UNERTRÄGLICH, UNVERZICHTBAR

Die Autorin Fernanda Melchors große stärke ist es, ihre Fiktion als Testimonialliteratur aufzuziehen. / Foto: privat

Eine immer in schwarz gekleidete Person, die unter den Dorfbewohner*innen nur als La Bruja, die Hexe, bekannt ist, wird ermordet aufgefunden. Schon brodelt in La Matosa, einer Ansammlung von Häusern an einer Landstraße inmitten von Zuckerrohrplantagen, die Gerüchteküche. Saison der Wirbelstürme, Melchors zweiter Roman, erlaubt sich keine Pause, und, nebenbei bemerkt, auch keine Absätze. Die Stimmen der Frauen im Dorf vermischen sich in einem stets nach vorne drängenden, aber nie unverständlichen Crescendo mit denen der Täter, Mittäter und Mit-Mittäter. Diese sind schnell ausgemacht. Unklar ist das Mordmotiv. War es Habgier, hatten die Mörder es auf den vermeintlichen Schatz der Hexe abgesehen? War es Rache dafür, dass eine Beschwörung oder ein Zaubertrank nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatten? Oder gar Eifersucht, ein „Verbrechen aus Leidenschaft“, wie die Zeitungen schreiben?
Fernanda Melchor, geboren 1982 in Veracruz, studierte Journalismus an der Universität Veracruz und Kunst und Ästhetik an der Autonomen Universität Puebla. Als Kind las sie gerne Horrorgeschichten und stöberte in Enzyklopädien. „Wenn ich an meine Jugend denke, erinnere ich mich an das Gefühl der Verzweiflung. Über Gewalt zu schreiben, bedeutet für mich, sie von allen Seiten zu betrachten, ihre Muster zu erkennen, es bedeutet auch, mich an meine Kindheit zu erinnern oder zu schauen, was um mich herum passiert. Wenn ich Fotos von Narcos, Mördern, Vergewaltigern in der Zeitung sehe, frage ich mich: Trennt uns wirklich so viel?“, so Melchor im Gespräch mit den LN. Ihren Stil beschreibt sie in Anspielung auf William Faulkner als tropische Gotik. Die Autorin spielt sowohl in ihren Reportagen als auch in ihren Romanen bewusst mit all jenen Klischees, die sowohl die mexikanische Boulevardpresse als auch Politik und Justiz immer wieder als Mordmotive heranziehen, um einem ganz anderen, tief im System verankerten Problem aus dem Weg zu gehen: der Gewalt an Frauen und Personen, die nicht nach heteronormativen Maßstäben leben. Der 2017 im Original als Temporada de huracanes und 2019 bei Wagenbach in Berlin erschienene Roman stellt dabei den bisherigen Höhepunkt ihres Schaffens dar.
Der Hintergrund: Melchor stößt zufällig auf einen Zeitungsartikel in der Boulevardpresse, in dem es heißt, dass „der Hexer“ eines Dorfes in Veracruz ermordet aufgefunden wurde, und dass einer der Jugendlichen im Dorf, angeblich sein Liebhaber, ihn umgebracht habe. Die Autorin, die sich der Sicherheitslage in Veracruz schmerzhaft bewusst ist, weiß, dass sie nicht einfach in besagtes Dorf fahren kann, um dort für eine Reportage zu recherchieren. 2015, das Jahr in dem Melchor an ihrem zweiten Roman schreibt, steht wie für viele andere Jahre, für Drogenkrieg, Lynchjustiz, anonyme Massengräber und nicht zuletzt Journalist*innenmorde. Melchor beschließt, die Mittel der Fiktion zu nutzen, um die Geschichte zu beschreiben. Aus dem Hexer wird eine Hexe, Melchor will die Problematik des Femizids thematisieren. Sie betont jedoch, dass Hexen in vielen indigenen Religionen unter anderem dafür bekannt sind, dass sie ihr Geschlecht nach Belieben ändern können. Die Gestalt der Hexe steht also auch für den Anspruch, binäre Vorstellungen von Geschlecht aufzubrechen. „Die Auswahl dieser Figur hat es mir erlaubt, sowohl von Frauenmorden als auch von Homo- und Transphobie zu sprechen. Die Hexe funktioniert als Symbol für eine starke, unabhängige Person, auf die die Männer eines Dorfes, stellvertretend für die gesamte Gesellschaft, ihre Ängste projizieren.“
Melchor hat mit Saison der Wirbelstürme einen Roman geschrieben, der vom Setting her „sehr, sehr mexikanisch“ und gleichzeitig universal ist. Dass er neben dem Anna Seghers-Preis nun auch den Internationalen Literaturpreis verliehen bekommen hat – wobei Melchor und ihre Übersetzerin Angelica Ammar sich gegen hochkarätige Konkurrenz wie Hélène Cixous oder Gerald Murnane durchsetzten –, hätte sich die Autorin nie erträumen lassen. „Man könnte denken, dass ein Roman, der so großes Elend beschreibt, nichts für den deutschen Buchmarkt ist. Aber Deutschland ist ein Land mit einer sehr gewalttätigen Geschichte. Auch wenn das Szenario fremd erscheinen mag, so sind Hass, Eifersucht und Intoleranz doch Themen, die uns alle berühren“, so Melchor, deren Urgroßvater selbst aufgrund seiner jüdischen Zugehörigkeit vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Mexiko geflohen ist. La Matosa, Dreh- und Angelpunkt von Saison der Wirbelstürme, ist eine Hölle, aus der es kein Entkommen gibt: „Die Fiktion gibt dem Schrecken eine Form, die es uns ermöglicht, ihn besser verstehen zu können.“

Während der Roman Falsa liebre (Falscher Hase) oder die Erzählung Dale un besito (Gib ihm ein Küsschen) sich vor allem auf die Perspektive der Opfer sexualisierter Gewalt konzentrieren, ist die Hexe in Saison der Wirbelstürme nahezu stumm. Wir bekommen keine Chance, sie aus erster Hand kennenzulernen. Die Stille, die La Bruja umgibt, steht im starken Kontrast zu dem rauschenden, sich überschlagenden testimonio der Dorfbewohnerinnen, das fast ohne Punkt und Komma auskommt. Die Leerstellen, die inmitten der hyperrealistischen und brutalen Beschreibung der alltäglichen Gewalt in La Matosa auftreten, sind bewusst so eingesetzt. „In der Literatur ist alles möglich, nichts ist nicht erzählbar. Aber genau wie in der Musik, ist auch die Stille wesentlich“, so Melchor.
Die Unerträglichkeit der Lektüre, die Unmittelbarkeit, mit der Melchors Sprache uns attackiert, ist, was ihr Werk so wichtig und einzigartig macht. „Oft werde ich gefragt: Und was ist mit dem Rechtsstaat, warum taucht der nicht auf? Ganz einfach, der Rechtsstaat existiert nicht, deswegen habe ich das Buch geschrieben.“ Vor diesem Hintergrund sind auch die Darstellungen von Massenvergewaltigungen und Kindesmissbrauch schwerlich, wie es einige Rezensent*innen in deutschsprachigen Medien getan haben, als „pornographische Passagen“ zu bezeichnen. Problematisch, zumal sie ein völlig anderes Ziel verfolgen. Sie sind was sie sind – extrem realistische sexualisierte Gewalt, so detailreich dargestellt wie eine Zeug*innenaussage vor Gericht. Melchors große Stärke ist es, ihre Fiktion als Testimonialliteratur aufzuziehen. Eine, die so überbordend und realistisch ist, dass sie kaum verdaulich ist. Eine, die uns zwingt, hinzusehen, wenn wir die Augen schließen und das Buch an die Wand schleudern möchten. Melchor provoziert Unbehagen, um die brutale Realität spürbar zu machen: „Oft sagt man ja, dass ein Buch dich behutsam an die Hand nimmt und sagt: Komm, wir machen eine Reise. Dieses packt dich am Hals und schmeißt dich ins Wasser.“

