WER IST HIER DER NARCO-TERRORIST?

Im 19. Jahrhundert baute die East India Company ein Monopol für die Opiumproduktion auf, das bis nach dem Ersten Weltkrieg in britischer Hand bleiben sollte. Ausbeutung indischer Bäuer*innen und Hungerkrisen standen enormen Profiten gegenüber. In zwei Kriegen erzwang England die Öffnung Chinas und flutete den chinesischen Markt mit Opium. Zu den Konsequenzen gehörten massive Abhängigkeit, die Annexion Hongkongs, der Raub von Kunstschätzen, die bis heute in Museen weltweit liegen, und vor allem die Beseitigung des britischen Handelsdefizits gegenüber China. Denn während die Engländer Seide, Tee und Porzellan aus China importiert hatten, war der chinesische Markt für englische Waren verschlossen geblieben.

Auch in der ersten Opium-Krise der USA, Ende des 19. Jahrhunderts, spielten chinesische Migrant*
innen eine Rolle. Während die medizinische Nutzung des Schlafmohns bis in die Antike reicht, wurde sie um die Jahrhundertwende zunehmendzum Problem. Die Nutzung von Morphin in den Lazaretten des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) trug vor allem in den Südstaaten zur großen Zahl an Abhängigen bei. Erste Gesetze kriminalisierten jedoch vor allem die chinesische Konsumform des Opiumrauchens. Dabei ging es von Anfang an um Rassentrennung, beispielsweise in Idaho wurde ausschließlich weißen das Führen und Betreten von Opiumhöhlen verboten, die mit Prostitution und Glücksspiel assoziiert wurden. Hierin fügt sich auch der Chinese Exclusion Act (1882), der die Migration aus China faktisch aussetzte und zur Marginalisierung der chinesischen communities beitrug.

Rassismus zieht sich durch die Drogenpolitik der USA

Mit der Anerkennung der Jim-Crow-Gesetze durch den Obersten Gerichtshof der USA (1896), die Rassentrennung rechtlich fixierten, und einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften in den Fabriken des Nordens und Mittleren Westens setzte die sogenannte Erste Große Migration (1910-40) ein. Es ist kein Zufall, dass zu dieser Zeit das Narrativ des kokainabhängigen Schwarzen aufkommt. 1914 veröffentlichte die New York Times einen vielzitierten Artikel, der von Übergriffen auf weiße Frauen in den Südstaaten fantasierte, die das direkte Resultat von Kokaineinfluss auf Schwarze Männer sei. Erneut ging es um Rassentrennung, Zugang zu Arbeitsmärkten und die Kontrolle rassifizierter Körper auch abseits einer juristisch expliziten Rassentrennung.

Mit dem Ende der Prohibition 1933 fokussierten sich die ehemaligen Alkohol-Fahnder vor allem auf Marihuana, das diskursiv zur „Killerdroge“ avancierte. Eine zentrale Figur hierbei war Harry Anslinger, der Leiter der 1930 gegründeten Bundesbehörde für Betäubungsmittel. In seiner Propaganda vermischen sich Rassismus und Sexismus mit christlichen Untertönen, die zum Fundament der US-amerikanischen Drogenpolitik wurden. Nixons politischer Berater und Watergate-Mitverschwörer John Ehrlichmann gab 1994 in einem Interview an, dass der Krieg gegen die Drogen auf die Kriminalisierung der Friedensbewegungen und der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung abzielte. Zeitgenössische Debatten der Black Panther zeigen, dass sie diese Strategie nur allzu gut verstanden hatten. Die Parteiregeln waren in Bezug auf Drogen strikt, und Michael Tabors formulierte die eingängige Formel „Kapitalismus plus Drogen gleich Völkermord“.

Der Kampf gegen die Drogen war Teil des Widerstands – für Gesundheit und in der Abwehr polizeilicher Übergriffe. In den 1980ern verschärfte Reagan den Krieg gegen die Drogen deutlich. Der Anti-Drug Abuse Act (1986) führte schwerste Strafen für den Besitz und Verkauf von Crack ein. Das Strafmaß lag bei 100:1 im Gegensatz zu herkömmlichem Kokain; später sollte Obamas Fair Sentencing Act das Verhältnis auf 18:1 reduzieren. Mit dem Anti-Drug Abuse ging auch die Einführung von Mindeststrafen
einher, 5 Jahre Knast für 5 Gramm Crack. Drogenpolitik und Masseninhaftierungen gehen Hand in Hand: Ab Ende der 80er Jahre und in den 90er Jahren hatte diese Politik verheerende Folgen für die Schwarze Bevölkerung.

Masseninhaftierung mit verheerenden Auswirkungen

Angesichts der Ausbreitung von Meth stiegen auch die Inhaftierungen weißer Unterschichten. Derweil zeigt die Opioid-Krise der letzten 20 Jahre eine klassistische Politik, gesponsert von der Pharmalobby, die traditionell zu den Top-Spendern der Parteien bei jedem Wahlkampf gehört. Anstatt Armut, krankmachende Arbeitsbedingungen, miserable Umweltfaktoren und die Ursachen für psychosoziale Belastungen anzugehen, verschreiben Ärzt*innen schwerste Schmerzmittel. Die Fentanyl-Krise ist das konsequente Resultat dieser Politik. Während Trump offen über Militäreinsätze gegen Kartelle in Mexiko nachdenkt, kommt der Großteil ihrer Waffen aus den USA.

Eine Recherche von The Intercept hat in Mexiko sichergestellte Patronenhülsen in eine Fabrik des US-Militärs zurückverfolgt. In der Vergangenheit waren auch Modelle von Heckler & Koch in den Händen bewaffneter Banden gelandet. Letztlich sind Widersprüche eine Konstante: Während in den 60ern die antikommunistische Kuomintang das sogenannte Goldene Dreieck, die Grenzregion zwischen Myanmar, Laos und Thailand, zum Zentrum der globalen Heroinproduktion machten, verkauften in den 80er Jahren Contras, eine antikommunistische Gruppierung in Nicaragua, während ihres schmutzigen Krieges gegen die sandinistische Regierung tonnenweise Kokain in den USA.

„Kartelle gibt es nicht“

Und so fließen Gelder nicht nur in die Waffenschmieden des globalen Nordens, die praktischerweise alle Beteiligten ausrüsten: In undurchsichtigen Finanzströmen verschränken sich Geheimdienste, Drogengelder und Hochfinanzen, wovon beispielsweise die Panama Papers zeugen. Eine transnationale Geldwaschmaschine für Profite aus vielfältigsten Schattenwirtschaften, nicht nur im Drogenhandel. Die enge Verzahnung der Akteure zeigt auch das Beispiel des mexikanischen Kartells Jalisco Nueva Generación, das illegale und semi-legale Quecksilberminen kontrolliert und dieses für den illegalen Goldabbau unter anderem nach Peru schmuggelt. Der Literaturwissenschaftler und Journalist Oswaldo Zavala stellte dazu die These auf, dass Kartelle nicht existieren. Was existiere, sei eine staatlich geschaffene Struktur, die die Bildung bewaffneter Gruppen und ökonomischer Ausbeutungsprozesse duldet. Narco-Femizide und die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind ebenso integraler
Bestandteil dieser zutiefst patriarchalen Struktur (siehe LN 618).

Und während die USA die größte Anzahl an Gefangenen weltweit hat, sind die Gefängnisse Lateinamerikas und der Karibik die Vollsten mit einer durchschnittlichen Belegungsrate von 160%. Die Region hat auch die höchste Rate inhaftierter Frauen. Im Kampf gegen die Drogen werden Frauen härter und im Verhältnis öfter bestraft, allem voran, wenn sie arm sind. Wer also über Ausbeutungsverhältnisse nicht reden will, sollte zu organisierter Kriminalität schweigen. Ob nun – laut UN Sonderberichterstatter – völkerrechtswidrige Tötungen im Pazifik, Noboa, der US-amerikanische Waffen und Söldner kauft, oder militarisierte Polizeirazzien in brasilianischen Favelas, die in einem Massakerenden – all das hat nichts mit Sicherheit zu tun. Wenn Menschen ohne rechtliche Grundlage und gegen Bezahlung in Bukeles Vorzeigeknast abgeschoben werden, dann ist das Menschenhandel.

