Eine COP und viele Perspektiven

Entwaldung in Brasilien Brasiliens Glaubwürdigkeit beweist sich daurch, Abholzung zu reduzieren (Foto: Bruno Kelly/Amazonia Real (CC BY-NC-SA 2.0))

Als Luiz Inácio Lula da Silva 2022 die Präsidentschaftswahl gewann, kehrte Brasilien nach den Bolsonaro-Jahren wieder auf die Bühne der internationalen Politik zurück – und die Ausrichtung der COP30 war und ist dabei ein zentrales Instrument. Lula und die brasilianische Regierung wollten ihrem Bekenntnis zum Multilateralismus (Internationale Zusammenarbeit zwischen mehreren Staaten, Anm. d. Red.) ein global sichtbares Zeichen geben. Aber es ging auch darum, Brasiliens negatives Image zu revidieren: Immer wieder sorgte der brennende Amazonaswald für dramatische Bilder und Schlagzeilen. Und für Brasilien und Amazonien ist der Bezug zur Klimapolitik fundamental: Nach wie vor ist Entwaldung der wichtigste Faktor der CO2-Emissionen des Landes. Brasilianische Klimapolitik kann ohne die Reduzierung von Entwaldung kein Erfolg sein.


Die öffentlichen Äußerungen Lulas zeigen, dass zumindest für ihn Amazonien als Ort der COP den entscheidenden Unterschied macht. Er will damit auch der für viele Brasilianer*innen irritierenden Fixierung der internationalen Öffentlichkeit auf den Wald entgegentreten: „Es ist eine Sache, über Amazonien in Ägypten zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Berlin zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Paris zu diskutieren. Das ist jetzt anders. Jetzt werden wir über die Bedeutung des Amazonas innerhalb Amazoniens diskutieren. Wir werden über die Indigene Frage diskutieren, über die Indigene Bevölkerung. Wenn wir über Umweltfragen sprechen, müssen wir auch über die Menschen sprechen, die in diesen Regionen leben und ein Leben in Würde führen sollen. Denn wenn wir über Naturschutz sprechen, müssen wir auch die 50 Millionen Menschen schützen, die im Amazonas­gebiet Südamerikas leben. All das müssen wir schützen, denn nur so können wir die Umwelt schützen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Schutz der Umwelt damit beginnt, dass wir uns um die armen Menschen kümmern, die in diesen Regionen leben.“ Belém soll also ein Ort sein, der Umwelt- und Klimapolitik mit dem Kampf gegen Armut verbindet – und dabei auch die vorbildliche Bilanz der Regierung zeigt. Und tatsächlich hat die Regierung Lula nach fast drei Jahren Amtszeit einiges vorzuweisen: die Entwaldung im Amazonasgebiet ist deutlich zurückgegangen, ebenso wie extreme Armut und Mangelernährung. Die Einrichtung eines Ministeriums für Indigene Fragen und die Ernennung der Indigenen Aktivistin Sonia Guajajara zur Ministerin hat einen klaren Schwenk in der Politik für die Indigenen Völker signalisiert. Aber bald tauchten auch Probleme auf, die dem Image der Regierung Schaden zufügen können.

Nicht alles läuft gut

Bald beherrschten negative Schlagzeilen die internationale Presse und säten Zweifel, ob Belém tatsächlich ein geeigneter Austragungsort sei. Die Kritik an der prekären Infrastruktur in Belém (Straßen voller Löcher, offene Abwasserkanäle, Abfall auf den Straßen…) ließ sich noch relativ leicht als Arroganz westlicher Länder abwehren oder sogar als positives Merkmal umdeuten: willkommen in der realen Welt des Globalen Südens. Aber eine COP ist keine soziale Erkundung, sondern eine komplexe Konferenz, an der fast alle Staaten der Welt teilnehmen. Die Delegationen waren bald mit fehlenden Hotelbetten und horrenden Preisen konfrontiert. Die Krise der Unterkünfte dominierte daher bald nicht nur die Berichterstattung über die COP, sondern führte auch zu einem Aufschrei auf der Vorbereitungskonferenz in Bonn im Juni dieses Jahres. Und es waren nicht primär die Staaten des Globalen Nordens, sondern Länder aus Afrika oder Inselstaaten des Pazifiks, die erklärten, dass die exorbitanten Preise ihre Teilnahme unmöglich zu machen drohten und sogar eine Verlegung der COP ins Spiel brachten. Die wird es nun nicht mehr geben, aber auch bis Mitte Oktober war die Frage der Unterbringung trotz aller Beschwichtigungsversuche der brasilianischen Regierung und der Anmietung von Kreuzfahrt­chiffen nicht wirklich gelöst. Die Kritik gerade der ärmeren Staaten droht zu einem erheblichen Imageschaden für die brasilianische Regierung zu werden.

