Im Stadion Jubel, draußen Massengräber

Evento global, Desalojo local! „Slogans sind Ausdruck des Protests gegen Gentrifizierung, gegen die Verdrängung von Straßenverkäufer*innen vor den Stadien, den Diebstahl von Wasser für Baustellen und die Militarisierung im Kontext der WM” (Foto von Regina López de Avispa Midia)

70 Tage vor der FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer, die neben den USA und Kanada auch in Mexiko stattfindet, tauchen immer mehr Wandbilder in der Umgebung des renovierten, in Estadio Banorte umbenannten Azteken-Stadions in Mexiko-Stadt auf: „Ein Dach über dem Kopf ist ein Menschenrecht“, „Es gibt kein sauberes Spiel auf geraubtem Land“ oder „Nein zur Weltmeisterschaft der Ausbeutung“. Die Slogans sind Ausdruck des Protests gegen Gentrifizierung, gegen die Verdrängung von Straßenverkäufer*innen vor den Stadien, den Diebstahl von Wasser für Baustellen und die Militarisierung im Kontext der WM. Diverse Kollektive und Organisationen rufen zu der Kampagne ANTIfiFA auf: Anwohner*innen der betroffenen Stadtviertel, Indigene Komitees, Menschenrechtsorganisationen und Fußballbegeisterte. Denn auch das Spiel wird zum Widerstand: Auf dem zentralen Zócalo oder unter den Brücken vor dem Stadion wurden auf improvisierten Spielfeldern bereits Tore geschossen, unter anderem auch mit Plastikköpfen des US-Präsidenten Donald Trump gespielt. „Coapa resiste” (Coapa widersteht) steht auf dem improvisierten Ball. Das historische Stadtviertel Coapa, nahe dem Bezirk Tlalpan, liegt in der Nähe der Aztekenarena.

International wird wenig über die negativen Folgen des Turniers der FIFA für die lokale Bevölkerung berichtet, die in Mexiko keine Steuern auf die generierten Einnahmen zahlen wird. Bedenken hegte man eher bezüglich der angespannten Sicherheitslage für die Tourist*innen. Gerade im Chaos nach der Tötung des Chefs des Jalisco Nueva Generación-Kartells Ende Februar wurde auch hierzulande die Frage aufgeworfen, ob die WM planmäßig stattfinden könne. Dass die Menschen vor Ort seit Jahrzehnten unter der brutalen Gewalt der Organisierten Kriminalität leiden, die oftmals mit korrupten staatlichen Akteuren verstrickt ist, blieb höchstens eine Randnotiz.


Dabei ist die Gewalt nicht neu und wird durch den Tod eines Kartell-Vorsitzenden nicht beendet. Die Madres buscadoras (suchende Mütter) erheben innerhalb der Proteste gegen die WM einmal mehr ihre Stimme: „Spielt nicht mit unserem Schmerz“. Die Familienangehörigen der Verschwundenen suchen überall im Land nach über hunderttausend verschwunden gelassenen Menschen. Nur 20 Kilometer vom künftigen WM-Stadion in Guadalajara im Bundesstaat Jalisco entfernt, entdeckte ein Suchkollektiv Massengräber.

Hotels, auf Mangroven und Dschungeln gebaut


Parallel dazu stellte Mexiko vom 3. bis zum 5. März dieses Jahres auf dem Berliner Messegelände ausgerechnet den Bundesstaat Jalisco in den Mittelpunkt, als zum sechzigsten Mal die weltweit größte Internationale Tourismus-Börse (ITB) in der deutschen Hauptstadt gefeiert wurde. Das Design des mexikanischen Standes zierten bunte Fußbälle und große Tequila-Flaschen. Im November 2026 soll erstmals in Guadalajara ein offizieller Ableger der ITB auf dem amerikanischen Kontinent stattfinden. Längst geht es dann nicht mehr um die FIFA-WM, sondern um die Vermarktung weiterer (touristischer) Megaprojekte im ganzen Land. Überall bedeuten sie Ausbeutung und Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und die Vernichtung von Kulturen, Territorien und Geschichte(n).

Das Maya-Gemeinde­zentrum U kúuchil k Ch’i’ibalo’on aus Südmexiko veröffentlichte zum Start der ITB eine umfassende Erklärung: „Seit sechzig Jahren werden die Gebiete der Welt über die Tourismusmesse ITB Berlin vermarktet. Wieder einmal setzt sich der unersättliche Kapitalismus die Maske des Entdeckers, des Reisenden, des Besuchers, des Touristen auf. Der Kapitalismus, der in Privat­flugzeugen, auf Yachten und Kreuzfahrtschiffen reist, der in Hotels übernachtet, die auf Mangroven und Dschungeln gebaut sind; der Kapitalismus, der Euro- und Dollarkrümel dort verstreut, wo die Menschen Würde fordern. Der Kapitalismus, der sich an den Stränden sonnt, dort, wo die Fischer*innen früher gemeinsam arbeiteten und heute nur noch Diener*innen in einem System sind, das diese Menschen verachtet und sie als Clowns für diesen Tourismuskapitalismus benutzt; wo Trinkgelder verschenkt werden, als würde man Essensreste in den Müll werfen. Von dem Maya-Gebiet Mexikos aus verurteilen wir erneut die Gräueltaten, die im Namen des Tourismus und dieses Wirtschaftsmodells begangen werden. Wir verurteilen die Zerstörung unserer Wälder, die Militarisierung der Territorien, die Zunahme von Gewalt und Kriminalität, die Enteignung unserer Bevölkerung und die Durchsetzung von Megaprojekten.“

Protestschriften gegen die ITB Aktivist*innen protestieren vor der Messe in Berlin (Foto: Recherche AG)

Gazas „Riviera des Nahen Ostens“ der Höhepunkt des Zynismus der Reise­­industrie

Zu diesen Megaprojekten zählt in Südmexiko unter anderem der sogenannte Maya-Zug (siehe LN 608). Seit Jahren leistet das Gemeindezentrum mit vielen anderen, vor allem Indigenen Organisationen, Widerstand gegen die koloniale, neoliberale Neuordnung ihres Territoriums. Dem mit Energieanlagen, Straßen, (Flug-)Häfen und Immobilienkomplexen einhergehenden und stark militarisierten Infrastrukturnetz fallen Regenwälder und Mangroven zum Opfer. Die Rechte der Gemeinden werden verletzt, prekäre Lohnarbeits­verhältnisse nehmen zu und die Gewalt durch die Organisierte Kriminalität steigt an. Aus Deutschland hatte sich zuerst die Deutsche Bundesbahn (DB) an dem Vorhaben beteiligt, seit diesem Jahr verkauft der Konzern FLIX Tickets für den Maya-Zug. Auch auf der ITB in Berlin wird er beworben.


Doch am zweiten Tag der ITB hängt ein Banner im aufgestellten Foto-Rahmen, in dem Besucher­*innen sich für Selfies in Szene setzen können, vor dem Haupteingang der Messe Berlin: „ITB 60 ahre Komplizenschaft: Umweltzerstörung, Vertreibung, Gewalt und Mord in Mexiko und Überall“. In ausgelegten Flyern mit dem ANTIfiFA-Motiv der Fußball spielenden Schildkröte wird nicht allein auf die negativen Folgen der FIFA-WM oder des Maya-Zugs verwiesen: „Auf allen Kontinenten dient der Tourismus nicht nur den wirtschaftlichen Interessen der Airlines, Hotel­ketten, Baufirmen oder der Mafia, sondern auch der Regierungen. Autoritäre Staaten können sich im Tourismus und den Hochglanzprospekten voller Pools und Cocktails außerdem ihr Image reinwaschen. So etwa in El Salvador, wo der brutale und autoritäre Diktator trotz Menschenverachtung und Naturzerstörung dank neuer Megaprojekte – wie dem auf Mangroven errichteten Flughafen Aeropuerto del Pacífico – einen Höchststand an touristischen Besuchen feiern kann. Auch in der Dominikanischen Republik werden Rekordzahlen verzeichnet, während Indigene Gemeinschaften gegen die Angriffe auf ihr Land protestieren. Ein besonders perfider Ausdruck der kolonial-kapitalistischen Logiken ist dieser Tage der Plan einer „Riviera des Nahen Ostens“ im Gaza-Streifen, die zynische Vorstellung von Luxus-Ressorts auf den Trümmern des Genozids. Ein weiteres Beispiel unter vielen ist Marokko: Während die koloniale Besetzung der Westsahara anhält, kann man sich auf der ITB als „Königreich des Lichtes“ zelebrieren.“

A mi no me meten gol! „Es gibt kein sauberes Spiel auf geraubtem Land“ (Foto von Regina López de Avispa Midia)

Starke, solidarische Bewegung hält den Widerstand aufrecht


Eine Kundgebung der Solidarität gegen die Kolonialisierung der Westsahara stand am 4. März ebenfalls vor den Toren der ITB in Berlin. Schnell solidarisierte man sich hier mit den Stimmen gegen die FIFA-WM, den Maya-Zug und den neuen Ableger der Tourismusmesse in Mexiko. Denn der Ruf der Suchenden Mütter hallt weit über den Protest vor den mexikanischen Stadien hinaus, wo sich zum Testspiel im umgebauten Stadion in Mexiko-Stadt am 29. März ein Großaufgebot der Polizei protestierenden Fußball-Begeisterten außerhalb der Arena und ihrer Kundgebung gegen die FIFA entgegenstellte: „Während der Tourismus-, Besucher- und Reisekapitalismus Tor schreit, werden Tausende von Familien um ihre Verschwundenen weinen, denn hinter der Weltmeisterschaft stehen die Gräber unserer Toten“, hieß es auf der Demonstration.

Das internationale Netzwerk Permanecer en lTierra/ Stay Grounded (auf dem Boden bleiben) veröffentlichte am selben Tag ein Statement in Solidarität mit den Kundgebungen: „Was heute in Mexiko-Stadt geschieht, ist kein Einzelfall, sondern Teil eines umfassenderen Prozesses der Touristifizierung und Gentrifizierung, der Gebiete in Ware verwandelt. Unter dem Vorwand großer internationaler Veranstaltungen werden Städte für den Konsum umgestaltet, die Lebenshaltungskosten steigen, die angestammte Bevölkerung wird verdrängt und das soziale Gefüge, das das Gemeinschaftsleben stützt, zerbricht. Dieses Modell verwandelt ganze Stadtviertel in Investitionsgebiete, vertreibt ihre Bewohner*innen und definiert den öffentlichen Raum neu als Schaufenster im Dienste des Kapitals.“

Die Neuordnung ganzer Territorien im Dienste des Kapitals trifft dabei vor allem auch die ländlichen Regionen. Noch am 5. März, dem letzten Tag der ITB, wurden im südmexikanischen Guerrero zwei Mitglieder des Consejo Indígena y Popular de Guerrero-Emiliano Zapata (Indigener Volksrat von Guerrero-Emiliano-Zapata, CIPOG-EZ) von paramilitärischen Einheiten erschossen. Seit Jahren wird der CIPOG-EZ für seine Arbeit zur Verteidigung des Territoriums kleinbäuerlicher, Indigener Gemeinden angegriffen. Bereits im Januar dieses Jahres kündigten sie an, ihren Protest im Vorfeld der WM 2026 zu intensivieren. Denn nicht nur weinen werden die Verteidiger*innen des Lebens während der WM und überall auf der Welt, sondern auch Widerstand leisten, ob mit oder ohne Fußball


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KEIN DEUTSCHER TRAUM

Deutschland braucht Migrant*innen für seinen Arbeitsmarkt, so bekräftigen Unternehmensverbände und Bundesregierung es immer wieder. In Lateinamerika rühren private Akteure, deutsche Medien und Ministerien die Werbetrommel. Besonders im Gesundheitssektor sollen lateinamerikanische Fachkräfte für die Besetzung dringend benötigter Stellen sorgen – doch die Aussage von Max Frisch aus dem Jahr 1965 ist weiter aktuell: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ „Als Schwarze Person muss ich mich hier in Deutschland dreifach anstrengen, um genauso wahrgenommen zu werden, wie alle anderen”, sagt Hugo Mosquera. Der gebürtige Kolumbianer sitzt in einem Café in Berlin. Gerade ist seine Schicht als medizinischer Fachangestellter in der Praxis zu Ende, er wirkt glücklich. Nach sieben Jahren in Deutschland ist er endlich an einem Ort, an dem man ihn wertschätzt und hat eine Arbeit, von der er leben kann. Das war nicht immer so.

