspruch zwischen offizieller Propaganda und erlebter Wirklichkeit in der DDR. Mit der Konsequenz, daß sich der Zentralrat der FDJ eigens in Rostock mit den renitenten Lateinamerikanistik-StudentInnen „beschäftigte“. Ohne den gewünschten Erfolg der „Einsicht“ und Katzbuckelei.
Die Rostocker WissenschaftlerInnen haben die Hoffnung auf den Fortbestand der traditionsreichen Institution nicht aufgegeben. Aber solange keine Entscheidung ber die Möglichkeit der Neuimmatrikulation gefallen ist und der Zustand all­gemeiner Verunsicherung andauert, dürfte sich kaum ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin auf größere, langfristige Forschungsvorhaben einlassen. Viele Wis­senschaftlerInnen, nicht zuletzt die talentierten jungen Leute, die für ein Viertel des Gehaltes ihrer westlichen KollegInnen und selbst nur ein Bruchteil dessen, was mancher Arbeiter und Arbeiterin in den neuen Bundesländern erhält, in der Hoffnung in Rostock geblieben sein, daß man gerade hier ihre Arbeit braucht und schätzt, würden dann gewiss verbittert weggehen. Sie finden auch in Eng­land, Frankreich oder den USA einen Markt. Die Zeit drängt, Solidarität ist ge­fragt.