
Schüsse wecken Izadora. Über den Häusern kreist ein Hubschrauber. Sie liegt im Bett und überlegt, ob sie zur Uni fahren kann – was sicherer ist: das Haus zu verlassen oder drinnen zu bleiben? Izadora lebt in der Maré, dem größten Favela-Komplex Rio de Janeiros. Dort arbeitet sie als Psychologin und studiert zugleich im Master Psychologie an der Bundesuniversität UFRJ.
Besonders unheimlich sind für Izadora die Einsätze, die leise beginnen. Manchmal bemerkt sie einen solchen erst vor der eigenen Haustür. „Du gehst aus dem Haus und plötzlich stehen da 20 oder 30 Polizisten“, erzählt sie. Ob es ruhig bleibt oder zu Schusswechseln kommt, zeigt sich erst später.
Bei großen Operationen rücken schwer bewaffnete Einheiten mit gepanzerten Fahrzeugen und manchmal Hubschraubern an. Ihr Ziel: Gebiete, die von kriminellen Gruppen kontrolliert werden. Schusswechsel und Barrikaden können ganze Viertel lahmlegen. Danach melden die Behörden Festnahmen, beschlagnahmte Waffen und Drogen – aber auch Verletzte und Tote.
Die Militärpolizei verteidigt ihr Vorgehen. „Wir wissen, dass es der Militärpolizei gelingt, von Gewalt geprägte Gebiete zu stabilisieren“, heißt es von dort. „Außerdem können wir Menschen befreien, die unter der Herrschaft des Drogenhandels und der organisierten Kriminalität leben.“
Doch was bleibt, wenn die Polizei wieder abzieht? Zwischen 2017 und 2023 wechselte die Kontrolle über umkämpfte Gebiete nur in 5,4 Prozent der Fälle dauerhaft. Das zeigen Daten von GENI (einer Forschungsgruppe an der Bundesuniversität UFF) und dem Institut Fogo Cruzado.
Jonas Pacheco von der Rede de Observatórios de Segurança (Sicherheitsobservatoriums-Netzwerk) sieht darin ein grundsätzliches Problem. „Die anhaltenden Operationen in immer denselben Gebieten zeigen ein Muster, bei dem der Drogenhandel nicht tatsächlich bekämpft, sondern die Stigmatisierung dieser Gebiete fortgesetzt wird.“
Auch die Gesamtbilanz von GENI fällt ernüchternd aus: Von den zwischen 2007 und 2020 untersuchten Operationen gelten rund 85 Prozent als wenig effizient, ineffizient oder desaströs. Nur 1,7 Prozent werden als effizient eingestuft.
Izadora beschreibt das mit einem brasilianischen Ausdruck: „Eis trockenwischen“. „Die Polizei beschlagnahmt vielleicht eine Tonne Kokain“, sagt sie. „Okay, aber was dann?“ Dass eine Ladung verschwindet, verhindert nicht, dass die nächste ankommt.
Trotzdem bleiben die Einsätze
Die Vorstellung, Härte schaffe Sicherheit, findet in Rio weiterhin viel Zustimmung. Ein geflügelter Satz bringt sie auf den Punkt: „Bandido bom é bandido morto“ („Ein guter Krimineller ist ein toter Krimineller“).
Politisch hat diese Härte eine eigene Logik. Tote mutmaßliche Kriminelle, Festnahmen, ausgebreitete Waffen und Drogen: Das sind sichtbare Ergebnisse. Ermittlungen gegen Geldwäsche, Waffenhandel oder politische Netzwerke sind dagegen weniger plakativ.
Die Zustimmungswerte bestätigen das. Nach dem Einsatz im Oktober 2025 bezeichneten 57 Prozent der Befragten in Rio und der Metropolregion ihn als Erfolg. Gouverneur Cláudio Castro erreichte kurz danach seinen höchsten Zustimmungswert seit 2022.
In den Favelas selbst sieht die Bilanz anders aus. Anfang 2026 befragte eine Studie mehr als 4.000 Menschen in Maré, Rocinha, Alemão und Penha. 73 Prozent lehnten diese Logik ab. 95 Prozent sagten, sie verbesserten die Sicherheit ihrer Familien nicht. Hinzu kommt ein Problem, über das seltener gesprochen wird: der sogenannte arrego. Gemeint sind Zahlungen bewaffneter Gruppen an korrupte Polizisten, damit diese ihre Geschäfte dulden oder schützen. Polizeieinsätze können dabei auch als Druckmittel dienen, um Kräfteverhältnisse und Zahlungen neu zu verhandeln.
Leben mit der Angst
Auf die Frage, was sich während eines Polizeieinsatzes in ihrem Alltag verändert, antwortet Izadora knapp: „Alles. Alles“. Sie selbst kann an solchen Tagen manchmal zu Hause bleiben. Ihr Arbeitgeber zeigt Verständnis, und auch die Universität bittet ihre Dozent*innen, Fehlzeiten wegen Polizeieinsätzen nicht anzurechnen. Ihre Mutter hat diese Freiheit nicht. Wie viele andere muss sie selbst bei Schüssen zur Arbeit, erzählt Izadora. Wer fehlt, riskiert Einkommen oder Arbeitsplatz.
Noch im August 2026 wurde eine 53-Jährige auf dem Weg zur Arbeit in einem Linienbus getroffen. Eine verirrte Kugel traf sie am Hals, während sich Polizei und Bewaffnete einen Schusswechsel lieferten.
Auch die eigene Wohnung bietet keine Sicherheit. Izadora fürchtet sich davor, zu Hause zu bleiben. Sie fürchtet sich aber auch davor, die Wohnung leer zurückzulassen und später festzustellen, dass Polizisten sie durchsucht oder beschädigt haben. „Am Ende hat man Angst rauszugehen und Angst zu bleiben“, sagt sie. Schon das Gerücht über einen Einsatz kann reichen, damit Geschäfte und Schulen schließen. Selbst Arzttermine scheitern daran. Izadora erzählt von Menschen, die Monate oder Jahre auf einen Facharzttermin im öffentlichen Gesundheitssystem warten und ihn wegen einem Einsatz verpassen. Einen automatischen Ersatztermin gibt es nicht.
Die Gewalt trifft zudem nicht alle gleichermaßen. Unter den Getöteten sind überproportional viele junge Schwarze Männer, zeigen Daten des Fórum Brasileiro de Segurança Pública (FBSP) und der Studie Pele Alvo. In Leblon, einem wohlhabenden Stadtteil, stehe ein Polizeiwagen eher für Schutz. In der Maré löse er dagegen häufig Angst aus, so Izadora.
Ein neuer Ansatz
Bereits 2008 startete Rio einen Reformversuch in der Sicherheitspolitik: die Unidades de Polícia Pacificadora (UPPs) – Polizeieinheiten zur Befriedung, wurden dauerhaft in Favelas stationiert. Die Idee dahinter: Nach der Übernahme der Kontrolle sollte die Polizei bleiben. Danach sollten Schulen, Gesundheitsversorgung und andere öffentliche Dienste ausgebaut werden.
„Isoliert betrachtet zielen Polizeieinsätze nicht darauf ab, dauerhafte Ergebnisse hervorzubringen“, sagt Leonardo Silva vom FBSP. „Sie sollten, wenn nötig, dazu dienen, anderen staatlichen Akteuren den Zugang zum Gebiet zu ermöglichen“. Jonas Pacheco argumentiert ähnlich: Sicherheit müsse mehr sein als Polizeieinsätze. Vor allem müsse sie Rechte gewährleisten. „Würden öffentliche Dienste funktionieren“, sagt Izadora, „wäre die Realität der Favela eine andere“.
Der Ansatz zeigte zunächst Wirkung: Die Gewaltzahlen gingen tatsächlich zurück. Doch vielerorts blieb der Staat vor allem in Uniform sichtbar. Die versprochenen öffentlichen Dienste kamen kaum.
Wie brüchig das Versprechen einer bürgernahen Polizei war, zeigte 2013 der Fall Amarildo Dias de Souza. Polizisten einer UPP nahmen den Bauarbeiter in der Favela Rocinha zu einer Befragung mit. Seine Leiche wurde nie gefunden.
Mit wieder zunehmender Gewalt, der Finanzkrise Rios im Jahr 2016 und ausbleibenden Investitionen in öffentliche Dienste wurde das UPP-Modell schrittweise zurückgebaut. Die Einsätze blieben.
Mehr als Drogenhandel
In Rios Favelas ringen verschiedene bewaffnete Gruppen um Macht und Kontrolle: Drogenfraktionen ebenso wie Milizen. Letztere entstanden unter anderem aus Netzwerken aktiver und ehemaliger Angehöriger der Sicherheitskräfte. Beide Gruppen greifen in den von ihnen kontrollierten Vierteln tief in den Alltag und die lokale Wirtschaft ein. Bewohner*innen können oft weder Gas- noch Internetanbieter frei wählen, auch Transportdienste werden von den Gruppen bestimmt. Besonders Milizen verdienen zudem an Immobilien und illegalen Bauprojekten.
Izadora fordert einen anderen Blick auf organisierte Kriminalität. „Wenn man kriminelle Gruppen schwächen will, muss man an das Geld heran, das sie finanziert. Und dieses Geld kommt längst nicht nur von der kleinen Menge Drogen, die jemand an einer Verkaufsstelle in der Favela kauft. Es geht um Waffenhandel, Geldwäsche, Scheinfirmen und andere Geschäfte“.
Auffällig ist dabei, wo die Polizei tatsächlich eingreift. Zwischen 2017 und 2023 fanden 40,2 Prozent der registrierten Schusswechsel mit Polizeibeteiligung in Gebieten von Drogenfraktionen statt. In Milizen-Gebieten waren es nur 4,3 Prozent, so GENI und Fogo Cruzado.
Wie eng die Milizen mit staatlichen Strukturen verflochten sein können, zeigt auch der Mord an der Stadträtin Marielle Franco im Jahr 2018. Selbst der damalige Chef der Zivilpolizei, Rivaldo Barbosa, geriet ins Visier der Ermittlungen. 2026 wurde er wegen Justizbehinderung und Korruption verurteilt.
Die Sicherheitsfrage im Wahlkampf
Präsident Lula kann Polizeieinsätze in Rio weder anordnen noch verbieten. Militär- und Zivilpolizei unterstehen den Bundesstaaten. Die Bundes-regierung kann Ermittlungen koordinieren und Programme finanzieren – über die Polizeipolitik selbst entscheidet Rio.
Politische Krisen erschweren im Bundesstaat jedoch langfristige Reformen. Gleich drei aufeinanderfolgende Gouverneure gerieten wegen Korruptionsvorwürfen ins Visier der Justiz. Seit 2019 beschäftigt sich auch der Oberste Gerichtshof mit der Polizeigewalt in Rio. Im April 2025 ordnete er zusätzliche Kontrollen und Vorgaben zur Senkung der Polizeigewalt an. Ob sie langfristig wirken, ist offen.
Wenige Wochen vor dem ersten Wahlgang am 4. Oktober ist die Frage nach öffentlicher Sicherheit aktueller denn je. Lula will die Zusammenarbeit zwischen Bund und Bundesstaaten stärken und vor allem die finanziellen Strukturen des organisierten Verbrechens angreifen. Flávio Bolsonaro setzt stärker auf Repression: Er will große Drogenfraktionen als Terrororganisationen einstufen und Strafen verschärfen.
Welche dieser Vorstellungen sich durchsetzt, entscheidet sich für Bewohner*innen wie Izadora vor allem im Alltag. Solange die Machtstrukturen bewaffneter Gruppen bestehen, dürften auch die Einsätze zurückkehren.









Zusammen mit seiner Gruppe „Forum der Jugend Rio de Janeiro“ hat Matheus die App „Nós por nós“ (Wir für uns) entwickelt, die Menschenrechtsverletzungen registrieren soll. Matheus tippt blitzschnell auf dem Display seines Smartphones. „Hier kann man wählen, um welche Art von Vergehen, es sich handelt: Mord, Folter, Rassismus und so weiter.“ Ein Knopf mit einem Kamerasymbol führt zu einer Live-Schaltung, die von der Gruppe aufgezeichnet wird. Für den Fall, dass das Handy geklaut oder zerstört wird, erklärt Matheus. Die Gruppe hat bereits mehrere Drohungen erhalten. Einschüchtern lassen will sie sich aber nicht. Die Gruppe ist Teil einer starken Zivilgesellschaft in Maré und anderen armen Gemeinden.
edung“ durch die UPP gilt als gescheitert. Im Jahre 2008 wurde damit begonnen, Polizeistationen in ausgewählten Favelas einzurichten. In den ersten Monaten hatte das Programm durchaus Erfolg: Die Zahl der Morde verringerte sich, Drogengangs zogen aus einigen Vierteln ab. Doch schon bald wiederholten die UPP die Muster der regulären Polizei. Es folgten schwere Menschenrechtsverletzungen, wie im Fall des Maurergehilfen Amarildo de Souza, der im Juni 2013 von Polizist*innen in einer UPP-Station gefoltert und ermordet wurde. Derzeit operieren die UPP in 38 Favelas, vor allem im reichen Süden. Für viele Bewohner*innen dieser Viertel stellen sich die UPP immer mehr als militärisches Besetzungsprogramm dar. Die angekündigten Sozialprogramme sind nur sporadisch verwirklicht worden. „Ihre Lösung sind Waffen, nicht eine andere Politik“, stellt auch Miriane verbittert fest. Mangelhafte Infrastruktur, Perspektivlosigkeit und gesellschaftliche Stigmatisierung prägen weiterhin den Alltag in den Favelas – und bieten den Drogengangs gute Rekrutierungsmöglichkeiten.