 

FEMINISTISCHE IDEENSCHMIEDE

Gemeinsam auf der Straße Das ENM ist eines der größten feministischen Treffen (Yamila Carbajo)

 

Von wem und wie wird das ENM jeweils organisiert?
Als ich erfahren habe, dass das Treffen in Chubut stattfinden würde, war mir sofort klar, dass ich mithelfen wollte. Am Anfang hatte ich gar keinen Plan, wie die Organisation ablaufen würde. Ich bin dann einfach zu einem der ersten Organisationsplena gegangen. Das war eine unglaublich tolle Erfahrung, es waren hunderte Frauen aus allen möglichen Orten anwesend. Beim ersten Treffen habe ich erfahren, dass alles im Konsens entscheiden wird. Mir hat sehr gut gefallen, dass es keine Hierarchien gibt. An der Planung des Kongresses waren sowohl „unabhängige“ Frauen – das heißt Frauen, die keiner Partei oder Organisation angehören – als auch organisierte Frauen beteiligt. Während des zweiten Treffens haben wir uns in Kommissionen aufgeteilt, die jeweils verschiedene Arbeiten übernahmen.

Welche Kommissionen gab es und wie lief die Arbeit innerhalb deiner Gruppe ab?
Es gab Kommissionen für Unterbringung, Sicher-heit, Finanzen, Organisation, Logistik, Workshops, Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und für die Kommu-nikation zwischen den Provinzen. Ich bin der Kommission Kultur beigetreten. Mit zwei Kolleginnen haben wir 17 Theateraufführungen, sieben Tanzaufführungen und fünf Performances koordiniert. Wir waren insgesamt echt wenige Menschen für die Organisation eines so großen Events. Angefangen haben wir mit mehr als 100 Leuten, am Ende waren wir nur noch 50-60. Am Ende des Kongresses haben wir vor Erleichterung geweint, dass wir die Organisation doch so gut geschafft haben.

Einige Tage vor dem Ereignis wurde ein Dokument der Mapuche über Social Media geteilt. Sie fühlten sich von der Kongressbezeichnung „nacional“ nicht repräsentiert und wünschten sich eine Änderung in „plurinacional“. Das Plenum habe aber ihre Anliegen ignoriert.
Nein, ignoriert haben wir das nicht. Das wurde sehr viel diskutiert und respektiert. Uns als Organisationsteam steht das gar nicht zu, den Namen zu ändern. Wir sind nur 50 Leute und können gar nicht entscheiden, wie der Kongress in Zukunft heißen soll (siehe Infokasten, Anm. d. Red.).

Wie war die Zusammenarbeit mit der Stadt? Dutzende Schulen öffneten ja zum Beispiel ihre Türen für Übernachtungen und Workshops. Und dann müssen am Wochenende mal 50.000 Feminist*innen mehr aufs Klo…
Chubut hat sich nicht freiwillig für den Kongress gemeldet, sondern jedes Jahr stimmen die Teilnehmenden des ENM über den nächsten Ort ab. 2019 wird das Treffen zum Beispiel in La Plata, im Bundesstaat Buenos Aires, stattfinden. Dort, wo der Kongress dann stattfindet, muss die Stadt die Versorgung gewährleisten, ob sie will oder nicht. Das heißt, die Gesundheitsversorgung muss gewährleistet sein und für die Sicherheit gesorgt werden. Auch das Abwassersystem wird beispielsweise mehr belastet als sonst. Grundsätzliche Dinge, derer du dir erst bewusst wirst, wenn du selber so ein Event mitorganisierst.

Was waren die Reaktionen der Anwohner*innen in Chubut? Also derjenigen, die nicht am Kongress teilgenommen haben? Auf Twitter wurde ja beispielsweise die Angst verbreitet, dass manche Teilnehmer*innen planen würden, frisch geborene männliche Babys in den Krankenhäusern zu töten.
Ich denke, der Kongress hat gezeigt, wer wir sind. Jeder Ort, an dem das ENM stattfindet, macht die Menschen dort sichtbar. Es gibt einige Menschen in Chubut, die begeistert am Kongress teilgenommen haben. Auf der anderen Seite gibt es eben auch Leute, die so einen Scheiß glauben. Das Treffen an sich war auf jeden Fall eine unglaubliche Party. Und was nicht eingetroffen ist, war jene Twittermeldung, die vorab über die Feministinnen in den Medien verbreitet wurden. Was aber geschah, ist, dass die staatlichen Organisationen versagt haben. Alles was die Regierung uns versprochen hat, hat gefehlt. Es gab viel Gewalt gegenüber uns Frauen.

Laut für den Feminismus Trotz Repressionen waren Tausende auf der Abschlussdemonstration (Foto: Yamila Carbajo)

 

Was ist passiert?
Die Regierung hat uns Sicherheit versprochen, die gab es nicht. Vor allem die gefährlicheren Viertel der Stadt wurden nicht bewacht. Im ohnehin sicheren Teil gab es drei Patrouillen. Dagegen gab es in den drei unsicheren Vierteln zusammen nur eine. Eine Schule, in der Kongressteilnehmerinnen übernachteten, wurde um sieben Uhr morgens mit Steinwürfen attackiert, eine andere Schule ausgeraubt. Alles wurde mitgenommen, Rucksäcke, Klamotten, selbst die Schlafsäcke und Isomatten waren weg.

Wie hat die Polizei sich sonst verhalten?
Die riesige Abschlussdemo am Sonntagabend war spektakulär, wir hatten unsere grünen Tücher dabei. Die Polizei hatte sich nicht mal darum gekümmert, Straßen für die Demo abzusperren. Das einzige, was wir von der Polizei erfahren haben, waren Repressionen. Am Ende der Demo sind sie mit einem Riesenaufgebot angerückt, unter anderem die Bundespolizei und das Militär, wobei es sich um ein sehr hartes Vorgehen handelte und die Repression zudem eine scheußliche symbolische Bedeutung erhält: Bekanntlich war das argentinische Militär für das Verschwinden und Ermorden von Menschen in der letzten Diktatur verantwortlich. Auch heute noch bringen Polizei und Militär Menschen um und lassen Leute verschwinden. Sie haben zehn Frauen mitgenommen. Die Situation war für die Verhafteten sehr beängstigend. Die Beamt*innen haben sich nicht ausgewiesen und die Frauen zunächst in einen vermeintlichen Raum der Feuerwehr gebracht, in dem sie schikaniert wurden. Unser Orgateam hat zum Glück gute Anwält*innen, wodurch die Frauen bald wieder auf freiem Fuß waren. Es gibt in Argentinien viel Gewalt gegen Frauen, rund alle 30 Stunden einen Femizid. Das Encuentro Nacional de Las Mujeres soll dieser Situation etwas entgegensetzen.

