Der lange Schatten des 5. April

Keiko – das geht nicht!“ Demo gegen Perus zukünftige Präsidentin Keiko Fujimori (Foto: FotosDeLucha Kevin Puelles C)

Um den Fujimorismus als politisches Phänomen von historischer Tragweite zu verstehen, muss man über aktuelle Entwicklungen in Lateinamerika hinaus blicken, in der Akteure wie Javier Milei in Argentinien oder Abelardo de la Espriella in Kolumbien einen raschen Einzug in die Politik schaffen. Die anstehende Machtübernahme des Fujimorismus in Peru ist die jüngste Entwicklung eines politisch-wirtschaftlichen Projekts, das seinen Ursprung im Staatsstreich von 1992 hat. Dieser wurde von Alberto Fujimori angeführt – dem Vater der nun zur Präsidentin gewählten Keiko Fujimori (siehe LN 605).

Wenige Wochen, nachdem er 1990 gewählt worden war, setzte Alberto Fujimori mitten in einer Wirtschaftskrise und während eines internen bewaffneten Konflikts eine der radikalsten neoliberalen Reformserien durch. Diese Privatisierungs- und Sparmaßnahmen wurden später als „Fujischock“ bekannt. Die Kampagne, die der ehemalige Präsident der Agraruniversität (UNALM) damals im Wahlkampf geführt hatte, wird von vielen Politikwissenschaftler*innen als populistisch bezeichnet. So bezog er sich auf in der peruanischen Gesellschaft marginalisierte Bevölke­rungsgruppen und positionierte sich rhetorisch gegen seinen Kontrahenten, den berühmte Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der für die traditionelle liberale Rechte kandidierte und den Fujimori als „den Kandidaten der Reichen“ bezeichnete.

Die Wirtschaftspolitik seiner Regierung wird nicht nur diejenigen überrascht haben, die für „El Chino“ gestimmt hatten, obwohl sie gegen diese Art von Reformen waren. Auch der Internationale Währungsfonds war überrascht. Fujimori sicherte sich so die Finanzkredite von internationalen Institutionen sowie ausländische Investitionen, mit denen er schließlich die hohe Inflation in der peruanischen Wirtschaft stabilisierte, gleichzeitig aber auch eine der dramatischsten sozialen Krisen in der Geschichte der Republik auslöste. Neben dieser neoliberalen Ausprägung auf wirtschaftlicher Ebene verfolgte der Fujimorismus auf politischer Ebene eine „harte Hand“ gegen Aufständische und etablierte seine Macht nachhaltig am 5. April 1992 mit der Auflösung des Kongresses und der Ausrufung des Ausnahmezustands.

Der Ausnahmezustand diente dazu, den staatlichen Sicherheitskräften Straffreiheit zu garantieren. Diese waren für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich, darunter Hunderttausende von Zwangssterilisationen, Verschleppungen und außergerichtliche Morde, für die sich Fujimori 17 Jahre später vor Gericht verantworten musste (siehe LN 408). Dass die Siegerpartei der Stichwahl am 7. Juni dieses Jahres, die Fujimoripartei Fuerza Popular (FP), die politischen Ideen des Fujimorismus vertritt, war von Anfang an klar. So berichtet die Tageszeitung La República, dass die Parteivorsitzende und Tochter des siebtkorruptesten Menschen der Geschichte, Keiko Fujimori, kurz nach dem ersten Wahlgang sagte, sie wolle Präsidentin werden, um „wie mein Vater zu regieren“. Aber wie ist es möglich, dass in Peru eine Partei zur größten politischen Kraft wird, die das Erbe einer blutigen Diktatur antritt?

„Der Fujimorismus ist nichts anderes als die peruanische Ausprägung des Neoliberalismus“, meint Colcan*, Mitglied der Kommunistischen Partei Perus, im Gespräch mit den LN. „Fast mehr noch als politische Idee hat es der Fujimorismus aber geschafft, sich als kulturelles Phänomen zu etablieren. Wenn man jemandem auf der Straße sagt, man sei Anhänger Fujimoris, wird dieser nicht unbedingt an eine neoliberale Wirtschaftsauffassung oder an religiösen Konservatismus denken – es ist eher wie das Trikot einer Fußballmannschaft“, erklärt Colcan. Die Fujimori-Bewegung habe zwar ihre Schlagkraft, dahinter aber stünden jene, die seit Jahren Institutionen an sich gerissen und bestochen haben, die von großen internationalen Banken finanziert werden und die direkte Unterstützung der US-Botschaft genießen. „Trotzdem haben sie erst im vierten Anlauf und mit 50,1 Prozent der Stimmen einen Sieg in der Stichwahl erreicht. Das ist kein Zeichen von Macht oder echtem Rückhalt in der Bevölkerung“, so Colcans Überzeugung.