Mosquera, der in Kolumbien Architekturdesign studiert hatte, kam 2018 nach Deutschland. Hier schaffte er es nicht in diesem Beruf Fuß zu fassen. „Ich habe mich an vielen Orten beworben, eine Person sagte mir dann, ‚wenn bei gleicher Qualifikation zwischen einem blonden Deutschen und dir entschieden werden muss, dann fällt die Entscheidung auf den Blonden‘“, so Mosquera, der zunächst anfing bei McDonalds zu arbeiten. Schließlich entschied er sich für einen Neuanfang: Er wählte eine Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten, da im Gesundheitssektor besonders viele Fachkräfte benötigt werden. So kam Mosquera über einen Umweg in den Sektor, der besonders um ausländische Fachkräfte wirbt

Knapp 50.000 Stellen blieben im Jahr 2024 im Gesundheitssektor in Deutschland unbesetzt. Diese Lücke sollen auch Fachkräfte aus Lateinamerika füllen. Im Juni 2023 war der damalige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil selbst in Brasilien, um ein Anwerbeabkommen mit der dortigen Regierung zu schließen. Obwohl Brasiliens Regierung das Abkommen aufgrund von eigenem Fachkräftemangel im Juni 2025 wieder stoppte, zeigte es den dringenden Bedarf nach ausländischem Personal. Mosquera erinnert sich an Werbung, die ihm schon in Kolumbien auffiel. Darin beschrieben mutmaßliche zukünftige Arbeitgeber schnelle Jobeinstiege, hohe Lebensqualität und gute Löhne. Wenngleich mit kritischer Perspektive, veröffentlicht auch die spanischsprachige Version der Deutschen Welle regelmäßig Beiträge, die über Fachkräftemangel, Migrationsmöglichkeiten und nur bedingt über damit verbundene Probleme aufmerksam machen. Rückblickend sagt Mosquera, „sie haben einen ‚deutschen Traum‘ vermittelt, den es so nicht gibt“.

Nicht mangelnde Qualifikation, sondern mangelnde Anerkennung ist das Problem

Dies kritisiert auch Paula, die aus beruflichen Gründen lieber anonym bleiben will. Die Medizinerin wuchs in Kolumbien auf, studierte später Physiotherapie in Spanien, kam nach Deutschland und studierte an der Charité Medizin. Sie sagt, „viele Fachkräfte werden unter falschen Versprechen angeworben“. Paula baut derzeit ein Netzwerk aus Personen auf, die aus Kolumbien kommen und im deutschen Gesundheitssektor arbeiten. Immer wieder wenden sich Menschen an sie und ihre Kolleg*innen, denen höhere Löhne, der Nachzug von Familienangehörigen oder bessere Arbeitsbedingungen versprochen wurden. „Hier angekommen entledigen sich die Vermittler aus dem Ursprungsland ihrer Verantwortung“. Das harte Arbeitsklima führe bei vielen zu einem raschen Burnout, so Paula. „Unter den derzeitigen Bedingungen sind die Leute lediglich enttäuscht und wollen schnell wieder zurück“, resümiert die Medizinerin, die derzeit in einem Spital in Ostdeutschland arbeitet und ergänzt: „Das hilft niemanden“. Paula macht zusätzlich auf einen kulturellen Faktor aufmerksam.

„In Deutschland gibt es keine Willkommenskultur, niemanden der dich am ersten Arbeitstag an die Hand nimmt und sagt, ‚komm mit uns Mittagessen“, sagt sie. Dies sei nicht aus Boshaftigkeit so, sondern weil die Menschen es nicht anders gelernt hätten. Als Migrant*in müsse man sich zudem immer doppelt beweisen, „es bleibt der misstrauische Blick“, so Paula, „der beim ersten Fehler sagt, die Migrantin weiß es halt eben doch nicht so gut“. Es sei deshalb wichtig, mit guten Deutschkenntnissen hier anzukommen, alles andere würde die Kommunikation erschweren und Ausbeutung vereinfachen.

Mosquera ist in dieser Beschreibung direkter. „Was wir erleben, ist Rassismus“, sagt er. Dies beginne bei der geringeren Wertschätzung der Titel und komme im Alltag durch scheinbar harmlose Mechanismen des Auschlusses zum Vorschein. „In der ersten Praxis, in der ich arbeitete, wurde ich trotz meiner Qualifikation von einem Teil des Teams nicht wahrgenommen und als unwissend behandelt“, erinnert sich Mosquera. Während seiner Ausbildung arbeitete er als billige Arbeitskraft in der Praxis, erhielt zu Beginn lediglich einen Ausbildungslohn von 600€. Nach der Ausbildung, versuchte er das Miteinander in der Praxis zu verbessern. Schließlich war er nun als Fachkraft angestellt. Doch er wurde weiterhin nicht ernst genommen. Es habe lang gedauert dieses Mobbing klar zu erkennen und sich bewusst zu werden, dass er daran nichts ändern kann. „Ich bin nicht Nelson Mandela, ich kann so etwas nicht“. Mosquera suchte sich deshalb eine neue Praxis.

Strukturelle Diskriminierung prägt den weiteren Berufsweg

Laut einer Studie des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe erlebten rund 53 Prozent der befragten Fachkräfte aus dem Ausland rassistische Beleidigungen. Darüber hinaus erzählte die Mehrzahl von körperlichen Angriffen, Diskriminierung und ganze 79% davon, dass ihre Kompetenz regelmäßig in Frage gestellt wird. Das ist nicht nur kritisch, sondern auch unangemessen. Viele Pflegeberufe, die in Deutschland eine Ausbildung sind, werden in anderen Ländern an der Universität gelehrt. Wie Physiotherapie, die Paula in Spanien studierte. „In Deutschland habe ich schnell bemerkt, dass ich als Physiotherapeutin viel weniger Spielraum habe“, erzählt die Ärztin. Sie musste Erfahrungen und Weiterbildungen aus ihrem Lebenslauf streichen, um ernst genommen zu werden. „Die Praxen achten mehr darauf, nicht zu viel Geld auszugeben, als die Fähigkeiten ihrer ausländischen Fachkräfte für sich zu nutzen“. Sowohl Paula als Mosquera arbeiten nun mit deutschen Titeln. Mosquera meint abschließend, dass es viel schwieriger war, als er es sich zu Beginn vorstellte. „Ich würde den Weg noch einmal gehen“, erklärt Mosquera, aber er wünschte sich, dass besser über die Probleme kommuniziert wird und ausländische Kräfte nicht nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden


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Rechte Realitätsverweigerer

Milei-Konferenz ohne Milei Gründungsveranstaltung des Milei-Instituts in Sachsen (Foto: Frederic Schnatterer)

Es war nur der jüngste Rückschlag für die Regierung von Javier Milei in Argentinien. Ende März suspendierte ein Arbeitsgericht in Buenos Aires 82 der insgesamt 218 Artikel des erst kürzlich beschlossenen Arbeitsgesetzes. Nach Ansicht des zuständigen Richters sind die Anzeichen dafür, dass die Abschnitte gegen die Verfassung des Landes verstoßen, „ernsthaft und schwerwiegend“. Geklagt hatte der Gewerkschaftsdachverband CGT. Die Regierung kündigte an, Berufung gegen die Entscheidung einlegen zu wollen. Das Paket hatte die Regierung Ende Februar durch das Parlament gebracht (siehe Kasten auf Seite 37). Unter dem Namen „Gesetz zur Arbeitsmodernisierung“ sieht es unter anderem Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden und die radikale Beschneidung des Streikrechts vor. Ganze Bereiche wie der Bildungs- und der Gesundheitssektor, aber auch das Verkehrswesen und die Energiewirtschaft gelten demnach als „essenziell“. Entsprechend muss garantiert werden, dass in ihnen 75 Prozent der normalen Aktivität aufrechterhalten wird.

Das Arbeitsgesetz gilt als der größte Erfolg der ultrarechten Milei-Regierung in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit. Seit seiner Verabschiedung hat es allerdings den Anschein, als sei das Hoch überschritten, auf dem sich die Regierung nach dem Sieg bei der Parlamentswahl im Oktober 2025 befand. Darauf deuten auch jüngste Umfragewerte. Laut einer weiteren Befragung der Universität San Andrés sehen nur noch 37 Prozent der Befragten den Präsidenten positiv, während 62 Prozent eine negative Meinung haben.
Besondere Sorge bereitet den Befragten der Zustand der argentinischen Wirtschaft, den 65 Prozent als „besorgniserregend“ bezeichnen. Fast drei Viertel nehmen den Arbeitsmarkt als problematisch wahr. Die Umfrage markiert zudem einen grundlegenden Trend. Statt der weiterhin hohen Inflationsrate werden mittlerweile andere Themen als wichtigste Probleme identifiziert. Im März waren es das niedrige Lohnniveau (37 Prozent), dicht gefolgt von fehlenden Jobs (36 Prozent) und der Korruption (33 Prozent).
Diese Einschätzungen haben handfeste Gründe. Mittlerweile tritt immer offener zutage, auf wessen Kosten Milei regiert. Sein Regierungsprojekt fußt auf einer strengen Haushaltspolitik.

Regelmäßig betont der Präsident, der ausgeglichene Staatshaushalt sei „nicht verhandelbar“. Erreicht wurde er durch rigorose Kürzungen von Sozialausgaben, das Streichen von Subventionen, Entlassungen im öffentlichen Dienst und in staat­lichen Unternehmen, die Schließung von Ministerien und das Ende öffentlicher Bauaufträge. Gleichzeitig liberalisierte die Regierung die Wirtschaft und senkte – auch mithilfe des überteuerten Wechselkurses der Landeswährung Peso – die Inflationsrate. Voraussichtlich lag die Teuerung im März im Vergleich zum Vormonat allerdings immer noch bei mehr als drei Prozent.
In der Folge sind die Preise für viele grundlegende Waren und Dienstleistungen stark angestiegen, während die Realeinkommen insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten gesunken sind.

Ihnen bleibt immer weniger Geld für Waren des alltäglichen Bedarfs. Laut dem Consulting-Unternehmen Scentia gingen die Einkäufe in Apotheken, Supermärkten, Nachbarschaftsläden, Kiosken und im Onlineverkauf im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,4 Prozent zurück. 2024 brach der Konsum gegenüber 2023 gar um fast 14 Prozent ein. Gleichzeitig werden immer mehr Autos, Motorräder oder Haushaltsgegenstände gekauft und Auslandsreisen unternommen. Das bedeutet: Besserverdienende können sich heute mehr leisten als früher. Die Statistiken, die den reinen Durchschnitt des Privatkonsums abbilden, zeigen daher einen Anstieg an. Damit brüstet sich die Regierung.

Es tritt immer offener zutage, auf 
wessen Kosten Milei regiert


Ein ähnliches, auf den ersten Blick widersprüchliches Bild ergibt sich mit Blick auf die Wirtschaftsaktivität im Land. 2025 wuchs das Bruttoinlandsprodukt Argentiniens mit 4,4 Prozent deutlich. Was von der Regierung als Erfolg gefeiert wird, muss in seiner Aussagekraft eingeschränkt werden. Zunächst wird zum Vergleich eine real schrumpfende Wirtschaft der vorherigen Jahre herangezogen. Außerdem entwickeln sich unterschiedliche Wirtschaftsbereiche höchst verschieden. 2025 waren es der Bergbau, die Landwirtschaft und das Finanzgeschäft, die deutlich wachsen konnten. Beim Agrarsektor lag das nicht zuletzt an den deutlich verbesserten klimatischen Bedingungen, denn 2024 war Argentinien von einer Dürre heimgesucht worden. Bereiche wie die Industrieproduktion oder die Bauwirtschaft hingegen liegen in ihrer Wirtschafts­leistung heute sogar unter dem Niveau von 2023. Beides sind – im Gegensatz zu den wachsenden Sektoren – Bereiche, die viel Arbeitskraft benötigen.

Wegen teurer Kredite, steigender Energiekosten und dem überbewerteten Peso bei gleichzeitig vergünstigten Importen schließen immer mehr Unternehmen ihre Produktionsstandorte. Seit Milei im Dezember 2023 das Präsidentenamt übernommen hat, haben mehr als 22.000 Firmen dicht gemacht, das entspricht mehr als 30 am Tag. Mehr als 300.000 Beschäftigte verloren so ihre Jobs. Viele von ihnen versuchen, sich mit Tätigkeiten wie Uber-Fahren oder Essenslieferungen über Wasser zu halten (siehe Seite 34). Der informelle Sektor wächst. Dort Arbeitende haben wenige bis gar keine Rechte und Absicherungen.

Doch nicht alle kommen in einer informellen Beschäftigung unter, die offizielle Erwerbslosigkeit steigt. Mitte März gab das Statistikinstitut Indec bekannt, dass 7,5 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung keinen Job haben. Das sind 1,1 Punkte mehr als im Vorjahresmonat und entspricht rund 1,6 Millionen Menschen. Diejenigen, die noch eine Beschäftigung haben, verdienen immer weniger. Heute liegt der Durchschnittslohn fast sechs Prozentpunkte unter dem Lohn, der zum Ende der Amtszeit von Alberto Fernández 2023 galt. Bereits damals war das für viele zu wenig, um in Würde zu leben. Die Erzählung, durch den Abbau von Regulierungen für die Privatwirtschaft bringe Milei das Land wieder auf die rechte Bahn, verfängt nicht mehr. Und auch die Behauptung der Regierung, sie sei „anders“ als die Vertreter*innen der „Kaste“, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick hätten, bekommt immer tiefere Risse – dabei war es nicht zuletzt dieses Narrativ, das Milei 2023 zum Wahlsieg verholfen hatte. Als der Präsident im Februar samt Delegation zu einem Treffen von Wirtschaftsvertretern in New York flog, nahm der Kabinettschef, Manuel Adorni, auch seine Frau mit auf die Reise, obwohl sie keinen offiziellen Posten bekleidete.