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Viktoria
Viktoria ist als Künstlerin im Theaterbereich und Kulturproduktion in Chubut tätig, was sie dazu motiviert hat, beim ENM 2018 in der Organisation mitzumachen. Zwar hatte sie sich vorher nie als Feministin labeln lassen wollen, aber nach der Erfahrung des ENM, würde sie sich auch selbst so nennen.

„Wer seine Frau schlägt, ist ein Hosenscheißer“

Machismus ist nicht nur ein, sondern „viele verschiedene Probleme von Ungleichheit, die sich in den unterschiedlichsten Aspekten wie Einfluss, Erwartungen, Autonomie und Glück zeigen“, findet Manuela Veloso Dörner. Die Jurastudentin ist Teil einer feministischen Gruppe in Santiago de Chile, die alltägliche machistische Erfahrungen im Berufs- und Privatleben problematisiert und die männliche Dominanz in ihren verschiedenen Umfeldern sowie fehlende weibliche Identifikationsfiguren in Chile kritisiert. Die 2011 erschienene Studie Evolving Men der Organisation International Center for Research on Women (ICRW), in der Geschlechterrollen verglichen werden zeigt, dass 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung der Meinung ist, dem Mann gehöre bei Entscheidungen das letzte Wort. Diese Mentalität schlägt sich auch in der großen Zahl von Fällen häuslicher Gewalt nieder, die vor allem chilenische Frauen erleiden.
Hohe Erwartungen knüpfen sich deshalb an die zweite Amtszeit von Präsidentin Michele Bachelet, die im März beginnt. Von 2010 bis 2013 war sie geschäftsführende Direktorin der UN-Frauen-Organisation UN Women. Bachelet fordert unter anderem in gesundheitlich gefährlichen Fällen und nach Missbräuchen Schwangerschaftsabbrüche zu erlauben. Ihr Vorgänger Sebastian Piñera hatte sich erst 2013 im Fall eines elfjährigen schwangeren missbrauchten Mädchens öffentlich zum Thema Abtreibung geäußert. „Das Leben der Mutter steht in unserem Land an erster Stelle“, sagte er. Seit der Diktatur Pinochets ist Abtreibung in Chile jedoch verboten. Auch Amnesty International weist auf die Missachtung sexueller und reproduktiver Rechte von Frauen in Chile hin und ein UN-Ausschuss forderte bereits im Oktober 2012 Abtreibung zu entkriminalisieren und die chilenische Gesetzgebung auf die Rechte von Frauen zu überprüfen.
Wichtig ist daher die Ankündigung von Bachelet, den seit 1991 bestehenden Sernam in ein Ministerium umzuwandeln. An der Spitze des Sernam steht seit 2013 Loreto Seguel King. „Wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie ein Ministerium. Um mehr Mittel und Angestellte haben wir schon oft gebeten, aber es passiert nichts“, sagt die Leiterin. Dabei wäre ein Ausbau dringend notwendig. Insgesamt erleben 35 Prozent der chilenischen Frauen in Partnerschaften und Familien psychische, physische, ökonomische oder sexuelle Gewalt. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist unbekannt. Laut einem Bericht über Femizid und häusliche Gewalt der chilenischen Staatsanwaltschaft von 2012 ereignen sich an einem Tag 17 Vergewaltigungen und 34 sexuelle Missbräuche in dem lateinamerikanischen Land. Bei den registrierten Sexualdelikten sind überwiegend Frauen die Opfer und die Täter meist Familienmitglieder oder Lebenspartner.
Die staatliche Förderung des Sernams reicht nicht aus, um dem Problem angemessen zu begegnen. So auch im Frauenzentrum von Puente Alto, der größten Kommune Santiagos. Wenn Frauen Opfer von Gewalt, Missbrauch und Mobbing werden, finden sie in den Frauenzentren des Sernam juristische und psychologische Unterstützung. In der Region Metropolitana rund um Santiago gibt es insgesamt 28 solcher Anlaufstellen. Ziel der Zentren sei es, Gewalt vorzubeugen, zu unterbinden und bei erfahrener Gewalt zu beraten, sagt Beatriz Vargas, Leiterin des Frauenzentrums in Puente Alto. Im Durchschnitt kommen Frauen vier bis sechs Monate zur Beratung. Wenn es zu einem Gerichtsprozess kommt, dauert dies bis zu zwei Jahre.
Dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten passiert, sieht Beatriz Vargas an den Frauen die in das Zentrum kommen. Puente Alto ist auf der einen Seite von hoher Armut, Drogenkonsum und Gewalt geprägt. Auf der anderen Seite leben viele höher Qualifizierte aus der Mittelschicht in der Kommune. Wegen gewaltsamen Erfahrungen innerhalb der eigenen vier Wände kommen Frauen aus allen Einkommensklassen zur Beratung in das Frauenzentrum.
Bei der Polizei in Puente Alto gingen im letzten Jahr 4.200 Anzeigen gegen häusliche Gewalt ein. Daraus folgten 1.200 Festnahmen. 520.000 Menschen leben in dem Stadtteil. „Es gibt keine exakte Zahl über Vorfälle von häuslicher Gewalt“, sagt Vargas. Das Problem liege in der fehlenden gebündelten Datenbasis und der hohen Dunkelziffer. Im letzten Jahr kamen 400 Frauen in das Frauenzentrum. „In diesem Jahr rechnen wir mit einer größeren Zahl“, sagt Vargas. Wie viele unter ihnen unter häuslicher Gewalt leiden, wird nicht vermerkt.
„Die Frauen erleben unterschiedliche soziale Rollenerwartungen und dementsprechend unterschiedliche Arten von Gewalt. Manche haben mehr Bewusstsein für Genderfragen, andere weniger.“ Beatriz Vargas erzählt, dass sich viele Frauen für das, was ihnen passiert selbst die Schuld geben. „In unserer Gesellschaft kommt es sehr häufig vor, dass Frauen innerhalb einer Beziehung der Kontakt zur ihrer Familie oder ihren Freunden und Freundinnen untersagt wird. Oft sind sich die Frauen nicht bewusst, dass dies ein Problem für sie darstellt. Eifersucht wird mit Liebe gerechtfertigt“, erzählt Vargas.
Das Schlimmste, was den Sozialarbeiter_innen und Jurist_innen im Frauenzentrum von Puente Alto immer wieder passiert, ist, wenn eine Frau nicht mehr zu den Beratungen kommt und zu ihrem Partner, der sie schlägt oder ökonomisch begrenzt, zurückkehrt.
Das Frauenzentrum ist nicht das einzige Projekt des Sernams in Puente Alto. Auch andere Programme beschäftigen sich mit dem Problem und der Prävention von häuslicher Gewalt. In einem Pilotprojekt soll schon in Kindergärten Vierjährigen gezeigt werden, dass sich mit Gewalt keine Konflikte lösen lassen. „Wir müssen einen kulturellen Wandel fördern, in dem deutlich wird, dass Gewalt in Partnerschaften nichts Natürliches ist“, sagt Viviana Paredes Mendoza, Ministerialdirektorin des Sernam.
Im Juli 2013 gab die Institution bekannt, landesweit einen neuen Plan zur Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen. Dieser sieht vor, Frauen, die Gewalt angezeigt haben, persönlich zu kontaktieren und mit öffentlichen Ämtern besser zusammenzuarbeiten. Außerdem sollen in chilenischen Kommunen Diskussionsveranstaltungen für das Thema sensibilisieren und zeigen, wie auch Außenstehende häusliche Gewalt erkennen und an wen sie sich wenden können. Die letzte Medienkampagne des Sernam gegen häusliche Gewalt gab es 2011. Die Plakate sprachen vor allem die Aggressoren an: „Wer seine Frau schlägt, ist ein Hosenscheißer“, hieß es.
Beatriz Vargas kritisiert die Politik des Sernam als eine angeordnete Politik der Zahlen. Für das Zentrum in Puente Alto bedeutet dies, 300 Frauen im Jahr zu betreuen, 90 Personen in Kursen zu sensibilisieren und 40 thematisch fortzubilden. „Unsere Arbeit wird nicht hinterfragt, sie hat keinerlei Auswirkungen auf die Politik“, sagt Vargas. Vor allem vor konservativen Autoritäten muss sich das Zentrum in Puente Alto rechtfertigen. Dort bestehe kein Interesse über Gleichheit und Geschlecht zu reden, da dadurch traditionelle Rollen bedroht würden, erklärt die Sozialarbeiterin. Der Internationale Frauentag am 8. März wäre ein guter Moment, um diese Rollen zu hinterfragen. Doch noch im vergangenen Jahr hatte das offizielle Kulturprogramm zu diesem Tag im Santiagoer Stadtteil La Florida Fragwürdiges parat: Auf Plakaten wurde die Schönheit der Frau beschrieben, während auf einer kleinen Bühne ein Sportprogramm mit Wischmopp vorgetanzt wurde.