Der Fujimorismus ist wie ein 
Fußballtrikot

Die Verbindungen der Fujimori-Partei zum organisierten Verbrechen und ihre illegalen Finanzierungswege sind in der Tat kein Geheimnis; Keiko Fujimori selbst befand sich während einer gegen sie laufenden Ermittlung wegen Geldwäsche 10 Tage lang in Untersuchungshaft. Die FP hatte außerdem illegale Finanzmittel in Höhe von bis zu 1,2 Millionen Dollar vom brasilianischen Konzern Odebrecht sowie rund vier Millionen Dollar in bar von Credicorp, der größten Finanzholding Perus, erhalten. Das konnte die Antikorruptionsbeobachtungsstelle der Katholischen Universität von Peru (PUCP) im Rahmen des regionalen Korruptionsskandals um Odebrecht nachweisen.

Daher sind auch für Keiko Fujimoris Regierungszeit Maßnahmen zu erwarten, die sowohl den Interessen der Eliten dienen, die die politische Agenda unterstützen, sowie den Interessen der transnationalen kapitalistischen Klasse: Deregulierung des Marktes, Sparmaßnahmen und die Aushöhlung der wenigen noch verbliebenen Sozialprogramme. Dies wird jedoch unter der Führung einer politischen Gruppierung geschehen, die nur äußerst geringe Zustimmung und Unterstützung in der Bevölkerung genießt. Ohnehin herrscht in der peruanischen Gesellschaft vor allem allgemeine Unzufriedenheit, die sich zuletzt Ende 2025 auch in massiven Demonstrationen entlud.

Im Kontext der politischen Krise, die diese Unzufriedenheit ausgelöst hat, haben in den vergangenen sechs Jahren sechs Präsidenten den Regierungspalast bezogen. Drei von ihnen wurden von der Legislative ihres Amtes enthoben. Der peruanische Kongress hat gemäß Artikel 113 der Verfassung die Befugnis, einen Staatschef wegen „moralischer Unfähigkeit“ ohne vorheriges Gerichtsverfahren seines Amtes zu entheben. Ursprünglich für Fälle körperlicher oder geistiger Unfähigkeit des Staatsoberhauptes gedacht, hat diese Maßnahme in der jüngeren peruanischen Politik eine beispiellose Bedeutung erlangt. Die mit dieser Begründung eingereichten Misstrauensanträge konzentrierten sich vor allem auf die zwei vergangenen Legislaturperioden: Zwischen 2016 und 2026 wurden 20 dieser Initiativen eingereicht. Es ist bezeichnend, dass diese Entwicklung zeitlich damit zusammenfällt, dass die FP zusammen mit nicht eindeutig positionierten Kräften der Mitte und der Mitte-rechts-Parteien seit den Wahlen von 2016 über eine Mehrheit im Kongress verfügt.

Unterdrückung durch politische 
Institutionen statt exzessive Gewalt

Seit Beginn der politischen Krise wurden so Gesetzesentwürfe und -beschlüsse durchgebracht, die abweichende Meinungen unter Strafe stellen, Polizeibeamten Amnestie und Immunität verschaffen und eine Umstrukturierung verschiedener Institutionen vorantreiben. Das Verfassungsgericht, bei dessen Richterwahl der Kongress das Sagen hat, und der peruanische Justizrat, in dem strukturelle Reformen vorangetrieben wurden, die dessen Autonomie schwächten, sind die sichtbarsten Beispiele dafür. Der Kongress stützt sich auf die Verfassung von 1993 – ein Grundgesetz, das nur ein Jahr nach dem Staatsstreich von Fujimori verfasst wurde. Das Parlament hatte somit in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit, ein sowohl politisches als auch wirtschaftliches Projekt zu etablieren, das zu Recht als Nachfolger des Regimes von Alberto Fujimori bezeichnet wird.