Bald kamen aber auch Zweifel an der Idee einer Wald- und Amazonien-COP auf. Wie steht es denn eigentlich um die Verhandlungsagenda? Da steht die Reduzierung von Entwaldung nicht auf der Tagesordnung. Wenn die COP nicht zu einem symbolischen Spektakel verkommen soll, dann darf sie die zentrale Frage der globalen Klimapolitik nicht ignorieren: das unvermeidliche Ende des fossilen Zeitalters. Diese Debatte kommt der brasilianischen Regierung höchst ungelegen. Denn im vergangenen Jahr wurde Erdöl zum wichtigsten Exportprodukt Brasiliens. Und ausgerechnet im Bereich der Amazonasmündung sollen neue Ölfelder erschlossen werden. Treiberin ist die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras, deren Präsiden­tin sich als brasilianische „Drill, baby, Drill“-Verkünderin profilierte. Präsident Lula unterstützte dies ausdrücklich und kritisierte die brasilianische Umweltbehörde für ihre zögerliche Bewilligung der erforderlichen Genehmigungen.

Aber damit nicht genug: Ein Gesetz, das die Regulierungen für Umweltgenehmigungen in Brasilien dramatisch aufweicht, ist vom Parlament mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Die brasilianische Umweltministerin Marina Silva hat das Gesetz als den „Sargnagel für Umweltlizensierung“ bezeichnet, die Nichtregierungsorganisation Observatório do Clima („Klimabeobach­tungsstelle“) erachtet den Entwurf als den „entscheidensten Rückschritt in der brasilianischen Umweltpolitik in den letzten Jahrzehnten“. Aber anders als bei der Frage der Erdölförderung, handelt es sich hier um eine Politik gegen die Regierung. Die Lula-Regierung verfügt über keine stabile Mehrheit im Parlament und in Brasilien hat der Wahlkampf begonnen. In der nationalen politischen Agenda spielt die COP kaum eine Rolle. Es geht um den Gerichtsprozess gegen Bolsonaro und eine Amnestie für die Straftaten im Kontext der Parlamentsstürmung am 8. Januar 2023. Kurzfristig zumindest profitiert Lula in den Umfragen von den Sanktionen der US-Regierung. Er kann sich nun als Vorkämpfer der nationalen Souveränität Brasiliens profilieren. Die Agenda der COP tritt dabei in den Hintergrund.

Im Oktober 2026 wird in Brasilien gewählt, der Wahlkampf hat mit aller Heftigkeit bereits begonnen und damit verringert sich die Macht der Regierung und ihre Fähigkeit, im Kongress Kompromisse zu verhandeln. In verschiedenen Fragen hat die Regierung in den letzten Wochen Abstimmungen klar verloren. Von dem mehrheitlich als rechts zu verortenden Kongress ist keine Rücksicht auf die COP30 oder auf Klimapolitik zu erwarten – im Gegenteil. Dies ist auch ein Vorgeschmack davon, was droht, wenn die rechte bis rechtsradikale Opposition die nächsten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2026 gewinnen sollte. Und eines ist jetzt schon klar: Diese politische Lage wird die Umwelt- und Klimapolitik in Brasilien stärker beeinflussen als die COP30. Für das internationale Ansehen von Präsident Lula ist die COP wichtig – für den Ausgang der Wahl eher nicht.

Verhandlungsprozess ohne Agenda?

Während die internationale Presse breit über die Krise der Unterkünfte oder auch über einige problematische Baumaßnahmen der COP berichtet, bleibt der eigentliche Verhandlungsprozess im Hintergrund. Das liegt nicht nur daran, dass dies zu einer Frage von Spezialist*innen geworden ist, sondern hängt auch damit zusammen, dass keine wichtigen Entscheidungen zu fällen sind.
Die renommierte brasilianische Umweltjounalistin Daniela Chiaretti diagnostiziert, die Agenda der COP30 sei „wenig sexy“; es fehle das große Thema. Hinzu kommt eine gewisse Ermüdung im Konferenzmarathon. Die COP von Baku sollte eine COP der Finanzierung sein, nur erzeugt der Beschluss von Baku großen Frust im Globalen Süden.


Die brasilianische Präsidentschaft will auf keinen Fall das Ergebnis von Baku wieder zur Debatte stellen, sondern soll einen Fahrplan vorlegen, wie die als zu unzureichend beklagte Summe von 300 Milliarden US-Dollar überhaupt bis 2035 aufgebracht werden sollen. Angesichts anderer Prioritäten (Rüstung!) und einer kriselnden Wirtschaft in Europa ist hier der Frust vorprogrammiert.
Aber Paris hat auch den Schwerpunkt der globalen Klimapolitik verändert: Sie basiert nun nicht auf den globalen Vereinbarungen, sondern auf den nationalen Klimazielen, den NDCs, die von den Ländern selbst festgelegt werden und nicht Teil der Verhandlungen sind. Die brasilianische Präsidentschaft hat nun die COP30 zu einer Konferenz der „Implementierung und der Aktion“ erklärt. Aber ob das gelingt, muss abgewartet werden.


Wahrscheinlich ist, dass Vorschläge, die gar nicht zur Klimakonvention gehören, der eigentlichen COP-Agenda die Show stehlen werden. Das ist insbesondere der Vorschlag für einen neuen globalen Waldfonds, den TFFF. Und auch der Gouverneur des Bundesstaates Pará, Helder Barbalho, wird die COP nutzen, um seinen Bemühungen, den CO2-Markt für waldbasierte Kredite zu beleben, Aufmerksamkeit und Unterstützung zu verschaffen. Das Thema ist auch in Brasilien hoch umstritten und wird einer der Schwerpunkte der Proteste bei der COP sein.