Die Kaste sind nicht mehr die anderen


Mittlerweile sind noch weitere Vorwürfe gegen Adorni hinzugekommen, die zumindest nahelegen, dass er deutlich über seine Verhältnisse lebt, darunter ein Privatflug ins uruguayische Punta del Este, Immobilienkäufe sowie teure Uhren. El Diario AR rechnete vor, dass mehrere wichtige Regierungsmitglieder, darunter neben Adorni auch Wirtschaftsminister Luis Caputo und die Schwester des Präsidenten, Karina Milei, allein im ersten Amtsjahr ihren Reichtum deutlich vergrößert haben
Hinzu kommt der Betrugsskandal um die Kryptowährung $Libra, die der Staatschef persönlich im Februar 2025 über soziale Medien bewarb und der die Regierung weiter beschäftigt. Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass der Unternehmer Mauricio Novelli im Vorlauf direkten Kontakt zu Javier und Karina Milei gehabt haben könnte. Die Rede ist von einem Vertrag über fünf Millionen US-Dollar dafür, dass der Präsident die Kryptowährung öffentlich unterstützt. Nachdem $Libra im Februar 2025 nach Mileis Post zunächst rapide an Wert gewonnen hatte, zogen die hinter der Währung stehenden Unternehmer ihr Kapital schlagartig ab. Tausende Privatpersonen verloren ihre Investitionen.

Derlei Realitäten über Argentinien schaffen es nur selten in die mediale Berichterstattung im deutschsprachigen Raum. Stattdessen überwiegen positive Meldungen über das vermeintliche Wirtschaftswunder, das Milei mit seinem Deregulierungskurs ermöglicht haben soll. Rechtslibertäre Kreise versuchen, das nun auch hierzulande für sich zu nutzen. Am 14. März kamen im sächsischen Schkeuditz mehrere hundert Teilnehmer*innen zur ersten „Milei-Konferenz“ zusammen, die unter dem Motto „Deutschland deregulieren. Jetzt!“ stand. Veranstaltet wurde die Konferenz vom „Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa“, das Ende des vergangenen Jahres gegründet worden war und seinen Sitz in Dresden hat. Hinter ihm stehen insbesondere drei neoliberale und libertäre Vereine, die sich bereits in der Vergangenheit mit Lobeshymnen für Milei überboten haben und die kein Problem damit haben, mit Ultrarechten zusammenzuarbeiten: die Hayek-Gesellschaft, das Mises-Institut sowie das 2025 gegründete „Team Freiheit“ rund um die ehemalige AfD-Chefin Frauke Petry und den Kurzzeit-Ministerpräsidenten von Thüringen, Thomas Kemmerich, damals FDP.

Kettensäge in Schkeuditz

Der argentinische Staatschef hat für diese Kreise vor allem eine mobilisierende Funktion. Auf der Homepage des Instituts heißt es, Milei habe „dem Projekt der wirtschaftspolitischen Deregulierung mit der Kettensäge eine international wirkmächtige Metapher verliehen“. Diese soll nun dazu genutzt werden, die eigenen Kräfte zu bündeln, sich in der Öffentlichkeit Sichtbarkeit zu verschaffen und die eigene Agenda stark zu machen. Milei dient als Symbol für die gewünschte Zerschlagung von Sozialstaat, Arbeiter*innenrechte und Beschränkungen für das Kapital.

Milei selbst hatte an dem Tag offensichtlich besseres zu tun und fuhr nach Madrid, anstatt in Sachsen vorbeizuschauen. Dort traf er mit dem Chef der faschistischen Vox-Partei, Santiago Abascal, zusammen. Später zeichnete ihn der deutsche Volkswirt Philipp Bagus vor dem Madrid Economic Forum im Namen des Mises-Instituts mit dem Ludwig-von-Mises-Gedenkpreis aus. Das zeigt: Noch sind die ultrarechten und rechtslibertären Kräfte in Spanien bedeutender als ihre Gleichgesinnten in Deutschland. Das Milei-Institut ist angetreten, das zu ändern.


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Im Paradies der Schwurbler*innen

„Es ist ganz einfach: Bei uns darf jeder sagen, was er will und glauben, was er möchte“ proklamiert Erwin Annau gleich zu Beginn des Berlinale-Films Im Umkreis des Paradieses. Der Österreicher leitet eine Auswander*innenkolonie in Caazapá, einer ländlichen Kleinstadt im Süden Paraguays. Nur LGBT (sic!), Polygamie und Impfungen haben bei uns keinen Platz!“ Damit ist der Ton gesetzt in dieser Dokumentation mit ihrem etwas sperrigen deutschen Titel – der englische Around Paradise wirkt deutlich eingängiger.

© Zeno Legner / Trimafilm

Im Umkreis des Paradieses zeigt, wie sich Verschwörungstheoretiker*innen aus Deutschland und anderen Ländern des Globalen Nordens in der paraguayischen Provinz breitmachen und sich dabei wie moderne Kolonialist*innen benehmen. Trotz der räumlichen Nähe scheinen sie mental auf einem anderen Planeten zu leben als die sie umgebende Lokalbevölkerung.

Die deutsche Regisseurin Yulia Lokshina beschränkt sich filmisch auf das Stilmittel der Beobachtung. Es sprechen ausschließlich die Protagonist*innen selbst, Interviews oder Kommentare aus dem Off gibt es nicht. Dass das genau der richtige Ansatz ist, wird sehr schnell deutlich, wenn Lokshina die Beobachtung der esoterisch-verschwörungstheoretisch verklärten Zuwander*innen aus dem Globalen Norden mit dem Leben zweier lokaler Jugendlicher kontrastiert: Will und Yoha bezeichnen sich selbst als Influencer, lieben ihre Stadt und träumen davon, dort Touren für Tourist*innen anzubieten. Doch obwohl sie in den sozialen Medien für ihr Business werben, will das Geschäft nicht so richtig anlaufen. Also müssen sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen: Will putzt in einem Fitnessstudio, Yoha arbeitet in einem Café. Den beiden bei ihren Gesprächen über ihre Pläne und Träume zuzuhören, ist ebenso herzerwärmend wie erhellend und steht im krassen Gegensatz zu den oft völlig verqueren und teils auch rassistischen Einlassungen der Neuankömmlinge. Wer sich als Zuschauer*in dabei an den Kopf fasst, nimmt die Hand am besten gar nicht mehr weg. Sätze wie „Ich kann Krebs ohne Medikamente nur mit meinen Händen heilen“ sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die Neokolonialist*innen glauben, in der paraguayischen Peripherie den Himmel auf Erden gefunden zu haben. In ihrer Siedlung am Rand eines Naturschutzgebietes namens El Paraiso Verde („Das grüne Paradies”) errichten sie teils imposante Häuser. Angeführt wird das Unternehmen von Erwin Annau, einem gleichermaßen überdrehten wie zwielichtigen Typen, der in seinem vorherigen Leben in Österreich als Anwalt und Finanzberater tätig war. Er lockt mit Versprechen staatlicher Kontrollfreiheit und „Schutz vor dem 3. Weltkrieg” Menschen mit meist viel Geld nach Paraguay. Was genau er mit dem eingesammelten Reichtum dann anstellt, macht er jedoch nicht wirklich transparent.

© Zeno Legner / Trimafilm

Hinzu kommt, dass sich die propagierte Basisdemokratie als Fassade erweist. Denn Demokratie heißt bei Annau, dass er sich bei allen wichtigen Fragen ein Vetorecht sichert. Entscheidungen an ihm vorbei zu treffen, ist faktisch unmöglich. Das führt im Laufe des Films zu erheblichen Spannungen der am Anfang noch so begeistert eingeschworenen Gemeinschaft der Schwurbler*innen. Einige Mitglieder werden im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlossen, Zurückweisung durch den bewaffneten (selbstverständlich paraguayischen) Wachdienst inklusive. Da helfen dann auch die Beschwörungen des Obergurus und seiner Familie, man werde von der CIA beobachtet, nichts mehr. Wenn es ums liebe Geld geht, ist es scheinbar schnell vorbei mit der neurechten Einigkeit.

Mit Im Umkreis des Paradieses ist Yulia Lokshina eine der bemerkenswertesten Dokumentationen der Berlinale 2026 gelungen. Ihr Film ist nicht nur eine genaue Beobachtung einer rechten Auswander*innen-Community, die deren Weltfremdheit und Menschenfeindlichkeit schonungslos bloßlegt, ohne externe Kommentare zu benötigen. Er zeigt auch koloniale Kontinuitäten auf, denn schon 100 Jahre zuvor scheiterte der Versuch der Gründung einer deutschen Siedlung fast am gleichem Ort. Und ironischerweise liegt damals wie heute ein wesentlicher Grund für das Scheitern an genau dem Punkt, den rechte Stimmen Migrant*innen in Deutschland nur allzu gerne vorwerfen: mangelnde Integration.


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„Ich singe nicht bloß, um zu singen“

Foto: Anastasia Coyto @anastasiacoytophoto

„Wir erleben Musik durch den Körper, in Begegnung mit anderen Körpern, und das hat eine ungeheure Kraft: die Kraft zu spüren, dass wir, die singen, und jene, die zuhören, unbesiegbar sind“, sagt Carolina Riaño an einem Donnerstag im Februar mit einem heiteren, einem unbesiegbaren Lächeln, im Interview. „Außerdem“, fügt sie hinzu, „hört das Publikum nicht nur zu, sondern wird auf gewisse Weise selbst Teil der musikalischen Erfahrung“. Zwei Tage später verstehe ich besser, was sie damit meint.

Der Club Lark in Berlin-Mitte ist am Abend des übernächsten Tages bis zum Rand mit Menschen voll. Ein dichtes Gewebe aus Gesprächen liegt über dem Raum, ein stetiges Murmeln. Doch von dem laut durcheinandersprechenden Stimmenmeer hebt sich etwas ab: Lärm verwandelt sich in Musik, der Chor erhebt sich und beginnt zu singen und tanzen. Die Stimmen von dreißig Frauen werden gemeinsam zu einer und durchdringen das Publikum mit den vollen Klängen ihres Gesangs. Der Raum füllt sich mit einer anderen Sprache, die zwar auch Wörter nutzt, aber doch auf einer anderen Ebene wirkt und Gemeinsamkeit schafft. Die Sängerinnen und Zuhörenden werden zu einer Einheit, getragen vom Rhythmus der Perkussionsinstrumente und der mal sanften und ruhigen, mal intensiven Klangfarben von Canto Diáspora. „Yo no sé si fue el destino, lo que me trajo hasta aquí; habitando mis mundos, resguardando la raíz (dt.: Ich weiß nicht, ob es das Schicksal war, das mich hierhergeführt hat, zwischen meinen beiden Welten lebend, die Wurzel behütend)“, singen die Frauen. Für ungefähr eine Stunde fühlen wir uns alle voller Freude und unbesiegbar, so, wie Carolina es einige Tage zuvor schilderte.

Ein Chor als Gemeinschaft, die trägt


Canto Diáspora wurde 2022 als Frauenchor in Berlin unter der Leitung der in Berlin lebenden kolumbianischen Musikerin, Komponistin und Sängerin Carolina Riaño gegründet. Was zunächst als Workshop begann, als Projekt für Frauen ohne musikalische Vorkenntnisse, wuchs mit der Zeit über sich hinaus und wurde zu einem migrantischen Empowerment-Projekt mit eigener Stimme. „Der Gedanke war zunächst, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen es wagen, ihre Stimme zu erheben. Denn singen heißt, die Stimme zu erheben und auszudrücken, was uns bewegt“, so Riaño. Nach den ersten Auftritten bemerkten sie jedoch, wie tief, intensiv und partizipativ die Verbindung zum Publikum war. Ihre Darbietungen waren nie als bloße unterhaltende Performance gedacht. Auf der Bühne weitet sich die Verbindung, die der Chor untereinander lebt, auf die Zuhörenden aus: als Frauen, als Migrantinnen, als Gemeinschaft.