„Sie (die FP, Anm. d. Red.) wissen, dass sie jetzt, wo sie nach den Wahlen auch die Regierung übernehmen, keine exzessive Gewalt mehr brauchen, um abweichende Meinungen zu unterdrücken. Sie haben bereits alle Mittel, um diese Unterdrückung durch die Institutionen auszuüben“, meint Yaku. Sie gehört zur Brigade Yuyapuy, einer Gruppe von Aktivist*innen, die im Zuge der Protestbewegung von 2022/2023 als Netzwerk für solidarische Unterstützung und erste Hilfe bei Protesten entstanden ist. Sie und ihre Genoss*innen haben die Unterdrückung der Demonstrationen nach der Absetzung von Präsident Pedro Castillo (nachdem dieser die Auflösung des Kongresses angeordnet hatte, Anm. d. Red., siehe LN 587) im Dezember 2022 am eigenen Leib erlebt.

Fast 70 Menschen kamen dabei ums Leben (siehe LN 587). Es zeichnet sich die vollständige Machtübernahme einer Politik ab, die darauf abzielt, die wenigen positiven Maßnahmen für die Bevölkerung rückgängig zu machen, die soziale Bewegungen während einer Phase der Demokratisierung errungen haben. Diese Phase, die durch eine fragile und schlecht funktionierende Demokratie gekennzeichnet war, fand bereits vor zehn Jahren ein Ende: Das Jahr 2016 wird von verschiedenen Politikwissenschaftler*innen und internationalen Organisationen als Beginn der aktuellen politischen Krise angesehen. Doch der Widerstand gegen den antidemokratischen Trend hält an. Sowohl die breitere antifujimoristische Linke als auch die politische Gruppierung Gemeinsam für Peru, die bei den letzten Wahlen unter der Führung von Roberto Sánchez gegen die FP antrat, teilen die Sichtweise von Colcan und Yaku: Um ihr Leben und ihre Würde zu verteidigen, werden die Peruaner*innen gegen eine menschenfeindliche Ideologie kämpfen, die ihren eigenen Interessen unweigerlich zuwiderläuft.

„Mit der FP an der Spitze des Landes werden wir erleben, wie sich die Widersprüche des Systems verschärfen: Das Volk wird aus erster Hand erfahren, welche Bedingungen eine Regierung dieser Art mit sich bringt (…). Unsere Aufgabe wird es sein, deutlich zu machen, dass all dies eine Folge des Handelns der FP und der internationalen Rechten ist. Auf der Grundlage der Unzufriedenheit müssen wir in der Lage sein, die Menschen so zu organisieren und zu erreichen, wie es uns bisher noch nicht möglich war“, meint Colcan und behält den Optimismus des Willens bei: Der Widerstand gehe weiter, und wie im restlichen Abya Yala gebe es noch sehr viel zu tun.

*Aus Sicherheitsgründen werden die zitierten Personen nur mit Vornamen genannt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Kampf ums Budget

Bildung für die nächste Generation. Dozierende sollen höhere Löhne erhalten.
Mit Bleistiften gegen Autoritarismus und Kürzungen (Fotos von Lourdes Alfonso)

São Paulo beherbergt einige der bedeutendsten Universitäten Brasiliens: die Schwesteruniversitäten Universidade Estadual Paulista (Unesp), Universidade Estadual de Campinas (Unicamp) und die Universidade de São Paulo (USP). Letztere gilt laut der britischen Times Higher Education als beste Universität Lateinamerikas. Doch selbst an den besten Universitäten der Welt leiden Studierende unter mangelnder Infrastruktur und unzureichender Unterstützung. Am 11. Mai stürzte in der Bibliothek der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität São Paulo die Decke nach einem Regen teilweise ein, wodurch ein Teil des Bestands verloren ging. Die studentischen Interessenvertretungen berichten über Insekten und Larven im Essen, eine Beeinträchtigung der Ernährungssicherheit auf den Campus. Zudem veröffentlichte die Folha de São Paulo, eine traditionsreiche Zeitung aus São Paulo, eine Fotoreihe, welche die deutliche Verelendung der Studierendenwohnheime zeigt: Gebäude mit Rissen, Pilzbefall und fehlenden Feuerlöschern. Diese Prekarisierung ist einer der Gründe, warum die Studierenden der drei staatlichen Universitäten in São Paulo streiken. Die Hauptforderung betrifft die sogenannte Studierendenverbleibspolitik, also die strukturellen Bedingungen und Dienstleistungen, die Universitäten bereitstellen müssen, um Abbrüche zu minimieren.

