KUBA WIRD AUSSORTIERT


Fotos: Andreas Knobloch

Noch ist Deutschland entwicklungspolitisch in etwa 85 Ländern direkt aktiv, meist über die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) – alles unter dem Dach des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Im Zuge der Neuausrichtung soll unter dem Motto „Weg von der Gießkanne“ die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit in etwa einem Drittel der Länder beendet werden, darunter Kuba, schrieb die FAZ mit Verweis auf eine Ausstiegsliste, die dem Blatt vorliege. Diese Nachricht sorgte vor allem bei Kuba-Unterstützer*innen für Unruhe.
„Wir beenden mit keinem Land die Zusammenarbeit, sondern wir steuern in einer Reihe von Ländern um. Die erwähnte Umsteuerung betrifft vor allem die direkte staatliche, also bilaterale Zusammenarbeit“, erklärt eine Sprecherin des Ministeriums auf Nachfrage. „Die Entscheidung betrifft ausschließlich die direkte Zusammenarbeit von Staat zu Staat über die Durchführungsorganisationen wie die GIZ oder die KfW.“ In Ländern, in denen man nicht mehr direkt staatlich zusammenarbeite, würde weiterhin die Arbeit der Kirchen und der Zivilgesellschaft sowie der EU und multilateraler Institutionen unterstützt, sowie Investitionen der Privatwirtschaft gefördert.
Das klingt beruhigend. Aber bei Investitionsförderung vermittelt der Realitätscheck für Kuba eher ein tristes Bild. Nicht selten bleiben Investitionsprojekte in der Entwicklungsphase stecken. Das hat mit den schwierigen Finanzierungsbedingungen zu tun. Seit fast sechzig Jahren leidet Kuba unter der Wirtschafts-, Finanz- und Handelsblockade durch die USA. Deren Bestimmungen betreffen auch Drittstaaten und lassen potentielle Investor*innen vorsichtig agieren. Derzeit findet sich keine deutsche Bank, die Projekte auf Kuba finanziert. Darüber hinaus fehlt es an öffentlicher Entwicklungsfinanzierung. Kuba selbst steckt in Zahlungsschwierigkeiten.


Schwieriges Pflaster Wegen der US-Blockade bleiben Investitionen deutscher Banken aus

Eine Erhöhung der Hermes-Bürgschaften, mit denen der deutsche Staat private Investitionen absichert, war mehrmals an Zahlungsverzögerungen auf kubanischer Seite gescheitert. Zwar gibt es seit Oktober 2018 in Havanna ein Deutsches Büro zur Förderung von Handel und Investitionen, aber das fehlende Entwicklungshilfeabkommen mit Kuba sei ein „großes Hemmnis“, hört man immer wieder aus dem Kreis deutscher Unternehmer*innen auf der Insel.
Während zwischen Kuba und der DDR enge Beziehungen bestanden, ist das Verhältnis zwischen Berlin und Havanna nach 1990 erheblich abgekühlt. Erst im Jahr 2000 wurde die Frage der kubanischen Altschulden gegenüber der DDR in einem Umschuldungsabkommen geregelt. Die offizielle Entwicklungszusammenarbeit liegt seit 2003 auf Eis, ebenso ein bereits ausgehandeltes deutsch-kubanisches Kulturabkommen – eine Reaktion auf die Verhaftung von 75 Systemoppositionellen in Kuba und deren Verurteilung zu langjährigen Haftstrafen im März 2003.
„In Kuba wurden Maßnahmen der bilateralen staatlichen Zusammenarbeit noch nicht umgesetzt, daher können diese auch nicht beendet werden“, heißt es dazu aus dem Ministerium. „Vom BMZ mitgeförderte Projekte der Zivilgesellschaft und anderer Träger sind [von der Strukturreform, Anm. d. Autors] nicht betroffen und werden auch künftig in Kuba möglich sein.“ Derzeit sind einige deutsche Nichtregierungsorganisationen auf Kuba tätig, vornehmlich im Bereich der Energie- und Wasserversorgung sowie in der Erwachsenenbildung.

Seit 1990 ist das Verhältnis zwischen Berlin und Havanna deutlich abgekühlt


„Obwohl es bislang kein deutsch-kubanisches Kulturabkommen und kein unabhängiges Goethe-Institut gibt, bilden die vielfältige kulturelle Kooperation, die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung sowie der durch den Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) geförderte akademische Austausch zentrale Säulen der bilateralen Beziehungen“, heißt es von Seiten des Auswärtigen Amtes.
DAAD-Projekte gehören zu den wichtigsten Vorhaben in der BMZ-geförderten deutsch-kubanischen Kooperation. Sie betreffen Themen wie Biodiversität, Recycling und Abwassermanagement, unternehmerische Bildung an Hochschulen, Alumni-Netzwerke, Workshops in Hoch­schulmanagement usw. Darüber hinaus fördert das BMZ eine Dreieckskooperation Mexiko-Kuba-Deutschland im Bereich erneuerbarer Energien und Energieeffizienz, zivilgesellschaftliche Kooperationen sowie Vorhaben der politischen Stiftungen, zwei Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft sowie ein regionales Sparkassenpartnerschaftsprojekt. Nach Hurrikan Irma im Herbst 2017 flossen über vom BMZ unterstützte UN-Programme Übergangshilfen in Höhe von 750.000 Euro._
Deutschland setze die Zusammenarbeit mit Kuba in der Entwicklungszusammenarbeit auch durch sein europäisches und multilaterales Engagement fort, so die BMZ-Sprecherin. „Zudem finanziert Deutschland durch seinen Beitrag zum EU-Haushalt aktuell mehr als 20 Prozent der EU-Entwicklungsleistungen und unterstützt damit indirekt auch die Entwicklungszusammenarbeit der EU mit Kuba.“
Das künftige Kuba-Engagement des BMZ lässt sich vielleicht auf die Kurzformel bringen: Wo man nie richtig eingestiegen ist, kann man auch nicht aussteigen. Die allgemein auf die Reformstrategie für das BMZ gemünzte Aussage des Verbandes Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) kann auch auf Kuba angewendet werden: „Eine umfassende Bewertung der Auswirkungen ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Viele Fragen stellen sich im Zuge der Umsetzung, von denen dann auch zivilgesellschaftliche Organisationen betroffen sein können.“

DAS GUTE LEBEN, NUR EIN DISKURS


Oscar Campanini
ist Direktor der Nichtregierungsorganisation CEDIB aus Bolivien. CEDIB arbeitet für mehr Transparenz im Bergbau und anderen Großprojekten in Bolivien und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Lithium.

Foto: Privat


 

Herr Campanini, Sie kritisieren Demokratiemangel in Boliviens Bergbau- und Rohstoffpolitik. Wie hat sich diese in den letzten Jahren verändert?
So wie die meisten lateinamerikanischen Länder ist auch Bolivien historisch mit dem Rohstoffexport verbunden. Die Wirtschaft des Landes basiert größtenteils auf Extraktivismus und birgt somit eine hohe Rohstoffabhängigkeit. Anstatt die Wirtschaft zu diversifizieren, wurden politische Machtstrukturen innerhalb des Rohstoffsektors geschaffen, welche Armut und Diskriminierung bis heute begünstigen. Die Hoffnung auf eine Transformation dieser Strukturen wurde nach fast 14 Jahren Amtszeit des Präsidenten Evo Morales enttäuscht.
Rohstoffausbeutung wurde mit einer Kapitalanlagenmaximierung für eine stärkere Sozialpolitik gerechtfertigt. Auch der Wunsch nach Entwicklung trieb diesen Prozess immer weiter voran.
Mit der Politik des Wachstums sind enorme sozio-ökologische Auswirkungen verbunden. Besonders betroffen sind indigene Gruppen, die direkt unter den ökologischen Auswirkungen des Bergbaus leiden. Um Widerstand zu unterbinden, wendet die bolivianische Regierung verschiedene Strategien an. Die Betroffenen werden zum Schweigen gebracht, Menschenrechte werden missachtet.

Die Auswirkungen auf Menschen − insbesondere wenn sie Sorgearbeit verrichten, welche traditionell Frauen zugeschrieben wird − werden in der Beschäftigung mit dem Extraktivismus und seinen Folgen nur selten beleuchtet.
Die Auswirkungen sind für Frauen auf jeden Fall anders, aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Wenn extraktivistische Projekte geplant werden, geht das oftmals mit großen Versprechen für die Regionen einher, wie zum Beispiel Arbeitsplätzen oder anderen wirtschaftlichen Vorteilen, die nicht immer eingehalten werden. Zuallererst zerstören diese Projekte die produktiven und organisatorischen Strukturen der Gemeinschaften. Wenn eine Gemeinde beispielsweise von der Landwirtschaft lebte, wird diese dann nur noch spärlich betrieben, um sich stattdessen extraktivistischen Projekten zu widmen. Dadurch profitieren die Familien zwar erst einmal wirtschaftlich, aber die Produktion von Lebensmitteln funktioniert nicht mehr und die Lebensgrundlage der Gemeinde verändert sich vollkommen. Auch die Organisation der Gemeinschaften ist am Ende nicht mehr dieselbe. Die Gemeinschaft ist traditionell am Wohlergehen aller Mitglieder orientiert. Die Unternehmen, die extraktivistische Projekte planen, nehmen jedoch Einfluss auf deren Repräsentanten und sorgen dafür, dass diese die unternehmerischen Belange wiederum nach innen hin vertreten und Einfluss auf die Gemeinden nehmen, um sie von den Projekten der Unternehmen zu überzeugen. So werden die organisatorischen Strukturen der Gemeinden völlig unterlaufen und ihre Strukturen für die Zwecke des Extraktivismus instrumentalisiert. Verheerend sind auch die Auswirkungen auf die Umwelt, insbesondere auf das Wasser, und das bekommen leider ganz besonders Frauen zu spüren. Männer, welche meistens ökonomischen Tätigkeiten nachgehen, bekommen davon wenig mit, weil sie außerhalb der Haushalte arbeiten und diese Probleme nicht selbst erleben.

Haben Frauen deswegen auch eine besondere Rolle im Widerstand gegen diese Praktiken?
Ganz genau. In den letzten 15 Jahren des sozialen Widerstands waren es vor allem Frauen, die auf fundamentale Probleme aufmerksam gemacht haben. Es hat seine Vor- und Nachteile, dass Frauen traditionell enger mit den Familien leben und daher besorgter um die Zukunft ihrer Kinder und die ihrer Gemeinde sind. Deswegen übernehmen Frauen immer häufiger die Rolle von Anführerinnen ihrer Gemeinden und gehen die Probleme anders an als Männer, die wegen ihrer ökonomischen Perspektive und aufgrund von Sexismus die Dinge nicht so klar sehen wie sie. In vielen wichtigen Organisationen sind Frauen jetzt die wichtigsten Akteurinnen und die Anführerinnen des Widerstands geworden.

Wie beurteilen Sie die Idee eines Entwicklungsmodells, welches Wohlstand durch die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen erreichen will? Braucht Bolivien überhaupt eine „Entwicklung“?
Seit einiger Zeit gibt es in Bolivien eine Debatte darüber, was Entwicklung eigentlich ist. Auch in Deutschland gibt es ein Bewusstsein für diese Fragen, was man zum Beispiel am Thema der Elektroautos sehen kann. Dabei geht es aber nur um eine Transformation im Bereich der Energiequellen, das System des Konsums jedoch bleibt bestehen, die Idee der Entwicklung unangetastet. In Bolivien diskutieren wir die Frage, welche Entwicklung wir eigentlich wollen, und wissen auch, dass wir in jedem Fall ökonomische Ressourcen brauchen, die wir besonders leicht aus dem Handel mit anderen Ländern beziehen können. Die Frage ist vor allem, was wir dann mit diesen Ressourcen anstellen. Natürlich brauchen wir Bildung, ein funktionierendes Gesundheitssystem und viele andere Dinge, die die entwickelten Länder haben. Aber zu welchem Preis? Das verhandeln und analysieren wir aktuell in Bolivien.

Lithium, das in Bolivien im großen Stil abgebaut wird, wird derzeit in vielen Ländern des Globalen Nordens als Wegbereiter für eine internationale Energiewende gefeiert und findet Einsatz im Bereich der Elektromobilität. 2018 hat Bolivien einen 1,3-Billionen-Dollar-Deal mit der deutschen Firma ACI im Bereich der Lithiumausbeutung geschlossen. Zu welchem Preis bekommt Deutschland die vermeintlich saubere Energie?
Deutschland und die EU sorgen sich um die Erhaltung der eigenen Energiesicherheit. Von Bolivien brauchen sie Rohstoffe, um die eigene nationale Industrie und Entwicklung voranzutreiben. Die Umwelt nimmt nur insofern eine wichtige Rolle ein, da sie die Rohstoffe bereitstellt. Die Ökosysteme, in denen dieser Rohstoff auffindbar ist, sind mit indigenen Territorien verbunden. Das ist die Lebensgrundlage der ansässigen Menschen, und umgekehrt wird das Land auch von seinen Bewohnern instand gehalten. Deutschland interessiert sich für den Rohstoff, jedoch nicht für die auf dem Fördergrund lebende Bevölkerung. Landvertreibung und die Beschneidung von Menschenrechten sowie die Beschädigung der Ökosysteme hängen also mit der vermeintlich nachhaltigen Energie zusammen. Die damit zusammenhängende Ausbeutung von Rohstoffen, in diesem Fall Lithium, führt zu erhöhtem Abbau im Sinne von weiterem Wachstum.

51 Prozent des Umsatzes soll Bolivien erhalten − dient dieser Gewinn zum Aufbau einer eigenen Industrie? Welche Folgen hätte dies?
Seit vielen Jahren gibt es bereits Pläne zur Industrialisierung Boliviens. In der Vergangenheit investierte die Regierung in viele verschiedene Sektoren, um diese weiter voranzubringen. Aufgrund des bisherigen Scheiterns der Industrialisierung anderer Sektoren, gilt Lithium derzeit als vielversprechendster Bereich. Es wurde bereits viel Geld aus der bolivianischen Staatskasse, aber auch durch ausländische Investoren bereitgestellt, um diese Industrie zu entwickeln.
Der 2018 mit Deutschland geschlossene Vertrag verspricht ein innovatives Projekt zur Lithiumgewinnung, in dem es bisher so scheint, als ob von diesem alle profitieren könnten. Es gibt jedoch Unstimmigkeiten. Ein Problem sind die genannten ökologischen Folgen. Die Wassermengen, die von den Kraftwerken benötigt werden, sind trotz neuer Technologien riesig. Der Verbrauch der Wasserreserven wird sich nicht nur auf Salar de Uyuni auswirken, sondern die gesamte Region betreffen und das Ökosystem stark beschädigen. Diese drastischen Folgen hat Bolivien bisher noch nicht erkannt. Eine weitere Sorge ist, ob die Wertschöpfungskette wirklich in Bolivien bleibt. Das Versprechen nationaler Wertschöpfung ist zwar Teil des Vertrags zwischen ACI und Bolivien, jedoch gibt es viele alarmierende Signale, dass dies nicht wirklich so sein wird. Es ist bereits bekannt, dass Deutschland einen aktuellen Fond mit mehreren Millionen Euro bereitstellt, um eine eigene Lithiumverarbeitungsindustrie aufzubauen. Das lässt natürlich Raum für Sorge, ob das Interesse an einer nachhaltigen Wertschöpfungskette innerhalb Boliviens wirklich besteht.

Wenn wir uns Ihre bisherige Bilanz der Rohstoffpolitik Boliviens ansehen, drängt sich die Frage auf, was eigentlich aus dem Vivir Bien geworden ist.
Leider ist all das bloß ein Diskurs geblieben. So, wie die Idee des Vivir Bien eigentlich konzipiert wurde, ist sie konträr zum Entwicklungsbegriff − und doch wurde sie in diesem Gesetz einfach zum Grundstein einer „integralen“ Entwicklung erklärt und so in eine Entwicklungsagenda integriert. Die natürlichen Ressourcen stehen deswegen immer noch im Dienst einer ökonomischen Entwicklung von Wachstum durch den Export von Rohstoffen. Eine richtige Transformation hat nie stattgefunden. Was wir sehen ist lediglich eine Transformation von Diskursen über das Vivir Bien.

