// Unsere Netzwerke gegen patriarchale Egos!

Sexualisierte Gewalt ist tief verankert in Kreisen ökonomischer und politischer Macht. Wer das bis vor Kurzem noch nicht glaubte, sollte allerspätestens nach dem Fall Epstein überzeugt sein. Sein Netzwerk von Kindesmissbrauch, Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und geschlechtsspezifischer Gewalt erstreckt sich über einflussreiche Intellektuelle und die Wirtschaftselite bis hinein in die Regierungskreise verschiedener Länder in Europa, Lateinamerika und natürlich den USA. Der Fall Epstein ist Ausdruck eines patriarchalen Machtgefüges, das Körper hierarchisiert, zu verfügbaren Objekten macht und Straflosigkeit fördert.

Dabei ist es kein Zufall, dass die Täter reich und mächtig sind – auch wenn ansonsten immer wieder versucht wird, Sexismus und Patriarchat zu kulturalisieren und den vermeintlich Anderen, Marginalisierten zuzuschreiben. Das patriarchale System dient dem Kapitalismus: Es sorgt dafür, dass bestimmte Arbeit gratis oder billiger ist, weil sie zu weiblicher Arbeit und somit für weniger wert erklärt wird. Ob Hausarbeit, Erziehung oder Pflege, bis heute sind feminisierte Arbeitsbereiche die prekarisiertesten. In letzter Konsequenz werden feminisierte Körper als verwertbar, aber auch austauschbar behandelt. Derzeit erleben wir eine neue Eskalationsstufe der kruden Unmenschlichkeit, repräsentiert unter anderem von frauen- und queerfeindlichen Politikern, die provokativ und aggressiv auftreten und ein überhöhtes Selbstverständnis ihrer Macht demonstrieren, wie Trump und Milei.

Ihr entfesselter Kettensägen-Hyperkapitalismus, der nur noch den Markt kennt und jegliches soziale Sicherungsnetz für überflüssig erklärt, passt perfekt zu patriarchalen Männerfantasien, die Stärke (und das „starke Geschlecht“) verherrlichen. Milei, Trump und andere sind dabei nur die sichtbarste Spitze eines Eisbergs patriarchaler und rechter Netzwerke, die einerseits unter Zugriff auf Geld reicher Unternehmer weltweit Deregulierungsmaßnahmen fördern und gleichzeitig brachial sexistische Aussagen absondern. Hier wie dort passen die Fantasien von Hyperkapitalismus, männlicher Stärke und sexueller Ausbeutung wie die Faust aufs Auge.

Die gute Nachricht: Wir setzen diesen Netzwerken unsere eigenen entgegen! Netzwerke, die auf Fürsorge und Gemeinschaft als Stärke setzen. Diese Ausgabe der LN zeigt, dass wir nicht von vorn anfangen, sondern auf einer Tradition der Kämpfe aufbauen: Ni Una Menos in Argentinien gibt es mehr als zehn Jahre (Seite 10), das Plurinationale Treffen von Frauen und Queers sogar schon 40 Jahre (Seite 6). Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen (FLINTA) kommen überall zusammen und bauen alternative Räume voller Fürsorge auf, sowohl in Lateinamerika selbst (siehe Buchrezension S. 46) als auch in vielen migrantischen Gruppen in Deutschland. Im gemeinsamen Singen (Seite 26) werden Freiräume geschaffen und über soziale Medien werden Netzwerke gebildet, die konkret bei Gewalt helfen (Seite 29). Und so wird die Ausgabe von Linoldrucken begleitet, die von der migrantischen Gruppe Frauen machen Druck gestaltet wurden. Ihre Kunst dient dazu, sich zu treffen und den Austausch zwischen migrantischen Frauen zu fördern (Seite 29).

Im Kleinen schaffen wir Räume, die zeigen, dass Alternativen möglich sind. Dass die stärkste Art, rechte Netzwerke und patriarchale Strukturen zu bekämpfen, in solidarischen Beziehungen liegt. Es lohnt sich also, weiter Kampagnen zu organisieren, Gegenräume und Netzwerke aufzubauen. Letztendlich sind feministische Bewegungen eines der schönsten Beispiele für transnationale Bewegungen und Begegnung.


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Madres gegen Missbrauch

Druck “Who’s pain is it?” von Zaz

Geboren aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur und getragen von einem jahrelangem Kampf um Rechte, feiert das Plurinationale Treffen von Frauen, Lesben, Travestis (Gender- und politische Identität des Trans-Spektrums in Lateinamerika. Zunächst abwertender Begriff für Cross-Dresser und trans Personen, der von der Gemeinschaft zurückerobert wurde, Anm. d. Übersetzerin), trans, inter und nicht-binären Personen bereits das 40. Jubiläumsjahr. Zentrale Forderungen wie Auslandsverschuldung, existenzsichernde Löhne und Kinderbetreuungseinrichtungen sind bis heute präsent. Die prägende Anwesenheit der Mutter der Plaza de Mayo, Nora Cortiñas, besiegelte ein unerschütterliches Bekenntnis zu Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und verband die Grundpfeiler des Treffens mit dem Kampf gegen Geschichtsleugnung und staatliche Repression durch die Regierung Mileis. Angetrieben wurde der Prozess vor allem durch lokale Kämpfe, auch wenn internationale Meilensteine den Kontext prägten. Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik der Bewegung im jahrzehntelangen Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Körperliche Selbstbestimmung war lange Zeit tabuisiert und staatlich kontrolliert, wurde jedoch durch Organisierung zu einem zentrale Anliegen des Treffens.

Trotz massiven Widerstands, insbesondere seitens der katholischen Kirche, die gezielt Gegenmobilisierungen unterstützte, verteidigten die Teilnehmerinnen immer wieder die erkämpften Räume, thematisierten die Verflechtungen von Kirche, Staat und Regierungsmacht offen und setzten ihren Kampf für die Legalisierung fort. Der politische Kampf der Aktivistinnen verbunden mit der Nationalen Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung im Jahr 2005 unter dem Motto „Sexualaufklärung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ legte den Grundstein für die spätere Marea Verde (Grüne Welle), die 2020 zur Verabschiedung des Gesetzes über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft führte.
Einer der jüngsten Meilensteine war der Übergang vom „Nationalen Frauentreffen“ zum „Plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Travestis, trans, bisexuellen, inter und nicht-binären Personen“. Diese Umbenennung reagiert auf die Forderungen von LGBTIQ+-Personen und Indigenen Frauen nach größerer Sichtbarkeit und betont einen Feminismus, der über cis Identitäten und den Nationalstaat hinausgeht. Als politische Schule unter freiem Himmel lebt das Treffen von ideologischen und methodologischen Spannungen – etwa zur Sexarbeit. Gleichzeitig wird individueller Schmerz kollektiv geteilt und in transformative Kraft verwandelt.

Ein prägendes Thema der letzten Jahre war sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hier haben die Madres Protectoras eine wichtige Rolle gespielt, Workshops innerhalb des Treffens organisiert und ihre Kämpfe sichtbar gemacht und gestärkt. Ihr Engagement zieht eine unvermeidliche historische Parallele zu den Madres de Plaza de Mayo, die nach ihren Kindern suchten, ihre Mutterschaft politisierten und sich damit der genozidalen Diktatur entgegen stellten. Heute machen die Madres Protectoras ihre Fürsorge zur politischen Angelegenheit, um gegen ein patriarchales Justizsystem zu kämpfen, das Missbrauch deckt. Das Treffen wirkt dabei als Katalysator, durch den privates Leid zu einer kollektiven Forderung und einem Ruf nach Gerechtigkeit werden, wie das folgende Interview mit Yama Corin, Kunsttherapeutin, feministische Kämpferin, Antifaschistin und „Schützende Mutter“ , eindrücklich zeigt.

Druck von Iman Kanaan @Iman_kanaan

Wer gehört zum Kollektiv der Madres Protectoras und worauf konzentriert sich ihr Kampf?
Wir sind die Frauen, die die Erschütterung, die Fürsorge und den Kampf um Gerechtigkeit für unsere Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, durchlebt haben. Im Laufe der Geschichte mussten schon viele Frauen diese Situation bewältigen, da sexueller Missbrauch schon immer existiert hat und leider meist innerhalb der Familie stattfindet, was eine doppelte Belastung darstellt. Während der Aufschwungphase des Feminismus in Argentinien zwischen 2015 und 2020 sind wir innerhalb dieser Bewegung auf Strategien gestoßen, durch die wir uns eine politische Identität geben konnten: die der Madres Protectoras. Dadurch konnten wir uns als Gruppe unterstützen und verstehen, dass das, was uns so wehtat – weil es unseren Liebsten widerfahren war – kein individuelles Problem ist sondern ein weit verbreitetes, das aus einem patriarchalen System resultiert. Wir erkannten, dass kollektives Handeln wirksam ist und uns aus der Opferrolle herausführt, hin zu einer aktiven, politischen Position.

Was sind eure größten institutionellen, ideologischen und gesellschaftlichen Hürden?
Es gibt zahlreiche Hürden in allen Bereichen. Die erste besteht darin, missbräuchliche Situationen überhaupt als solche erkennen zu können. Häufig halten diese Situationen lange an, weil der Täter genau weiß, dass sein Verhalten illegal ist und deshalb sein Opfer manipuliert und gefügig macht. Schweigen ist somit das erste Hindernis. Uns wurde nie beigebracht, die Anzeichen zu erkennen und wir haben auch keine bekannten Anlaufstellen, an die wir uns bei ersten Zweifeln wenden können. Es passiert auch, dass Betroffene selbst die Situation leugnen, da sie sehr schmerzhaft ist und viele Frauen — das wissen wir aus Erfahrung und Statistik — bereits Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch waren. So ist es schwierig, die Wiederholung solcher Muster zu durchbrechen.

Was passiert mit dem Umfeld und der Justiz wenn dieses Schweigen einmal gebrochen ist?
Das nächste Hindernis sind patriarchale Vorurteile, nach denen Frauen böswillige Absichten unterstellt werden, wenn sie Missbrauch melden. Weil Täter häufig angesehene Personen mit einem aktiven sozialen, politischen und beruflichen Leben sind, fällt es vielen schwer, ihnen eine solche Tat zuzutrauen. Hinzu kommt ein Justizwesen, das Missbrauchsanzeigen mit derselben Ermittlungsstruktur behandelt wie andere Delikte. Bei traumatischen Ereignissen, die in der Intimsphäre stattfinden, gibt es oft keine physischen Beweise, keine Zeugen und keine Aufzeichnungen, sodass die Beweislast zur zusätzlichen Belastung wird. Betroffene Kinder und Jugendliche können das Geschehen häufig nicht in einer geordneten, „erwachsenen“ Darstellung wiedergeben. Gleichzeitig besteht eine Tendenz, die absoluten Rechte des Mannes zu garantieren. Das führt oft dazu, dass Täter straffrei ausgehen und in vielen Fällen wieder Kontakt zu den betroffenen Kindern bekommen. Von tausend Missbrauchsfällen werden nur hundert gemeldet, und gerade nur einer führt zu einer Verurteilung. Der Kampf der Madres Protectoras besteht in erster Linie darin, die Kinder vor diesem Kontakt zu schützen und anschließend die jahrelangen, zutiefst belastenden Gerichtsver­fahren durchzustehen.

Wie verknüpfen und verorten Sie den Kern Ihrer Forderung innerhalb der breiteren Bewegung?
Viele von uns waren bereits Feministinnen, als wir diese Realität bei unseren Kindern erkannten, und suchten deshalb Unterstützung in feministischen Netzwerken. Da wir diese Gewalt als patriarchal verstehen, waren wir überzeugt, dass der Feminismus diesen Kampf auf seine Agenda setzen müsse. Mit der Zeit ist in den feministischen Bewegungen die Anerkennung der Madres Protectoras als politische Akteurinnen, die Unterstützung verdienen, gewachsen. Dennoch bleibt viel zu tun. Ich selbst musste 2011 Anzeige erstatten und erkannte damals noch nicht, dass meine Situation ein politisches Problem ist, das aus einem System hervorgeht; für mich war es eine persönliche Tragödie. So geht es den meisten, bis wir uns finden.

Wie beteiligen sich die Madres Protectoras an den Plurinationalen Treffen und wie war die Erfahrung, einen eigenen Workshop zu organisieren?
Wir haben mit Aktionen auf öffentlichen Plätzen begonnen. Von Mundanas Agrupación Feminista (Weltliche Feministische Gruppierung) – meinem Netzwerk – und anderen kleinen Gruppen haben wir Fotos mitgebracht, Unterschriften gesammelt und es ab und zu in einen Zeitungsbericht geschafft. Es war, als würden wir die Tür Stück für Stück aufstoßen. Vor einigen Jahren ist es uns gelungen, eine eigene Versammlung der Madres Protectoras zu organisieren: ein riesiger Platz voller Mütter und Unterstützerinnen aus dem ganzen Land. Das war bewegend, weil es zeigte, dass wir alle mit derselben Gewalt der Justiz und denselben Ängsten vor zwanghafter Wiedervereinigung konfrontiert sind, etwas, das wir als institutionellen „Raub“ von Kindern verstehen: sie aus den Armen der Mutter zu reißen und sie zu zwingen, mit ihren Tätern zu leben – eine Art disziplinierende Bedrohung. Danach haben wir mit den Organisationskommissionen verhandelt, um einen eigenen Workshop im offiziellen Programm zu erhalten, der mittlerweile seit zwei Jahren läuft. Dort begegnen wir Mitstreiterinnen aus dem ganzen Land, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Prozesse befinden: Die unmittelbare Entdeckung ist nicht dasselbe wie die Verarbeitung nach Jahren vor Gericht. Jede einzelne Angelegenheit zu begleiten ist mühsam,aber die Treffen geben uns die Kraft, uns als aktive politische Akteurinnen zu erkennen, die trotz des Schmerzes einen Ort der Zugehörigkeit haben.