„Auf die Einführung von Quotenpolitik vor einigen Jahren war die Universität nicht vorbereitet und konnte die Studierenden nicht in angemessener Qualität aufnehmen“, erklärt der Geschichtsstudent Pedro Chiquitti, Mitglied des Kollektivs Juntos! sowie des Diretório Central dos Estudantes (DCE Livre da USP, Zentraler Studierendenrat) der USP, gegenüber LN.
Zur Demokratisierung des Hochschulsystems wurde 2012 das Quotengesetz in Brasilien eingeführt und schrittweise an den Universitäten umgesetzt. Das Quotensystem berücksichtigt bei den Universitätszulassungen nicht nur die ethnische Zugehörigkeit, sondern auch Schüler*innen aus einkommensschwachen Familien und öffentlichen Schulen und stellt sicher, dass ein bestimmter Prozentsatz der Studienplätze für diese Gruppe reserviert wird. An der Universidade de São Paulo lag der Anteil Schwarzer und Indigener Studierender 2010 bei nur 6 Prozent, stieg jedoch bis 2019 auf 25 Prozent. Die aktuelle Herausforderung hat tief verwurzelte historische Ursachen in Brasilien. Öffentliche Hochschulbildung war über viele Jahre hinweg stark elitär geprägt. Die komplexen und wissensbasierten Aufnahmeprüfungen verlangten hohe Punktzahlen, was Studierende ausschloss, die keinen Zugang zu privilegierten, oft privaten Schulen hatten. Dies führte zu einem elitären und überwiegend weißen Hochschulsystem, das sich wiederum in besseren Arbeits- und Einkommenschancen für diese Gruppe widerspiegelte.

Bildung wird nicht verkauft!

Die Bewegung der Studierenden steht in direktem Zusammenhang mit dem studentischen Wohlbefinden und zugleich mit der Sicherung öffentlicher Politiken, welche die Universität demo­kratisieren. An der USP ist die Hauptforderung, das Einkommensförderprogramm für einkommensschwache Studierende der Universität von 885 Real auf 1.804 Real (in Euro: von 150 Euro auf 307 Euro) anzupassen. An der Unesp umfassen die Forderungen unter anderem die Ausweitung der Transportbeihilfe für Studierende sowie die Einstellung weiterer Lehrkräfte und weiteren Verwaltungspersonals. An der Unicamp ist die Einführung einer Zugangsquote für trans Personen eine zentrale Forderung als Antwort auf die geringe Präsenz von trans Personen an brasilianischen Universitäten, deren Anteil an der Studierendenschaft auf etwa 0,3 Prozent geschätzt wird. Rund 39 Universitäten in Brasilien verfügen bereits über entsprechende Quotenregelungen.


Reiche besteuern für eine
hochwertige Bildung

„Das Ende des Streiks wird durch die Verhandlungen bestimmt, die wir gemeinsam mit der Universitätsleitung führen“, sagt Chiquitti. Die bisherigen Verhandlungen verliefen jedoch kompromisslos. Die Universitätsleitung reagierte lediglich mit einer minimalen Erhöhung von 27 Real im Studierendenförderprogramm, begründet mit Budgetbeschränkungen. Die Finanzlage sorgt auch bei der Lehrer*innenschaft für Sorge. Die Associação de Docentes da Universidade de São Paulo (Adusp, Dozent*innenverband der Universität São Paulo) warnte vor den Entwicklungen der Hochschulfinanzierung. Zusammenfassend stammen die Mittel der drei Universitäten (USP, Unesp und Unicamp) aus einem Anteil der Konsumsteuer des Bundesstaates São Paulo, der Steuer auf den Umlauf von Waren und Dienstleistungen (ICMS), vergleichbar mit der Mehrwertsteuer in Deutschland.
Von dieser Steuer werden 9,57 Prozent an die drei Universitäten verteilt. Dieser feste Prozentsatz ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe gewerkschaftlicher Gruppen im öffentlichen Dienst, erkämpft am Ende der 1980er Jahre. Durch die 2024 vom Nationalkongress verabschiedete Steuerreform soll der ICMS jedoch schrittweise durch eine neue Steuer ersetzt werden, wobei bislang nicht garantiert ist, dass die Universitäten weiterhin den gleichen Anteil an Mitteln erhalten.