Bolivien ist im Moment der letzte Staat, der den socialismo del siglo 21 (Sozialismus des 21. Jahrhunderts) mit einer gewissen Stabilität weiterführt. Was denken Sie über die Entwicklung der Linken in Lateinamerika?
Ich verstehe diese Welle progressiver Regierungen als Produkt von sozialen Bewegungen, die sich gegen den Neoliberalismus auf dem Kontinent zur Wehr gesetzt haben und nach politischen Alternativen suchten. Im besten Fall haben diese jedoch ein paar Umverteilungsmaßnahmen erreicht – mehr nicht. Es gab einige Versuche von Verstaatlichungen, in Bolivien beispielsweise von Gas, aber dieses wird von transnationalen Unternehmen kontrolliert, deswegen konnte das Projekt nicht gelingen. Die Erträge wurden zwar umverteilt, die größten Gewinne blieben jedoch noch immer bei den transnationalen Unternehmen. Strukturelle Veränderungen haben aber leider keine der progressiven Regierungen wirklich erreicht, und deswegen sind sie gescheitert. Momentan schlägt die Rechte zurück. Das ist die logische Konsequenz des Versagens der Linken. Diese Entwicklung beunruhigt uns sehr. Was zum Beispiel gerade in Venezuela geschieht, wird mit Sicherheit einen Einfluss auf ganz Lateinamerika haben.

 

BEIHILFE ZUR FOLTER

„Es war Volkswagen, die dafür verantwortlich waren, dass ich von den Geheimpolizisten des DOPS an meinem Arbeitsplatz bei VW in São Bernardo do Campo verhaftet, noch auf dem Werksgelände geschlagen und von dort direkt in das Folterzentrum DOPS verschleppt wurde. Dort wurde ich wochenlang gefangen gehalten und schwer gefoltert.“ Lúcio Bellentanis Stimme dröhnt tief durch den bis auf den letzten Platz angefüllten Theatersaal der Berliner Schaubühne. Die Empörung über das, was der Metallarbeiter und Gewerkschafter im Juli 1972 bei VW do Brasil und in den Wochen nach seiner Verhaftung erlebte, ist ihm noch immer anzumerken. „Wenn VW wenigstens einmal sagen würde, dass es ihnen leid täte, dass sie Verantwortung übernehmen, dann wäre dies ein erster Schritt“, sagt der mittlerweile 73-Jährige. „Der zweite Schritt wäre eine Kollektiventschädigung. Denn wir lassen uns nicht spalten, gar einzeln verhandeln, wie VW das so gerne wollte.“

Bellentani war im November 2017 auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Berlin gereist, um den Druck auf VW zu erhöhen. Denn seit September 2015 wird auf Betreiben der Arbeiter*innen wie Bellentani von der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo untersucht, ob VW mit den Repressionsorganen der Militär­diktatur kollaboriert hat. In Berlin nahm Bellentani mit 60 anderen Menschenrechts­akti­vist*innen aus fünf Kontinenten an dem Reality-Schauspiel „General Assembly“ in der Schaubühne teil, das der Regisseur Milo Rau orchestrierte. Angehörige der Opfer der Brand­katastrophe der für die Textilkonzerne in Pakistan und Bangladesch schuftenden Arbeiter*innen waren bei dem dreitägigen Theater am Berliner Ku‘damm ebenso vertreten wie von Landgrabbing durch Palmölfirmen betroffene Landarbeiter*innen aus Indonesien oder Witwen der 34 im Jahr 2012 während eines Streiks von der südafrikanischen Polizei erschossenen Minenarbeiter der Platin-Mine der britischen Firma Lonmin. Alle Betroffenen und Aktivist*innen hielten als Delegierte eines simulierten Weltparlaments ihre Redebeiträge in fünf Minuten und standen dann noch vier Minuten den anderen Delegierten und der Verteidigung Rede und Antwort.

Lúcio Bellentani berichtete über seine Verhaftung und die Folter, erklärte den überraschten Zuhörer*innen, welchen gewichtigen Anteil VW do Brasil daran hatte. Und er berichtete, was sich in den vergangenen zwei Jahren in der Ange­legenheit ergeben hat.

Im September 2015 (siehe LN 497) hatten ehemalige Arbeiter*innen, die zur Zeit der Militärdiktatur (1964-1985) bei VW do Brasil Repres­sion erlitten hatten, gemeinsam mit Rechts­anwält*innen, Menschenrechtsaktivist*innen und allen elf brasilianischen Gewerkschaftsdachverbänden eine Sammelklage bei der Zivilkammer der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo eingereicht. Das Ziel: Die Kollaboration von VW do Brasil mit der Militärdiktatur zu untersuchen und zu prüfen, inwieweit VW finanziell haftbar dafür gemacht werden könne.

Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft, hat über ein Dutzend Zeug*innen vernommen, darunter sowohl die Arbeiter*innen als auch die ehemaligen VW-Werkschützer*innen. Erstere erzählten detailliert über die Bespitzelungen durch VW, ihre Verhaftungen, über die schwarzen Listen, die, wie sie später feststellten, von VW über die Mitarbeiter*innen erstellt wurden und an die Repressionsorgane weitergegeben wurden. Letztere offenbarten auffällig viele Erinnerungslücken, wiesen Anschuldigungen vehement zurück, sie hätten an den Verhaftungen der Mitarbeiter*innen aktiv mitgewirkt und Infos an die Geheimagent*innen der Militärdiktatur weitergegeben, so dass in einigen Fällen nur auf Basis dieser Tipps Menschen verhaftet wurden und in den Folterkellern der Diktatur landeten. Der Chef des VW-Werkschutz, Adhemar Rudge, stritt die Authentizität seiner Unterschrift unter solchen an den Geheimdienst weitergeleiteten Doku­menten mit VW-Stempel und Briefkopf ab, beschwerte sich im Nachhinein über den „Skandal, dass da jemand meine Unterschrift gefälscht hat!“

Bellentani berichtete vor den Theater-Zuschauer*innen auch ausführlich von dem Fall seines Kollegen Heinrich Plagge. Am 8. August 1972 war er gegen 14 Uhr in das Büro des VW do Brasil Managers Ruy Luiz Giometti gerufen worden, wo neben Giometti zwei Unbekannte auf ihn warteten und ihn für verhaftet erklärten. Plagge wurde in das DOPS verschleppt, dort 30 Tage lang gefoltert und anschließend in ein Gefängnis verlegt, aus dem er am 6. Dezember – rund vier Monate nach seiner Verschleppung – freigelassen wurde. Am 22. Dezember 1972, 16 Tage nach seiner Entlassung, erhielt er die Kündigung durch Volkswagen.

„Aber“, so berichtet Lúcio Bellentani vor der Schaubühne in die herbeigeilten Mikorophone der Journa­list*innen, „es kommt noch schlim­mer: Heinrich Plagges Frau hat auch beim Staatsanwalt ausgesagt. Sie berichtet, wie an jenem 8. August am Nachmittag ein höherer VW-Mitarbeiter zu ihr nach Haus kam und ihr mitteilte, ihr Mann habe kurzfristig für die Firma auf Dienstreise gehen müssen, daher habe er keine Zeit mehr gehabt, ihr dies mitzuteilen.“ Erst Monate später habe sie erfahren, wo Plagge war: im Folterzentrum DOPS.

Kurz nach Bellentanis Berlinreise wurde der Abschlussbericht des Gutachters, den dieser im Auftrag der Staatsanwaltschaft von São Paulo erstellt hat, publik. Der Bericht des brasilianischen Gutachters Guaracy Mingardi bestätigt die Vorwürfe der Kollaboration VWs mit der Militärdiktatur. Mingardi bestätigt „nicht nur die Kollaboration durch den Informationsaustausch [mit den Repressionsorganen], sondern auch die aktive Repression [seitens VW] der eigenen Mitarbeiter“, vor allem Anfang der 1970er Jahre. Das Gutachten bestätigte zudem die von VW Ende der 1970er Jahre erstellten schwarzen Listen, die an die Repressionsorgane und andere Firmen weitergereicht wurden. Die Aussagen von Bellentani und Plagge über ihren Leidensweg werden von Mingardi durch die Recherchen ebenfalls explizit bestätigt.

Mingardi geht in seinem Gutachten aber noch einen Schritt weiter. Auf Seite 63 schreibt er: „So bleiben keine Zweifel, dass es wirklich Unterstützung seitens Volkswagen für das [Folterzentrum] OBAN und vielleicht selbst für das [später so umbenannte Folterzentrum] DOI-CODI gegeben hat”. Das OBAN wurde 1969 gegründet, 1970 in DOI-CODI umbenannt und dem Heer unterstellt. Dort wurden zwischen 1969 und 1975 66 Menschen ermordet, 39 von denen starben dort unter der Folter, viele wurden dort gefoltert und mindestens 2.000 Menschen dort eingekerkert, meist ohne Prozess. Genaue Zahlen kennt niemand, denn nahezu alle Dokumente wurden vernichtet. Bekannt ist, dass das OBAN in seiner Anfangszeit als Folterzentrum Finanzprobleme hatte und dass die Unternehmerschaft São Paulos Geldspenden von durchschnittlich 100.000 US-Dollar je Jahr sammelte und diese dem OBAN spendete. Dass VW sich, wie andere Firmen auch, an der Sammelaktion für das Folterzentrum beteiligt habe, wird in mehreren diesbezüglichen Untersuchungen behauptet, aber es fehlt noch immer der konkrete Beweis, der die direkte Verbindung zwischen den Firmen im Einzelnen und dem OBAN herstellt. Nun hat der Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Quellen gesichtet und kommt zu dem Schluss, dass „es keine Zweifel“ gebe, dass VW das Folterzentrum OBAN unterstützt hat. Damit fiele Volkswagen eine Mitschuld für die im OBAN, dem späteren DOI-CODI, Ermordeten und Gefolterten zu. Die Anschuldigung zur Beihilfe zur Folter und zum Mord seitens VW do Brasil erhält dadurch sogar systemischen Charakter.

Anfang Dezember 2017 erklärte VW die Bereitschaft, Entschädigungen mit den ehemaligen VW-Mitarbeiter*innen in Brasilien auszuhandeln. Es bleibt die Frage, ob das reichen wird. Denn das Eingeständnis VWs, mit den Repressionsorganen kollaboriert zu haben, wirft die Frage auf, inwieweit VWs Unterstützung für das Folterzentrum OBAN, die der Gutachterbericht Mingardis als erwiesen ansieht, über die Opfergruppe der über Dutzende VW-Mitarbeiter*innen hinausreicht und zudem all diejenigen miteinschließt, die im OBAN und späteren DOI-CODI gefoltert wurden. Das wären Tausende.

 

ENDLICH AUFARBEITUNG?

Besuche im Knast lohnen sich wohl doch manchmal. Mario Carroza, seines Amtes Richter in der chilenischen Hauptstadt Santiago besuchte am 25. August 2017 das Gefängnis von Cauquenes, etwa 300 Kilometer südlich von seinem Arbeitsplatz. Dort verhörte er die Funktionäre der ehemaligen Sektensiedlung Colonia Dignidad Kurt Schellenkamp (90), Gerd Mücke (87) und Gunter Schafrik (62), die alle drei wegen Sexualdelikten gegen Kinder zu Haftstrafen verurteilt wurden.

Obwohl bereits in den 1960er Jahren einzelne Colonos (Siedler*innen) entkommen konnten, die von den Grausamkeiten in der Siedlung berichteten, hielt sich die Siedlung, die heute Villa Baviera (Bayerisches Dorf) heißt, bis Mitte der 1990er. Möglich war dies unter anderem aufgrund der Verbindungen hochrangiger Sektenmitglieder zu deutschen Politiker*innen und Diplomat*innen und weil die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Santiago de Chile sich taub stellte, wenn über die Verbrechen der Colonia berichtet wurde.

Sektenführer Paul Schäfer war im Jahr 2006 in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt worden und starb 2010 im Gefängnis. Und auch wenn mittlerweile einige ehemalige Funktionäre der Sekte in Haft sind, gibt es noch einiges an Aufarbeitung zu tun. Unter anderem sind noch immer Gräber von gewaltsam Verschwundenen der Militärdiktatur unentdeckt. Eben wegen der Suche nach einem dieser Gräber machte sich Carroza auf den Weg zum Gefängnis von Cauquenes, um dann direkt weiter zu fahren, um Hinweisen von Willy Malessa (68), einem ehemaligen Colono nachzugehen. Dieser berichtete von einem Grab, circa zwölf Kilometer vom Eingang der Colonia entfernt. Die Ermittlungen und Ausgrabungen dazu sind noch im Gange, Myrna Troncoso von der Vereinigung der Angehörigen der verhafteten Verschwundenen und politisch Hingerichteten in Talca, mahnt aber trotzdem, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben: „Es gibt eine neue Spur, einen neuen Hoffnungsschimmer dafür, dass diese Erde einen oder mehrere unserer geliebten Angehörigen versteckt. „Wir dürfen keine Erwartungen aufbauen, die über das hinausgehen, was die Wissenschaft und das korrekte Handeln von Herrn Mario Carroza uns sagt.“ Man müsse nun vorsichtig und behutsam sein. „Wir dürfen keine Erwartungen aufbauen, die über das hinausgehen, was die Wissenschaft und das korrekte Handeln von Herrn Mario Carroza uns sagt.“

Während in Chile also zumindest etwas Hoffnung besteht, dass die sterblichen Überreste einiger der im Auftrag der Militärdiktatur gewaltsam Verschwundenen gefunden werden können, wurden in den letzten Sitzungswochen des Bundestages die Weichen dafür gestellt, dass auch in Deutschland Aufarbeitung stattfinden kann. Nach monatelangem Hin und Her und den üblichen unwürdigen parteipolitischen Spielchen wurde am 29. Juni ein von den Fraktionen der CDU/CSU, SPD und Grünen eingebrachter Antrag mit dem Titel „Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad“ einstimmig beschlossen. Auch die Linkspartei, die bei der Antragsausarbeitung ausgeschlossen wurde, unterstützte den Antrag. „Leider konnte die Union auch in diesem Fall nicht über ihren ideologischen Schatten springen“, so der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Jan Korte.

Neben einem Hilfsfond für die Opfer der Sekte, soll eine Begegnungs- und Gedenkstätte eingerichtet, sowie eine deutsch-chilenischen Expertenkommission eingesetzt werden.

Neben einem Hilfsfond für die Opfer der Sekte, soll eine Begegnungs- und Gedenkstätte eingerichtet, sowie eine deutsch-chilenischen Expertenkommission eingesetzt werden. Die Opfer sollen psychosozial betreut und gegebenenfalls finanziell unterstützt werden. Dafür sollen nach dem Willen der Parlamentarier auch Mittel aus dem Vermögen der Sekte herangezogen werden. Bemerkenswert an dem Antrag ist, dass die Opfer der chilenischen Militärdiktatur ausdrücklich erwähnt werden.

Vor allem aber verpflichtet der Antrag die Bundesregierung bis zum 30. Juni 2018 „ein Konzept für Hilfsleistungen zur Beratung vorzulegen und dessen Finanzierung zu prüfen.“ „Durch die konkrete Frist ist sichergestellt, dass Fragen mit finanziellen Konsequenzen nicht nur geprüft, sondern auch umgesetzt werden“, so Christian Flisek (SPD) gegenüber den LN. „Im vorliegenden Antrag wird jede eindeutige Zusage für die Förderung der Aufarbeitungs- und Gedenkarbeit sowie einer Hilfe für die Opfer vermieden“, kritisiert hingegen Jan Korte.

Laut Jan Stehle vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile Lateinamerika (FDCL) ist der Antrag ein wichtiges und Hoffnung gebendes Signal. „Zum Feiern ist es aber noch zu früh. Es gab ja schon 2002 einen Bundestagsbeschluss mit dem Titel ‘Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad’, der nicht angemessen umgesetzt wurde“. Stehle erinnert zudem daran, dass auf chilenischer Seite auch noch viel passieren muss, da viele der im Antrag beschlossenen Maßnahmen nur bilateral umgesetzt werden könnten.

Die Entwicklungen in Deutschland werden auch in Chile kritisch begleitet. „Das ist das erste echte Signal dafür, dass die Schäden, die die Sekte von Paul Schäfer angerichtet hat, beglichen werden“, sagte Myrna Troncoso von der Vereinigung der Angehörigen gegenüber den LN.
Tatsächlich scheinen dieses Mal den Ankündigungen und Willensbekundungen des Bundestages Taten zu folgen. Der Regionalbeauftragte für Lateinamerika und Karibik, Botschafter Dieter Lamlé, und der Botschafter der Republik Chile, Patricio Pradel, haben schon am 12. Juli Absprachen über die Einsetzung einer chilenisch-deutschen Kommission unterschrieben. Klar ist bis jetzt, dass diese Kommission die Vergangenheit der Colonia aufarbeiten, deren Vermögen untersuchen, sowie eine Gedenkstätte einrichten soll.

Unklar ist allerdings wer in der Kommission vertreten sein wird. „Wir hoffen, dass zivilgesellschaftliche Organistionen und Experten nicht nur angehört, sondern in die Arbeit der Kommssion von Beginn an mit eingebunden werden. Im besten Fall ist dies der erste Schritt für die Schaffung einer Wahrheitskommission, die zur umfassenden Aufklärung aller Verbrechen der Colonia beitragen kann“, so Jan Stehle. Zum ersten Treffen der Kommission im Oktober in Chile sollen nach jetzigem Stand allerdings nur Regierungsvertreter*innen kommen. Immerhin wird aber schon vor den im November und Januar anstehenden Wahlen die Arbeit aufgenommen. Sollte nämlich der Konservative Sebastian Piñera als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen in Chile hervorgehen, dürfte dies die Arbeit der Kommission noch schwerer und langsamer machen, als sie sowieso schon ist.

