
70 Tage vor der FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer, die neben den USA und Kanada auch in Mexiko stattfindet, tauchen immer mehr Wandbilder in der Umgebung des renovierten, in Estadio Banorte umbenannten Azteken-Stadions in Mexiko-Stadt auf: „Ein Dach über dem Kopf ist ein Menschenrecht“, „Es gibt kein sauberes Spiel auf geraubtem Land“ oder „Nein zur Weltmeisterschaft der Ausbeutung“. Die Slogans sind Ausdruck des Protests gegen Gentrifizierung, gegen die Verdrängung von Straßenverkäufer*innen vor den Stadien, den Diebstahl von Wasser für Baustellen und die Militarisierung im Kontext der WM. Diverse Kollektive und Organisationen rufen zu der Kampagne ANTIfiFA auf: Anwohner*innen der betroffenen Stadtviertel, Indigene Komitees, Menschenrechtsorganisationen und Fußballbegeisterte. Denn auch das Spiel wird zum Widerstand: Auf dem zentralen Zócalo oder unter den Brücken vor dem Stadion wurden auf improvisierten Spielfeldern bereits Tore geschossen, unter anderem auch mit Plastikköpfen des US-Präsidenten Donald Trump gespielt. „Coapa resiste” (Coapa widersteht) steht auf dem improvisierten Ball. Das historische Stadtviertel Coapa, nahe dem Bezirk Tlalpan, liegt in der Nähe der Aztekenarena.
International wird wenig über die negativen Folgen des Turniers der FIFA für die lokale Bevölkerung berichtet, die in Mexiko keine Steuern auf die generierten Einnahmen zahlen wird. Bedenken hegte man eher bezüglich der angespannten Sicherheitslage für die Tourist*innen. Gerade im Chaos nach der Tötung des Chefs des Jalisco Nueva Generación-Kartells Ende Februar wurde auch hierzulande die Frage aufgeworfen, ob die WM planmäßig stattfinden könne. Dass die Menschen vor Ort seit Jahrzehnten unter der brutalen Gewalt der Organisierten Kriminalität leiden, die oftmals mit korrupten staatlichen Akteuren verstrickt ist, blieb höchstens eine Randnotiz.
Dabei ist die Gewalt nicht neu und wird durch den Tod eines Kartell-Vorsitzenden nicht beendet. Die Madres buscadoras (suchende Mütter) erheben innerhalb der Proteste gegen die WM einmal mehr ihre Stimme: „Spielt nicht mit unserem Schmerz“. Die Familienangehörigen der Verschwundenen suchen überall im Land nach über hunderttausend verschwunden gelassenen Menschen. Nur 20 Kilometer vom künftigen WM-Stadion in Guadalajara im Bundesstaat Jalisco entfernt, entdeckte ein Suchkollektiv Massengräber.
Hotels, auf Mangroven und Dschungeln gebaut
Parallel dazu stellte Mexiko vom 3. bis zum 5. März dieses Jahres auf dem Berliner Messegelände ausgerechnet den Bundesstaat Jalisco in den Mittelpunkt, als zum sechzigsten Mal die weltweit größte Internationale Tourismus-Börse (ITB) in der deutschen Hauptstadt gefeiert wurde. Das Design des mexikanischen Standes zierten bunte Fußbälle und große Tequila-Flaschen. Im November 2026 soll erstmals in Guadalajara ein offizieller Ableger der ITB auf dem amerikanischen Kontinent stattfinden. Längst geht es dann nicht mehr um die FIFA-WM, sondern um die Vermarktung weiterer (touristischer) Megaprojekte im ganzen Land. Überall bedeuten sie Ausbeutung und Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und die Vernichtung von Kulturen, Territorien und Geschichte(n).
Das Maya-Gemeindezentrum U kúuchil k Ch’i’ibalo’on aus Südmexiko veröffentlichte zum Start der ITB eine umfassende Erklärung: „Seit sechzig Jahren werden die Gebiete der Welt über die Tourismusmesse ITB Berlin vermarktet. Wieder einmal setzt sich der unersättliche Kapitalismus die Maske des Entdeckers, des Reisenden, des Besuchers, des Touristen auf. Der Kapitalismus, der in Privatflugzeugen, auf Yachten und Kreuzfahrtschiffen reist, der in Hotels übernachtet, die auf Mangroven und Dschungeln gebaut sind; der Kapitalismus, der Euro- und Dollarkrümel dort verstreut, wo die Menschen Würde fordern. Der Kapitalismus, der sich an den Stränden sonnt, dort, wo die Fischer*innen früher gemeinsam arbeiteten und heute nur noch Diener*innen in einem System sind, das diese Menschen verachtet und sie als Clowns für diesen Tourismuskapitalismus benutzt; wo Trinkgelder verschenkt werden, als würde man Essensreste in den Müll werfen. Von dem Maya-Gebiet Mexikos aus verurteilen wir erneut die Gräueltaten, die im Namen des Tourismus und dieses Wirtschaftsmodells begangen werden. Wir verurteilen die Zerstörung unserer Wälder, die Militarisierung der Territorien, die Zunahme von Gewalt und Kriminalität, die Enteignung unserer Bevölkerung und die Durchsetzung von Megaprojekten.“

Gazas „Riviera des Nahen Ostens“ der Höhepunkt des Zynismus der Reiseindustrie
Zu diesen Megaprojekten zählt in Südmexiko unter anderem der sogenannte Maya-Zug (siehe LN 608). Seit Jahren leistet das Gemeindezentrum mit vielen anderen, vor allem Indigenen Organisationen, Widerstand gegen die koloniale, neoliberale Neuordnung ihres Territoriums. Dem mit Energieanlagen, Straßen, (Flug-)Häfen und Immobilienkomplexen einhergehenden und stark militarisierten Infrastrukturnetz fallen Regenwälder und Mangroven zum Opfer. Die Rechte der Gemeinden werden verletzt, prekäre Lohnarbeitsverhältnisse nehmen zu und die Gewalt durch die Organisierte Kriminalität steigt an. Aus Deutschland hatte sich zuerst die Deutsche Bundesbahn (DB) an dem Vorhaben beteiligt, seit diesem Jahr verkauft der Konzern FLIX Tickets für den Maya-Zug. Auch auf der ITB in Berlin wird er beworben.
Doch am zweiten Tag der ITB hängt ein Banner im aufgestellten Foto-Rahmen, in dem Besucher*innen sich für Selfies in Szene setzen können, vor dem Haupteingang der Messe Berlin: „ITB 60 ahre Komplizenschaft: Umweltzerstörung, Vertreibung, Gewalt und Mord in Mexiko und Überall“. In ausgelegten Flyern mit dem ANTIfiFA-Motiv der Fußball spielenden Schildkröte wird nicht allein auf die negativen Folgen der FIFA-WM oder des Maya-Zugs verwiesen: „Auf allen Kontinenten dient der Tourismus nicht nur den wirtschaftlichen Interessen der Airlines, Hotelketten, Baufirmen oder der Mafia, sondern auch der Regierungen. Autoritäre Staaten können sich im Tourismus und den Hochglanzprospekten voller Pools und Cocktails außerdem ihr Image reinwaschen. So etwa in El Salvador, wo der brutale und autoritäre Diktator trotz Menschenverachtung und Naturzerstörung dank neuer Megaprojekte – wie dem auf Mangroven errichteten Flughafen Aeropuerto del Pacífico – einen Höchststand an touristischen Besuchen feiern kann. Auch in der Dominikanischen Republik werden Rekordzahlen verzeichnet, während Indigene Gemeinschaften gegen die Angriffe auf ihr Land protestieren. Ein besonders perfider Ausdruck der kolonial-kapitalistischen Logiken ist dieser Tage der Plan einer „Riviera des Nahen Ostens“ im Gaza-Streifen, die zynische Vorstellung von Luxus-Ressorts auf den Trümmern des Genozids. Ein weiteres Beispiel unter vielen ist Marokko: Während die koloniale Besetzung der Westsahara anhält, kann man sich auf der ITB als „Königreich des Lichtes“ zelebrieren.“

Starke, solidarische Bewegung hält den Widerstand aufrecht
Eine Kundgebung der Solidarität gegen die Kolonialisierung der Westsahara stand am 4. März ebenfalls vor den Toren der ITB in Berlin. Schnell solidarisierte man sich hier mit den Stimmen gegen die FIFA-WM, den Maya-Zug und den neuen Ableger der Tourismusmesse in Mexiko. Denn der Ruf der Suchenden Mütter hallt weit über den Protest vor den mexikanischen Stadien hinaus, wo sich zum Testspiel im umgebauten Stadion in Mexiko-Stadt am 29. März ein Großaufgebot der Polizei protestierenden Fußball-Begeisterten außerhalb der Arena und ihrer Kundgebung gegen die FIFA entgegenstellte: „Während der Tourismus-, Besucher- und Reisekapitalismus Tor schreit, werden Tausende von Familien um ihre Verschwundenen weinen, denn hinter der Weltmeisterschaft stehen die Gräber unserer Toten“, hieß es auf der Demonstration.
Das internationale Netzwerk Permanecer en lTierra/ Stay Grounded (auf dem Boden bleiben) veröffentlichte am selben Tag ein Statement in Solidarität mit den Kundgebungen: „Was heute in Mexiko-Stadt geschieht, ist kein Einzelfall, sondern Teil eines umfassenderen Prozesses der Touristifizierung und Gentrifizierung, der Gebiete in Ware verwandelt. Unter dem Vorwand großer internationaler Veranstaltungen werden Städte für den Konsum umgestaltet, die Lebenshaltungskosten steigen, die angestammte Bevölkerung wird verdrängt und das soziale Gefüge, das das Gemeinschaftsleben stützt, zerbricht. Dieses Modell verwandelt ganze Stadtviertel in Investitionsgebiete, vertreibt ihre Bewohner*innen und definiert den öffentlichen Raum neu als Schaufenster im Dienste des Kapitals.“
Die Neuordnung ganzer Territorien im Dienste des Kapitals trifft dabei vor allem auch die ländlichen Regionen. Noch am 5. März, dem letzten Tag der ITB, wurden im südmexikanischen Guerrero zwei Mitglieder des Consejo Indígena y Popular de Guerrero-Emiliano Zapata (Indigener Volksrat von Guerrero-Emiliano-Zapata, CIPOG-EZ) von paramilitärischen Einheiten erschossen. Seit Jahren wird der CIPOG-EZ für seine Arbeit zur Verteidigung des Territoriums kleinbäuerlicher, Indigener Gemeinden angegriffen. Bereits im Januar dieses Jahres kündigten sie an, ihren Protest im Vorfeld der WM 2026 zu intensivieren. Denn nicht nur weinen werden die Verteidiger*innen des Lebens während der WM und überall auf der Welt, sondern auch Widerstand leisten, ob mit oder ohne Fußball