Aber eines steht fest: Die COP30 mobilisiert die Zivilgesellschaft insbesondere in Brasilien und Lateinamerika. Brasilien ist ein demokratisches Land und nach den COPs der Diktaturen, wird es endlich wieder Demonstrationen, Proteste, Debatten und ein Parallelforum (Cúpula dos Povos) geben. Die COP in Belém ist auch eine Chance, den Akteur*innen Sichtbarkeit zu geben, die im offiziellen Prozess marginalisiert sind. Und daher ist der Ort der COP30 tatsächlich wichtig: Für Bruna Balbi von der Menschenrechtsorganisation Terra de Direitos („Land der Rechte“) ist die Kritik an Belém auch Ausdruck eines Vorurteils „gegen Amazonien als legitimer Ort der politischen Organisation“. Dies zeigt, dass die Zentren der Macht von der Autonomie Amazoniens beunruhigt sind. „Die Frage ist nicht nur, wo das Event stattfindet, sondern wer das Recht hat, zu sprechen, zu entscheiden und zu existieren.“ Viel Kritik wird auch als eine Arroganz des Zentrums gegenüber einer marginalisierten Region, die ihre Rebellion zeigen will, wahrgenommen.


Belém wird ein Ort dieses Disputes sein. Dazu mobilisieren die sozialen Bewegungen Brasiliens. Es gibt keine Kampagne gegen die Austragung der COP in Belém, bei aller Kritik an einzelnen Baumaßnahmen. Die Perspektive der COP30 als Ort demokratischer Debatten, massiver Proteste, von Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung, aber auch der Lebenszeichen des arg gebeutelten Multilateralismus, sollte wohlfeile Kritik an Hotelpreisen in Grenzen halten und etwas Hoffnung zulassen.


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Milliardenfonds zum Schutz tropischer Wälder

Illegale Entwaldung Im Indigenen Gebiet Tenharim do Igarapé Preto registriert Ibama Zerstörung (Foto: Ibama (CC BY-SA 2.0))

TFFF heißt das neue Kürzel (im NGO-Sprech „T-Triple-F“). Es steht für „Tropical Forest Forever Facility“. Im Kern sollen teilnehmende Staaten mit Tropenwaldbestand (TFC) von einem Fonds (der „Fazilität“) jährlich Geld dafür bekommen, dass sie ihre Wälder weitgehend erhalten. Wird dennoch abgeholzt, sinken die Zuwendungen empfindlich. Unter dem Strich sollen so drei Mal mehr nicht rückzahlbare Finanzmittel für den Waldschutz bereitstehen als bislang.
Umstritten: Der Auszahlungsfonds finanziert sich aus Finanzerträgen am Kapitalmarkt. Um diese zu erwirtschaften, sollen finanzstarke Länder oder Privatpersonen zunächst einen Kapitalgrundstock einbringen; angestrebt sind 25 Milliarden US-Dollar zu keinen oder wenig Zinsen. Mit diesem „Sponsorenkapital“ genannten Grundstock will TFFF Anleihen auf den internationalen Kapitalmärkten ausgeben, und zwar in vierfacher Höhe. Auf diese Weise möchte TFFF insgesamt bis zu 125 Milliarden USD mobilisieren.

Dieses eingesammelte schuldbasierte Vermögen bildet den „Tropenwald-Investitionsfonds“ (TFIF). Dieser investiert wiederum in ein Portfolio festverzinslicher Wertpapiere und soll damit Gewinne in einer Höhe erwirtschaften, die über den Zinslasten des TFIF liegen. Die Nettoerträge schließlich füllen den Topf für die Auszahlungen an die Tropenwaldländer, so die Idee. Nach einer Rechnung auf Basis jüngerer Marktdaten im letzten (dritten) TFFF-Konzeptentwurf vom August dieses Jahres wären 3,4 Milliarden USD Nettoertrag zu erzielen. Die Summe würde Zahlungen von vier USD je Hektar Waldbestand ermöglichen. Bringt der TFIF weniger Ertrag, sinkt auch der Erlösanteil je Hektar.
Ein starker Hebel könnte der Sanktionsmechanismus sein: Entspricht der Waldverlust eines Landes innerhalb der letzten drei Jahre einer durchschnittlichen Rate von 0,3 Prozent pro Jahr oder weniger, so verliert es für jeden Hektar Bewaldungsrückgang 100 Anteile an den Erlösen. Dieser Abschlag wirkt bei vier USD je Hektar Erlösanteil wie eine Entwaldungsstrafe von 400 USD pro Hektar vernichtetem Tropenwald. Bei einer Entwaldungsrate zwischen 0,3 und 0,5 Prozent verdoppelt sich diese Strafe anteilig auf 800 USD je Hektar. Eine Entwaldungsrate über 0,5 Prozent führt zum Ausschluss vom Mechanismus. Vergleichbare Regeln gibt es für degradierte Wälder.

Verfügt also ein teilnehmendes Land beispielsweise über 200 Millionen Hektar tropischen Regenwald, den es im Schnitt der letzten drei Jahre erfolgreich geschützt hat, könnte es mit jährlich 800 Millionen USD Zuwendungen rechnen. Hat es in diesem Zeitraum jedoch eine jährliche Entwaldung von 0,4 Prozent zu verantworten, so würden nach dem Schema nur halb so viele Mittel an den Staat fließen.
Wie definiert TFFF eigentlich Wald? Laut dem Entwurf besteht er aus Bäumen mit einer Höhe von mehr als 5 Metern, die Baumkronen haben, welche mindesten 20 bis 30 Prozent der Landoberfläche abdecken („Kronendachbedeckung“). Flächen mit Baummonokulturen oder unter Aufforstung in Gebieten, in denen historisch kein Wald stand, sollen für Zahlungen nicht berücksichtigt werden. Der Zustand der Wälder wird nach dem Konzept satellitengestützt überwacht.