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Mindi Rodas hatte ihre Stimme erhoben – gegen die Gewalt an Frauen in Guatemala. Öffentlich hatte die 23-Jährige Frauen und Mädchen dazu ermutigt, sich gegen die Misshandlungen zu wehren und die Täter anzuzeigen. Dabei konnte sie ihre eigenen Narben kaum verbergen: Ihr Ex-Mann hatte Mindi Rodas derart misshandelt, dass in den letzten anderthalb Jahren ihres Lebens eine Art Mundschutz die Entstellungen ihres Gesichts verdeckte. Ihren Entschluss, sich aus der Enge ihres Hauses, den Beschimpfungen, Schlägen und dem sexuellen Missbrauch zu befreien, hatte ihr Ehemann eines Tages mit einer Machete gerächt. Nach dieser schrecklichen Gewalttat war Rodas‘ Leben geprägt von Schmerzen, Schlafstörungen, Depressionen und Suizidgedanken. Einzig ihr Sohn konnte ihrem Leben noch einen Sinn geben.

Der Fall von Mindi Rodas ging durch die internationale Presse. Nationale und internationale Organisationen unterstützen ihren Kampf für Gerechtigkeit. Sie unterzog sich Behandlungen, die nach und nach ihr Gesicht wiederherstellten und zog als eine der wenigen misshandelten Frauen Guatemalas vor Gericht. So konnte sie erreichen, dass ihr Ehemann ins Gefängnis kam. Doch kurz darauf wurde er wieder freigelassen, mithilfe eines Klageverzichts, auf dem er Rodas‘ Unterschrift gefälscht hatte. Erneut setzte sie sich zur Wehr und erreichte mithilfe der Überlebenden-Organisation Fundación Sobrevivientes, dass die Misshandlungen durch ihren Ex-Mann nicht mehr als „schwere Verletzungen“, sondern als „versuchter Femizid“ eingestuft wurden. Daraufhin wurde ihr Ex-Mann erneut inhaftiert. Im Juni dieses Jahres wird der Prozess gegen ihn beginnen.

Das alles sollte Mindi Rodas nicht schützen. Und rückblickend scheint es, als habe sie es geahnt. Denn trotz ihrer juristischen Erfolge wurde sie von Angst geplagt: „Ich habe so viele Interviews gegeben und letztlich macht doch niemand etwas. Er hat mich nicht getötet, aber er hat mich lebendig begraben. Ich habe Angst, dass er noch vor der Gerichtsverhandlung einen Mörder beauftragt.“

Und ihre Vorahnung wurde traurige Wahrheit: Ende 2010 verschwand Rodas, im Januar 2011 fand man ihren leblosen Körper 200 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Die Täter hatten sie gefoltert und anschließend erdrosselt. Ihre Leiche wurde als „Unbekannte“ beigesetzt. Erst auf Betreiben von ihrer Familie und einer Frauenorganisation, wurde die Leiche exhumiert und nach der Identifizierung in ihrem Heimatort beigesetzt.
Mindi Rodas ist eine von 695 Guatemaltekinnen, die im Jahr 2010 aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurden.

Nur 86 Femizide wurden juristisch verfolgt, bei einem Drittel davon wurde bisher ein richterliches Urteil gesprochen. Denn Straflosigkeit hat System in Guatemala: Jahrelang wurden Femizide von den guatemaltekischen Behörden nicht verfolgt. Ermordete Frauen wurden zu Prostituierten, Angehörigen der Jugendbanden maras oder Freundinnen von Drogenschmugglern erklärt und damit nicht für würdig befunden, ihren gewaltsamen Tod aufzuklären. Marcela Lagarde kritisierte dieses Verhalten scharf: „Bei Femiziden kommen in krimineller Weise das Schweigen durch Unterlassung oder Fahrlässigkeit sowie das Einverständnis der Behörden zusammen“, so die mexikanische Anthropologin und Anwältin.

2008 wurde nach langem Kampf von Frauenorganisationen und mittels eines interparlamentarischen Dialogs zwischen Guatemala, Mexiko und der Europäischen Union das Gesetz gegen Femizide und andere Formen der Gewalt an Frauen erlassen. Schutz, Freiheit und Leben der Guatemaltekinnen sollten durch das Gesetz garantiert, eine strafrechtliche Verfolgung erleichtert und die Straflosigkeit der Täter abgeschafft werden. „In dem Gesetz werden Femizid, Frauenfeindlichkeit, diskriminierende Machtverhältnisse, ökonomische, physische, psychische oder emotionale und sexuelle Gewalt als Gewalt gegen Frauen definiert”, erklärt Norma Cruz, Gründerin der Fundación Sobrevivientes. „Der Tatbestand eines Femizids wird nun mit 25 bis 50 Jahren Haft bestraft. Weder Bräuche noch Traditionen können dem Gesetz nach als Rechtfertigung oder Entschuldigung für das Verüben, Akzeptieren, Fördern, Anregen oder Tolerieren von Gewalt gegenüber Frauen geltend gemacht werden. Jedwede Gewalttat gegenüber Frauen, sei es häusliche Gewalt oder Übergriffe von Bekannten und Fremden, müsste demnach in Zukunft als Straftat behandelt werden“, so Norma Cruz weiter.

Bislang wird dem Gesetz, das in der zentralamerikanischen Region als Vorreiter gilt, von FrauenrechtlerInnen jedoch wenig Erfolg zugeschrieben. Norma Rera von der Nationalen Frauenunion (UNAMG) meint, es gebe „zwar Anstrengungen der Zivilgesellschaft und der staatlichen Institutionen und dadurch eben auch einige Fortschritte, zum Beispiel spezielle Prozesse wegen Frauenmorden“. Dies jedoch führe nicht zu einem Rückgang der Femizide und auch die Straflosigkeit sei trotz des Gesetzes nicht rückläufig.