Und wenn Frauen in Ciudad Juárez verschwinden? Das interessiert einen Trump, der auf Epsteins Insel verkehrt, nicht im Geringsten. Die Logik der zunehmenden Militarisierung, freundlich unterstützt von Big-Tech-Unternehmen, ist ein gutes Geschäft und Vehikel einer autoritären Wende. „Narcoterrorismus“ ist also vor allem nützlich und profitabel. Die tiefverankerten Kreisläufe aus Gewalt und Korruption sind real und komplex. Und wir sollten diese Komplexität nicht leugnen. Inzwischen hat die Logik des Krieges offensichtlich nur zur Zunahme an Tod, Inhaftierungen und einem wachsenden Fluss an Drogen geführt. Sie reduziert alle Komplexität in „Freund und Feind“. Und wer sind die Feinde gemessen an den Toten und Inhaftierten? Im Großen und Ganzen stets die Schwächsten und die Ränder der Gesellschaft. Und während alle paar Jahre ein „Drogenbaron“ medienwirksam aus seinem Unterschlupf gezogen wird, warte ich noch auf die spektakuläre Verhaftung eines weißen Anzugträgers auf der Wall Street.

Oder darauf, dass Politiker*innen bei einer Drogenrazzia mit nacktem Oberkörper vom Gelände des Bundestags abgeführt werden. Der Krieg gegen die Drogen ist ein Klassenkampf von oben. Er ist Ausdruck rassistischer sowie imperialistischer Politiken und tiefgreifender kolonialer Strukturen. Von Peru über Kolumbien nach Mexiko bis in die Bronx, ob in den Favelas in Rio, oder großen Umschlagplätzen wie Marseille oder Napoli, Widerstand ist immer Selbstbehauptung. Die Selbstbehauptung gegenüber Politiken, die anhand rassifizierter, vergeschlechtlicher, klassistischer Linien kriminalisieren und in letzter Instanz zwischen dem Recht auf Leben und Tod unterscheiden. Und deswegen frage ich erneut: wer sind nun die Terrorist*innen?


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

„WIR MUSSTEN HIER IMMER KÄMPFEN“

Die weiten Ebenen der ostkolumbianischen Region Meta Begehrt für den Drogenanbau und inzwischen von der Erdölindustrie (Foto: Darius Ossami)

Eliceo Enciso Quevedo lebt in der Gemeinde Los Kioscos im ostkolumbianischen Department Meta, mitten in den weiten Ebenen der Llanos Orientales, die fast nur aus Feuchtsavannen und flachem Weideland bestehen. Meta gilt als gefährliche Gegend. Seit den 1980er Jahren hatten hier mal die FARC-Guerilla, mal verschiedene paramilitärische Verbände das Sagen. Der kolumbianische Staat trieb lediglich Steuern ein und schickte ab und zu die Armee, um den Anschein staatlicher Souveränität zu wahren. Inzwischen sind die Ebenen Ölfördergebiet.

Eliceo Enciso kommt im weißen Pick-up zum Busbahnhof in der Hauptstadt des Bezirks Villavicencio, er trägt ein kariertes Hemd, einen breitkrempigen Hut und einen stattlichen Bauch. Der Toyota und die beiden wortkargen, untersetzten Männer, die darin sitzen, sind vom Staat. Die Männer stellen sich als Washington und El Costeño* vor und haben jeder eine Knarre am Hosenbund. Sie sind seine Personenschützer.

Nach acht Stunden Autofahrt erreicht der Pick-up seine finca. Es ist schwülwarm, die Trockenzeit geht gerade zu Ende. Hühner und Ziegen laufen herum. Das Gebäude ist neu und schlicht, Paramilitärs hatten es vor Jahren in die Luft gesprengt. In der Umgebung gibt es keine Zäune, keine Dörfer oder Strommasten und kaum Bäume ‒ nur spärlich grüne Hügel.