Welche Bilanz ziehst du nach zwei Jahren der Durchführung eurer Workshops?
Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen, ohne den allgemeinen Kontext unserer Arbeiterinnenklasse zu berücksichtigen. Positiv ist zweifellos, dass wir existieren, dass wir uns als Gruppe anerkennen und gemeinsam kämpfen. Aber der aktuelle Kontext mit einer neofaschistischen Regierung, die ein Machtgefüge aufrechterhält, das Täter schützt und uns Feministinnen zum Feind erklärt, indem sie uns falscher Anschuldigungen bezichtigt, macht die Gesamtbilanz schwierig. Dennoch bleiben wir standhaft, um für unsere Sache einzutreten. Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung – ich glaube, unsere Anzeigen genießen heute mehr Glaubwürdigkeit – als auch innerhalb der feministischen Bewegungen, um Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

Was sind die nächsten Schritte und wie sieht der Kampf für die nächste Zeit aus?
Die erste Herausforderung ist Durchhaltevermögen: organisiert zu bleiben und Situationen zu verändern, in denen Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Missbrauchstätern haben. Wir müssen standhaft bleiben, Schulungen anbieten und politische sowie gewerkschaftliche Unterstützung gewinnen, um diese Realität öffentlich sichtbar zu machen. Wir tun das mit großer Überzeugung, aber auch mit viel Schmerz und Erschöpfung. Trotzdem bin ich optimistisch, weil wir gemeinsam handeln: Dieser Weg des Zusammenkommens, des Schutzes und der gegenseitige Unterstützung ist auch eine Form der Wiedergutmachung für unsere Kinder. Wir sagen ihnen damit: Ja, wir haben euch geglaubt, ja, wir kämpfen für Gerechtigkeit, und ja, wir stehen für eure geistige und körperliche Gesundheit sowie euer Wohlergehen ein, um euch eure Rechte und das glückliche Leben zu sichern, das ihr verdient.
Das Plurinationale Treffen ist heute dringlicher denn je, angesichts eines Staates, der beschlossen hat, sein ohnehin mangelhaftes System von Rechten weiter abzubauen. Verkörpert wird das durch eine rechtsextreme Regierung, die nicht nur die Finanzierung von Gleichstellungspolitik kürzt, sondern auch mit aller Härte darum kämpft, im Rahmen ihres „Kulturkampfs“ gesellschaftliche Haltungen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, dass die Regierung von Javier Milei, die ideologisch mit Figuren wie Donald Trump auf einer Linie liegt und dubiose Verbindungen zu Ausbeutungsnetzwerken wie denen von Jeffrey Epstein hat, die feministische Bewegung und Kinder als ihre bevorzugten Feindbilder ausgewählt hat. Wir stehen vor einem politischen Projekt, das patriarchale Gewalt legitimiert, nicht nur, indem es sie leugnet, sondern auch, indem es das Schweigen der Täter fördert.
Die Geschichte dieser 40 Jahre der Treffen zeigt, dass wir keine Rückschritte mehr zulassen dürfen. Angesichts der Versuche, uns das Erreichte wieder zu nehmen – vom legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur Sexualerziehung – und angesichts all dessen, was uns noch aussteht, hat die Bewegung die Aufgabe, sich auf der Straße zu stärken. Gegen Angst und Faschist*innen muss Organisation gesetzt werden. Denn wir wissen, dass Rechte nicht verhandelbar sind: Sie werden auf der Straße verteidigt, durch den Aufbau von Netzwerken gesichert und im Kampf errungen.

Memoria y Resistencia Mütter standen schon immer in den vordersten Reihe der Kämpfe (Druck von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor)


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Ein Samenkorn für intersektionale Feminismen

Aborto libre, seguro y gratuito! Eines der ersten und zentralen Themen von Ni una Menos (Interpretation eines Coverfotos- LN 560 zur Feier des Abtreibungsgesetzes von 2020) Druck von Johanna Fuchs

Wie sieht deine Verbindung zur feministischen Bewegung in Argentinien aus?
Meine Politisierung begann in der Sekundarschule, als ich merkte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich begann, an Pride-Demonstrationen teilzunehmen und mich für LGBT-Themen zu interessieren. Mit der Zeit näherte ich mich über die integrale Sexualerziehung dem Bereich Bildung und Sexualität an. Fragen des Geschlechts und der Sexualitäten sind für mich zentral. Ich war dabei, als über das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Geschlechtsidentität und über das Recht auf legale, kostenfreie und sichere Abtreibung diskutiert und abgestimmt wurde – von der ersten Behandlung des Gesetzentwurfs im Kongress bis zu seiner Verabschiedung 2020. Darüber habe ich nach und nach einen kritischen Blick auf verschiedene Ungleichheiten entwickelt. Ich glaube, dass die meisten Feminist*innen in Argentinien einen intersektionalen Blick auf diese Frage haben, insbesondere der Transfeminismus.

Vor dem Interview hast du gesagt, dass ihr Mileis politisches Projekt als ein Laboratorium der globalen Rechten versteht und dass ähnliche politische Strategien auch in anderen Ländern angewendet werden könnten. Welche Strategien lehren uns die intersektionalen Feminismen Argentiniens heute, um gegen die extreme Rechte zu kämpfen?
Als Milei letztes Jahr in Davos seine Rede hielt, sagte er, dass Feminismus und „Woke-Kultur” ein Krebsgeschwür seien, das entfernt werden müsse; dass wir diejenigen seien, die das Wachstum des Westens verhindern würden, und er verglich Homosexualität mit Pädophilie. Das war am 23. Januar. Eine Woche später, am 1. Februar, entstanden an vielen Orten Argentiniens und der Welt antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstrationen. Diese Art der spontanen Versammlung und Diskussion, versuchen wir vom Red Argentina no se vende (Netzwerk Argentinien steht nicht zum Verkauf) auf internationaler Ebene nachzuahmen. Die Intersektionalität der Feminismen in Argentinien kam dabei deutlich zum Vorschein: Bei der Pride geht es nicht nur um die Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, sondern auch um die Unterdrückung der Rentner*innen, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, der öffentlichen Gesundheit und der Bildungseinrichtungen. Diese Zusammenführung verschiedener Kämpfe und Sektoren ist das, was unseren Feminismus ausmacht. Deshalb ist die Bewegung einer der großen Feinde der globalen Rechten. Es gelingt ihr, Ungleichheiten sichtbar und für die Bevölkerung nachvollziehbar zu machen – dies kann Grundlage für Politisierung und Widerstand sein.
Der Transfeminismus, gemeinsam mit den queeren Bewegungen ermöglichen einen kollektiven Widerstand gegen Milei, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Individualismus.

In welchem Kontext ist die Bewegung vor fast 11 Jahren in Argentinien entstanden und was hat sich verändert?
Ni Una Menos entstand 2015 zu einer Zeit, als Angriffe auf weiblich gelesene Personen sowie der Femizid als extremste Form der sexistischen und patriarchalen Gewalt, stark in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Ni Una Menos entstand als Bewegung gegen Femizide eher aus der Wut heraus. Journalist*innen und Aktivist*innen spielten dabei eine wichtige Rolle: In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Gewalt zu dokumentieren, der alle, die keine cis-heterosexuellen Männer sind, ausgesetzt sind.
Die Bewegung Ni Una Menos war ein Wendepunkt, der allen klargemacht hat: Ich bin nicht allein, ich bin nicht verrückt, es handelt sich nicht um eine individuelle Frage, sondern um ein strukturelles Problem von Sexismus, geschlechtsspezifischer Gewalt und Patriarchat. Seitdem sind viele weitere Dimensionen hinzugekommen. Dieser Kampf hat zum Beispiel das Gesetz für sichere und kostenlose legale Abtreibungen erreicht. Ein Meilenstein, auch wenn wir uns heute in einer Situation regressiver Politik mit einer global aufstrebenden Rechten befinden.

Was unternimmt Ni Una Menos angesichts der derzeitigen eindeutig antifeministischen und extrem neoliberalen Regierung unter Milei? Wie sieht ihre politische Arbeit angesichts der Rückschläge aus?
Ich würde sagen, dass besonders der Transfeminismus die antifaschistische und antirassistische Pride aus intersektionaler Perspektive ermöglicht hat. Seit dem ersten Jahr der Regierung Mileis hat die Unterdrückung und Kriminalisierung sozialer Proteste stark zugenommen: Menschen werden festgenommen und angegriffen. Auch Journalist*innen sind davon besonders betroffen.
Die Bewegungen sind fragmentiert, auch wenn die Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich glaube, dass es den feministischen und transfeministischen Bewegungen in Argentinien gelungen ist, diese Fragmentierung ein wenig aufzubrechen. Aber Milei ist noch da.
Da wir deutlich machen wollen, worum es dieser Regierung wirklich geht, haben wir zusammen mit der Asamblea en Solidaridad con Argentina en Berlin (Berliner Solidaritätsversammlung mit Argentinien) kürzlich ein Video mit dem Titel „Das Geheimnis von Mileis Kettensäge” veröffentlicht: Es wirft einen kritischen Blick auf die Präsidentschaft von Javier Milei und die Folgen seiner „Kettensägenpolitik“. Unter anderem befasst es sich mit dem „Kulturkampf”, den Milei gegen Frauen und queere Menschen führen will und der zu einem Anstieg der Hassverbrechen gegen Frauen und die LGBTIQ+-Gemeinschaft um mehr als 70 % geführt hat.

Kämpfe verbinden! Darin liegt die Stärke der Bewegung (Druck von Paulina Heeg @paulinaiaia)

Gab es konkrete Fortschritte bei den Mobilisierungen?
Milei hat einige seiner Vorhaben nicht weiterverfolgen können und läuft nicht mehr so fröhlich hetzend durch Davos. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es ist der Keim einer Widerstandsbewegung entstanden, die Milei aus der Regierung jagen könnte. Natürlich muss jemand anderes die Wahlen gewinnen, aber man braucht die Menschen auf der Straße, um klar zu sagen: no pasarán (dt.: Ihr werdet nicht durchkommen). In diesem Sinne müssen wir es schaffen, den globalen Trend der Fragmentierung zu überwinden, damit sich Menschen zusammenschließen, Versammlungen abhalten, über die Linie der Mobilisierung diskutieren und verstehen, dass Mobilisierung nicht nur LGBT-Personen betrifft, als wäre alles nur eine Frage der Identitätspolitik.

Wie können die Erfahrungen Argentiniens andere Bewegungen in Lateinamerika inspirieren?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht um die Rechte von Homosexuellen auf der einen Seite und die Rechte von trans Menschen auf der anderen Seite geht und dass ich mich damit zufrieden gebe, dass ich jetzt mein Dokument ändern kann. Vielmehr gibt es eine Reihe strukturelle Ungleichheiten. Der Schlüssel liegt darin, intersektionale Verbindungen herzustellen. Ich glaube, dass sich da viel getan hat, denn Ni Una Menos als Bewegung hat sich in vielen Bereichen außerhalb Argentiniens verbreitet.

Wie schätzt du die Zukunftsaussichten für die transfeministischen Bewegungen angesichts des Rechtsrucks ein?
Wir müssen innerhalb der Opposition gegen die Regierung Milei eine Massenbewegung schaffen, die ein alternatives Modell vorschlagen kann. Wir brauchen diese Organisation, die aus Versammlungen und verschiedenen Initiativen entsteht, nicht nur aus feministischen Kreisen. Es geht darum, ein alternatives Modell der Organisation des sozialen Lebens zu entwickeln, zunächst als Strategie gegen rechte und rechtsextreme Regierungen und idealerweise als wirklich funktionierende Alternativen zum Kapitalismus.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft der Bewegung?
Für mich bedeutet die Bewegung eine Möglichkeit, etwas zu erreichen, Widerstand zu leisten, andere zu treffen und sich auf eine Weise zu verstehen, die nicht individualistisch orientiert und nicht nur auf eine Frage beschränkt ist. Denn der Weg, den Ni Una Menos eingeschlagen hat, von der Spitze des Eisbergs, dem Femizid – wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist –, bis zur antifaschistischen und antirassistischen Pride, heißt zu verstehen, dass es um alles geht. Diese Erweiterung der Perspektiven scheint mir das Vermächtnis von Ni Una Menos zu sein. Die Möglichkeit, zusammenzukommen und das Verständnis für Ungleichheiten, für unsere Situation, für unseren Platz in der Welt zu vertiefen und auch anderen Kämpfen Hoffnung zu geben.


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Der feministische Kampf um das Land

Blumenfrau ohne Namen

Im Nordwesten von São Paulo, der größten Metropole Lateinamerikas, befindet sich ein Camp der MST. Anfang der 2000er Jahre besetzten Arbeiter*innen das Grundstück, das als Mülldeponie vorgesehen war. 2002 wurde die Comuna da Terra Irmã Alberta (Landkommune Irmã Alberta) gegründet. Dort leiten Frauen die politische Diskussion und die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Agrarökologie – einer Anbaumethode, die auf dem Respekt vor der Erde basiert und biologische Lebensmittel ohne den Einsatz von Pestiziden produziert.
Ich weiß, dass Irmã Alberta ein spezifisches Beispiel ist und seine Besonderheiten hat. Denn es ist eine agroökologische Kommune in einem städtischen Kontext. Trotzdem kann man anhand dieser Erfahrung verstehen, wie andere Lager der MST funktionieren und vor allem, welche Rolle Frauen innerhalb der Bewegung einnehmen.

Ich war im März 2024 dort und hörte die Geschichte von vier Frauen. In einem unserer ersten Gespräche sagte mir Joselene Araújo Santana: „Die Entscheidungen werden von Frauen getroffen. Die Männer kommen eher zum Zuhören, und die Frauen machen die Arbeit.“
Frauen treffen nicht nur die politischen Entschedungen in diesem Gebiet, sie packen auch an und arbeiten beim Aufbau ihrer Agroforstwirtschaft. Für Íris Filomena Santos da Rocha „ist es schon Freiheit, wenn man auf einer solchen Plantage arbeitet. Man kann tun, was man will, und wie man es will“. Sie fühlt sich in diesem Gebiet als Frau und als Arbeiterin so frei, dass sie nicht wüsste, was sie tun sollte, wenn sie von dort vertrieben würde.
Denn, seit 2023 droht dem Lager die Räumung durch die privatisierte Wasserversorgungsgesellschaft des Bundesstaates São Paulo (SABESP). Es besteht die Gefahr, dass das Camp erneut zu einer Müllhalde umgewandelt wird. Laut Silvana „ist die einzige rechtliche Garantie, die wir noch haben, ein Schreiben der ehemaligen SABESP-Geschäftsführung, in dem uns zugesichert wird, dass wir bis zum Abschluss eines langwierigen Verfahrens, das nur aufgrund unserer Maßnahmen zur Erhaltung und zum gesunden Anbau von Lebensmitteln aktiv ist, in dem Gebiet bleiben dürfen“.
Vor Ort übernehmen die Frauen nicht nur Führungsaufgaben, sondern sind auch füreinander da. Es gibt ein Netzwerk der Solidarität unter Frauen. Joselene, bekannt als Jô, erzählte mir, wie sich die Frauen im Lager gegenseitig in Fällen von Sexismus und häuslicher Gewalt unterstützen, indem sie die Täter anzeigen, ihre Genossinnen beraten und ihnen eine Unterkunft bieten.

Für diese Frauen geht die feministische Befreiung nicht nur von der Erkenntnis aus, dass sie die Hälfte der Arbeiter*innenklasse ausmachen und Führungspositionen und kollektive Fürsorge verdienen. Sie geht auch von einer Mystik der Erde aus: „Die Erde ist weiblich, die Erde ist eine FraUnd diese Frau zu befreien, bedeutet auch, uns zu befreien”, erzählte Silvana Bezerra da Silva, während sie ihre Tochter auf dem Arm hielt, ihr jüngstes Ergebnis der Hoffnung, wie sie mir sagte.
Es ist jedoch auch wichtig zu betonen, dass für Maria Alves da Silva, Silvanas Mutter, nicht allein die Tatsache, dass Frauen in der Landwirtschaft und in politischen Führungspositionen tätig sind, Männern das Recht gibt, sich von ihren Aufgaben zu trennen: „Nein. Wir wollen aufmerksame und fähige Männer“, damit Frauen und Männer gemein­sam für Land und soziale Gerechtigkeit kämpfen können.
Jetzt, fast zwei Jahre später, habe ich Maria und Silvana erneut kontaktiert. Ich hatte bereits die ganze feministische Kraft verstanden, welche die Frauen der MST repräsentieren. Aber ich wollte ihre Haltung gegenüber dem 8. März verstehen. Mit anderen Worten: Was bedeutet der Internationale Frauentag für sie?

Erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet

Kurz gesagt, sehr viel. Nicht zuletzt, weil die MST auf einer feministischen Vision gegründet wurde. Aber erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet. Von da an wurde beispielsweise festgelegt, dass die Hälfte aller Posten von Frauen besetzt, Ländereien auf ihren Namen laufen und dass es spezifische Förderprogramme für sie geben sollte: wie Kinderkreise, die die Betreuung der Kinder gewährleisten, Mütter entlasten und ihnen ermöglichen, zu arbeiten und politisch aktiv zu sein. Von da an wurde noch stärker gefördert, dass Frauen auch Führungspositionen übernehmen. „Frauen verbinden den feministischen Kampf mit dem Kampf auf dem Land, dem Kampf um Land. Sie nehmen nicht nur teil, sondern sind Protagonistinnen dieser Erzählungen. Es sind Frauen, die sich aktiv an der Führung beteiligen”, sagte Silvana. Maria fügte hinzu: „In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.” Für sie geschieht dies jederzeit auf organische Weise, auch weil die Frauen stets aufmerksam auf Meldungen über Gewalt in der Region reagieren und sich aktiv für die Bekämpfung von Femiziden einsetzen – indem sie die Polizei und die zuständigen Behörden informieren. Darüber hinaus bieten sie auch Fortbildungen für Familien an, um das Bewusstsein für die Bekämpfung von Gewalt, Sexismus und Ungleichheiten zu schärfen.

„In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.”


Für Silvana ist der 8. März ein historischer Meilenstein im Kampf der Frauen, der nicht aus dem Tagesprogramm verschwinden darf und sich auch an den anderen 364 Tagen des Jahres widerspiegeln sollte. Sie glaubt, dass der 8. März die Genossinnen an die Existenz der Geschlechterunterdrückung erinnern soll und dass man nicht an Klassengleichheit denken kann, ohne an die Gleichheit der Arbeitsteilung und die Rechte der Frauen zu denken.
Maria und Silvana sagten mir auch, dass der feministische Kampf in der MST nicht nur intersektional, sondern internationalistisch sein muss. „Wir als Arbeiterklasse haben die Vepflichtung, uns mit anderen Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt zu verbünden, insbesondere mit lateinamerikanischen und karibischen Frauen.”
Silvana sagte, dass die Frauen von Irmã Alberta „ein Netzwerk der Solidarität, der Schwesternschaft, der aktiven Beteiligung, der Erstellung von Narrativen, die sich beteiligen und die auch den Kampf der Frauen Lateinamerikas widerspiegeln“ aufbauen. Mit anderen Worten, dass der Kampf von Irmã Alberta von einem Mikrobereich ausgeht, der sich auf einen lateinamerikanischen Makrobereich auswirkt. „Wenn wir über die Unterdrückung sprechen, die Frauen, vor allem schwarze Frauen, in ganz Lateinamerika erleben, sprechen wir auch über uns, über unser Territorium.” Um den wilden Kapitalismus zu bekämpfen, forderte Maria, müssen die Kämpfe vereint und intersektional sein. „Es muss ein Kampf aller Völker sein!”

Frau, Leben, Freihet Ob die Kurdistan oder Abya Yala, überall kämpfen Frauen für ihre Befreiung und ihrer Territorien (Druck Jin, Jiyan, Azadi; Mahin Khodayari @mahinkhodayari-art)


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Zwei Schritte vor, einen zurück

“Las Jacarandas” Die Pflanze zum 8.März (Druck von Luisa Rojas Monroy)

Während des Wahlkampfs 2022 wurde der heutige kolumbianische Präsident Gustavo Petro zu einer Veranstaltung namens „Feministische Debatte Kolumbien 2022“ eingeladen. Mehr als 36 Organisationen und Medien richteten die Diskussion aus, auf der sich über die Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen ausgetauscht wurde. Petro äußerte sich dort positiv zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, zum Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie zur Bedeutung von Bildungsarbeit mit Geschlechterperspektive. Er war der einzige Präsidentschaftskandidat, der an der Debatte teilnahm, da sein Kontrahent Rodolfo Hernández die Einladung ablehnte. Damit machte der progressive Politiker die Unterstützung feministischer Bewegungen durch sein linkes Bündnis Pacto Histórico stark.

Nach seiner Wahl begann Petro mit der Einbringung eines Gesetzesentwurfs zur Schaffung des Ministeriums für Gleichstellung und Gerechtigkeit, der im Januar 2023 verabschiedet wurde. Im Juli desselben Jahres trat Vizepräsidentin Francia Márquez ihr Amt als Ministerin für Gleichstellung und Gerechtigkeit an. Von der angekündigten legislativen Agenda mit Geschlechterperspektive wurden einige Maßnahmen umgesetzt, darunter die stärkere Einbindung dieser Perspektive in die Übergangsjustiz des Friedensprozesses mit der FARC-Guerilla. Dabei wurden die Ziele der UN-Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit mit konkreten Maßnahmen verbunden, etwa durch Schulungsprogramme für Frauen in politischen Führungspositionen, Konfliktlösung und technischen Kompetenzen für öffentliche Auftragsvergabe in verschiedenen Bereichen.

Darüber hinaus wurden Kampagnen zur Erkennung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gestartet sowie technische Unterstützung zur Einrichtung des Bereichs Frauen, Frieden und Sicherheit in regionalen Gender-Beobachtungsstellen geleistet. Weitere konkrete Maßnahmen waren die Aufnahme eines landesweiten Systems zur Überwachung geschlechtsspezifischer Gewalt in den Nationalen Entwicklungsplan sowie die Verankerung einer Geschlechterperspektive in der Arbeitsmarktreform, die diskriminierende Praktiken gegenüber Frauen im Arbeitskontext sanktioniert. Diese Maßnahmen zeigen: Es gab konkrete Versuche der Regierung Petro, Wahlversprechen einzulösen und eine geschlechterpolitische Agenda umzusetzen, die die spezifischen Probleme von Frauen anerkennt und adressiert.

Feministischer Fortschritt oder Männerbünde?


Gleichzeitig haben regierungsinterne Spannungen das Bild des Präsidenten als feministischer Verbündeter geschwächt. Innerhalb des Ministerkabinetts des Pacto Histórico wächst die Unzufriedenheit über Petros Nähe zu Männern, denen geschlechtsspezifische Gewalt vorgeworfen wird, darunter Hollman Morris, Daniel Mendoza und Armando Benedetti. Letzterer wurde 2025 trotz vier Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zum Stabschef ernannt. In Reaktion auf Fragen zu derlei Regierungsnominierungen erklärte Petro kürzlich in einem Interview, es gebe „Feminismen, die Männer zer­stören“, er glaube an zweite Chancen und könne eine Regierung nicht allein auf Überzeugungen aufbauen. Politikerinnen wie die frühere Umweltministerin Susana Muhamad, Francia Márquez und weitere Regierungsmitglieder wiesen diesen männerbünd­le­rischen Zusammenhalt zurück. Eine Regierung, die Geschlechtergerechtigkeit zur Priorität mache, dürfe Gewalt nicht verharmlosen. Darüber hinaus kritisieren Teile der feministischen Bewegung, dass die Initiativen der Regierung keinen echten inklusiven Ansatz und weder grundlegendes Umdenken noch systemischen Wandel erkennen ließen. Beatriz Quintero, Mitbegründerin des landesweiten Frauennetzwerks Red Nacional de Mujeres erklärte im Gespräch mit dem Onlinemedium Vorágine, es fehle im Regierungshandeln an politischem Willen zur Verteidigung der Frauenrechte. Dies zeige sich insbesondere darin, dass bei Haushaltskürzungen Programme für Frauen zuerst gekürzt würden, da sie nicht als grundlegend angesehen würden.

Auch die Zahlen trugen nicht dazu bei, Vertrauen in die Wirksamkeit der Maßnahmen zu schaffen: 2024 stieg die Zahl der Feminizide auf 872, und zwischen Januar und November 2025 wurden 62 Fälle registriert. Dies stellt sogar einen Rückschritt gegenüber dem Jahr vor Beginn von Petros Amtszeit dar, als 619 Fälle verzeichnet wurden. Zudem wurde für 2024 geschätzt, dass 78 Prozent der Fälle von sexualisierter Gewalt und häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Ermittlungsphase verharren, während nur drei Prozent zu einer Verurteilung führen. Ergänzend dazu erklärte Francia Márquez nach Monaten der Arbeit selbst frustriert, dass das Ministerium für Gleichstellung und Gerechtigkeit keine reale Umsetzungskapazität besitze und daher nicht in der Lage sei, wirksame Lösungen für besonders ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen anzubieten, siehe LN 615/616 und LN 600.

Weniger kontrovers scheint es im Fall Mexikos zuzugehen. Die Wahl der ersten Präsidentin des Landes stellte an sich einen historischen Meilenstein für Inklusion und neue politische Praktiken dar. Doch das spiegelt sich nicht automatisch in der Stärkung der Repräsentation und des Schutzes der Rechte von Frauen wider. Eine der ersten Maßnahmen von Claudia Sheinbaum war im Jahr 2024 die Umwandlung des Nationalen Fraueninstituts in ein Ministerium. Dies bringt verstärkte Ressourcen und Autonomie bei der Entscheidungsfindung mit sich und verdeutlicht, dass Geschlechtergerechtigkeit durchaus ein Fokusthema der Präsidentin ist. Zu den Erfolgen der Umstrukturierung zählen landesweite Programme und Aktivitäten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Zusammenarbeit mit den Frauenstellen der Bundesstaaten. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt treibt das Frauenministerium im Parlament die Vereinheitlichung des Straftatbestands des sexuellen Missbrauchs voran, damit dieser in allen 32 Bundesstaaten einheitlich definiert und bestraft wird. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt in der Prävention von Gewalt im schulischen Umfeld, unter anderem durch die Erklärung der Nulltoleranz gegenüber Gewalt sowie durch die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium.

Solidaridad, Druck von Maja

Klarere Gesetze – unklare Maßnahmen


In Mexiko wurde in den vergangenen Jahren ein stärkeres institutionelles Instrumentarium geschaffen, das in der Lage ist, Initiativen und Programme zu entwerfen und umzusetzen, die zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen beitragen können. Doch eine Ausweitung institutioneller Kapazitäten führt nicht unmittelbar zu messbaren Ergebnissen. Die Verschiebung des politischen Diskurses erreicht häufig nicht die Bevölkerungsgruppen nicht, die am stärksten unter geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung leiden. So wird beispielsweise die Verteilung von 27 Millionen Broschüren zu Frauenrechten von Regierungsseite als Erfolg dargestellt. Ohne eine kontinuierliche und solide Bildungsarbeit, die zur Verinnerlichung dieser Rechte beiträgt, besteht jedoch die Gefahr, dass diese Maßnahme wirkungslos bleibt.

Entsprechende Kritik kam auch während der Anhörung Mexikos vor der Konvention für die Beendigung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen der Vereinten Nationen (CEDAW) im Juni 2025 in der Schweiz auf: Es gäbe nur wenig klar belegte Beweise dafür, dass die politische und soziale Transformation des Landes seit dem Amtsantritt der progressiven Regierung von Andrés Manuel López Obrador 2018 die Lebensqualität von Frauen konkret beeinflusst habe. Die Berichterstatterin der Sitzung forderte Nachweise über die Wirkung landesweiter Programme sowie konkrete Daten zu Koordination, Monitoring, Evaluation und interinstitutioneller Zusammenarbeit. Als Antwort erklärte die mexikanische Delegation, dass es an technischen, personellen und finanziellen Ressourcen mangele.
Auch wenn die progressiven Regierungen von Mexiko und Kolumbien guten Willen zeigen: Die strukturellen Probleme von Frauen und Mädchen konnten in beiden Ländern nicht innerhalb einer oder zweier Regierungsperioden gelöst werden. Dennoch gibt es durch die stärkere Orientierung an Frauenrechten und feministischen Initiativen durchaus Erfolge zu verzeichnen: Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Diskriminierung am Arbeitsplatz und politische Teilhabe von Frauen wurden in den vergangenen Jahren sichtbarer und klarer priorisiert, was letztendlich vor allem dem Druck der feministischen Bewegungen auf den Straßen zu verdanken ist.

Neben dieser symbolischen Anerkennung, die in sich schon Wirkung entfaltet, indem sie patriarchale kulturelle Muster offen infragestellt, wurden die Institutionen erweitert und gestärkt. Gleichzeitig sind diese Institutionen mit operativen Problemen konfrontiert: In Kolumbien mit der komplexen Verwaltungsstruktur und Haushaltskürzungen, in Mexiko mit der Entwicklung ergebnisorientierter Maßnahmen. Die feministische Zivilgesellschaft muss daher die Regierungspolitik kontinuierlich begleiten und zielorientierte, effektive Maßnahmen einfordern. Dafür müssen Beteiligungskanäle geöffnet werden, die in konkrete Handlungswege münden.

In Kolumbien sind die Kontroversen um Petros Äußerungen bislang im Medienrummel verharrt. Es ist jedoch notwendig, solche Auseinandersetzungen zu nutzen, um staatliche Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen zu verbessern. Es bleibt ein weiter Weg zu gehen. Die Erfahrungen beider Regierungen zeigen vor allem die zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit. Das bedeutet nicht, dass sie gescheitert sind: Stattdessen sollten sie einen offenen Prozess einläuten, in dem der Dialog eine zentrale Rolle spielt, um die gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen.


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Ni una menos

Illustration: Maria Victoria Rodríguez García

Die Bewegung der letzten 10 Jahre hat Unmengen an Gesetzesveränderungen erreicht und eine starke Gemeinschaft aufgebaut. „Auch wenn die Bewegung in Argentinien begann, umfasst sie doch eine Problematik, die in ganz Lateinamerika existiert. Was diese Bewegung so besonders macht, ist, dass unsere Stimmen immer dann viel lauter sind, wenn sie geeint sind“, sagte Amy Ramirez, Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde von Ni Una Menos, im Interview mit LN 2016.
Heute sehen sich Ni Una Menos und die breitere feministische Bewegung in vielen lateinamerikanischen Ländern und anderswo auf der Welt mit einem rechten Backlash konfrontiert. Errungenschaften wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Selbstbestimmungsrechte für queere Personen werden wieder abgeschafft, Sozialkürzungen betreffen FLINTA* strukturell meist besonders stark.
Doch Feminist*innen sind geübt darin, Widerstand unter widrigsten Umständen zu leisten. Sie gehen nicht nur gegen patriarchale Gewalt auf die Straßen, sondern stehen auch in den vordersten Reihen der Kämpfe gegen Autokratisierung und Faschismus und schlagen Brücken zu anderen Kämpfen, wie zuletzt wieder zum Rentner*innen-Protest in Buenos Aires, bei dem die Aktivist*innen zusammen mit den protestierenden Rentner*innen und Pensionär*innen zur Mittwochsdemo aufriefen (siehe LN 608).
Bis die Angst wieder die Seiten wechselt!


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// Solidarität statt Schockstarre

Am 8. März werden wir auf die Straße gehen, um für die Rechte von Frauen und queeren Menschen zu kämpfen. Eigentlich wollten wir dieses Editorial dem sich ausbreitenden Faschismus widmen und der Notwendigkeit, weiterhin feministisch aktiv zu sein, um diese Rechte zu verteidigen. Dann stellten wir fest, dass wir genau dieses Edi schon letztes Jahr geschrieben hatten (siehe LN 597). Diese Feststellung ist keineswegs nur ein Déjà-vu, sondern veranschaulicht eine besorgniserregende Realität: Die Situation bleibt nicht etwa nur gleich, sie wird sogar schlimmer. Vor diesem Hintergrund haben wir uns die Frage nach unserer Rolle als unabhängigem Medium gestellt. Die Presse wird zwar oft als „vierte Gewalt“ bezeichnet, doch ihre Unabhängigkeit ist heute weltweit enorm gefährdet.

Ein unabhängiges Medium zu sein bedeutet, zuverlässige Informationen zu produzieren, die frei von politischen und wirtschaftlichen Vorgaben sind. Diese Möglichkeit ist keine Selbstverständlichkeit: In Mittelamerika ergab eine Studie der Universität von Kalifornien, dass bei sieben von zehn Journalist*innen der Staat über ihre Veröffentlichungen Kontrolle ausübt. Acht von zehn sehen Drohungen und Druck als unvermeidlichen Alltag an. Angriffe auf die Presse sind kein isoliertes Phänomen und steigen nicht nur in diesen Teilen der Welt an: Sie folgen einem eingespielten Muster. Überall dort, wo autoritäre Regime an die Macht kommen, greifen sie in erster Linie unabhängige Medien an. Denn diese stören: Sie recherchieren, prangern an, decken Korruption und Menschenrechtsverletzungen auf.

In vielen sogenannten demokratischen Ländern wie auch Deutschland gibt es zwar keine offizielle Zensur, dafür aber ein komplizenhaftes Schweigen zu heiklen Themen: Femizide, Polizeigewalt, linker Aktivismus usw. Das liegt unter anderem daran, dass unabhängig zu sein nicht bedeutet, frei von Zwängen zu sein. Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Stimmung und das Werben um die Gunst der Leser*innen kann indirekt Druck auf Redaktionen aufbauen.

Noch viel direkteren Einfluss nimmt die Finanzierung durch Förderungen: Im Januar 2025 fror die Trump-Regierung mehr als 268 Millionen US-Dollar ein, die für die Unterstützung unabhängiger Medien vorgesehen waren und versetzte viele lateinamerikanische Medien in Schock (siehe Seite 30). Die finanzielle Lage vieler unabhängiger Medien ist instabil. In einer Zeit, in der Milliardäre zeitgleich die meisten großen Medien aufkaufen und so zur Verankerung rechtsextremer Ideen im gesellschaftlichen Diskurs beitragen, ist die Unterstützung unabhängiger Strukturen ein Akt des Widerstands.

Unabhängigkeit ist nicht mit Neutralität gleichzusetzen. Sich zu weigern, im Sold der Mächtigen zu stehen, heißt, kritisch und engagiert Bericht zu erstatten, sich nicht den Interessen großer Unternehmen zu beugen, sondern denen eine Stimme zu geben, die sonst zu wenig Gehör finden. Es ist oft investigativem Journalismus zu verdanken, dass Menschenrechte vorangebracht werden: So hat beispielsweise die Berichterstattung über die dramatische Realität illegaler Abtreibungen den Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch befeuert (siehe Seite 40).

Den unabhängigen Journalismus zu unterstützen bedeutet, einen Raum zu verteidigen, in dem Kritik möglich ist, in dem feministische, queere, antirassistische und soziale Kämpfe kompromisslos weitergetragen werden können. Es bedeutet auch, Solidarität aufzubauen, Netzwerke zu bilden und sich gegenseitig zu schützen. In diesem Sinne rufen wir zu Spenden auf, um unabhängige und feministische Medien in Lateinamerika zu unterstützen (siehe Nebenseite). Denn „kritisch, solidarisch, unabhängig“ sind nicht nur Worte, sondern Prinzipien, für die wir uns seit unserer Gründung einsetzen.


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„Es erfordert Mut, trans zu sein“

Pamela Montaño Díaz, Foto: Lea Rux

Kannst du uns etwas von deiner Organisation Asociación TransMujer erzählen?
Mir kam die Idee damals, als ich begann als Sexarbeiterin zu arbeiten und zum ersten Mal die Probleme und Bedürfnisse der vielen trans Frauen auf der Straße sah. Die meisten hatten keine andere Wahl; die Gesellschaft hatte sie quasi zur Sexarbeit verdonnert. Ich sah wie so viele ins Krankenhaus kamen und dort von Ärzten und Pflegepersonal einfach abgelehnt wurden. Da kam mir die Idee, eine Organisation zu gründen, um ihnen zu helfen. Heute ist TransMujer aber offen für alle. Ich arbeite mit vielen cis Frauen, weil sie genauso viel gesundheitliche Unterstützung brauchen – wenn nicht mehr. Viele sind Mütter, unsichtbare Sexarbeiterinnen, die das Stigma und die Scham besonders trifft. Ich unterstütze sie bei Untersuchungen zur sexuellen Gesundheit und organisiere Bildungs- und Präventionsprogramme. Zum Glück habe ich Zugang zu allen Etablissements in Cali, vom edelsten Bordell bis zur kleinsten Absteige. Ich werde dort sehr geschätzt. Ich habe Verbindungen zu verschiedenen Organisationen, die mir bis zu 15.000 Kondome für diese Frauen stellen: das wichtigste Arbeitsmittel der Sexarbeiter*innen.

Was ist deine Erfahrung mit der wachsenden TERF-Bewegung (eng.: trans-exlusionary radical feminists, dt.: trans-ausschließende Radikalfeministinnen), die sich offen transfeind­lich zeigt?
Sie behaupten, dass trans Frauen cis Frauen parodieren würden, aber das ist Unsinn. Schon vor 20 Jahren habe ich damit Erfahrung gemacht. Damals wollte ich dem Frauentisch in Santiago de Cali beitreten, um dort Sexarbeiterinnen zu vertreten. Angeblich sollte das der beste sein. Aber es ist ein schrecklicher Verein. Sie haben mir das Leben schwer gemacht. „Wie soll eine trans Frau bitte eine cis Frau vertreten?“, haben sie mir gesagt. Ich habe trans und cis Frauen zusammengedacht, weil ich mich für beide einsetze. Wir haben die gleichen Bedürfnisse bezüglich Gesundheit und Sexarbeit. Ich glaube, viele Leute verstehen Feminismus einfach falsch.

Warum glaubst du, dass so viele trans Frauen in der Sexarbeit tätig sind?
Ich glaube, das es aus der Notwendigkeit heraus passiert. Ich bin große Befürworterin der Sexarbeit, weil kein anderer Job mehr Geld einbringt. Die Nachfrage nach trans Sexarbeiterinnen ist groß. Sexarbeit garantiert uns trans Frauen ein Einkommen. Wir geben so viel Geld aus: die Implantate und die Operationen sind teuer. Und je mehr man macht, desto mehr verdient man als Sexarbeiterin. Viele von uns sind außerdem zu der Überzeugung gelangt, dass Geld das Wichtigste ist: So viele von uns wurden von unseren Familien verstoßen. Und einige gehen dann nach Europa, verdienen eine Menge Geld und plötzlich akzeptiert ihre Familie sie wieder.

Was würdest du jungen trans Personen sagen, die mit ihrer Geschlechtsangleichung beginnen wollen?
Naja, das Hauptproblem ist die Familie, die Eltern. In meiner Jugend hatten wir keine familiäre Unterstützung, weil einfach die Bildung zum Thema fehlte. Meine Familie hat mich nie akzeptiert, weshalb ich mit 13 Jahren weggelaufen bin. Zum Glück hat mich dann eine sehr offene, gebildete Frau mit ihren zwei Kindern aufgenommen. Bei ihnen konnte ich mich frei entfalten. Das Wichtigste ist diese Unterstützung, dieser „Familienkern”, der einem die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln, wie man möchte, zu einem Menschen mit eigenen Werten, mit einem richtigen Job. Viele trans Frauen haben ein Leben lang mit dem Trauma der Ablehnung durch ihre Familie zu kämpfen. Man trägt das für immer tief in seiner Seele, dass die eigene Familie einen nicht akzeptiert hat. Und deshalb glaube ich, dass es Mut erfordert, trans zu sein. Nicht jeder hat das Zeug dazu. Ein Mann hätte ironischerweise nicht die Eier, sich ein Kleid anzuziehen, auf die Straße zu gehen und sich der Gesellschaft zu stellen.

Wie kam es damals zu der Klage für deine Namensänderung?
Es war mir sehr unangenehm, einen männlichen Namen im Ausweis zu haben. Immer wenn ich ihn vorzeigen musste, haben Leute das gesehen. Deshalb bin ich irgendwann zum Dritten Notariat in Cali gegangen, um das zu ändern. Und erst hat der Notar mich ganz nett empfangen, aber als er gemerkt hat, dass ich keine cis Frau war, hat er sich schrecklich aufgeregt und meinte nur: „Wie kommen Sie auf die Idee? Sie sind ein Mann!“ Diese Ungerechtigkeit wollte ich nicht akzeptieren. Zu dieser Zeit hat Kolumbien seine Verfassung erneuert und es war grade die Tutela-Klage herausgekommen (Anm. d. Autorin: Ein Rechtsweg, um Menschenrechtsverletzungen anzuklagen). Erst wurde ich von einem Gericht zum anderen geschoben. Außerdem haben mich alle möglichen Anwälte abgewiesen. Gratis war das alles auch nicht. Aber zum Glück hatte ich die finanzielle Unterstützung meines damaligen Partners. Und irgendwann fand ich dann auch eine Anwältin, die vorschlug, eine Tutela-Klage einzureichen. Und das hat tatsächlich funktioniert. Ich habe die erste Tutela-Klage in Kolumbien gewonnen. Aber es war hart für mich. Und als die Medien davon berichtet haben, nannten sie mich auch noch „den ersten Mann, der seinen Namen ändern durfte“. Trotzdem, die Klage hat als Präzedenzfall vielen meiner Schwestern geholfen. Und es war der Grundstein für viele weitere Fortschritte in der LGBTIQ+-Gemeinschaft. Inzwischen haben wir sogar die gleichgeschlechtliche Ehe. Ich fühle mich stolz als Aktivistin, meinen Beitrag dazu geleistet zu haben.


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Xochicuicatl e.V.: 
Asociación de mujeres latinoamericanas (Verein lateinamerikanischer Frauen)

Xochicuicatl bedeutet auf Nahuatl „Gesang der Blumen“. Seit 1992 setzt sich der gemeinnützige Verein für die Unterstützung lateinamerikanischer Migrant*innen in Berlin-Pankow ein. Gegründet von zehn lateinamerikanischen Frauen, hat sich Xochicuicatl e.V. zu einer wichtigen Anlaufstelle entwickelt – nicht nur für konkrete Hilfsangebote, sondern auch als Ort des Austauschs, der Begegnung und der politischen Reflexion über Migration, Exil, Feminismus und Rassismus.
Der Verein bietet individuelle Beratung zu sozialen und rechtlichen Fragen zum deutschen Schul- und Sozialsystem sowie zu psychischen Belastungen und häuslicher Gewalt an. Neben professioneller Unterstützung finden außerdem regelmäßig Deutschkurse statt. Ein besonderer Fokus liegt auf der Stärkung und Selbstermächtigung von Frauen in der Diaspora.
Darüber hinaus organisiert Xochicuicatl e.V. zahlreiche Aktivitäten, die den interkulturellen Austausch fördern. Seit 2019 bringt zum Beispiel das Projekt Ladies Meet and Do It! (Frauen treffen sich und machen es!) Migrantinnen, Geflüchtete und Nachbarinnen zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsame Initiativen zu entwickeln. Über die Woche verteilt gibt es zusätzliche Angebote wie den Chor Raiz Waki, Lotusblumen Yoga, einen Lesekreis zu lateinamerikanischen Schriftstellerinnen und eine Austauschrunde von Müttern für Mütter.


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Intersektionale Ansätze

Lélia Gonzalez – Kritik am 
hegemonialen Feminismus aus „Améfrica Ladina”

Foto: Cezar Loureira

Lélia de Almeida wurde am 1. Februar 1935 in Belo Horizonte, Minas Gerais, als Tochter einer Haushaltsangestellten und eines Bahnarbeiters geboren. Sie übernahm ihren Nachnamen Gonzalez von Luiz Carlos Gonzalez, einem Spanier, den sie Ende der 1960er Jahre heiratete. Als sie acht Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Rio de Janeiro, wo sie bis zu ihrem Lebensende lebte. Wie ihre Geschwister musste sie von klein auf als Kindermädchen und Haushaltshilfe arbeiten. 1958 machte sie ihren Abschluss in Geschichte und Geografie und studierte dann Philosophie. Sie unterrichtete an Hochschuleinrichtungen in Rio de Janeiro, wie der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro und der Päpstlichen Katholischen Universität. Parallel zu ihrer akademischen Arbeit beteiligte sich Lélia am politischen Widerstand gegen das Militärregime (1964-1985), gründete die Vereinte Schwarze Bewegung gegen Rassendiskriminierung, nahm an der Gründung der Arbeiterpartei (PT) teil und gründete die Organisation Nzinga – Black Women’s Collective.

In der Schwarzen Bewegung prangerte sie den Mythos der Rassendemokratie an, forderte ein Ende der Gewalt und Diskriminierung, der Schwarze tagtäglich ausgesetzt sind, und verlangte eine öffentliche Politik zugunsten der Afro-brasilianischen Gemeinschaft. Lélia wies auch auf den Sexismus hin, der den weiblichen Teil der Schwarzen Bewegung oft zum Schweigen bringt. „Die Mitglieder reproduzieren die sexistischen Praktiken des herrschenden Patriarchats und versuchen, uns aus den Entscheidungsräumen auszuschließen“, betonte sie. Angesichts der Diskriminierung von Frauen in der schwarzen Bewegung sahen sich schwarze Aktivistinnen veranlasst, sich wirksam an der feministischen Bewegung zu beteiligen – die jedoch auch die Dimensionen des Rassismus im Leben von „Women of Colour“ ignorierte. Lélia zufolge behinderten die „eurozentrische Weltsicht und der Neokolonialismus“ des weißen feministischen Aktivismus den Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen Frauen.
Sie war Pionierin darin, Klassismus und Rassismus des hegemonialen Feminismus in Frage zu stellen, und setzte sich für die Dekolonisierung des Feminismus und die Gründung eines „Afro-lateinamerikanischen Feminismus“ ein, der von Schwarzen und Indigenen Frauen in Lateinamerika angeführt wurde, das sie in „Améfrica Ladina“ umbenannte – um den nicht-weißen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Akteur*innen in diesem Gebiet Sichtbarkeit zu verleihen.

Ein weiterer Aspekt von Lélias antirassistischer Kritik war ihre Auseinandersetzung mit der akademischen Sprache, da ein großer Teil der Schwarzen Bevölkerung keinen Zugang zu formaler Bildung hatte. Daher versuchte sie, leichter zugängliche und verständlichere Texte zu verfassen, wobei sie häufig die Sprache verwendete, die sie pretoguês („schwarzes Portugiesisch“) nannte, ein Zeichen der Afrikanisierung des brasilianischen Portugiesisch.

Die Philosophin und Schwarze Aktivistin Angela Davis bezeichnet Lélia Gonzalez als eine der Begründerinnen des schwarzen Feminismus, der in Brasilien entstanden ist: „Im Rahmen eines internationalistischen, feministischen Ökosystems müssen wir betonen, dass wir, die im globalen Norden leben, viel von den Bewegungen lernen können, die im Süden entstanden sind, insbesondere von den Traditionen des schwarzen Feminismus in Brasilien.“

Lélia Gonzalez starb am 10. Juli 1994 in Rio de Janeiro an den Folgen eines Herz-Kreislauf-Problems. Ihr Andenken und ihre Ideen leben weiter.

Liliana Angulo – 
Antirassistische Kunst in 
Kolumbien

Foto: Museo Nacional de Colombia vie Flickr (CC BY ND-2.0)

Liliana Angulo Cortés ist eine Afro-kolumbianische Künstlerin und Aktivistin, die 1974 in Bogotá geboren wurde und sich in ihren multimedialen Werken mit rassistischen und sexistischen Repräsentationen von Körpern, insbesondere von Afro-kolumbianischer Frauen in Kolumbien auseinandersetzt. In ihren Fotografien, Skulpturen und Installationen greift sie Themen wie Rassismus, Armut, Kolonialismus und soziale und geschlechterbasierte Ungleichheiten auf und konfrontiert die Beobachtenden mit Fragen wie: Wie ist es, als „Schwarze Frau in Kolumbien“ gesehen zu werden? Welche Bilder oder Abwesenheiten von Bildern hat die Kategorie „Schwarzsein“ in der kolumbianischen Gesellschaft konstruiert? Wie können diese Konstrukte durchbrochen werden?

Liliana Angulo verbindet Kunst und Afro-feministischen Aktivismus, was besonders im Projekt Quieto Pelo („Stilles Haar“, 2008) zu erkennen ist. In diesem Projekt beschäftigt sie sich mit der Praktik Afro-kolumbianischer Frauen, Frisuren als Protest- und Kommunikationsmittel einzusetzen. Afro-kolumbianische Frauen und Frisörinnen aus Quibdó, San Andrés und Tumaco berichten über das Frisieren als eine Form der Pflege und Selbstfürsorge für den eignen Körper. Sie erhalten zugleich eine Tradition, die zu Zeiten der Sklaverei eine wichtige kommunikative Rolle spielte. Damals enthielten die geflochtenen­
Haare, auch tropas („Truppen“) genannt, geheime Codes und Karten von Fluchtrouten, die so in der Gemeinschaft still weitergegeben werden konnten. Wie Angulo berichtet, wurde in den Haaren aber auch Saatgut und Gold versteckt, als Grundlage für ein Leben in Freiheit. Wie die Fotografien aus dem Projekt zeigen, lassen sich die Frisuren als gemein­schaftlich-verbindendes Element des Protestes verstehen, aber auch als individuelle Verwirklichung jeder einzelnen Haarkünstlerin.

In weiteren Arbeiten der Künstlerin wird auch ihre Kritik an der heutigen Repräsentation und Rolle von Afro-Kolumbianer*innen in Kolumbien deutlich. In der Serie Negro Utópico („Utopisches Schwarz“, 2001) inszeniert sich die Künstlerin selbst mit schwarz bemaltem Gesicht und einer Perücke aus Draht-Spülschwämmen. Dabei sieht man auf neun Fotos, wie sie Hausarbeiten wie Bügeln und Putzen verrichtet. Auf einem der Fotos ist sie gerade dabei, eine geschnittene Banane in einen Mixer zu geben, womit sie kritisiert, dass Afro-Kolumbianer*innen, die einen großen Teil der Arbeiter*innen auf Bananenplantagen ausmachen, selbst oft nicht die Konsument*innen des eigenen Produktes sind und verweist damit auf fortlaufende rassistische und kolonialgeprägte Strukturen, die Afro-Kolumbianer*innen marginalisieren. Seit 2024 ist Liliana Angulo Cortés die Direktorin des Nationalmuseums von Kolumbien.

Sicherlich lässt sich ihre Position als Direktorin eines Museums, hinter dem der kolumbianische Staat steht kritisieren, allerdings ist sie zugleich die erste Afro-Kolumbianerin, die eines der ältesten Museen Lateinamerikas leitet. Außerdem ist sie weiterhin politisch aktiv, zum Beispiel als Mitglied des Kollektivs Agua Turbia („Trübes Wasser“), einer Gruppe Schwarzer Künstler*innen in Bogotá, die versucht, durch Kunst auf rassistische Strukturen in der kolumbianischen Gesellschaft aufmerksam zu machen.

Miriam Miranda – Kämpfe für Körper-Territorien der 
Garífuna in Honduras

Foto: Honduras Delegation

Seit über 30 Jahren kämpft Miriam Miranda zusammen mit ihrer Gemeinde für die Rechte der Afro-Indigenen Garífuna in Honduras. Die Geschichte ihres Volkes ist legendenumwoben: Irgendwann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als Abertausende Afrikaner*innen von den Kolonialmächten verschleppt und versklavt wurden, um sie auf den Plantagen Amerikas dazu zu zwingen, für den Reichtum der Kolonien zu arbeiten, kaperte ein Schiff vor der Karibikküste. Die schiffbrüchigen Gefangenen konnten sich auf eine nahegelegene, von den Arawak bewohnte Insel, St. Vicente, retten.

Mit der Zeit verschmolzen die beiden Gruppen und eine neue Kultur mit eigener Sprache entstand, die Garífuna. Im Rahmen von Aufständen gegen verschiedene Kolonialmächte wurden immer wieder Garífuna in andere Teile der Karibik verschleppt, unter anderem nach Honduras, woher auch Miriam Miranda stammt. Noch hunderte Jahre nach ihrer Verschleppung halten die Garífunas in ihren Gemeinden zusammen und widersetzen sich der weiteren Vertreibung, sei es durch den Staat, durch transnationale Privatkonzerne oder durch Drogenkartelle. Insbesondere Landgrabbing durch die Tourismusbranche, Monokulturen und die Palmölindustrie sowie andere extraktivistische Projekte und die Folgen der sozialökologischen Krise stellen existenzielle Bedrohungen für die Afro-Indigene Bevölkerung der honduranischen Karibik dar.

Miriam Miranda hat dies auf unterschiedliche Weisen am eigenen Leib erfahren: Als Kind musste sie aufgrund des Mangels an Erwerbsmöglichkeiten mit ihrer Familie auf der Suche nach Arbeit und Bildungschancen durch das Land ziehen. Als Studentin in der Hauptstadt Tegucigalpa sah sie sich weiterhin mit Diskriminierung und Ungerechtigkeit konfrontiert, begegnete jedoch zugleich vielen Menschen aus dem Land, die dagegen kämpfen. Seit sie ihre Arbeit für die Rechte ihres Volkes begonnen hat, wurde sie mehrfach verhaftet, von Behörden misshandelt und von Kriminellen entführt. Doch auch weiterhin steht Miranda als Koordinatorin der Organización Fraternal Negra Hondureña (OFRANEH) in der ersten Reihe dieser Kämpfe.

In einem Interview mit dem feministischen Medienportal Capire beschreibt sie die Organisation als „eine Communityorganisation, die mit verschiedenen Gemeinden und Gruppen zusammenarbeitet und heute die politische Repräsentation der Garífuna in ihrem Kampf für kollektive Rechte und ihre angestammten Territorien ist.“ Dass Frauen dabei an vorderster Front stehen, leitet sich für Miranda sowohl aus den matrilinearen Traditionen der Garífuna ab als auch aus dem Bewusstsein, das viele Frauen durch die Aufgaben, die sie gesellschaftlich übernehmen, entwickeln: „Wie viele Frauen müssen so viele Kilometer laufen, um nur ein bisschen Wasser zu holen? Wie viele Frauen müssen ihr Saatgut verteidigen? In den letzten Jahrzehnten sind die Frauen hervorgetreten, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Damit die neuen Generationen wirklich genießen können, was da draußen ist, und ein erfülltes Leben haben, gut essen, frische Luft atmen und die Natur genießen können.“ Mit ihren Mitstreiter*innen von OFRANEH hat Miriam Miranda es geschafft, lebendige Alternativen zum dominanten, kapitalistischen Lebensmodell wie das 1500 Hektar umfassende Vallecito zu schaffen und selbstverwaltete Strukturen aufzubauen, die das Leben in den Mittelpunkt stellen. Sie beschrieb das Projekt in einem Interview mit pbi als „das Zentrum der Garífuna-Gemeinden, ein Paradies.“ Dort wird die konkrete Arbeit für Ernährungssouveränität mit verschiedenen Themen verbunden. Zum Beispiel mit dem Aufbau autonomer Gesundheitszentren, die mit traditionellen, ganzheitlichen Heilmethoden arbeiten, mit Bildungs- und Medienarbeit und dem Kampf gegen geschlechtsbezogene Gewalt.

Mirandas Analysen auf Basis ihrer konkreten Lebenserfahrung zeigen deutlich, wie verschiedene Gewaltstrukturen wie Kolonialismus, Kapitalismus und Patriarchat nur gemeinsam bekämpft werden können. Ihre Arbeit beweist, dass radikale Alternativen nicht nur notwendig, sondern auch möglich sind.


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RÜCKKEHR NACH VORNE?

“Glücklich wird der Tag sein, an dem keine fehlt” Feministische Demonstration in Montevideo am 25. November 2024 (Foto: Santiago Ares)

Es war der bisherige Höhepunkt: Die feministische Großdemonstration zum 8. März brachte 2016 über 300.000 Frauen auf die Straßen von Montevideo. Die Mobilisierung reichte bis in sonst verschlafene Orte im Landesinneren. Seitdem hat die feministische Bewegung zu ungekannter Stärke gefunden.  Eine der Gruppen, die zu Mobilisierungen am 8. März aufrufen, ist die Coordinadora de Feminismos (feministische Koordination). Sie geht zurück auf die Vernetzung feministischer Gruppen, eine davon war Las Decidoras (Die Entscheiderinnen). Las Decidoras wurde Ende der 1990er Jahre von Aktivistinnen aus verschiedenen linken Organisationen gegründet. Mitstreiterin María Delia Cúneo erinnert sich: „Wir haben uns zunächst viel mit Autonomie beschäftigt, denn die parteipolitischen Strukturen waren – auch wenn sie sich zur revolutionären Linken zählten – absolut patriarchal geprägt. Dort wurden Frauen ebenso unterdrückt wie in staatlichen Strukturen, Institutionen oder anderen Parteien.“

Ausgehend von der Lektüre feministischer Texte und den eigenen Erfahrungen als Frauen, hat die Gruppe mit Straßenperformances als „kollektive Anklage“ eine in Uruguay bis dato kaum genutzte Protestform etabliert. „Wir wollten auf Themen, die uns wichtig waren, im öffentlichen Raum aufmerksam machen und Zustände anprangern, aber mit unseren Körpern, nicht nur mit Worten.“

Zur breiteren Vernetzung mit feministischen Gruppen aber kam es erst anlässlich eines Treffens Ende 2015. „Dort kamen alle Feminismen zusammen: Akademikerinnen, aus NGOs, aus Institutionen, andere, die nirgendwo organisiert waren, und wir“, erzählt Cúneo. Auf diesem Treffen nahm, mit dem Aufruf zur Demonstration am 8. März 2016, die neue Stärke der feministischen Bewegung ihren Anfang. Feminizide wurden zu einem zentralen Thema der Koordination: „Jedes Mal, wenn eine Frau von einem Mann ermordet wurde, sind wir zu einer Alerta Feminista auf die Straße gegangen“, so Cúneo. Bis heute seien sie immer bereit, eine Alerta zu organisieren. Zur Demonstration zum 25. November vergangenen Jahres, anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt an Frauen, rief die Coordinadora unter dem Motto „Von Abya Yala bis Palästina, feministischer Widerstand“ auf.

Zu neuen, progressiven Regierung äußert sich Cúneo zurückhaltend. „Wenn wir in fünf Jahren rechter Hetze etwas gelernt haben, dann, dass wir von der Politik konkrete Lösungen für konkrete Probleme fordern müssen. Beispielsweise treffen Gesetzesnovellen wie die Verschärfung des Strafmaßes für geringfügigen Drogenhandel Frauen im besonderen Ausmaß.“ Denn dies führe dazu, dass Frauen, die inhaftierten Angehörigen kleine Mengen von Drogen zukommen lassen, ihrerseits ins Gefängnis kommen. Das sei auch dramatisch für deren Kinder, die dann in die Obhut des INAU (Instituto del Niño y del Adolescente del Uruguay, Uruguayisches Kinder- und Jugendinstitut) oder irgendeines Angehörigen kämen.

„Auch wenn der Ausgangspunkt der Unterdrückung und der Gewalt im System selbst liegt, die Probleme der Frauen sind real“, macht Cúneo deutlich. Es brauche politische Maßnahmen, um die Konsequenzen dieser vom Staat selbst verursachten Probleme zu beheben, wiedergutzumachen oder zu lindern. „Dabei spreche ich von Frauen, die Opfer von Gewalt, sexueller Ausbeutung, und Missbrauch geworden sind, von Kindern und Jugendlichen, die vergewaltigt worden sind und in perversen Institutionen wie dem INAU untergebracht, wo sie wiederum Gewalt und Missbrauch erleiden. Ich spreche von der Notwendigkeit, Zentren zu schaffen, die Frauen mit Suchtproblematik helfen und solchen, die auf der Straße leben.“ All dies sei, so Cúneo, Ergebnis eines patriarchalen Systems, welches sich durch solche Maßnahmen nicht abschaffen lassen würde. „Aber es bleibt notwendig, im Konkreten Lösungen zu verlangen, und gleichzeitig an einem anderen Paradigma zu arbeiten, aus dem Feminismus heraus und aus uns selbst.“ 

“Keine der staatliche Maßnahmen können den Weg zur Emanzipation für die Frauen in Uruguay eröffnen”

Auch ohne größere Hoffnungen in die neue Regierung zu setzen, sieht Cúneo die Möglichkeit, wenigstens diese politischen Maßnahmen einzufordern. Wenn auch in dem Bewusstsein „dass keine dieser staatlichen Maßnahmen den Weg zur Emanzipation für die Frauen in Uruguay eröffnen kann.“ Diese könne nur durch „den eigenen Kampf“ erreicht werden.

Einen Schlussstrich unter das Thema der Verschwundenen und der Menschenrechtsverletzungen der bis dato letzten zivil-militärischen Diktatur ziehen: Das war Ziel der Kommission für den Frieden, die Präsident Jorge Batlle von der liberalen Partido Colorado (Bunte Partei) im Jahr 2000 einberief. In Reaktion darauf gründete eine Gruppe ehemaliger politischer Gefangener, Angehöriger und Aktivist*innen das Plenaria Memoria y Justicia (Plenum für Erinnerung und Gerechtigkeit). „Wir waren der Überzeugung, dass dieses Thema nicht abgeschlossen ist, es keinen Schlussstrich gibt“, sagt Nieves Cancela, die seitdem dort aktiv ist.

Das Plenum organisiert Escraches (Mobilisierungen vor den Häusern von Verbrechern der Militärdiktatur, Anm. d. Aut.) und versucht, die Erinnerung wachzuhalten: „Wir brauchen eine aktive Erinnerung, die wir für unsere aktuellen Kämpfe nutzen können, ohne die Forderung nach Gerechtigkeit aufzugeben.“ Ein Problem sei, dass die Repression in ein Gestern und Heute eingeteilt werde. Dabei handele es sich um die gleiche Straflosigkeit, die sich heutzutage nur in einer anderen Form als in der Diktatur ausdrückte. In den Gefängnissen foltere der Staat weiter und es gäbe weiterhin Personen, überwiegend junge Frauen, die verschwänden. Manche tauchten wieder auf, von anderen höre man nie wieder. „Das sind die Opfer von Menschenhandel und Sexkauf.“

Dass der Kampf um die Erinnerung von großer Aktualität bleibt, zeigen erschütternde Aussagen von Lucía Topolansky, Ex-Vizepräsidentin und Frau von Ex-Präsident José Pepe Mujica: Sie versicherte Ende 2024, dass sie Aktivisten kenne, die vor der Justiz gelogen hätten, damit Ex-Militärs in Prozessen um Menschenrechtsverbrechen verurteilt werden. Diese Aussage wurde von Mujica bestätigt. Auf Seiten von Menschenrechtsorganisationen stießen die Äußerungen auf großes Unverständnis und Ablehnung.

„Es gibt aberhunderte Aussagen von Genossen, die gefoltert worden sind, es gibt hunderte Verschwundene und Ermordete“ sagt Cancela, und dennoch werde Zweifel gesät. „Sowohl Topolansky als auch Mujica haben gesagt, dass sie keine alten Menschen im Gefängnis sehen wollen. Damit meinen sie Militärs und Zivilisten, die wegen Verbrechen in der Diktatur inhaftiert sind.“ Der Fall hat eine zwielichtige Vorgeschichte: Ex-General Guido Manini Ríos, Parteivorsitzender der rechtspopulistischen Partei Cabildo Abierto, hatte Pepe Mujica auf seinem berühmten Hof besucht. Dort schlug er Mujica vor, dass ältere, gefangene Ex-Militärs freigelassen werden. Einen Monat nach dem Besuch wurden dann die Äußerungen von Topolansky öffentlich bekannt.

Wenige Erwartungen an die neue Regierung

Nieves hat wenige Erwartungen an die neue Regierung, die am 1. März antritt. Auch in früheren Regierungsbeteiligungen der Frente Amplio hätte es Repression und keine Fortschritte auf der Suche nach Wahrheit, Erinnerung und Gerechtigkeit gegeben. Nieves kritisiert, dass es keine klare Äußerung zum Genozid in Gaza gegeben habe. „Es wird sicherlich Unterschiede geben zur Regierung Lacalle, aber ob das einen bedeutsamen Fortschritt beim Thema Menschenrechte bedeutet, bleibt abzuwarten“, schließt sie.

Seit einigen Jahren erhält das Thema der Erinnerung wieder mehr Aufmerksamkeit. Ein Beispiel ist der große Marsch der Stille, der von Müttern und Angehörigen von Verschwundenen Gefangenen veranstaltet wurde. Jedes Jahr am 20. Mai versammeln sich zu dieser Gelegenheit über 30.000 Personen in Montevideo, darunter immer mehr jüngere Menschen. Auch in Orten im Landesinneren gibt es ähnliche Gedenkveranstaltungen.

Auch die Umweltbewegung ist zuletzt stark gewachsen. Ihr Kampf dreht sich vor allem um Trinkwasser, die wichtigste natürliche Ressource Uruguays. Die ist bedroht: Nach einer langen Dürre im Jahr 2023 fielen die Trinkwasserreservoirs, die die Metropolregionen von Montevideo, Canelones und San José versorgen, fast vollständig trocken. Dort lebt mehr als die Hälfte der Einwohnenden des Landes. Die Regierung mischte daraufhin das Trinkwasser mit dem des Río de la Plata, obwohl das dort entnommene Wasser ungenießbar und für den menschlichen Verbrauch nicht geeignet ist. Wer es sich leisten konnte, stieg auf abgefülltes Wasser um. 

Auch eine der wichtigsten Wasserquellen des Landes, der Río Santa Lucía, ist bedroht durch das Agrobusiness und Agrargifte, die für Monokulturen, von beispielsweise gentechnisch verändertem Soja oder der Forstwirtschaft, genutzt werden. „Dadurch kommt es zu Verschmutzung mit Blaualgen, wie momentan an der Küste, aber auch in wichtigen Stauseen zur Trinkwasserbereitung“, sagt Marcos Umpiérrez, Dozent der Kunstfakultät und Mitglied der Asamblea por el Agua del Río Santa Lucía (Versammlung für das Wasser des Río Santa Lucía). Sie haben bereits verschiedene Demonstrationen zur Verteidigung das Wassers organisiert. Das regionale Modell eines Agrobusiness, welches auf großen Monokulturen von Soja und Forstwirtschaft basiert, setze auf die Ausbeutung von Gemeingütern wie Wasser und Territorien.  Dies führe weiterhin, so Umpiérrez, zu einer Verklappung giftiger Agrochemikalien in die Wasserläufe und ruhende Gewässer und in der Folge zur giftigen Blaualgenblüte.

Hinzu kommt der Trend zum grünen Wasserstoff, in Europa und vor allem in Deutschland. Um Wasserstoff zu erzeugen, werden die wasserführenden Schichten angezapft, um möglichst reines Wasser zu entnehmen. „Grün“ wird der Wasserstoff vor allem genannt, da zu seiner Produktion erneuerbare Energien vorgesehen sind. Deshalb ist auch die Errichtung großer Felder mit Solarzellen geplant. Der Wasserstoff soll schließlich Methanol erzeugen und als Treibstoff nach Europa exportiert werden. „Das Problem daran ist“, erklärt Umpiérrez, „dass sie Süßwasser aus unseren Territorien verwenden, weil es für sie viel günstiger ist. Wahrscheinlich wird ihnen für das Wasser nichts berechnet, wie etwa UPM, die für das Wasser zur Zellstoffproduktion nichts bezahlen müssen.“ Das finnische Zellstoffunternehmen, war für mehrere Leckagen von toxischen Produkten verantwortlich. So gelangten etwa tausend Kubikmeter Natriumhydroxid in einen Zufluss des Río Negro.

Auch das sogenannte Proyecto Neptuno (Neptun-Projekt) versetzt die Umweltbewegungen in Alarmbereitschaft. „Sie wollen bei Arazatí im Departamento San José Wasser aus dem Río de la Plata entnehmen, um es in die Metropolregion Montevideo zu leiten“ berichtet Umpiérrez. Er betont, dass der Río de la Plata nicht nur einer der verschmutztesten Flüsse der Welt ist, sondern dass das Projekt auch unglaublich teuer ist. „Es heißt, dass es 300 Millionen Dollar kostet, aber im Endeffekt wird die uruguayische Bevölkerung bis zu 900 Millionen Doller zahlen müssen.“ Er bezeichnet das Projekt zudem als verfassungswidrig: Es verstoße gegen Artikel 47 der Verfassung, der besagt, dass die Trinkwasserversorgung Angelegenheit des Staates und der Zivilgesellschaft ist.

Zudem wird vor Buenos Aires ein Abwassersystem gebaut, welches die Abwässer der argentinischen Hauptstadtregion praktisch direkt in Richtung Arazatí leitet. „Das Wasser wird also von extrem schlechter Qualität sein. Außerdem lassen sich so nur 25 Prozent des Wassers gewinnen, das nötig ist, um die Metropolregion zu versorgen“, warnt Marcos. Die OSE (Obras Sanitarias del Estado, öffentliche Firma, die das Monopol der Trinkwassererzeugung hat, d. Red.) sei völlig unterfinanziert und verliere zudem über die Hälfte des von ihnen produzierten Trinkwassers. Und dennoch: „Die Entscheidung fällt zugunsten dieses Projekts, anstatt die strukturellen Probleme der Trinkwasserversorgung zu lösen. Dafür wären etwa 400 Millionen Dollar nötig.“

Angesichts des Regierungswechsels hofft Marcos, dass der Artikel 47 der Verfassung respektiert wird. Doch weder in den Jahren der Regierung der Frente Amplio noch unter der rechten Koalitionsregierung wurde anerkannt, dass Wasser ein fundamentales Menschenrecht ist und der Umgang mit diesen Gemeingütern in Abstimmung mit der Zivilgesellschaft reguliert werden soll. „Wir hoffen, dass die neue Regierung der Frente Amplio die Verfassung respektiert und den Kollektiven und der Wissenschaft zuhört. Sie sollen das Wasser verteidigen, aber wir wissen, dass dies nicht geschehen wird.“ Danach sieht es jedoch nicht aus: Bei Redaktionsschluss wurde bekannt, dass die noch bis 1. März amtierende Regierung von Luis Lacalle Pou den Vertag zum Bau des Proyecto Neptuno unterschreiben hat.


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Gestärkte Rücken

Jedes Jahr seit 1986 kommen viele tausend compañeres aus ganz Argentinien an einem Ort zusammen. Das Treffen ist ein Ort der Stärkung für kommende Kämpfe, dort, wo es am notwendigsten ist. In diesem Jahr fiel die Wahl auf die Provinz Jujuy. Im Wahljahr 2023 hatte der damalige Gouverneur der Provinz eine Änderung der Verfassung von Jujuy angeordnet, die nicht nur die extraktivistische Wirtschaft vorantrieb, sondern sich auch über die Gemeinschaftsrechte der Indigenen Völker und Arbeitsrechte hinwegsetzte (siehe LN 591/592). Der breite Widerstand dagegen löste eine heftige Repression gegen die Jujeñxs aus.

Horizontal und partizipativ

Auf den Treffen gibt es verschiedenste Workshops, kulturelle Programmpunkte und mindestens zwei Demonstrationen: eine gegen Trans- femizide und Hassverbrechen gegen LGBTIQ+-Personen und eine große Abschlussdemonstration.

In diesen Tagen begegnet man Menschen aus dem ganzen Land, die lokal aktivistisch tätig sind. Plötzlich entstehen mögliche gemeinsame Pläne, Erklärungen und Initiativen, um sich wieder zu treffen. Die Dynamik ist horizontal und partizipativ. Es wird nicht abgestimmt, sondern versucht, geteilte Positionierungen über das jeweilige Thema zu erreichen.

In der derzeitigen politischen Lage, mit einer ultrarechten Regierung, die den Staat aushöhlt und feministischen und Menschenrechtsaktivismus offen angreift, haben sich viele von uns dafür entschieden, an einem Workshop teilzunehmen, der auch schon im vergangenen Jahr gut besucht war: der Antifaschismus-Workshop. Dort haben wir uns über Begriffskonzepte ausgetauscht, um das Phänomen zu verstehen und Erfahrungen geteilt, wie wir das vergangene Jahr in unseren sozialen Bewegungen politisch erlebt haben. Gleichzeitig haben wir uns mit den Charakteristiken der Ultrarechten in jeder Provinz vertraut gemacht. Wir haben unsere feministischen Errungenschaften Revue passieren lassen und verstanden, dass wir nicht aus Zufall Lieblingsobjekt der Angriffe sind: In unserem Land scheinen die traditionellen und ultrarechten Gruppen ihre Gemeinsamkeiten im frauen- und LGBTIQ+-feindlichen Diskurs und in der allgemeinen Stigmatisierung unserer Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit zu finden.

Die Auseinandersetzung über den digitalen Raum als Ort, in dem Ultrarechte sich wohlfühlen, war auch eine Möglichkeit, uns über unsere Recherchewerkzeuge auszutauschen. Viele von uns sind der Meinung, dass die sozialen Netzwerke sehr wichtig sind, um zu verstehen, wie Ultrarechte agieren, wer sie sind und wie ihre Agenda aussieht. Wir wollen damit nicht nur das alte Motto „Wissen ist Macht” verteidigen, sondern die Recherche auch in unsere alltäglichen politischen Praxen aufnehmen.