Und in der Tat: noch immer werden 97 Prozent derjenigen, die Frauen Gewalt antun, nicht bestraft. KritikerInnen wie Norma Rera werfen der Justiz vor, unfähig oder unwillig zu sein, das neue Gesetz angemessen anzuwenden: „Es kann nicht von einem Rückgang der Straflosigkeit gesprochen werden, denn es gibt noch immer Probleme bei der Umsetzung des Gesetzes. Es kommt zum Beispiel immer wieder vor, dass Staatsanwälte oder Richter bei Fällen von Frauenmorden das Strafgesetzbuch anwenden und nicht das Gesetz gegen Femizide. Nach diesem drohen jedoch bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre längere Haftstrafen. Dadurch werden dann keine gerechten Urteile gefällt.“

María Luisa de León Satizo ist Anwältin der Frauenorganisation Grupo Guatemalteco de las Mujeres. Sie teilt die Kritik bei der Anwendung des Gesetzes und bemängelt zudem eine unzureichende Koordination in der öffentlichen Verwaltung: „Das Gesetz scheint wie auf einer Insel zu sein und alles andere funktioniert so wie vorher. Es gibt zwar schon einige Urteile, sogar mit der maximalen Strafe von 50 Jahren Gefängnis, aber die Zahl der Verurteilungen ist im Vergleich zur Masse an Anzeigen verschwindend gering.“

In Guatemala hat Gewalt gegen Frauen eine lange Geschichte. Während des bewaffneten Bürgerkriegs von 1960 bis 1996 wurden Frauen aus rein „strategischen Gründen“ misshandelt. Regierungstruppen wandten systematisch sexuelle Gewalt gegen Frauen an, um mögliche Aufstände zu unterdrücken sowie um die Moral einzelner und ganzer Gemeinden zu brechen. 2006 veröffentlichte die Gruppe Akteurinnen des Wandels (Consorcio Actoras de Cambio) die Studie Mit dem Schweigen brechen, deren Ergebnisse erschreckend deutlich beschreiben, was in Guatemala während des Bürgerkriegs geschah: Oft wurden Frauen von den Soldaten vergewaltigt, nachdem ihre Männer ermordet wurden oder aber öffentlich vor Familienangehörigen und Gemeindemitgliedern missbraucht, gefoltert und anschließend getötet. Teilweise wurden Frauen sogar jahrelang als Sexsklavinnen von Generälen und paramilitärischen Truppen gehalten.

Insbesondere indigene Frauen wurden Opfer dieser systematischen sexuellen Gewalt. Während des Bürgerkriegs wurden ganze Gemeinden als Basis der Guerilla stigmatisiert und in Massakern ausgelöscht, um die Kontinuität des Lebens in den indigenen Gemeinden zu zerstören. Opfer dieser „Politik der verbrannten Erde” von 1982 bis 1983 waren laut der Kommission für Historische Aufklärung (CEH) zu 99 Prozent Frauen – 88,7 Prozent von ihnen Maya. Eine Aufklärung oder gar Aufarbeitung dieser Verbrechen hat kaum stattgefunden. Jahrelang wurden die Gewalttaten als Vergehen einiger Funktionäre abgetan, die Befriedigung suchten. Dabei waren Beamte, Angestellte, staatliche Behörden und Militärangehörige direkt an den Gewaltverbrechen beteiligt.
Und auch heute noch sind Frauenkörper in Guatemala Objekte, an denen Macht, Mut und Rache demonstriert werden. Kriminelle Banden wenden noch immer Praktiken aus Bürgerkriegszeiten an, die massakrierte Frauen zur Schau zu stellen, um „den Gegner zu entmutigen und zu entehren“. Ebenso werden auch heute noch Frauen geopfert, um den Dialog und den Zusammenhalt krimineller Bruderschaften über Blutpakte aufrecht zu erhalten.
Wie tief Frauenfeindlichkeit und Gewalt in der guatemaltekischen Gesellschaft eingebrannt sind, erläutert die guatemaltekische Anwältin de León Satizo: „Wir glauben, dass Frauenmorde und Gewalt an Frauen Resultat der historisch ungleichen Machtverhältnisse von Männern und Frauen sind. Sie sind Teil einer patriarchalen Kultur, in der die Frauen besessen und benutzt werden.” Die Kultur des Landes müsse sich verändern, um diese strukturelle Benachteiligung der Frauen zu beenden, so de León Satizo: „Wir müssen die Gesellschaft verändern, den Kindern und der Jugend andere Werte vermitteln. Selbst in den Medien werden Gewalttaten verherrlicht. Das muss aufhören. Vielmehr müssen Presseorgane dazu beitragen, dass Gewalt verurteilt wird und Körper von Frauen eben nicht mehr als reine Objekte angesehen werden. Und das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.“

 

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// DOSSIER: FRAUENMORDE IN ZENTRALAMERIKA UND MEXIKO

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Foto: Anabel Zaragoza

Sie werden diskriminiert, geschlagen, vergewaltigt und oft sogar getötet. Für einen Großteil der Frauen in Zentralamerika und Mexiko gehört psychische und/oder physische Gewalt zum Alltag – und das oftmals von klein auf. Viele Mädchen und Frauen kennen es nicht anders; widerfährt doch ihren Müttern, Schwestern und Freundinnen oftmals das Gleiche. In den noch immer patriarchal und machistisch geprägten Gesellschaften Lateinamerikas gehört Gewalt gegen Frauen zum Alltag.

Weltweit werden jedes Jahr zwei bis drei Millionen Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. Laut den Vereinten Nationen gehört Zentralamerika dabei zu den Regionen, in denen es am häufigsten zu Femizid und Gewalt gegen Frauen kommt. Der so genannte Femizid ist nicht „einfach nur“ ein anderes Wort für den Mord an einer Frau. Von Femizid (auf spanisch Feminicidio oder Femicidio; siehe zur Definition den Kasten in dieser Einleitung) wird gesprochen, wenn Männer Frauen aufgrund ihres Geschlechts töten. Oft werden die Opfer zuvor brutal misshandelt und vergewaltigt. Mit inbegriffen in der Definition ist die staatliche Duldung und Förderung dieser Verbrechen.

In El Salvador wurden beispielsweise laut einer Statistik der Nationalen Polizei, die Amnesty International in ihrem Menschenrechtsbericht 2011 dokumentiert, im Jahr 2010 477 Frauenmorde registriert, in Guatemala waren es laut AI-Bericht 565. Die Dunkelziffer dürfte indes in fast allen Ländern weitaus höher liegen, werden doch immer wieder Frauenmorde als Suizid oder andere Gewaltverbrechen vertuscht oder gar nicht erst angezeigt. Amnesty kritisiert darüber hinaus, dass gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der Frauen in der Praxis häufig nicht angewendet wurden oder nicht dazu geeignet waren „Frauen zu schützen oder sicherzustellen, dass die Täter zur Verantwortung gezogen wurden.“

Besondere internationale Aufmerksamkeit erfahren seit den 1990er Jahren die Frauenmorde im nordmexikanischen Ciudad Juárez. Allein hier wurden 2010 knapp 300 Frauen getötet. In der von Maquilaindustrie, Drogenhandel und Migration geprägten Stadt an der Grenze zur USA werden viele der zumeist jungen Frauen vergewaltigt, misshandelt und verstümmelt an abgelegenen Orten in der Wüste gefunden. Ein Geflecht aus Drogenkartellen, Polizei und Politik scheint systematisch junge Frauen zu entführen und zu töten. Die Täter werden fast nie gefunden – zumeist aber auch nicht ernsthaft gesucht. Dank einer engagierten und gut vernetzten Frauenbewegung ist es gelungen, internationale Aufmerksamkeit auf die Frauenmorde in Ciudad Juárez zu lenken – auch wenn das noch lange kein Ende der Gewalt bedeutet.