Erstaunliche Geschwindigkeit aufgenommen hat wiederum das Vollstreckungsersuchen gegen den ehemaligen Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Dieses lag dem Landgericht Krefeld seit 2015 vor. Es geht dabei um die Frage, ob Hopp die gegen ihn verhängte Haftstrafe in Deutschland verbüßen muss. Das Gericht war wiederholt für seine langsame Vorgehensweise kritisiert worden. Am 14. August erklärte es überraschenderweise das chilenische Urteil für in Deutschland vollstreckbar. Petra Isabel Schlagenhauf, Kooperationsanwältin des European Center for Constitutional and Human Rights sagte dazu in einer Presseerklärung: „Die Entscheidung des Landgerichts Krefeld gegen Hartmut Hopp wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch in der Colonia Dignidad begrüße ich sehr. Sie lässt darauf hoffen, dass in diesem Teilbereich der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen die Aussicht für die Opfer besteht, dass Gerechtigkeit geschieht. Sie bestätigt außerdem, dass die Verurteilung von Hartmut Hopp in Chile in einem rechtsstaatlichen Verfahren erfolgt ist.” Die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig, da Hopp, der unbehelligt in Krefeld lebt, Rechtsmittel eingelegt hat. Zumindest aber ist es nun im Bereich des Möglichen, dass mit ihm ein weiterer Colonia-Funktionär für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird.

„BESSER LEBEN OHNE KOHLE”

El Cerrejón – so nannten die Wayúu einst den heiligen Berg. Heilig, weil er ihnen seit Jahrhunderten Medizinpflanzen spendete und das spirituelle Erbe der Gemeinschaft, der größten indigenen Gruppe Kolumbiens, barg. Heute steht El Cerrejón für einen Großkonzern, eine Mine, ein Loch, Zerstörung. Der Berg ist ausgehöhlt, die Menschen vertrieben.

Samuel Arregoces ist Sprecher der afrokolumbianischen Gemeinde Tabaco und wurde 2001 selbst Opfer einer gewaltvollen Vertreibung durch El Cerrejón. Der gesamte Ort wurde dem Unternehmen übergeben, um dort weiter Kohleabbau zu betreiben. Bis heute warten die Menschen von Tabaco darauf, dass ein Ort für die Neugründung ihrer Gemeinde bereitgestellt wird.

„Es geht hier um mehr als die physische Trennung zwischen Mensch und Territorium“

„Es geht hier um mehr als die physische Trennung zwischen Mensch und Territorium“, schildert Arregoces den Verlust. Mit der Vertreibung und Hinauszögerung der Umsiedlung sterbe etwas in der Gemeinschaft, im sozialen Gefüge. Der Aktivist ringt um Worte. „Unsere Kinder verlieren das Bewusstsein für die anzestrale Mythologie, hören auf zu träumen“. Ein wesentlicher Bestandteil der Wayúu-Spiritualität ginge somit verloren. „Der Verlust dieses Gedächtnisses des Territoriums ist irreparabel“, sagt Arregoces.

Hinzu kommt, dass die Dorfgemeinschaft beständig unter Druck von außen durch den Bergbaukonzern steht. Durch unterschiedliche Strategien wie zum Beispiel lukrative Jobangebote versucht El Cerrejón, den Zusammenhalt im Widerstand zu schwächen. Dass diese Strategie der internen Spaltung oft genug aufgeht, beschreibt Arregoces mit Bedauern: „Ein Riss zieht sich durch Familien und Freundschaften: Manche arbeiten in der Mine, andere verlieren durch sie jegliche Existenzgrundlage.“ Im Fall von Tabaco gestalte es sich darüber hinaus schwierig Widerstand zu organisieren, da alle ehemaligen Dorfmitglieder nun an verschiedenen Orten verstreut lebten. Geld für die Anreise und Organisation von Treffen sei fast nie da.

„Und daher sind wir nun hier in Deutschland, um uns mit sozialen Bewegungen und Aufklärungskampagnen zu vernetzen und internationalen Druck aufzubauen. Wenn man hier im Norden davon spricht, von der Kohle als Energiequelle wegzukommen, dann heißt das für uns notwendigerweise, dass man uns unsere Territorien zurückgibt.“ Arregoces verdeutlicht, dass es den Menschen von Tabaco nicht nur um die Einhaltung internationaler Standards und Verträge seitens des Unternehmens geht. Nein, auch ein definitives Ende des Extraktivismus in der Region, stehe auf ihrer Agenda. Die Rechtfertigung der Konzerne, Arbeitsplätze zu schaffen und den “Fortschritt” der Region zu befördern, hält Arregoces für einen Vorwand.

Tabaco ist nicht die einzige Gemeinde, die große Verluste zu beklagen hat. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden durch die Mine große Teile des Territoriums der Wayúu zerstört. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Böden unbrauchbar gemacht, Biodiversität vernichtet und die Versteppung vorangetrieben. Wasserläufe versiegen aufgrund des riesigen Wasserbedarfs für die Mine, was die übliche kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft unmöglich macht. Vielen Dörfern droht nun mit der geplanten Erweiterung des Tagebaus bereits die zweite Vertreibung.

Die im Nordosten Kolumbiens gelegene Mine El Cerrejón ist der größte Steinkohletagebau der Welt.

Die auf der Halbinsel La Guajira im Nordosten Kolumbiens gelegene Mine El Cerrejón ist mit einer Gesamtfläche von 69.000 Hektar der größte Steinkohletagebau der Welt. Noch bis 2034 läuft der Vertrag zwischen den beteiligten Konzernen Anglo American aus Großbritannien, BHP Billiton aus Australien, dem Schweizer Glencore und dem kolumbianischen Staat. In dem „Plan Colombia País Minero 2019“ sieht Kolumbien eine Ausweitung aller bestehenden Minen vor, sowie eine Steigerung der landesweiten Kohleförderung. 98 Prozent der kolumbianischen Kohle sind für den Export bestimmt. Immer noch wird auf die Bergbauindustrie als „Lokomotive für die Entwicklung Kolumbiens“ gesetzt und verheerende Folgen für die Bevölkerung werden in Kauf genommen.

Während die Mine für die ansässige Bevölkerung den Inbegriff von Gewalt und Ungerechtigkeit darstellt, importieren Unternehmen wie Vattenfall, RWE oder E.ON weiterhin kolumbianische Kohle, um sie unter anderem in Deutschland zu verstromen. Die versprochene Energiewende in Deutschland, und das Einstellen der eigenen Steinkohleproduktion bis 2018, ist tatsächlich nur durch das Festhalten an Kohleimporten möglich. Deutschland allein importiert momentan pro Jahr rund 54 Millionen Tonnen Steinkohle und ist damit Spitzenreiter in der EU.

Rund ein Drittel der Importe stammt aus Russland. Nummer zwei der Importländer ist Kolumbien mit ungefähr 20 Prozent. Weiterhin gibt es kaum Transparenz über die Lieferbeziehungen, was der Missachtung von Grundrechten Tür und Tor öffnet. Laut einer aktuellen Studie von den Nichtregierungsorganisationen Germanwatch und MISEREOR betrifft ein Drittel der unternehmensbezogenen Vorwürfe zu Menschenrechtsverletzungen den Energie- und Rohstoffsektor. Anders als Frankreich, Großbritannien und die Niederlande hat sich Deutschland jedoch immer noch nicht dazu durchringen können, Gesetze mit Menschenrechtsvorgaben für Auslandsgeschäfte von Unternehmen zu verabschieden.

So kann ein hier geführter Protest gegen Vattenfall und Co. die Gemeinden in der Guajira ganz konkret in ihrem alltäglichen Widerstand unterstützen. Auch das ist eine Botschaft der drei Aktivist*innen. Die Ziele und Vorstellungen der betroffenen Menschen müssen in den Vordergrund gestellt werden, um Chancen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Solidarität auszumachen.

Auftaktveranstaltung der Rundreise war die Filmvorführung des Dokumentarfilms La buena vida (Das gute Leben) von Jens Schanze in Berlin. Der Film erzählt die Geschichte der Dorfgemeinschaft Tamaquito am Río Ranchería, die 2011 zum Vorzeigeprojekt „gelungener Umsiedlung“ unter „Einhaltung internationaler Standards“ durch El Cerrejón werden sollte. Dies misslang vollauf.

Catalina Caro Galvis, ebenfalls Aktivistin und Bergbaureferentin der Umweltorganisation CENSAT – Agua Viva kann im Kampf gegen das Kohlegeschäft aber auch von Erfolgen berichten. So wurde im März 2017 ein Besuch einer Konzerndelegation von Vattenfall in der Guajira erwirkt, bei dem die Führungsebenen des schwedischen Staatskonzerns mit den Menschenrechtsverletzungen in den Minen Kolumbiens konfrontiert werden sollten. Die Besonderheit: Kolumbianische Aktivist*innen, unter anderem Caro Galvis, bestimmten den Ablauf dieses Besuches. Bis heute steht das versprochene Abschlussgutachten von Vattenfall jedoch aus. Caro Galvis vermutet, dass jede weitere zeitliche Verzögerung dazu führen wird, dass die Zustände abgeschwächt und beschönigt werden. Einmal mehr ruft sie daher dazu auf, von Deutschland aus Druck auf Vattenfall auszuüben und die Veröffentlichung eines weitreichenden und transparenten Gutachtens einzufordern.

Vattenfall spielt weiterhin auch im deutschen Kohleabbau eine bedeutende Rolle. Ironischerweise finanziert der Konzern seit 2006 das „Archiv verschwundener Orte“, in dem an die 136 Dörfer erinnert wird, die allein in der Lausitz seit 1924 dem Braunkohlebergbau ganz oder teilweise weichen mussten. Bei einer Fahrradtour um den Braunkohletagebau Jänschwalde an der deutsch-polnischen Grenze tauschen die kolumbianischen Gäste ihre Erfahrungen aus der Guajira mit deutschen und polnischen Klimaaktivist*innen aus. Arregoces zieht aus diesem Zusammentreffen vor allem eine Erkenntnis: dass Kohleabbau überall auf der Welt mit einer gewaltvollen Geschichte von Vertreibung und Umweltzerstörung verbunden ist – auch in Deutschland, dem vermeintlichen Vorreiter des Umweltschutzes und der Menschenrechte. Strategie, Logik und Argumentation der Konzerne seien überall auf der Welt gleich, wenn auch die Bedingungen der Vertreibung mehr oder weniger gewaltvoll sein können, schlussfolgert er aus der Rundreise. „Hinter all dem steht die gleiche Grundidee“, sagt er.

„Extraktivismus und Wirtschaftwachsum gehen vor, Menschen müssen weichen und Lebensräume werden zerstört.“

In den noch bis vor Kurzem bedrohten sächsischen Ortschaften Grabko, Atterwasch und Kerkwitz in der Lausitz können die Anwohner*innen mittlerweile aufatmen.

In den noch bis vor Kurzem bedrohten sächsischen Ortschaften Grabko, Atterwasch und Kerkwitz in der Lausitz können die Anwohner*innen mittlerweile aufatmen. Die jahrelangen Forderungen von Umweltschützer*innen erfüllen sich: Der Tagebau Jänschwalde wird nicht erweitert und Welzow-Süd in der Niederlausitz auf Eis gelegt. Fest steht nun: Spätestens 2050 ist Schluss mit der Kohleverstromung in der Lausitz. Und bereits im Oktober 2018 sollen in Jänschwalde erste Generatoren stillgelegt werden, voraussichtlich Mitte der 2020er Jahre wird das Feld ausgekohlt sein. Der Austausch bestärke alle Beteiligten einmal mehr, weiterzukämpfen, so die Aktivist*innen. Nicht nur der Protest, sondern auch die Möglichkeiten eines sozialverträglichen Kohleausstiegs und alternative Erwerbskonzepte müssten global gedacht werden.

Jakeline Romero Epiayu, Sprecherin von Fuerza de Mujeres Wayúu, macht sich darüber hinaus bei einem Vernetzungstreffen mit Berliner Anti-Kohle-Aktivist*innen von den Bewegungen Kohleausstieg Berlin, Ende Gelände und anderen dafür stark, das Thema Klimagerechtigkeit und Energie in den Diskurs um einen möglichen Frieden in Kolumbien zu integrieren. Sie fordert einen Friedensvertrag, in dem das aktuelle neoliberale Wirtschaftsmodell infrage gestellt wird. Eben dieses Modell sei seit jeher Triebfeder des Konfliktes. Romero Epiayu sagt das sowohl mit Blick auf die Situation der vertriebenen Gemeinden in der Guajira, als auch in Hinblick auf das Gebiet Catatumbo. Durch die dort herrschende Guerilla ist die Region bisher weitgehend von extraktivistischen Großprojekten verschont worden. Nun könnte Catatumbo jedoch als lukrativer Standort der Kohle- und Ölförderung ins Blickfeld der Konzerne geraten. Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie sie Ende Gelände in den vergangenen Jahren in Deutschland durchführte, seien in Lateinamerika jedoch undenkbar, glaubt Romero Epiayu. „In Kolumbien gleicht eine Mine einer militärischen Festung und das Verhältnis zum Staat ist ein anderes“, erklärt sie. „Wenn du einen Tagebau betrittst, kann das jederzeit mit einem tödlichen Schuss enden.“ Gerade in der derzeitigen Implementierungsphase des Friedensabkommens werden Aktivist*innen in erhöhtem Maße Opfer von Kriminalisierung und Bedrohung. Auch Jakeline und Samuel erlebten bereits konkrete Gewaltandrohungen aufgrund ihrer politischen Tätigkeit. „Schutz, Unterstützung und Sichtbarmachung für Betroffene, als auch deren Familien, muss ein internationales Interesse werden“, fordert Romero Epiayu.

Letzte Station der Rundreise: Der Gipfel der Globalen Solidarität im Rahmen des Anti-G20-Protests in Hamburg. „Wir wollen erreichen, dass die Regierungschefs beim Thema Klimaschutz uns indigenen Gemeinschaften zuhören“, sagt Romero Epiayu. „Immerhin haben wir unsere Territorien und natürlichen Ressourcen über Jahrhunderte konserviert. Unsere Hoffnung ist, dass ein Leben ohne Minen und so, wie wir es uns vorstellen, irgendwann wieder möglich ist.“ Die Zukunft sieht die Aktivistin in lokalen Initiativen und kommunitären Formen des Zusammenlebens. Agerroces ergänzt: „Was man aus dem Süden in den Norden schafft, kontaminiert den ganzen Planeten. Vielleicht erinnern sich die G20 irgendwann daran, dass wir in einem einzigen gemeinsamen Ökosystem leben.“ Was die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen können, wenige Tage nach dem Gipfel jedoch feststeht: US-Präsident Donald Trump hat in Hamburg in Sachen Missachtung des Pariser Klimaabkommens einen Verbündeten gefunden. Überraschend stellt nun auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Umsetzung des Pariser Vertrages durch sein Land infrage. Ein Grund mehr für Aktivist*innen, sich weltweit zu verbünden.

Mit Hauptstadtplänen ins neue Jahrtausend

Am Morgen des zehnten Februar erwartete die MitarbeiterInnen des Ibero-Amerikanischen Instituts eine böse Überraschung: Wasserrohrbruch im Magazin. Eine ursprünglich pragmatische Überlegung hatte fatale Folgen: Als die Bibliothek in einer Siemensvilla am südlichen Stadtrand Berlins in den siebziger Jahren aus allen Nähten platzte, wurde sie in der Cafeteria der gerade neuerbauten Staatsbibliothek am Potsdamer Platz untergebracht. Den einst als Tiefgarage geplanten Keller funtionierte man kurzerhand zum Büchermagazin um. Die dort verlegten Wasserleitungen wurden an jenem zehnten Februar vor allem den Altbeständen aus der ursprünglichen Sammlung der argentinischen Gelehrtenfamilie Quezada zum Verhängnis. Ein Drama für alle BuchliebhaberInnen und -benutzerInnen. An diesem Tag mußte das Institut geschlossen bleiben, und alle MitarbeiterInnen beteiligten sich an der Rettung der Bücher. Die durchnäßten Bände gingen noch am selben Tag nach Leipzig in das Zentrum für Bucherhaltung. Dort werden die Bücher zur Zeit trocken gefroren.
Das Iberoamerikanische Institut wurde 1930 als preußisches Kulturinstitut gegründet. Mit einem Anfangsbestand von 130.000 Bänden war das Institut im Marstall in Berlin-Mitte untergebracht. Mittlerweile beläuft sich der Bestand auf etwa 800.000 Monographien und 4.500 laufende Zeitschriften. Darüber hinaus verfügt das Institut über eine umfangreiche Kartensammlung, meistens Militärkarten, über eine Dia-, Foto- und Videosammlung und über mehr als 20.000 Tonträger. Im Magazin, wo sich die Bestände befinden, erinnert kaum mehr etwas an die Tiefgarage: Ein Labyrinth aus Bücherregalen, Gängen, Treppen und Türen, der leicht saure Geruch von Bücherstaub in der Luft. Nur die leuchtenden Mittelstreifen, die bei Stromausfall den Weg nach draußen weisen, lassen vermuten, daß die Räumlichkeiten einst anderem dienen sollten.

Könige und Stinos

Oben im Leesesaal studieren nicht nur Leute aus dem akademischen Bereich in den Büchern aus dem Ibero-Amerikanischen Kulturraum: Da sitzt zum Beispiel ein interessierter Bürger neben einer Studentin der Lateinamerikanistik, eine argentinische Akademikerin forscht für ihre Dissertation, ein Venezolaner liest in der Zeitungsecke seine heimische Tagespresse. Auch prominenten Besuch bekommt das Institut des öfteren. Der spanische König staunte nicht schlecht, als ihm bei einem Besuch im Institut eine Tonbandaufnahme von seinem Großvater überreicht wurde.
Im letzten Jahr kam das Ibero-Amerikanische Institut durch den Bericht des Bundesrechnungshofs in die Presse. In den Feuilletons der großen Zeitungen schlug sich nieder, daß laut darüber nachgedacht wurde, ob das Institut ohne seine wissenschaftliche Abteilung und als Teil der Staatsbibliothek nicht wirtschaftlicher arbeiten könnte. Kurz machte sich Panik breit, daß damit die gut ausgestattete Institution, deren Bestände weltweit kaum ihresgleichen finden, dichtgemacht werden könnte. Bald legte sich die Aufregung aber wieder. Die Pläne sind vom Tisch.

Das Institut der großen Politik?

„Nur was sich verändert, bleibt“, sagte der scheidende Präsident Dietrich Briesemeister bei seiner Verabschiedung im Februar. War Briesemeister als Romanistik-Professor vorwiegend im Hochschulbereich tätig, so wird unter seinem Nachfolger Günter Maihold eher das Wissenschaftsmanagement in den Vordergrund gerückt werden. Maihold war lange Zeit Chef des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Costa Rica und ist Leiter der Projektgruppe Entwicklungshilfe.
Die neue Regierung in Bonn hat die Mittel für den Erwerbungsetat um circa 25 Prozent erhöht, somit beläuft sich der Etat jetzt auf fast 1,3 Millionen DM. Damit können empfindliche Bestandslücken gefüllt und der laufende Erwerb aufrechterhalten werden. Zugleich wird das Institut neben seiner alltäglichen Bibliotheksfunktion stärker in der offiziellen Kulturpolitik verankert werden. Mit dem Umzug der Regierung und sämtlicher Botschaften nach Berlin werden die Wege für eine internationale Kulturarbeit sehr viel kürzer.

Und die Technik…

Das Computersystem des Instituts ist noch längst nicht auf dem neuesten Stand, obwohl es in letzter Zeit einige Veränderungen gab. Mehrere Terminals können von den BenutzerInnen für die Suche nach Literatur benutzt werden, dennoch ist bislang noch nicht einmal der gesamte Katalog im hauseigenen Netzwerk eingearbeitet geschweige dem per Fernabfrage zugänglich. Nach wie vor ist der Griff zum Zettelkatalog notwendig. Es wird wohl noch mindestens fünf Jahre dauern, bis der gesamte alphabetische Katalog des Instituts per Computer abgefragt werden kann. Trotzdem wird das zur Verfügung stehende Angebot demnächst im Internet zugänglich sein, und mit einem CD-Rom Netzwerk ist der Zugriff auf verschiedene Datenbanken bereits ermöglicht worden.
Eine weitere Schwierigkeit ist das dürftige Angebot an lateinamerikanischer Tagespresse. Ein kleiner Ständer mit ein paar Zeitungen und ein paar Sessel vermitteln zwar eine gemütliche Atmosphäre, aber an die täglichen Informationen kommt man hier kaum. Da würden einige Terminals mit Internetanschluß mehr Aktualität bringen – und dem „Ibero“, wie es von seinen BenutzerInnen kurz bezeichnet wird, zu dem technischen Niveau verhelfen, das ihm seiner Bedeutung nach zukommt.

Ibero-Amerikanisches Institut
Preußischer Kulturbesitz
Potsdamer Str. 37, 10722 Berlin
Tel: 030 / 2662500
Fax:030 / 2662503
eMail: iai@iai.spk-berlin.de
http://www.iai.spk-berlin.de
Da das Ibero-Amerikanische Institut nicht in direkter Verbindung zu universitären Einrichtungen steht, können Diplom- und Magisterarbeiten sowie Dissertationen zu lateinamerikanischen Themen nur in die Bibliothek gelangen, wenn die VerfasserInnen selbst dafür sorgen. Das Institut bat uns, auf diesen Umstand hinzuweisen. Wir kommen dem gern nach.

“Es lebe die internationale Solidarität“

Die Akte DDR wurde vor acht Jahren geschlossen und seither verstaubt sie im Archiv der Geschichte. Hin und wieder wird sie nochmal aufgeschlagen, um darin zu lesen und Rechtfertigungen für ihre restlose Einäscherung zu suchen. In dieser Ausgabe soll ein relativ kleiner und ganz spezieller Ausschnitt der DDR-Geschichte aus der Versenkung geholt, entstaubt und mit dem Licht der fast ein Jahrzehnt alten Distanz beleuchtet werden. Es geht nicht um Geschichtsbewältigung oder -aufarbeitung. Auch soll es kein Ostalgietrip in eine Vergangenheit ohne Zukunft werden. Der Anspruch liegt einzig darin, Momentaufnahmen aus der DDR-Beziehungskiste aufzuzeichnen und dabei persönliche Erfahrungen ebenso wie offiziell verordnete Richtlinien einzubeziehen.
In der Tat war Lateinamerika, von Kuba und Nicaragua abgesehen, für die DDR politisch eher zweitrangig, in wirtschaftlicher Hinsicht sogar drittrangig. Beim näheren Hinsehen aber fördert das Thema sowohl spannungsgeladene Ost-West und deutsch-deutsche Konflikte als auch Konflikte innerhalb der DDR zutage und blendet Teile (gelebter) DDR-Geschichte ein. Und gerade für jene, die die 40 Jahre westlich der „großen Mauer“ verbrachten, enthalten die anschließenden Beiträge einiges Unbekanntes, aber durchaus Erfahrenswertes.
Wie kann man die jüngste Geschichte Lateinamerikas entschlüsseln, wenn man den Ost-West-Konflikt – den die DDR mitprägte – ausklammert? Wenn wir uns bezüglich lateinamerikanischer Außenbeziehungen immer nur auf die USA oder die Bundesrepublik stürzen, unterschlagen wir den wichtigen Einfluß, den ein untergegangenes System über Jahrzehnte hinweg in Lateinamerika ausübte, ein Einfluß, der noch immer nachwirkt.
Die acht Beiträge zeigen ein komplexes Gebilde ostdeutscher Beziehungen zu Lateinamerika. Bis auf die Analyse der 40jährigen Story der DDR Außenpolitik aus der Sicht von Raimund Krämer, eines ehemaligen Mitarbeiters der kubanischen Botschaft, spiegeln die Artikel eher kurze, aber prägnante Momente dieses Kapitels der DDR-Geschichte wieder.
So wirft Sabine Zimmermann einen Blick auf und hinter die Kulisse des Prestige-Entwicklungsprojekts Krankenhaus „Carlos Marx“ in Managua. Erfahrungen vor Ort, gepaart mit SED-Rhetorik, malen ein sehr differenziertes Bild von offizieller Entwicklungshilfe. Von „unten,“ aus der Perspektive inoffizieller Solidaritätsarbeit in Kirchengruppen, erzählt Willi Volks die Geschichte unabhängigen Engagements und der Schwierigkeiten in einem von Kontrolle besessenen Staat eigene Projekte, übers „Päckchenpacken“ hinaus, zu entwickeln. Christoph Links beschreibt seine ganz persönlichen Erinnerungen an die Vor- und Nachwendezeit – und wie diese sich auf sein Interesse für Lateinamerika auswirkten.
„Tania – la guerrillera“ zeichnet das Porträt der berühmten Nachkriegspartisanin, die nach Lateinamerika ging, „um den unterdrückten Völkern den Sozialismus zu bringen“ und wie Che Guevara zur Märtyrerin wurde. Daran anschließend schwenkt die Kamera vom letzten Schauplatz DDR-Politbüro nur einige Meter weiter in die Friedrichstraße. Dort überquerten zwischen 1973 und 1975 hunderte politische Flüchtlinge aus Chile die Westberliner Grenze Richtung Osten, um sich in der DDR – so gut es ging – erstmal ein neues zu Hause einzurichten. Der Artikel beleuchtet Ängste, Freude und Alltagsprobleme des Exils aus Perspektive der ChilenInnen und das Funktionieren staatlicher Solidaritätspolitik in diesem speziellen Fall.
Wer hat schon einmal von der Existenz eines Lateinamerikainstituts im Osten gehört? Nun, mittlerweile ist es mitsamt der DDR und mit der energischen Hilfe einiger Politiker eingeäschert worden. „Lichter aus!“ beschreibt Aufstieg und Fall des Lateinamerika-Instituts in Rostock. Und für Literaturfreunde, die wissen wollen, welche lateinamerikanischen Bücher die staatliche Zensur passierten und in der DDR gelesen werden durften, bringt der Beitrag von Hans Otto Dill abschließend das eine oder andere Licht ins Dunkel.

Bittersüßes Naschwerk

Seit zehn Jahren besteht nun die Frankfurter Initiative LiBeraturpreis, der Autorinnen aus der „Peripherie“, aus Afrika, Asien und Lateinamerika, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt. Jedes Jahr wird eine Vorauswahl unter sämtlichen im Vorjahr in deutscher Übersetzung erschienenen Büchern getroffen – Kriterium für eine Preisverleihung ist literarische Originalität, Engagement und das weibliche Geschlecht. Denn, so wird im Vorwort bemerkt, die Mitglieder der LiBeraturpreis-Initiative sind der Meinung, daß schreibende Frauen es im Literaturbetrieb ihrer Heimatländer vielfach schwerer haben, wahrgenommen zu werden, als ihre männlichen Kollegen. Carmen Boullosa, Zoé Valdés und Rosario Ferré gehören unter anderen zu den Preisträgerinnen.
Das zehnjährige Jubiläum wurde also zum Anlaß dieser Anthologie genommen, die die Texte aller Preisträgerinnen und zahlreicher Anwärterinnen in sich vereint. Vorgegeben wurde lediglich das Thema: „Schreiben zwischen Liebe und Zorn“.

Ein Kaleidoskop des Südens

Das Ergebnis ist eine schillernde Perlenkette unterschiedlichster Texte, oftmals im Original noch unveröffentlicht: Kurzgeschichten, Auszüge aus Romanen und eigens für diese Anthologie verfaßte Texte. Sie spiegeln die Welt der Autorinnen wider, deren Herkunft und Lebenslauf nicht verschiedener sein könnten (auch wenn erstaunlich viele Lateinamerikanerinnen mit Texten vertreten sind). Dies ist eine andere Kostbarkeit der Anthologie: Vor jeder Geschichte gibt es eine Seite mit dem Foto und kurzem Lebenslauf der jeweiligen Autorin, so daß ein überaus plastisches Bild entsteht; das kleine Häppchen schriftstellerischen Könnens, das daraufhin folgt, und einen oft aufgewühlt zurückläßt, trägt dazu bei, die Neugierde auf die Werke der jeweiligen Autorin anzustacheln.
Die Beiträge der Schriftstellerinnen lassen sich vier Themenkomplexen zuordnen, die alle von der Wirklichkeit des Lebens von Frauen und den davon aufgeworfenen Problemen beeinflußt sind. Zuerst geht es um die nachdenkliche Reflektion über weibliches Schreiben, dann sind es die Erfahrungen von Frauen, die aus der Rolle fallen – der Mutterrolle, „die liebende, unterwürfige Frau“ – und zuletzt die Aufarbeitung traumatischer Kindheitsmuster.

Sprache der Nacht

So verschieden die Texte in jeder Hinsicht auch sind, fast immer sind sie ein Sich-heraus-Schreiben aus den Nacht- und Schattenseiten des Daseins. Fast immer sind die Texte von quälenden Erlebnissen geprägt, von Tod, Haß, Unterdrückung, Gewalt und Exil. Schreiben stellt sich als Therapie dar, die, manchmal als erdachte Weltflucht, einen Ausweg öffnet. „Scham, meine Scham auf einer Buchseite zur Schau stellen, seitdem ich Bücher schreibe.“ schreibt Vénus Khoury-Ghata aus dem Libanon.
Wie erfrischend beginnt da die bisher unveröffentlichte Geschichte Zoé Valdés’: „Wie Gott in Frankreich“. Mit beißender Ironie und sprühendem Witz reflektiert sie ihre Rolle als kubanische Schriftstellerin und lästert über die französischen Frauen, um dann nach und nach leider ihren Witz zu verlieren und ein melancholisches Portrait eines ins französische Exil gehenden Pianisten zu zeichnen.
Bemerkenswertes Grausen packt einen beim Lesen von „Wie eine gute Mutter“ von der argentinischen Ana María Shúa. Es ist eine bissig-scharfe Satire auf die Rolle der Mutter: Zwei Monster, die zum großen Unglück der Mutter ihre eigenen zwei süßen Wonneproppen sind, tyrannisieren sie und schaffen es innerhalb eines Nachmittags, die Ehe ihrer Eltern zu zerstören, die ganze Wohnung zu verwüsten und ihre Mutter ernsthaft zu verletzen. Diese greift schließlich voller Wut auf gesellschaftlich nicht anerkannte Erziehungsmittel zurück, und der Leser kann auch nicht anders, als diese Kinder wirklich aus vollstem Herzen zu hassen.
„Die Geschichte ist ein Band, die Geschichte ist eine Schlange, ein Rinnsal, ein Labyrinth, einmal nur paßt du nicht auf, schon hat sie dich umzingelt oder in ihren Fluten mitgerissen.“ Angélica Gorodischer scheint die Wirkung ihrer Erzählkunst zu beschreiben: „Schlangenmund“ entführt den Leser in die amazonengleiche Welt von Wäscherinnen in der argentinischen Pampa. Erotische Phantastik ist die Substanz dieser Geschichte, die einen rätselhaft umgarnt.
Es hat einen eigenen Reiz, sich der nächsten Geschichte zuzuwenden, wenn man noch ganz verhangen und fasziniert in dem Kosmos der vorangegangenen weilt. Nie weiß man, was einen als nächstes erwartet, welche Sprachgewalt nun wieder Macht über einen ausüben wird, in was für ein Lebensgefühl man tauchen wird. Fast hat man Angst, enttäuscht zu werden, nachdem doch die vorige Geschichte einen so tief berührt hatte – trotz ihrer Kürze. Gleichzeitig kann man es vor lauter Neugier nicht erwarten umzublättern, und tatsächlich, ein neues Land, eine neue Frau ziehen einen in den Bann.

Schlangenmund und weibliches Schreiben

Im Vorwort wird die Frage aufgeworfen, was genau weibliches Schreiben ausmacht, und die Antwort angeboten, daß es das Gegen-den-Strom-Schwimmen, das Durchkreuzen von Erwartungen sein könnte. Jede Geschichte dieser Anthologie erfüllt auf ihre Art und Weise diese Eigenschaften, auch wenn die Themen vielleicht nicht überraschend oder neu sind. Es ist die Annäherung an die Themen, die die Geschichten dieses Lesebuchs besonders machen. Doch ist das wirklich spezifisch weiblich? Oder eher eines der Merkmale von Literatur, die man nicht vergißt, die einen die Augen aufreißen läßt? Vielleicht ist die Suche nach der Besonderheit weiblichen Schreibens jedem selbst überlassen. Diese Anthologie macht die Suche besonders reizvoll.

Regina Keil und Thomas Brückner (Hrsg.): Mohnblumen auf schwarzem Filz, Unionsverlag Zürich 1998, 348 Seiten, 19,90 DM (ca. 10 Euro).

Die DDR und der Oberst Aureliano Buendía

Früher hatten es die literarischen Helden der lateinamerikanischen AutorInnen sehr leicht, gewissermaßen visafrei in die DDR einzureisen. Ihre Werke waren weit früher und zahlreicher im Osten Deutschlands verbreitet als im Westen. Kommunistische und linke SchriftstellerInnen überstanden die Nazizeit im lateinamerikanischen Exil, lernten die Literaturen ihrer Gastländer schätzen, wurden in Thematik wie Schreibweise von den Latinos beeinflußt – so Anna Seghers, Ludwig Renn, Gustav Regler und Bodo Uhse in Mexiko oder Eduard Klein in Chile. Als sie sich nach Kriegsende nach Ostdeutschland begaben, animierten sie dort die Übersetzung vieler Latinos: von Amayo Amador bis zu Guimarães Rosa. Jorge Amado wurde in der DDR mehr wegen seiner sexuellen Freizügigkeit und seines Humors als wegen seiner politischen Überzeugungen zu einem Erfolgsautor, lange bevor man seinen Namen in der Bundesrepublik auch nur kannte.
Der Neuruppiner Lyriker Erich Arendt, der in der kolumbianischen Avantgarde um León de Greiff verkehrte, editierte und übertrug neben dem barocken Spanier Góngora die im deutschen Westen lange Zeit als unbekannte Dichter geltenden Pablo Neruda und Nicolás Guillén kongenial und auflagenstark ins Deutsche. Allerdings wurden entsprechend der kulturpolitischen Dogmen des Sozialistischen Realismus zumeist linke, kommunistische und gesellschaftskritische Autoren verlegt, die damals zwischen Rio Grande und Feuerland den Ton angaben. Dazu wurden verschiedene Handschriften wie die von Volodia Teitelboim, Alfredo Varela, José María Arguedas oder des frühen Roa Bastos gerechnet. Doch nach der „kopernikanischen Wende“ des Neuen Romans hatten es die, meist auf sprachliche, ästhetische und kulturelle Finessen statt auf politische Fundamentalismen konzipierten LateinamerikanerInnen in der DDR schwer, wogegen sie im Westen sehr schnell Fuß faßten. So kam es, daß García Márquez, anfangs mit seinen „realistischen“ Romanen, zum Beispiel Die böse Stunde nur im Osten bekannt und verlegt, mit Hundert Jahre Einsamkeit nur im Westen Übersetzer und Editoren fand. Der Oberst Aureliano Buendía, der 1967 das Licht der literarischen Welt erblickte, durfte somit erst 1975 mit westdeutscher Lizenz in die DDR einreisen. Darauf folgten verzögert, aber unaufhaltsam die Editionen von Carpentier, Vargas Llosa, Fuentes, Borges, Lezama Lima, Cortázar tutti quanti.
Allerdings: politische Subversion und Dissidenz waren verboten: bestimmte Werke von Vargas Llosa oder Fuentes oder gar von Cabrera Infante oder Reinaldo Arenas konnten höchstens illegal in die DDR gelangen. Dennoch bleibt insgesamt eine positive Bilanz der Rezeptionsgeschichte lateinamerikanischer Literatur im Osten Deutschlands. Zu dieser gehören auch die berühmten Kurzprosa-Anthologien aus lateinamerikanischen Ländern in der Sammlung Erkundungen des Verlages Volk und Welt und die teilweise erstmals in deutscher Sprache erfolgte Edition von Klassikern wie José Martí, Horacio Quiroga oder Ricardo Güiraldes im Verlag Rütten & Loening.

Lichter aus!

An der Universität Rostock, ehemals Wilhelm-Pieck-Universität, hatte sich aus der Romanistik und nachfolgend dem Lateinamerika-Institut nach der Hochschulreform von 1968 eine Sektion der Lateinamerikawissenschaften entwickelt. Den Anstoß, sich überhaupt auf wissenschaftlicher Basis mit dem entfernten Kontinent zu befassen, hatte 1959 bereits die Kubanische Revolution gegeben. Die Sektion Lateinamerikawissenschaften gehörte zusammen mit den Afrika-Nahostwissenschaften (Leipzig), den Asienwissenschaften (Berlin) und den Nordeuropawissenschaften (Greifswald) zu den interdisziplinär ausgerichteten Regionalwissenschaften in der DDR. Deren Etablierung war auf das engste mit der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die Entwicklungsländer in den 1960er und 1970er Jahren und den daraus hervorgehenden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen verbunden. Insofern waren die Regionalwissenschaften, die kein Pendant an Universitäten der anderen sozialistischen Länder, aber auch nicht in der BRD besaßen, ein genuines Kind der Wissenschaftspolitik der DDR und durch ihre Gegenwartsbezogenheit und Politikrelevanz natürlich auch „staatsnah“. Hinzu kam, daß durch die Etablierung der Regionalwissenschaften in nicht wenigen Fällen die weitere Entwicklung altertumswissenschaftlicher und linguistischer Institutionen ins Hintertreffen geriet. Diese Tatsache führte dann auch 1990 zu ihrer pauschalen Abwicklung seitens bestimmter politischer Kräfte, insbesondere auf Landesebene.

Wie funktionierte die DDR-Lateinamerikanistik?

Ende der 1980er Jahre umfaßten die Rostocker Lateinamerikawissenschaften folgende Fachgebiete: Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Literatur, Philosophie/Politik, Indianische Sprachen und Kultur sowie Hispanistik und Lusitanistik. Mit der Einrichtung verbunden war eine Zweigstelle der Universitätsbibliothek mit ca. 43.000 Bänden, eine Dokumentations- und Informationsstelle, ein umfangreiches zeitgeschichtliches Archiv und ein äußerst wertvolles Archiv lateinamerikanischer Popularmusik, das eine der größten Privatsammlungen Europas darstellte.
Die Sektion gab auch eine eigene Zeitschrift „Lateinamerika“ heraus, die am längsten erschienene Fachzeitschrift dieser Art in Deutschland. Lange wissenschaftliche Kontakte und vertraglich abgesicherte Kooperationsbeziehungen existierten zu Universitäten, Institutionen und einzelnen WissenschaftlerInnen in Lateinamerika, in den USA, in Ost- und Westeuropa und im skandinavischen Raum. Alle zwei Jahre wurden ca. 20 StudentInnen immatrikuliert. Nach fünf Jahren schlossen sie die Ausbildung mit einem Diplom ab. Die überwiegende Mehrheit der StudienabgängerInnen wurde (vor 1990) als SprachlehrerInnen bzw. DolmetscherInnen für Spanisch und Portugiesisch, in Forschung und Lehre sowie in Großbetrieben mit Außenhandelsbeziehungen eingesetzt. Nur wenige AbsolventInnen erhielten eine Anstellung in zentralen Einrichtungen von Partei und Staat, die ja bekanntlich ihre eigenen Ausbildungsstätten hatten. Diese wenigen Fälle waren dann allerdings später die Grundlage für die bisweilen kolportierte Behauptung, daß die Lateinamerikawissenschaften eine „Kaderschmiede der SED“ gewesen seien. Im September 1990 wurden die letzten StudentInnen an der Sektion immatrikuliert.

Der Anfang vom Ende

Bereits in den Monaten Oktober/November des gleichen Jahres verdichteten sich Hinweise darauf, daß seitens des Kultusministeriums in Schwerin die Abwicklung der gesamten philosophischen, wirtschaftswissenschaftlichen und agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock geplant war. Dieses Vorhaben konnte zwar durch massive Proteste verhindert werden, nicht aber die Abwicklung bestimmter Fachbereiche und Institutionen. Wenige Tage vor Weihnachten 1990 erfuhren MitarbeiterInnen und StudentInnen der Lateinamerikawissenschaften aus den Medien, daß ihre Einrichtung abgewickelt werden sollte. Diesem rein administrativen Akt war weder eine Diskussion noch eine fachliche Evaluierung oder politisch-moralische Überprüfung der MitarbeiterInnen vorausgegangen. Es wurde auch nicht der Tatsache Rechnung getragen, daß der Senat der Universität der neuen Entwicklungs- und Ausbildungskonzeption der Sektion gerade seine Zustimmung erteilt hatte. Grundlage des Beschlusses waren einzig und allein pauschale politische Vorurteile, deren Berechtigung und Wahrheitsgehalt niemals überprüft worden sind. Dieser Abwicklungsbeschluß entsprach auch nicht dem Geist des Einigungsvertrages, da es sich bei Lateinamerikawissenschaften nicht um eine Institution handelte, die automatisch mit dem Erlöschen der DDR oder ihres politischen Systems ihre Daseinsberechtigung verloren hätte, was, zum Beispiel, mit Ministerien oder anderen Einrichtungen der Fall war.
Die Abwicklung löste nicht nur bei MitarbeiterInnen und StudentInnen des Fachbereichs Protest aus. PolitikerInnen, Universitäten und zahlreiche WissenschaftlerInnen aus den alten Bundesländern, Europa und Lateinamerika sowie der Rektor, Konzil und Fakultätsrat protestierten im Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern und bei der Universitätsleitung gegen die Schließung. Diese Proteste und der den StudentInnen zugesicherte Vertrauensschutz bildeten die Grundlage für einen vermeintlichen Neubeginn 1991.
Parallel zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gab es zahlreiche Bemühungen, den weiteren Bestand des Instituts abzusichern. 1991 faßten der Europäische Rat für Sozialforschung zu Lateinamerika (CEISAL) in Wien und die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) entsprechende Beschlüsse, um ihr institutionelles Mitglied in Rostock zu unterstützen. Ein Jahr darauf wurde von der Universität ein Beirat zur Neustrukturierung der Lateinamerikawissenschaften gebildet, dem unter anderem Professoren aus den Universitäten von Hamburg, Nürnberg, Münster und Tübingen angehörten. Die Empfehlungen des Beirates waren, prinzipiell ein interdisziplinäres wissenschaftliches Lateinamerikazentrum mit sechs MitarbeiterInnen beizubehalten.

Die Einebnung

Im August 1992 kam dann die Nachricht, daß an eine Weiterführung der Lateinamerikawissenschaften nicht zu denken sei. Zunächst sollte sogar die Ausbildung der immatrikulierten StudentInnen von auswärtigen Kräften übernommen werden. Durch die Unterstützung der Universität gelang es zwar noch, die Institutsstruktur zu erhalten, aber von ehemals rund 30 MitarbeiterInnen blieben gerade mal vier übrig. Obwohl sich Rektor, Senat und Fakultätsrat bis 1995 für die vom Beirat gegebenen Empfehlungen einsetzten, wurde am 30. September des gleichen Jahres die Einrichtung – nun wirklich für immer – geschlossen.

Exilchilenen: Leben in der DDR

Über zwei Stunden wartet die junge Chilenin in der Friedrichstraße, bis endlich ein Auto vorfährt. Zwei Männer, vermutlich von der Staatssicherheit, treten auf sie zu und schieben sie, Sekunden später, in den Wagen. Das Ziel ist unbekannt; die Fahrt erscheint unendlich lang. Nach über zwei Stunden kommen sie in Eisenhüttenstadt an. Im Hotel Lanik, der ersten Aufenthaltsstation vieler Chilenen, stehen Dolmetscher und Betreuer bereit. Die junge Frau wird noch am selben Tag ins Krankenhaus gebracht, wo am Abend ihr erstes Kind das Licht der Welt erblickt. Ihr Mann, der bereits einen Job im Dresdner Foto-Betrieb Pentacon bekommen hat, weiß nichts von der Ankunft seiner Frau. Am nächsten Morgen wird er knapp vom Abteilungsleiter informiert: „Es ist ein Mädchen.“
Bereits am 25. September 1973, zwei Wochen nach Pinochets Putsch, beschloß das DDR-Politbüro „Solidaritätsmaßnahmen“ zur Aufnahme politischer Flüchtlinge aus Chile. Die Unterbringung und Eingliederung der Emigranten lief – für DDR-Verhältnisse – relativ unbürokratisch ab. Über den FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) und das Solidaritätskomitee der DDR wurden Mittel bereitgestellt, um die Unterbringung, Betreuung und Einkleidung der Chilenen zu finanzieren. Bis Dezember 1974 flossen insgesamt 9,6 Millionen Mark, zum großen Teil aus Mitteln des FDGB, in die Eingliederungsmaßnahmen der chilenischen Flüchtlinge. So erhielt jede Emigrantenfamilie mindestens 2.500 Mark Übergangsgeld um die Zeit, bis ein Job für sie gefunden wurde, zu überbrücken. Das entsprach mehr als dem Dreifachen des durchschnittlichen Monatsverdienstes einer ArbeiterIn in der DDR. Zur Einrichtung von Wohnungen gewährte der Staat langfristig zinslose Kredite, die in sehr niedrigen Raten (5% des Nettoeinkommens) abzuzahlen waren (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv [SAPMO, BArch-ZP], Sign.-Nr. DY 301 IV B 2/20/201).
Die ersten zwei Monate verbrachten die chilenischen Neuankömmlinge zunächst in größeren Sammelstellen, meist Hotels oder FDGB-Ferienheimen, wo sie medizinisch betreut und ihre Papiere in Ordnung gebracht wurden. Danach teilte man sie auf die verschiedenen Bezirke, wie Halle, Dresden, Gera, Suhl, Cottbus, Leipzig und Rostock auf. Dort hatten die Bezirksräte die unpopuläre Aufgabe, Wohnungen und „zumutbare“ Jobs für die Emigranten zu finden. Das Erste war angesichts chronischer Wohnungsnot und dementsprechend langer Wartelisten von Wohnungssuchenden ein besonders delikates Unterfangen. Von oben hieß es, die Chilenen müßten bei der Bereitstellung von Wohnungen unbedingt bevorzugt werden – so schrieb es die internationale Solidarität vor.
Aber der „normale“ DDR-Bürger war diesbezüglich weniger einsichtig und ließ hin und wieder seinen Unmut über die „Wohnungsräuber“ freien Lauf. Sonia Cifuentes, Emigrantin und ehemals Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes in Chile erzählt: „Ich arbeitete am Fließband in der Endfertigung bei Pentacon. Eine Frau neben mir warf mir immer böse Blicke zu und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Später erfuhr ich, daß sie mir vorwarf, den Leuten in der DDR die Wohnungen wegzunehmen und mir riet, doch wieder nach Chile zurückzukehren.“ Derartige Kritik erfuhr jedoch schnell einen Dämpfer von oben – und Ruhe war.
Hin und wieder gab es auch Prügeleien zwischen chilenischen und deutschen Arbeitern, aus ähnlichen Gründen. Aber irgendwann hörten die Feindseligkeiten auf. „Als wir die DDR-Arbeiter besser kennenlernten, merkten wir, Arbeiter sind überall auf der Welt gleich. Nur deutsche Arbeiter können nicht tanzen,“ fügt Sonia amüsiert hinzu.
Aggressive Ausländerfeindlichkeit kam aber auch deshalb nicht auf, weil die Zahl der Emigranten relativ gering war. Im April 1975 lebten knapp 1.000 chilenische Flüchtlinge in der DDR, wovon – nach Angaben des Politbüros – ca. 880 bereits Arbeit und Wohnung hatten. Fast ein Drittel von ihnen waren Mitglieder der KP bzw. des Kommunistischen Jugendverbandes. Daneben waren etwa 130 Mitglieder des Sozialistischen Jugendverbandes und die Führung der Sozialistischen Partei in die DDR emigriert. Der Rest gehörte der Radikalen Partei, linken Splittergruppen (MAPU, MIR) oder keiner politischen Gruppierung an.

Aller Anfang ist schwer

Für viele chilenische Flüchtlinge bedeutete das Asyl in der DDR eine radikale Veränderung ihres Lebens. Während der ersten Jahre glaubten die meisten, bald zurückkehren zu können. „Wir lebten ständig mit gepackten Koffern hinter der Tür.“ Diese dauerhafte Aufbruchsstimmung wurde bis 1978 auch von den chilenischen Parteiführungen geschürt, die sich in der DDR zum Antifaschistischen Chile-Komitee, einer Art kleinen Unidad Popular im Exil, zusammengeschlossen hatten. Das Komitée, insbesondere die KP, orientierte die Emigranten nur auf einen kurzfristigen Aufenthalt und warb für eine schnelle Rückkehr nach Chile, um in den Reihen des Volkes gegen Pinochets Diktatur zu kämpfen. Einige kamen den Aufforderungen, ihren Ideen doch Taten folgen zu lassen, nach. Viele aber kostete die Rückkehr in ihre Heimat das Leben.
Innerhalb des DDR-Politbüros gab es verhaltene Kritik an den Aufbruchsermutigungen der KP-Führung. Schließlich war die Eingliederung der Emigranten mit einem erheblichen finanziellen und organisatorischen Aufwand verbunden. Chilenische Studenten brachen ihr Studium oder ihre Ausbildung ab, um den Aufforderungen der KP nachzukommen. Einige wollten gar nicht erst Deutsch lernen, weil sie eine „Germanisierung“ befürchteten (SAPMO, BArch.-ZP, Sign.-Nr. DY 301 IV B 2/20/102). In der Basis der Kommunistischen Partei erweckte die Schieberei lukrativer Studienplätze unter emigrierten Mitgliedern der KP-Führung Unmut und Verdrossenheit.
Trotz einiger argwöhnischer Blicke in Richtung innere Angelegenheiten der Emigranten, enthielt sich die SED-Führung jedoch jeglicher Einmischung. Ihre Verantwortung endete da, wo die sozialen Belange der Chilenen einigermaßen befriedigt waren. Unstimmigkeiten politischer Natur hatten sie unter sich zu lösen.
Ein weiteres Problem für die Chilenen war die völlige Umstellung ihrer sozialen Gewohnheiten. Zunächst mußte sich die Mehrheit der Emigranten mit Hilfsarbeiterjobs und einem Monatsverdienst von 400 bis 600 Mark zufriedengeben, ein Gehalt das einen bescheidenen Lebensstandard, aber auch nicht mehr, sicherte. „Die verschiedensten Leute vom einfachsten Arbeiter, gefolterten Gefangenen bis hin zum Wissenschaftler kamen in die DDR. In Cottbus zum Beispiel, waren die Massen der emigrierten Arbeiter untergebracht. Aber die Mehrheit der Emigranten waren Studenten, Akademiker, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte. Mindestens 90% der Leute hatten ein Abitur,“ erklärte Sonia. Am schwersten fiel es jedoch emigrierten Bürgerlichen, wie zum Beispiel dem ehemaligen Justizminister der Allende-Regierung, und Künstlern, in der DDR Fuß zu fassen. Erstere vermißten die Standards gehobener gutbürgerlicher Lebensweise. Die KünstlerInnen, hauptsächlich in Rostock angesiedelt, kamen wahrscheinlich mit der Kultur des sozialistischen Realismus und der künstlerischen Enge in der DDR nicht zurecht. Einige kapitulierten schließlich vor der Realität einer Gesellschaft, die sie in Chile besungen hatten; sie zogen dem lieber das kapitalistische, aber an künstlerischen Freiheiten weit mehr bietende Frankreich, ja sogar Venezuela und Peru vor.

Und heute?

Nach dem Mauerfall herrschte unter den DDR-Chilenen Verwirrung gepaart mit Aufbruchsstimmung – Aufbruch in eine Heimat, die vielen über die Jahre hinweg politisch fremd geworden war. Die meisten kehrten Anfang der 90er Jahre zurück. Andere wiederum hatten sich an die Beschränkungen, die Ecken und Kanten der DDR gewöhnt, eine mehr oder weniger bescheidene Karriere gemacht und eine neue Heimat gefunden. Mit der Wiedervereinigung wurde ihnen nun plötzlich auch diese, wie ein Teppich unter den Füßen, weggezogen. Trotzdem kam ein Zurück nach Chile nicht in Frage. Sonia erzählt offen: „Als die Mauer fiel, habe ich geheult, denn ich wußte ja, was nun kommen würde. Ich hatte den Kapitalismus in Chile noch gut in Erinnerung. Meine schöne heile Welt war zusammengebrochen.“
Am belastendsten war zunächst die juristische Unsicherheit. Viele fürchteten, ausgewiesen zu werden. Nachdem sich das antifaschistische Chile-Komitee aufgelöst hatte, gründeten die im Osten Berlins verbleibenden Chilenen im November 1991 den Verein „Gabriela Mistral,“ der ihnen Rechtsbeistand in Sachen Aufenthaltsgenehmigung bot. In Rostock bildete eine kleine Gruppe von Chilenen den Arbeitskreis TALIDE, eine Organisation, die sich für Entwicklungsprojekte in Chile engagiert.
Heute leben noch rund 6.700 Chilenen in der gesamten Bundesrepublik. Die meisten sind auf ihrer jeweiligen Seite der ehemaligen Mauer geblieben. Die unterschiedlichen Erfahrungen, die Ost- und Westchilenen während des Exils sammelten, haben neue, voneinander verschiedene Identitäten geformt. Während viele in der DDR gebliebenen Chilenen ihre Exilzeit, wenn auch mit Abstrichen, überwiegend positiv beurteilen – viele schätzen noch heute die Ausbildungsmöglichkeiten in der DDR – klagen einige Westchilenen über die geringen beruflichen Chancen, die ihnen das Leben im Exil zuweilen sehr schwer machten. Hin und wieder fiel dann auch ein neidendes Wort über die „privilegierten“ Schwestern und Brüder im Osten. „Die beiden verschiedenen Systeme haben uns stärker geprägt als unsere gemeinsame Vergangenheit in Chile,“ erklärt Manuel Huertas, Präsident von „Gabriela Mistral.“ „Wir sind inzwischen mehr mit der DDR als mit Chile verwachsen. Einige von uns waren seit ihrer Ausreise nach dem Putsch nie wieder dort.“ Und schmunzelnd fügt er hinzu, daß unter den Berliner Ostchilenen, wie in der DDR eben, weit mehr Solidarität und Zusammenhalt herrsche als unter den „Wessis.“ Heute sind die aufreibenden Streitereien der Nachwendezeit beigelegt, die erhitzten Gemüter beruhigt, man lernt miteinander umzugehen, spricht höflich voneinander und lebt nach wie vor jeder auf seiner Seite der ehemaligen Mauer.

Tania – Guerrillera aus Eisenhüttenstadt

Bolivien, Ende August 1967. Eine kleine Gruppe schlechtgekleideter, ausgehungerter Partisanen nähert sich vorsichtig der Holzhütte des Bauern Honorato Rojas. Unter ihnen ist eine Frau, Ende zwanzig, mit dunkelblondem, welligem Haar – Tamara Bunke, alias Tania, alias Laura Gutiérrez Bauer. Ihr Rucksack wiegt nicht weniger als der der anderen Compañeros – 30 Kilo, die sie durch die tropische Hitze schleppt. Krankheit, Unterernährung und die ständige Furcht, von den Militärs entdeckt zu werden, plagen seit Monaten Che Guevaras ehemals 14köpfige Nachhut. Sieben Compañeros und ein „Ausgeschlossener“ – ein Deserteur – sind übrig geblieben. Nur wenige Meter sind es noch bis Honoratos Hütte, wo sie um Verpflegung und Arzneimittel bitten werden. In der Umgebung fallen Schüsse der Soldaten, die sich den Partisanen seit April an die Fersen geheftet haben, bisher erfolglos. Honorato erhält Geld von den Partisanen und den Auftrag, bis zum nächsten Tag lebensnotwendige Sachen herbeizuschaffen. Auch Che hatte vor einigen Monaten bei Honorato Halt gemacht. Damals vermerkte er in seinem Tagebuch: „Der Bauer ist…unfähig, uns zu helfen, aber auch unfähig, die Gefahr zu erkennen, die ihm selbst droht. Deshalb ist er möglicherweise gefährlich.“ Tags darauf bewegen sich die Partisanen, eingedeckt mit Lebensmitteln und Medikamenten, flußaufwärts entlang des Río Grande. Honorato führt sie bis in die Nähe einer Furt, dann verabschiedet er sich schnell. Kurz darauf zerreißen Gewehrsalven die schwüle Luft und das monotone Rauschen des Flusses. Sieben Guerilleros stürzen in die Fluten; die meisten tödlich getroffen. Erst nach einer Woche finden Soldaten Tamaras Leiche über einen halben Kilometer flußabwärts. In ihrem Rucksack finden sie neben Notizbüchern und Ausweis einen von einer Kugel durchbohrten Aluminiumteller und ein Tonband mit lateinamerikanischer Folkloremusik, eine Leidenschaft von Tamara.

Eine Argentinierin in der DDR

Als Tamara 1961 die DDR in Richtung Kuba verließ, hatte sie wohl nicht einmal im Traum daran gedacht, drei Jahre später für Ches Guerillagruppe in Bolivien ausgewählt zu werden. Damals wollte sie nach einem längeren Aufenthalt auf Kuba in ihre angestammte Heimat Argentinien zurückkehren. Dort war sie am 19. November 1937 als zweites Kind der deutschen Emigranten Nadjeshda und Erich Bunke geboren worden, einer Familie mit beachtlicher revolutionärer Tradition. Die Eltern engagierten sich in der illegalen Kommunistischen Partei Argentiniens, und Tamaras Großvater mütterlichseits hatte bereits 1905 in der russischen Revolution in den Reihen der Aufständischen gekämpft.
Tamara war ein sehr lebhaftes und begeistertes Kind, erinnert sich die heute 87jährige Frau Bunke. Mit drei Jahren ist sie das erste Mal allein auf einem Pferd geritten, eine Leidenschaft, die sie wohl von ihrer Mutter geerbt hatte. 1952 kehrte die Familie in die DDR zurück, wo Tamara ihre sportlichen Fähigkeiten in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) der damaligen Clara-Zetkin-Schule in Eisenhüttenstadt perfektionierte. Sie war eine der besten Schützinnen und Springreiterinnen der Region. Das Sportschießen in der GST sollte später eine wichtige Grundlage für ihre militärische Ausbildung auf Kuba sein, wo sich Tamara zu einer treffsicheren Schützin entwickelte.
Während der neun Jahre in der DDR träumte Tamara von ihrer Rückkehr nach Argentinien. Kulturell und emotional fühlte sie sich stark zu Lateinamerika hingezogen, zur dortigen Lebensart, der Musik und der revolutionären Jungfräulichkeit des Kontinents. Sie nutzte Briefwechsel, ihre Dolmetschertätigkeit und private Kontakte zu Lateinamerikanern in der DDR, um sich genauestens über die Ereignisse auf dem Kontinent zu informieren. 1957 borgte sie sich von ihren Eltern 350 Mark und fuhr auf eigene Faust zu den Moskauer Weltfestspielen. Dort fand sie schnell Anschluß an Kubaner, von denen sie mehr über Fidel Castros Guerilla-Training in der Sierra Maestra erfahren wollte, ein Thema, das sie brennend interessierte.
Nach der Kubanischen Revolution stand für Tamara fest, daß sie über kurz oder lang die DDR verlassen würde, um „den Aufbau des Sozialismus in Kuba mitzuerleben. Später war sie dann so begeistert von Kuba, daß sie bleiben und sogar kubanische Staatsbürgerin werden wollte,“ erklärte die Mutter.
Doch zunächst verbrachte sie noch über zwei Jahre in Berlin. Bereits im November 1955, zu ihrem 18. Geburtstag, stellte sie von sich aus einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Ihre Eltern erfuhren erst später davon. Nach dem Abitur arbeitete Tamara ein Jahr als Dolmetscherin im Außenministerium. Danach schrieb sie sich am Romanistischen Institut der Humboldt-Universität ein – ein Studium, das sie wegen ihrer häufigen Dolmetschereinsätze und politischen Aktivitäten weniger intensiv betrieb. Auch an der Universität suchte sie den Kontakt zu Lateinamerikanern. Gemeinsam mit einigen lateinamerikanischen Studenten gründete sie 1959 die Ernst-Thälmann-Gruppe. In dieser Gruppe konnte Tamara einerseits ihr großes Informationsbedürfnis über politische Ereignisse in Lateinamerika befriedigen und andererseits die lateinamerikanischen Studenten über aktuelle Vorgänge in der DDR auf dem laufenden halten. Das Letztere lag Tamara besonders am Herzen.
Die Krönung ihrer Dolmetschertätigkeit war zweifellos 1960 der Besuch der kubanischen Wirtschafts- und Handelsdelegation, die von Che Guevara, damals Wirtschaftsminister auf Kuba, geleitet wurde. Tamara dolmetschte für Che auf einem Treffen mit Studenten in Leipzig, ein Ereignis, das einen großen Eindruck auf sie machte. „Für Tamara, die in Argentinien geboren und aufgewachsen war, bedeutete die Tatsache, daß sie an diesem Treffen teilnehmen und für Che dolmetschen durfte, außerordentlich viel. Sie fühlte sich dort ganz als Argentinierin. Dieses erste Zusammentreffen mit Che steigerte ihre Bewunderung und Achtung, die sie für ihn, den Argentinier, Kommunisten, Partisanen…hegte“ (Frau Bunke).

Wahlheimat Kuba

Am 9. Mai 1961 verließ Tamara mit argentinischem Paß und einem DDR-Paß für Ausländer die DDR Richtung Kuba. Zuvor hatte sie ausdrücklich darum gebeten, die DDR-Staatsbürgerschaft abgeben zu dürfen. Sie wollte beim „Aufbau des Sozialismus“ in Kuba vor Ort sein, persönlich mit „anpacken“. Dabei, so ihre Mutter, kamen Tamara ihre Erfahrungen, die sie in der DDR, besonders in der FDJ (Freie Deutsche Jugend), gesammelt hatte, zugute. Den Sozialismus in Lateinamerika aufzubauen – das war ihr ganz persönliches politisches Ziel, und Kuba bot ihr ein exzellentes Betätigungsfeld. „Sie sehnte sich nach einer revolutionären Tätigkeit von größerem Ausmaß als der, die sie in Berlin durchführte“ (Hortensia Gomez, ehem. Direktorin der kubanischen Zeitschrift „Mujeres“). Diese Tätigkeit fand sie auf Kuba.
Im Gegensatz zur DDR propagierte die kubanische Führungselite, den bewaffneten militärischen Kampf in anderen Ländern zu unterstützen und mit Hilfe gut ausgebildeter Guerillagruppen eine revolutionäre Situation zu erzeugen, die später in eine Revolution à la Kuba münden würde. Die DDR-Führung hingegen hielt, entsprechend der sowjetischen Linie, nichts vom „Revolutionsexport“ und distanzierte sich vom „revolutionären Abenteurertum,“ das Ches und Castros foco-Theorie verkörperte (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv, Sign.-Nr. DY 30 IV A2/20/85, im weiteren SAPMO, BArch.-ZP).
„Ich glaube, Kuba war für Tamara die schönste Zeit ihres Lebens, dort hat sie sich am wohlsten gefühlt,“ resümiert Frau Bunke. Dreißig, größtenteils enthusiastische Briefe schrieb sie in jener Zeit an ihre Eltern. Danach erreichte sie nur noch ein Brief über Umwege aus Bolivien.
Tamaras Aktivismus auf Kuba kannte keine Grenzen. Sie war überall dabei, engagierte sich u.a. im Kubanischen Institut für Völkerfreundschaft (ICAP), in der Frauenföderation, als Übersetzerin für verschiedene Ministerien. Nebenbei studierte sie Journalistik und machte Dienst in den Stadtviertelmilizen. 1963 begann ihre militärische und konspirative Ausbildung für den Guerilla-Kampf in Bolivien. Das Ziel ihrer Ausbildung erfuhr Tamara jedoch erst kurz vor ihrer Abreise 1964, die sie ein letztes Mal nach Europa führte. Von West-Berlin aus schaute sie gen Osten, wo ihre Familie lebte, die sie seit über drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die Hochhäuser des Zentrums schienen verlockend nah. Still und ganz für sich allein nahm sie Abschied auf unbestimmte Zeit.
Monate später traf Tamara in Bolivien als Laura Gutiérrez Bauer, Argentinierin, von Beruf Ethnologin, ein. Zwei Jahre sammelte sie Informationen über die bolivianische „high society“, den Regierungs- und Militärapparat, Unternehmer und den Einfluß der Amerikaner auf Politik und Wirtschaft. Tamara knüpfte Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen, bis hin zum damaligen Präsidenten Barrientos und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte General Ovando. So bereitete sie die Ankunft von Ches Guerillagruppe im Herbst 1966 vor und schloß sich im März 1967 selbst der Gruppe an.
Tamaras Wunsch, in einer Revolutionsavantgarde in Lateinamerika mitzukämpfen, war in Erfüllung gegangen. Sie wurde zu „Tania – la Guerrillera.“ Die Wahl dieses Namens war keineswegs zufällig. Tania war der Partisanenname einer 17jährigen Russin, Sonia Kosmotimianskaja, die im Zweiten Weltkrieg auf von Faschisten besetztem Gebiet in Rußland kämpfte, in Gefangenschaft geriet und gehängt wurde. Tamara hatte diese Geschichte in der DDR im Russischunterricht gelesen, eine Geschichte, die einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht hatte. Ebenso fasziniert war sie von Ruth Werners Buch „Ein ungewöhnliches Mädchen,“ in dem die Geschichte einer jungen Frau erzählt wird, die sich in China den Partisanen anschließt und Mann und Kind zurückläßt. Tamara fragte ihre Mutter, was sie davon halte; „du bist doch so für Familie.“ Als ihre Mutter meinte, daß junge Leute ihren eigenen Weg gehen müssen, war das quasi der Freibrief für Tamaras Untergrundarbeit Jahre später.