Jahrzehnte der Organisierung und des gemeinsamen Kampfes stärken uns den Rücken. In Momenten des Rechtsrucks ist es manchmal leicht, das zu vergessen. Aber die Möglichkeiten sind da. Es reicht zu sehen, wie wir uns die Straßen jeder Provinz zurückholen, gemeinsam und vergeschwistert in einer gemeinsamen Bewegung, um zu wissen: Dieser traurige Zustand bleibt nicht für immer.


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„Wir wollen uns lebend, frei und unverschuldet!“

“Wir wollen uns lebend, frei und unverschuldet” Plakar auf einer Demonstration von Ni una Menos Santa Fe (Foto: TitiNicola via wikimedia commons (CC BY-SA 4.0))

In euren jüngsten Publikationen aktualisiert ihr die These von Gewalt als Produktivkraft. Was versteht ihr darunter und inwiefern ist sie für eine politische Analyse der letzten Jahre hilfreich?
Verónica Gago: Die Idee der Gewalt als Produktivkraft ist zentral für das feministische Weiterdenken der ursprünglichen Akkumulation sowohl bei Maria Mies als auch bei Silvia Federici, die damit ein ganz neues Diskussionsfeld eröffnen. Besonders interessant erscheint mir, Gewalt als Produktivkraft mit den feministischen Debatten der letzten Jahre über die Gewalten im Plural zu verbinden. Wenn in den letzten Jahren von Gewalt oder Gewalten die Rede war, wurde oft eine strukturelle Dimension vergessen, die mit der Kapitalakkumulation und den daraus entstehenden Formen von Gewalt zusammenhängt. Gewalt als Produktivkraft zu verstehen, verschiebt den Fokus auf die strukturelle, auf die kapitalistische, patriarchale und rassistische Dimension von Gewalt und bindet sie damit an ihren produktiven Charakter zurück.

Wenn wir uns der Frage zuwenden, was heute im Zuge der kapitalistischen Akkumulation Gewalt produziert, dann konzentriere ich mich auf das, was einige von uns in Lateinamerika seit Jahren als die extraktive Dimension des Kapitals analysieren. Es gibt eine Verbindung zwischen Territorien und feminisierten Körpern, die gleichzeitig von Ausbeutungsprozessen gekennzeichnet sind – durch Dispositive direkter Gewalt (Enteignung und Vertreibung) und durch vermittelte Gewalt über finanzielle Dispositive, insbesondere Schulden (ökonomische Gewalt und finanzielle Gewalt).

Luci Cavallero: Wenn Mies die Abgrenzung vornimmt, dass Gewalt nicht mehr als außerökonomisches Element gedacht werden kann, dann scheint mir das auch ein Stück weit die Pädagogik des (feministischen) Streiks zu sein, die ökonomische Gewalt als Teil und intrinsisch verbunden mit geschlechtsbezogener Gewalt begreift. Gewalt als Produktivkraft zu denken, ist also nicht nur eine Diagnose oder eine theoretische Entscheidung, sondern hat auch politische Konsequenzen, wenn es um das Agenda-Setting zur Bekämpfung von Gewalt geht. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine feministische Agenda, die auch eine Aushandlung mit dem Staat beinhaltet. Diese staatliche Dimension ist oft wie ein Versuch den Kampf gegen machistische Gewalt auf einen Alarmknopf zu reduzieren, während wir sagen, dass der Kampf auch Zugang zu Wohnraum und Arbeitsrechte in Haushalten umfasst. Die Idee von Gewalt als Produktivkraft beeinflusst auch die Art und Weise, wie wir innerhalb des Kollektivs Ni Una Menos über Bündnisse nachdenken und wie wir darin das Verhältnis zwischen ökonomischer und geschlechtsbezogener Gewalt aufgreifen.

An welche Art von Bündnissen denkst du, Luci?
Luci Cavallero: Für eine Anti-Gewalt-Agenda sind wir verschiedene politische Bündnisse eingegangen, zum Beispiel mit Mieter*innenbewegungen, die insbesondere die Rolle von Frauen als Haushaltsvorständen im Kampf um Wohnraum hervorheben. Denn im Kampf gegen machistische Gewalt kannst du verschiedene Arten von Bündnissen bilden, von der rechtlichen bis hin zur künstlerischen Ebene. Aber wenn du sagst, dass Gewalt auch eine Produktivkraft ist, dann bedeutet sich der Gewalt entgegenzustellen auch, sich dem finanzialisierten Immobilienextraktivismus entgegenzustellen.

Argentinien befindet sich seit Jahren in einer Wirtschaftskrise mit wenigen Höhen und vielen Tiefen. Ihr stellt die staatliche sowie die individuelle Verschuldung, die daraus resultiert, ins Zentrum eurer Überlegungen. Aber wie hängen Verschuldung und Gewalt als Produktivkraft zusammen?
Luci Cavallero: Ja, seit 2018 erleben wir in Argentinien eine soziale Tragödie, die mit einem wichtigen Ereignis begann: der Rückkehr des Internationalen Währungsfonds (IWF) in die Mitregierung der argentinischen Ökonomie im Jahr 2018 unter der Präsidentschaft von Mauricio Macri. Diese ultra-neoliberale Regierung hat den schnellsten Verschuldungsprozess in der Geschichte Argentiniens eingeleitet, der sogar den der Militärdiktatur übertrifft: 100 Millionen Dollar, die Hälfte davon bei externen Gläubigern, also Investmentfonds, und die andere Hälfte bei internationalen Kreditinstituten. Seither ist eine deutliche Prekarisierung der Lebensbedingungen für die große Mehrheit der Bevölkerung zu beobachten, die sich in verschiedenen Aspekten manifestiert. Darunter fällt eine stark wachsende Verschuldung der Bevölkerung, die immer mehr auf den Kauf von Gütern und Dienstleistungen der sozialen Reproduktion abzielt. Das breitet sich aus, nicht nur in der Arbeiter*innenklasse, sondern auch in den Mittelklassen. Einkommen reichen nicht aus und jeden Monat müssen neue Schulden aufgenommen werden, um das Einkommen aufzustocken.

Seit dem Wahlsieg von Milei ist diese Dynamik, die wir schon seit einiger Zeit untersuchen, geradezu explodiert. Aktuell befinden wir uns bereits in einem Szenario der Hyperinflation. Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch nach einem radikalen Wandel zu verstehen, der sich in der Wahl derjenigen zeigt, die eine Dollarisierung versprochen haben. Der Dollar gilt als die einzige stabile Währung. In einer Ökonomie, die grund­legende Güter und Dienstleistungen, beispiels­weise Wohnraum, dollarisiert hat, wirkt Mileis Vorschlag zur Dollarisierung wie ein Stabilitätsversprechen – auch wenn es offensichtlich nur um den Preis extremer Verarmung zu haben ist.

Welche Rolle spielen Feminismen darin? Oder: Warum braucht es eine feministische, materia­listi­­­sche und dekoloniale Perspektive, um Inflation und Verschuldung zu analysieren?
Luci Cavallero: Die kriminelle Verschuldung während der Präsidentschaft von Mauricio Macri fällt mit einem Höhepunkt des feministischen Widerstands zusammen. Schulden und Verschuldung werden zum Thema auf den Asambleas (Versammlungen) und im Rahmen der feministischen Streiks organisierten wir eine Aktion vor den Toren der argentinischen Zentralbank. Dort brachten wir zum ersten Mal das Transparent mit dem Slogan: „Wir wollen uns lebend, frei und unverschuldet!“ (¡Vivas, libres y desendeudadas nos queremos!) an. Diese Politisierung der Schulden beleuchtet etwa die Verbindung zwischen externer Verschuldung, Austeritätsprogrammen und Haushaltsschulden. Es sind hauptsächlich Frauen, die Schulden aufnehmen müssen, was wiederum das Verhältnis zwischen finanziellen Verpflichtungen und Geschlechteranforderungen in wirtschaftlichen Krisenzeiten aufzeigt.
Auf der einen Seite ermöglicht diese feminisierte Verschuldung, Notsituationen zu bewältigen, aber gleichzeitig ist es eine Verschuldung, die häufig Frauen an die Haushalte bindet, in denen Gewalt herrscht. Nach dem Motto: „Ich kann dieses Zuhause nicht verlassen, weil ich einen Haufen Schulden habe. Etwa um Schulmaterial für meine Kinder zu kaufen, die darauf angewiesen sind, dass ich drei Schichten arbeite und außerdem mein Partner arbeitet.“

Der IWF hat in das Abkommen mit Argentinien von 2018 eine vergeschlechtlichte Sprache aufgenommen. Darin wird der argentinische Staat aufgefordert, die weibliche Erwerbsarbeit und die finanzielle Inklusion von Frauen im Sinne von ökonomischer Autonomie zu fördern und zu erhöhen. Wir haben darauf folgendermaßen geantwortet: Mehr Erwerbsbeteiligung ohne Rechte taugt nichts! Und zweitens bedeutet finanzielle Inklusion nicht ökonomische Autonomie. Die Genossinnen sind bereits finanziell integriert, allerdings in Form von Verschuldung. Verschuldung ist auch eine Form der Inklusion!

So üben Schulden auch eine Form von Gewalt aus, weil sie dazu führen, dass du für weniger Lohn mehr arbeitest. Ein Beispiel: Ab dem Jahr 2018 sind innerhalb von vier Monaten 700.000 Frauen auf den Arbeitsmarkt gekommen, und gleichzeitig ist die Verschuldung am stärksten gestiegen. Sprich: Du bist zu längeren Arbeitszeiten und mehr Schichten gezwungen, während die externe Verschuldung dir nicht das Existenzminimum garantiert, sondern du dich noch weiter verschulden musst. Ich würde sagen, die Verschuldung ist der Mechanismus par excellence, der Gewalt als Produktivkraft auszeichnet.

Verónica Gago: Ich möchte hinzufügen, dass dies auf zwei weitere Momente in der Geschichte Argentiniens verweist: die Krisen von 2001 und 1989, die die größten ökonomischen und politischen Krisen seit der Militärdiktatur waren. Im Jahr 1989 musste Raúl Alfonsín, der erste Präsident nach der Diktatur, vorgezogene Neuwahlen ausrufen, woraufhin Carlos Menem an die Macht kam und die brutalsten neoliberalen Reformen der 1990er Jahre durchführte. Im Jahr 2001 waren die Wirtschaftskrise und Verschuldung ebenfalls sehr schwerwiegend und führten zu großen Protesten und einem Massenaufstand. Die Dollarisierung der Wirtschaft, ein Projekt der wirtschaftlichen Eliten, wurde dank dieser Proteste verhindert. Wie oben erwähnt, bestritt Milei als Kandidat der extremen Rechten den Wahlkampf mit der Idee der Dollarisierung. Das macht für viele Menschen Sinn, weil diese bereits de facto in den Bereichen Lebensmittel und Wohnen existiert – das sind dollarisierte Märkte. In allen drei Fällen handelt es sich also um Hyperinflationskrisen und um politische Krisen. Das heißt es sind Krisen, die einen Regierungswechsel oder eine tiefgreifende Umstrukturierung eben dieses politischen Systems mit sich bringen. Aktuell geht es um die Umstrukturierung eines fortgeschrittenen Extraktivismus- und Landnahme-Modells. Seit dem Triumph Mileis sehen wir, dass all dies mit Nachdruck bestätigt wird, mit einer zusätzlichen Komponente: einer extremen Geschwindigkeit in der Deregulierung der Grenzen für Unternehmen und in der Organisation der Plünderung selbst.


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Pizza, Champagner und Wut

Die Nachrichten aus Argentinien sind in letzter Zeit ziemlich beschissen. So abgedroschen es auch klingt, aber in dieser Zeit kommt das neue Album des transfeministischen Reggaeton-Projekts Chocolate Remix genau richtig. Die Frage, ob sich eine lesbische Person wie Romina Bernardo a.k.a. Chocolate, alle Pronomen, eine als immer noch hauptsächlich sexistisch und frauenfeindlich gelabelte Musikrichtung aneignen darf, ist sowas von 2010er Jahre. Minga, ein argentinischer Lieblingsausdruck von Chocolate, der sich etwas harmlos geraten mit „auf gar keinen Fall!“ übersetzten lässt, heißt das dritte Album der Produzentin und MC aus dem nordargentinischen Tucumán. Denn auf gar keinen Fall wird sich Chocolate von dem Faschisten, der seit Dezember 2023 in Argentinien an der Macht ist, die Laune verderben lassen.

Und so beginnt „La Fiesta“, der Opener des Werks, mit einer synthetischen Trompete, die das emble­matische „Todavía Cantamos“ von Victor Heredia schmettert. Im Eröffnungstitel geht es nicht nur um die Party als Ort des Widerstands – etwa für queere Personen – sondern auch um all die Demonstrationen, die festlich, aber entschlossen den Protest auf die Straße bringen. Dabei darf die Hoffnung und Kampf ausdrückende Hymne von Heredia aus postdiktatorischen Zeiten nicht fehlen. Darauf folgt „Otario“, ein aus der Hauptstadtschnauze lunfardo bis nach Brasilien verbreitetes Wort, welches im harmlosesten Fall „Idiot“ bedeutet. Im schnellen Rhythmus eines dominikanischen Dembow lässt Choco der Frustration und Hilflosigkeit über den Sieg Mileis freien Lauf und spuckt den Libertären ihre Wut entgegen. „Sie glauben, dass sie frei sind, die Liber-Otarios“– so das Wortspiel zwischen Libertär und Otario. Das Video zum Song wurde während der ersten Proteste gegen die Regierung Milei aufgenommen und zeigt Choco vor den Polizeiketten tanzend.

Harten, klassischen Reggaeton gibt es in „Pizza con Champagne“: Chocolate ist in den 90ern groß geworden, in jener bizarren Zeit, in der sich die Mittelschicht als Gewinnerin der dann 2001 platzenden Finanzblase wähnte und in einer aus heutiger Sicht grauenhaft trashiger Oberflächlichkeit eben Champagner zu ihrer Pizza gönnte. Ob manche auch in nostalgischer Erinnerung an diese Zeit Milei gewählt haben? Wie damals wird das Land völlig ausverkauft und privatisiert, aber Glamour lässt sich nicht erkennen, erklärt Chocolate in einem Reel auf Instagram.

Auf Minga geht es weiter durch verschiedene Stile und Themen: Da ist der House „Mostra“ mit seinen hypnotischen Wiederholungen; juicy wird es in dem sexpositiven Neoperreo „Pornostar“. In „Ey maricón“ nimmt Chocolate queerfeindliche Äußerungen auf und hält sie denen entgegen, die ihre Überforderung, ob Chocolate Mann, Frau oder wasauchimmer ist mit Hass ausdrücken – vielleicht sind sie ja heimlich fasziniert?