Ursula Dias Peres, Professorin für Öffentliche Haushalte im Studiengang Public Policy Management an der USP, analysiert: „Die brasilianische Steuerstruktur hatte stets eine wachstumshemmende Tendenz, war eine permanente Quelle föderativer Konflikte durch den Steuerwettbewerb zwischen Bundesstaaten und Gemeinden und hatte einen stark regressiven Effekt auf die Einkommensverteilung. Wir müssen in den zweiten Teil der Steuerreform gehen, mit einer stärkeren Besteuerung der reichsten 10 Prozent des Landes, da wir eines der ungleichsten Länder der Welt sind. Der Kampf um die Rechte von Studierenden an brasilianischen Universitäten ist also eng mit der Besteuerung der reichsten Prozent verbunden ist. Besteuerung wird hier zu einem zentralen Instrument, um die Demokratisierung des Hochschulsystems und die Aufrechterhaltung der Spitzenqualität der Universitäten in São Paulo zu gewährleisten.

Die Universität ist nicht verhandelbar!

Massive Mobilisierungen in vielen Städten Argentiniens

Auch in Argentinien gehen Studierende auf die Straße. Am 12. Mai fand in Argentinien eine landesweite Mobilisierung statt. In Städten wie Córdoba, Buenos Aires, Rosario, Santa Fé und Mendoza forderten über 1,5 Millionen Menschen ein Ende der Haushaltskürzungen für Universitäten. Die Aktion ist Teil der Marcha Federal Universitaria, (Bundesweiter Universitätsprotest), Mobilisierungen, die seit 2024 Studierende, Lehrkräfte und Universitätsbeschäftigte zusammenbringen, nachdem die Exekutive beschlossen hatte, kein neues Budget für die Hochschulbildung 2024 vorzulegen und stattdessen das Budget des Vorjahres beizubehalten. Die zentrale Forderung bei der vierten großen Demonstration im Mai 2026 ist die Umsetzung des Universitätsfinanzierungsgesetzes mit zwei Kernpunkten: die Anpassung der Mittel für die Hochschulbildung und der Gehälter von Lehrkräften und Verwaltungspersonal an die Inflation. Das Gesetz erlebte ein politisches Tauziehen: Es wurde am 21. August 2025 vom Kongress verabschiedet, im September legte jedoch die Exekutive ein Veto ein. Der Kongress hob das Veto am 2. Oktober erneut auf. Am 21. desselben Monats erließ Milei ein Dekret, das die Umsetzung des Gesetzes aussetzt, bis der Kongress die Budgetmittel zur Durchführung festlegt. Daraufhin reichte die argentinische Hochschulgemeinschaft Klage ein, sodass ein Bundesgericht die Exekutive zur sofortigen Umsetzung des Gesetzes verpflichtete.

Gehälter unterhalb der Armutsgrenze


Laut dem Argentinischen Zentrum für politische Ökonomie (CEPA) führt das Fehlen inflationsgerechter Gehaltsanpassungen zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der Beschäftigten an öffentlichen Universitäten: Ein Teil der Lehrkräfte sowie das gesamte Verwaltungspersonal erhalten inzwischen Gehälter unterhalb der Armutsgrenze, mit starkem Kaufkraftverlust und direkter Beeinträchtigung der Lebensqualität. Diese Situation beunruhigt nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Studierende: „Ich bin heute hier, weil ein Gesetz nicht eingehalten wird und weil das, was in Argentinien passiert, verfassungs­widrig ist. Wir sind hier, um das gegenüber einer Regierung zu verteidigen, die Lehrkräfte ständig angreift, und ich möchte nicht, dass die Menschen, die mich unterrichten, unterhalb der Armutsgrenze bezahlt werden“, sagt Jazmín, Studentin der Universidad Nacional de las Artes in Buenos Aires. gegenüber LN.

Gegen die Regierung von Milei wird demonstriert.

Von Brasilien bis Argentinien kämpfen Studierende weiterhin für das Recht, bei der Verteilung staatlicher Haushaltsmittel angemessen berücksichtigt zu werden. Doch es geht auch um das Recht auf eine würdevolle Zukunft der nächsten Generationen. „Ich bin mit meiner Tochter gekommen, auch damit sie eine Chance auf Bildung hat“, erklärte eine Unterstützerin der Demonstration in Argentinien. In brasilianischer Solidarität mit Argentinien ergänzt Chiquitti: „Wir hoffen sehr, dass der Kampf der Jugend, der Studierendenbewegung hier in São Paulo und in Argentinien Millionen von Studierenden und junge Menschen ansteckt, nicht nur in Lateinamerika, sondern weltweit. Das soll zeigen, dass die Jugend nicht das Zukunftsmodell akzeptieren wird, das uns verkauft wird: ein neoliberales Zukunftsmodell der individuellen Selbstverantwortung, des ‚Jeder gegen jeden‘, der Privatisierung und der Prekarisierung unserer Zukunft.“


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren