EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH

Wir säen Organisation, um ohne Angst zu leben Aktion am 8. März in Solidarität mit den Zapatistas (Foto: Santiago Arau)

 

Was bedeutet der 8. März 2020 für die Kollektive Mujeres y la Sexta und Mujeres que Luchan “Porque Acordamos Vivir”, denen du angehörst?

Der 8. März ist für uns ein sehr, sehr wichtiges Datum, weil es die Relevanz des Kampfes der Frauen gegen das Patriarchat (Anm. d. Interviewerin: männliche Vorherrschaft) zum Vorschein bringt. Für uns ist es der Tag der Frauen, aber nicht nur der Frauen, die kämpfen. Es ist weder eine Feier für uns, noch eine Mahnung an all das, was uns im Kampf gegen das Patriarchat noch fehlt. Vielmehr ist der Weltfrauen*kampftag ein wichtiger Gedenktag, der uns an all unsere Genossinnen erinnert, die im Kampf gefallen sind. Das waren zuletzt sehr viele. Die Gewalt gegen Frauen betrifft nicht nur die in einem offenen Kampf und politischem Aktivismus, sondern alle Frauen. Der Machismus gibt vor, dass Frauen Besitz seien. Sei es in partnerschaftlichen Beziehungen, Freundschaften oder bei unbekannten Zusammentreffen auf der Straße. Vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten Situation von Gewalt an Frauen in Mexiko und dem Anstieg an Feminiziden erscheint uns der 8. März sehr wichtig.

 

2019 war das Jahr mit den meisten Feminiziden in der jüngsten Geschichte Mexikos …

Mit der neuen Regierung hat sich die Situation zu einer regelrechten Epidemie entwickelt. Im Durchschnitt werden 10 Frauen pro Tag ermordet. Das ist offen gesagt etwas sehr Schwerwiegendes. Es handelt sich um Frauen unterschiedlichen Alters, vor allem im Alter von 20 bis 40 Jahren. Doch gibt es auch viele Fälle von verschwundenen Mädchen, wahrscheinlich im Rahmen von Organhandel.
Für uns ist dieses gemeinsame Erwachen sehr wichtig, um zu erkennen, dass das Patriarchat ein systemisches Problem ist, das uns vernichtet. Es sind keine einzelnen Aktionen von Verrückten. Die Angst hält uns Zuhause gefangen, ohne Teilhabe am öffentlichen Leben einzufordern. Es verwehrt uns das Recht auf Leben. Die Zapatista-Genossinnen haben uns gezeigt, dass es gilt, die Angst zu verlieren, um unseren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Eine neue Gesellschaft ohne Patriarchat.

 

Wie kam es zu dem Anstieg an Feminiziden in den letzten Jahren?

Es fängt mit dem Frauenbild an, das in den Medien vermittelt wird und das Frauen als Sexobjekte und Männern untergeordnet darstellt. Dies führt zu der Sichtweise, dass Frauen gehorchen müssen und Männer mit ihnen machen können, was sie wollen. Das geschieht auch im Bereich der Politik und sogar in Gewerkschaften oder Kreisen von Aktivisten, die sich als links begreifen.
Die Abwertung der Frau, die Verschärfung des Machismus und die Straflosigkeit bei Verbrechen an Frauen sind Samen und Frucht des Kapitalismus und bringen die Frau in diese prekäre Lage. Die Ausbeutung im Kapitalismus und Neoliberalismus sind gewissermaßen Basis für die Ausbeutung der Frau, deren Arbeit in vielen Fällen unbezahlt ist, weswegen dies noch nicht einmal als Ausbeutung begriffen wird.

 

Die wohl vulnerabelste Gruppe sind in Mexiko indigene Frauen. Wie wird im Kampf gegen sexualisierte Gewalt mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründen der Frauen umgegangen? Wie werden alle sichtbar gemacht?

Der Kampf gegen die Gewalt an Frauen und das Patriarchat in Mexiko ist nicht homogen. Die Genossinnen aus den indigenen Gemeinden, wie zum Beispiel die Zapatista-Frauen, führen den Kampf als Kollektiv und nicht als Individuen. Nicht eine wird zurückgelassen. Die Zapatista-Frauen waren immer sehr stark in ihrem Kampf und haben uns einiges gelehrt. Es haben sich viele Gemeinden vereint, Indigene der Tzotzil, Tzeltal, Ch‘ol, Mam und viele andere. Die Zapatistas haben es geschafft, Differenzen zu überwinden, und für höhere Ziele, wie Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit, zu kämpfen. Die indigenen Gemeinden haben sehr viel von verschiedenen mexikanischen Regierungen und Kolonialmächten erlitten, die ihnen ein Leben in Ausbeutung, Missbrauch, Missachtung, Plünderung, Unterdrückung und Rivalität zueinander aufgezwungen haben. Wie sie diese harten Umstände überwunden haben, ist wirklich sehr beeindruckend. Die Zapatistas sinnen nicht auf Vergeltung gegen das Patriarchat, sondern sie verändern es jeden Tag. Es ist sehr wertvoll zu sehen, dass eine andere Form des Lebens, abseits des Kapitalismus und Individualismus, existiert und uns eine andere Vision bietet, die Zukunft zu gestalten. Ich glaube an diese Vision der Zukunft, dass eine andere Welt möglich ist (Anm. d. Interviewerin: Eine der grundlegenden Ideen der Zapatistas und Parole ihres Kampfes ist: „Eine andere Welt ist möglich, eine Welt, in die viele Welten passen“).

 

 

Mehr Demonstrierende als je zuvor Proteste gegen sexualisierte Gewalt am 8.März in Mexiko-Stadt (Foto: Finja Henke)

 

War der Weltfrauen*kampftag dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor?

Dieses Jahr war die Demonstration am 8. März sehr viel größer als in den letzten Jahren. Wir waren schätzungsweise 250.000 Frauen in Mexiko-Stadt. In zahlreichen anderen Städten des Landes gab es auch Demonstrationen. Es war wie ein Erwachen. Das heiβt aber nicht, dass alle, die da waren, gegen das Patriarchat kämpfen. Vielmehr kämpfen alle für mehr Sicherheit und dafür, nicht ermordet zu werden. Es geht darum, ohne Angst auf die Straße gehen zu können. Viele Frauen waren zum ersten Mal dabei. Nicht nur die offizielle Route der Demonstration, sondern auch jegliche anliegenden Straßen waren bevölkert von Frauen in Mexiko-Stadt. Abseits der Demonstration fanden auch viele Aktivitäten statt, wie Tanz und Musik.

 

Am 9. März streikten landesweit viele Frauen in Mexiko. Was war der Grund dafür?

Die Idee für den Streik am 9. März wurde aus anderen Ländern übernommen. Der Streik wurde hauptsächlich in urbanen Gebieten umgesetzt. Ich denke, dass die Ankündigung der Zapatistas am Streik teilzunehmen, den Impuls für viele gegeben hat, dies auch zu tun. Bis hin zu der mexikanischen Regierung und großen Unternehmen, die vorgaben am Streik teilzunehmen und Teil der Bewegung zu sein. Doch dies bewegte sich mehr innerhalb des Diskurses des Machismus mit Äußerungen wie, dass auf die Frau, die schöne Königin, unsere geliebte Prinzessin, die Hübsche, aufgepasst werden müsse. Insofern sind das Vorstellungen, die unseren Kampf gegen das Patriarchat und für eine neue Gesellschaft verfälschen. Hingegen die Zapatista-Genossinnen gingen auf die Autobahnen mit ihren Lichtern und der Forderung, die Gewalt gegen Frauen und die indigenen Gemeinden zu stoppen. Das war etwas sehr Schönes.

 

Was bleibt zu tun, um im Kampf gegen die Gewalt an Frauen Fortschritte zu erzielen?

Wenn wir Autonomie erzielen würden, wären wir näher dran, etwas als Kollektiv zu erreichen. Mit Autonomie beziehe ich mich auf den sozialen Pakt, in dem die Zapatista-Gemeinden leben. Sie leben in großer Akzeptanz und Toleranz für jede Person, die Teil der Gemeinschaft sein möchte, egal welchen Geschlechts oder welches Wissen die Person mitbringt. Das bringt eine wahrhaftige Gleichberechtigung hervor. In unserer derzeitigen Gesellschaft haben wir nicht diese Form von Autoregulierung, da das Patriarchat so tief verwurzelt ist, dass Männer die Gewalttaten und Morde, die sie begangen haben, sogar feiern können. Insofern ist Bildung ein fundamentales Element.
Wir müssen auch schauen, was wir von anderen Gesellschaften lernen können, in denen es nicht so viele Feminizide gibt. Außerdem ist es wichtig, uns von diesem Rechtssystem der Straflosigkeit zu befreien und andere Normen und Sanktionen zu entwickeln, die Gewalt und Wiederholungstaten verhindern.
Die Autonomie lässt sich nicht von dem kapitalistischen System trennen, in dem wir heute leben. Das wäre utopisch und nicht einfach. Wir müssen wie Moos anfangen, in der Erde zu wachsen und sich dann auszubreiten. Das hängt von der Vernetzung verschiedener Formen des Widerstands ab. Es geht um kollektives Handeln und Solidarität, Muster von Diskriminierung abzulehnen und nicht zu reproduzieren. Der Kampf der Frauen ist Leitbild, denn wenn wir nicht das Patriarchat abschaffen, werden wir keine andere Form von Gesellschaft aufbauen können. Die Voraussetzung dafür ist Gleichberechtigung und davon ausgehend ist eine andere Welt möglich, nach der auch unsere Zapatista-Genossen streben.

 

„NIEMAND WIRD FÜR DICH KÄMPFEN, AUSSER UNS“

Gerechtigkeit Demonstrierende fordern, dass der Mord an Isabel Cabanillas de la Torre aufgearbeitet wird (Foto: Favia Lucero / YoCiudadano)

Im Januar habt ihr zu Aktionen auf der mexikanisch-US-amerikanischen Grenzbrücke aufgerufen. Ihr habt einen der am stärksten bewachten Grenzübergänge weltweit für mehrere Stunden besetzt, um auf den Feminizid an eurer Freundin Isabel Cabanillas und allen ermordeten Frauen aufmerksam zu machen. Wie fühlt sich das an?

Wir waren so wütend, dass wir angekündigt haben, alles niederzubrennen. Das haben viele wörtlich verstanden. Als wir auf die Brücke gelaufen sind, sahen wir schon die Barrikaden auf der US-amerikanischen Seite mit elektrischen Drahtkonstruktionen. Das hatte etwas Apokalyptisches. Begleitet von unserer Wut und ein paar unabhängigen Journalistinnen, hatte man das Gefühl, dass die ganze Welt auf uns schaut. Die Stimme, die wir gemeinsam erhoben haben und die Beiträge, die zweisprachig vorgelesen wurden, waren Teil der Aktion an diesem starken Ort. Juárez als Grenzstadt mit Texas auf der anderen Seite hat eine lange Geschichte, die geprägt ist von schrecklicher Gewalt gegen Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass das gerade einschlägt. Diese Nachricht bleibt nicht unbeachtet. Es war auf eine Art kathartisch. Während der Demo haben wir viel Kraft und Wut gespürt. Wir wollen eine schnelle Aufklärung und transparente Ermittlungen. Dabei sind wir uns aber auch bewusst, dass die Gerechtigkeit auf unserer Seite ist und mit uns auf der Straße steht. Wir werden keinen Schritt zurück gehen: Solange es keine Aufklärung gibt, gehen wir weiter auf die Straße.

Wie schützt ihr euch gegen die Gewalt in Juárez?

Die Situation in Mexiko ist sehr schlimm. Es ist sehr schmerzhaft zu ertragen, was mit Isabel passiert ist, weil sie uns sehr nahe stand. Aber genau wie uns Isabel schmerzt, schmerzt uns auch das Mädchen, dem die Organe geraubt wurden. Uns schmerzt auch das zwölfjährige Mädchen, das vergewaltigt wurde. Jedes Mal, wenn so etwas passiert, erinnern wir uns daran, wie wichtig Sicherheitsprotokolle für uns sind, präventives Handeln, Netzwerke und so weiter. Manchmal passiert es dann doch, dass wir fahrlässig sind. Dabei müssen wir ständig aufpassen. Kürzlich haben wir uns wieder mit ein paar Frauen getroffen und über vorbeugende Mechanismen gesprochen, über Gruppen, um uns gegenseitig zu schützen.
Wir sind in einer sehr verwundbaren Position. Daher ist es ganz konkret wichtig zu wissen, wer sich gerade wo aufhält, dass man weiß, die Freundin nimmt diesen oder jenen Bus. Man holt sich gegenseitig ab oder trifft sich an bestimmten Orten. Das bedeutet allerdings auch, dass man Ressourcen braucht. Es braucht bestimmte Ressourcen, um sich gegenseitig begleiten zu können. Wenn das nicht geht, gibt es nicht viel. Das bringt vor allem Arbeiterinnen und Studentinnen in sehr vulnerable Situationen, weil sie häufig vereinzelter leben.

Es wird kurz unruhig, das Skype-Gespräch wird von einer der „Hijas“ unterbrochen: „Unsere Nachbarin hat gerade erzählt, dass vor zehn Minuten nur zwei Straßen von hier eine Frau erschossen wurde. Ihr wurde in den Kopf geschossen und der Täter wird gerade gesucht. Deswegen hörst du vielleicht die Sirenen der Polizei im Hintergrund. Das nur am Rande. Du kannst das ja in deinem Interview erwähnen, dass während wir hier über Feminizide sprechen zwei Straßen weiter eine Frau ermordet wird.“ Später stellt sich heraus, dass die Radiojournalistin Teresa Aracely Alcocer getötet wurde. Das Kollektiv entscheidet, das Gespräch weiterzuführen. Es nütze nichts, sich davon einschüchtern zu lassen. Es sei ein Krieg niederer Intensität. „Es fallen keine Bomben, die Gebäude stehen noch, die Leute gehen zur Arbeit und in die Schule. Aber jeden Tag gibt es so viel Gewalt, gibt es Morde, gibt es Feminizide.“

Euer Kollektiv heißt „Töchter von Fabrikarbeiterinnen“. Wie habt ihr euch gegründet und wie kam es zu diesem Namen?

Wir haben uns zunächst „Feministische Initiative“ genannt. Damals haben Mütter von gewaltsam verschwundenen und ermordeten Frauen eine Karawane in die Landeshauptstadt Chihuahua organisiert, die wir unterstützt haben, um den Müttern zur Seite zu stehen, die ihre Töchter verloren hatten. Bei dieser Aktion haben wir festgestellt, dass die Mütter einiger aus der Gruppe selbst in den Weltmarktfabriken (den sogenannten Maquilas, Anm. d. Red.) wie sie hier typisch für die Grenzregion sind, arbeiten oder gearbeitet haben.
In den Grenzgebieten funktionieren Wirtschaft und Handel immer in Bezug auf die Grenzpolitik. Man rechnet mit billiger Arbeitskraft von Migrantinnen und anderen Personen, die aus allen Teilen unseres Landes dorthin gekommen sind und unter äußerst prekären Bedingungen arbeiten und leben. Die große Mehrheit der Angestellten sind Frauen. Die Unternehmen setzen die Arbeiter*innen einer zunehmenden Prekarität aus, um zu sehen, wie weit sie noch gehen können. Diese Situation trifft auf Gewalt, Drogenhandel, Machismo und Militarisierung und schwächt das soziale Gefüge.

Das heißt ihr seht eine Verbindung zwischen der Ausbeutung in den Weltmarktfabriken und sexualisierter Gewalt?

Genau, weil die Maquilas vor allem Frauen einstellen. Wir leben in einem relativ großen Bundesstaat. Die Bevölkerung fluktuiert stark, deswegen gibt es keine Stabilität und keine Organisation. Die Menschen kommen bereits prekarisiert hier an, wollen arbeiten und etwas zum Leben haben, ihr eigenes Haus und so weiter. Aber viele gehen wieder zurück. Wenn du alle Ressourcen eines Ortes ausschöpfen willst, kommt es dir recht, dass die Leute sich nicht organisieren können, zum Beispiel, weil sie von den langen Arbeitstagen erschöpft sind, weil sie keine finanziellen Mittel und keinen guten Zugang zu Bildung haben. Das kommt den Unternehmen, zum Beispiel den ausbeuterischen Leinenfabriken oder den Frackingfirmen, zu Gute.

Wie arbeitet ihr als Kollektiv und was unternehmt ihr dagegen?

Wir organisieren uns in asambleas (Versammlungen) und arbeiten horizontal. Grundlegend gehen wir davon aus, dass jede von uns jeweils unterschiedliche Feminismen für sich beansprucht. Was uns darin eint, sind Kämpfe für die Rechte von Frauen, für die Rechte von lesbischen, bisexuellen Menschen. Wir arbeiten mit dem Projekt migrantischer trans Frauen Respetttrans zusammen. Wir haben immer wieder unterschiedliche Projekte, das können auch Kleinigkeiten sein, bei denen wir uns gegenseitig helfen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Proteste und Aktionen, die eine enorme Wut sichtbar gemacht haben. Wie schafft ihr es, diese Wut und den Schmerz in produktive Kraft umzuwandeln?

Wir glauben, die Wut lässt sich nur umwandeln, wenn es mit anderen Frauen zusammen passiert. Das ist die Kraft der Frauen: Keine kämpft allein. Die Gemeinschaft öffnet sich für dich, bekräftigt dich. Und dann fühlst du dich sicher und sagst: „Na los, ich bin nicht allein!“ In Mexiko ist ein Leben nichts wert. Egal von wem, weil sie Männer töten, weil sie Frauen töten, weil sie Kinder töten. Das sind Leben, die nichts wert sind. Das Leben von Menschen kümmert niemanden. Vielmehr zählt alles, was die Infrastruktur und ähnliches betrifft. In Mexiko kümmert es niemanden, wenn sie eine Frau umbringen. Niemand wird für dich kämpfen, außer uns. Und es gibt keine Gerechtigkeit. Wir suchen sie, aber es gibt sie einfach nicht. Natürlich fordern wir sie ein, aber es sind so wenige Fälle, die überhaupt vor Gericht kommen. Es gibt keine Aufarbeitung der Verbrechen, die Institutionen funktionieren nicht und tun nichts. Deswegen müssen wir vieles selbst machen. Wie unseren Aufruf, alles niederzubrennen.

Seid ihr in Kontakt mit anderen Kollektiven aus Mexiko oder in anderen Ländern?

Ja, wir haben Verbindungen zu Gruppen in Deutschland, mit einigen Frauen aus den USA, mit Kollektiven in Mexiko-Stadt und aus ganz Mexiko oder zum Beispiel mit einem lesbischen Kollektiv namens Radio HumedaLes aus Chile. Es ist vielleicht keine regelmäßige oder beständige Zusammenarbeit, aber wir wissen, dass wir ihnen vertrauen können und, dass sie da sind und uns helfen, wenn wir darum bitten. Und so sind wir alle als Kollektive verbunden.

Was erwartet ihr von der internationalen Berichterstattung und den feministischen Bewegungen in anderen Ländern?

Zuerst einmal, dass sie ein Medium für uns sind. Dass sie uns unterstützen und unsere Informationen verbreiten. Viele wissen zum Beispiel nicht einmal, wo Ciudad Juárez ist. Dass es ähnliche Probleme in Tijuana gibt, dass es ähnliche Situationen sind wegen der Grenze.
Wir wollen, dass alle Welt davon hört. In einem bestimmten Maß hilft uns die Berichterstattung, Druck aufzubauen und unsere Anliegen zu verbreiten. Dass internationale Institutionen verfolgen, was passiert und darüber berichten, ist wichtig. Denn es passiert schon so lange, ohne dass sich etwas ändert. Es war nicht nur Isabel, sondern es sind immer mehr Frauen, die in Mexiko getötet werden. Wichtig ist, diese Dinge sichtbar zu machen: Dass wir immer noch keine Gerechtigkeit haben und dass es weiter Feminizide gibt.

 

PROGRESSIVE WELLE

Oben ohne Gegen Sexismus und Abtreibungsverbot (Fotos: Diego Reyes Vielma)

Für einen Großteil der Bevölkerung und des politischen Establishments völlig unerwartet nimmt die feministische Bewegung in Chile rasant an Wirkungsmacht zu und bestimmt mit ihren Themen die öffentliche Debatte. Bestärkt von der Durchsetzung der seit September vergangen Jahres legalen Abtreibung in drei Fällen (siehe LN 523) und der Mobilisierung der internationalen Frauenbewegung mit globalen Kampagnen wie #NiUnaMenos und #MeToo, nahmen Studentinnen das Ruder in die Hand und besetzten eine Reihe von Fakultäten und Universitäten. Rosario Olivares, Feministin, Schuldirektorin und Mitglied der Partei Sozialismus und Freiheit (SOL, Frente Amplio), sieht die aktuelle Mobilisierung als Ergebnis zweier verschiedener und sich nun kreuzender Ent­wicklungen: „Einerseits die historischen Forderungen der Frauenbewegung in einer konservativen Gesellschaft wie der unseren, und andererseits die Studierendenproteste von 2006 und 2011, die den Frauen neue Räume eröffneten, um als politische Subjekte zu agieren“.

Es fegt eine Welle feministischer Mobilisierung durchs Land.

In einigen Fällen sind die Besetzungen und Streiks eine direkte Reaktion auf universitätsinterne Fälle von sexueller Belästigung und Missbrauch, andere finden sowohl aus Solidarität statt als auch mit dem Ziel, der Frauenbewegung auf nationaler Ebene Ausdruck und Gewicht zu verleihen. Den Anfang machten Student*innen der Universidad Austral in Valdivia am 17. April mit der Besetzung der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften. Direkter Auslöser war die schleppende Bearbeitung und Gleichgültigkeit der Verantwortlichen gegenüber den Anschuldigungen von sexueller Belästigung, die sowohl Lehrende, als auch Studenten und Funktionäre betrafen. Zehn Tage später folgte die Besetzung der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Chile in Santiago. Den nötigen Zündstoff bot in diesem Fall ein Uni-versitätsbeschluss, der den Professor und ehemaligen Präsidenten des Verfassungs-gerichtshofs Carlos Carmona vom Vorwurf der sexuellen Belästigung einer Studentin ausnahm und ihn lediglich wegen der „Verletzung der administrativen Redlichkeit“ für drei Monate vom Dienst suspendierte.

Seitdem fegt eine Welle feministischer Mobilisierung durchs Land, die aktuell 15 besetzte Universitäten, 30 streikende Fakultäten und zahlreiche Aktionen von Schüler*innen einiger Sekundärstufen zählt. Höhepunkt war bislang die massive Demonstration, die, von 40 feministischen Student*innenversammlungen und der Studierendenförderation Confech organisiert, am 16. Mai in verschiedenen Städten des Landes stattfand und allein in Santiago laut Angaben der Organisator*innen 170.000 Menschen auf die Straße brachte. Die Protagonist*innen waren dabei ganz klar die Frauen: Nur sie hielten Reden und gaben Interviews, während die Männer unterstützend im Hintergrund blieben.

Die Teilnahme der Männer wird in der Bewegung kritisch diskutiert. „Wenn wir davon ausgehen, dass die aufgezwungene Differenz nicht natürlich, sondern sozial und politisch konstruiert ist, dann können die Männer an bestimmten Diskussionen und Mobilisierungen teilnehmen, weil es ein Thema ist, dass auch sie betrifft. Die auf dem Patriarchat basierenden Privilegien machen es jedoch notwendig, dass die Männer in der Lage sind, ihre Identität zu dekonstruieren und bestimmte Räume und die Protagonist*innenrolle der Bewegung nur uns Frauen überlassen“, so Rosario Olivares.


Für Polemik sorgte eine Gruppe von Student*innen, die genau auf der Demonstration vor dem zentralen Gebäude der erzkonservativen katholischen Universität ihre Brüste entblößte. Barbusig und das Gesicht mit bunten Mützen bedeckt, grenzten sie einige, die Polizei provozierende, männliche Studenten aus, um eine gewalttätige Eskalation zu verhindern und zu guter Letzt das Denkmal Johannes Pauls des Zweiten zu erklimmen. Während nackte Brüste in Werbung und Alltag keineswegs kritisch hinterfragt werden, scheint die Entblößung in einem politischen Rahmen für einen großen Teil der Bevölkerung anstößig zu sein. Deshalb symbolisiert dieser Akt genau das, worum sich die Proteste drehen: Das Verdeckte und Tabuisierte zu entblößen, das lange Schweigen zu brechen, die alteingesessenen patriarchalen Machtstrukturen aufzubrechen.

Die Kernforderung einer „nicht-sexistischen Bildung“ betont folglich nicht nur die Notwendigkeit, sexuelle Gewalt innerhalb der Bildungseinrichtungen sichtbar zu machen, den Opfern eine angemessene Betreuung und Schutz zuzusichern und härtere Sanktionen für die Täter durchzusetzen. Darüber hinaus schwingt der Anspruch mit, die Grundlage für einen kulturellen Wandel zu schaffen, der es Frauen und LGBTI ermöglicht, über ihre Körper und ihr Leben selbst zu entscheiden. Dafür bedarf es laut den Aktivist*innen einer Änderung der Lehrpläne an Schulen und Universitäten, in denen eine aufgeschlossene und die Vielfalt respektierende sexuelle Erziehung selbstverständlich sein muss. Sie fordern die Hinterfragung der konservativen, patriarchal geprägten Rollenbilder und ein auf der Genderperspektive aufbauendes kritisches Grundverständnis in allen Fächern und Studiengängen. Daraus ergeben sich Forderungen nach der Anerkennung von Trans*-Menschen und Einführungen in die Thematik für Studienanfänger*innen, aber auch die Geschlechterparität und gleiche Bezahlung in leitenden Positionen der Bildungsinstitutionen, Verwaltung und Wissenschaft.

Laut Rosario Olivares impliziert die Umsetzung einer nicht-sexistischen Bildung, „das gesamte Bildungssystem konzeptuell neu zu denken und institutionell neu zu strukturieren. Das schließt die Lehrpläne ein, ebenso die Nutzung von Sprache und die alltäglichen Arbeits- und Verhaltensweisen, die Sensibilisierung des Lehrpersonals und die Demokratisierung der Bildung. Wir brauchen ein Bildungsprojekt, das säkulär, feministisch, einheitlich und kontextbezogen ist, und unvoreingenommen von der Krippe bis in die Universitäten Wissen vermittelt.“

Einige Referent*innen der Bewegung sprechen von „feministischer Bildung“, um zu verdeutlichen, dass das Ziel nicht nur die Verringerung der männlichen Vorherrschaft ist, sondern es darum geht, die gesellschaftlichen Beziehungen von Grund auf zu verändern. Eine alternative, emanzipatorische Logik des menschlichen Zusammenlebens zu ermöglichen, die auf weniger Hierarchien und mehr Horizontalität beruht, auf Freundschaft, auf Solidarität, auf Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit und auf der Anerkennung der menschlichen Vielfalt und ihrer Lebensvorstellungen. Da den Bildungsinstitutionen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung und Festigung gesellschaftlicher Werte und Rollenverständnisse zukommt, trifft diese Forderung mit all ihren Facetten ins Herz des Patriarchats.

Die radikale Vorgehensweise und die tiefgreifenden Forderungen zeigen erste Erfolge.

Die radikale Vorgehensweise und die tiefgreifenden Forderungen der Mobilisierung zeigen erste Erfolge. An einigen Universitäten wurden die Besetzungen und Streiks vorerst aufgehoben, nachdem die Forderungen der Studierenden zumindest teilweise akzeptiert wurden. Für hochgezogene Augenbrauen sorgte dabei eine Tonaufnahme von einer Versammlung der Rektoren der traditionellsten Universitäten des Landes, in der eine reine Männerrunde über Maßnahmen zur Inklusion von Frauen diskutierte. Gut einen Monat nach der ersten Besetzung sah sich selbst die Regierung zu einer Reaktion genötigt: Präsident Sebastián Piñera gestand persönlich sein „machohaftes Verhalten“ ein und kündigte ein Paket von Maßnahmen zur Gleichstellung „unserer Frauen“ an. Nachdem unter der Präsidentschaft Michelle Bachelets (2014-2018) ein gewisser Fortschritt in Sachen Frauenrechte zu verzeichnen war, der sich in der Gründung des Ministeriums für Frauen und Geschlechtergleichberechtigung und der Legalisierung der Abtreibung in drei Fällen zeigte, konnte in den ersten Wochen der Amtszeit Piñeras eher eine gegenläufige Tendenz beobachtet werden. So ist die neue Frauenministerin Isabel Plá gegen die Legalisierung der Abtreibung und sorgte gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium für eine Klausel, die es öffentlichen Kliniken erlaubt, eine legale Abtreibung aus „Gewissensgründen“ verweigern zu dürfen.

Obwohl laut einer Umfrage des privaten Umfragedienstes Cadem 71 Prozent der Bevölkerung der Mobilisierung gegen den Machismus und die (sexuelle) Gewalt gegen Frauen zustimmen, stellen die angekündigten Maßnahmen der Regierung für die sich soeben erst der feministischen Debatte öffnenden chilenischen Gesellschaft und für den rechts-konservativen Teil des politischen Spektrums ein großes Zugeständnis dar. Eine Verfassungsänderung, um gleiche Rechte von Frauen und Männern zu garantieren, die Anerkennung und Verfolgung von Gewalt gegen Frauen in jeder Art von Beziehungen, die Förderung von Frauen in Führungspositionen – all das sind Vorschläge der Regierung, die im Grunde nicht viel mehr darstellen, als die Gewähr einiger grundlegender Rechte. Den Feminist*innen geht das nicht weit genug: „Der Feminismus ist eine Einheit politischer Theorie und Praxis der eine bestimmte Vorstellung von Gesellschaft zu Grunde liegt, die weder den Vorstellungen der amtierenden noch der vergangenen Regierung entspricht, denn beide haben ihren Anteil am neoliberalen Aufbau unserer Gesellschaft. Deshalb sind die Maßnahmen Piñeras nicht feministisch, denn sie ändern nichts an der Wurzel des Systems und basieren auf bereits existierenden Gesetzen. Beispielhaft dafür ist der Vorschlag des Präsidenten, die Krankenkassenbeiträge auch für Männer zu erhöhen, statt die für Frauen zu reduzieren“, so Rosario Olivares.

Die Vorschläge der Regierung haben also weniger mit Feminismus als mit der Erhaltung des Status quo zu tun. Die feministische (Studierenden-)Bewegung hat hingegen mit ihrem Ansatz einer nicht- sexistischen bzw. feministischen Erziehung einen tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft im Sinn, der wie jeder kulturelle Umbruch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Ein rasches Ende der Mobilisierung ist deshalb nicht abzusehen.

TROTZ ALLEM: EIN FEST

Verónica Gago ist Aktivistin, Journalistin und Mitglied im Kollektivverlag Tinta Limón. Gago lehrt als promovierte Sozialwissenschaftlerin an den öffent­lichen Universitäten UBA und UNSAM in Buenos Aires (Foto: Florencia Tricheri)

Frau Gago, Sie sind seit der Entstehung von Ni Una Menos im Jahr 2015 in der Bewegung aktiv. Wie hat sich diese entwickelt und was ist das Neue an diesem Feminismus, der es schafft, hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen?
Die Bewegung ist größer und massiver geworden, aber auch mehr im Mainstream angekommen. Das bedeutet, die Fähigkeit der Femi­nismen, sich mit einer ‚sozialen Konfliktivität’ zu verbinden, ist gewachsen. Soziale Konfliktivität meint die sozialen Probleme, mit denen die Gesellschaft heute konfrontiert ist. Die Parole Ni Una Menos (Keine einzige weniger) hat eine große Reichweite und schafft es, das Problem der Feminizide in die Öffentlichkeit zu bringen. In diesem Rahmen fanden die massenhaften Proteste von 2015 und 2016 statt. Im Oktober 2016 haben wir zum ersten Mal zu einem Frauenstreik aufgerufen. Das war eine Wende, weil wir aus dem Drehbuch ausgebrochen sind. Da wurden wir gefragt: Aber was hat ein Streik mit einem Feminizid zu tun? Mit dem Instrument des Streiks konnten wir sagen: Es reicht mit der Gewalt.
Aber um Gewalt gegen Frauen zu verstehen, muss ein ganzes Muster an Gewalt verstanden werden, das mit der ökonomischen, politischen und sozialen und der repressiven Gewalt des Staates verbunden ist. Wenn wir nicht verstehen, wie die Formen der Ausbeutung, die Kürzungen der Sozialleistungen oder die aktuelle Sozialreform, die die Regierung von Mauricio Macri systematisch vorantreibt, den Alltag beeinflussen, können wir nicht verstehen, warum Frauenkörper zu einem privilegierten Territorium für verschiedene Formen von Gewalt werden.

Wie hat die Bewegung den Alltag von Frauen in Argentinien verändert? Gibt es ein vor und ein nach bzw. während Ni Una Menos?
Heute können wir dem Grauen der Gewalt die Fähigkeit zur Mobilisierung entgegensetzen. Das erzeugt ein Bild, ein Gefühl und eine Erfahrung von kollektiver Kraft auf zwei Ebenen. Es geht um Trauer und Wut, aber auch um Schmerz und um einen Kampf. Trotz allem ist es ein Fest: Dieses ermächtigende Gefühl, gemeinsam auf der Straße zu sein. Dort verurteilen wir die Feminizide, die die größte Stufe der Gewalt darstellen, aber auch die anderen alltäglichen Formen der Gewalt, die mit Familienbeziehungen und zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch mit staatlicher Gewalt zu tun haben.
Dieses Gefühl hat die alltägliche Erfahrung verändert. Dieser massive öffentliche Moment gemeinsamer Stärke kann damit verbunden werden, wie diese Stärke übersetzt wird. Das heißt, wie sie sich in unseren alltäglichen Beziehungen verbindet, sich konkretisiert und materialisiert, in den Formen, die wir haben, um diese Gewalterfahrungen zu erzählen. Und sie, während wir sie erzählen, auch auf bestimmte Weise zu konzeptualisieren. Das bedeutet zum Beispiel, dass in Argentinien nicht mehr von Verbrechen aus Leidenschaft gesprochen wird. Der Feminizid wird als politisches Verbrechen verstanden.

Die argentinische Frauenbewegung beschäftigt sich heute nicht nur mit explizit feministischen Themen, sondern bezieht Stellung zur aktuellen Regierungspolitik, positioniert sich zum Sozialabbau, staatlicher Repression oder Landkonflikten und ist dadurch heute zur größten oppositionellen Bewegung im Land geworden. Wie habt ihr es geschafft, diese Vielfalt an Themen in die Bewegung aufzunehmen und eine gemeinsame Position dazu zu finden?
Die feministische Bewegung hat es geschafft, eine Vielzahl von Stimmen, Beschwerden und Forderungen in sich zu vereinen und verschiedene Themen auf besondere Art zu artikulieren. Zum Beispiel die Landkonflikte der indigenen Mapuche, die kriminalisiert und verfolgt werden, mit denen feministische Organisationen Bündnisse eingegangen sind. Wir wollen wissen, was diese Aggression und Gewalt gegen Körper und Territorium ausmacht.

Es geht um die Fähigkeit, die aktuelle Sozialreform aus einer feministischen Diagnose heraus zu verstehen, warum sie ganz besonders Frauen betrifft – als vormalige Empfängerinnen von Kindergeld oder von Rentenansprüchen aus unbezahlter oder informeller Arbeit als Hausfrauen oder Hausangestellte. Oder es geht darum, die Gewerkschaften zu hinterfragen und uns dabei mit den Genossinnen zu verbünden, die die vertikalen Strukturen in den Gewerkschaften bekämpfen und sie für interne Demokratisierungsprozesse öffnen wollen. Wir befassen uns mit dem patriarchalen Justizsystem, mit dem Zugang zum Gesundheitssystem und mit den Forderungen der Migrantinnen, die auf die rassistische Politik dieser Regierung hinweisen. Wir haben ein ganzes Geflecht aus Forderungen geknüpft, mehr als nur das, es ist ein Geflecht aus Kämpfen. Was diesen Grad der Politisierung der feministischen Bewegung ermöglicht hat, ist, dass wir aus den Grenzen ausgebrochen sind, aus jener Begrenzung, die uns oft auf eine ‚Gender-Agenda’ limitieren will. Als könnten wir nur über geschlechterspezifische Themen sprechen, die ihre Sprache, ihre Kodes und vor allem ihre Grenzen haben.

Wir haben damit gebrochen und einen sehr langen und arbeitsreichen Prozess öffentlicher Versammlungen angestoßen, in dem der Streik als politischer Prozess entwickelt wurde. Der Streik vom 8. März hat wie ein organisatorischer Horizont für die Vielfalt an Forderungen und Beschwerden und vor allem der verschiedenen Kämpfe funktioniert. Diese verwebte Artikulation untereinander macht aus dieser Bewegung eine absolut politische, radikale, massive und transversale Bewegung.

Angesichts der Größe der Bewegung scheint es fast unmöglich für konservative oder reaktionäre Teile der Gesellschaft, feministische Forderungen zu ignorieren. Wie sind die Reaktio­nen aus diesen Kreisen und wie positio­nieren sich auch gerade konservative Frauen zu den Forderungen der Bewegung?
Es gibt zwei Reaktionen, eine traditionellere aus den konservativen Teilen der Gesellschaft und einen Versuch der neoliberalen Übernahme unserer Forderungen durch die Regierung. Eine starke Diskussion gibt es um die Forderung nach Entkriminalisierung und Legalisierung der Abtreibung, gegen die konservative Teile der Gesellschaft unter starker Beachtung bestimmter Medien demonstrieren. Das ist eine klare Reaktion auf die Ausmaße, die der Ruf nach Recht auf Schwangerschaftsabbruch mittlerweile in unserem Land angenommen hat. Auch weil diese Forderung das Potenzial hat, verschiedene Debatten über Kirche, Selbstbestimmung der Körper und rassistische und klassistische Dimen­sionen der Abtreibung zu verbinden. Denn auch wenn Abtreibung illegal ist, können Frauen aus Mittel- und Oberschicht in privaten Kliniken sicher ihre Schwangerschaft abbrechen.

Die Reaktion der Regierung ist neoliberal. Es wird versucht, Präsident Macri als jemanden zu inszenieren, der offen für eine feministische Agenda sei. Er hat gesagt: ‚Ich bin ein später Feminist’. Die regierungstreuen Medien haben diesen Versuch der Regierung, die feministische Agenda zu kapern, gefeiert. Präsident Macri hat in einigen Parlamentssitzungen den Mutterschutz und die Lohnungleichheit angesprochen und Gesetzesprojekte eingebracht. Wir finden, das ist eine opportunistische Nutzung unserer Forderungen, die in einem Kontext von Massenentlassungen und totaler Prekarisierung von angestellten und informellen Arbeiterinnen und Gewerkschafterinnen, einer massiven Kürzung von staatlichen Sozialleistungen und der aktuellen Sozialreform zu sehen ist.

Die großen Mobilisierungen zum Frauen*streik am 8. März und anderen Demonstrationen sprühen vor Kampfgeist und Freude und beschwören eine Revolution. Wie geht es weiter?
Durch die Veränderung der sozialen Beziehungen und der Machtbeziehungen, die durch diesen Prozess ständig ausgeübt werden, ist er unumkehrbar geworden. Es ist eine Revolution auf den Straßen, in den Betten, auf den öffentlichen Plätzen und in den Häusern. Die feministische Dynamik hat auch die Schülerinnen eingenommen, heute stellen sie sich einer Bildungsreform entgegen oder machen klar, wie wichtig integrale Sexualkunde ist – ein anderes Projekt, das die Regierung abschaffen will. Am Streik haben auch Kleinbäuerinnen teilgenommen, denn eine ganze Dimension des Feminismus beschäftigt sich mit sozialen und territorialen Konflikten und großen neoextraktivistischen Projekten in der Region.

Wenn dieser umfassende und vielfältige Feminismus sich in Verbindung mit einer wach­senden sozialen Konfliktivität weiterentwickelt, hat er die Fähigkeit, weiterhin eine gemeinsame Ebene hervorzubringen, in der Kämpfe zusammenwachsen, in der es ein konkretes materielles Muster verschiedener verknüpfter Institu­tionen und Initiativen gibt, um Erfahrungen zu artikulieren. Der Feminismus als gemeinsamer Code, der heute eine politische Orga­nisations­­kraft ­in den Stadtvierteln, Gewerk­schaften und Uni­versitäten hervorbringt. Wir sehen auch, dass diese so mächtige und kämpfer­ische Stärke eine schwere Gegenoffensive erlebt.

Seit längerem charakterisieren wir das Problem der Feminizide als den Moment, in dem der Körper der Frau als Feld der Auseinandersetzung und als Kriegsbeute offensichtlich wird. Zum Beispiel die kürzliche Ermordung der brasilianischen Politikerin Marielle Franco, aber auch die Ermordung der Menschenrechtsaktivistin Gavis Moreno in Ecuador oder die Inhaftierung verschiedener indigener Genossinnen, die seit Jahren wegen Rückforderungen ihrer Territorien im Konflikt stehen. Wir beobachten durch die Ermordungen von wichtigen Führungsfrauen ein Aufrüsten der politischen, polizeilichen und kirchlichen Kräfte in diesem Krieg. Es war kein Zufall, dass Marielle Franco eine Frau war, die den Nukleus rassistischer Gewalt, die Militärpolizei in den Favelas, diskutiert hat. Hier in Argentinien passiert das Gleiche mit den Müttern, die die Übergriffe der Polizei auf Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln öffentlich machen. Frauen, die die kollektive Kraft nutzen und daraus eine mächtige Stimme machen, werden zum Ziel der Kontraoffensive einer misogynen Reaktion auf diese politische Kraft.

Zwar sind die Verhältnisse in Deutschland anders, aber auch hier müssen wir gegen sexualisierte Gewalt kämpfen. Was können wir von eurer Bewegung lernen?
Nach und nach übersetzen sich die Erfahrungen der Organisierung, der Radikalisierung und der Art und Weise, die soziale Konfliktivität zu verstehen, und finden zueinander. Und gleichzeitig taucht in jedem Ort und jedem Konflikt die Frage auf, was es bedeutet, sich diesen Konflikt in der feministischen Bewegung zu eigen zu machen. Die Hauptaufgabe ist es, die sozialen Konflikte aufzuzeichnen, über Strategien für Bündnisse nachzudenken und ausgehend von diesen konkreten und ungewöhnlichen Allianzen einzugreifen. Ungewöhnlich in dem Sinne, dass ganz verschiedene Akteurinnen und Kräfte miteinander kommunizieren können, sich zusammenfinden und vermischen. Und dann für eine Aktion zu mobilisieren, aus gerade dieser Vielfalt heraus, aus der sich heute die Kraft des Feminismus zusammensetzt.

ES KOMMT IMMER ETWAS NEUES

Nein heißt Nein Marielle Franco (Foto: privat)

Im Jahr 1975 organisierten Frauen in der Brasilianischen Pressevereinigung (ABI) in Rio de Janeiro eine Veranstaltung über die Situation der Frauen in Brasilien. Mehr als 400 Menschen nahmen teil. Daraus entstand die erste feministische Organisation Brasiliens, das Zentrum der Brasilianischen Frau (CMB). Mehr als vier Jahrzehnte danach besetzten wir denselben Ort, jetzt als Frauen, Schwarze, Trans, Favela-Bewohnerinnen, Lehrerinnen, Frauen aus dem Nordosten, Mütter – also als Frauen in ihrer ganzen Diversität.

Während der damaligen Veranstaltung kritisierten Schwarze Frauen die ABI: Obwohl dort wichtige Persönlichkeiten im Kampf gegen die Diktatur vertreten waren, gab es keine Debatte über die verschiedenen Formen des Frauseins. Ende November 2017 verwandelten wir die ABI in einen Raum der politischen Debatte. Eine sehr lebendige Debatte, voller Nuancen, in der 500 von uns bekräftigten, dass wir die Politik erobern werden, die Herrschaftsräume, jedoch nicht bloß über Quoten. Es gibt zweifellos einen neuen Moment, einen Weg als Reifeprozess der Frauen hin zur Aneignung der Getriebe der Macht.

Wir gelangten in das Jahr 2018, indem wir die Früchte des jahrzehntelangen Frauenkampfes für bessere Lebensbedingungen und mehr Gleichberechtigung in Entscheidungsräumen ernteten. In diesem Zeitraum wurde der Feminismus zweifellos diverser, vor allem was Forderungen zu Rassismus, sexueller Orientierung und Geschlechteridentität angeht, aber auch verschiedenen Erfahrungen des Frauseins, wie etwa Mutterschaft. Diese Diversität fand auf der Straße Ausdruck, bei den Kundgebungen und in den sozialen Netzwerken, durch Websites, Apps, Blogs und Videos.

Es wird viel darüber gesprochen, dass wir eine neue Welle des Feminismus erleben, dabei impliziert das Bild einer Welle die Idee von einem Bruch, der in der Geschichte so nicht passiert. Die Medien verbreiten die Idee, dass es einen „neuen Feminismus“ gibt, aber in Wahrheit ist das, was wir erleben, die Übereinstimmung verschiedener Formen von Feminismus. Denn selbst bei sehr unterschiedlichen Handlungsstrategien haben wir die gemeinsame Überzeugung, dass das Internet ein Ort des Dialogs und der politischen Vernetzung ist. Der brasilianische Feminismus von heute ist nicht nur jung und ermächtigt. Die Hashtag-Feministinnen und die historischen Feministinnen treffen sich in der gemeinsamen Aktion. Der Feminismus als Ganzes ist vielfältig, divers und kann Gemeinsamkeiten hervorbringen.

Unsere Präferenz erstaunt den männlichen, weißen und heteronormativen Klüngel

Seit der Wahl 2010 erleben wir eine politische Phase, die durch tiefgreifende Widersprüche gekennzeichnet ist. Man bezeichnet diese Widersprüche als Genderfragen. Demonstrationen und Kampagnen zeigten: Diversität muss politisch repräsentiert werden. Frauen zeigten sich als politische Kraft im gesellschaftlichen Machtgefüge, besonders die Schwarzen und die indigenen Frauen. Wir übernahmen die Rolle, aufzuzeigen, was wirklich „neu“ in der Politik wäre: Das Spiel umzudrehen, aus der Position der Unterordnung in der Gesellschaft herauszukommen, um die Räume des Diskurses, der programmatischen Entwicklung, der Projekte und der Entscheidungsfindung zu besetzen.