Auch für die Sängerinnen geht das Singen weit über das Bühnengeschehen hinaus. „Canto Diáspora ist eine Oase, ein Ort der Freude und der Heiterkeit, an dem Schwesternsolidarität, Freiheit und Genuss gelebt werden“, sagt Ana María, Philosophin und Mitglied des Ensembles. „Es ist ein Raum der fürsorglichen Praktiken im kollektiven Arbeiten, für Kollegialität und Respekt in einem schönen und vielfältigen Netz von Frauen unterschiedlicher Herkunft, Lebensgeschichten und Altersgruppen“, ergänzt Betina, Musikpädagogin und Chormitglied. Im Projekt kreuzen sich Migrationsgeschichten. Die Mtiglieder treffen sich nicht nur zum Proben, sondern finden hier auch einen Ort des Austauschs und der kollektiven Katharsis.

Druck von Anna @anna-scine inspiriert von Tupoka Ogettes Exit Racism

Lieder aus dem Alltag


Das Kollektive zeigt sich nicht nur in den Auftritten, sondern auch in der Liedauswahl selbst. Die Interpretationen von Canto Diáspora – in Text wie Musik – basieren auf populären Versen der lateinamerikanischen mündlichen Tradition, auf sogenannten músicas de labor (dt.: Lieder des Alltagswerks), traditioneller Musik, die mit den alltäglichen Verrichtungen verbunden ist: Die Frauen singen Lieder, die in der Küche, auf dem Feld, in den elementarsten Tätigkeiten entstanden sind. Und gerade dort offenbart sich Entscheidendes: Das Repertoire ist eng mit jenen alltäglichen Aufgaben verbunden, die unser aller Lebensgrundlage darstellen. Die Werke kommen aus sozialen, historischen und kulturellen Kontexten, in denen Musik nicht als Darbietung von Expert*innen oder Konsumgut für ein elitäres Publikum verstanden wird. Die traditionellen Lieder sprechen vom Alltag, vom Leben, sie sind Teil gelebter Gemeinschaft. Das Gemeinschaftliche ist ihnen eingeschrieben.

Das spürt auch das Publikum bei den Konzerten des Chors. Es wird vom Herzschlag der Perkussion ergriffen, von dieser unerwarteten Einladung, Teil von etwas zu werden. Der Rhythmus trägt selbst jene Körper, die es nicht gewohnt sind, sich viel zu Musik zu bewegen. Alle fühlen die Musik bis in die Knochen und tanzen wie verrückt. Für ein paar Stunden drücken wir uns nur mit unseren Körpern aus, begegnen uns und verstehen uns auf einer Sprache, die alle sprechen. „Zu Canto Diáspora zu gehören heißt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Teil eines Netzes der Unterstützung, in dem ich mich begleitet und gehalten fühle“, sagt Bea. Für die Zeit des Konzerts sind auch die Zuhörenden Teil dieser Gemeinschaft.
Die dreißig Frauen von Canto Diáspora erzählen mit ihrem Gesang poetische, manchmal harte, aber doch immer wahre Geschichten vom wirklichen Leben: “Brisa que lleva el viento, agua que no se deja coger. Riega todos los campos, y en mi casa no hay qué comer (dt.: Brise, die der Wind verweht, Wasser, das man nicht fassen kann. Es tränkt alle Felder, doch bei mir zu Hause gibt es nichts zu essen). Ein besonders prägender Aspekt der Auftritte von Canto Diáspora ist ihre Verbindung zum Politischen und zu feministischen Perspektiven. Für die Chorleiterin wie für die Chor-Sängerinnen ist dies von zentraler Bedeutung; es prägt ihre künstlerische Persönlichkeit ebenso wie ihr gesellschaftliches Engagement.

„Gemeinsam zu singen ist politisch“, sagt Ana María, „weil es uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Die Kraft unserer Stimmen spiegelt die immense Macht wider, die entsteht, wenn wir uns vereinen. Wenn Canto Diáspora singt, hört man keinen Chor, man hört ein Kollektiv, das aus der Freude heraus Widerstand leistet: gegen kulturelle Homogenisierung, gegen soziale Fragmentierung“. Für viele migrantische Frauen in Deutschland ist das ein täglicher Kampf: gegen Stereotype, gegen das beharrliche Einordnen in dienende Rollen. Singen ist für sie ein politischer Akt, weil es bedeutet, einen Platz in der gesellschaftlichen Vorstellungskraft einzunehmen, der Frauen, und insbesondere migrantischen Frauen, lange verwehrt wurde. „Beim Singen werden wir von exotisierten Musen und Kunstkonsumentinnen zu Schöpferinnen. Wir beanspruchen unsere Stimme und gemeinschaftliche künstlerische Praktiken zurück“, sagt Rocío, Sozialpädagogin und Mitglied des Ensembles, mit Nachdruck.

Druck von Selin Belen @selinsubelen


„Die eigene Stimme erheben“


In einem der ausgewählten Lieder heißt es passend dazu: „Yo no canto por cantar, ni por tener buena voz. Canto porque no estoy sola, y así se siente mejor“ (dt.: Ich singe nicht, um bloß zu singen, nicht, weil ich eine schöne Stimme habe. Ich singe, weil ich nicht allein bin, und gemeinsam fühlt es sich besser an). Diese Haltung spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Auftrittsorte wider.

Für die Chorleiterin ist es gleich bedeutsam, auf einer offiziellen Bühne zu stehen, in einem alternativen Kulturzentrum zu singen oder bei der Demo am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Gerade auf politischen Veranstaltungen und Kundgebungen ist die Verbindung zum Gemeinschaftlichen unmittelbar. „Traditionelle Musik, und die Musik, die wir machen, lässt sich nicht von gesellschaftlichen Ereignissen trennen“, sagt Riaño. Ihre Musik drückt genau diese unauslöschliche Verbindung aus. Deshalb ist sie eine engagierte Kunst, eine Kunst des Widerstands von migrantischen Frauen, gegen den Strich dessen, was die deutsche Gesellschaft ihnen zuschreibt. Trotz aller strukturellen Ungerechtigkeiten, die sie als Frauen täglich am eigenen Leib spüren, wollen die Mitglieder ihren tiefen Wunsch zu lachen, zu singen und so alternative gemeinschaftliche Räume zu schaffen, nicht aufgeben.

Für Bea, Pädagogin und Chormitglied, speist sich das Politische aus ihrer eigenen Migrationserfahrung. Eine Familie außerhalb ihres Herkunftslandes zu gründen und Migrantin zu sein, hat sie für Themen sensibilisiert, die ihrer Meinung nach verteidigt und sichtbar gemacht werden müssen: den Aufstieg rechter Bewegungen und die direkten Angriffe auf FLINTA* (Akronym für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen). Sie ist stolz, in einem Raum zu singen, der eine politische Dimension hat, in dem Geschlechterfragen und Rassismus thematisiert werden. „Für mich“, sagt Bea, „ist das Singen in solchen Momenten eine Art, politisch Position zu beziehen.“ Canto Diáspora ist eine Einladung, zu entdecken, beziehungsweise nicht zu vergessen, dass Migration eine eigene Stimme hat, dass politischer Gesang ein Genuss sein kann, dass Freude revolutionär ist, und dass wir gemeinsam unbesiegbar sind.


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Politischer Druck statt Leistungsdruck

Druck “Wir sind viele” von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor

Die Frauen kommen nach und nach an und setzen sich an lange Tische, die so aufgebaut sind, dass sich immer mehrere Personen gegenübersitzen oder nebeneinander Platz nehmen können. Frauen, die sich bereits kennen, begrüßen einander, andere werden willkommen geheißen und kommen heute zum ersten Mal ins Gespräch. Während sich alle nach und nach einrichten, werden die Materialien verteilt. Einige beginnen ein Projekt von Grund auf neu, andere bringen bereits eine Idee mit und fangen an zu zeichnen, wieder andere beenden Arbeiten aus früheren Sitzungen. Es gibt keine festen Zeiten oder Regeln: Jede entscheidet selbst, wann sie beginnt, wann sie aufhört und in welchem Rhythmus sie zwischen Arbeit und Gesprächen wechselt.

„Herzlich Willkommen zu der offenen Werkstatt Frauen Machen Druck.“ Die Gründerin der Gruppe, Yili Rojas, eröffnet den Raum, nachdem sich alle eingerichtet haben. In einer Namensrunde stellen sich alle mit ihren Pronomen und den Sprachen, die sie sprechen, vor. „Sodass ihr wisst, mit wem ihr euch auf welcher Sprache unterhalten und wen ihr etwas fragen könnt“, erklärt Rojas.
Viele der Anwesenden sitzen heute zum ersten Mal vor einer Linolplatte. Doch es gibt keinen streng angeleiteten Workshop, nur eine allgemeine Einführung und später Hinweise, je nachdem, was die jeweils verantwortliche Person an diesem Tag in den Arbeiten beobachtet. Perfektion wird nicht erwartet. Fast alles wird sich angeeignet, indem man andere fragt, zuschaut und voneinander lernt. So entsteht nach und nach eine Gemeinschaft von Frauen, die sich wöchentlich zum Drucken treffen – und zugleich ein Raum, der die Möglichkeit bietet, sich anderen Lebensgeschichten anzunähern und sich als migrantische Frauen zu positionieren, die Druck machen: nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch.

„Ein Raum, wie ich ihn mir gewünscht hätte“


Yili Rojas, bildende Künstlerin und Wissensvermittlerin, die sich aufgrund ihrer Lebens- und Migrationsgeschichte keinem spezifischen Land zuordnet, sondern sich als „lateinamerikanisch“ versteht, rief die offene Werkstatt Frauen machen Druck 2021 ins Leben. Heute ist Frauen Machen Druck ein Netzwerk von etwa 190 Frauen, die meisten von ihnen Migrantinnen. Die Teilnahme ist kostenlos und offen für alle, die sich mit der Identität „Frauen“ in einem weiten Sinn identifizieren. Die Frauen im Raum sprechen unterschiedliche Sprachen, kommen aus verschiedenen sozioökonomischen Kontexten und gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, etwas das Rojas besonders wichtig ist, wie sie im Interview bekräftigt. Über die Jahre ist eine diverse Gruppe entstanden, die Frauen über Kunst, Gemeinschaft und einen Raum zusammenbringt, um das auszudrücken, was sie persönlich und politisch bewegt. Yili Rojas selbst lebt seit 15 Jahren in Berlin. Ein Teil der Inspiration für Frauen Machen Druck entstand aus ihrer eigenen Migrationserfahrung: „Wie hätte der Raum ausgesehen, den ich mir gewünscht habe, als ich migriert bin – und den ich damals nicht gefunden habe?“, fragte sie sich und ergänzt: „Ich habe migrantische Räume erlebt, die manchmal sehr feindlich waren.“

In den Sitzungen sind Solidarität und Ruhe deutlich spürbar. Es ist, als wäre man allein und gleichzeitig begleitet: Jede kann konzentriert und in Ruhe an ihrem Projekt arbeiten und ist zugleich Teil einer Gemeinschaft, die politisch handelt. Es gibt keine Hierarchien, keinen Leistungsdruck und keine Konkurrenz – nur einen schönen Raum, um gemeinsam zu sein.
Im Gespräch erklärt die Gründerin, dass der Druck auch als Anlass dient, um Mobilisierung zu organisieren und soziale sowie politische Themen aufzugreifen. Der Raum verknüpft weitere Initiativen wie Soli-Events, Druckaktionen und andere Projekte mit kritischem Fokus und politischem Anspruch. Aus Frauen Machen Druck als Basisplattform sind mehrere Aktivitäten hervorgegangen: das Projekt Frauen portraitieren Frauen, bei dem Drucke von palästin­ensischen Frauen entstanden, das Buch Die Goldene Eiche mit sechzehn inspirierenden Geschichten, geschrieben von Migrantinnen und von ihnen selbst mit der Linolschnitt-Technik illustriert, verschiedene Fundraising-Aktionen, Einladungen internationaler Künstlerinnen so wie mehrere Reisen nach Ägypten, Frankreich, Belgien, Brasilien und Mexiko. Zudem gibt es Raum für politische Bildung, etwa durch Formate, in denen Rassismus und andere kulturelle Probleme thematisiert werden, wie beim jährlichen Antirassismus-Workshop für weiße Frauen.