Doch Ciudad Juárez ist trotz seiner traurigen Bekanntheit kein Einzelfall. In zentralamerikanischen Ländern wie Guatemala und El Salvador gehen die skandalös hohen Zahlen von Gewaltverbrechen an Frauen in der Regel auch nicht auf „mörderische Gewaltverbrecher der Drogenkartelle“ auf der „Jagd nach Frauen“, zurück, wie es in den Medien oft reißerisch dargestellt wird. Gewalt gegen Frauen findet – in Zentralamerika wie auch in Mexiko – vor allem innerhalb des direkten Umfelds der Betroffenen statt. Die meisten Frauenmorde werden von Angehörigen, wie dem Vater, einem (Ex-)Freund, Partner oder anderen Mann des familiären Umfelds der Frau begangen. Viele der Opfer sind junge Frauen aus ärmeren und bildungsfernen Schichten. Besonders in ländlichen Regionen stehen Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, meist ohne jegliche Unterstützung da.
Im vorliegenden Dossier widmen sich die Lateinamerika Nachrichten dem Femizid und der strukturellen, häuslichen Gewalt gegen Frauen in der gesamten Region Zentralamerika und Mexiko. Mit Beiträgen zu den verschiedenen Ländern sollen Besonderheiten der jeweiligen lokalen Kontexte und die verschiedenen Ursachen für die Frauenmorde, aber gleichzeitig auch Parallelen der strukturellen Gewalt gegen Frauen in den Gesellschaften der Region aufgezeigt werden.

Eine Gemeinsamkeit ist, dass staatliche Behörden wie Polizei oder Justiz oft untätig bleiben. Obwohl die Zahl der Frauenmorde in allen Ländern der Region jährlich zunimmt, werden diese nicht in angemessener Form aktiv – Polizei und Richter schützen oftmals sogar die Täter anstatt die Opfer. Behörden dokumentieren Frauenmorde nicht oder lückenhaft, Beweise „gehen verloren“, Anzeigen werden unzureichend aufgenommen und Zeugenaussagen in Frage gestellt. Hinzu kommt, dass die Berichterstattung in den Massenmedien oftmals den getöteten Frauen selbst die Schuld für ihren gewaltsamen Tod zuweist.

So kommt es, dass noch immer ein Großteil der Täter nicht bestraft, oft nicht einmal strafrechtlich verfolgt wird. Straflosigkeit jedoch senkt die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung nachweislich und so machen sich alle Staaten der Region zu Mittätern – sowohl an den grausamen Verbrechen als auch an den strukturellen Ungleichheiten, unter denen Frauen tagtäglich leiden. Keine Regierung der Region geht angemessen gegen Frauenmorde vor, auch wenn in El Salvador und Mexiko der Tatbestand des Femizids mittlerweile immerhin in die Strafgesetzgebung aufgenommen worden ist. Doch von einem juristisch durchdachten Gesetz ist es noch immer ein weiter Weg hin zu einer praktisch funktionierenden Strafverfolgung – und besonders zu (präventivem) Schutz der Frauen. Statt den Frauen Schutz zu bieten, werden Opfer von Gewalt oftmals stigmatisiert und ausgegrenzt. Staatliche Frauenhäuser gibt es kaum, schon gar nicht in den häufig besonders betroffenen ländlichen Regionen der Länder.

Wie kann es sein, dass Männer so weitgehend ungestraft Gewalt ausüben können? Dass Frauen ermordet werden und statt Hilfe Schuld zugewiesen bekommen? Dass Justiz und Polizei oft Täter statt Opfer schützen? Die Ursachen für diese Situation sind vielschichtig. Besonders staatliche Stellen innerhalb der Länder schieben die Gründe für die erschreckenden Zahlen der Frauenmorde meist auf die generell hohe Gewaltbereitschaft und Kriminalitätsrate in Zentralamerika und Mexiko. Ursachen dafür sehen sie in der durch Bürgerkriege gekennzeichneten Vergangenheit sowie den aktuell bestehenden Drogenkonflikten und der Kriminalität von Jugendbanden.

Darüber hinaus wird die Gewalt gegen Frauen von weiten Teilen der Gesellschaften in der Region oftmals heruntergespielt, ja als etwas normales betrachtet. Eben darin liegt aber der Unterschied zwischen generell hoher Gewaltbereitschaft und den Ursachen für die so weit verbreitete Gewalt gegen Frauen: Entscheidende Ursache des Femizids ist das noch immer von Macho-Denken und patriarchalen Strukturen geprägte Rollenverständnis in den Gesellschaften der Region. Das Bild der Frau ist geprägt von Unterordnung und Minderwertigkeit. Wird die patriarchalische Geschlechterrolle des Mannes und die daraus resultierende Machtverteilung zwischen den Geschlechtern infrage gestellt – sei es durch emanzipatorisches Verhalten oder eine Betätigung der Frauen, die ihnen wirtschaftliche Autonomie ermöglicht – ist die Gefahr groß, dass es zu Konflikten (innerhalb der Familien) und Gewaltanwendung kommt.

Wie stark diese Macho-Kultur noch immer in den Gesellschaften verwurzelt ist, lässt sich daran ablesen, welche Rollenbilder durch Musik, Internet, Radio, Zeitungen oder Fernsehen vermittelt werden. In der populären Musik beispielsweise wird – teilweise auch von Frauen selbst – in unglaublich diskriminierender, sexistischer Form von der Unterordnung der Frau unter den Mann gesungen. Diese werden auf ein Objekt, das „dem Mann zu dienen hat“ reduziert. Auch Fernsehen, Internet und Werbung vermitteln ununterbrochen Rollenbilder, die den Mann als das starke Geschlecht darstellen, der zur Durchsetzung seines Willens Gewalt anwenden darf.

Die Berichterstattung in Zeitungen und Radiosendungen, die ohnehin nur spärlich zum Thema Gewalt gegen Frauen stattfindet, stößt ebenfalls weitestgehend in dasselbe Horn: Weiblichen Opfern von Gewalt wird die Schuld an den Verbrechen zugewiesen. Die Medien präsentieren ihre Geschichten eher als blutige Horrorgeschichten, anstatt dass sie über die gesellschaftlichen Hintergründe berichten und die Menschen für die noch immer bestehende Ungleichheit sensibilisieren würden.

Es sind die Frauen selbst, die sich nicht abfinden mit dieser Situation der Ungleichheit und Demütigung. Daher legt das Dossier sein Augenmerk vor allem auf die Aktivistinnen und ihre Strategien, gegen Gewalt und Diskriminierung im Alltag vorzugehen. Engagierte Feministinnen und Frauenrechtsorganisationen machen seit Jahren lautstark auf die steigenden Frauenmordraten in ihren Ländern aufmerksam. Oftmals begleitet von Anfeindungen und Morddrohungen arbeiten unzählige Frauen in Zentralamerika und Mexiko daran, den Opfern von Gewalt eine Stimme zu geben. Sie führen Frauenmorde in unabhängigen Registern auf, begleiten die Angehörigen im Kampf mit den Behörden und versuchen, durch Proteste und Kampagnen die Gesellschaft zu sensibilisieren.