Der 48-jährige „Don Eliceo“, wie er auch respektvoll genannt wird, sieht älter aus, als er ist. Aber nicht nur das harte Landleben hat seine Spuren hinterlassen, sondern auch die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit den bewaffneten Gruppen, dem Staat und der kolumbianischen Justiz. Er hat bereits vier Vertreibungen, mehrere Morddrohungen, Attentatsversuche, niedergebrannte Häuser und Granatenbeschuss hinter sich. Trotzdem ist er immer noch hier. Sein Vater kam 1965 in die Region und kaufte die finca Veladero, wo Eliceo 1971 geboren wurde. Damals war die Gegend nur zu Pferd erreichbar, erst 1977 wurde die erste befestigte Piste gebaut. In der Gemeinde Los Kioscos leben heute etwas über 200 Menschen auf 200.000 Hektar. Der Familie Enciso gehören 18.000 Hektar. Der Vater und seine Nachbarn nutzten die endlosen Weideflächen für die Rinderzucht, Don Eliceos Eltern betrieben zudem ein Restaurant und einen Laden.

Kämpferisch Don Eliceo Enciso Quevedo neben den Resten seiner Farm (Foto: Darius Ossami)

1980 tauchte die 39. Front der marxistischen FARC-Guerilla in der Gegend auf. „Die Guerilla war damals hilfsbereit und respektvoll“, erinnert sich Eliceo. „Sie hat für Recht und Ordnung in dieser Gegend gesorgt, die der Staat aufgegeben hatte.“ Doch ab etwa 1985 begann sie mit dem Drogenhandel und aus der Guerilla sei eine Verbrecherbande geworden, so Don Eliceo. Ab Mitte der 1970er Jahre wurden in Meta und dem südlich gelegenen Department Guaviare Marihuana, später auch Koka angebaut. Drogenkartelle aus anderen Landesteilen begannen, große Landflächen zu erwerben. Aus ihren privaten Sicherheitsstrukturen gingen ab etwa 1990 die Paramilitärs hervor. Los Kioscos wurde Teil eines strategischen Korridors vom Amazonas-Tiefland bis nach Venezuela. Paramilitärs kauften die Kokablätter von der Guerilla, kristallisierten sie vor Ort in Drogenlaboren und brachten die Kokapaste über mehrere Stationen zu den Kartellen in den Norden. Abwechselnd wurde das Gebiet von der Guerilla oder den Paramilitärs beherrscht.

1993 kam die kolumbianische Armee und nutzte ungefragt das Restaurant und den Laden der Familie Enciso als Militärbasis. Als sie vier Jahre später wieder abzog, kehrte die Guerilla zurück. Sie zündete die nun leerstehenden Gebäude an, konfiszierte 1998 sämtliches Vieh und verlangte ein Schutzgeld von fünf Millionen Pesos – Geld, das die Familie nicht hatte. „Ökonomisch und moralisch am Boden zerstört“, wie Don Eliceo sagt, mussten sie das Land verlassen.

Jahrzehntelange Auseinandersetzungen mit bewaffneten Gruppen und dem Staat haben Spuren hinterlassen

Er erwarb eine andere finca. Sein neuer Nachbar damals wurde verdächtigt, der Guerilla geholfen zu haben: „Die Paramilitärs wollten ihn umbringen. Aber sie waren schlecht informiert und kamen zu mir. Sie haben mir das ganze Haus abgebrannt!“ Eliceo, der bei dem „Besuch“ nicht da war, fuhr anschließend in die nächstgelegene Stadt, wo die Paramilitärs damals ein Büro hatten, und forderte eine Entschädigung. Doch stattdessen verprügelten sie ihn und drohten, ihn und seine Familie umzubringen. Don Eliceo musste die Reste seiner finca verkaufen und zog an die Küste.

Perfide Mittel Für den Drogenanbau wurden Lebensgrundlagen zerstört (Foto: Fundaciòn Enciso)

Erst Ende 2006 kehrte er nach Veladero zurück. Diesmal wurde er von der Guerilla in Ruhe gelassen, denn er kannte den Anführer. Doch bald darauf kehrten die Paramilitärs zurück, sie hießen nun antisubversive Revolutionsarmee Kolumbiens (ERPAC). Die ERPAC bestand aus rund 1000 Kämpfern, die sich bei der offiziellen Auflösung der Paramilitärs 2006 nicht demobilisieren ließ und die Llanos Orientales kontrollierte. Offiziell kämpfte die Truppe gegen die Guerilla und hatte gute Verbindungen zur Armee, andererseits arbeitete sie im Drogenhandel mit den FARC zusammen. Neben dem Drogenhändler „Loco“ Barrera war Cuchillo der Kommandant des ERPAC. Eliceo kannte ihn: „Sein Vater hat mit meinem Vater zusammengearbeitet, sie waren Viehzüchter. Die Söhne waren beim Militär und haben danach die Paramilitärs organisiert.”