Für Rojas und andere Frauen, die schon lange Teil dieses Raums sind, ist es wichtig darauf zu achten, dass Frauen Machen Druck sich nicht schleichend in einen akademischen oder gentrifizierten Raum verwandelt, der Frauen mit wenig Ressourcen, familiären Belastungen oder geringeren Privilegien ausschließt. Deshalb liegt ein besonderer Fokus darauf, diese Vielfalt zu bewahren und den Raum als sicheren Ort zu erhalten. Hier kann Deutsch gesprochen werden, ohne Angst vor Fehlern. Mutterschaft kann gelebt werden, indem Kinder beim künstlerischen Arbeiten dabei sind. Vor allem aber bleibt dieser Raum eines: menschlich.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

Keine Hierarchien, kein Leistungsdruck und keine Konkurrenz


Sandra aus Argentinien lernte Frauen Machen Druck 2024 kennen und besucht ihn seitdem regelmäßig. Ihre ursprüngliche Motivation war es, neben der Mutterschaft einen eigenen Raum für sich zu finden. Nach und nach legte sie Unsicherheiten ab, denn lange dachte sie, sie könne nicht zeichnen. Hier fand sie „einen Raum, der der Unvollkommenheit viel Platz gibt“. Das liegt unter anderem an dem Gemeinschaftsgefühl: Bei so vielen Frauen bringt jede Wissen mit, das für andere hilfreich sein kann. „Heute ist das mein Ort der Zugehörigkeit, und das macht den Migrationsprozess leichter und erträglicher.“

Catarina aus Portugal besucht Frauen Machen Druck seit zweieinhalb Jahren und sagt, sie habe immer das Gefühl, willkommen zu sein und auf herzliche Menschen zu treffen: „Hier finde ich diese besondere Sensibilität, die unter Frauen entstehen kann, die ähnliche Probleme und Lebensthemen teilen.“
Frauen Machen Druck ist ein offener und pluraler Raum. Einer von jenen Orten, zu denen man immer wieder zurückkehren möchte, weil er im herausfordernden Alltag eine Pause und neue Energie bietet. Es ist ein sicherer Raum, in dem Kunst und politische Mobilisierung auf organische Weise zusammenfinden – und eine Gemeinschaft von Frauen entsteht, die stärkt, motiviert und trägt.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

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Freiwillig komisch

© Nicolás Pereda

Manchmal ist ein Film wie ein Blick in ein anderes Leben, das einem absurd vorkommen kann. Wie im Film eben. Mit kleinen Tricks gelingt es dem Film Lo demás es ruido (internationaler Titel: Everything else is noise) von Nicolas Pereda die Zuschauer*innen direkt teilnehmen zu lassen an einem Moment des Lebens von drei mexikanischen Komponistinnen. Ein Film, der unfreiwillig Komisches ganz freiwillig rüberkommen lässt.

Wir werden mitgenommen in den chaotischen und lauten Alltag einer mexikanischen Nachbarschaft. Der Film lässt uns teilhaben an einem Tag im Leben von Teresa, ihrer Tochter Luisa und der Besucherin Rosa. Alle drei sind Komponistinnen und scheinen sich selbst zu spielen, dafür spricht zumindest die Verwendung  ihrer echten Vornamen für die Charaktere im Film. Rosa soll von einem Filmteam für eine Dokumentation interviewt werden. Das geht jedoch nicht bei sich zu Hause, weswegen sie ihre Bekannte Teresa darum bittet, das Interview in deren Wohnung aufzunehmen. Doch nichts funktioniert wie geplant: Überall lauert eine Unterbrechung, ein Missgeschick, störender Lärm oder unangenehme Nachbarn.  Besonderen Spaß macht es, Teresa während des Interviews mit dem männlichen Filmteam zuzuschauen. Mit Kollegin Rosa amüsiert sie sich mit Ausgeglichenheit und Ruhe auf eine Art, die niemanden verletzt, aber die teilweise absurden Situationen mit ironischem Humor würzt. Und das mit so großem Talent, dass die alleinerziehende Mutter und Komponistin Teresa selbst Teil des Interviews wird. Tauchen Männer im Film auf, versuchen sie die Situation zu kontrollieren und sich in das Bild zu drängen. Wobei die Kamera sich wie ein*e Zuschauer*in verhält, der*die nicht immer dem Geschehen folgt und ganz eigene Interessen hat.

© Nicolás Pereda

Ein Leben kann der Versuch sein, das Chaos um sich herum zu ordnen oder es zu akzeptieren und darin einen eigenen chaotischen Weg zu finden. Ähnlich kann sich Musik verhalten: Ein Unterschied zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik, die Harmonie und Ordnung entsprechen können. Teresa, Luisa und Rosa können darüber nur lachen. Und wir mit ihnen. Wozu braucht jemand Hollywood, wenn es solche Filme gibt?


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// Wie antikolonial ist Deutschland?

Wie antikolonial ist Deutschland? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu finden – und wo soll man auch anfangen zu suchen? Betrachten wir die Aufarbeitung unserer eigenen Kolonialgeschichte, scheint Deutschlands Bewusstsein dafür im vergangenen Jahrhundert stecken geblieben zu sein. Es brauchte jahrelange Kämpfe, um etwa die M*straße in Berlin nach dem ersten Schwarzen deutschen Philosophen Anton Wilhelm Amo umzubenennen. Und wie viele ähnliche Begriffe oder Namen in der Benennung von Orten in Deutschlands Innenstädten noch immer bleiben dürfen, ist wohl kaum zu zählen.

Ebenfalls aktuell ist Deutschlands Trägheit, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die eigene Verantwortung und den Beitrag durch Waffenlieferungen am Völkermord in Gaza zu beenden. Mit Blick auf Lateinamerika könnte man sich eine Scheibe von der Petro-Regierung in Kolumbien abschneiden. Als Ko-Vorsitzende der Haager Gruppe spricht sie sich mit weiteren Staaten des Globalen Südens gegen die Straflosigkeit Israels aus. Eine weitaus entschiedenere und humanistischere Haltung dem Völkermord gegenüber ist hier erkennbar (siehe S. 34).

Eine echte Aufarbeitung der eigenen historischen Verbrechen kann nicht bei der symbolischen Präsenz von Amtsträger*innen bei Veranstaltungen zu Gedenktagen aufhören, sondern muss sich in politischen Entscheidungen der Gegenwart manifestieren. Denn koloniale Strukturen bestehen weiter: Sogar der Preis, den wir für unseren alltäglichen Kaffee zahlen, hängt mit einem kolonialen Wirtschaftssystem, von dem unter Anderem deutsche Unternehmer*innen in der Kaffeeindustrie seit Jahrhunderten profitieren, zusammen (siehe S. 30). Wie Kolonialismus das globale Wirtschaftssystem prägt, zeigen auch aktuelle Entwicklungen zum Lieferkettengesetz. Vertreter*innen aus Peru kämpfen darum, bei deutschen Behörden Gehör zu finden damit etwas gegen Regelverstöße durch deutsche Unternehmen im Ausland getan wird – während im nächsten Moment das Gesetz selbst praktisch abgeschafft wird (siehe S. 44). Das sind Entscheidungen, die bestehende Ungleichheiten in der Welt weiterführen, und ganz sicher keine antikoloniale Perspektive mitdenken.

Im Antikolonialen Oktober-Monat können wir von den Bewegungen und Initiativen in Lateinamerika und im Globalen Süden sowie von den migrantisch geprägten Solidaritätsbewegungen in Deutschland und Europa lernen. Echter antikolonialer Diskurs und Praxis halten Deutschland den Spiegel vor. Und wie hässlich das Land in diesem Spiegel aussieht, beweisen die brutale Repression gegen Demonstrationen für Gaza, der geschichtsvergessene Vorwurf des „importierten Antisemitismus“ als Rechtfertigung für Rassismus, die immer heftigeren Angriffe auf das Recht auf Asyl und die steigende Zustimmung für eine rechtsextreme politische Partei in der Bevölkerung.

„Ich ziehe als Pilgerin weiter / Mein Weinen von Rose zu Rose“: Die chilenische Musikerin Violeta Parra besang in ihrem Lied „Un río de sangre“ (Dt.: Ein Fluss aus Blut) eine Ahnenreihe von für Gerechtigkeit kämpfenden „Gefallenen“ in der ganzen Welt – von Emiliano Zapata in Mexiko bis zu Patrice Lumumba im Kongo. Parra fordert in ihrem Lied nicht nur zur Trauer auf, sondern auch dazu, dass wir mit einem „zornigen Schrei” auf die Flüsse aus Blut antworten, die durch die Welt fließen. Unsere dringende, reale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihren kolonialen Kontinuitäten muss dabei nicht nur bedeuten, dass wir unsere Stimmen für antikoloniale Kämpfe im Globalen Süden erheben, sondern dass wir mit all unserer vereinten Kraft die bestehenden kolonialen Strukturen in Deutschland und Europa bekämpfen.


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„Wertschätzen, was Leben in sich trägt“

Melina Castillo (zweite von links) und Luisa Carrera Altamirano (ganz links) arbeitens seit mehr als zehn Jahren im Kaffeekollektiv Foto: Paola Reyes
Für Degrowth Melina Castillo (zweite von links) und Luisa Carrera Altamirano (ganz links) arbeitens seit mehr als zehn Jahren im Kaffeekollektiv (Foto: Paola Reyes)

Ihr seid ein Bildungskollektiv, das auch Kaffee verkauft. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Melina: Kaffee ist ein zentrales Beispiel dafür, wie die heutige Wirtschaft in ihrer kolonialen Kontinuität funktioniert. In ihm spiegeln sich alle ungerechten Strukturen der Ausbeutung. Unser Fokus liegt jedoch nicht darauf, dass im Detail verstanden wird, wie genau die Produktionskette und das ökonomische System funktioniert, sondern dass wir den Menschen den Kaffee auf eine Weise näherbringen, die eine Verbindung zur Pflanze, zum Leben, zur Erde und zu den Menschen herstellt. Ich glaube, viele Menschen wissen, dass es Ungerechtigkeit in der konventionellen Kaffeeproduktion gibt, aber es fehlt oft der emotionale Moment, der zum Paradigmenwechsel führt. Wir glauben, dass dieser Moment über eine emotionale Verbindung kommen muss, die über das rein kognitive Verstehen hinausgeht.
Luis: Von Anfang an war das Kaffeeprojekt eine gemeinsame Arbeit mit der Kooperative, bei der es um ein Zusammenlegen von Kräften, um Selbstverwaltung und Lernen ging. Durch den Verkauf von Kaffee haben wir auch auf unserer Seite die Machtasymmetrien deutlich erkannt. Hier vor Ort haben wir zum Beispiel viel zu sagen, wenn es darum geht, dass die Kooperative bestimmte Voraussetzungen erfüllen soll, um ein Siegel zu erhalten. Es ist absurd, dass die Regeln von hier aus festgelegt werden – und das hat mit kolonialen Kontinuitäten zu tun. All das bringen wir in unsere Bildungsarbeit ein. Es geht darum, das Produkt wertzuschätzen, das Leben in sich trägt – von lebendigen Pflanzen, von lebendigen Menschen, die ihre Energie dafür einsetzen, was von der Erde selbst kommt.

Was haltet ihr von den verschiedenen Siegeln, wie Fairtrade oder Bio?
Luis: Wir haben das Bio-Siegel, weil es stark mit dem Schutz der Erde verbunden ist. Die Menschen, die den Kaffee anbauen, kämpfen dafür, ökologischer zu produzieren, denn sie sind diejenigen, die am stärksten unter dem Einsatz von Pestiziden und Chemikalien leiden. Aber es wäre besser, wenn es andere Formen gäbe, ökologische Arbeit anzuerkennen, die nicht so bürokratisch sind.
Allgemeiner betrachtet denken wir, dass diese Siegel Projekte, die soziale Gerechtigkeit anstreben, eher negativ beeinflussen, weil sie das System stabilisieren. Es wirkt fast wie eine ethische Pflicht, wie eine schnelle Lösung, solche Produkte zu konsumieren – und das ist eine Form, das System zu entschärfen. Die, die davon profitieren, sind die großen Unternehmen, die keine Schwierigkeiten haben, Zertifizierungen zu bezahlen. Für kleine Gruppen ist das jedoch ein Problem, denn unsere Kriterien passen in kein Siegel.

Ihr arbeitet mit der Idee der solidarischen Ökonomie. Was bedeutet das für euch und die Kooperative in Guatemala, mit der ihr zusammenarbeitet?
Luis: Wir distanzieren uns ein wenig von dem, was hier in Deutschland unter dem Konzept der solidarischen Ökonomie verstanden wird. Wir gehen nicht davon aus, dass wir Strukturen verändern, sondern wir bündeln unsere Kräfte mit denjenigen, die tatsächlich im Widerstand sind und den Wandel vorantreiben. Gute Beispiele für solidarische Ökonomie sind für uns die Kaffeekooperativen in Guatemala. Sie sind sehr unterschiedlich in Größe und Struktur, aber sie haben alle gemeinsam, dass sie durch Selbstverwaltung Arbeit und ein gutes Leben für viele Menschen schaffen.
Melina: Das hiesige Verständnis von solidarischem Handel beinhaltet eine Hierarchie. Es wird so verstanden, dass man von hier aus Solidarität mit denen dort zeigt – und schon darin liegt ein Machtverhältnis, in dem ich die Macht habe, solidarisch mit dir, dem anderen, zu sein. Davon wollen wir uns lösen. Anstatt die Sichtweise zu haben, dass man „solidarisch ist“, was fast das Gleiche ist wie „ich helfe dir“, schlagen wir vor, das Wissen anzuerkennen, das soziale Gruppen wie die Kooperativen einbringen und diese Form politischer Organisation wertzuschätzen.