Verlagerung der Abholzung ließe sich vermeiden


Mit diesem Masterplan, der von Vertreter*innen der brasilianischen Regierung, der Weltbank, Lion’s Head Global Partners und anderen erarbeitet wurde, unterscheidet sich TFFF von den meisten Vorgänger-Mechanismen, wie etwa REDD+: Die Finanzmittel werden nicht projektbezogen eingesetzt, sondern ex post erfolgsorientiert auf den Waldbestand des gesamten Landes bezogen genutzt. Die Zahlungen fließen folglich auch nicht direkt zur Durchführung spezieller Waldschutzvorhaben bzw. in deren Refinanzierung. Sie gehen vielmehr an den teilnehmenden Staat. Dieser kann dann weitgehend frei entscheiden, wofür er sie einsetzt – und damit auch, welche Instrumente er im Waldschutz nutzt. Das wirft allerdings die Frage auf, inwieweit die jeweilige Regierung das Interesse des Staates an (mit dem Waldschutz verbundenen) längerfristigen Einnahmen höher gewichten wird als Deals mit finanzstarken und oft wahlkampfrelevanten Unterstützer*innen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen. So etwa aus dem Agrobusiness oder von Öl- und Rohstoff-Konzernen.


Im Übrigen bewirken die angepeilten Strafabschläge von 400 bzw. 800 USD je Hektar vernichteten Waldes zunächst nichts gegenüber verantwortlichen (potenziellen) Waldzerstörern. Zwar verwies das erste TFFF-Konzept noch darauf, dass der geschätzte jährliche Nettogewinn eines Hektars Sojaplantage in Brasilien bei knapp 400 USD je Hektar liegt (womit die TFFF-Strafzahlungen höher wären). Doch die Strafabschläge würden solche „alternativen Nutzungen“ nicht unwirtschaftlich machen. Denn sie drohen eben nicht konkreten Eigentümern oder Nutzern besagter Flächen, sondern dem Staatshaushalt des Waldlandes. Unter TFFF, das REDD+ & Co. nicht ersetzen, sondern ergänzen soll, wäre also stets ein starkes Regierungshandeln gefragt, um solche Umwandlungen zu unterbinden.

Zuspruch mit Bedenken

Zahlreiche internationale Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßten in einer Briefing Note vom 5. Juni 2025 im Grundsatz das neue Konzept, kritisierten aber unter anderem den Schwellenwert von 20 Prozent Kronendachbedeckung als einheitlichen Standard für die Definition von Wald. Denn er erweitere zwar den Kreis der einbezogenen Staaten, könne jedoch – würde er auch in Regionen angewendet, in denen die Kronenbedeckung des Primärwaldes 80 Prozent überschreiten kann – zu erheblichem Waldverlust führen, bevor eine Zuwendungskürzung ausgelöst werde. Felix Finkbeiner von Plant for the Planet verweist jedoch einschränkend auf eine zusätzliche strafbewehrte Regelung zur Walddegradation. Allerdings sei sie bislang nur für Waldschäden durch Feuer gedacht. Zudem hänge ihre Wirkmacht von noch unklaren Umsetzungsregeln ab.

Darüber hinaus äußern die Organisationen Bedenken dagegen, dass der Auszahlungsfonds wie eine multilaterale Entwicklungsbank der Weltbank verwaltet werden soll. Dies hätte eine Dominanz der USA und Europas zur Folge.
Im Zuge von TFFF könnte der auf das Land bezogene Erfolgsansatz zumindest auf Staatenebene dem Problem entgegenwirken, dass Entwaldung bei manchen projektfinanzierten Waldschutzvorhaben nicht verhindert, sondern nur verlagert wird (leakage): Eigentümer oder Projektträger kassieren die Fördermittel, verschieben aber die Abholzung lediglich von geförderten Flächen auf nichtgeförderte. TFFF erzeugt auch keine Kohlenstoffgutschriften, wie sie die dritte Stufe von REDD+ konzipiert, wenn auch solche Carbon-Credits mit zahlreichen methodischen Problemen behaftet sind und deren Beitrag zum Klima- und Waldschutz mehr als zweifelhaft ist. Im sogenannten freiwilligen CO2-Markt, wo sie zum Einsatz kommen, werden sie zudem häufig mit Greenwashing von Unternehmen in Verbindung gebracht.
Nach dem TFFF-Entwurf werden die TFC (bis zu 74 Länder, die derzeit über eine Milliarde Hektar tropische und subtropische Feuchtwälder beherbergen) verpflichtet, mindestens 20 Prozent der Zahlungen an „lokale Gemeinschaften, Indigene Völker und Schutzgebietsverwalter“ weiterzuleiten. Ein Punkt, den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßen.

Greenpeace plädiert überdies in einem Hintergrundbeitrag vom 16. Juni 2025 für einen besonderen Status für intakte Wälder und schützenswerte Waldökosysteme. So solle ein klarer Anreiz entstehen, „diese Wälder auch wirklich zu schützen und nicht nur Entwaldungsraten auf dem Papier zu reduzieren“. Zudem seien „umweltzerstörende Bereiche wie industrielle Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Biomasseproduktion“ von der Förderung auszuschließen.

Kritik an Kapitalmarktdeckung

Einer der größten Kritikpunkte am TFFF-Konzept ist derzeit dessen Kapitalmarkt-basierte Finanzierungsstrategie: Die oben genannten 125 Milliarden USD des Tropenwald-Investitionsfonds TFIF fließen in ein Investitionsportfolio am Kapitalmarkt. Anvisiert werden zwar vorrangig „klimabezogene und nachhaltige Anlagen“ in Ländern des Globalen Südens. Klassische Staats- und Unternehmensanleihen sind jedoch ebenfalls möglich. Investitionen, die auf einer (noch zu präzisierenden) Negativliste stehen, will der TFIF allerdings ausschließen. Auf ihr stehen bislang „Aktivitäten im Zusammenhang mit Kohle, Torf, Öl und Gas“.

Finanziert werden sollen die Investitionen durch Schulden. Genauer durch die „Emission liquider“, hoch bewerteter langfristiger Anleihen zum Kauf durch institutionelle und private Anleger (‚Marktinvestoren‘)“. Doch wer wäre im Falle des Falles wirklich Schuldner? „Wen werden Investoren verklagen, wenn sie ihre Zinsen und ihr Kapital nicht zurückbekommen, den TFFF oder die Empfängerländer?“ fragt entsprechend ein kritischer TFFF-Report der Global Forest Coalition (GFC). Schließlich dürfte es unsicher sein, ob das gigantische Investitionsportfolio tatsächlich die angepeilten Erträge von über acht Prozent einfahren wird (vor allem, wenn wirklich nachhaltige Investments getätigt werden), und gleichzeitig die Kreditzinsen auf erträglichem Niveau bleiben.

Die GFC kritisiert weiter, es könnten nicht nationale Regierungen für Hektar stehenden Waldes belohnt werden (wobei sie allerdings den TFFF-Strafmechanismus bei Waldverlust nur am Rande erwähnt), ohne von den Regierungen entschlossene Maßnahmen zu verlangen, „um die irrationale Ausbreitung von Monokulturplantagen (Soja, Ölpalmen, Zuckerrohr usw.) zu begrenzen und umzukehren“. Das gelte ebenso für „die nicht nachhaltige Viehzucht, den Bergbau, die Gewinnung fossiler Brennstoffe“. Vielmehr sei ein internationaler Rechtsrahmen erforderlich, der Unternehmen und Länder sanktioniert, die für Tropenwälder zerstörerische Produkte kaufen.
Das eine muss das andere vielleicht nicht ausschließen. Tatsächlich stellt sich neben all den aufgelisteten Kritikpunkten aber die grundsätzliche Frage, inwiefern es verantwortbar ist, eine zentrale Säule des globalen Waldschutzes von Finanzmarktgeschäften abhängig zu machen.


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„SIE KOMMEN WIE FALLSCHIRMSPRINGER“

Foto: Erwin Melgar

Sie kämpfen gegen illegale Landbesetzung. Wie verläuft diese konkret?
Barba: Die Agrarreformbehörde (INRA) schickt immer wieder Leute hier in die Region, angeblich um Siedlungen zu gründen. Und die beginnen, das Land zu roden, Bäume zu fällen, Holzkohle zu machen, all das zu verkaufen, und dann sind sie wieder weg. Dem müsste INRA eigentlich Einhalt gebieten. Aber sie tun nichts. Auf einer großen Versammlung haben wir deshalb jüngst drei Forderungen beschlossen: Erstens die Annullierung der Landtitel dort, wo überhaupt keine Familien leben, zweitens die Respektierung der indigenen Territorien und drittens die gerichtliche Verfolgung der Landspekulanten.

Woher kommen diese Landspekulanten?
Barba: Es gibt Leute von hier, die denen von auswärts den Weg bereiten, aber die meisten kommen direkt. Eigentlich vertrauen wir erst einmal darauf, dass sie hier Ackerbau betreiben wollen. Wir haben aber nicht die Mittel, das zu kontrollieren. Manche aus dem Hochland kommen mit der Autorisierung der Landreformbehörde, andere besetzen das Land illegal. Die sind noch aggressiver. Und deshalb wehren wir uns.

Das Cabildo von San José hat im März aber auch eine Siedlung von Mennoniten verteidigt, in die eine Gruppe aus dem Hochland unter Schutz der Polizei und des INRA eindringen wollte. Die Mennoniten kommen ja eigentlich auch nicht aus der Chiquitania, sondern aus Paraguay, Belize oder ursprünglich Friesland oder Preußen. Warum verteidigt das indigene Cabildo von San José diese Gruppe?
Barba: Sie sind aber hier in Bolivien geboren und bolivianische Staatsbürger*innen. Und es sind Kleinbauerngemeinden, die Ackerbau und Viehzucht betreiben.