Drogenkartelle aus anderen Landesteilen begannen große Landflächen zu erwerben

2008 rief die ERPAC die Landwirte aus der Gegend zusammen, um sie dazu zu bringen, Koka anzupflanzen. Einigen Bauern gefiel die Idee, aber Eliceo, dessen Wort Gewicht hatte, sagte vor allen Leuten: „Ich werde kein Koka anpflanzen, da kann man nur verlieren. Ich mache da nicht mit.“ Kurz darauf, am 15. Dezember 2008, wurde Eliceo zum dritten Mal vertrieben. Man zitierte ihn zu einem Treffen von angeblichen Farmern. Dort angekommen war er jedoch der Einzige aus der Gegend; die bewaffneten Männer, die sich als neue Besitzer der fincas in der Nachbarschaft vorstellten, kamen aus dem Norden Kolumbiens – Strohmänner von „Loco“ Barrera, glaubt Eliceo. Der Anführer einer paramilitärischen Einheit, der mit dem Vorgehen seines Chefs nicht einverstanden war, überbrachte ihm telefonisch eine schlechte Nachricht: „Cuchillo hat den Befehl gegeben, dich umzubringen. Sieh zu, dass du wegkommst, morgen früh werden sie bei dir sein”. Don Eliceo und seine Familie rafften ihre Sachen zusammen und flüchteten Hals über Kopf. Der Überbinger der Nachricht wurde später erschossen.

Millionen Menschen wurden in Kolumbien Opfer von Vertreibung

Anfang 2009 zeigte Eliceo die militärischen Schulungszentren und Drogenlabore der ERPAC bei der Staatsanwaltschaft an. Tatsächlich führten daraufhin Armee, Antidrogenpolizei und der Inlandsgeheimdienst DAS zwei Razzien durch, an denen Eliceo selbst teilnahm. Am Abend der zweiten Razzia bekam Don Eliceo einen Anruf: „Der Anrufer sagte: ‚Hören Sie, Enciso: Man hat sieben Milliarden Pesos (1,6 Mio. Euro) bezahlt, damit die Operation abgebrochen wird und Sie sollen als Kanonenfutter dort gelassen werden. Es gibt einen Bus, steigen Sie da ein und hauen Sie von dort ab!’“ Das Geld soll an einen damals sehr hohen Befehlshaber gegangen sein, dessen Namen Eliceo nicht veröffentlicht sehen will. Die Aktion wurde abgebrochen, Cuchillo blieb unbehelligt. Kurz darauf entging Don Eliceo knapp einem Mordkomplott, in das ein bestechlicher Staatsanwalt verwickelt war. Er musste wieder fliehen und versteckte sich in Bogotá. „Das war der Moment, in dem ich am meisten Angst hatte“, sagt Eliceo und ringt nach Fassung. „Die Paramilitärs hatten es so sehr auf mich abgesehen, weil ich praktisch derjenige war, der den Widerstand anführte. Und sobald die Anführer aus der Gegend vertrieben sind, taucht merkwürdigerweise ein multinationaler Konzern auf.” Die Ölfirma Pacific Rubiales begann Anfang 2009 mit den Probebohrungen, auch auf dem Gebiet der Encisos.