Kaffee hat eine gewaltvolle Kolonialgeschichte. Wo sieht man noch heute koloniale Strukturen im konventionellen Kaffeehandel?
Melina: Kaffee kam durch die Kolonisierung nach Abya Yala. Der erste große Produzent von Kaffee war Haiti. Als Haiti durch die Revolution die sklavenbasierte Kaffeeproduktion beendete, wurde der Anbau unter Anderem nach Guatemala verlagert. Dort verließen während des Genozids in den 60er- und 80er-Jahren viele Kaffeebauern ihr Land. Es gab auch schon vorher Kolonisierungsprojekte und viele Siedler in Guatemala besaßen Haciendas. Doch im letzten Jahrhundert, insbesondere nach dem Genozid in Guatemala, gab es eine Rekolonisierung dieser Ländereien – auch durch Deutsche. Heute sieht man koloniale Strukturen zum Beispiel am Kaffeepreis, der aus diesem kolonialen Wirtschaftssystem kommt, in dem Rohstoffe zunächst einen sehr niedrigen Preis haben und erst, wenn sie durch die Maschine laufen, der Preis steigt. Der Kaffeepreis spiegelt nicht die Produktionskosten wider, sondern die Spekulation des Marktes. Zudem ist die Mehrheit der Kaffeebauern in Guatemala Indigener Herkunft. Sie sind bis heute die am meisten diskriminierten Gemeinschaften in Abya Yala.
Luis: Die kolonialen Strukturen stecken auch in uns: diese Tendenz, dass Geld und Effizienz uns mehr anziehen und beeinflussen als die Sorge für unseren Planeten, für unsere Schwestern und Brüder, für das Leben. Kolonialismus bedeutet Tod, Ausbeutung aller Lebewesen und der Natur, einzig mit dem Ziel, den Profit zu maximieren.
Melina: Und es zeigt sich auch daran, dass Kaffee trinken – hier in Berlin, in Europa – eine Frage des sozialen Status ist. Je schicker und cooler ein Café aussieht, desto mehr Status gibt es dir. Es geht dabei nie um die Menschen, die den Kaffee anbauen, um die Erde oder die Pflanze, sondern um Innovation, Geschmack und die Zubereitungsart. Während rassifizierte Hände den Kaffee anbauen und verarbeiten, sind es die privilegierten weißen Hände, die ihn weiterhin ausbeuten und Gewinne daraus ziehen.

Wie könnten eurer Meinung nach diese kolonialen Logiken durchbrochen werden?
Luis: Es braucht mehr Bewusstsein, um aus dieser Normalität auszubrechen, in der das Wichtigste ist, dass die Wirtschaft so weiter­funktioniert. In Wirklichkeit basiert unser gesamter Lebensstil auf Ausbeutung und Zerstörung – und er hat Folgen an anderen Orten, die wir oft gar nicht sehen. Es gibt das Konzept der „imperialen Lebensweisen“, das sehr gut vermittelt, worin der Zusammenhang dazwischen besteht, dass wir hier das Licht anhaben können, während dafür so viel Wald zerstört werden muss, warum Flüsse gestaut und Dämme gebaut werden, damit wir ein immer schnelleres Leben führen können. Unser Versuch, da anzusetzen, ist unsere Bildungsarbeit.
Melina: Persönliches Bewusstsein ist immer gut. Aber wir sehen auch Gefahren darin, weil durch individuellen Konsum keine Strukturen verändert werden. Deshalb muss es mit politischem Druck und Boykott einhergehen, wie zum Beispiel dem Boykott, den wir jetzt im Zusammenhang mit dem Genozid gesehen haben. Darin sehe ich im Moment das größte Potenzial.

Welche Bedeutung haben für euch Allianzen? Und was gibt euch Hoffnung, dass sich etwas ändern kann?
Luis: Mit der MITCA, der Genossenschaftsstruktur, über die der Kaffeehandel organisiert ist, und mit der Kooperative La Voz sehe ich ein dauerhaftes Netzwerk, von dem wir viel lernen können. Wir haben auch viele Kooperationen mit Bioläden in Berlin und Brandenburg, die jedoch leider nach und nach weniger werden, da die kleinen Läden nicht genug Umsatz machen. Das ist schade, weil sie genau das Gegenmodell zur Industrialisierung sind – zu den zertifizierten Massenprodukten, zu den Supermärkten, in denen alles im großen Stil verkauft wird. Vielleicht ist unsere Arbeit keine Veränderung des Ganzen, aber doch eine Veränderung in bestimmten Teilen der Bevölkerung. Die Entstehung der Kooperative La Voz führte zu einem Wandel für die Menschen dort. Und auch für uns hier stellt sie eine bedeutende Veränderung dar, denn wir konnten uns dadurch eine Einkommensquelle und Arbeit aufbauen.
Melina: Wir sind sehr kritisch gegenüber diesen großen Transformationsnarrativen im Stil von „Wir verändern die Welt“. Denn die hängen auch mit kolonialen Denkmustern zusammen, in denen wir glauben, viel Macht zu haben. Aber wir haben gar nicht so viel Macht! Für mich liegt der Wandel in unserer Gemeinschaft. Ich glaube, die Prozesse der letzten Jahre und die Kooperationen haben uns verändert – durch das Verstehen und Kennenlernen all dessen. Wir arbeiten auch viel mit anderen selbstverwalteten Gruppen aus Abya Yala und aus der Diaspora und mit anderen Organisationen, die sich mit denselben Themen beschäftigen, zusammen. Auch dadurch hat sich etwas verändert: Früher gab es keine Räume, in denen wir Veranstaltungen zu einem bestimmten Thema organisieren konnten und jetzt haben wir sie geschaffen und erleben sie.


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// Sichtbarkeit zu welchem Preis?

Dieses Jahr war im Pride-Month eine Veränderung spürbar: Im Gegensatz zu Vorjahren verzichteten viele Marken offen auf Pride-Kampagnen. Dass Großunternehmen wie Google, Meta oder McDonalds ihre Diversitätsprogramme und -gelder streichen, nachdem die Trump-Regierung allen DEI-Strukturen (Diversity, Equity and Inclusion) den Kampf angesagt hat, ist nicht verwunderlich. Doch auch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat entschieden, die Regenbogenflagge auf dem Reichstagsgebäude künftig nicht mehr zum Berliner CSD zu hissen. Brandgefährlich im Kontext der Offenheit, mit der rechtes Gedankengut wieder ausgelebt wird.

Kampagnen um die Latinidad fangen dagegen gerade erst an. „Latine“ zu sein ist inzwischen nicht mehr nur mit einem negativen Stigma von „Unterentwicklung“ verbunden, sondern wird romantisiert – als exotisch, begehrenswert. Eine Marketing-Rhetorik, die westlichen Marken erlaubt, sich mit einem Anstrich von Inklusion zu schmücken. Dies geschieht zum Beispiel immer wieder, wenn sich der globale Fokus kurzzeitig auf den Amazonas richtet. Marken wie Zara, Anthropologie und Patowl nutzen die mediale Aufmerksamkeit, um traditionelle amazonische Muster zu verwenden – ohne Zustimmung oder Entlohnung von Indigenen Gemeinschaften. Sie eignen sich einmal mehr das „Exotische“ an.

Dieses Jahr ist klar geworden: Wenn sich Symbole der queeren Bewegung nicht mehr gut vermarkten lassen, ziehen sich die Unternehmen zurück – und mit der Latinidad wird es nicht anders sein. Sobald sie nicht mehr als exotisch und schön gilt, wird sie fallen gelassen wie all die anderen Bewegungen, die dem Markt nicht mehr nützen. Während die Rechte der LGBTQ+-Community zurückgedrängt werden und konservative Diskurse weltweit an Stärke gewinnen, schweigen die Unternehmen.

Bisher schienen marginalisierte Gruppen in ihren Kämpfen voranzukommen, weil sie plötzlich auf allen Bildschirmen und in der Werbung auftauchten – aber diese Form der Sichtbarkeit ist nicht mit echter Inklusion oder Unterstützung gleichzusetzen. Sie führt lediglich dazu, dass komplexe Identitäten ihren politischen Kern verlieren. Das Oberflächliche wird gefeiert, das Unbequeme verschwiegen.
Ein wesentlicher Teil der Kämpfe besteht nämlich im anstrengenden Beharren auf existenzielle Rechte, wenn diese zum Beispiel von Regierungen nicht geschützt werden. So müssen sich Indigene Gemeinschaften weiterhin gegen Extraktivismus im peruanischen Regenwald wehren, weil es sonst niemand tut (siehe Seite 28) und auf institutioneller Ebene werden in Peru Kämpfe gegen transfeindliche Politik lauter (siehe Seite 32). Auch in künstlerischen Formen lohnt sich die Auseinandersetzung mit komplexen Themen wie Femiziden, so dass die Menschen und Persönlichkeiten, um die es in diesen Kämpfen geht, in den Vordergrund der Debatten rücken (siehe Seite 50).

Eines darf aber nicht vergessen werden: Weder die queere noch die lateinamerikanische Erfahrung ist homogen. Ihre Kommerzialisierung löscht die Intersektionalität aus, die ihre Realität prägt. Hinter einer bunten Flagge oder einem Karol-G-Song – wie LATINA FOREVA, der als Versuch verstanden werden kann, die Identität der lateinamerikanischen Frau global zu repräsentieren – verbergen sich zutiefst unterschiedliche Geschichten, geprägt von Herkunft, Klasse, Rassifizierung, Geschlecht und Sprache. Doch welche Art von Latinidad wird da gefeiert? Wo bleiben die Afro-Latinidad, die Indigene Latinidad, das queere Landleben?
Diesen marginalisierten Kämpfen einen Sinn zurückzugeben, bedeutet, ihre Komplexität anzuerkennen. Es bedeutet auch, sich gegen ihre Ästhetisierung und performative Vermarktung zu stellen und beides entschieden abzulehnen.


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// Organisieren gegen den Notstand!

Seit weniger als zwei Monaten ist Javier Milei Präsident Argentiniens, doch seine Regierungspraxis setzt die argentinische Demokratie bereits jetzt enorm unter Druck. Die autoritären Maßnahmen, die er in seinem Regierungsprogramm angekündigt hat, setzt er über den nationalen Notstand um. Sein marktradikales Umstrukturierungsprogramm hat bereits begonnen (mehr dazu bald online und im neuen Heft). Die vergrößerte Freiheit des Kapitals beschränkt zunehmend die Freiheit derer, die nicht über großes Kapital verfügen. Die argentinische Linke sieht sich vom Wahlergebnis schwer geschlagen, sie konnte keine glaubwürdigen Alternativen bieten. Einige linke Organisationen wie der trotzkistische FIT-U (Frente de Izquierda – Unidad) und große Gewerkschaften hatten bei der Stichwahl dazu aufgerufen, ungültig zu wählen. Nun sind sie mit einer Regierung konfrontiert, die die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe sozialer Bewegungen innerhalb kürzester Zeit zunichte machen könnte.

Mileis Vorgehen ist vergleichbar mit der Strategie Nayib Bukeles in El Salvador, der im März 2022 einen bis heute anhaltenden Ausnahmezustand erklärte. Beide Staatschefs nutzen ihre durch hohe Zustimmung bei den Wahlen legitimierte Macht, um die Institutionen auszuhöhlen und schrittweise die Rechtsstaatlichkeit aufzulösen. Am 4. Februar wird Bukele voraussichtlich wiedergewählt – obwohl die Verfassung eine zweite Amtszeit in Folge nicht vorsieht. Auch in El Salvador rufen nun einige kritische Stimmen aus der linken Opposition dazu auf, ungültig zu wählen, um so auf die Illegalität der Wiederwahl hinzuweisen. Dies könnte aber auch den Eindruck verstärken, dass die oppositionellen Kräfte keine Unterstützung genießen und Bukele in die Karten spielen.

Die Strategie Linker vor den Wahlen in Argentinien und El Salvador scheint nicht aufgegangen zu sein. In Deutschland hingegen, wo dieses Jahr Landtagswahlen stattfinden, gibt es noch nicht einmal eine erkennbare gemeinsame Strategie. Nach der Aufdeckung des Treffens in Potsdam, bei dem Faschist*innen Massenabschiebungen planten, sind Hunderttausende gegen Rechts auf die Straße gegangen – ein wichtiges Zeichen. Ob Abgrenzungsmaßnahmen wie Gegendemonstrationen jedoch einen signifikanten Einfluss darauf haben, wo andere ihr Kreuzchen setzen, ist zweifelhaft. Mehr als verzweifelte Forderungen, der faschistischen Katastrophe in den Landtagen über ein Parteiverbot zuvorzukommen, fällt vielen Linken in Deutschland aktuell nicht ein. Von den Regierungsparteien heben sie sich damit zudem kaum ab.