Das Album schließt mit einem Remix von Fede Haro von einem der besten Songs von Chocolate, „Quién Sos“, und lässt mit Wut und Hoffnung auf bessere Zeiten tanzen – ein bisschen Energie tanken, Kraftstoff für den Widerstand gegen den aufkeimenden Faschismus.

Mit seiner Energie und vor allem unermüdlichen Touren durch Europa erreicht Chocolate Menschen weit über die Grenzen Argentiniens hinaus – und verbindet Kämpfe in Zeiten der weltweit erstarkenden Rechten. Mit Freude kämpfen, obwohl die Umstände ziemlich ungut aussehen. Etwas, was der deutschen Linken eher abgeht.


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“Unsere Leben implodieren”

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In 20 Jahren stark gewachsen Das Kollektiv YoNoFui begann mit einem Poesieworkshop und bietet heute Unterstützung in zahlreichen Bereichen an (Foto: YoNoFui)

Wir treffen uns einen Tag nach dem brutalen Anschlag auf vier Lesben – Pamela, Roxana, Andrea und Sofía – im Stadtteil Barracas von Buenos Aires. Wie lässt sich dieser Anschlag in der gegenwärtigen politischen Situation erklären?

Dieser spezifische Fall zeigt, wie die Hassreden der Regierung von Milei später konkrete praktische Auswirkungen haben. Wir halten es für wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Reden nicht erst von dieser Regierung stammen. Sie brodelten schon länger unter der allgemeinen Oberfläche, aber jetzt gibt es eine Legitimation von höchster institutioneller Ebene, diese expliziten Grausamkeiten auch auszuüben. Und das ist definitiv gefährlich. Die derzeitige Regierung ist erklärtermaßen antifeministisch und gegen dissidente Körper. Letzte Woche hat einer von Mileis Biografen gesagt, dass Homosexualität von linken Parteien finanziert sei.
Aber wir leisten auch Widerstand: Gestern gab es eine Versammlung von etwa 400 Lesben aus verschiedenen Teilen des Landes, um zu besprechen, was zu tun ist. Die Situation ist sehr kompliziert, aber sie hat gerade erst begonnen. Unsere Leben implodieren. Jeden Tag gibt es Nachrichten aus dem nahen Umfeld, die uns umhauen. Die Krise der mentalen Gesundheit, in der wir uns aktuell wiederfinden, wirft viele Fragen auf, etwa wie wir gegen diesen Krieg ankämpfen können, der nicht nur kulturell und ökonomisch, sondern auch emotional geführt wird.

Aber mit diesen Hassreden hat Milei doch Wahlkampf gemacht. Wie erklärt ihr euch, dass ihn so viele Menschen gewählt haben?

Es gibt nicht eine einzige Antwort, sondern viele Gründe. Wir beobachten eine Veränderung in den Subjektivierungsprozessen, die sich nach der Pandemie verstärkt haben. Dabei gehen historische, geteilte Erfahrungen verloren, die dazu geführt haben, dass wir heute stehen, wo wir stehen. Zum Beispiel, dass wir ein Land sind, das Prozesse der Bildung und des Kampfes um eine historische Erinnerung hat oder hatte. Wir dachten, dies sei eine feste Säule der Gesellschaft, aber uns wurde klar, dass sie sehr fragil ist.
Als Teil einer Selbstkritik glauben wir, dass dies mit einer Omnipotenz der Menschenrechtsbewegungen und der linken Bewegungen zu tun hat, die einige Diskussionen bereits für erledigt hielten, anstatt sie zu radikalisieren. Ökonomisch hat der Kirchnerismus einen großen Teil der Bevölkerung über Konsum integriert – mit dem ganzen neoliberalen Ballast. Letztlich war es aber kein „wir konsumieren alle“ als Modus einer Umverteilung von Reichtum, denn es gab gleichzeitig viele Menschen in sehr prekären Situationen, denen es schlecht ging. Die Kluft hat sich weiter vergrößert. Jetzt ist es offensichtlich schlimmer. Die Mittelschicht hat noch nie derartige Verluste erlebt.

Bevor wir zu dieser Selbstkritik kommen: Könnt ihr uns mehr über YoNoFui erzählen?

YoNoFui entstand im Jahr 2002 aus einem Poesieworkshop, den María Medrano, eine unserer Genoss*innen, im Gefängnis von Ezeiza gegeben hat. Dort sind wir auf die Schwierigkeiten gestoßen, die jemand hat, der*die die Freiheit wiedererlangt. Es gab keine öffentliche Politik für die Zeit nach der Inhaftierung. Also begannen wir, uns zu treffen und Workshops an verschiedenen Orten zu veranstalten. Das Kollektiv wurde größer, es vergingen mehr als 20 Jahre. Heute sind wir ein Kollektiv mit verschiedenen Bereichen. In unserem Gemeinschaftshaus befindet sich die Kooperative mit verschiedenen Produktionseinheiten: Textil, Buchbinderei und Siebdruck. Dann gibt es noch die neuste Produktionseinheit für Ästhetik und Körperpflege mit dem Namen „Bell, jede Schönheit ist Politik“, die sich in unseren anderen Räumlichkeiten im Stadtteil Palermo befindet. Hier im Gemeinschaftshaus in Flores hast du die Anti-Knast-Bibliothek. Wir machen auch Bücher, wir haben einen Verlag. Unser Kollektiv ist ja aus einem Poesieworkshop hervorgegangen – es gibt also etwas an der Sprache, das uns stetig herausfordert zu hinterfragen.
Ein weiterer Bereich des Kollektivs ist der Segundeo. Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Hier auf der Straße sagt man primerear, um sich vor jemanden zu stellen, als ob man konkurrieren würde – ohne, dass dir der*die andere etwas ausmacht. Stattdessen meint segundear zusammen gehen. Es ist sozusagen das Gegenteil von primerear. Segundeo zeigt auch die Art, wie wir uns im Laufe der Zeit umbenannt haben: Am Anfang haben wir „soziale Unterstützung“ gesagt, dann „Begleitung“ und heute macht der Begriff Segundeo für uns mehr Sinn, denn Segundeo ist eine Praktik der Gegenseitigkeit, zu zweit, des gemeinsamen Werdens darin, es ist eine ganz bestimmte Haltung, die wir sehr schätzen.

Was heißt das in der konkreten Praxis?
Segundeo hat mehrere Instanzen. Im juristischen Segundeo haben wir aktuell Genoss*innen, die aus ihrer Zeit im Gefängnis viel juristische Erfahrung haben, und vier antikarzerale und abolitionistische (Strömungen, die sich für die Überwin­dung von Institutionen staatlicher Gewalt wie Gefängnissen einsetzen, Anm. d. Red.) Anwält­*innen. Gemeinsam verfolgen wir die Fälle der Genoss­*innen. Wir haben auch Ansätze der kollektiven Mediation. Wir sind ein Kollektiv und auch hier gibt es Konflikte. Mit dem Segundeo versuchen wir dafür Lösungen zu finden, die weder strafend noch sanktionierend sind. Einen anderen Segundeo nennen wir „Autonomie und Selbstverwaltung des Alltagslebens“: staatliche Beihilfen beantragen, einen Lebenslauf erstellen, Orte zum Wohnen suchen und das Alltagsgeschäft des Gemeinschaftshauses verwalten. Nach der Pandemie haben wir gesehen, dass es einen großen Bedarf an Raum für psychische Gesundheit gab. Deshalb haben wir auch noch den Segundeo für mentale Gesundheit eröffnet. Hier haben wir Raum für Gruppen- und individuelle Betreuung. Wir arbeiten ausgehend von einer Idee, die sich vielleicht gegen die hegemoniale Vorstellung richtet, die Gesundheit nur im Sinne von individuellem Wohlbefinden und Glück versteht.
Obwohl wir seit sehr vielen Jahren Erfahrungen mit Kunst- und Handwerksworkshops sammeln, haben wir erst dieses Jahr unsere Schule für Kunst, Handwerk und politisches Experimentieren eröffnet. Wir sind sehr verliebt in dieses pädagogische und politische Projekt, weil wir unseren Raum für die Community öffnen und etwas sehr Lebendiges entsteht, ein Zufluchtsort in einem so komplexen Moment. Es sind 70 Personen eingeschrieben und fast alle sind queer.

Ihr habt die Selbstkritik in diesen Zeiten schon angesprochen. Vielleicht etwas allgemeiner: Mit welchen Problemen seid ihr heute konfrontiert?

Wir sind der Meinung, dass wir immer noch nicht genügend berücksichtigen, welche Auswirkungen das Gefängnis auf jegliche Bindungen in unserem täglichen Leben hat. Nicht nur, ob du im Gefängnis warst oder nicht. Da gibt es etwas, das gesellschaftlich geleugnet wird, etwas in den prak­tischen und alltäglichen Auswirkungen unseres Umgangs miteinander, das als ständige Bedrohung mit uns lebt wie ein Gerücht, das nicht verstummt.
Eine weitere Herausforderung, der wir uns zu stellen versuchen, ist die Notwendigkeit, eine Sprache zur Abschaffung der Gefängnisse aus südamerikanischer Perspektive oder aus dem Globalen Süden zu schaffen. Denn alle Vorstellungen, die wir haben, kommen aus dem Globalen Norden mit der Entstehung der kritischen Kriminologie oder Angela Davis. Das ist alles brillant und hilfreich, aber wir wollen auch in einem regionalen Kontext denken: Was ist hier ein Gefängnis? Was ist hier Bestrafung? Welche ist hier die Ökonomie der Bestrafung? Wie denkt man Gerechtigkeit? Die Konzepte aus dem Globalen Norden kommen wie eine verschlossene Kiste bei uns an. Also haben wir angefangen, ein Mapping von alternativen Gerechtigkeiten anzulegen, zum Beispiel indigene Gerechtigkeiten oder die Art, wie wir im Alltag Konflikte lösen, die auch Teil einer anderen Art von Gerechtigkeit ist. Das Gleiche gilt auch für innerhalb des Gefängnisses: Was bedeutet es, Gerechtigkeit innerhalb des Gefängnisses herzustellen? Was bedeutet es, Gemeinschaft innerhalb des Gefängnisses aufzubauen? In einer Welt, die zur Hyperindividualisierung neigt, kann der Aufbau von Gemeinschaft ein Weg sein, Gerechtigkeit zu schaffen.
Und gleichzeitig ist es jetzt sehr schwierig. Jetzt haben wir zum Beispiel das Problem, dass sie mit einer Justizreform das Alter der Strafmündigkeit auf 12 Jahre senken wollen. Aber was machst du da? Plötzlich vertrittst du eine konservative Position und sagst: „Nein, halt! Lasst uns nicht auf die 12, lasst uns auf die 18 zurückgehen.” Aber auch das funktioniert für uns nicht. In einem Punkt ist es zwar weniger schlimm, aber als Kollektiv sind wir nicht einverstanden mit diesem strafenden System. Vielleicht wäre jetzt ein guter Moment, uns zu fragen: Was wird kriminalisiert?

Wie arbeitet ihr in dieser Situation mit anderen, vielleicht transfeministischen oder auch anarchistischen Bewegungen zusammen?

Im Allgemeinen sind wir wenige Kollektive aus unabhängigen Aktivist*innen, die keine Parteifahnen hinter sich haben. Und wir halten diesen autonomen Raum aufrecht. Uns erscheint es sehr wichtig aus der Autonomie heraus zu sprechen. Eine Autonomie, die immer in wechselseitiger Abhängigkeit steht. Dieses Jahr haben wir für den 8. März zusammen mit transfeministischen und queeren Aktivist*innen den Mostri-Block gebildet. Das hat uns sehr begeistert, denn die Idee dieses Blocks war es, über die Diskussion um Identität hinauszugehen. Mostri kann jemand sein, der*die im Knast war, Mostri kann eine Person mit Behinderung sein, Mostri können wir antipunitivistischen Kollektive sein, Mostri kann die queere Community sein. Und dann begannen wir uns mit travesti-trans, schwulen, lesbischen Kollektiven, dem gesamten LGBT-Kollektiv und anderen Mostri-Aktivist*innen zu versammeln. Im Alltag kooperieren wir mit dem Kollektiv der Sexarbeiterinnen und mit No Tan Distintes („Nicht so verschieden”), ein Kollektiv, das mit Menschen auf der Straße arbeitet. Aber mit manchen Feminismen ist es kompliziert, vor allem wenn sie sehr frauenzentriert, akademisch und punitivistisch sind. Als antipunitivistisches Kollektiv zur Abschaffung von Strafen beharren wir darauf, dass das Gefängnis keine Lösung ist. Deshalb sagt eine Genossin, Eva Reinoso, immer: „Wir sind unbequem für den Feminismus, aber die Betten in den Gefängniszellen sind viel unbequemer.”
Und mit anarchistischen Bewegungen gibt es eine Nähe zu bestimmten Ideen, sofern wir Anarchismus als Praxis gegen Autorität verstehen. Außerdem stehen die Bündnisse in einer historischen Tradition: Die Anfänge der Kriminalisierung sexuell dissidenter Menschen und Sexarbeiterinnen fallen mit der Kriminalisierung von anarchistischen und kommunistischen Bewegungen zusammen.

Vielleicht hilft das auch die Beziehungen innerhalb des Kollektivs, aber auch nach außen zu stärken. Wie blickt ihr auf die nächsten Wochen?

Uff, schwierig. Wir glauben, dass die nächsten Wochen immer komplexer werden, aber gleichzeitig ist es auch wichtig, dass wir uns weiter verbünden. Mit der Erfahrung des Macrismo, der nicht mal ein Zehntel so schlimm, aber dennoch schrecklich war, können wir vielleicht eine Haltung weder der Hoffnung noch des Optimismus haben. Denn das war auch ein großer Moment der Alternativen: Wir waren so erstickt, so unterdrückt, so unfähig gemacht zu leben, dass wir Leben schaffen mussten. Und die einzige Möglich­keit war, sich zusammenzuschließen und zu mobilisieren. Das Gleiche tun wir jetzt. Aber die Aussicht ist ziemlich entmutigend und eine große Herausforderung. Es ist sehr traurig und schmerz­haft. Gleichzeitig war zum Beispiel der Mostri-Block auf der Demo vom 8M ein Fest und hat uns eine Lebendigkeit wiedergegeben. Deshalb beharren wir, ohne Hoffnung und ohne Optimismus, auf die Traditionen des Kampfes in un­seren Territorien, die sehr mächtig sind und die in uns wohnen.


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