Obwohl wir einige wichtigen Orte besetzt haben, sind Frauen in der Politik weiterhin unterrepräsentiert, und Schwarzen Frauen erst recht. Wir Schwarze Frauen bilden zirka 25 Prozent der brasilianischen Bevölkerung, wie eine Volkszählung des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik (IBGE) von 2010 zeigt. Laut der „Darstellung der Ungleichheiten von Gender und Rasse“ (Ipea, 2015), bilden wir auch den größte Anteil der Arbeitslosen, derjenigen, die ohne Sozialversicherung arbeiten, als Hausangestellte oder mit dem geringsten Haushaltseinkommen pro Kopf. Dies ist keine zufällige Situation, sie ist Frucht einer zivilisatorischen Entwicklung, die es geschafft hat, den Körper der Schwarzen Frauen zu entmenschlichen und zu einem Objekt zu machen.

Inmitten von so viel Ungleichheit, so viel Rassismus und Sexismus, die darauf bestehen, uns zu vergewaltigen, ist es erstaunlich, wie viele schwarze Frauen es in die Institutionen geschafft haben. Unsere Präsenz erstaunt den männlichen, weißen und heteronormativen Klüngel. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, ein politisches Projekt zu konstruieren, das die Frauen, die uns bis hierher geführt haben, nicht ausschließt, sie nicht zweitrangig macht. Ein Projekt, bei dem die Kämpfe der verschiedenen Bewegungen gleichzeitig geführt werden.

Ironischerweise befanden sich die Frauen, die sich 1975 versammelten, im Kampf gegen die Militärdiktatur. Heute stehen wir einer illegitimen Regierung gegenüber, die die täglichen Angriffe auf unsere Rechte und Freiheiten bestärkt. In einer Gesamtsituation voll schwerer Rückschritte und konzertierter Aktionen der religösen Kräfte im Parlament schaffen Frauen es trotzdem, Veränderungen in der Gesetzgebung durch sehr unterschiedliche Feminismen und durch gegenseitige Stärkung zu verhindern. Wir üben Widerstand gegen die täglichen rassistischen Attacken und versuchen Wege zu finden, um die Situation des Elends zu überwinden, in die Menschen aus den Favelas, der Peripherie und auf dem Land durch die Krise gekommen sind. Gleichzeitig stärken wir Initiativen der Solidarökonomie und Bewegungen wie die der Obdachlosen und der Landlosen.

Dank Gruppen wie PretaLab (Initiative Schwarzer und indigener Frauen in neuen Technologien, Anm. d. Redaktion), dank der Ausbildung über digitale Sicherheit der Freien Feministischen Universität, des MariaLab (Kollektiv feministischer Hackerinnen, Anm.d. Red.) und der Schwarzen Bloggerinnen, üben wir Widerstand gegen die Verbreitung des Hassdiskurses und gegenüber neuen Formen von Gewalt, die im Virtuellen stattfinden. Wenn wir den Slam das Minas („Wettstreit der Mädchen“, Anm. d. Red.) hören, die die Poesie der Frauen aus verschiedenen Regionen aufgreifen und die Idee der „Battles“ neu erfinden – anstatt im Poetry Slam zu konkurrieren, stehen sie Seite an Seite, und ergänzen sich in der Performance – dann wissen wir, wer wir sind: Stimmen, die sich zuhören, sich annehmen, die die ganze Zeit Politik machen. Dieser Widerstand ist auch in seiner Ästhetik neu!

Die Bewegung A PartidA Feminista mobilisiert, um Kandidatinnen aufzustellen und eine Debatte darüber zu führen, wie wichtig es ist, engagierte Feministinnen für die Projekte des Wandels zu wählen. Die Bewegung, die 2015 entstand als Aktivistinnen sich versammelten, um den Sinn und die Möglichkeit einer feministischen brasilianischen Partei zu diskutieren, vereinigt Kollektive von Frauen verschiedener Parteizugehörigkeit und verschiedener Bewegungen aus ganz Brasilien. Anders formuliert: Die Wahlen von 2018 werden durch organisierte Gespräche geschwängert. Initiativen für eine vielfältigere Repräsentierung sollen erneuert werden, ebenso wie Instrumente für die kollektive Finanzierung von Kampagnen.

Bei unserem kürzlichen Treffen in der ABI gingen wir von der Idee aus, dass „eine Frau die nächste mit sich zieht“ – einer der Slogans des Protestmarsches der Schwarzen Frauen von 2017. Wir versammelten Frauen, die sich auf dem politischen Schauplatz von Rio de Janeiro hervorhoben und die potenzielle Kandidatinnen in Machträumen sind: In Länder- und Bundesparlamenten, Gewerkschaften, Parteien und verschiedenen Vereinen. Dabei ging es vor allem um Schwarze Frauen. 2016 haben wir diese Botschaft verbreitet, und hier in Rio de Janeiro bleiben wir an der Spitze der Kommission der Frau, um die Debatte über Gender im Parlament aus unserer Perspektive anzuführen.

Talíria Petroni steht vor der Herausforderung, als einzige Frau im Stadtparlament von Niterói ein Schwarzes Regierungsmandat zu konstruieren, feministisch und an der Basis orientiert. Áurea Carolina in Belo Horizonte schafft die Neuheit eines „weiblichen Parlamentsbüros“, offen für die verschiedensten Kämpfe und gleichzeitig offen für Zärtlichkeit, Poesie und Selbstfürsorge. Wir lernen zusammen, wir suchen Formen, Politik zu machen, die keine reine Reproduktion des Immergleichen ist, weil uns dies stärker macht, um die Räume in den Institutionen zu besetzen, trotz aller Rückschritte. Aber wir möchten nicht alleine in diesem Raum bleiben, wir wollen mehr Menschen, die die Politik verändern.

Die kürzliche Veranstaltung in der ABI wurde durch ein parlamentarisches Mandat initiiert, aber nicht nur. Ein Netzwerk von unabhängigen Frauen mit Parteizugehörigkeit, schloss sich zusammen, um dieses Treffen zu fordern und zu organisieren. Nur für sich betrachtet enthüllt diese Initiative schon einen neuen Moment. Das politische System, so wie es heute (nicht) funktioniert, muss dringend verändert werden. Wir setzen darauf, dass andere Frauen gestärkt werden, um Herrschaftsräume zu besetzen. Und deshalb kann kein politisches Projekt der Linken die Fragen ignorieren, die wir aufwerfen. 2018 – wir kommen!