Bürokratische Mühlen mahlen langsam

Nach der Bekanntgabe von Tamaras Tod in einer Anzeige im November 1967 herrschte in der DDR zunächst Schweigen. Im Oktober hatten Bunkes auf Kuba vom Tod ihrer Tochter und Ches erfahren. Aus Rücksicht auf noch kämpfende Partisanen in Bolivien wiesen die Kubaner an, „bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts zu schreiben.“ Anfang März 1968 stellten sich die letzten Guerillakämpfer aus Ches Gruppe der chilenischen Polizei. Damit wurde die Informationssperre hinfällig. Kubanische Zeitungen veröffentlichten erste Artikel über die Guerilla in Bolivien.
Die Frau des kubanischen Botschafters in der DDR, Sílvia Nireida Pérez Llombard, trat an Frau Bunke heran, um Material für einen Artikel über Tamara für die Zeitschrift „Mujeres“ zusammenzutragen. Dreißig Seiten umfassende Dokumente, Briefe, Interviews und Fotos übergab Tamaras Mutter am 22. August 1968 ebenfalls dem Chefredakteur der „Jungen Welt,“ Horst Pehnert, für eine bald zu veröffentlichende Artikelserie. Am 31. August, dem ersten Todestag von Tamara, überschwemmte eine Welle von Veröffentlichungen sowohl aus dem linken als auch dem rechten Lager die internationale Presse (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185).
Ein kleiner Artikel, in der „Jungen Welt“ „überschwemmte“ auch die DDR Presse. Während kubanische Journalisten auf Anraten Fidel Castros bereits ein Buch „Tania – la guerrillera inolvidable“ über Tamara zusammenstellten und Teile der rechten bürgerlichen Presse mit Geschichten über die vermeintlich „dreifache Spionin und Geliebte Ches“ eine regelrechte Verleumdungskampagne starteten, hüllten sich die DDR-Medien in peinliches Schweigen. Warum? Hatten einige SED-Funktionäre „politische Bauchschmerzen,“ den revolutionären Abenteuergeist einer jungen ehemaligen DDR-Bürgerin mit der „politisch korrekten Linie“ zu vereinbaren? „Es muß… vermieden werden, in irgendeiner Weise auf die kubanische Konzeption der Revolution in Lateinamerika einzugehen,“ teilte der mit der Überarbeitung der dreißig Seiten betraute SED-Genosse seinem Vorgesetzten, Friedrich Trappen, in einem Schreiben vom 4. März 1969 mit (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Und: „Che Guevara wird nur insofern eine Rolle spielen, als es durch die Veröffentlichung seines Tagebuchs bereits bekannt ist,“ um „jeden Gedanken an Abenteurertum auszuschließen“ (SAPMO, BArch.-ZP DY 30 IV A2/20/185). Nach zwei Briefen von Frau Bunke an den persönlichen Freund und Politbüromitglied Werner Lamberz und den Sekretär des Zentralrats der FDJ, Frank Bochow, in denen sie sich – nun langsam ungeduldig – nach den Fortschritten in der vorgesehenen Artikelserie erkundigte, erschien im März 1969 in der „Jungen Welt“ die seit August geplante 13teilige Serie über Tamara Bunke.
Tamara wurde zum politischen Vorbild in der DDR. Über 240 Kollektive und Organisationen sowie Straßen und Schulen wurden nach ihr benannt. Zwei Bücher, die kubanische Übersetzung von „Tania“ und „Der Weg zum Río Grande“ von Eberhard Panitz, wurden veröffentlicht. Ob Tamara jedoch dem durchschnittlichen DDR-Bürger, dessen Kollektiv nicht ihren Namen trug, ein Begriff war, ist fraglich. Im Geschichtsunterricht jedenfalls wurde das DDR-Kapitel Tamara Bunke ausgespart.
Die achtmonatige „Bearbeitungszeit“ des dreißigseitigen Manuskripts mag eine absichtliche Verzögerung von Veröffentlichungen über Ches Kampfgefährtin in der DDR nahelegen. Jedoch bleibt diese Vermutung aus Mangel an Beweisen spekulativ. Und Frau Bunke selbst wehrt derartige Gedanken energisch ab: „Es ist nicht wichtig, was ich in meinen dreißig Seiten an Pehnert geschrieben habe, sondern was 1969 in der Serie der „Jungen Welt“ erschienen ist. Vielleicht war ich zu abschweifend…Naja, Sie wissen doch, DDR-Mühlen mahlen eben langsam.“

Ostdeutsche Fluchten in ferne Wirklichkeiten

Daß meine langjährige Beschäftigung mit Lateinamerika zu einem guten Teil Ersatzfunktion hatte, wurde mir schlagartig im Herbst 1989 bewußt. Von meinem Schreibtisch aus, an den ich mich zurückgezogen hatte, um die Schlußthesen meiner Dissertation über den Sandinismus zu verfassen, blickte ich direkt auf die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg, eben jenem Ort, an dem gerade so etwas wie eine Revolution stattfand, eine Revolution, wie ich sie bis dahin nur aus den Nicaragua-Studien kannte. Fortan war ich mehr auf den Straßen und Plätzen, in Versammlungssälen und Kirchen als am Schreibtisch bei meiner Arbeit. Wir verfaßten radikale Forderungskataloge, trugen Transparente durch die Stadt, bildeten neue Parteien, diskutierten Umgestaltungskonzepte. Als dann auch noch die Zensur abgeschafft wurde, gründete ich quasi über Nacht einen Verlag für Politik und Zeitgeschichte. Sein Gegenstand war überraschend klar: Aufarbeitung der tabuisierten DDR-Geschichte, kritische Begleitung der laufenden Umgestaltung. Von Lateinamerika, das bisher mein berufliches Leben als Journalist und Literaturwissenschaftler bestimmt hatte, weit und breit keine Spur.
Erst zwei Jahre später fragte mich mein Freund Helmut Schaaf von der Nicaragua-Koordination Köln, was denn eigentlich aus meiner Arbeit geworden sei. Sie lag völlig unberührt im Regal, so wie ich sie im Oktober 1989 verlassen hatte: fertig geschrieben, doch niemals eingereicht. Er erbot sich daraufhin, sie an seinem Computer zu setzen und in einem kleinen Kölner Verlag zu publizieren, damit die vier Jahre Arbeit nicht ganz umsonst gewesen seien. So dann auch 1992 geschehen. Das war zugleich der Schlußpunkt unter mein erstes Leben. Erst heute, neun Jahre später, werde ich wieder darauf gestoßen. Meine großen Töchter (18 und 15) kommen mit Che-Plakaten nach Hause und wollen wissen, warum ich mich nicht mehr mit Lateinamerika beschäftigte und in unserem Verlag nur Bücher zur deutschen Geschichte erscheinen. Inzwischen ist mir bewußt geworden, daß Lateinamerika für mich wie für viele meiner Freunde aus der damaligen Soli-Szene nicht nur Gegenstand ehrlichen Engagements war, sondern zugleich auch eine gewisse Ersatzfunktion hatte. Dort spielte sich für uns das eigentliche Leben ab, denn da geschah tatsächlich etwas: es wurden Streiks organisiert, Basis-Initiativen gegründet, linke Parteien aufgebaut, Guerilla-Gruppen gebildet. Bei uns dagegen stagnierte alles in der Spät-Honecker-Ära, nahezu jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens war vordefiniert, der Bewegungsraum weitgehend eingeengt. Insofern sogen wir begeistert die Berichte südamerikanischer Emigranten und mittelamerikanischer Rebellen in uns auf, versuchten, ihren Kampf mit einigen Produkten aus der DDR wie optischen Geräten, Medikamenten und Unterrichtsmaterialien zu unterstützen, denn unser Geld war ja in diesem Teil der Welt nichts wert. Doch selbst unsere kleinen Solidaritäts-Aktionen, egal ob von kirchlichen Gruppen, privaten Freundeskreisen oder einzelnen Zeitungsredaktionen ausgehend, wurden von der zentralplanerischen Staatsmacht mißtrauisch beäugt, obwohl sie eigentlich dem erklärten außenpolitischen Ziel der DDR entsprachen. Es sollte nur ins Ausland gehen, was offiziell gewollt und mit sogenannten Bilanzanteilen in der Mangelwirtschaft auch abgesichert war. Sonst befürchtete man „Versorgungsengpässe“ und weiter wachsenden Unmut der Bevölkerung. Insofern war unser Streiten für „die gute Sache“ zugleich ein Stückchen Rebellion gegen die unbeweglichen Verhältnisse im Lande, ohne daß man uns vom Ansatz her staatsfeindliches Handeln hätte unterstellen können. Wir rieben uns über den Umweg Lateinamerika am eigenen Staat.
Mit dem Ende der DDR entfiel auch diese Ersatzfunktion, waren keine fremden Projektionsflächen mehr vonnöten. Man konnte sich in die unmittelbaren Auseinandersetzungen vor der Haustür einbringen. Die Erkenntnis allerdings, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik bei aller äußeren Beweglichkeit letztlich verdammt zäh sind und sich viel weniger verändern lassen, als aus der Ferne einst gedacht, haben einzelne meiner Freunde auf einen neuen Trip geführt, diesmal allerdings eher in Richtung Tibet. Bei mir hat es dagegen eine neue Annäherung an Lateinamerika bewirkt. Ich lese wieder mehr aus dieser Region. Und das nicht nur in den nach wie vor abonnierten Lateinamerika Nachrichten, sondern vor allem in der Belletristik, und ich werde in diesem Sommer mit meinen Töchtern nach Nicaragua fahren, um Freunde zu besuchen und an einem neuen Projekt mitzuarbeiten, dem Aufbau einer mittelamerikanischen Verleger-Union.

Ein wenig Befreiung von unten

Nicht nur mit Worten die SandinistInnen verteidigen, sondern „konkret etwas für Nicaragua tun“ – so lautete die Quintessenz dieser Auseinandersetzung. Der Anlaß mag zufällig sein, die Motivation für unabhängige Gerechtigkeit war es nicht, meist hatte sie zwei Aspekte: Das Wissen von Elend in unserer Welt läßt Untätigkeit nicht zu. Und: Nur wer „etwas Sinnvolles tut“, konnte der Apathie und den vorgefertigten Strickmustern der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR entgehen.
Wie andere Basisinitiativen auch, standen die Mitglieder der IHN in einem generellen Spannungsfeld, denn charakteristisch und tragisch war, wie in fast allen Bereichen der ehemaligen DDR, die Trennung von staatlich bzw. gesellschaftlich kontrolliertem Vorgehen und dem innovativen, unabhängigen Engagement nicht weniger Bürgerinnen und Bürger. Nichts fürchtete das alte System mehr als klarblickende, nicht erpreßbare Menschen, die nicht aufgaben.

Engagement gegen den Staat

In dieses gesellschaftliche, besser noch Partei- und Staatsumfeld, pflanzte sich die Arbeit der IHN, deren Mitglieder mit durch das unabhängige Engagement für Nicaragua geschärftem Blick auch die gesellschaftliche Realität in der ehemaligen DDR kritisch reflektierten. Kunst und Kultur des Volkes, Befreiungstheologie und Dialog zwischen SandinistInnen und ChristInnen blieben somit nicht nur Begriffe aus einer fernen Welt, sondern wurden zu Instrumentarien für unser eigenes Handeln. Karim Saab, einer der Mitbegründer der IHN, brachte dies in einigen Thesen wie folgt zum Ausdruck:
– „Die Theologie der Befreiung verweist uns auf die Armen im eigenen Lebensbereich. … Christen in der DDR, die sich von der Theologie der Befreiung inspirieren lassen, müssen sich daher in ihrem eigenen Lebensbereich den Armen (Deformierten, Benachteiligten, Leidtragenden) zuwenden.
– Die Auseinandersetzung mit dem Elend in der Zweidrittelwelt provoziert Rückfragen an uns und unsere Gewohnheiten. … Hören wir von der Beteiligung salvadorianischer Christen am bewaffneten Befreiungskampf, sollten wir es nicht versäumen, unsere Haltung zur Gewaltfrage zu differenzieren….
– Wenn uns ein Mosambikaner von der Hoffnung erzählt, daß die neuen Verhältnisse in seinem Land einen „Neuen Menschen“ prägen werden, sollte uns das anregen, über die Verwirklichung dieses sozialistischen Ideals in der DDR nachzudenken….“
Diese Ausführungen spiegeln etwas vom Selbstverständnis der IHN-Arbeit wider. Innerhalb der quantitativ recht kleinen Gruppe der „unabhängigen“ Zweidrittelwelt-Engagierten waren Selbstverständnisdiskussionen eher die Ausnahme denn die Regel. Man war froh, sich überhaupt gefunden zu haben, kommunizieren und arbeiten zu können – möglicherweise „trennende“ Diskussionen wurden vermieden.
Aber klar war: Gruppen wie die IHN verstanden sich auch als entwicklungspolitisch Wirkende, die bewußt und gezielt das gesellschaftliche Konzept in der DDR, Normen und Wertvorstellungen mit Hilfe von Systemdiskussionen in den Zweidrittelweltländern in Frage stellten. Zugleich waren diese Gruppen Praxis- und Erprobungsfelder für Demokratieverhalten und alternative Ansätze für kommunikative und partizipatorische Strukturen. Neben der konkreten Zweidrittelwelt-Arbeit stellten sie ganz bewußt ein Stück Gegenöffentlichkeit in der DDR dar.

Zwischen Opposition und Anpassung

Eine solche Arbeit war ohne die Unterstützung der Kirche nicht möglich, da sich der realsozialistische Staatsapparat bekanntermaßen und paradoxerweise dem Bedürfnis nach echter Basisinitiative verschloß (was zweifelsohne auch zu seinem beschleunigten Verfall beitrug) und den bestehenden Gruppen das Leben schwer machte. Der Staat überließ sowohl die Legitimation der Gruppen als auch die Reglementierung in den meisten Fällen der Kirche, deren hierarchische Organisation er als Pendant zu sich (Staat im Staate) ansah und geradezu herausforderte.
Die Kirche nahm diese Rolle an – in Form einer Gratwanderung zwischen Opposition und Anpassung, als Konfliktvermittler und Stellvertreter. Mitunter war dabei die innere Zensur fast größer als die äußere staatliche. Diese politische Selbstbeschränkung stieß bei aktiven Basisgruppen zum Teil auf erhebliche Kritik. Dieser, im Verhältnis zwischen Kirchenleitung und Basisgruppen immer latent oder offen vorhandene Konflikt, verschärfte sich in den achtziger Jahren durch veränderte politische Rahmenbedingungen.
Die IHN war der Superintendentur Leipzig an der Nikolaikirche angegliedert. Dies bildete zum einen den Rahmen und die Voraussetzungen ihrer Arbeit, zum anderen aber befand sie sich damit auch in dem komplexen Spannungs-, Abhängigkeits- und Entsprechungsgefüge zwischen Kirche und Staat. Letztlich wurden viele Initiativen der Gruppen durch den Synodalausschuß bei der Superintendentur Leipzig mehr behindert denn gefördert, wie man heute aufgrund von Stasimit- und zuarbeit einzelner Mitglieder weiß. Auch die IHN war lange Jahre im Visier der Stasi. Mehrmals versuchte sie, Inoffizielle Mitarbeiter in die Gruppe einzuschleusen – manchmal mit Erfolg.
Unabhängig aber vom ambivalenten Verhältnis zwischen Basisgruppen und Kirchenleitung ermöglichte dieser Bezug der IHN eine Arbeit, die tatsächlich in die Öffentlichkeit getragen werden konnte und den vom Staat zuerkannten Rahmen sprengte. So zum Beispiel mit einer dreitägigen Veranstaltung zugunsten des Projektes der Gruppe, dem Landschulzentrum Monte Fresco in Nicaragua, an der sich eine ganze Reihe bekannter KünstlerInnen beteiligte, einschließlich einiger, die mit Auftrittsverbot belegt waren, oder durch die Veranstaltungsreihe „Hoffnung und Politik“, die zu einem Podium des Austausches über Innenansichten zur DDR wurde.
Auch nach außen, über die Ländergrenzen hinweg, wurde die staatliche Abschottung durchbrochen. So konnte jahrelang das Landschulzentrum Monte Fresco unterstützt werden, auch mittels des Erlöses aus einer mail-art-Ausstellung „Hoffnung Nicaragua“, an der sich KünstlerInnen aus etwa 20 Ländern mit ihren Arbeiten beteiligten und die in zahlreichen Kirchen zu sehen war.
Diese und andere Initiativgruppen wurden natürlich staatlicherseits nicht einfach hingenommen, sondern beständig behindert. So wurde eine Lichterkette der IHN vor dem Leipziger Capitol während der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche 1983 zum Anlaß genommen, über die Botschaft den nicaraguanischen StudentInnen den Kontakt zur Gruppe zu untersagen, da diese vom CIA (!) unterwandert sei. An dieser Legende hatte die Gruppe jahrelang zu tragen, bis sie mit Hilfe eines neuen nicaraguanischen Botschafters ausgeräumt werden konnte.
Ähnlichen Behinderungen waren auch die anderen unabhängigen Gruppen ausgesetzt. Dies änderte jedoch nichts daran, daß die Nicaragua-Solidaritätsarbeit sich stark entwickelte. Wie im Westen, so im Osten: In der Soli-Szene war das „Modell Nicaragua“ Beispiel eines alternativen Gesellschaftsentwurfes. Anders aber als im Westen „strickte“ in der DDR der Staat selbst an diesem „leuchtenden Bild“ mit. Dies aber offenbarte die Absurdität nur um so offensichtlicher: Offizielle Solidarität mit Nicaragua war “in”, ließ sich davon aber eine Gruppe anstecken und initiierte ihrerseits Aktivitäten, so wurden diese argwöhnisch beäugt.
Die Nicaragua-Solidarität bildete nicht zuletzt wegen des „Modellcharakters“ den Schwerpunkt der Arbeit von unabhängigen Gruppen in der DDR. Aber es war nicht nur der Schwerpunkt, es war auch der einzige zu Lateinamerika: es gab nur Nicaragua. Es arbeiteten in den achtziger Jahren etwa zehn Basisgruppen und -initiativen zu diesem Land. Deren Aktivitäten waren sehr unterschiedlich akzentuiert und motiviert. Die IHN war eine der politischsten, andere hatten eher einen karitativen Ansatz und waren mehr durch eine „Paketpackmentalität“ geprägt. Zentren der Arbeit waren Leipzig, Jena, Berlin und Magdeburg.