So wollen wir vor allem Menschen und Organisationen vorstellen, deren tägliches Engagement sich gegen diese systematische Gewalt an Frauen richtet. Dabei lassen wir Anwältinnen, Aktivistinnen, Journalistinnen und Künstlerinnen zu Wort kommen und versuchen damit einen Einblick in die wichtige Arbeit zu geben, die Frauenorganisationen in Zentralamerika und Mexiko leisten. Ihre Stimme soll auch hier in Europa gehört werden – denn Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen sind kein regionales Phänomen, das „vor Ort zu lösen“ ist.

Deshalb ist dieses Dossier auch als Anstoß gedacht, um Unterstützung zu mobilisieren und Informationen weiter zu verbreiten. Wir möchten einen kleinen Beitrag dazu leisten, dem Ziel der unermüdlichen und nicht selten lebensgefährlichen Arbeit der Frauenbewegungen in der Region ein Stück näher zu kommen: Das Schweigen brechen! Denn ohne ein gesamtgesellschaftliches Umdenken wird es kein Ende der Gewalt geben.

 

Wer schweigt, macht sich zum Mittäter

Es ist Allerheiligen in Matagalpa. Am Morgen des 2. November 2010 tummeln sich in der Kleinstadt im bergigen Norden Nicaraguas die Menschen. Zwischen EisverkäuferInnen, improvisierten Blumenständen und Pferdegespannen bahnt sich eine Menschentraube ihren Weg Richtung Friedhof. Farbenpracht und Lebendigkeit lassen den Anlass wie einen heiteren Festakt erscheinen.

Doch etwas erschüttert die allgemeine Harmonie: Ein Plakat, auf dem Vorplatz der Kirche weithin sichtbar angebracht. Es trägt die Aufschrift „Gefängnis für die Mörder, Gerechtigkeit für die Frauen”. Daneben stehen FrauenrechtlerInnen um einen kleinen Altar versammelt. Sie schwenken schwarze hölzerne Silhouetten in Form von Frauenkörpern. Auf ihnen stehen die Namen der 29 Frauen, die in den vergangenen vier Jahren im Departamento Matagalpa ermordet wurden.

Für die Aktivistinnen ist Allerheiligen mehr als eine friedliche Ehrung der Verstorbenen. „Es darf nicht sein, dass von 29 ermordeten Frauen nur sieben Fälle vor Gericht gelöst worden sind!”, wendet sich eine Frauenrechtlerin an die Umstehenden. „Wir alle haben die Aufgabe, das Schweigen zu brechen.” Mit ihrer Aktion vor dem Friedhof wollen sie die Bevölkerung für das Thema Gewalt gegen Frauen sensibilisieren. Auch wenn die meisten PassantInnen nur kurz stehen bleiben, die Aufmerksamkeit der Presse ist ihnen sicher. Eine Gedenkfeier für die ermordeten Frauen an diesem Datum und an diesem Ort ist zu einzigartig in Nicaragua, als dass sie von den Medien schweigend übergangen würde.

Der formellere zweite Teil des Aktionstages am Nachmittag des 2. November ist indes nicht weniger bedeutsam. In den Räumen des Frauenkollektivs Grupo Venancia trifft sich eine internationale ExpertInnenkommission, die zur Problematik der Frauenmorde in Zentralamerika forscht.

Eine Sozialarbeiterin aus dem Landkreis Waslala berichtet von der 16-jährigen Celia Hernández, die von ihrem neun Jahre älteren Ex-Freund ermordet wurde: „Sie hatte sich bereits sechs Monate zuvor von ihm getrennt, da er wiederholt gewalttätig wurde“, erzählt sie. „Weil sie nicht zu ihm zurück wollte, bedrohte er sie. Als Celia dann eine neue Beziehung mit einem anderen Mann anfing, spitzte sich die Situation endgültig zu. Am Morgen des 12. Juni 2010 drang ihr Ex-Freund dann in Celias Haus ein und erstach sie.“

Seitdem ist der Täter flüchtig. Und obwohl der Polizei dessen Aufenthaltsort bekannt ist, zögert sie eine ernsthafte Strafverfolgung hinaus. Den Angehörigen wurde kein Personenschutz angeboten. Die Sozialarbeiterin schildert, dass Celias Familie gerne an der Aktion vor dem Friedhof teilgenommen hätte, aus Angst vor dem Täter und dessen Angehörigen aber zu Hause geblieben sei.

Celia Hernández‘ Ermordung gehört zum traurigen Alltag in Nicaragua. In Ländern wie El Salvador oder Mexiko spielt neben struktureller häuslicher Gewalt vor allem auch die systematische sexualisierte Gewalt gegen Frauen durch das organisierte Verbrechen eine Rolle. Im Gegensatz dazu werden in Nicaragua fast alle Femizide im näheren, familiären Umfeld der Frau begangen. Dabei sind immer wiederkehrende Muster bei der Ermordung der Frauen erkennbar.

Das nicaraguanische Frauennetzwerk gegen Gewalt (RMCV) erfasst die Frauenmorde und deren Muster jährlich in einer Studie. Laut ihrer jüngsten Studie mit Zahlen aus 2010 handelt es sich bei den Mördern in den wenigsten Fällen um einen Unbekannten. Meistens ist es eine Person aus dem unmittelbaren Bekannten- oder Familienkreis. Das Verhältnis zu Ex-Mann, Lebenspartner, Vater oder einem anderen Verwandten oder Nachbarn ist dabei meistens schon vor der Ermordung kritisch; in fast allen Fällen gibt es eine Vorgeschichte zwischen Opfer und Täter, die von massiver körperlicher und physischer Gewalt geprägt ist. Viele der ermordeten Frauen wurden zudem vor der Tat vergewaltigt oder es gab einen Vergewaltigungsversuch.

„Der Tod der Frau ist oftmals die letzte Konsequenz, die der Mann nach oder während der Beziehung zieht – vor allem wenn es einen Trennungsversuch des Opfers gab”, erläutert eine Psychologin von Grupo Venancia. Dabei spiele es keine Rolle, wie lange die Trennung schon zurück liegt: „Oft bleibt sie über Monate, manchmal auch über Jahre hinweg, ein Giftstachel für den Mann, dessen Aggressivität sich von unterschwelligen Morddrohungen bis zur Ausführung der Tat steigert.“

Dass die Morde oftmals vorsätzlich geplant sind, belegen Statistiken über den Waffengebrauch. 40 Prozent der Frauen werden mit Schusswaffen aus unmittelbarer Nähe ermordet. „Sie töten, um ihre Stärke zu demonstrieren beziehungsweise sich für ihren Machtverlust zu rächen”, erklärt Mónica Zalaquett vom Zentrum für Gewaltprävention die Motivation der Täter. Der Frauenmord, so ihre These, sei in zweierlei Hinsicht eine Art Revanche: Einerseits gingen dem Mord häufig Ehestreitigkeiten, Eifersucht oder eine neue Partnerschaft der Frau voraus. Andererseits sieht Mónica Zalanquett den Anstieg der Frauenmorde aber auch als Reaktion auf die langsame, aber spürbare Erosion des Patriarchats, wie sie gegenwärtig in Lateinamerika zu beobachten sei.
Die Anzahl der jährlich registrierten Femizide in Nicaragua steigt kontinuierlich: Waren es im Jahr 2007 noch 54 Frauen, stieg die Zahl 2008 um 68 Prozent auf 79 Morde. 2010 zählte das Frauennetzwerk gegen Gewalt landesweit 89 ermordete Frauen. Aus Angst vor dem Täter und seinen Angehörigen und wegen der hohen Prozesskosten erstatten die Angehörigen der Opfer oft keine Anzeige. Daher gilt als sicher, dass die Dunkelziffer der Frauenmorden weitaus höher liegt.

