// Rechtsbruch als Weltordnung

Es ist nicht komplex. Der US-Angriff in Venezuela und die Entführung des de-facto-Präsidenten Nicolás Maduro ist klar völkerrechtswidrig. Dass Maduro ein autoritärer Staatschef ist, der mitverantwortlich für die politische und wirtschaftliche Krise Venezuelas ist, ändert nichts am Kern: Nach geltendem Völkerrecht darf niemand die Regierung eines anderen Landes stürzen. Gerade auf diesem Feld verfügen die USA allerdings über reichlich Erfahrung. Und Deutschland über ein reichliches Maß an opportunistischer Vergesslichkeit. Bundeskanzler Merz schrieb am Tag der US-Invasion auf X, man wolle sich für eine Einordnung Zeit nehmen. Auch später gab es kaum klarere Äußerungen.

Diese vorsichtige Zurückhaltung in der Verurteilung der imperialistischen Ausuferung des US-Präsidenten Trump ist kein Zeichen für juristische Komplexität, sondern steht für das Wegfallen der scheinheiligen Maske, die sich viele westliche Regierungen bis vor Kurzem noch verkrampft vors Gesicht hielten. Dass sich die deutsche Regierung windet, statt klar für das Völkerrecht einzustehen, ist nicht neu – vor allem, wenn es um wirtschaftlich und militärisch wichtige „Partner“ geht – und kann neben vielen weiteren Beispielen in Bezug auf den Genozid in Gaza beobachtet werden. Weniger komplex wird eine klare Verurteilung dann, wenn es um Territorien geht, die als europäische Einflusszone gelten, oder gar durch koloniale Beziehungen zu Europa gehören, wie im Falle Grönlands.

Vor dem Hintergrund der Krise des Kapitalismus und der sich verschärfenden Konkurrenz auf den Weltmärkten spielt der Zugriff auf Rohstoffe eine zentrale Rolle. Imperiale Strategien werden aus der Mottenkiste geholt. Der Beginn einer neuen politischen Epoche wurde auch von Spitzenpoliter*innen zuletzt kaum noch geleugnet und auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos als „Ende der regelbasierten Weltordnung“ (Mark Carney, kanadischer Premier) anerkannt.

Lateinamerikanische Staaten scheinen sich nur noch für die Unterordnung unter eine Großmacht entscheiden zu können. So beabsichtigen die übrig gebliebenen linken Regierungen sich mit mehr oder weniger Erfolg den neoimperialistischen Maßnahmen der Trump-Administration entgegenzustellen: Brasiliens Präsident Lula versucht sich an einer Stärkung des BRICS-Bündnisses, Sheinbaum in Mexiko setzt auf Diplomatie und die Fortführung enger wirtschaftlicher Beziehungen zu den USA. Die kontinuierliche Bedrohung der Verhängung von Zöllen und nun auch militärischer Intervention hängt jedoch wie ein düsterer Schatten über den bemühten Versuchen um Souveränität.

Doch auch vorher bestanden schon imperiale Beziehungen der Länder Lateinamerikas mit Europa, den USA, aber auch China, und dabei ist keine der Großmächte eine gute Option. Für diejenigen, die sich links und unten einordnen, sind die aktuellen Entwicklungen daher weniger Bruch als Kontinuität mit veränderten Vorzeichen. Die Anordnung der Figuren auf dem Schachbrett ist angesichts des Niedergangs der Hegemonie der USA umkämpft, die Regeln verschoben, doch das Spiel bleibt gleich. Dabei will niemand „Schachfigur auf einem fremden Spielbrett sein“ – egal, wem es gehört.

Denn wenn nur noch das Recht des Stärkeren gilt, kann es morgen jede*n treffen.Vielleicht müssen auch wir unsere Mittel anpassen und in die Geschichtsbücher schauen – Jahrhunderte des Kampfs gegen Kolonialismus und Imperialismus haben uns einen reichen Bestand an Widerstandsstrategien vererbt. An sie gilt es anzuknüpfen, um nicht in Passivität zu verfallen und zum Spielball der Großmächte zu werden. Gleichzeitig gilt es auch, nicht in einen krisenhaften Panikzustand zu schlittern, der keinen Platz für langfristige Horizonte lässt. „Wir Völker, die wir Widerstand leisten, denken langfristig“, so drückt es die Afro-Indigene Feministin Cacica Honta aus.


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In Zeiten von Druck und Krise Zeit gewinnen

Foto: Cacica Honta

Wie hast du den US-Angriff am 3. Januar in Caracas erlebt?
Das Bombardement weckte meine Partnerin und mich auf. Wir hörten ein Kratzen an den Fenstern und sahen ein Licht wie eine Stichflamme, die das ganze Zimmer erhellte. Wir sprangen abrupt auf, geschockt und unsicher, ob wir rausgehen oder drinnen bleiben sollten. Wir hörten das laute Brummen der Flugzeuge. In dem Moment, als der US-Militärangriff stattfand, war mir nicht bewusst, dass es sich nur um einen einzelnen Vorfall handeln würde. Stell dir vor, du erlebst so etwas nur ein einziges Mal, während die Palästinenser es jeden Tag erleben. Zu leben in dem Bewusstsein, dass dir jederzeit eine Bombe auf den Kopf fallen kann.

Wie hat sich Caracas seit den ersten Tagen bis heute verändert?
Diese Phase der echten Erschütterung dauerte nur zwei bis drei Tage. Der Angriff fand am Samstagmorgen statt. In meiner Gegend gab es keinen Strom. In vielen Läden machten Menschen nervös ihre Einkäufe. An manchen Orten wurde nur Bargeld in Dollar akzeptiert. In dieser ersten Woche waren die Straßen noch relativ leer.
Die Regierung hat es geschafft, ab dem 12. Januar eine zynische Normalität wiederherzustellen, indem sie darauf drängte, dass an diesem Tag der Unterricht an den Universitäten sowie im gesamten Bildungssystem wieder beginnt und alle Ministerien und öffentlichen Einrichtungen aktiviert werden. Es ist eine zynische Normalität, denn die Bevölkerung lebt seit mindestens 2013 in einer permanenten Ausnahmesituation. Um kognitive Dissonanz zu vermeiden, konstruiert die Bevölkerung eine innere Normalitätserzählung.
Es ist sehr schwierig, in dem Bewusstsein zu leben, einem möglichen weiteren Militärangriff, einem internen militärischen Konflikt zwischen verschiedenen Fraktionen des Chavismus oder vor allem staatlicher Unterdrückung ausgeliefert zu sein. In diesem Rahmen konstruiert sich die Bevölkerung eine Pseudo-Normalität, und genau darauf zielt auch die Regierung von Delcy Rodríguez ab.

Gibt es eine starke militärische und polizeiliche Präsenz auf den Straßen?
Am Samstag, dem 3. Januar, war kein einziger Polizist auf der Straße zu sehen. Der Schock traf auch den Staatsapparat. Am Sonntag zeigten sich erste Polizisten und bewaffnete Gruppen, doch das Militär blieb noch mehrere Tage in den Kasernen. Derzeit gibt es eine massive Militär- und Polizeipräsenz auf den Straßen, ähnlich wie nach den Wahlen vom 28. Juli 2024, sogar noch schlimmer.

US-Präsident Trump kündigte an, dass er vorhabe in Venezuela zu regieren. Delcy Rodríguez übernahm ihrerseits die Präsident­schaft in Venezuela und präsentierte sich als Person, die das Geschehen unter Kontrolle hat. Wie analysierst du die Machtverhältnisse in Venezuela?
Derzeit setzt die Regierung von Delcy Rodríguez ihre seit einiger Zeit verfolgte politische Linie fort: Es handelt sich um eine pragmatische Linie, die mit Rhetorik und technokratischen Gesten umhüllt ist. Der Chavismus macht Zugeständnisse gegenüber Trump, wo es nötig ist, und bei Aspekten, die ihm selbst nützen, wie dem Verkauf von Öl ohne Sanktionsverluste. Sie stellen das Abkommen mit den Vereinigten Staaten als eine autonome Entscheidung dar und sagen: „Wir verkaufen Öl. Wir wollten schon immer Öl an die Vereinigten Staaten verkaufen.“ Vor dem Angriff musste ein Großteil des Öls an China geliefert werden, nur um die Schulden zu bezahlen. Dieses wurde offenbar an russische Tanker geliefert, die aufgrund der Sanktionen einen Preisnachlass erhielten.

In welcher anderen Form hat die Regierung Delcy Rodríguez nachgegeben und was könnte ihr Plan sein?
Die Regierung stimmte außerdem der Freilassung einer Gruppe politischer Gefangener zu und hilft Trump damit, Erfolge in Venezuela vorzuweisen. Aber die Freilassung der Gefangenen macht nicht einmal die Hälfte der inhaftierten Personen aus. Es bleiben über 800 politische Gefangene inhaftiert, darunter Juan Pablo Guanipa. In Venezuela ist er nach María Corina Machado der Oppositionsführer mit dem größten politischen Profil und dem stärksten Rückhalt in der Bevölkerung, da er sie in ihrer gesamten Strategie begleitet hat.
Ohne die These einer Vormundschaft vollständig zu verwerfen, da sie eine Möglichkeit darstellt, kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die chavistische Führung Trump einige Zugeständnisse macht, während sie zugleich dadurch Zeit gewinnt, um die Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten im November dieses Jahres abzuwarten. Eine Niederlage von Trumps Partei könnte eine innenpolitische Umstrukturierung ermöglichen. Die Regierung weiß, dass sie trotz ihrer Differenzen gemeinsam eher in der Lage sind, dem Druck von außen und innen standzuhalten. Ihr oberstes Gebot ist es, in Zeiten von Druck und Krisen Zeit zu gewinnen.

Wie haben sich Wirtschaft und Kaufkraft der Menschen seit dem 3. Januar entwickelt?
Eigentlich ist nur der Dollarkurs gesunken. Der Parallelkurs ist von 900 Bolívares pro Dollar auf 400 gefallen. Wenn der Parallelkurs so bleibt wie derzeit, werden die Verkäufer gezwungen sein, die Preise für ihre Waren zu senken. Im Moment ist dieser Effekt am Markt jedoch noch nicht zu beobachten. Symbolisch gesehen ist der Wechselkurs für ein Land wie das unsere jedoch wichtig. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass sich die Lage verbessert.

Wer ist Delcy Rodríguez und wie verlief ihre politische Laufbahn?
Delcy Rodríguez und Nicolás Maduro kennen sich seit ihrer Jugend, denn sie waren Mitglieder derselben Partei, der Liga Socialista (Sozialistisch Liga). Ich glaube nicht, dass sie gleichzeitig in der Partei waren, denn Nicolás Maduro ist vorher ausgetreten, aber sie haben diese Verbindung. Die Liga Socialista wurde von Delcy Rodríguez’ Vater gegründet, doch sie selbst hielt sich eher vom politischen Aktivismus fern. Sie hat sich zwar in manchen Bereichen engagiert, aber eher in technokratischer Funktion. Die Beziehung zu Chávez war sehr distanziert und angespannt. 2006 war sie kurzzeitig Ministerin im Sekretariat, da sie sich heftig mit Hugo Chávez angelegt hatte. Bis 2013 hatte sie keine hochrangige Position inne. Als Maduro 2013 Präsident wurde, erhielt sie wichtige Ämter, zunächst im Kommunikationsministerium und später im Außenministerium. Sie präsentiert sich als sehr pragmatisch und war die treibende Kraft hinter den neoliberalen Maßnahmen, die Maduros Regierung seit August 2018 umgesetzt hat und von denen die lokale Unternehmerschaft und die hohe Staatsbürokratie profitierten. So ist Delcy Rodríguez die Ansprechpart­nerin des transnationalen Ölkapitals, insbesondere von Chevron, sowie der gesamten venezolanischen Bourgeoisie.

Omar Vázquez Heredia (Foto: Privat)


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Hoffen, das Schlimmste sei vorbei

Aktivistin Cacica Honta Widerstand aus der Community heraus (Foto: Victor Morales)

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Ich weckte meinen Partner mit einem Schütteln auf, während der Lärm der Explosionen und die Blitze im Himmel über Caracas uns zuschrien, dass sich das Leben für immer verändert hatte. Seitdem weckt mich jedes laute Geräusch mit der Empfindung, dass die Attacken zurückkehren. Ausruhen wurde unmöglich. Ich lebe mit der Angst, meine geliebten Menschen oder die all­täglichen Orte, die uns stützen, zu verlieren. Die scheinbare Ruhe verwandelt sich in eine schwere Stille, die Tränen und Verzweiflung provoziert. Am Tag nach den Angriffen ging ich hinaus, um „Hamsterkäufe“ zu machen, mich auszustatten, doch alles war zu. Eine Grabesstille, nur gestört durch die Lastwagen voller Lebensmittel der Gochos (Leute aus der Andenregion, die nach Caracas fahren, um dort Lebensmittel zu verkaufen).

Gefangen zwischen zwei Kräften


Inmitten der permanenten Unsicherheit und ausufernden Inflation waren wir nicht allein. Wir gingen zusammen raus, trafen uns, um das Wenige, was es gab, zu teilen, ohne einen Anlass zum Feiern. Aber doch, um uns an einer Herdflamme oder einer gemeinsamen Tafel daran zu erinnern, dass wir am Leben sind. Diese kollektive Kraft war der einzige feste Boden unter uns. Wir hielten uns im Arm und am geteilten Teller fest, um nicht vor purer Angst zu sterben.

Was regiert, ist die Unklarheit. Es gibt keine klaren Zahlen über Tote und Verletzte. Die Regierung schweigt und minimiert das Geschehene, während man in den Straßen die Polizeioperationen und bewaffneten Gruppen wahrnimmt. Es fehlt an Transparenz, ehrlicher Kommunikation und Sicherheitsgarantien. Für die Menschen fühlt es sich an, als ob alles gleichbleibt, als ob nichts passiert wäre, doch in Wahrheit ist das alltägliche Leben durch Knappheit geprägt, durch Repression und Militarisierung. Es geht nicht mehr um Ideologie, sondern ums Überleben: Essen können, Wasser trinken, ärztliche Behandlung, dass die Kinder in die Schule gehen.

Wir sind gefangen zwischen zwei Kräften: einem Regime, das unterdrückt, und einer auslän­dischen Intervention, die uns in ein Konfliktgebiet verwandelt. Die Bevölkerung zahlt den Preis des Öl- und Mineralienreichtums, den andere begehren. Diese Intervention der Vereinigten Staaten ist eine Souveränitätsverletzung, keine humanitäre Hilfe. Es ist eine Operation, um Energieressourcen zu kontrollieren und die regionale politische Landkarte neu auszurichten. Was sich als Rettung präsentiert, ist eine verdeckte Plünderung. Die Situation bringt keinen Frieden, sondern wiederholt die Gewalt und lässt das Volk schutzlos zurück.

Als Afro-Indigene Frau und Künstlerin empört es mich, dass im Angesicht des Missbrauchs als erstes gefragt wird: „Aber wer hat dich gefoltert? Die Linke oder die Rechte?“ Den Mächtigen schmerzt unsere Wunde nicht. Sie interessiert, wer die Peitsche hält, um zu entscheiden, ob es ihnen nützt, sie zu denunzieren. Es existiert ein chreckliche Angst, zu reden, da jedes Wort gegen dich verwendet werden kann. Ich fürchte neue Bomben ebenso, wie die Kontinuität eines Systems ohne faire Löhne, mit Hunger und unschuldigen Gefangenen. Der Blick auf die Zukunft verspricht mehr Prekarität für die Armen und Unsicherheit in den Straßen. Das Vertrauen in die Institutionen ist kaputt, uns bleibt nur, uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie Schachfiguren auf einem fremden Spielbrett


Die Welt feiert eine angebliche „Befreiung“, weil ein Gesicht gefangen genommen und in ausländische Verwahrung gesteckt wurde. Aber als Schwarze, Indigene und feministische Frau frage ich mich: Welche Freiheit ist das, die uns mit Bomben aufgezwungen wird? Die Gefangennahme eines Mannes löscht kein System des Hungers – weniger noch, wenn die, die uns „retten“ kommen, eine versteckte Rechnung mitbringen.

Den Zusammenbruch einer Struktur zu feiern, ohne zu sehen, wer die neuen Fundamente errichtet, ist eine gefährliche Blindheit. Für die Mächtigen sind wir keine „Geschwister in Ungnade“, wir sind strategischer Vermögenswert, Öl, Gold und Mineralien in Disput. Wenn sich das Schicksal meines Landes von einem Büro in Caracas an einen Verhandlungstisch in Washington verlagert, bleibe ich weiterhin eine Zuschauerin, eine Schachfigur auf einem fremden Spielbrett.

Sie kommen wegen des Öls und des Goldes des Arco Minero, das bereits unter dem Kommando der Linken ausgeblutete Territorium, welches sie nun mit unternehmerischer Effizienz „verwalten“ wollen. Sie bieten uns eine Hals zuschnürende „Befreiung” an, die uns mit einer unbe­zahl­baren Auslandsverschuldung von mehr als 150 Milliarden Dollar belastet. Sie leihen uns den Hammer, um den Tyrannen zu stürzen, aber sie berechnen uns jeden Ziegelstein für den Wiederaufbau zum Goldpreis.
Der Imperialismus löscht die Geschichte aus. Er will uns glauben machen, dass alles vor zwei Jahren begonnen hat, und leugnet damit Jahrhunderte der Plünderung und Ausbeutung. Wir Völker, die wir Widerstand leisten, denken langfristig. Ich bin die Frau, die Guaicaipuro und Bolívar nicht aus Folklore anruft, sondern weil mein Kampf derselbe ist wie der der palästinensischen Frauen: das Recht, auf unserem Land zu leben, ohne dass ein Imperium für uns entscheidet, was „Demokratie” bedeutet.
Sie sprechen von „politischen Gefangenen“, als wäre das Gefängnis nicht selbst eine koloniale Institution, die 1573 eingeführt wurde, um uns zu bestrafen. Für mich sind alle Gefangenen politisch, wenn das System Folter als alltägliches Mittel gegen die Ärmsten, gegen Schwarze, gegen diejenigen, die keine Stimme haben, einsetzt. Einige haben die Folter erst kürzlich entdeckt, weil es ihnen politisch gelegen kommt, aber wir kennen sie seit jeher, von innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern.
Das Volk will Würde, die Menschen wollen in Ruhe leben. Mein Horizont ist eine Linke, die nicht nur leere Parolen von sich gibt, während sie ihre Arbeiter*innen misshandelt oder ihre Indigenen ignoriert. Mein Ziel ist echte Souveränität: Frei zu sein bedeutet, über unser gemeinsames Leben zu entscheiden, ohne dass sich Gringos, Russen oder Chinesen einmischen.

Frei sein heißt entscheiden zu können


Heute schließen wir uns in Unsicherheit zusammen, um nicht vor Angst zu sterben, und knüpfen Netzwerke, um etwas zu essen zu haben. Ich träume von einem Land, in dem Würde möglich ist, mit fairen Löhnen, garantierten Grundversorgungsleistungen, echter Gerechtigkeit und der Freiheit, uns ohne Angst zu äußern. Meine Hoffnung liegt nicht in bewaffneten Helden oder in als Hilfe getarnten Invasionen, sondern im Widerstand der Gemeinschaft. In unserer Fähigkeit, uns dagegen zu wehren, dass wir ausgelöscht oder zu einer Opferzone gemacht werden.

Ich denke an diejenigen, die ihr Leben verloren haben, die das viel stärker erlebt haben als ich. Das wünsche ich niemandem, nicht einmal dem schlimmsten Menschen der Welt. Wir kämpfen dafür, dass Venezuela aufhört, ein Schachbrett zu sein, und endlich zu einem Zuhause wird. Wir wollen Würde, wir wollen Frieden, aber einen, der aus uns selbst, aus unserem Land entsteht, und keinen, der uns vom Norden diktiert wird.


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Creer que lo peor ya pasó

Cacica Honta Resistiendo desde la comunidad (Foto: Victor Morles)

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Desde entonces, cada ruido fuerte me despierta con la sensación de que los ataques regresan. El descanso se volvió imposible. Vivo con la angustia de perder a mis seres queridos o los espacios cotidianos que nos sostienen. La calma aparente se convierte en un silencio pesado que provoca lágrimas y desesperanza. Al día siguiente de los ataques, salí a las “compras nerviosas” buscando abastecerme; todo estaba cerrado, un silencio de tumba roto solo por los camiones de los gochos con la comida por las nubes.

Pero en medio de esa incertidumbre permanente y la inflación desbordada que hace que la comida sea cada vez más inaccesible, no estábamos solos. Salimos juntos, codo a codo, con quienes esos días nos sostuvimos desde la comida en colectivo. Nos juntamos para compartir lo poco que había, sin nada que celebrar, pero sí para recordarnos, al calor de un fogón o de una mesa compartida, que estamos vivos. Esa fuerza colectiva fue el único suelo firme que pisamos; nos sostuvimos en el abrazo y en el plato repartido para no morirnos de la pura angustia.

Lo que reina, sin embargo, es la opacidad. No hay cifras claras de muertos ni heridos. El gobierno guarda silencio o minimiza lo ocurrido, mientras en las calles se perciben más operativos policiales y presencia de grupos armados. Falta transparencia, comunicación honesta y garantías de seguridad. La gente siente que todo sigue igual, como si nada hubiera pasado, pero la verdad es que la vida cotidiana está marcada por la escasez, la represión y la militarización. Ya no se trata de ideología, sino de sobrevivir: poder comer, tener agua, recibir atención médica, que los niños vayan a la escuela.
Estamos atrapados entre dos fuerzas: un régimen que reprime y una intervención extranjera que nos convierte en territorio de disputa. El pueblo queda en medio, pagando el costo de la riqueza petrolera y mineral que otros codician. Esta intervención de Estados Unidos es una violación de la soberanía; no es ayuda humanitaria, es una operación para controlar recursos energéticos y reconfigurar el mapa político regional. Lo que se presenta como salvación es saqueo disfrazado. La ocupación no trae paz, repite la violencia y deja al pueblo más vulnerable.

Como mujer afro-indígena y artista, me indigna que, ante el atropello, lo primero que pregunten sea: “Pero ¿quién te torturó, la izquierda o la derecha?” Al poder no le duele nuestra herida, le importa quién sostiene el látigo para saber si le conviene denunciarlo. Existe un miedo atroz a hablar porque cualquier palabra puede ser usada en tu contra. Temo tanto a nuevas bombas como a la continuidad de un sistema sin salarios dignos, con hambre y presos inocentes. El futuro se percibe como más precariedad para los pobres y más inseguridad en las calles. La confianza en las instituciones está rota, solo nos queda apoyarnos entre nosotros.


El mundo celebra una supuesta “liberación” porque un rostro fue capturado y puesto bajo custodia extranjera. Pero como mujer negra, indígena y feminista, yo me pregunto: ¿qué libertad es esta que se impone con bombas? La captura de un hombre no borra un sistema de hambre, y mucho menos cuando los que vienen a “salvarnos” traen una factura oculta bajo el brazo. Celebrar que se desplome una estructura sin ver quién está levantando los nuevos cimientos es de una ceguera peligrosa. Para las potencias no somos “hermanos en desgracia”: somos activos estratégicos, petróleo, oro y minerales en disputa. Si el destino de mi país se muda de una oficina en Caracas a una mesa de negocios en Washington, yo sigo siendo una espectadora, una pieza de ajedrez en un tablero ajeno.
Vienen por el petróleo y por el oro del Arco Minero, ese territorio que ya venía siendo desangrado bajo consignas de izquierda y que ahora pretenden “administrar” con eficiencia corporativa. Nos ofrecen una liberación que nos hipoteca con una deuda externa impagable: más de 150 mil millones de dólares que nos amarran el cuello. Nos prestan el mazo para tumbar al tirano, pero nos cobran cada ladrillo de la reconstrucción a precio de oro.

El imperialismo opera borrando la historia. Quieren que creamos que todo empezó hace dos años, negando los siglos de saqueo y despojo. Los pueblos que resistimos nos pensamos en larga duración. Soy la mujer que invoca a Guaicaipuro y a Bolívar no por folclore, sino porque mi lucha es la misma de la mujer palestina: el derecho a existir en nuestra tierra sin que un imperio decida qué es la democracia para nosotros.Nos hablan de presos políticos como si la cárcel misma no fuera una institución colonial impuesta en 1573 para castigarnos. Para mí, todos los presos son políticos cuando el sistema usa la tortura como pan de cada día contra los más pobres, contra los negros, contra los que no tienen voz. Algunos descubrieron la tortura hace poco porque les conviene políticamente, pero nosotras la conocemos desde siempre, dentro y fuera de las rejas.

El pueblo quiere dignidad, no discursos vacíos ni invasiones disfrazadas de ayuda. La gente no busca héroes armados, busca vivir con tranquilidad. Mi horizonte es de soberanía real: decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos, rusos ni chinos de por medio.

Sueño con un país donde la dignidad sea posible, con salarios justos, servicios básicos garantizados, justicia real y libertad para expresarnos sin miedo. La esperanza está en la resistencia de la comunidad, en que no nos borren ni nos conviertan en zona de sacrificio. Pienso en quienes perdieron la vida; esto no se lo deseamos a nadie. Nuestra lucha es para que Venezuela deje de ser un tablero de ajedrez y empiece a ser, finalmente, un hogar.

Mi horizonte es de izquierda, pero de una izquierda de verdad: la que defiende la soberanía real, no la que se queda en consignas vacías mientras maltrata a sus obreros o ignora a sus indígenas. Ser libre es poder decidir sobre nuestra vida colectiva sin gringos de por medio. Hoy seguimos en la zozobra, juntándonos entre nosotras para no morir de angustia, tejiendo redes para poder comer. Pienso en quienes perdieron la vida, en quienes lo vivieron mucho más fuerte que yo. Esto no se lo deseo a nadie, ni siquiera a la persona más nefasta del mundo. Mi esperanza no está en los héroes armados ni en las invasiones disfrazadas de ayuda; está en nuestra capacidad de seguir siendo comunidad, de resistir a que nos conviertan en una “zona de sacrificio”. Queremos dignidad, queremos paz, pero una paz que nazca de nosotros, de nuestra tierra, y no una que llegue dictada desde el norte.


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Totalitär gegen Unberechenbar

Sogar für lateinamerikanische Verhältnisse ist Nicaragua ein Land, in dem der Zugang zu verlässlichen Informationen äußerst begrenzt ist. Wie die allermeisten politischen Geschäfte wird die Kommunikationspolitik der Regierung um die Figur der mächtigen Ko-Präsidentin und First Lady Rosario Murillo zentralisiert und von ihr vertikal kontrolliert (das Konstrukt Kopräsidentschaft wurde im November 2024 in die Verfassung aufgenommen, wodurch sich das Präsidentenpaar Murillo und Ortega des gegenseitigen Machterhalts versichert, Anm.d.Red.). Dennoch kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Militärintervention der USA gegen Venezuela am 3. Januar und die darauf folgende Entführung von Präsident Maduro den Machtkern um die Kopräsident*innen Murillo-Ortega und ihrer engsten Verbündeten nicht kalt gelassen hat. Denn Nicaragua zählt, zusammen mit Kuba, zu den engsten Verbündeten Maduros in Lateinamerika. Die bedingungslose Unterstützung für Maduro ist, neben der ideologischen Nähe, auch darauf zurückzuführen, dass Nicaragua gut 10 Jahre lang – vor allem während der Amtszeit von Hugo Chávez in Venezuela – sehr großzügige Finanzhilfen erhalten hat, dies in Form von venezolanischem Erdöl. Dadurch konnten unter­schiedliche Sozialprogramme initiiert und der Wohlstand vieler Ortega-nahen Unternehmer*innen ausgeweitet werden.

Trotzdem war die Reaktion der Regierung auf den spektakulären Bruch des internationalen Rechts durch die „Donroe-Doktrin“ verhältnismäßig mild. Es fanden keine Massenkundgebungen statt, wie dies unter anderem kurz nach dem Putsch gegen Präsident Evo Morales in Bolivien 2019 der Fall war. Der Aufruhr begrenzte sich auf eine offizielle schriftliche Erklärung mit dem Titel „Zur Verteidigung des Friedens, der Gerechtigkeit und des Lebens“, die zwar die Befreiung Maduros und seiner Frau Cilia Flores sowie den Respekt vor der Souveränität Venezuelas forderte, aber keinen Konfrontationskurs gegen Trump versuchte. Weitere Reaktionen in den auf den US-Angriff folgenden Tagen waren die Inhaftierung mehrerer Bürger*innen, weil sie im Internet die Militäraktion feierten, die Absage aller Feierlichkeiten zum 19. Jahrestag von Ortegas Regierungsübernahme sowie die Befreiung einer weiteren Gruppe politischer Gefangener – nach einer ähnlichen Aktion durch die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez in Venezuela.
Ungeachtet der großen diplomatischen und rhetorischen Nähe beider Länder muss man bei einer Lageeinschätzung bedenken, dass Nicaragua nicht Venezuela ist. Beide Regimes haben zweifelsohne große Gemeinsamkeiten, aber auch erhebliche Unterschiede. Während in Venezuela die Regierungsführung auf mehreren Schultern verteilt ist, regieren Ortega und Murillo auf dynastische Art und Weise bei alleiniger, absoluter Machtkonzentration auf sich und ihre Familie. Venezuela verschärfte vor allem nach den umstrittenen Wahlen von 2024 einen bereits begonnenen autoritären und repressiven Kurs. In Nicaragua gilt bereits seit 2021 ein inoffizieller Ausnahmezustand, unter dem jede öffentliche Kritik an der Regierung (hier reicht schon ein Like auf Facebook, das Teilen eines Liedes oder eine Whatsapp-Nachricht an die falschen Personen) realistischerweise zu einer Verhaftung führen kann. Tausende NGOs, politische Parteien und kritische Medien wurden geschlossen, verboten oder beschlagnahmt , siehe LN 613/614. Vielen Nicaraguaner*innen, die im Ausland leben, wird die Einreise ins eigene Land verwehrt, nur wegen einer digitalen Äußerung, die manchmal viele Jahre in der Vergangenheit liegt. Aus Angst vor einem Machtverlust regiert der ehemalige Revolutionär Daniel Ortega seit der massiven Protestwelle 2018 nicht autoritär, sondern totalitär. Parallel dazu folgt das Land, anders als Kuba, einem durch den Privatsektor geleiteten, marktwirtschaftlichen Kurs und die USA sind, trotz zunehmender chinesischer Präsenz, nach wie vor sein wichtigster Handelspartner. Außerdem verfügt Nicaragua nicht über strategische Naturressourcen wie Erdöl, die eine größere Militäraktion für die USA wirtschaftlich rechtfertigen würden. Die im Exil lebende rechte Opposition, der immer noch nicht gelungen ist, ihre Variante einer Führungsfigur à la María Corina Machado zu finden, wird wahrscheinlich auf große Schwierigkeiten stoßen, um eine erfolgreiche Lobbyarbeit in Washington zugunsten einer direkten Militäraktion zu machen. Damit wird ihre Euphorie nach der Entführung Maduros möglicherweise umsonst gewesen sein.
Dennoch ist Trump bekanntlich unberechenbar, was die vorsichtige Reaktion Ortegas und Murillos nach der Entführung ihres größten Verbündeten erklären könnte. Obwohl die weitere Entwicklung Venezuelas unter der Führung von Rodríguez noch unklar ist, wird die Inhaftierung Maduros das Regime höchstwahrscheinlich schwächen, wenn auch nur diplomatisch und rhetorisch. Allerdings hat das kürzlich wiederholte Abfangen angeblicher Drogenboote durch die salvadorianische Armee für Aufmerksamkeit gesorgt.

Diese kamen, nach Darstellung des salvadorianischen Militärs, von der nicaraguanischen Küste. Das Militär von El Salvador behauptete zudem hunderte Kilo Kokain beschlagnahmt zu haben. Die Aktionen erinnern an das von Trump monatelang konstruierte Narrativ der Bekämpfung des Drogenhandels auf Hoher See, das schlussendlich die Militärintervention legitimieren sollte.
Ungeachtet dessen, dass man keine Klarheit über den Wahrheitsgehalt der Angaben des salvadorianischen Militärs haben kann, hat die nicaraguanische Armee diese Vorfälle und entspre­chende Informationen zu Drogenhandel bestritten. Sie behauptete in einer Erklärung, dass man zudem „keine Maras und keine Drogenkartelle“ im Lande habe. Wenn man an die große Nähe und Kooperation zwischen dem salvadorianischen Präsidenten Bukele und Donald Trump denkt, kann man darüber spekulieren, ob es Zufall ist, dass beides zum gleichen Zeitpunkt stattfindet.
Ortega ist mittlerweile 80 Jahre alt. Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass seine Regierungszeit auf die eine oder andere Weise relativ bald enden wird. Was danach kommt, das fragen sich viele Nicaraguaneri*nnen, kann aber keiner wissen. Doch angesichts der letzten Abmachungen zwischen der US-Regierung und Rodríguez in Venezuela kann man schon vermuten, dass auch in Nicaragua nach einer Verhandlungslösung mit Trump — oder seinem unmittelbaren Nachfolger— gesucht wird. Aus einer solchen Annäherung zwischen einem totalitären System und einem unberechenbaren Imperialisten wird man aber wohl wenig Positives für das nicaraguanische Volk erwarten dürfen.


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Die erblindete Justiz

Endlich frei Nicolás Piña Palomera mit seiner Mutter nach seiner Entlassung im Jahr 2022 (Foto: @bengala.photography)

Nach sechsjähriger Untersuchung stellte das Vierte Strafgericht von Santiago am 13. Januar fest, dass der ehemalige Polizist Claudio Crespo im Rahmen der Demonstrationen im November 2019 mit einer Schrotflinte auf das Gesicht des 21-jährigen Gustavo Gatica schoss und er dadurch vollständig erblindete. Trotz der Schwere der verur­sachten Schäden entschied das Gericht, ihn vom Vorwurf der rechtswidrigen Nötigung freizusprechen, da es der Ansicht war, dass er in Notwehr und verhältnismäßig gehandelt habe, weil das Opfer an Angriffen auf die Polizei beteiligt gewesen sei. Aufgrund des im Jahr 2023 in Kraft getretenen Polizeigesetzes Nain-Retamal sei daher von privilegierter Notwehr auszugehen, so das Gericht.
Crespo wurde im Laufe des Verfahrens zu einem Helden der Ultrarechten in Chile und rief offen zu Gewalt gegen Demonstrierende auf. In Videoaufnahmen sagte er noch als Polizist gegenüber Demonstrierenden: „Wir werden euch die Augen ausstechen“, „Der Scheißkerl soll verbrennen, verbrennen“ oder „Wir müssen all diese Scheißkerle töten“. Er selbst veröffentlichte auf seinem Instagram-Account eine Bildmontage, in der er vor dem Grab von Gustavo Gatica stand. Dazu der Text: „Ruhe in Frieden, du Oktoberprotestler“.
Die Gewalt zu jener Zeit war keine Ausnahme. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden zwischen dem 18. Oktober 2019 und dem 31. März 2020 8.630 Menschen Opfer von Übergriffen durch Staatsbeamte. Das Nationale Institut für Menschenrechte registrierte in nur fünf Monaten 1.234 Opfer von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung, 282 Fälle von sexueller Gewalt, 34 Opfer von Mordanschlägen und 460 Augenverletzungen, die auf den wahllosen und regelwidrigen Einsatz von Einsatzwaffen zurückzuführen sind. Die Gewalt war systematisch. Der Fall Gatica zeigt, dass es auch die Straflosigkeit war: Laut der internationalen Nichtregierungsorganisation Amnesty International kam es bei 11.506 Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen in gerade einmal 1,9 Prozent der Fälle zu einer effektiven Verurteilung der Täter*innen.

Mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen und vollständig erblindet

Mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen und vollständig erblindet

Die Folgen der Repression und Straflosigkeit, das Fehlen von Wiedergutmachungen und Garantien für eine Nicht-Wiederholung haben bleibende Schäden hinterlassen. Bis heute sind die Selbstmorde von mindestens fünf Überlebenden der damaligen Menschenrechtsverletzungen bekannt: Sebastián Méndez Ortega, Patricio Pardo Muñoz, Milo Muñoz, Jonathan Vega Araya und Jorge Salvo Alarcón sowie David Gómez Valenzuela, ein politischer Gefangener der Revolte. Im Gegensatz zur Freisprechung der Polizeibeamten wurden zahlreiche Demonstrantinnen zu schweren Strafen verurteilt. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Ein paradigmatischer Fall ist der von Nicolás Piña Palomera, der 2021 beschuldigt wurde, einen Molotowcocktail auf ein Polizeifahrzeug geworfen zu haben. Obwohl bei ihm keine Spuren von Brandbeschleuniger entdeckt werden konnten, berief sich die Anklage auf Zeugenaussagen verdeckter Ermittler. Piña blieb 14 Monate in Untersuchungshaft und wurde nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 20 Millionen Pesos unter Hausarrest gestellt. Im Jahr 2023 wurde er wegen versuchten Mordes an Polizist*innen im Dienst zu sieben und wegen des Werfens eines Brandbeschleunigers zu drei Jahren Haft verurteilt, woraufhin er bis zu seiner erneuten Festnahme im Dezember 2025 auf der Flucht blieb.
Das autoritäre Handeln des chilenischen Staates ist Teil der politischen Kultur des Landes, fast unabhängig von der politischen Ausrichtung einer Regierung. Es dient schlichtweg der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Das seit 1958 existierende Gesetz zur inneren Sicherheit des Staates ermöglicht es Regierungen bis heute, soziale Bewegungen und ihr Handeln zu kriminalisieren. Durch die reine Entscheidung des Präsidenten kann das Gesetz auf jegliches „illegale” Handeln, wie etwa Straßen­blockaden, angewendet werden. Bei seiner Anwendung wird das Strafmaß deutlich erhöht. Internationale Menschenrechtsorganisationen und die UN kritisierten das Gesetz wiederholt, da es der Gleichbehandlung widerspricht.
Doch ein Teil der chilenischen Gesellschaft fordert diese Polizeigewalt sogar ein. Wobei die ständige Fokussierung der Medienberichterstattung auf die Alltagskriminalität eine zentrale Rolle spielt. Die scheidende Regierung von Gabriel Boric hatte einst versprochen, die Menschenrechtsverletzungen von 2019 aufzuarbeiten. Nun wurden unter ihr selbst zwei Gesetze in die repressive Richtung verabschiedet: Ein Gesetz zur schnellen Räumung von besetzten Landstrichen sowie das Polizeigesetz Nain-Retamal, dass der Polizei mehr Raum zur „Selbstverteidigung” gibt und Gewalt gegen Polizist*innen härter bestraft.
Ironischerweise hat die fehlende Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen von 2019 der neuen rechtsextremen Regierung unter José Kast den Weg bereitet, um mit aller Härte gegen Demonstrierende vorzugehen. Mit einem in sozialen Fragen stramm rechten Ministerialkabinett, hat Kast bereits vor der offiziellen Amtsübergabe gezeigt, dass er es Ernst meint. Wie wird die Polizei auf eine zweite Revolte reagieren, wenn sie weiß, dass sie straflos davonkommt? Die bisherige Tendenz lässt Böses erahnen.


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Zwischen Kakao und Bergbau

Zunehmende Militarisierung Kriminalisierung des Widerstands in der Gemeinschaft nimmt zu (Foto: Frente Cantonal de Defensa del Agua y la Vida Las Naves)

Die Genehmigung zum Abbau von Kupfer, Gold, Zink und Silber durch Curimining S.A veränderte die Landschaft und die sozialen Beziehungen. Mit dem Bergbau zog der beschränkte Zugang zu Land und eine zunehmende Militarisierung und Kriminalisierung des Widerstands ins Gemeinschaftsleben ein. Anonyme Quellen melden einen Zerfall des sozialen Gefüges.
„Wir produzieren alles hier”, erzählt Juan, einer der Kleinbäuer*innen aus dem Kanton. Begünstigt durch ein subtropisches Klima wachsen Kakao, Kaffee, Reis, Bananen und Zitrusfrüchte auf fruchtbaren Böden. Die strategische Lage der Region ermöglicht die Versorgung der Küste und der Berge. Rund 60 Prozent der Fläche von Las Naves werden landwirtschaftlich genutzt. In diesem Sinne handelt es sich um ein produktives und lebendiges Territorium, das in die Lebensmittel- wirtschaft des Landes integriert ist und nicht darauf wartet, „entwickelt” zu werden. Kakao spielt eine zentrale Rolle. Die aus Las Naves stammenden Pflanzen sind für die Wiederbepflanzung von CCN-51-Kakao geeignet. Die hohe Produktivität und Resistenz dieser Sorte gegen Schädlinge bewiesen sich als essenziell für die Wirtschaft von Kleinbäuerinnen. Hinzu kommen Wasserquellen, die die Flussgebiete bis zur Küstehin versorgen. Die Verwaltung des Wassers erfolgt durch Gemeindeverbände, die es als Gemeingut und nicht als Ware betrachten. Ernährungs- und Wassersouveränität sind keine abstrakten Konzepte, sondern tief verwurzelte Alltagspraktiken.
Doch inzwischen bieten die kleinen Läden im Kanton hauptsächlich importierte Produkte aus Asien an, die dem Konsum der Arbeitskräfte von außerhalb dienen. Der Zugang zu Land ist beschränkt und überwacht. Die herkömmliche Nutzung des Landes, welche die Grundlage der bäuerlichen Landwirtschaft darstellt, wird durch Zäune, Kontrollen und andere Beschränkungen verdrängt. Somit besetzt der Bergbau das Territorium und definiert auch neu, wer wo und wie dort leben darf.

Eine Region, die das Land versorgt


Curipamba – El Domo wird voraussichtlich mindestens zehn Jahre lang in Betrieb sein, mit einer täglich geschätzten Produktion von 1.800 Tonnen und einer Fläche von 21.537 Hektar. Die Konzession gehört Curimining S.A. Das Unternehmen ist mit der Nobis-Gruppe verbunden. Das Konglomerat steht unter der Leitung von Isabel Noboa, der Tante des derzeitigen Präsidenten Daniel Noboa. Im Jahr 2019 erwarb die Nobis-Gruppe Anteile an dem kanadischen Bergbauunternehmen Adventus Mining Corporation. Derzeit treibt das Unternehmen zwölf Bergbauprojekte in fünf Provinzen Ecuadors voran. Laut der lokalen Medienplattform Wambra umfassen diese Konzessionen eine Fläche von rund 135.000 Hektar, was fast einem Drittel der Stadt Quito entspricht.
Der Bergbaukonflikt in Las Naves ist nicht neu. 1991 kam das Unternehmen RTZ in die Provinz Bolívar, um geologische Untersuchungen zu machen. 1993 vertrieb die Bevölkerung die Techniker*innen. Der damalige Widerstand ist noch immer lebendig und erklärt zum Teil die derzetige Ablehnung des Projekts.
Die staatliche Reaktion auf die Ablehnung des Projekts durch die Gemeinde führte zur Kriminalisierung dieses Widerstands. Wegen Straftaten, wie Verletzung des Privateigentums, wurden soziale Anführer*innen vor Gericht gebracht. Am 11. Februar 2025 wurden drei Gemeindevorsteher*innen zu drei Jahren Haft verurteilt; am 20. Februar erhielten sechs weitere Verteidiger*innen vierjährige Haftstrafen. Hinzu kommt direkte Repression: Nach der Ablehnung einer als illegitim angesehenen Umweltbefragung, griff am 14. Juli 2023 die Nationalpolizei in den Kanton ein. Dreizehn Menschen wurden verletzt und zwei festgenommen. Dabei kamen Tränengas, Schrotkugeln und Gummigeschosse zum Einsatz.
Ein Teil der Bevölkerung bezeichnet sich als Indigen. Der Kern des Konflikts liegt daher auch daran, dass keine freie und informierte Konsultation gemäß dem Übereinkommen 169 der ILO stattfand. Es gab weder Vereinbarungen über das Verfahren noch die Anerkennung der Gemeindebehörden. Darüber hinaus fand die Umweltkonsultation innerhalb von dreizehn Tagen statt. Das war zu wenig Zeit, um die technischen Aspekte zu diskutieren. Weit entfernt von einem Raum der Beratung, fungierte die Konsultation als beschleunigtes Verfahren, das eher auf die Einhaltung von Verwaltungsfristen als auf die Gewährleistung von Rechten ausgerichtet war. Auch der physische Raum, in dem dieser Prozess stattfand, gibt zu bedenken. Die Konsultation wurde von einer Gemeindepolizeieinheit (UPC) begleitet durchgeführt. Zäune, Stacheldraht und die starke Polizei- und Militärpräsenz hinderten Dutzende von Einwohner*innen daran, teilzunehmen. „Wir wollten rein, wir wollten befragt werden, wir wollten Teil des Prozesses sein, aber sie haben uns nicht gelassen”, berichtet Lucía, ein Gemeindemitglied aus dem Kanton.

Keine freie Konsultation zuvor


Dieser Prozess fällt unter das Exekutivdekret 754, das am 31. Mai 2023 vom damaligen Präsidenten Guillermo Lasso erlassen wurde. Das Dekret ändert die Umweltvorschriften, um die Erteilung von Genehmigungen zu vereinfachen. Obwohl das Dekret vom Bündnis der indigenen Nationalitäten Ecuadors (CONAIE) und der Nationalen Front gegen den Bergbau (FNA) angefochten wurde, begannen die Konsultationen in Las Naves und Sigchos. Später erklärte das Verfassungsgericht Ecuadors das Dekret für verfassungswidrig, da es seiner Ansicht nach gegen den Grundsatz der Gesetzesvorbehaltsklausel verstieß und das Recht auf Konsultation verwässerte. Das Gericht stellte klar, dass Indigene Völker nicht zu gewöhnlichen Umweltkonsultationen verpflichtet werden können und dass keine Genehmigung ohne gültige Konsultation erteilt werden darf. Zu diesem Zeitpunkt war die Umweltgenehmigung jedoch bereits erteilt.
Die Lage in Las Naves ist angespannt. Einige Familien schweigen, um weitere Repressalien zu vermeiden. Einige Versammlungen werden weiterhin organisiert, Netzwerke zur finanziellen Unterstützung und zur rechtlichen Verteidigung gebildet. Die Verteidigung des Territoriums umfasst nun auch die Verteidigung des Körpers, des Alltagslebens und die Möglichkeit auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Dieser Konflikt wirft die Frage nach dem Entwicklungsmodell für das Land auf. Ecuador genießt internationale Anerkennung für seine Biodiversität, seine kulturelle Vielfalt und seine Landschaft. Das Andenland hat das Potenzial, sich als Tourismus- und insbesondere als Ökotourismus-Hochburg zu etablieren. Warum man weiter an einem Modell festhält, das Gebiete und Wasserquellen gefährdet, anstatt auf nachhaltige Investitionen im Tourismusbereich zu konzentrieren, ist fraglich. Man könnte Arbeitsplätze schaffen, ohne die Lebensgrundlage zu zerstören. Soll Ecuador weiterhin das Roulette von Leben und Tod in seinen Gebieten spielen und eine ausbeuterische Agenda durchsetzen, von der offenbar nur bestimmte Wirtschaftsgruppen profitieren, oder kann es sich einen anderen Entwicklungshorizont vorstellen? In Las Naves ist diese Frage nicht abstrakt. Sie äußert sich in strafrechtlich verfolgten Menschen, militarisierten Gemeinden und fruchtbarem Land, das zu einer Opferzone geworden ist.


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„Das ist ein Problem der ganzen Welt”

In Mocoa gibt es seit vielen Jahren massiven Widerstand gegen die Eröffnung einer Kupfermine durch den kanadischen Rohstoffkonzern Copper Giant. Wie versucht die Firma diesen Widerstand zu brechen?

Sie verfolgen eine sogenannte „Good-neighbour“-Strategie, verknüpft mit dem Versprechen „Fortschritt“ in die Region zu bringen. Sie gehen in die Gemeinden und fragen: „Was braucht ihr? Einen Sportplatz? Einen Anschluss ans Abwassersystem?” Weil die Gemeinden viele dieser grundlegenden Dinge nicht haben, nutzt die Firma das aus und baut dann einen Sportplatz. Beim Fußballturnier sponsert die Firma die Trikots und schießt am Ende des Spiels Fotos, die sie danach zusammen mit Videos in den sozialen Medien hochlädt. Sie kaufen mit Geld das Gewissen der Leute und plötzlich merken wir, die den Widerstand gegen die Mine organisieren, dass Nachbar*innen anfangen, uns abzulehnen, weil sie „den Fortschritt“ wollen. So entsteht ein sozio-ökologischer Konflikt, der sich immer weiter vertieft mit Unterstützung von lokalen und nationalen Medien. Auch viele, die für die Firma arbeiten, sehen uns skeptisch. Dabei haben wir nichts gegen die Arbeiter*innen oder dagegen , dass jemand Fußballtrikots und einen Ball bekommt. Wir sind gegen dieses Monster – die Kupfermine.

Pueblo Viejo ist eines der Viertel von Mocoa, in denen viele Bewohner*innen für die Mine arbeiten und die Eröffnung der Mine unterstützten. Doch dann kippte die Stimmung und jetzt ist dort eines der Zentren des Widerstands. Wie kam es dazu?

Die Firma hatte dem Viertel viel versprochen – ein neues Abwassersystem und eine Verbesserung der Straßen. Doch dann passierte lange nichts und es kam zu Protesten. Zunächst einmal, um einzufordern, dass die Firma ihre Versprechen einhält. Dann wurden wir als Gruppe sogar zum Jubiläumsfest des Stadtviertels eingeladen. In den letzten Jahren hatte das die Bergbaufirma organisiert. Als wir die Einladung erhielten, waren wir erst skeptisch. Bei unserer letzten Aktion in Pueblo Viejo kam ein Nachbar, riss eines unserer Schilder ab und warf es auf den Boden. Aber dieses Mal war alles anders. Es war sehr schön und liebevoll. Wir kamen mit Jugendlichen, Müttern und Organisationen aus Pueblo Viejo zusammen. Die mayores, die Älteren, erzählten davon, wie sie ins Viertel gekommen sind, wie der Fluss früher aussah, wie sie dort fischten, dass sie beim Bau der ersten Häuser Spuren von früheren Dörfern unserer Vorfahren gefunden haben. Sie brachten Fotos von früher mit, aus denen wir dann eine Ausstellung gestalteten. Viele Familien erinnerten sich gemeinsam, umarmten sich, weinten und vergaben sich. Das Viertel wirkte wieder vereint. Es war wunderbar, das Lächeln der Menschen zu sehen, wenn sie von den Bergen und dem Fluss im Dorf sprachen. So ist dann auch das „Zelt des Widerstands“ in Pueblo Viejo entstanden, ein Camp, in dem viele gemeinsame Aktivitäten stattfinden, zum Beispiel gibt es eine Gruppe von Graffiti-Künstler*innen, die Wände im Dorf bemalen Diskussionsveranstaltungen und wir als guardianes de la Andinoamazonía (dt.: Wächter der Anden-Amazonas­-Region) haben dort das Festival der Berge, des Wassers und des Lebens veranstaltet.
Die Bewohner*innen von Pueblo Viejo sagen mittlerweile „Nein“ zur Bergbaufirma, unabhängig davon, ob die Firma ihre Versprechen noch einlöst oder nicht. Denen glauben sie nicht mehr.