Depot von Paramilitärs entdeckt Auf Hinweis von Don Eliceo (Foto: Fundaciòn Enciso)

Millionen Menschen wurden in Kolumbien Opfer von Vertreibungen. Mit dem 2011 verabschiedeten Gesetz 1448 soll ihnen ihr Land zurückgegeben werden. Eliceo machte 2012 als einer der Ersten davon Gebrauch, doch auch das erwies sich als harter Kampf. Ausgerechnet ein Strohmann von „Loco“ Barrera, trat mit gefälschten Papieren als Eigentümer seiner Finca auf. Der Richter ermittelte gegen Eliceo wegen „Verabredung zu einer schweren Straftat“. In dieser Zeit starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Erst nach fünf Jahren und einem zermürbenden Rechtsstreit, bekam Eliceo seine Farm zurück. Er zeigt auf die Reste seines alten Hauses, aus dem er Ende 2008 flüchten musste. „Als ich zurückkam, war es völlig zerstört.“
Eliceo lebt heute wieder auf seiner Farm ‒ allerdings ohne seine Frau und seine Kinder, welche aus Sicherheitsgründen woanders leben. Seine Schwestern und Cousins konnten auch zurückkehren. Cuchillo soll angeblich auf der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen sein. „Loco“ Barrera sitzt mittlerweile in Haft, aber seine Strohmänner leben immer noch auf mehreren der Nachbarhöfen, und immer noch sichern Bewaffnete den Drogenkorridor. Die 39. Front der FARC wollte sich im Rahmen des Friedensvertrags mit der Regierung 2016 nicht entwaffnen lassen und gehört nun zu den Dissidenten. Don Eliceo erhielt wieder eine Todesdrohung und flüchtete mit Frau und Kindern kurzzeitig in die Stadt. Kurz darauf landeten zwei Granaten auf seinem Gelände.

Der aufreibende Kampf hat auch bei dem stets kämpferischen Eliceo Spuren hinterlassen. Müde sagt er: „Wenn ich gehe, werden meine Schwestern auch nicht kämpfen. Sie haben Angst. Und auch die anderen Landwirte würden aufgeben; auch deshalb habe ich diesen Typen unser Land nicht überlassen. Zumindest diese Gegend hier haben wir sauber gekriegt. Die illegalen Gruppen haben sich zurückgezogen, wir sind die Drogenlabore losgeworden. Das Ziel ist jetzt: nicht zu verlieren, was wir erreicht haben.“ Eliceo versucht juristisch die Enteignung der Strohmänner zu bewirken. Doch Im Department Meta, sagt er, arbeiten Staatsanwaltschaft, Armee und Polizei oft gemeinsam mit den örtlichen Paramilitärs zusammen.

Aber Don Eliceo ist nun nicht mehr der „kleine“ Bauer von früher. Er ist jetzt ein landesweit vernetzter Menschenrechtsaktivist und hat einflussreiche Kontakte nach Bogotá. „Deswegen“, sagt er, „haben sie ein bisschen Respekt vor uns und deshalb sind wir noch am Leben.“ Aber jetzt, wo die bewaffneten Gruppen abgezogen sind, muss Eliceo sich gegen die Regierung behaupten, welche hohe Steuern verlangt, aber keine Kredite gewährt – und gegen die Ölfirma, die jetzt Frontera Energy heißt und legal auf Don Eliceos Land vorgedrungen ist. Weil der damalige Präsidenten Álvaro Uribe 2009 ein Gesetz verabschieden lies, das die Öl- und Bergbauindustrie zum öffentlichem Interesse erhob, sind Landbesitzer verpflichtet, Rohstoffabbau und Infrastrukturmaßnahmen gegen eine Entschädigung zuzulassen. Zum Schutz der Anlagen ist sogar das Militär auf dem Gebiet der Firma stationiert.

Im Januar 2020 hat Eliceo den Fund eines paramilitärischen Depots angezeigt. Einen Monat später brannte das Gelände einer seiner fincas ab. Trotzdem wurde am 6. März nach vier Jahren überraschend sein Personenschutz widerrufen, seine Leibwächter Washington und El Costeño abgezogen. Mitte März durchsuchten Polizei und Militär seine Finca, im Auftrag der Ölfirma, wie er sagt. Die Encisos sollen 80 Prozent ihrer Ländereien an Frontera Energy abtreten. Mit juristischen Mitteln und seinem Netzwerk will er sich weiter wehren – und mit einem Dokumentarfilmprojekt. „Es ist schwierig, aber nicht unmöglich“, gibt er sich zum Abschied kämpferisch: „Wir nehmen den Kampf auf!“

*Namen geändert


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren