Bis in den letzten Winkel

Aktivismus im äußersten Süden Die Gemeinschaft der Küstengemeinden Feuerlands, Antarktis und Inseln des Südpazifik (Foto: Comunidad Costera)

„Uns eint die Gewissheit, dass es andere Formen gibt, auf diesem Land zu leben“, sagt Carla Wichmann von der Gemeinschaft der Küstengemeinden Feuerlands, Antarktis und Inseln des Südatlantiks. Seit knapp zwei Jahren engagiert sich die Aktivistin gegen extraktive Unternehmen in Feuerland, der südlichsten Provinz Argentiniens. Hier peitscht der Wind ununterbrochen über das steppenartige Land, in dem bis vor wenigen Jahrzehnten kaum Menschen lebten. Südlich von Feuerland liegt nur noch die Antarktis, auf die Argentinien ebenso wie Chile und Großbritannien seit der Staatsgründung Besitzansprüche anmeldet.

Mit dem Klimawandel rückt der bisher wenig beachtete äußerste Süden des amerikanischen Kontinents in den Fokus internationaler Energie­unternehmen. Während die Regierungen gerne über Projekte für erneuerbare Energien berichten, schielen die Öl- und Gasunternehmen dort auf neue Abbaustätten für fossile Energieträger. Das stellt nicht nur nationale Klimaziele in Frage, sondern birgt auch die Gefahr, alte Territorialkonflikte wiederzubeleben.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im argentinischen und chilenischen Feuerland nach Öl- und Gasvorkommen gesucht. Doch die geringe Ausbeute, der weite Transportweg in die Städte und die harschen Wetterbedingungen machten den Abbau unattraktiv.

Das hat sich geändert: Mittlerweile sind Steuereinnahmen aus dem Abbau fossiler Energieträger die Haupteinnahmequelle für die argentinische Provinz Feuerland, wie die ständige Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) im Jahr 2022 berichtete. Durch den Öl- und Gasboom, den Tourismus und Maßnahmen des argentinischen Zentralstaats zur Förderung seiner entlegensten Provinzen ist Ushuaia, die Hauptstadt der Provinz Feuerland, stark gewachsen: von nur 10.000 Einwohner*innen im Jahr 1980 auf knapp 80.000 in 2022.

Ebenfalls 2022 wurden unter der Regierung Alberto Fernández seismische Explorationen vor den Küsten Feuerlands genehmigt. Umweltorganisationen im ganzen Land kritisierten die Erlaubnis. „Die Organisation gegen die Gasför­derung wurde auch durch das Bevölkerungs­wachstums im Feuerland begünstigt“, erklärt die Aktivistin Wichmann. „Lange Zeit gab es wenig Bewusstsein darüber, was draußen auf dem Meer geschah. Bis heute gibt es die absurde Situation, dass nicht einmal die Regierung über geeignete Hubschrauber verfügt, um die Gasplattformen zu erreichen. Sie müssen auf die der Unternehmen zurückgreifen“, erklärt sie. Es ist diese Schwäche des argentinischen Staates, die es unmöglich macht, das Handeln der internationalen Energieunternehmen zu kontrollieren.

Heute kontrolliert ein Konsortium aus dem französischen Unternehmen TotalEnergies, der deutschen Wintershall und der argentinischen Pan American die gesamte Gasförderung vor Feuerland. Erst im September 2024 eröffnete das Konsortium das größte Offshore-Erdgasfeld Argen­tiniens, das laut Angaben von Wintershall mindestens 15 Jahre lang ausgebeutet werden soll. Die Suche nach neuen Fördergebieten beschränkt sich nicht auf Lateinamerika. Im Schatten der Energiewendestimmung in den Hauptstädten bauen Energiemultis die Förderung fossiler On- und Offshore-Anlagen aus, besonders in Ländern des Globalen Südens. Expert*innen sprechen seit dem Ausbleiben russischer Gaslieferungen von einem regelrechten Boom.

Dieser Trend läuft konträr zum Diskurs der Energiewende und Klimaschutzversprechen. Bereits 2021 stellte die Internationale Energieagentur in ihrem Bericht „Net Zero by 2050“ fest, dass ab 2021 keine neuen Öl- oder Gasfelder mehr zugelassen werden dürften, um das 1,5 Grad Ziel einzuhalten.

„Die argentinische Regierung ist bezüglich Klimaschutz nur bei Worten geblieben“, sagt Wichmann. „Das hatte keine Auswirkungen auf die Genehmigungen zur Erkundung und Ausbeutung von fossilen Energieträgern.“ Auch wenn bereits unter den Vorgängerregierungen Konsens zur Ausbeutung der Gasvorkommen bestand, habe sich die Situation unter dem ultralibertären Präsidenten Javier Milei noch verschlimmert: „Früher gab es zumindest Absichtsbekundungen, die extraktivistischen Tätigkeiten von Unternehmen zu beschränken“, berichtet Wichmann. „Heute wird mit dem neuen Anreizsystem für Großinvestitionen (RIGI, siehe Seite 38) der Weg für Unternehmen vollkommen frei gemacht.“ Um wieder flüssig zu werden, setzt die Regierung allerdings nicht nur auf die argentinischen Gasreserven.

Ausbau der Gasförderung im Schatten der Energiewende

„Wir stehen heute vor dem Paradox, dass die Regierung neue Gasbohrungen genehmigt und gleichzeitig zum Zentrum der grünen Wasserstoffproduktion werden will“, sagt Wichmann. Eine Trendwende hin zu einer Energiewende ist das nicht. „Ich erkläre mir das so: Extraktive Interessen finden immer neue Formen der Legitimation, um Kontrolle über Gebiete zu erlangen. Heute ist die Förderung der Erneuerbaren eine neue Vertiefung des extraktiven Modells und somit des Wachstums der Unternehmen.“

Die Vorgänge in Patagonien verdeutlichen, wie die Öl- und Gaskonzerne diese Gleichzeitigkeit für sich nutzen, denn längst sind sie auf den Zug der Energiewende aufgesprungen. Schon in den 90er Jahren nahmen ihre Führungsköpfe Abstand vom Herunterspielen der Klimakrise und einer PR-Strategie, die jahrzehntelang Zweifel an der Klimaforschung säte. Heute sprechen CEOs von Shell und Co. von der Notwendigkeit der Energiewende und investieren geringe Summen in Pilotprojekte.

Während in Argentinien die Wasserstoffprojekte noch ferne Zukunftsmusik sind, ist das benachbarte chilenische Feuerland bereits zum Zentrum sogenannter grüner Investitionen geworden. TotalEnergies kaufte im vergangenen Jahr den Erneuerbaren-Stromerzeuger Total Eren für 1,5 Milliarden Euro und übernahm damit auch dessen Wasserstoffprojekt H2-Magallanes im Süden Chiles, das 2027 den Betrieb aufnehmen soll. Einige hundert Kilometer weiter westlich hat sich der Ölkonzern ExxonMobil in das vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützte Leuchtturm-Projekt Haru Oni eingekauft. Dort produziert ein Konsortium mit Beteiligung von Porsche und Siemens in einer Testanlage sogenanntes E-Fuel, dessen Ausbau vor kurzem angekündigt wurde.

Mit deutschen Geldern finanzierte E-Fuel-Anlage in Chile Präsident Boric zu Besuch bei Haru Oni in Punta Arenas (Foto: Prensa Presidencia)

Chiles linksreformistische Regierung von Präsident Gabriel Boric führt dabei die Wasserstoffpolitik von dessen rechtem Vorgänger Sebastián Piñera fort. Bereits 2021 hatte das Energieministerium in einer Studie berechnet, allein aus der Provinz Magallanes 13 Prozent des weltweiten grünen Wasserstoffbedarfs decken zu können. Die Umsetzung der bereits angekündigten Projekte würde in Magallanes zu einer Landnahme von knapp 13.000 Quadratkilometern führen, kritisieren zivilgesellschaftliche Organisationen in einem offenen Brief an Boric. Dies entspricht in etwa der fünffachen Fläche des Saarlands. Im Brief forderten die Organisationen Boric auf, nicht „dieselben Fehler zu machen, die die Ungleichheit vertiefen, und neue Gebiete für die Industrie zu opfern“.

Laut der Regierung soll Chile in wenigen Jahren zum weltweit größten Produzenten von grünem Wasserstoff aufsteigen – durch Energie aus der Sonne im Norden des Landes und den starken Winden in Magallanes. Ankündigungen wie diese und Erleichterungen ausländischer Investitionen, die im nationalen Aktionsplan für grünen Wasserstoff angelegt sind, sollen Investitionen in den Aufbau der chilenischen Wasserstoffindustrie anheizen. Diese sind bisher eher verhalten gewesen.

Die Geschäftszahlen von TotalEnergies legen nahe, dass das fossile Zeitalter längst nicht vorbei ist. Laut einer Studie von Urgewald hat das Unternehmen 2023 2,5-mal mehr Geld in Öl und Gas als in Stromproduktion und -speicherung investiert. Die Umweltorganisation sieht das Unternehmen klar auf Expansionskurs in der Öl- und Gasförderung. Dabei sollen geringe Summen in erneuerbare Energien, aber auch in die umstrittene Carbon-Capture-and-Storage-Technologie (Abscheidung und Abspeicherung von CO2 im Untergrund, Anm. d. Red.) an Anteilseigner ausstrahlen, dass die Unternehmensleitung die Zeichen der Zeit verstanden hat. Jene werden in der gesamten Öl- und Gasindustrie seit Jahren mit hohen Gewinnausschüttungen bei der Stange gehalten.

Die Spannungen zwischen Argentinien und Chile nehmen zu

Das neue Investitionsinteresse in Chiles und Argentiniens Süden wird von diplomatischen Spannungen zwischen den beiden Ländern begleitet. Seit der Staatsgründung beider Länder Anfang des 19. Jahrhunderts streiten sie sich um die genaue Grenzführung im äußersten Süden. Nachdem in den 1980er Jahren noch der Papst die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch rufen musste, schien es in den vergangenen Jahren so, als hätten sich die Streitigkeiten gelegt. Doch Mileis Amtsübernahme hat das Szenario verändert.

Heute geht es bei Bekundungen der Vormachtstellungen längst nicht mehr nur um das lateinamerikanische Festland. Im April weckte ein Manöver der argentinischen Marine im früher umkämpften Beagle-Kanal in Chile Erinnerungen an die argentinischen Eroberungspläne in den 80er Jahren. Die chilenische Regierung dagegen übt sich darin, ihre Position auf der Antarktis auf diplomatischem Weg zu stärken. So reiste im November 2023 der UN-Generalsekretär António Guterres mit Gabriel Boric auf die Antarktis und bekräftigte die Stellung Chiles in der Region.

Aus der Antarktis rief Guterres die Welt dazu auf, mehr gegen die Klimakrise und den Ausstoß von CO2 zu übernehmen. Das schmelzende Eis führe zu einer enormen Umweltkatastrophe auf dem Kontinent, so die Pressemitteilung des UN-Generalsekretärs. Bereits seit 2021 zeigt sich die Klimaforschung besorgt, da die Eisschmelze weltweit den Worst-Case-Szenarien des Weltklimarats entspreche. Allein in der Antarktis könnten bis Ende des Jahrhunderts 17.000 Quadrat­kilometer eisfrei sein.

Die Frage ist, ob mit dem Eis auch der diplomatische Konsens schmilzt, der den Kontinent bisher als Naturschutzgebiet gesichert hat. Grundlage dafür ist der Antarktisvertrag von 1959, in dem sich ursprünglich zwölf Staaten darauf geeinigt hatten, ihre Gebietsansprüche auf die Region einzufrieren und den Kontinent zu einem Ort der wissenschaftlichen Kooperation zu machen.

Expert*innen warnen seit einigen Jahren davor, dass die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Russland und dem Westen langfristig auch Auswirkungen auf die Antarktis haben könnten. Im April dieses Jahres schien die Nachricht um den Fund von Erdöl durch die russische Forschungsmission diese Sorge zu bestätigen. Sollte die Angabe des Forschungsteams der Wahrheit entsprechen, befände sich unter der Antarktis die größte Erdöllagerstätte der Welt. Diese dürfe jedoch laut dem Umweltprotokoll, das die Erkundung und Ausbeutung der Bodenschätze der Antarktis verbietet, nicht angetastet werden. Laut dem Protokoll kann das Verbot ab 2048 theoretisch von jedem Vertragsstaat zur Neuverhandlung auf den Tisch gebracht werden. Doch die Hürden für die Aufhebung sind hoch; erforderlich wäre eine quasi-konsensuale Entscheidung zur Änderung sowie die Einführung eines neuen Rechtsinstruments.
„Ich persönlich denke, es ist wichtig, die Antarktis im Blick zu behalten“, sagt Wichmann. „Nicht nur in Hinblick auf den Massentourismus und die Überfischung, sondern gerade auch die militärischen Operationen.“

Fakt ist: Im Zuge des Klimawandels blicken immer mehr Akteure auf den Süden. Ob die Energiewende dafür sorgt, dass antarktisches Eis erhalten bleibt oder dazu beiträgt, dass extraktive Unternehmen bis in die letzten Winkel der Erde vordringen, ist offen.


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Privatisierung statt gerechter Transformation

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Welche Bedeutung hat der grüne Wasserstoff aktuell in Uruguay?
Aus energiepolitischer Sicht noch gar keine, denn es gibt keine Aussichten darauf, dass er hier genutzt werden könnte. Es ist zwar die Rede von Produktion, aber alles deutet darauf hin, dass diese zu 100 Prozent für den Export sein wird. Aus wirtschaftspolitischer Sicht hat er also eine große Bedeutung und die letzten Regierungen haben sich darum bemüht, Auslandsinvestitionen anzuziehen.

Genau wie andere lateinamerikanische Länder scheint Uruguay gerade sehr attraktiv zu sein, um in Wasserstoff zu investieren. Warum?
In Uruguay gibt es drei Faktoren, die die Projekte anziehen. Erstens ist das die politische Stabilität. Zweitens gibt es einen Regulierungsrahmen für die Produktion elektrischer Energie, wenn auch noch nicht beim Wasserstoff. Und drittens hat Uruguay in den vergangenen zehn Jahren einen großen Sprung bei der Energiewende gemacht. Es gibt erneuerbare Energien, um Projekte ins Rollen zu bringen und auch die Kapazitäten, sich hier anzusiedeln.

Im Juli hat die Regierung einen Fahrplan für die Produktion von grünem Wasserstoff bis 2040 vorgelegt. Was besagt er?
Darin wird vor allem ein exponentielles Wachstum der elektrischen Leistung im Land prognostiziert. Das besorgt uns als Gewerkschaft und Unternehmen sehr. Erstens wissen wir nicht, ob unsere Infrastruktur das technisch aushalten wird. Hier werden ganz sicher Investitionen in Übertragungsleitungen fällig. Es ist die Rede davon, die bestehenden erneuerbaren Energien – vor allem Biomasse, Windkraft und Solarenergie – bis 2040 zu veracht- oder sogar zu verneunfachen.
Daraus ergeben sich Fragen, denn es geht um ausländisches Kapital und private Energieerzeuger, die sich an die bestehende staatliche Infrastruktur anschließen werden. Wie viel wird der Staat geben, damit die Investitionen kommen? Dann wird es natürlich auch Debatten um Land und Boden geben. Die Produktion von Wasserstoff braucht nicht viel Fläche, aber die dafür nötige Stromproduktion schon.

Welche Projektvorhaben für grünen Wasserstoff sind jetzt schon bekannt?
Es gibt keine Pilotprojekte, die schon aktiv sind, stattdessen wird viel spekuliert. Man spricht von Wasserstoff, synthetischen Kraftstoffen und von Ammoniak. Es ist noch nicht einmal entschieden, welches am Ende das Produkt wird. Es gibt auch noch große Unsicherheiten bei der Logistik: Wie soll der Wasserstoff transportiert werden, wie kommt er zu einem Hafen?
Alle Projekte, die es heute in Uruguay gibt, befinden sich in der Machbarkeitsprüfung und in der Beantragung von Umweltgenehmigungen. Dazu zählt ein Vorhaben des Unternehmens HIF, das sich auch schon in Chile angesiedelt hat und hinter dem US-amerikanisches Kapital steckt. Auch ENERTRAG aus Deutschland hat ein Projekt im kleinen Ort Tambores. Dort wissen wir bereits von Problemen mit den Anwohner*innen.

Worum geht es dabei?
Das Projekt in Tambores will Grundwasser aus dem Guaraní-Grundwasserleiter nutzen, eine Süßwasserquelle, die bisher immer geschont wurde. Bei dem Projekt von HIF geht es um Wasser aus dem Río Uruguay, den wir uns mit Argentinien teilen, auch da wird es zu Diskussionen kommen. Die südamerikanischen Regierungen liefern sich ein Rennen: Argentinien, Chile, Brasilien – alle konkurrieren darum, wer die besten Bedingungen für Vertragsabschlüsse stellt und wer die billigste Tonne Wasserstoff verspricht.
Auch deswegen gibt es noch viel Zweifel daran, ob die Projekte am Ende tatsächlich in Uruguay umgesetzt werden. Falls später doch kein Wasserstoff erzeugt werden sollte, bleiben uns private Stromerzeuger, die ihre Ware verkaufen wollen.

Ihre Gewerkschaft kritisiert schon seit Jahren die Privatisierungen im Energiesektor…
Als Gewerkschaft kämpfen wir schon seit 75 Jahren für den Zugang zu Energie und dafür, dass dieser als Recht für alle in der Verfassung verankert wird. Dabei versuchen wir die Privatisierung in der Stromerzeugung zu stoppen. Seit 2010 wird in Uruguay der Wechsel in der Energiematrix vorangetrieben, seit etwa 2015 laufen die ersten Windparks. Damals hatte man Hoffnung, dass Energie bezahlbarer wird. Nach zehn Jahren beobachten wir das Gegenteil: Sie wird immer teurer.
Seit zehn Jahren machen wir in einer Kampagne darauf aufmerksam, dass die Stromtarife ungerecht sind. Denn der, der am meisten hat, bezahlt am wenigsten. Und der, der am wenigsten hat, zahlt am meisten. Eine unserer Forderung ist daher die Kostensenkung der Energie für Privathaushalte. Außerdem fordern wir eine Sozialpolitik, die jedem und jeder Zugang zu Energie garantiert.
Im Kontext der Energiewende sind wir in einem ständigen Streit darüber, wer von der Energie profitiert. Warum erzeugen wir so viel Energie und für wen? Außerdem sehen wir das Problem, dass Kleinkund*innen heute auf dem Markt keine Stimme und keine Wahl haben. Es ist immer der Mehrheitsmarkt der großen Erzeuger und Verbraucher, die die Vorgaben machen.

Beim Diskurs um die Energiewende geht es im Globalen Norden immer um die Nord-Süd-Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“. Was Sie erzählen klingt eher danach, dass sich die Nord-Süd-Ungleichheiten weiter verschärfen…
Unter dem Etikett „grün“ und „erneuerbar“ kommen im Krieg der Kommunikation alle Projekte als gute Nachrichten daher: Wir produzieren Wasserstoff, um zu dekarbonisieren. Es geht um Investitionspakete von vier oder sechs Milliarden Dollar und das Versprechen von Arbeitsplätzen.
Alle Projekte, die wir jetzt beobachten, sind aber purer Extraktivismus. Das Kapital kommt, richtet sich im Land ein, produziert mit dem Wasser und den erneuerbaren Energien vor Ort Wasserstoff und exportiert diesen. Was bleibt Uruguay davon? Sehr wenig. Wir haben mit den Papierfabriken und Zellstoffanlagen ähnliche Erfahrungen gemacht. Auf lange Sicht ist klar, dass die Arbeitsplätze nicht bleiben. Wir dekarbonisieren für andere, denn alles geht in den Export und am Ende sehen wir, dass die Unternehmen sogar ihre eigenen Techniker mitbringen.