Dabei ist gerade die gescheiterte Sozialpolitik neoliberaler Parteien der Katalysator für autoritäre, ultraliberale oder faschistische Kräfte. Ihr Diskurs liegt dabei zudem oft weniger weit voneinander entfernt, als sie zugeben möchten. Wenn zum Beispiel Olaf Scholz jetzt öffentlichkeitswirksam verlauten lässt „Wir schützen alle – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder wie unbequem jemand für Fanatiker mit Assimilationsfantasien ist“, hat er offenbar seine Forderung von Oktober, „in großem Stil abzuschieben“, schon wieder vergessen.

Das zeigt einmal mehr: Linke können sich Strategielosigkeit inbesondere in Zeiten von sozialen Krisen und Rechtsruck nicht leisten. Sie sind die einzige Kraft, die reale Alternativen anbieten könnte. In Deutschland ist von der Linken im Vergleich zu Argentinien jedoch noch zu wenig zu sehen. Was nachhaltige Organisierung der breiten Gesellschaft und die konsequente und öffentlichkeitswirksame Thematisierung der sozialen Frage in der Linken angeht, lässt sich von Argentinien viel lernen. Um Ideen zu entwickeln, wie das in Deutschland gelingen kann, kommt es jetzt auf uns alle an!


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Militärischer Pomp und Wirtschaftslobby

“Mörderin Dina” Protest gegen die peruanische Präsidentin Dina Boluarte, die in Berlin mit militärischen Ehren empfangen wurde (Foto: Fujimori Nunca Más – Berlin)

Dina Boluarte war am 12. und 13. Oktober in Deutschland, hauptsächlich um als Ehrengast am vom Wirtschaftsgremium Lateinamerika Verein e.V. (LAV) organisierten Lateinamerika-Tag teilzunehmen. Mit anderen Worten: Ein Teil der peruanischen Wirtschaft erwartete die Präsidentin einer Regierung, die Menschenrechte verletzt hat, als Ehrengast auf einer Veranstaltung in Deutschland, um für Investitionen in ihre Bereiche zu werben. Teil dieser Wirtschaftslobby waren peruanische Unternehmer*innen wie der Vorstandsvorsitzende von Minas Buenaventura, Roque Benavides, unter anderem bekannt für die Einschüchterungen gegen die Bäuerin Máxima Acuña, die sich gegen die Enteignung ihres Landes durch das Bergbauunternehmen Yanacocha in Cajamarca wehrte. Oder Ricardo Márquez von der Nationalen Industriegesellschaft und ehemaliger Vizepräsident des Diktators Alberto Fujimori. Weitere Teilnehmer*innen der Veranstaltung waren Ana Cecilia Gervasi, Außenministerin Perus (am 6.11.23 zurückgetreten, Anm. d. Red.), und andere peruanische Regierungsvertreter*innen, ebenso Norbert Onkelbach, CCO von Lima Airport Partners, dem Betreibers des Flughafens von Lima Jorge Chávez (dessen Anteile mehrheitlich bei der deutschen Fraport AG liegen), Vertreter*innen von Anwaltskanzleien, die mit deutschen Unternehmen in Peru zusammenarbeiten, wie „Beminzon & Benavides“, „Rodrigo, Elías & Medrano“, und andere.

Dieses Ereignis blieb in Peru sowohl in den großen Medien als auch in einem Großteil der nicht vom Marktmonopolisten El Comercio kontrollierten „unabhängigen Presse“ fast unbemerkt. Es scheint also kein Problem zu sein, wenn peruanische Wirtschaftsleute zusammen mit einer Präsidentin Investitionen mit dem Versprechen rechtlicher Stabilität und sozialen Friedens bewerben, nachdem weltweit quasi alle wichtigen staatlichen und nicht-staatlichen Menschenrechtsorganisationen die Geschehnisse in den südlichen Anden Perus als außergerichtliche Hinrichtungen angeprangert und ebenso das Vorgehen der peruanischen Regierung gegen die indigene Bevölkerung als rassistisch motiviert bezeichnet haben. Vielmehr bezog ein Großteil der peruanischen Presse sich darauf, dass Boluarte sich auch mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper getroffen hatte, dessen Position der von Boluarte untergeordnet ist und deshalb dem Anlass nicht angemessen gewesen sei. Wir vom Kollektiv Fujimori Nunca Más – Berlín möchten aber auf eine andere Tatsache hinweisen: Peruanische Geschäftsleute kommen nach Deutschland, um Investitionen einzuwerben und präsentieren eine Regierung, die Menschenrechte verletzt, als Garantin für „sozialen Frieden“ und „Stabilität“.

Am darauffolgenden Tag, dem 13. Oktober, ging es für Dina Boluarte nach Berlin, wo sie im Schloss Bellevue vom deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit militärischen Ehren empfangen wurde. Es ist verständlich, dass Deutschland aus diplomatischen Gründen die Person empfangen muss, die das peruanische Präsident*innenamt innehat. Nichtsdestotrotz war es für unsere Gemeinschaft schmerzlich zu sehen, wie Dina Boluarte in Deutschland mit militärischen Ehren empfangen wurde, nachdem in Peru 49 Menschen durch Waffen der Polizei und der Armee getötet worden waren. Menschenrechtsverletzer*innen, die auf Menschen schießen, haben keine Ehre. Es wird kein roter Teppich für diejenigen ausgerollt, die auf wehrlose Jugendliche schießen. Es gibt keinen Beifall für diejenigen, die Bauern, Bäuerinnen und Indigene erschießen, welche ein Land fordern, das ihnen mehr Gerechtigkeit gibt. Es gibt keinen Grund, das Ansehen der Regierung Boluarte reinzuwaschen. Wir fordern Gerechtigkeit, und wir fordern sie jetzt. Deswegen waren wir als Bündnis PEX-Alemania (peruanxs en Alemania, Deutsch: Peruaner*innen in Deutschland) bei den verschiedenen Aktivitäten Dina Boluartes sowohl in Stuttgart als auch in Berlin anwesend. Die militärischen Ehren im Schloss Bellevue wurden vom legitimen Protest der peruanischen Community – zu der auch das Kollektiv Fujimori Nunca Más gehört – überschattet. Während der Zeremonie konnte sie unsere Stimme des Protestes hören, die ebenso die Stimme der großen Mehrheit des peruanischen Volkes ist: “¡Dina Asesina! ¡El pueblo te repudia!” (Deutsch: „Dina du Mörderin, das Volk lehnt dich ab!“, Anm. d. Red.).

Hierbei sei auch erwähnt, dass verschiedene Kollektive von Peruaner*innen in Deutschland und Europa ein Schreiben unterzeichnet haben, das von einem bekannten Vertreter unserer Gemeinschaft persönlich an Bundespräsident Steinmeier übergeben und auch in unseren sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde. In dem Schreiben weisen wir auf die Ereignisse in unserem Land hin und teilen unsere Ablehnung des Deutschlandbesuchs von Boluarte mit. Eine der Schlussfolgerungen des Dokuments ist, dass wir, die peruanische Gemeinschaft, die hier in Deutschland studiert, arbeitet und die Gesetze und Institutionen des Landes respektiert, der Meinung sind, dass die Anwesenheit von Boluarte dem Ansehen Deutschlands bei der Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten in der Welt schadet.

Nach dem Wirtschaftslobby-Treffen und militärischem Pomp führte die Reise Boluarte in den Vatikan, wo sie vom Papst empfangen wurde, der nur wenige Minuten mit ihr verbrachte und sich, den vom Vatikan veröffentlichten Fotos und der Kürze des Treffens nach zu urteilen, sehr unwohl bei diesem fühlte. Im Allgemeinen wurden in Peru die verschiedenen Reisen von Dina Boluarte in die Vereinigten Staaten und nach Europa sowohl als frivol im Hinblick auf die Höhe der ausgegebenen Gelder als auch als inkonsequent bezeichnet. Sie konnte weder mit Bundeskanzler Olaf Scholz zusammentreffen, noch wurde sie von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni empfangen, als sie Italien besuchte. Nach unserer Einschätzung wurde sie bei ihrem Besuch in Deutschland jedoch ihrer Rolle als Garantin des „sozialen Friedens“ für Investor*innen gerecht. Auch wenn noch keine großen Projekte angekündigt wurden, wird die Zeit zeigen, ob die „Ehrengästin“ der Stuttgarter Veranstaltung, die nur von 13 Prozent der Peruaner*innen anerkannt wird und der in allen Sprachen und überall, wo sie auftaucht, „Mörderin“ entgegen geschrien wird, die deutschen Unternehmer*innen überzeugt hat.


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“ANMELDUNG PARA TODES!”

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Para les habitantes de Berlín, el aumento y la especulación de los precios de la vivienda, la inflación y la gentrificación de ciertas partes de la ciudad han alcanzado en los últimos años dimensiones alarmantes. Las consecuencias, por supuesto, afectan de manera desmedida a las personas extranjeras. Les migrantes, y particularmente aquelles que venimos del sur global, nos encontramos en importantes desventajas para acceder a una vivienda: además de las limitaciones ligadas al idioma, del desconocimiento del sistema burocrático, de las condiciones laborales precarizadas y de las redes de apoyo reducidas, sistemáticamente sufrimos prácticas excluyentes y discriminatorias a la hora de encontrar dónde vivir.

Ciudad Migrante: una iniciativa desde abajo

Motivades por la inseguridad legal, laboral y consecuentemente emocional ligada a esta situación, algunes integrantes del Bloque Latinoamericano iniciaron en abril de 2022 una serie de reuniones sobre el derecho a la vivienda. En un primer momento, estos encuentros fueron talleres abiertos a los cuales se acercaron decenas de personas para compartir sus historias y discutir soluciones comunes. A partir de la sistematización de estas experiencias, vimos la necesidad de ir más allá de la escucha colectiva: ¿Cómo podemos generar acciones concretas que tengan un impacto positivo en el acceso a la vivienda para la comunidad migrante?

Es así como, a principios del 2023, surge Ciudad Migrante, un espacio abierto creado por migrantes latinoamericanes e hispanohablantes en Berlín. Es el resultado de un arduo proceso colectivo y de la convicción de que Berlín es una ciudad donde les migrantes podemos crear un sentido de pertenencia a través de la solidaridad y de la participación política. Nuestro trabajo se orienta por dos principios fundamentales: la lucha por el acceso igualitario a la vivienda y el derecho a la ciudad.

En primer lugar, reconocemos el acceso a la vivienda como una necesidad básica para una vida digna. Esta convicción guía nuestro compromiso por promover prácticas antidiscriminatorias e incluyentes, así como por proveer herramientas informativas a les migrantes en busca de vivienda. Así, en septiembre de este año lanzamos la Guía migrante de supervivencia urbana: Herramientas para enfrentar el mercado inmobiliario y la burocracia en Berlín. En este manual se ponen a disposición mecanismos a través de los cuales puede obtenerse un cuarto; se explican las características, los derechos y las obligaciones que revisten los diferentes tipos de contrato de alquiler; cuáles son las estafas habituales a las que hay que prestarles atención; qué recursos existen para lidiar con situaciones de violencia de género en el hogar y muchas otras informaciones indispensables que no siempre resultan evidentes al momento de llegar a una ciudad desconocida.

El derecho a la ciudad se refiere al derecho de les habitantes a construir, decidir y crear la ciudad, priorizando las necesidades de la comunidad por sobre aquellas de los intereses mercantilistas. Ambos principios definen a Ciudad Migrante como un grupo anticapitalista, concentrado en la acción política, con miras a facilitar el acceso a la vivienda y al desarrollo social de aquellas personas cuya situación inmediata les orilla a la despolitización. Más que ofrecer soluciones individuales, nuestro objetivo es generar un cambio estructural, visibilizando las realidades de las personas migrantes, interpelando a la comunidad alemana e incidiendo políticamente en las decisiones que afectan la vida de todas las personas en Berlín.

El círculo vicioso de la Anmeldung

El problema del acceso a la vivienda no sólo plantea obstáculos materiales, financieros y psicológicos para les migrantes, sino que pone de relieve una serie de mecanismos burocráticos que dificultan el acceso a servicios esenciales. Entre estos, hay uno particularmente escabroso para la vida migrante: la anmeldung (registro). Fue a través del diálogo y de la reflexión con varios instrumentos de la cartografía crítica que este trámite burocrático surgió como un tema central en nuestro quehacer político. Este mecanismo de registro oficial ocupa un lugar fundamental en la legalización y establecimiento de la vida privada en Alemania. En teoría, la anmeldung se perfila como una herramienta progresiva para el control del censo poblacional, la comunicación con las autoridades y el acceso a servicios educativos, sociales y de salud. Sin embargo, en el contexto de la crisis habitacional mencionada, la deseada y muy rara vez obtenida anmeldung representa un dispositivo de exclusión fundamental de las vidas migrantes en Berlín: sin Anmeldung no hay acceso a la salud, al trabajo legal o a los servicios financieros, pues es requerida para obtener un seguro médico, solicitar el Steuernummer, abrir una cuenta de banco, firmar un contrato de trabajo, entre muchos otros servicios y derechos urbanos importante.