Wie positioniert sich die Regierung zum Widerstand gegen die Mine und zum Kupferbergbau in Mocoa insgesamt?
Der aktuelle Bürgermeister von Mocoa sagt im Prinzip gar nichts. Auch viele weitere Aufforderungen von uns an die lokalen, regionalen und nationalen Regierungen, die Mine zu stoppen, verhallen. Es gibt ständig Sitzungen, Gespräche, Berichte, aber nichts passiert. Weder die Umweltschutzbehörden noch das Umweltministerium werden wirklich aktiv. Ich finde, das müsste mittlerweile zur Chefsache werden und der Präsident müsste den Schutz unseres Territoriums durchsetzen. Aber man hat nicht das Gefühl, dass es ihn besonders interessiert. Ich weiß nicht, worauf da noch gewartet wird. Einer der vier Bergbautitel, die das Unternehmen hält, ist bereits in die erste Abbauphase übergegangen.

Könnte internationaler Druck helfen, damit der Kupferbergbau in Mocoa gestoppt wird?
Das war für mich der Grund, jetzt nach Europa zu reisen, um hier Unterstützung zu finden. Damit die Menschen hier verstehen, dass das, was in unseren Bergen im Putumayo in der Amazonasregion passiert, auch in Europa negative Auswirkungen haben wird. Und dass man versteht, dass wir als Menschen körperlich eng mit der Natur verbunden sind. Was wird aus unseren Kindern und Enkeln werden? Ich habe hier eine Kita besucht und mich gefragt: Was machen die Eltern dieser Kinder gegen die Klimakrise? Was tun sie dafür, damit ihre Kinder die Chance haben, gute Luft zu atmen, sauberes Wasser zu trinken?

Wie könnte so eine Unterstützung des Kampfs gegen die Mine in Mocoa aussehen?
Mein Anliegen hier war, dass zum Beispiel Universitäten oder Forschungsinstitute etwas für den Umweltschutz tun, mit uns zusammenarbeiten und den Kontakt zu den kolumbianischen Umweltbehörden suchen. Studien, Wasser- oder Bodenuntersuchungen über die Umweltauswir­kungen einer solchen Mine könnten sehr hilfreich dabei sein, unsere heiligen Berge zu verteidigen. Wir haben die Worte unserer Alten, die sagen, dass das ein heiliges Land ist, das man nicht zerstören darf. Wir wissen, dass der Andenbär leidet, dass die Berge mit uns reden, wir verstehen diese Sprache. Aber sie – die Institutionen – verstehen das nicht. Deswegen brauchen wir das Wissen von Wissenschaftler*innen und ihre Studien, um unseren Kampf zu unterstützen.

Die Pläne zur Kupfermine wirken wie ein neues Kapitel einer langen Geschichte der kolonialen, extraktivistischen Ausbeutung im Putu­mayo und der ganzen Amazonasregion. Wiederholt sich die Geschichte jetzt?
Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verurteilt, sie noch einmal zu erleben. Wir dürfen nicht vergessen, was im Putumayo passiert ist. Erst kamen sie wegen des Kautschuks, dann wegen des Erdöls, jetzt ist es Kupfer. Wir als Bewohner*innen von Mocoa dürfen nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber das ist nicht nur ein Problem von Mocoa, nicht nur des Putumayo, nicht nur Kolumbiens, sondern der ganzen Welt. Wie lange noch werden diese extraktivistischen Firmen so viel menschliches Leid verursachen? Wir dürfen nicht nur an uns selbst denken, egoistisch sein. Wir müssen an die denken, die nach uns kommen.


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Vergiftet durch Quecksilber

Folgen des Bergbaus: Verschmutzter Fluss in Samaipata, Bolivien (Foto: JanC.Beck vie Flickr CC BY2.0)

„Es gibt kein Territorium, das vor dem Bergbau sicher ist und nicht von Verschmutzung betroffen ist“, erklärt Miriam Pariamo, Indigene Anführerin im Madidi, im bolivianischen Amazonasgebiet – ein Gebiet, das vom Bergbau bedroht wird. In den letzten zehn Jahren hat der Bergbau in den Flüssen stark zugenommen und damit auch der Einsatz von Quecksilber für die Goldgewinnung. Die Indigenen werden durch das Metall vergiftet – über den Boden, auf dem sie ihre Nahrungsmittel anbauen, und über die Fische, die sie aus den Flüssen fischen. Die Vorsitzende der Gemeinde San José de Uchupiamonas, die im Herzen des Madidi liegt, eines der biodiversitätsreichsten Reservate der Welt, ist Zeugin der Verschmutzung der Flüsse durch Quecksilber. Laut der Weltgesundheitsorganisation gehört dieses Element zu den zehn giftigsten Chemikalien für die öffentliche Gesundheit und ist ein besonders schädlicher Umweltverschmutzer. Die giftige Substanz wird sowohl im handwerklichen Bergbau als auch beim Goldabbau aus Flussablagerungen eingesetzt. Sie wird mit Goldstaub vermischt und bildet eine sogenannte Amalgam­verbindung. Diese wird anschließend aus dem Schlamm entfernt. Danach wird das Gemisch angezündet, das Quecksilber verbrennt an der Luft und die Winde verteilen die Rückstände im Wald und vergiften so die Pflanzen, Tiere und Menschen. Pariamo beobachtet machtlos die riesigen Bagger der Bergbaukooperativen entlang der Einzugsgebiete der Flüsse Beni und Madre de Dios, die ihre Flussläufe umleiten, die Erde aufwühlen, abholzen, ganze Hügel zerstören und die Flüsse mit Quecksilber kontaminieren. Letztlich verursachen sie eine Veränderung des gesamten Ökosystems. Die Indigenen, die an den Ufern der Flüsse leben, sind am stärksten gefährdet, weil die Umweltverschmutzung und die Verschmutzung des Wassers ihre wichtigste Tätigkeit, die Fischerei, bedrohen. Sie ist die Grundlage ihrer Ernährung; einst bedeutete sie Leben, heute steht sie für einen fortschreitenden Tod. „Wir können den Fisch jetzt nicht mehr essen, weil alles kontaminiert ist“, beklagt Pariamo, die durch das Land reist und anprangert, dass der bolivianische Staat seiner Verantwortung ausweicht, die Indigenen Völker vor dem Goldbergbau zu schützen. Auch Oscar Campanini, Direktor des Dokumentations- und Informationszentrums Boliviens (CEDIB), bestätigt: „Die Goldgewinnung erfolgt auf Kosten der Vergiftung der Indigenen, deren Ernährungsgrundlage der kontaminierte Fisch aus den Flüssen ist.“ Die Schlussfolgerungen sind nicht empirisch, sondern wissenschaftlich und beruhen auf Proben und Analysen von Haaren und Blut, um das Vorhandensein von Quecksilber im Organismus der Menschen festzustellen, die in Indigenen Gemeinschaften leben, die von der Verschmutzung betroffen sind.

Ein Schrei, den niemand hört


Eine Pilotstudie, die 2023 vom CEDIB, der Universidad Mayor de San Andrés und der Universidad de Cartagena (Kolumbien) in den Einzugsgebieten der Flüsse Beni und Madre de Dios durchgeführt wurde, stellte den Gesundheitszustand von Frauen im gebärfähigen Alter anhand von Haarproben sowie hämatologischen, biochemischen und geno­toxikologischen Analysen fest. Professor Jesús Olivero von der Universidad de Cartagena erklärt, dass die Studie Folgendes aufdeckte: „Ungefähr neun von zehn der untersuchten Frauen Quecksilberwerte im Haar aufweisen, die über den international empfohlenen Werten liegen, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.” Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass drei von vier Frauen aufgrund ihrer Quecksilberbelastung Werte aufweisen, die ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko darstellen. In gesundheitlicher Hinsicht „leiden die Frauen unter verschiedenen medizinischen Problemen aus biochemischer Sicht“. Die Verschlechterung der Gesundheit der Menschen kann kurz-, mittel- oder langfristig auftreten. Auch wenn die Ergebnisse „nicht überwältigend sind“, stellen sie doch einen „Weckruf“ an die Behörden dar, damit sie Maßnahmen ergreifen – nicht nur Vorschläge, sondern Lösungen. Es ist nicht die einzige Studie. Im Jahr 2022 legte die staatliche Ombudsstelle Defensoría del Pueblo den Bericht „Stand der Umsetzung und Einhaltung des Minamata-Übereinkommens über Quecksilber (2017–2022)“ vor. Darin wird deutlich, dass das freigesetzte Quecksilber in den Flüssen, in denen Goldbergbauaktivitäten stattfinden, in den Organismus von Fischen gelangt. Diese werden wiederum von Indigenen Gemeinschaften wie den Ese Ejja, Leco, Tacana und Pacahuara konsumiert und schädigen damit in direkter Weise ihre Gesundheit und ihre Umwelt. Eine weitere Studie wurde von einer Organisation in Auftrag gegeben, die Indigene Völker unter dem Namen Central de Pueblos Indígenas de La Paz (CPILAP) vereint, und in Zusammenarbeit mit der Universidad Mayor de San Andrés durchgeführt. Sie ergab, dass sechs Indigene Völker im Norden von La Paz von einer Quecksilberverseuchung betroffen sind, die die erlaubten Grenzwerte um das Zwei- bis Siebenfache überschreitet. Am stärksten betroffen sind die Tsimanes und die Ese Ejjas. Auf Grundlage dieser Beweise fällte das zuständige Gericht für verfassungsmäßige Garantien ein „historisches“ Urteil zugunsten der Indigenen und bestimmte, dass die staatlichen Stellen illegale Bergbauaktivitäten sowie solche ohne Umweltlizenz einstellen und sich zudem der Vergabe neuer Verträge enthalten. Nichtsdestotrotz sind die Bergbauunternehmen weiterhin tätig. „Für die Indigenen, obwohl sie die Klage vor Gericht gewonnen haben, um die Präsenz von kooperativen Goldabbauern zu stoppen, wird das Urteil bis heute nicht in seinem tatsächlichen Ausmaß umgesetzt“, kritisiert Campanini. Armut ist ein prägendes Merkmal der Indigenen Völker, die in den Randgebieten der Flusseinzugsgebiete leben, und nur eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Trinkwasser haben. Ihr Einfluss auf die politische Macht ist minimal, obwohl sich der Staat als plurinational definiert. „Es ist uns definitiv nicht gelungen, dass der Staat der öffentlichen Gesundheit besondere Aufmerksamkeit schenkt, denn betroffen sind nicht nur die Indigenen Völker. Es ist das maßlose Wach tum des legalen, vor allem aber des illegalen Bergbaus, das zahlreiche Indigene Völker, die im Amazonasgebiet leben, gefährdet“, kritisiert der Indigene Anführer Álex Villca von der Nationalen Koordinierungsstelle zum Schutz Indigener Gebiete, bäuerlicher Territorien und Schutzgebiete (Coordinadora Nacional de Defensa de Territorios Indígenas Originarios Campesinos y Áreas Protegidas, kurz CONTIOCAP).

Das Quecksilber, das vergiftet


Der genossenschaftliche Goldbergbau in Bolivien erlebt ein rasantes Wachstum. Die Hauptgründe dafür sind: Der Mangel an nachhaltiger Beschäftigung und eine Informalität von 80 Prozent, der hohe Preis des Edelmetalls auf dem internationalen Markt sowie die Flexibilität der Regierung bei der Durchsetzung von Normen. Diese Ausweitung erfolgte insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten der Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS). Im Jahr 2025 wuchs die Zahl der Bergbaukooperativen von 800 auf 3.100, von denen sich 2.500 der Goldförderung widmen. Die größte Konzentration – 1.800 – befindet sich in der Andenregion La Paz im Osten Boliviens. Die Mehrheit operiert ohne Lizenz oder Genehmigung. Das Wachstum ist mit einer politischen Allianz der Regierungen der ehemaligen Präsidenten Evo Morales Ayma (2006–2019) und Luis Arce Catacora (2020–2025) mit den Menschen aus dem Goldbergbausektor verbunden. Sie verfügten über Vertretung in der Legislativversammlung und in den Regierungsebenen, das heißt, über politische Macht, um eine Reihe von Konzessionen auszuhandeln und Gold ohne Kontrolle und Aufsicht zu fördern. Der Preisboom hat einen regelrechten „Goldrausch“ ausgelöst. Alle wollen das Edelmetall abbauen. Die Feinunze wird derzeit zu 4.893 US-Dollar gehandelt (31.01.2026), während sie vor 20 Jahren noch bei 400 Dollar lag. „Zu diesem Faktor kommt noch die parteipolitische Rolle hinzu, die die Bergbaukooperativen übernommen haben“, erklärt der Forscher Alfredo Zaconeta. Allein im Jahr 2021 beliefen sich die Goldexporte auf 2,7 Milliarden US-Dollar; 2022 wurden über 3 Milliarden verzeichnet; 2023 sank der Wert auf 2,4 Milliarden, blieb aber weiterhin hoch. Das Paradoxe daran – so der ehemalige Präsident der staatlichen Bergbau­gesellschaft Boliviens und Fachmann auf diesem Gebiet, Héctor Córdova – ist, dass der Staat aus Lizenzgebühren und Steuern lediglich rund 63 Millionen US-Dollar erhält. „Das müsste den bolivianischen Staat dazu veranlassen, Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen zu mindern“, sagt Villca von CONTIOCAP. Gleichzeitig ist er jedoch überzeugt, dass die Indigenen Völker für den Staat lediglich als „politische Fahne“ gedient haben, um internationale Anerkennung zu erlangen. Indigene müssen „durch geeignete Verfahren und insbesondere über ihre Institutionen konsultiert werden, wann immer gesetzgeberische oder administrative Maßnahmen geplant sind, die sie betreffen könnten“, legt die bolivianische Verfassung klar fest. Und auch im Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ist das Recht auf tatsächliche Beteiligung an Entscheidungen, die sie betreffen, verankert. „Die rechtlichen Schritte, die von Indigenen Völkern eingeleitet wurden, haben zwar zu einem günstigen Urteil geführt, doch in der Praxis hatten sie keine tatsächliche Wirksamkeit“, protestiert Villca mit Blick auf die Nichtumsetzung Indigener Rechte. Zaconeta weist in dieser Analyse auf die Auswirkungen des Bergbaus auf zwei weitere Elemente hin: Neben den massiven ökologischen und menschlichen Schäden werden Indigene durch die Umstände gezwungen, ihre Tätigkeit zu ändern und selbst zu Bergleuten zu werden, wodurch sie sich von ihrer Kultur, ihren Traditionen und ihrer Verbindung zur Natur entfernen. Das Eindringen der Bergleute in Indigene Territorien, der Druck auf Indigene, die Goldförderung zu genehmigen, und die Armut werden zu entscheidenden Faktoren dafür, dass Indigene in die Bergbauaktivitäten hineingezogen werden. Miriam Pariamo ist der Ansicht, dass die einzige Möglichkeit, um das Eindringen des Bergbaus in ihre Territorien zu verhindern, der „Kampf“ und „Widerstand“ gegen eine extraktivistische Politik ist, die mit staatlicher Billigung gewachsen ist. „Wir fordern die Einhaltung der Rechte Indigener Völker, den Respekt ihrer Organisationsstrukturen und ihrer Territorien sowie die Ablehnung von Kontamination und Zerstörung der Umwelt“, mahnt sie.


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Das „Juwel“ der
 Colonia Dignidad

Fundierte Recherchen sind der Schlüssel zur Aufarbeitung – auch im Fall der Colonia Dignidad. Wer verstehen will, wie diese trotz Zwangsarbeit, sexualisierter Gewalt, Folter und Verschwindenlassens über Jahrzehnte bestehen konnte, findet Antworten in Das Krankenhaus der Colonia Dignidad von Evelyn Hevia Jordán. Die chilenische Historikerin und Psychologin untersucht in dem auf ihrer Dissertation beruhenden Buch die komplexe Rolle des Krankenhauses der deutschen Siedlung und schafft auf beeindruckende Weise, es mit dem nötigen Tiefgang einerseits als medizinische Einrichtung und andererseits als Ort der Repression zu betrachten.

Sie beleuchtet die Geschichte von der Gründung 1963 als kleines „Gesundheitszentrum am Fuße der Anden in Parral, das seinen Betrieb ohne die entsprechenden Genehmigungen“ aufnahm, bis zur Schließung 2005. In der ländlichen Region in Zentralchile mit einer mangelhaften Gesundheitsversorgung hatte das Krankenhaus eine bedeutende Funktion der medizinischen Versorgung. Das „Modellkrankenhaus“, das ein deutscher Konsularbeamter 1977 als das „Juwel“ der Siedlung bezeichnete, stand somit für die scheinbar karitative Arbeit der damals offiziell als Wohltätigkeitseinrichtung registrierten Colonia Dignidad. Tatsächlich wurden Angehörige der Sied­lungs­gemeinschaft und Chileninnen aus der Umgebung im Krankenhaus behandelt – finanziert allerdings durch das staatliche Gesundheitssystem. Gleichzeitig, so Hevia Jordán, wurde das Krankenhaus „zum wichtigsten Faktor, um kriminelle Tätigkeiten zu verschleiern und das System von Kontrolle und Repression zu verfeinern“. Sie beschreibt systematische Misshandlungen von Bewohnerinnen der Siedlung, sogar Kindern, mit Psychopharmaka und Elektroschocks. Auch geht sie auf die betrügerischen Zwangsadoptionen von chilenischen Kindern durch deutsche Eltern ein.

In einem eigenen Kapitel untersucht die Autorin die Rolle des Krankenhauses im Kontext der chilenischen Diktatur (1973–1990). So wurden Schusswaffen aus Deutschland in Sauerstoffflaschen versteckt, als medizinische Lieferungen und Spende für das Krankenhaus deklariert an die Colonia Dignidad geliefert. Laut Aussagen von Zeuginnen wurden politische Gefangene, als Patientinnen getarnt, klandestin im Krankenwagen transportiert. Prominente Persönlichkeiten der Diktatur wurden im Krankenhaus behandelt.

Diese an Fakten, Fotos und Quellen reiche und gleichzeitig gut lesbare Analyse ist ein Eye-Opener für geschichtlich interessierte Leserinnen und erklärt, wie Menschen terrorisiert und gleichzeitig Narrative der Wohltätigkeit konstruiert wurden. Abschließend geht die Autorin auf die heutige Situation ein. Nach der Einstellung des Krankenhausbetriebs 2005 wird das Gebäude heute als Pflegestation für ältere Bewohnerinnen der Siedlung benutzt, die sich inzwischen Villa Baviera nennt. Bis heute gibt es dort keine Gedenkstätte und kein Dokumentationszentrum. Doch die inhaltliche Basis dafür liefern Forschungen und Bücher wie das von Evelyn Hevia Jordán, das auf Deutsch bei Herder und auf Spanisch zusammen mit Büchern von Jan Stehle und Meike Dreckmann-Nielen in einer Reihe des chilenischen LOM-Verlags erschienen ist.


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Die Macht der unheimlichen Schwestern

Sole Otero // Hexenkunst // Aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner

„So läuft es jedes Mal. Immer zuerst die Katzen“, stellt María Fátima fest. Nach einem Angriff wütender Anwohner des nahegelegenen Dorfes hängen ihre Katzen tot am Zaun. María wohnt mit ihren gleichnamigen Schwestern und dutzenden herumhuschenden Katzen in einem unheimlichen Anwesen. Viel wichtiger als die Katzen ist für die drei Marías aber ein obskurer Ziegenbock. Mit diesem erreichen sie 1768 das heutige Buenos Aires. Mehrere Jahrhunderte später geht es der Ziege nicht gut. Voller Sorge versuchen sie, das mysteriöse Tier am Leben zu halten.
In neun Geschichten erzählt Sole Otero in Hexenkunst aus der Perspektive von Menschen, deren Leben sich durch den Einfluss der drei Schwestern entscheidend verändert. Es sind finstere Fantasien und fantastische Traumwelten über in Trance versetzte Männer, die jegliche Kontrolle über ihren Sexualtrieb und später ihre Potenz verlieren, verschwindende Waisenkinder und drei Frauen mit unheimlichen Mächten.
Im Original heißt der neue Comic der argentinischen Zeichnerin und Autorin Walicho, ein Begriff aus dem Mapudungun, der einen Dämon bezeichnet. „Im argentinischen Lunfardo-Jargon wird der Begriff als Fluch oder Verwünschung durch schwarze Magie oder dunkle Mächte verwendet“, heißt es in einer vorangestellten Erläuterung. Nach dem autofiktionalen Naphtalin ist dies der zweite Comic von Sole Otero, der übersetzt von Lea Hübner im Reprodukt Verlag erscheint.
Die drei Marías legen sich mit den Bollwerken patriachaler Mächte an. Sie geben der Machi Ailín, einer Heilerin der Indigenen Mapuche, die mit ihrem Kleinkind fliehen musste, Zuflucht. Gemeinsam unterstützen sie bei Geburten und Abtreibungen – und erleben den Hass der mächtigen Männer der Umgebung. Dabei bleibt ihre Rolle ambivalent. Denn unter den Jungen, die sie um sich scharen, sind nicht nur Waisenkinder, manche sind auch geraubt. Und wehe denen, die zu neugierig sind.
Im Buenos Aires der Gegenwart spielt die Geschichte von Belén, die seit drei Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat. Der freundliche Tierarzt, der für ihre Katze da war, schreibt immer zudringlicher von seinen seltsamen Adoptivtanten, die ihn bedrohen und einer kranken Ziege. Wirken diese Geschichten zunächst unzusammenhängend, werden doch Fäden in anderen Geschichten immer wieder aufgenommen.
Sole Otero begann ihre zeichnerische Karriere zunächst mit der Illustration von Kinderbüchern. Das meint man in ihrem Stil wiederzuerkennen: ihre Figuren ähneln, auf das Wesentliche reduziert, manchmal Marionetten – und trotzdem beunruhigend, keinesfalls kindlich. Ein Spiel mit Größenverhältnissen verbildlicht das Machtgefälle in all den Beziehungen, deren Fragilität der Einbruch der „Hexen“ oft deutlich macht. In meist finsteren Farben und verschiedenen Rottönen, baut sich eine Spannung auf, die die verschiedenen Erzählformen zu halten vermögen: eine Geschichte spielt sich überwiegend in Messen­ger-Nachrichten ab, eine andere ist dem kindlich gezeichneten Tagebuch einer 13-Jährigen entnommen. Hexenkunst ist ein rätselhafter Comic, spannend wie ein Thriller, der trotz seines gewaltigen Umfangs von 376 Seiten zum Verschlingen einlädt.


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DEN BLICK DURCH DAS KINO DEKOLONISIEREN

Valery Rojas Caro (Foto: Privat)

Was hat dich dazu inspiriert, La Sur Real zu gründen, und warum in Berlin?
La Sur Real ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren gemeinsamer Arbeit mit Freund*innen, Verbündeten, Menschen aus der Diaspora und auch mit Deutschen, die uns geholfen haben, eine Brücke zwischen Lateinamerika und Europa zu schlagen. Wir wollten eine Plattform schaffen, die Künstlerinnen und Projekte auf beiden Seiten sichtbar macht.
Eine weitere starke Motivation war das Bedürfnis, der Desinformation über Kolumbien und generell über Lateinamerika etwas entgegen­zusetzen. Uns ging es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich informieren, lernen und von Vorurteilen geprägte Sichtweisen hinterfragen können. Mit der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit immer stärker auf das Audiovisuelle. Nach meiner kuratorischen Ausbildung in San Sebastián beschlossen Mauricio und ich, ein Festival mit Schwerpunkt auf Dokumentarfilm zu gründen, mit Programmen, die darauf abzielen, den Blick zu dekolonisieren und über die geteilten Verantwortlichkeiten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden nachzudenken.
Schließlich ist La Sur Real auch eine Möglichkeit, die Verbindung zur Diaspora lebendig zu halten, nicht den Kontakt zu verlieren und weiterhin aus Begegnung, Austausch und Dankbarkeit heraus zu arbeiten.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Filme für das Programm aus?
Diese Ausgabe ist die erste, in der wir Langfilme präsentieren. In den ersten Jahren haben wir ausschließlich mit Kurzfilmen gearbeitet. Die Auswahl basiert auf einem offenen Aufruf, der durch ein Netzwerk unterstützt wird, das wir über Jahre hinweg mit Filmschulen, Filmschaffenden und Menschen aus der Diaspora aufgebaut haben.
Die wichtigsten Kriterien sind, dass es sich um Dokumentarfilme handelt – auch wenn wir Animation, Indigenous Futurism und experimentelle Arbeiten zulassen –, dass sie aus dem Globalen Süden stammen, reale Geschichten erzählen und dazu beitragen, den Blick zu dekolonisieren. Wir priorisieren Werke von nicht-weißen Filmschaffenden und bevorzugen Regisseurinnen, Frauen und dissidente Personen.

Würdest du sagen, dass das Festival in diesen vier Jahren einen Einfluss auf die Wahrnehmung des deutschen Publikums gegenüber dem kolumbianischen Kino hatte?
Ja, ohne Zweifel gibt es diesen Einfluss. Ich möchte ihn nicht in Zahlen messen, aber ich nehme ihn sehr deutlich in den Gesprächen nach den Vorführungen wahr. Auch wenn der Großteil des Publikums lateinamerikanisch ist, kommen immer auch deutsche Besucher*innen, oft mit persönlichen Bezügen zur Region oder einem starken Interesse daran. Daraus entstehen sehr intensive Lernprozesse und Momente der Reflexion.
Mehrmals habe ich erlebt, wie bestimmte Themen für das deutsche Publikum schockierend sind. Zum Beispiel wenn wir Dokumentarfilme über Kohle, über das Steinkohlebergwerk El Cerrejón oder über die Beziehung zwischen Regionen wie La Guajira und dem Energieverbrauch in Deutschland zeigen, können viele das kaum glauben. Ähnlich ist es bei Recherchen zu Produktionsketten, die extraktivistische Dynamiken verbergen: Sobald diese Geschichten auf der Leinwand sichtbar werden, ist die Wirkung unmittelbar.
Für mich bestätigen solche Reaktionen, dass sowohl Lang- als auch Kurzfilme tatsächlich etwas auslösen und notwendige Fragen aufwerfen.

Was würdest du jungen lateinamerikanischen Filmschaffenden in Europa sagen, die das Gefühl haben, ihre Geschichten passen nicht zur „traditionellen europäischen Perspektive“?
Dass sie weitermachen sollen. Dass sie weiterhin auf die Bilder und Ideen setzen sollen, die sie im Kopf haben. Das klingt vielleicht klischeehaft, aber es stimmt. Wenn man ein Bild in sich trägt und es nährt, kann es Wirklichkeit werden.
Wichtig ist, sich nicht von der Bequemlichkeit oder der Trägheit des Lebens hier leiten zu lassen, sondern sich auch in der eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder zu irritieren und herauszufordern. Man sollte sich nicht im Kanon dessen gefangen halten lassen, wie Kino angeblich gemacht werden „muss“.
Man kann mit wenigen Mitteln arbeiten, kollektiv produzieren, Bilder recyceln, mit Archivmaterial arbeiten, sich auf Freundschaften und nahe Netzwerke stützen. Wir kommen aus Kontexten, in denen Kino durch Improvisation, Erfindung und Lösungsfindung entsteht, ohne bei jeder Einschränkung stehenzubleiben. Diese Fähigkeit ist eine Stärke.
Wir haben alles: Fantasie, Gemeinschaft und Lust, etwas zu schaffen. Man muss das nur aktivieren und weitermachen.

Welche Botschaft würdest du dem europäischen bzw. Berliner Publikum mitgeben, um es zum Festival einzuladen?
Wir laden euch ein, aus der Täuschung auszutreten und „hinter die Kulissen“ zu schauen. Was dahinter liegt, tut weh, irritiert und ist unbequem, aber es ist notwendig. Sich der Wahrheit zu stellen. Es ist ein Prozess, der uns verändert.
La Sur Real schlägt vor, sich irritieren zu lassen, das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen und sich Geschichten zu nähern, die andere Perspektiven und andere Arten zeigen, die Welt zu betrachten.

Was hat dich persönlich als Kuratorin und Kreative besonders geprägt?
Jedes Jahr gibt es Erfahrungen, die mich tief berühren. Vor drei Jahren zum Beispiel zeigten wir Madres, einen Kurzfilm der kolumbianischen trans Künstlerin Demonia Yeguasa. Der Film erzählt von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter und davon, wie sie ihre Identität in einem konservativen Umfeld aufbaut. Nach der Vorführung und ihrer Feuer-Performance kamen einige Mütter aus dem Publikum mit Tränen in den Augen auf sie zu, bewegt davon, eine andere Art zu sehen, zu leben und sich auszudrücken.
Ein anderes Beispiel war La receta de la abuela, eine Animation über die argentinische Diktatur und das Exil, die eine Zuschauerin emotional sehr berührte, weil sie aus demselben Dorf wie die Protagonistin stammte. Und Llueve, über das gewaltsame Verschwindenlassen in Mexiko, löste tiefe und erschütternde Reflexionen aus, auch bei Menschen mit ähnlichen persönlichen Erfahrungen.
Was mich prägt, ist nicht nur der Inhalt der Filme, sondern auch der Kontext ihrer Vorführung. Wir zeigen Kino in nicht-konventionellen Räumen, etwa in der Köpi, einem besetzten Haus voller Graffiti und Wandmalereien, wo die Projektion zu einem kollektiven Ereignis wird, voller geteilter Energie, Zusammenarbeit und Ritualität. Das erinnert mich daran, dass Kino zugleich politisch, emotional und magisch sein kann. Diese Begegnungen zeigen mir, dass die Wirkung des Kinos aus der Verbindung von Geschichte, Sensibilität und Raum entsteht, und dass es die Erfahrung des Sehens und Fühlens verändert, wenn man solche Kontexte gemeinsam aufbaut.

Und zum Schluss: Warum der Name La Sur Real?
Früher hatten wir ein anderes Festival, das Cannibal Fest hieß, aber ich wollte etwas Neues schaffen. Der Name entstand aus der Kombination von „sur“ und „real“, dem Globalen Süden und der Realität, die im Norden oft unbekannt ist oder verzerrt dargestellt wird.
Zugleich sind das Leben und die Geschichten Lateinamerikas so üppig und komplex, dass sie zwischen Schönheit und Dunkelheit manchmal surreal erscheinen. So entstand La Sur Real: ein Name, der die Realität des Südens und den feministischen und dekolonialen Anspruch des Festivals widerspiegelt.


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EU-Mercosur-Abkommen

Annäherung zwischen Brasilien und der EU Ursula von der Leyen und Lula da Silva auf der COP30 in Belém (Foto: Vice-Presidência da República via Wikimedia Commons – CC BY 2.0)

Am 17. Januar 2026 wurde das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Merco­­-sur in der paraguayischen Hauptstadt unterzeichnet – ein weiterer Schritt in Richtung der Verabschiedung des Abkommens. Die Nachricht über diesen Fortschritt war abzusehen, insbesondere nach den Treffen zwischen dem brasilianischen Präsidenten Luís Inácio Lula da Silva und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Von der Leyen, Ende 2025. Bei dem Treffen bekundete die brasilianische Regierung ihre Ambitionen, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Blöcken voranzutreiben.


Bereits seit Beginn der 2000er Jahre bemüht sich die Europäische Union um eine wirtschaftliche Annäherung an die südamerikanische Wirtschaftsorganisation (siehe LN 301/302). Das Mercosur-EU-Abkommen umfasst dabei eine Fülle von Themen: Urheberrechte, die Textil- und Chemie­industrie sowie natürlich die Landwirtschaft. Der Wunsch Europas, sich politisch dem Mercosur anzunähern, reichte jedoch nicht aus, um einen wirtschaftlichen Konsens mit den Mercosur-Staaten zu erzielen, insbesondere hinsichtlich des Umfangs und Tempos des Abbauseu­ro­päi­scher Ein­fuhrzölle auf Agrarprodukte. Diese Differenzen setzten sich in den folgenden Jahren fort, bis das Abkommen 2019, noch während der Regierung Jair Bolsonaros von der Liberalen Partei (Partido Liberal, PL), wieder auf die Tagesordnung kam. Die erzielte Einigung fand jedoch innerhalb der EU nicht genügend politischen Rückhalt, vor allem aufgrund der Nachlässigkeit der Regierung in Bezug auf die Brände im Pantanal (Binnenfeuchtgebiet in Brasilien, Anm. d. Red.) und im Amazonasgebiet.
Unter der aktuellen Regierung Lulas von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) wandelte sich die politische Ausgangslage erneut. Sowohl die progressivere Agenda als auch das Bestreben der PT, sich politisch und wirtschaftlich der Europäischen Union anzunähern, führten dazu, ein politisches Zeitfenster für ein Abkommen zwischen beiden Blöcken zu öffnen. Die aktuelle Resolution umfasst im Wesentlichen die schrittweise Abschaffung der Zölle auf Fleisch, Reis, Honig und andere Produkte sowie die sofortige Abschaffung der Zölle auf Produkte wie Zucker, Ethanol und verschiedene Steuerer­mäßigungen für Milchprodukte. Obwohl der Schwerpunkt des Abkommens auf der Agrarindustrie liegt, behauptet die brasilianische Regierung, dass es für Brasilien ein grundlegender Schritt weg von einem reinen Rohstoffexportland und eine Chance hin zur Positionierung im Technologie-Exportland darstellen könne.

Brasilien als Farm der Welt


Das EU-Mercosur-Abkommen betrifft zwei zentrale und politisch sensible Fragen: Einerseits Brasiliens Rückkehr zu einer multilateralen Außen- und Handelspolitik, andererseits die wirtschaftliche Struktur des Abkommens, die weiterhin stark vom Agrarexport geprägt ist. Dies führt zu einer polarisierten Debatte in Brasilien Während Befürworterinnen das Abkommen als Chance zur stärkeren Integration in die Weltwirtschaft sehen, weisen Kritikerinnen auf die historischen und kolonialen Parallelen hin, welche Brasilien erneut zur Farm der Welt machen.
Die Auseinandersetzung mit dem EU-Mercosur-Abkommen zeigt, dass über wirtschaftliche Kompromisse hinausgedacht werden muss. Denn die Wirtschaftspolitik hat Auswirkungen auf Lebensrealitäten. Sie zeigt auch, wie wichtig die Beteiligung der Bevölkerung an der Ausarbeitung von Abkommen ist, die regionale Marktlogiken verändern. Denn das Abkommen hat eine menschliche und greifbare Bedeutung für das Leben der Indigenen Gemeinschaften Südamerikas, die seit Jahren für Änderungen des Abkommens kämpfen. Die Gegnerinnen des Abkommens brachten sowohl legitime Argumente für eine Umstrukturierung als auch für alternative Bedingungen vor und erreichten eine zeitweise Aussetzung sowie Änderungen seiner Bestimmungen. Die Opposition ist deutlich und kommt aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Währenddessen protestieren europäische Landwirtinnen weiterhin in Brüssel. Seit Dezember 2025 protestieren sie in der belgischen Hauptstadt und an ener Großdemonstration gegen das Abkommen am 18. Dezember nahmen mehr als 7.000 Menschen teil, wobei es zu starker Polizeirepression kam. In einem weiteren Protest gegen das Abkommen wurden im Januar Kartoffeln von Traktoren auf Straßen abgeladen. Der Hauptgrund für die Proteste sind die Wettbewerbsnachteile, die eine Verbilligung südamerikanischer Agrarprodukte in Europa für den europäischen Agrarsektor mit sich bringen würde. Zum anderen richten sie sich gegen die strengen Umwelt- und Produktionsauflagen des EU-Green-Deals und der Gemeinsamen Agrarpolitik, denen europäische Landwirte bei der Erzeugung und Vermarktung ihrer Produkte unterliegen.

Das Europäische Parlament – unter Federführung von Parteien wie den Europäischen Grünen und der Europäischen Linken – hat eine entschiedene Haltung gegen das Abkommen eingenommen und die wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche angeprangert, die die derzeitigen Bedingungen sowohl in Europa als auch in Südamerika verursachen würden. Diese Parteien führten auch die Bildung einer Mehrheit im Parlament an, die am 21. Januar ihre Zustimmung zum Abkommen verweigerte. Sie argumentierten, dass eine Umsetzung ohne parlamentarische Zustimmung undemokratisch sei. Angesichts dessen beschloss das Parlament, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Bis zu einer Neubewertung wird es nicht in Kraft treten.
Auch andere Bereiche der Zivilgesellschaft organisieren sich in Bewegungen, um das Abkommen zu verhindern. Beispielsweise die Initiative „Stop EU-Mercosur“, die durch das Sammeln von Unterschriften in Europa und Südamerika für eine Petition gegen das Abkommen, öffentliche Aktionen und Proteste ihren Widerstand zeigt. In Brasilien organisiert und engagiert sich die Koalition der Indigenen Völker Brasiliens (Articulações dos Povos Indígenas do Brasil, APIB) für dieses Thema, seitdem 2019 das Abkommen ebenfalls kurz vor dem Abschluss stand.

Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte auf dem Spiel


Im Jahr 2019 bekräftigte Wirtschaftsminister Paulo Guedes unter der Bolsonaro-Regierung das Interesse Brasiliens, das EU-Mercosur-Abkommen voranzutreiben und noch im gleichen Jahr abzuschließen. Insbesondere in dieser Zeit litten Indigene Gemeinschaften jedoch unter zunehmender staatlicher Vernachlässigung, während sich die Brände im Cerrado, im Pantanal und im Amazonasgebiet erheblich verstärkten und Indigene Gebiete erreichten. Dieser Kontext veranlasste die APIB, sich in Europa für eine Änderung des Abkommens einzusetzen.
Eine der Forderungen der Organisation war, dass das Abkommen nur dann akzeptabel sei, wenn die EU garantiere, dass die exportierten Produkte Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte respektieren. Zudem dürften die Produkte weder aus Konfliktzonen oder abgeholzten Gebieten noch aus Indigenen Territorien stammen und nicht unter Sklavenarbeit produziert worden sein. Um diese Bedingungen sicherzustellen, reiste die APIB 2019 nach Europa und betrieb politische Lobbyarbeit bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments, um mögliche Maßnahmen zu diskutieren. In der Folge forderte die Indigene Bewegung eine Gesetzgebung, die den Import solcher Produkte verbietet oder sanktioniert und zugleich deren Rückverfolgbarkeit gewährleistet, damit sie nicht aus illegal abgeholzten Gebieten stammen. Zusätzlich zu verbindlichen EU-Vorgaben müssten auch Unternehmen klimapolitische Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass sie weder Produkte aus Konfliktgebieten noch aus illegaler Arbeit kaufen oder verkaufen.