Die Quechua und Aymara, die aus dem Hochland kommen, sind auch in Bolivien geboren.
Barba: Richtig, aber sie kommen meist illegal hierher. Von heute auf morgen tauchen sie irgendwo auf.
Masaí: Wie Fallschirmspringer. Manche wollen wirklich vom Ackerbau leben. Aber andere interessiert nur der Boden und die Ausbeutung der Holzbestände. Da bleibt nichts stehen. Mit der Entwaldung trocknen dann auch die Flüsse aus. Der Suto, der früher San José mit Trinkwasser versorgt hat, ist inzwischen verschwunden. Jetzt müssen wir Brunnen bohren. Auch der See von Concepción trocknet inzwischen zeitweise aus. Und wenn das Wasser verschwindet, dann vertrocknen die Pflanzen und es kommt zu Großbränden. Mit dem Wind in der Trockenzeit kann selbst der kleinste Funke überspringen.
Barba: Manche legen das Feuer auch absichtlich.

Was könnem Sie gegen die Waldrodung tun?
Barba: Wir sind ja nicht vor Ort und bräuchten auch die Mittel, um uns fortzubewegen. Auch würden wir gerne bei Bränden mit unseren jungen Leuten direkt eingreifen. Dafür benötigt man Schutzkleidung, Verpflegung, Transport. Der frühere Bürgermeister sagte uns, dass die Gesetze es nicht erlauben, dass staatliche Gelder oder Gerätschaften an private Institutionen gegeben werden. Dabei sind wir die Ureinwohner hier! Und die MAS (Regierungspartei, Anm. d. Red.) wird uns auch nicht unterstützen, jetzt da sie wissen, dass wir gegen die Landbesetzungen sind.

Die Landvergabe erfolgt in der Regel an Anhänger der Regierungspartei. Damit wird Gefolgschaft gesichert. Ein anderes Ziel ist, mehr Präsenz in Regionen zu bekommen, wo die MAS bislang keine Wahlen gewinnen konnte.
Barba: Wir haben schon zwei dieser Landbesetzungen aufgelöst. Eine auf einem Privatgrundstück in Dolores. Wir sind dort mit ein paar jungen Leuten hin. Ich habe mich als Cacique vorgestellt, und gesagt, dass ich im Rahmen der Gesetze handele und auf das Agrarreformgesetz hingewiesen. Und dann habe ich ihnen bis Sonntag Zeit gegeben, das Gelände zu räumen. Die Gesetze sind klar. Bei der Landverteilung müssen die indigenen Völker Priorität haben, dann kommt die ansässige kleinbäuerliche Bevölkerung. Und erst dann Migranten aus anderen Regionen. Wir würden niemanden diskriminieren, sage ich ihnen. So viele sind schon aus dem Hochland gekommen, aber auf legalem Weg. Die Interkulturellen (Eigenbezeichnung der Siedler aus dem Hochland, Anm. d. Red.) versuchen sogar mit Gewalt, sich das Land anzueignen. Und wenn sie argumentieren, dass sie doch alle bolivianische Brüder und Schwestern sind, dann sage ich: Ja, es ist überfällig, dass die Regierung sich endlich mit uns an einen Tisch setzt, dass wir analysieren, welches Staatsland noch verfügbar ist und wer von den hier ansässigen dieses Land benötigt. Und was dann übrig ist, das kann an die Zuwanderer verteilt werden.

Verträgt denn das Ökosystem des Trockenwaldes der Chiquitania eine weitere Abholzung?
Barba: Das muss man sich im Einzelnen anschauen. Die Naturschutzgebiete müssen davon ausgenommen sein. Nur das Staatsland, was für Landwirtschaft geeignet und übrig ist, kann vergeben werden. Hier in San José gibt es nicht mehr viel davon. Aber wir haben auch nicht nur ein Kind. Und unsere Kinder sollten auch die Chance haben, hier weiter zu leben. Sollen sie fortziehen müssen, damit Landbesetzer ihre Geschäfte machen können?
Masaí: Die Regierung will darauf keine Rücksicht nehmen. Und die Leute haben Angst, bei den Regierungsstellen zu protestieren, weil sie Repressalien fürchten. Sie sind die ständigen Auseinandersetzungen auch leid. Die Politik hat ihnen keine Antworten gegeben. Deshalb haben wir uns als Cabildo in dieser Sache organisiert und sind aktiv geworden. Da uns die Verfassung das Recht gibt und wir von keiner politischen Gruppe abhängig sind, können wir das machen. Diese „Casa del Bastón“ (der Sitz des Cabildos, Anm. d. Red.) wird sich deshalb nicht mehr nur um Tänze oder Musik kümmern, sondern um die Verteidigung unserer Territorien. Der indigene Kleinbauernverband Turubó hat sich dafür mit uns verbündet.

Gibt es in der Gemeinde San José de Chiquitos indigene Territorien und sind sie von der Agrarreformbehörde als solche anerkannt?
Masaí: Offizielle Titel haben wir noch nicht. Aber die Verfassung sichert uns die Kontrolle unserer Territorien zu. Deshalb kann nicht jeder einfach hier hin kommen.

Wurde die Titulierung denn beantragt?
Barba: Wir haben die gesamte Dokumentation eingereicht und nie eine Antwort bekommen. Auf die jüngste Resolution der großen Versammlung gab es auch keine Antwort. Wir werden die Unterlagen erneut schicken. Das Einzige, was wir bekommen, sind Konflikte. Einer der unseren ist dabei sogar umgekommen. Aber am Ende haben wir sie stoppen können.