Campaña “Anmeldung für Alle”: la apuesta política de Ciudad Migrante

La capacidad de interpelar al Estado y a los partidos es un aspecto fundamental de la praxis política de Ciudad Migrante. Por ese motivo, nuestra reiterada presencia en las calles está siempre acompañada de consignas políticas claras a través de las cuales demandamos frente a las instituciones correspondientes soluciones concretas a los distintos aspectos de la precarización de la vida migrante. Con el propósito de luchar contra las trabas burocráticas que obstaculizan el acceso a la vivienda, Ciudad Migrante lanzará antes de fin de año una campaña denominada “Anmeldung für alle!”. Algunas de las soluciones que imaginamos son la creación de una dirección postal universal que brinde la posibilidad de registrarse en la ciudad independientemente del lugar en que se habita, la supresión de la autorización del proveedor de la vivienda (Wohnugnsgeberbestätigung), la decriminalización del falso empadronamiento (Scheinanmeldungen), entre otras. Para lograr estos objetivos, que pueden implicar la eventual modificación de la actual Meldegesetz (Ley de Registro), el trabajo conjunto con otras organizaciones del movimiento de inquilinos (Mieterbewegung) en Berlín y la izquierda parlamentaria es fundamental. Por eso motivo, todas las personas individuales e iniciativas políticas están invitadas a sumarse a la lucha en contra de burocratización y mercantilización de la vivienda. ¡Por el derecho a una ciudad migrante!


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SCHOLZ IM ADLERHORST

Es wirkte wie ein Klimatreffen. Am 30. Januar 2023 traf sich Bundeskanzler Olaf Scholz mit chilenischen Unternehmer*innen, darunter die deutsch-chilenische Handelskammer und die chilenische Industriekammer, kurz SOFOFA. In einer langen Rede beschwor der Kanzler gemeinsame demokratische Werte, zirkuläre Wirtschaft, Umweltschutz, den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel und internationale Solidarität. Nachdem er zuvor von chilenischen Studierenden sprach, die während der Militärdiktatur in Deutschland studieren konnten, meinte er: „Heute teilen wir unsere demokratischen Werte und die Überzeugung, dass individuelle Freiheit und soziale Sicherheit Hand in Hand gehen. […] Und noch etwas teilen wir: Wie viele Gesellschaften sind wir mit dem Ziel verbunden, unsere Wirtschaft neu auszurichten, aus fossilen Brennstoffen auszusteigen und klimaneutral zu produzieren.“

„Von einem SPD-Mitglied hätten wir mehr erwartet“

Zuvor hatte Scholz bereits angekündigt, den Aufbau einer Gedenkstätte in der ehemaligen Colonia Dignidad zu unterstützen. Es wirkt wie ein Tapetenwechsel: Wo einst knallharte wirtschaftliche Interessen galten, sind es heute Menschenrechte und Umweltschutz. Doch der Schein trügt. Hinter der Tapete versteckt sich weiterhin das Fundament einer interessengeleiteten Außenpolitik, in deren Zentrum die Familien geflohener Nazis stehen. So war der Besuch von Scholz der große Auftritt für Christoph Schiess − ein Unternehmer, der wenig in die chilenische Öffentlichkeit tritt. Er empfing den Bundeskanzler auf dem neuen, firmeneigenen Gelände in Vitacura. Der Komplex der Firma Tánica, einst Transoceánica, ist der sichtbarste Teil des Imperiums von Schiess, das vor allem im Immobiliensektor tätig ist. Regelmäßig taucht das Unternehmen in Konflikten auf, bei denen sich Anwohner*innen gegen Neubauten durch die Tánica wehren.

Das erklärte Ziel der deutschen Regierung war es, die wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken. Derzeit will man vor allem Kupfer und Lithium aus Chile importieren, in Zukunft soll Chile „grüne“ Energie in Form von Ammoniak und Wasserstoff nach Deutschland liefern. Chile selbst sieht sich nach eigenem Bekunden als den zukünftig weltweit größten Wasserstoffexporteur, der aufgrund seiner vorteilhaften Lage – viel Sonne und direkt am Meer – den weltweit günstigsten Wasserstoff produzieren kann. Scholz seinerseits bekundete mehrmals, dass die wirtschaftlichen Beziehungen sich ändern müssten: Die Herkunftsländer der Rohstoffe müssten vom erwirtschafteten Reichtum profitieren. Hier witterten die Unternehmer*innen beim Treffen in der Tánica gute Geschäfte. Unter der Moderation von Cristoph Schiess’ Ehefrau, Jeanette von Wolffersdorff, sprach man gemeinsam über eine grüne Zukunft, in der zirkuläre Wirtschaft auf der Tagesordnung stehe. Doch wer steht hinter dem grünen Stelldichein der deutsch-chilenischen Wirtschaft? Es sind zum Teil kleine Unternehmer*innen, die sich im Bereich der Energie- und Minenwirtschaft betätigten. Doch präsidiert werden ihre Organisationen von alten deutschen Familien und deren Freund*innen. Es sind zum großen Teil die Nachfahren von Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vor der Justiz der Alliierten flohen, beginnend bei Christoph Schiess. Relativ wenig bekannt ist über den Vater von Christoph und Gründer der Transoceánica: Wilhelm Schiess. Nach eigenen Angaben kam er im Jahr 1948 mit 23 Jahren nach Valparaíso, nachdem er es geschafft hatte, aus der Gefangenschaft der Roten Armee zu fliehen. Neben Schiess steht die Familie von Appen, die derzeit mit dem 55-jährigen Richard von Appen die chilenische Industriekammer präsidiert. Der Vater von Richard, Julio Alberto von Appen, kam als Spion für das NS-Regime erstmals im Jahr 1937 nach Chile. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte er sich in Santiago. Zudem war auch Victor Ide in Vertretung der deutsch-chilenischen Handelskammer anwesend. Ide gilt als enger Bekannter des Unternehmers Horst Paulmann. Paulmann kam als Kind nach Chile, nachdem sein Vater, der unter dem NS-Regime Richter war, nach Lateinamerika geflüchtet war. All diese Nazis gründeten in den 50er Jahren ihre Unternehmen, die vor allem während der Militärdiktatur stark wuchsen, – auch dank der guten Kontakte zum Militär.

Auch heute unterstützen die Unternehmer*innen stramm rechte Positionen. Cristoph Schiess sponsorte während der Wahlperiode die rechtsextreme Constanza Hube vom neoliberalen Thinktank Libertad y Desarrollo (Freiheit und Entwicklung). Paulmann war ein guter Bekannter des verstorbenen Paul Schäfer, des Gründungsvaters der berüchtigten Colonia Dignidad, sagt Winfried Hempel, der in der Colonia Dignidad aufgewachsen ist und derzeit als Anwalt die Opfer der Colonia vertritt. Für ihn ist das Händeschütteln des Kanzlers mit Nazifamilien „ein Affront“, wie er gegenüber LN sagte. Denn obwohl der Besuch von Bundeskanzler Scholz im Museum für Erinnerung und Menschenrechte in Santiago de Chile begann und Menschenrechtsthemen offiziell im Mittelpunkt seiner Reise standen, gab es laut Hempel wenig Konkretes: „Von einem SPD-Mitglied hätten wir mehr erwartet.“ Es fanden weder Treffen mit Opferorganisationen der Colonia Dignidad statt noch waren die entsprechenden staatlichen Stellen zum Staatstreffen eingeladen. Während sich die chilenischen Finanz- und Energieminister mit ihren deutschen Partner*innen trafen, fehlten der Justizminister und die Staatssekretärin für Menschenrechte gänzlich – eine Prioritätensetzung, die für Hempel ein Sinnbild der deutschen Politik ist: „Nach außen gibt sich der deutsche Staat als Paradebeispiel für Menschenrechte, doch in der Realität haben wirtschaftliche Interessen weitaus mehr Priorität.“ Der Anwalt erinnert daran, dass es lange brauchte, bis sich deutsche Staatsvertreter*innen für die Unterstützung der Colonia Dignidad entschuldigten. Es gibt Berichte, wonach das Auswärtige Amt aktiv versuche, Staatsbesuche vor Ort zu verhindern. So etwa als Bodo Ramelow im Oktober 2022, als Präsident des deutschen Bundesrates, einen Besuch in der Colonia Dignidad vornahm. Ramelow hatte anschließend das Verhalten des Auswärtigen Amtes heftig kritisiert, da ihm Informationen vorenthalten worden seien und sich Vertreter*innen des Amtes abschätzig ihm und den Opfervertreter*innen gegenüber verhalten hätten.

Nazis gründeten in den 1950ern Unternehmen, die vor allem während der Militärdiktatur stark wuchsen

Die nun angekündigte Gedenkstätte sei keineswegs neu, meint Hempel, „das Konzept steht seit mehr als acht Jahren.“ Es sei gut, dass nun auch von oberster staatlicher Stelle das Projekt unterstützt werde, doch „wenn Kanzler Scholz das Projekt würde vorantreiben wollen, hätte er während seines Besuchs den ersten Stein legen können.“ So blieb es nur eine weitere Ankündigung. Andere Projekte laufen deutlich schneller: Bei dem Besuch wurden zwei Wirtschaftsverträge unterzeichnet: einer mit dem chilenischen Bergbauministerium über eine deutsch-chilenische Partnerschaft für Bergbau, Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft, ein zweiter zur Kooperation der Hamburger Kupferraffinerie Aurubis mit der chilenischen staatlichen Kupfermine Codelco. Außerdem haben Porsche und Siemens bereits in die Testproduktion von synthetischen E-Fuel-Kraftstoffen in Chile investiert.


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Isoliert im Plattenbau

© María Grazia Goya

Nein, glamourös wirkt das alles wirklich nicht. Eine schmucklose Wohnung in einer anonymen Plattenbausiedlung am Rande der Großstadt, Jobs auf dem Bau oder als Call-Center-Agent, dazu draußen Berge von Schnee. Ob es das war, was sich die kubanischen Arbeitsmigranten, die der Dokumentarfilm Llamadas desde Moscú (Anrufe aus Moskau) zeigt, von ihrem Leben in Russland erhofft haben? Inwiefern es eine Verbesserung zu ihrer vorherigen Existenz in Kuba darstellt? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Denn das Geschehen im Film fokussiert sich fast ausschließlich auf Telefongespräche, die sie nach Hause oder ganz selten auch mal mit dem Vermieter in Moskau führen. Und die meist nicht besonders aussagekräftig sind.

Das ist schade, denn die Ausgangssituation der vier Männer, die der Film begleitet, hätte Material für wesentlich mehr hergegeben. Alle vier sind homosexuell und aus Kuba nach Russland geflüchtet – in ein Land, in dem  jegliche positive Äußerung oder Darstellung zum Thema Homosexualität unter Strafe steht. Doch ihre Meinung zu den Widersprüchen und Gemeinsamkeiten in den so unterschiedlichen Gesellschaften wird von Regisseur Luis Alejandro Yero nicht erfragt. Wie fühlt es sich an, Migrant in Russland zu sein? Aus dem Sozialismus in eine immer repressiver werdende Autokratie zu kommen? Queer zu sein in einem Land, das queere Lebensweisen marginalisiert und diskriminiert? Gibt es überhaupt etwas, das sie heute noch mit diesem Russland verbindet außer der Visafreiheit, einem Relikt aus der gemeinsamen kommunistischen Vergangenheit?

Zu all dem hätten Eldis, Juan Carlos, Deryl und Dariel vermutlich viel zu erzählen gehabt. Zumal Llamadas desde Moscú im Februar 2022, nur wenige Tage vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs, gedreht wurde und die Anspannung spürbar ist (das Filmteam konnte sich mit einem der letzten Flüge vor der Ausreisesperre zurück nach Kuba retten). Stattdessen liegen sie meist apathisch auf Betten in einem möblierten Apartment herum, sehen oder filmen selbst TikTok-Videos und geben in ihren Telefonaten mehr oder weniger Relevantes über ihre neue Lebensrealität preis. Dazu sieht man spärliche Außenaufnahmen von der trostlosen, verschneiten Trabantenstadt um sie herum. Das Ganze unterstreicht den Eindruck, der von Beginn an gewollt ist: Kulturelle, menschliche und auch politische Vereinzelung in einer Umgebung, die fremder nicht sein könnte. Dadurch, dass Yero den Hintergrund seiner vier Protagonisten aber überhaupt nicht beleuchtet, gelingt es ihm auch nie, wirkliche Empathie mit ihnen zu erzeugen. So bleibt Llamadas desde Moscú am Ende nicht mehr als ein interessantes Projekt, das trotz der geglückten Darstellung von Isolation zu oft vergisst, sich um die Menschen dahinter zu kümmern.

LN-Bewertung: 2/5 Lamas


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