So entstand 2021 die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – vorangetrieben durch den Druck Indigener Bewegungen wie der APIB sowie von NGOs, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Mitgliedstaaten, Umweltzertifizierungsstellen und sogar Teilen der Industrie. Das Gesetz verbietet den Import von Produkten in die EU, die aus illegal abgeholzten Flächen oder aus Landnutzungen stammen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Trotz des offensichtlichen Sieges bleibt die Freude gedämpft, da das Gesetz die Walddefinition der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) übernimmt, was den vollständigen Schutz der brasilianischen Ökosysteme einschränkt. Die APIB kämpft daher seit 2022 dafür, dass die EUDR alle brasilianischen Ökosysteme abdeckt, insbesondere den Cerrado – das von der Landwirtschaftsexpansion in Brasilien am stärksten betroffene Ökosystem.
Die EUDR und der Streit um ein EU-Mercosur-Abkommen, das Indigene Völker und Arbeitnehmer*innen in den Mitgliedsländern nicht benachteiligt, sind Ausdruck einer zentralen Forderung breiter sozialer Schichten sowohl in Europa als auch in Südamerika. Die Unterstützung der direkt betroffenen Gemeinschaften zeigt, dass die Mobilisierung der Bevölkerung in der Lage ist, Kursänderungen herbeizuführen und politische Agenden neu auszurichten. Dieser gesellschaftliche Druck ist mehr als nur ein Hindernis, er verdeutlicht vielmehr, dass es möglich ist, aus konkreten Forderungen Lösungen zu entwickeln, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Abstrakte und polarisierte Debatten über Integrationsmodelle – etwa über die Rolle Brasiliens und der Region in der Weltwirtschaft – lenken von den konkreten materiellen Bedingungen des Abkommens ab und erschweren die Entwicklung politisch tragfähiger und sozial gerechter Lösungen.


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„Bolivien ist nicht 
zu verkaufen“

Foto: Valentin Murillo Agreda

„Bolivien ist nicht zu verkaufen.“ Unter diesem Motto forderten gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer*innen und Indigene Bauernverbände die Aufhebung des Dekrets 5503. Zunächst mit Erfolg: Nach einem Protestmonat ließ sich der Staat auf einen Dialog zwischen Ministerinnen und der bolivianischen Arbeitergewerkschaft (COB) ein, um die Aufhebung des umstrittenen Dekrets zu erlassen. Die allgemeine politische Lage lässt jedoch wenig Raum dafür, von einem Sieg der Arbeiterinnen und der Bewegung sprechen zu können.

Präsident Rodrigo Paz hat das Image des Kandidaten der „gemäßigten Mitte“, das ihm im Oktober 2025 den Wahlsieg beschert hat, bereits hinter sich gelassen. Er stellte sein Kabinett aus Unternehmer*innen des Agrarexportsektors und der Wirtschaft zusammen und legte seinen Amtseid mit den Worten „Gott, Vaterland und Familie“ ab. Was jedoch den neoliberalen Politikstil von Paz endgültig festigte, war die Verabschiedung des Dekrets 5503 kurz vor den Feiertagen zum Jahresende 2025. Es streicht die Subventionen für Kraftstoffe, verteuert den Transport und die Grundnahrungsmittel und treibt die Inflation in die Höhe, in Bolivien als gasolinazo bekannt. Doch auch die Exporte von Getreide und Fleisch würden liberalisiert, die Steuer auf große Vermögen abgeschafft, Steueramnestie für hinterzogene Kapitalbeträge gewährt und private Unternehmen zu beschleunigten Verfahren zur Lösung wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Herausforderungen verpflichtet (das sogenannte „Fast-Track“-Verfahren).

Der Exekutivsekretär der COB, Mario Argollo, erklärte, dass „alle Bürger dieses Landes das Ausmaß und die Tragweite dieses Dekrets verstehen können”, welches er als „ziemlich schädlich“ für die Arbeitnehmer*innen, die Mutter Erde und die bolivianische Wirtschaft bezeichnete. Er warnte, dass es „die Veräußerung unserer natürlichen Ressourcen“ bedeute. Obwohl die Exekutive die Erhöhung des Mindestlohns und der Renten sowie Sozialleistungen in das Dekret aufnahm, rief die COB zu einem unbefristeten Generalstreik auf, um die Aufhebung des Dekrets zu bewirken. Sie fungierte so als Vorreiterin dieser Mobilisierung.

Der Nationale Verband der Landarbeiterinnen und Indigenen Frauen Bastolina Sisa schloss sich ebenfalls an. In seiner Erklärung vom 18. Dezember 2025 heißt es: „Wir verur­teilen DS 5503 als eine dem Volk feindliche Maßnahme, die die Last der wirtschaftlichen Katastrophe auf die Schultern des bolivianischen Volkes abwälzt, während sie den Reichtum des Großkapitals verschont.“ Der Verband forderte die sofortige Aufhebung des Dekrets und erklärte den Notstand.
Rodrigo Paz reagierte darauf in einer Pressekonferenz am 19. Dezember: „Die Wahrheit bedeutet eine transparente Wirtschaft, nicht die der Banditen, der Korrupten, die uns in diese Krise gebracht haben und die alles blockieren.“

In gleicher Manier rechtfertigte der Minister im Präsidialministerium José Luis Lupo einen Tag später das Dekret: „Bolivien ist krank und muss geheilt werden. Wir sind von dem eingeschlagenen Weg überzeugt, weil er der richtige ist und weil wir wissen, dass sich diese Anstrengungen lohnen.“

Die sozialen Unruhen führten zu einer Spaltung innerhalb der aktuellen Regierung und machten deutlich, dass Rodrigo Paz nicht auf derselben politischen Linie liegt wie sein Vizepräsident Edman Lara. Der hatte am 23. Dezember online erklärt: „Es gibt Leute, die sagen, dass ich nicht mehr Teil der Regierung bin und zur Opposition gehöre. Nur, haben sie recht damit? Ich bin in der Opposition, aber eine konstruktive Opposition. Und zwar seit Rodrigo Paz uns beiseite geschoben und beschlossen hat, für die Reichen zu regieren und sich mit korrupten Leuten zu umgeben, die nur ihre eigenen Interessen vertreten.“

Zwei weitere Dekrete zum 
Jahreswechsel

In dieser Situation versuchte die Paz-Regierung die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zu ihrem Vorteil zu nutzen, um zwei weitere Dekrete zu erlassen: DS 5509 und DS 5515. Zugleich erklärte sie den 26. Dezember und den 2. Januar 2026 zu arbeitsfreien Tagen, wahr­­­­schein­lich mit dem Ziel, die Demonstrant*innen zu demobilisieren. DS 5509 ist eine Verordnung für Internetdienste über Satelliten, die Unternehmen wie Elon Musks Starlink den Weg freimacht und Entel, das während der Amtszeit der MAS verstaatlichte Telekommunikationsunternehmen, verdrängen würde. Auf der anderen Seite ermöglicht DS 5515 – erlassen als Reaktion auf den Bruch mit Lara – dem Präsidenten, mit Hilfe technologischer Mittel zu regieren, wenn er sich außerhalb des Landes befindet, anstatt die Amtsgeschäfte an den Vizepräsidenten zu übergeben, wie es die Verfassung vorsieht.

Die neuen Dekrete und der Mangel an effektivem Dialog seitens der Regierung führten dazu, dass nach Weihnachten die Protestierenden den Druck erhöhten: Die COB und die städtischen Lehrerkräfte von La Paz riefen zum Hungerstreik auf. Darüber hinaus mobilisierte die COB am 3. Januar zu einem Massenprotestmarsch unter dem Motto „Bolivien ist nicht verkäuflich“, der von Calamarca in Oruro zum Regierungssitz in La Paz führte, wo er am 6. Januar eintraf. Dem Aufruf schlossen sich die wichtigsten Gewerkschaften, Bauern- und Indigenenorganisationen des Landes an, darunter die Confederación Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia (Gewerkschaftliche Föderation ländlicher Arbeiter von Bolivien, CSUTCB), Nachbarschaftsvereinigungen, Industrie- und Handwerksverbände, antikapitalistische, feministische und Studierendenorganisatio­nen. Die bolivianische Polizei griff die Protestie­renden mit Tränengas an und verhaftete 12 Personen aus Gewerkschafts- und Bauernkreisen.

Die Auseinandersetzungen verschärften sich mit Beginn der Straßenblockaden an mehreren Stellen des Landes ab dem 8. Januar. In einem Communiqué vom 7. Januar erklärte der Gewerkschafts- verband der Landarbeiter von Cochabamba: „Angesichts der Weigerung und der ausbleibenden Antwort in Bezug auf die Aufhebung der Dekrete 5503, 5509 und 5515 erheben die sozialen Organisationen heute ihre Stimme zur Verteidigung der Interessen des Volkes und werden weiterhin ihr legitimes Recht auf friedlichen sozialen Protest ausüben.“

Aufgrund dieses Drucks beschloss die Regierung von Rodrigo Paz, am 9. Januar zu einem Dialog mit der COB einzuladen, der jedoch abgebrochen wurde, da die COB die Aufhebung des Dekrets 5503, nicht nur Änderungen, forderte. Die Exekutive gab dem schließlich nach: Am Nachmittag des 11. Januar wurde eine Vereinbarung zwischen der COB und dem Staat über die Aufhebung des umstrittenen Dekrets unterzeichnet.

Neoliberale Politik könnte staatliche Unternehmen verdrängen

Doch die Regierung ließ sich nicht beirren: Weniger als zwei Tage nach Abschluss der Vereinbarung mit der COB beschloss sie, ein neues Dekret zu erlassen. Das am 13. Januar verkündete DS 5516 soll DS 5503 ersetzen, wobei bestimmte Aspekte, die von den sozialen Organi­sationen abgelehnt wurden, wegfallen – jedoch ohne dass die Regierung ihrer Verpflichtung nachgekommen wäre, zuvor mit den Gewerkschaften und Bauernverbänden zu sprechen. Darüber hinaus blieben die beiden anderen Dekrete unverändert.

Fast zeitgleich stimmte der Senat am 15. Januar der Bildung eines Ausschusses zu, der sich mit einem Gesetzentwurf gegen Blockaden befassen soll. Das Gesetz zielt darauf ab, Straßenblockaden als schweres Verbrechen einzustufen, und wurde vom Abgeordneten Carlos Alarcón von der Alianza Unidad, die die Regierungspartei unterstützt, vorgelegt. Die Rechte hat derzeit die absolute Mehrheit in der Plurinationalen Legis­lativen Versammlung. Alarcón erklärte, dass der Gesetzentwurf „auf die Not, die Erschöpfung und die Überdrüssigkeit des bolivianischen Volkes reagiert, das nicht länger Geisel dieser Schläger sein will. Wenn die COB ihre Drohungen wahr macht, bleibt uns als letztes Mittel noch der Weg des Referendums.“ Das Gesetz wäre ein direkter Schlag gegen die demokratischen Freiheiten der Bürgerinnen, da Straßenblockaden eines der wirksamsten Protestmittel in Bolivien sind. Es ist zweifelhaft, ob Alarcón und alle, die das Gesetz unterstützen, der Meinung sind, dass beispielsweise auch die Blockaden der Bürgerinnen, die sich gegen die Wiederwahl von Evo Morales mobilisiert haben, oder die von den rechten Kreisen organisierten Streiks unter das Anti-Blockadegesetz fallen sollten. Oder ob es sich lediglich um einen Mechanismus handelt, um die Proteste der Bevölkerung, der Arbeiterinnen und der Bäuerinnen zu unterbinden. Alle Anzeichen deuten auf Letzteres hin.

Schließlich lassen sich die Äußerungen von Rodrigo Paz in seiner Neujahrsrede als Drohung an die Basisbewegungen verstehen: „Es kommen bessere Zeiten, aber wir müssen unser Haus in Ordnung bringen. Wir dürfen nicht in die Vergangenheit verfallen. Diese Vergangenheit hat uns in diese Krise gebracht, aus der alle bolivianischen Familien herauskommen wollen.“ Wie zu erwarten war, machte sich die Reaktion der Bewegung bereits bemerkbar. „Wir glauben, dass wir bei diesem Tempo die Maßnahmen wieder aufnehmen müssen,“ erklärte der COB-Vorsitzende Argollo am 16. Januar.

Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob die Bewegung die Kraft hat, sich gegen alle Schläge zu wehren, die in Form von Sparmaßnahmen, Neoliberalisierung und Unterdrückung von Protesten auf sie zukommen. Es lässt sich jedoch feststellen, dass es im Zuge des Rechtsrucks des Staates zu einer Wiederbelebung der antineoliberalen Basisbewegung in Bolivien kommt. Das Besondere daran ist, dass dies unabhängig von der Struktur geschieht, die einst die Bewegung zum Sozialismus (MAS) stützte, aber mit denselben Akteur*innen. Dies zeigt, dass die Bewegung trotz der deutlichen Spaltung der MAS weiterhin fest davon überzeugt ist, dass die Souveränität über die strategischen Ressourcen des Landes ein Recht ist, das man nicht aufgeben will. Ein neues politisches Instrument – oder organische Führungskräfte – als Resultat der Kämpfe wären wünschenswert, um die Forderungen der Volksbewegung im Staat zu artikulieren.


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