Gibt es auch Verbündete in der Politik?
Barba: Eigentlich müssten alle staatlichen Amtsträger unsere Verbündeten sein. Sie sind auch alle mal aufgetaucht, aber der Bürgermeister und der Subgouverneur haben sich dann nicht mehr blicken lassen. Geblieben sind drei Institutionen: Das Cabildo, der Kleinbauernverband Turubó und das Comité Cívico. Eine, die uns unterstützt, ist die nationale Abgeordnete der Chiquitanía Maria René Alvarez. Aber der Gouverneur (von der gleichen rechtsgerichteten Regionalpartei CREEMOS, Anm. d. Übers.) hat sich bis heute nicht zu unseren Forderungen geäußert.

Die von der OICH (Indigene Organisation der Chiquitanía) gewählte Abgeordnete im Regionalparlament hat keinen Kontakt zum Cabildo von San José?
Barba: Wir sind keine politische Organisation. Wir richten uns nach unseren Sitten und Bräuchen und haben auch nichts mit den unterschiedlichen Aufspaltungen des Dachverbandes der Indigena-Organisationen des Tieflands zu tun. In dem Augenblick, in dem wir uns einer der genannten Organisationen anschließen würden, gäbe es Probleme, Parteienstreit. Dass wir nicht der CIBOB angeschlossen sind, war auch der Grund, warum der Direktor der Agrarreformbehörde uns erst nicht anhören wollte. Das war schon ziemlich unverschämt. Wir brauchen keine politische Anbindung, sagte ich ihm, wir sind durch die Verfassung anerkannt. „Aber ihr seid ja nicht einmal als Organisation registriert“, meinte er. Aber dann hat er es selbst eingesehen.

Als das Cabildo seine große Versammlung der Chiquitano-Gemeinden von San José zur Landfrage organisiert hat, kamen auch Delegationen aus Guarayos und San Ignacio.
Barba: Auch aus Roboré, San Miguel, San Rafaél, alle in der Chiquitanía sind von den Landbesetzungen betroffen. Wir wollen uns deshalb gegenseitig helfen. Wir haben schon eine ganze Reihe von Anzeigen gegen illegale Landbesetzer beim INRA unterstützt, von denen drei Fälle inzwischen gelöst werden konnten. Allerdings gibt es noch vier Dörfer, die sich im Rechtsstreit mit Landbesetzern befinden.