Solidarität zwischen Ost und West

Manche Projekte waren eigentlich „Dreiecksbeziehungen“ Ost-West-Süd. Es waren nämlich West-Gruppen, die diese beiden (Vor)-Schulprojekte wesentlich förderten (Auf- und Ausbau der Infrastruktur, Gehälter für Kindergärtnerinnen etc.) während die Ost-Gruppen vor allem didaktisches und Schulmaterial beisteuerten. Vor allem über diese (verbotenen) Westkontakte gelangten dann auch die Informationen, Dias und sonstige Medien zu uns, mit denen wir unsere konkrete Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bestritten. Man brauchte für dieses Engagement also verläßliche Verbündete und schuf sich gleichzeitig selbst größere – und damit wirkungsvollere – Arbeitszusammenhänge und -strukturen.
Eine der wichtigsten war INKOTA (Information, Koordination und Tagungen zu Problemen der Zweidrittelwelt). Der Name war Programm: es wurden die in der Regel schwer zu beschaffenden Informationen besorgt, koordinierte Aktionen gestartet und zentrale und dezentrale Tagungen durchgeführt. Wenn dann zu einer solchen Tagung zum Beispiel Bernd Päschke aus Mainz auftauchte, einen Stapel seines El Salvador-Buches „Befreiung von unten lernen“ über die Grenze geschmuggelt hatte und wir mit ihm gemeinsam eine „lateinamerikanische Bibelstunde“ durchführten, dann war dies ein ganz besonderes Highlight und die TagungsteilnehmerInnen fühlten sich danach selbst ein wenig „von unten befreit“.
INKOTA hatte es sich in der DDR zur Aufgabe gemacht, die Kluft zwischen Basisinitiativen und Administration zu überbrücken. Dabei kam uns zugute, daß zumindest einige Leute beim damaligen „Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR“ die Arbeit unterstützten, so daß wir als ökumenischer Arbeitskreis unter seinem Dach arbeiten konnten. Dies eröffnete die Möglichkeiten für Verhandlungen mit dem Staat „auf höherer Ebene“, die für eine Basisgruppe allein nicht möglich gewesen wären. Dadurch wurde einiges ermöglicht, daß auch der Nica-Arbeit zugute kam und deren AkteurInnen motivierte, weiterzuarbeiten. So wurde beispielsweise erreicht, daß über das staatliche Solidaritätskomitee einmal im Jahr unentgeltlich ein Sammelcontainer unabhängiger Nicaragua-Gruppen zu ihren Partnern transportiert wurde. Das war ein „unheimlicher Erfolg“, ebenso das Zustandekommen einer Studiendelegation der Evangelischen Studentengemeinde und INKOTA 1986 oder mein halbjähriger Aufenthalt in Nicaragua 1989.
So wie INKOTA vor der Wende die Grundlage für die Arbeit der unabhängigen Nica-Gruppen war, gingen von dem Netzwerk nach der Wende wesentliche Impulse für den Auf- und Ausbau dieser Arbeit aus.
Paradoxerweise hatte die Mehrzahl der Nica-Engagierten erst nach der Niederlage der Sandinisten 1990 die Möglichkeit, dieses Land und seine Leute von „Angesicht zu Angesicht“ kennenzulernen. Diese Möglichkeit führte zu einem Motivationsschub im Osten just in dem Moment, in dem sich Soli-Engagierte aus dem Westen wegen des fracasos der Sandinisten aus der Arbeit zurückzogen.

Nach der Wende

Die Wende brachte den unabhängigen Soli-Gruppen im Osten zudem einen unverhofften Geldregen. Von den rund 16 Millionen Mark Soligeldern, die der FDGB veruntreut hatte, zahlte dieser, das schlechte Gewissen wog schwer, eine Million Mark auf das Konto von INKOTA. Über den „Nicaragua-Verteilerrat“ der unabhängigen Soligruppen wurde dieses Geld – nach der Währungsreform noch eine halbe Million DM – für Projekte vor allem in Zentralamerika zur Verfügung gestellt. Heute ist die 1994 gegründete Stiftung Nord-Süd-Brücken von großer Bedeutung für die Arbeit in den Neuen Bundesländern. Diese entstand aus übriggebliebenen Geldern des staatlichen „Solidaritätskomitees“ auf Intervention des „Entwicklungspolitischen Runden Tisches“, dem es gelang, diese Mittel der Treuhandgesellschaft zu entreißen – Theo Waigel wollte mit dem Geld Haushaltslöcher stopfen.
1990 führte INKOTA das erste und gleichzeitig letzte Workcamp zu DDR-Zeiten in Nicaragua durch. Das war der Ausgangspunkt für Kontakte, die über Nicaragua hinaus gingen, denn ein Teil der Gruppe besuchte auf Einladung des Lutherischen Bischofs Medardo Gómez auch El Salvador. Aus diesen Workcamps heraus – die bis heute Bestandteil der INKOTA-Arbeit sind – entstanden neue Projekt- und Partnerbeziehungen.
So haben heute INKOTA-Mitgliedsgruppen zahlreiche Kontakte nach Zentralamerika. Der „Eine Welt Laden am Dom“ in Brandenburg hat Projektbeziehungen nach El Paisnal, die Berliner Segensgemeinde pflegt eine Gemeindepartnerschaft mit der Gemeinde am Vulkan von San Miguel (beides in El Salvador) und das „Eine Welt Haus“ in Jena hat erreicht, daß es heute eine Städtepartnerschaft mit San Marcos in Nicaragua gibt.
Die Geschäftsstelle von INKOTA in Berlin begleitet heute Projekte in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Schwerpunkte sind die Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit, Kommunalentwicklung und Frauenprojekte. Damit werden die Ansätze weiter verfolgt, die durch INKOTA noch zu Zeiten der DDR initiiert worden sind.

Willi Volks war in den achtziger Jahren Mitglied der „Initiativgruppe Hoffnung Nikaragua“ und ist seit 1994 Geschäftsführer des INKOTA-netzwerks.

Dr. Carlos Marx in Nicaragua

Ich war eher von meinem Fernweh geleitet, als ich schnell und ohne groß zu überlegen laut und deutlich „ja“ sagte, als man mich fragte, ob ich nicht für zwei Jahre als Dolmetscherin am Hospital in Managua arbeiten wollte. Das war 1987, ich begann gerade mein letztes Studienjahr und träumte davon, wenigstens den spanischsprechenden Teil der Welt einmal zu sehen. Von Nicaragua wußte ich nicht viel, von dem Krankenhaus wußte ich das, was man eben wußte in der DDR – es war ein sympathietragendes Projekt, über das in der Presse ziemlich oft berichtet, für das immer wieder Geld gesammelt und auch lieber als für andere Projekte gegeben wurde. Da funktionierte das SpenderInnenherz in der DDR nicht anders als anderswo: anrührende Bilder von kranken Kindern haben noch immer die Herzen bewegt und die Portemonnaies geöffnet – Gott sei dank.

„Geleitet von dem gemeinsamen Ziel, die Beziehungen der Freundschaft und der antiimperialistischen Solidarität zu festigen, die die Völker und die Jugend der Deutschen Demokratischen Republik verbinden, und in Übereinstimmung mit der Vereinbarung über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der FDJ und der Juventud Sandinista 19 de Julio (JS 19 J) schließen der Zentralrat der FDJ, das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR, das Nationale Exekutivkomitee der JS 19 J und das Ministerium für Gesundheitswesen der Republik Nikaragua folgendes Protokoll über den Einsatz der Brigade der Freundschaft der FDJ „Karl Marx“ im Krankenhaus Managua, das von der DDR als Solidaritätsgeschenk an die Regierung der Republik Nikaragua übergeben wurde, ab.“(Präambel eines Protokolls zwischen dem Zentralrat der FDJ, der Juventud Sandinista, dem nicaraguanischen Jugendverband, und den Ministerien für Gesundheitswesen beider Länder von 1985)

Im Stadtteil Xolotlán von Managua, im Osten der Stadt, war 1985 das Hospital „Carlos Marx“ entstanden. Erst war es in großen Zelten untergebracht. Operiert wurde in OP-Containern, wie es sie für Feldlazarette gibt, mit tarnfarbener Verkleidung. Mit der Zeit wurden dann Fertigteilhäuser daraus und feste Gebäude. Während der sogenannten III. Ausbaustufe 1989 kamen ein moderner OP-Trakt und ein Kreißsaal dazu. Es wurde immer erzählt, daß das Krankenhaus ein ausdrücklicher Wunsch der nicaraguanischen Regierung war – und daß Honecker ein Faible hatte für dieses kleine mittelamerikanische Land und deshalb diesem Wunsch entsprach. Das Hospital – eine Chefsache? Womöglich. Das wäre auch eine Erklärung dafür, daß für das Krankenhaus, das finanztechnisch ein Faß ohne Boden war (der jährliche Finanzbedarf lag schätzungsweise bei 4 Mio. Mark), immer Mittel zur Verfügung standen, auch als es der DDR ökonomisch schon ziemlich schlecht ging. Besucht hat Honecker das Land nie, aber als Indiz für die Verbundenheit mag auch die Tatsache gelten, daß Daniel Ortega ihn Anfang der neunziger Jahre in der Haftanstalt Moabit besucht hat.

Artikel 1

Der Zentralrat der FDJ und das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR entsenden eine Brigade der Freundschaft der FDJ nach Managua, um die medizinische Betreuung der Bevölkerung der Hauptstadt der Republik Nikaragua sowie die Qualifizierung junger nikaraguanischer Kader im Bereich des Gesundheitswesens zu unterstützen.
Von Anfang an war der Andrang von Patienten riesig groß und steigerte sich jedes Jahr beträchtlich. Es beschränkte sich keineswegs auf das geplante Einzugsgebiet der Hauptstadt. Manche Leute, beispielsweise von der Atlantikküste oder aus dem Grenzgebiet zu Honduras im Norden, nahmen tagelange, beschwerliche Reisen auf sich, um ins Krankenhaus zu gelangen und in der Sprechstunde dann ein paar Minuten mit dem Arzt zu reden. Dieser Zulauf schmeichelte dem Projekt und seinen Schöpfern und ist natürlich auch Ausdruck der (objektiven oder subjektiv wahrgenommenen) Defizite des nicaraguanischen Gesundheitswesens. Nicht zu unterschätzen ist auch der exotische Faktor – es war ganz einfach schick, zu einem Doktor zu gehen, der aus Europa kam, aus Deutschland.
Das Hospital war als ein Krankenhaus der Grundversorgung angelegt, das heißt es gab die Fachrichtungen Allgemeinmedizin/ Innere Medizin, Gynäkologie und Geburtshilfe (ab 1989), allgemeine Chirurgie und Kinderheilkunde. Komplizierte Erkrankungen, die eine spezialisierte Behandlung erforderten, wurden an die Fachkrankenhäuser in der Stadt überwiesen. Im Hospital „Carlos Marx“ wurden ca. 100.000 Patienten jährlich ambulant, mehr als 10.000 stationär behandelt. Neben der Betreuung der Patienten bestand eine zentrale Aufgabe auch in der Ausbildung von nicaraguanischen Fachärzten für Allgemeinmedizin. Dies war für Nicaragua eine neuartige Fachrichtung, die ausschließlich am Hospital „Carlos Marx“ ausgebildet wurde.

Artikel 2

… [Die vertragschließenden Seiten] fördern die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Jugend der DDR und Nikaraguas und den Austausch von Erfahrungen der Arbeit der FDJ und der JS 19 J.

So ganz ernst war das mit der Freundschaft von offizieller Seite wohl nicht gemeint. Im Gegenteil. Wir hatten ziemlich strenge Vorschriften, was den privaten Umgang mit Nicaraguanern betraf. Eine MTA mußte sogar vorzeitig ihren Einsatz abbrechen und in die DDR zurückkehren, weil sie eine Affäre mit einem Nicaraguaner hatte und das auch nicht mehr versteckte. Verbrämt wurde diese „Kontaktsperre“ (hinter der wie überall die Phobie steckte, die Leute könnten sich absetzen, via Nicaragua in den Westen) mit dem Sicherheitskonzept, das die staatlichen Stellen hatten. Komisch: Die Freundschaft, die auf dem Papier vereinbart wurde und formal auch in organisierten offiziellen Begegnungen abgefeiert wurde, durfte denn im Kleinen und Konkreten nicht sein. Sie existierte aber doch, und zwar viel tiefer, als es sich die Initiatoren des Projektes vorstellen konnten. Die tägliche Arbeit verband manche trotz Sprachbarrieren und kurzer Dauer der Begegnung (und den Vorschriften zum Trotz) aufs tiefste miteinander. Die Geschichte dieser Brigade ist auch eine Geschichte des ständigen Kommens und Gehens, der permanenten Abschiede von Freunden, die – zu DDR-Zeiten – immer endgültige Abschiede waren. Die Chance, sich ein zweites Mal im Leben zu begegnen, war gering.

Artikel 3

Für die Verwirklichung dieses Protokolls übernehmen das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR und der Zentralrat der FDJ folgende Verpflichtungen:
(…)
5. Notwendige medizinische und technische Ausrüstungen für das Krankenhaus zu liefern sowie Medikamente, Verbandsmaterial und andere notwendige Materialien und Ersatzteile bereitzustellen.
6. Die Vergütung der Brigademitglieder und ihrer Familienangehörigen in der DDR und in der Republik Nikaragua.
(…)
8. Die Lieferung von Materialien für die Ausrüstung der Wohnungen für die Brigademitglieder und ihrer Familienangehörigen sowie deren Versorgung mit Dingen des persönlichen Bedarfs, Haushaltsgeräten und Materialien für die kulturelle und sportliche Betätigung…

Es war wirklich witzig: Bis hin zum Klopapier wurde jedes kleinste Materialstückelchen aus der DDR geliefert – der Transport war aus damaliger Sicht immer noch „billiger“, als für Devisen vor Ort oder in der Region einzukaufen. Das war auch der Grund dafür, daß (für die klimatischen Verhältnisse völlig irrsinnige) Doppelfenster in den Fertigteilhäusern hingen, die sich noch nicht einmal ankippen ließen, oder daß DDR-Türklinken montiert wurden, die man in Nicaragua nicht kennt und mit deren alltäglicher Handhabung alle, Schwestern wie Patienten, arge Probleme hatten. Richtig fatal allerdings war das Kapitel „Stromversorgung“: Der in Nicaragua aus den Kraftwerken gelieferte Strom hat 60 Hertz, die fast ausschließlich aus der DDR stammenden medizinischen und sonstigen technischen Geräte jedoch liefen mit den hier üblichen 50 Hertz. Die Lösung sah so aus, daß der Strom erst einmal gleichgerichtet und dann wieder zerhackt wurde, und dieses System war entsprechend störanfällig. Zeitweilig mußte der Notstromgenerator ununterbrochen laufen – mit Diesel, also der teuersten Art überhaupt, Strom herzustellen! Daß diese Sachen keine Schildbürgerstreiche waren, sondern aus den Gegebenheiten (um nicht zu sagen: aus der Not) der DDR-Wirtschaft geboren wurden, daran sei hier kurz erinnert.
In einem internen Gutachten, das ein Vertreter von medico international gleich 1989/90 verfaßte, war zu lesen: „Bei dem Krankenhaus handelt es sich um ein Prestigeobjekt der DDR-FDJ, das ohne entwicklungspolitische Konzeption hingestellt wurde. Vielmehr wurde ein DDR-Kreiskrankenhaus nach Nicaragua exportiert, um dort Eindruck zu machen. Vor allem Fragen der laufenden Kosten, der Folgekosten etc. wurden niemals angegangen.“ Daß dem so war, bestreitet heute keiner. Trotzdem haben diejenigen, die dabei waren, viel davon gehabt.