Welche Handlungsspielräume hat AUTE?
Dieses Jahr gibt es in Uruguay Wahlen. Es ist möglich, dass es einen Regierungswechsel gibt und sich uns ein Fenster für Diskussionen über die geplanten Projekte öffnet. Aber wir wissen, dass es sehr schwierig ist, solche Projekte zu stoppen, wenn das Kapital einmal da ist – unabhängig davon, wer an der Regierung ist.
Was wir vor allem kritisieren ist, dass diese Projekte nicht mit der Gesellschaft diskutiert wurden und die Regierung übereilt und hinter verschlossenen Türen Verträge abgeschlossen hat. In den betroffenen Ortschaften organisieren sich die Einwohner*innen, veranstalten Demonstrationen und stellen Forderungen an die Unternehmen und den Staat nach mehr Informationen. Aber diese Diskussion hat sich noch nicht überall verbreitet. Wir als AUTE reden schon lange darüber. Nun bringen wir das Thema aber auch vor die PIT-CNT, die landesweite Vereinigung von Arbeiter*innen. Wir werden es auch mit Arbeiter*innen von ANCAP, des staatlichen Kraftstoffunternehmens und von OSE, dem staatlichen Wasserunternehmen, besprechen, um unsere Kräfte zu bündeln und im Landesinneren stärker zu werden – denn dort sollen die Projekte angesiedelt werden. Im November werden wir versuchen, mit Nachbar*innen aus Paysandú ins Gespräch zu kommen, denn dort ist das Projekt des Unternehmens HIF geplant. Wir wollen unseren Blick auf das Thema vermitteln, Ideen austauschen und über die möglichen mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Projekte diskutieren. Wir wissen, dass diese Projekte kurzfristig und während des Baus keine großen Auswirkungen haben werden. Aber schon in fünf Jahren könnte sich das auf verschiedene Arten und Weisen zeigen. Wir wissen, dass es schwierig wird, die Projekte zu stoppen, denn es gibt bereits unterschriebene Verträge. Wir müssen aber versuchen, wenigstens die Bedingungen zu verbessern und dafür sorgen, dass diese Projekte auch einen Vorteil für Land und Leute mit sich bringen.

Was braucht es aus Ihrer Perspektive für eine gerechte Transformation?
Früher wurde bei uns fast der Strom abgestellt, weil wir so wenig Energie hatten. Heute sind wir zwar nicht mehr so abhängig vom Erdöl, dafür aber von privaten Energieerzeugern. Der Staat erzeugt nicht einmal mehr 40 Prozent der Energie im Land, es gibt also einen bedeutenden Souveränitätsverlust. Deswegen sagen wir, dass zur gerechten Transformation auch eine Energie­souveränität auf Landesebene gehören muss.
Damit die Transformation gerecht wird und diese Projekte zu sozialer Gerechtigkeit im Land beitragen, muss sich der Staat viel mehr einbringen. Das Geschäft darf nicht in der Hand von Privaten bleiben, denn dann bleibt es 100 Prozent reiner Extraktivismus. Wir kämpfen also dafür, dass sich der Staat beteiligt und das Geschäft reguliert, dass Teile der Gewinne in die Sozialpolitik oder sonstige nötige gesellschaftliche Maßnahmen fließen, um etwas Gerechtigkeit zu schaffen. Gleichzeitig sprechen wir hier von natürlichen Gütern, die endlich sind. Der Grundwasserleiter Guaraní ist endlich und wir müssen ihn schonen. Aber damit der Staat sich mehr einmischt, damit es einen gerechten Wandel gibt, damit Energie keine Ware mehr ist, braucht es den entsprechenden politischen Willen. Und den sehen wir heute in Uruguay nicht.


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