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MORALES’ DOPPELMORAL

Illustration: Joan Farías Luan

Eine Fläche etwa so groß wie Schleswig-Holstein ist den Flammen bereits zum Opfer gefallen. Besonders hart trifft es die Savannenregion Chiquitanía im östlichen Departament Santa Cruz. Das wichtige Ökosystem verbindet die beiden größten Biome Südamerikas, den Amazonas und den Gran Chaco. Von der Koordination der indigenen Organisationen des Amazonasbeckens (COICA) wurden Morales und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro nun gleichermaßen zu unerwünschten Personen erklärt. „Die indigenen Völker machen die Regierungen der Präsidenten Jair Bolsonaro und Evo Morales verantwortlich für den physischen, ökologischen und kulturellen Genozid, der aktuell im Amazonas passiert”, heißt es in einer Erklärung.
Seit seinem Amtsantritt 2006 präsentiert sich Morales, national und international, als Verteidiger der Pachamama (Mutter Erde). „Meine Großeltern, meine Eltern und meine Gemeinschaft haben mich gelehrt, dass das Land unsere Mutter ist, es ist unser Zuhause, das respektiert und geschützt werden muss“, sagte Morales im April 2016 vor der UN-Versammlung. An solchen Worten wird er nun, da ein großer Teil Boliviens in Flammen steht, gemessen. Zu seinem Nachteil, denn seine Politik der vergangenen Jahre hat die aktuelle Katastrophe begünstigt.
Bereits 2015 erließ Morales Regierung das Gesetz 741, das die Rodung von bis zu 20 Hektar großen Grundstücken „zur Entwicklung von Land- und Viehwirtschaft im Einklang mit Mutter Erde“ erlaubt. Tatsächlich ist die Vorlage von nachhaltigen Bewirtschaftungsplänen für eine solche Genehmigung jedoch keine Praxis. Was der Ent­waldung zumindest bisher stellenweise Einhalt gebot, war eine Verordnung von 2001, aus der Zeit vor Morales Präsidentschaft. Diese verlangte zumindest für die Entwaldung in Santa Cruz, wo die Brände momentan besonders verheerend sind, Sondergenehmigungen, und stellte Brandrodung in Forst- und Schutzgebieten unter Strafe.
Im Juli dieses Jahres jedoch änderte Morales diese Verordnung mit dem Dekret 3.973. Dieses erlaubt seitdem „kontrollierte“ Brandrodungen zur Gewinnung landwirtschaftlicher Flächen auch in Santa Cruz und dem angrenzenden Amazonas-Departement Beni. Die Regierung begründete dies mit Bevölkerungswachstum und einer erhöhten internen wie externen Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Auf einer Pressekonferenz sagte Morales, Kontrollen seien wichtig, dass es sich aber um kleine Familien handele, die sonst nicht zu essen hätten. „Wovon sollen sie leben? Es geht um einen halben Hektar für Mais, um die Situation des Kleinerzeugers, um einen Hektar Reis zum Überleben. Es sind jetzt andere Zeiten, wir müssen die Normen anpassen“, so Morales.
Umweltorganisationen haben da jedoch ihre Zweifel. Für sie hängen die Brände mit der Entscheidung der Regierung zusammen, die Grenzen für die industrielle Landwirtschaft und Viehzucht zu erweitern. „Die ganze Verwüstung ist das Ergebnis einer irrationalen Wirtschaftspolitik, die auf den Ausbau von Monokulturen und die Ausweitung der Viehzucht abzielt“, heißt es in einer Stellungnahme der Nationalen Koordination für die Verteidigung Indigener und Bäuerlicher Territorien (Contiocap). Das Dekret galt vielen offenbar als grünes Licht für die chaqueos, dem Verbrennen von Wäldern, der billigsten Methode der Entwaldung. Mutmaßlich wurden die Feuer, wie auch in Brasilien, durch Brandstifter aus der Landwirtschaft ausgelöst, um Weideflächen für die exportorientierte Fleischproduktion zu schaffen.
Bisher war Bolivien nicht gerade als Exportland bekannt, aber das soll sich bald ändern. Ende August, als die Flammen in Santa Cruz am höchsten schlugen, feierte Evo Morales im selben Departmento offiziell den Export der ersten Tonnen bolivianischen Rindfleischs für den chinesischen Markt. Erst im April hatte China seinen Markt für bolivianische Fleischimporte geöffnet. Der Präsident des bolivianischen Fleischproduzentenverbands Congabol, Oscar Ciro Pereyra, sagte, das Ziel bestehe darin, bis 2030 eine Produktion von 200.000 Tonnen Fleisch zu erreichen, was einem Umsatz von 900 Millionen Dollar entspricht und Bolivien zu einem der 15 Länder mit den größten Fleischexporten machen würde.
Und auch das Ausmaß der Flächen, die durch Morales Gesetze zur Rodung freigegeben wurden, spricht eine deutliche Sprache. Der Gouverneur von Beni, Alex Ferrier, zeigte sich nach der Unterzeichnung des Dekrets 3.973 erfreut, da dadurch „bis zu neun Millionen Hektar landwirt­schaftliche Nutzfläche entstehen könnten“. Bei einem halben Hektar für Kleinproduzent*innen wäre das ausreichend für 18 Millionen solcher Kleinproduzent*innen – allein in Beni – bei einer Einwohner*innenzahl von elf Millionen in ganz Bolivien.
Mehr als 80 Umweltorganisationen werfen der Regierung nun „Ökozid“ vor und fordern die Abschaffung des Gesetzes 741 und des Dekrets 3.973. Die Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS) weigert sich jedoch, diese Regelungen aufzuheben. Stattdessen schlug Evo Morales ein großes „Rückgewinnungsprogramm“ für die zerstörten Gebiete vor, das sich auf die Phase nach den Bränden konzentrieren werde. Er verkündete zudem eine „ökologische Pause“, während der der Verkauf von verbranntem Land bis zu dessen Regeneration verboten ist, sodass aus den illegalen Brandrodungen zumindest vorerst kein Profit zu schlagen ist.
Doch noch brennt es und vielerorts ist die Lage nicht unter Kontrolle. Tausende Soldat*innen und Freiwillige kämpfen seit Wochen gegen die Feuer. Nach massivem Druck aus der Zivilbevölkerung hat Morales internationale Hilfe ange­fordert, diese kommt unter anderem aus Argentinien, Peru und Chile. Und auch Russland, China und die EU schicken Geld und Expert*innen.
Eigentlich steckt Bolivien gerade mitten im Wahlkampf. Am 20. Oktober sind Präsidentschaftswahlen, bei denen auch Evo Morales für eine vierte Amtszeit kandidiert. Den Wahlkampf hat Morales derweil offiziell ausgesetzt. Videos im Netz zeigen ihn im blauen Overall der Brigadistas, wie er in Chiquitanía mit Spaten und Wasserschlauch gegen die Flammen kämpft – manchmal ist kein Wahlkampf eben auch Wahlkampf. Lange blieb er jedoch nicht, denn am nächsten Tag erwartete man ihn schon zu der offiziellen Feier anlässlich der ersten China-Fleischexporte.
Morales’ Anti-Umwelthaltung ist nicht neu. Sein Versuch, eine Straße durch den TIPNIS-Nationalpark zu bauen (siehe LN 519/520), markierte bereits vor Jahren das Ende der Unterstützung von Teilen seiner Basis. Obwohl erste Umfragen ein knappes Ergebnis voraussagen, ist es dennoch unwahrscheinlich, dass die aktuelle Kritik an Morales ihn bei den anstehen Wahlen den Sieg kosten könnte. Nichtsdestotrotz steht Evo Morales vor der Herausforderung, seine Fehler zu korrigieren, das heißt das Gesetz 731 und das Dekret 3.973 aufzuheben und eine Gesetzgebung anzuwenden, die Umweltkriminalität verfolgt und bestraft. Andernfalls bleibt unklar, was ihn in Sachen Umweltpolitik von Bolsonaro unterscheidet und seine Inszenierung als Verteidiger der Pachamama rechtfertigt.

 


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