Doch auch wenn es zur Anzeige kommt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Täter bestraft werden. Denn mit den Frauenmorden steigt auch die Zahl der ungelösten Fälle. Weder Polizei noch Justiz ergreifen die nötigen Schritte, um die Morde aufzuklären oder die Täter ernsthaft zu verfolgen. „Wie kann es sein, dass ein Vater am Freitag Abend mit seinen beiden kleinen Kindern vor der Polizei erscheint, um wegen der Ermordung seiner Frau Anzeige gegen sich selbst zu erstatten, die Beamten ihn aber mit dem Verweis wegschicken, er solle am Montag wiederkommen?“, schildert eine Frauenrechtlerin ihre Erfahrungen mit den untätigen Behörden. Denn dass die meisten Verbrechen straflos bleiben, zeigt nachweislich Rückwirkungen auf das Verhalten der Täter: Durch die relative Sicherheit, in der sie sich wiegen, sinkt die Hemmschwelle. Wird die Situation doch einmal heikel, genügt die Flucht in ein benachbartes Departamento. Korruption und die Langsamkeit der Gerichtsprozesse führen die „Rechtsprechung“ schließlich ad absurdum.

Mercedes Ampié, seit 2009 amtierende Direktorin des Sonderkommissariats für Frauen und Kinder, befindet, dass man die Ineffizienz der staatlichen Einrichtungen nicht an den Pranger stellen dürfe: „Die Zahlen der ungelösten Fälle in anderen Ländern sind viel höher“, versucht sie sich zu rechtfertigen.

Zwar ist es ein erster Schritt, dass es in Nicaragua überhaupt eine spezialisierte Einheit innerhalb der Polizei gibt, die für häusliche und sexuelle Gewalt zuständig ist. Besonders aber in den ländlichen Gemeinden gibt es oft keine Vertretung des Sonderkommissariats und so haben Frauen kaum die Möglichkeit, sich dorthin zu wenden. Und selbst wenn es stimmt, dass es andernorts noch mehr ungelöste Fälle gibt, so entbindet diese Tatsache keine Regierung von der Pflicht, mit allen Mitteln gegen Frauenmorde vorzugehen. Im Gegenteil: Mehr Morde sollten zu stärkeren Bemühungen seitens des Staates führen.

Um der herrschenden Straflosigkeit ganz konkret etwas entgegen zu setzen, reichten nicaraguanische Frauen- und MenschenrechtlerInnen letztes Jahr eine Petition im Parlament ein, um ein neues und umfassendes Gesetz zum Schutz der Frau vor Gewalt auf den Weg zu bringen. Der Gesetzesvorschlag wurde jedoch vom Parlament abgelehnt (siehe auch das Interview mit Yamileth Chavarría in diesem Dossier). Weil die Aktivistinnen nicht locker ließen, wurde mittlerweile eine neue Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die sich speziell auf den Femizid bezieht. Dadurch könnten die Frauenmorde in Nicaragua erstmals eine eigenständige Typologisierung erhalten. Zwar ist der Begriff des femicidio mittlerweile im Sprachgebrauch der nicaraguanischen Behörden angekommen, bis dato fehlt jedoch eine gesetzlich bindende Definition dessen, was das Spezifische an diesen Morden ist. Würde dies juristisch klar definiert, könnte es eine entscheidende Grundlage für eine effektivere Strafverfolgung bilden. „Ein Frauenmord ist ein explizit gegen die Frau gerichtetes Verbrechen. Der Tod einer Frau muss anders untersucht werden, als der eines Mannes,“ so ein Vertreter des Expertengremiums, das anlässlich des 2. November in Matagalpa zusammen kam.

Damit es dazu kommt, reicht jedoch kein Gesetz. Es ist dringend notwendig, dass Personal in Gesundheitswesen, Polizei und anderen Behörde sensibilisiert wird. Denn dieses reagiert oftmals nicht angemessen, wenn misshandelte Frauen ins Krankenhaus eingeliefert oder Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht werden. Als im August 2010 eine 41-jährige Frau ins Krankenhaus eingeliefert wurde und nach wenigen Stunden starb, gaben die zuständigen ÄrztInnen als Todesursache die starken Blutungen einer Fehlgeburt an. Der Fall wurde daraufhin zu den Akten gelegt, obwohl die Angehörigen bei der örtlichen Polizeidienststelle Anzeige erstattet hatten. Schläge des Lebensgefährten hatten nicht zum ersten Mal zum Verlust eines ungeborenen Kindes geführt; der Familie war die Gewalttätigkeit des Mannes schon lange bekannt. Dennoch nahm die Polizei keine Ermittlungen auf. Seitdem werden die Verwandten der Toten von deren ehemaligem Lebensgefährten derart bedroht, dass sie auf eine Anklage verzichteten.

Damit sich an dieser Situation zumindest juristisch endlich etwas ändert, hoffen Frauenrechtlerinnen nun auf die Verabschiedung des neuen Gesetzesvorschlags durch das Parlament, auch wenn sie darin nur einen ersten Schritt sehen. Denn besonders in einem Land wie Nicaragua, in dem Frauen der Zugang zum Justizsystem oft noch immer verweigert wird und Gesetze nicht korrekt angewandt werden, ist ein neues Gesetz nur ein Baustein hin zu einem umfassenden Schutz der Frauenrechte. „Es ist leicht, Gesetze zu beschließen, aber unheimlich schwer eine Kultur zu verändern“, bringt es eine der Aktivistinnen auf dem Friedhof in Matagalpa an Allerheiligen auf den Punkt. Deshalb sei es umso nötiger, die Augen und vor allem die Münder zu öffnen: „Die Toten können keine Gerechtigkeit mehr fordern. Das müssen die Lebenden machen. Und wer schweigt, macht sich zum Mittäter!“

 

(Download des gesamten Dossiers)

Fokus Emanzipation

OrganisatorInnen sowie die große Mehrheit der TeilnehmerInnen zogen eine positive Bilanz des 3. Amerikanischen Sozialforums (FSA), das vom 7. bis 12. Oktober 2008 in Guatemala-Stadt veranstaltet wurde. Die eher überschaubare TeilnehmerInnenzahl sowie die Abwesenheit vieler bekannter Persönlichkeiten der globalisierungskritischen Bewegung öffneten den Raum für eingehende Diskussionen im kleinen Kreis. Es erstaunte kaum, dass die Anliegen der Indígena-Bewegung in Vordergrund standen, da deren Themen ähnlich wie in Bolivien oder Ecuador seit Jahren auf der Tagesordnung stehen. Überraschend war hingegen die breite Präsenz von Frauengruppen, denen es gelang, die Diskussion über Herausforderungen eines neuen Feminismus zum zweiten zentralen Diskussionsstrang dieses Forums zu machen.
Dabei waren die Ausgangsbedingungen alles andere als günstig. Es gab unzählige organisatorische Schwierigkeiten, zumal die Behörden Guatemalas in Vorfeld versucht hatten, die Ausrichtung des FSA zu blockieren. Als endlich die nationale San Carlos Universität (USAC) als Veranstaltungsort errungen werden konnte, weigerte sich die Unileitung, dem Forum vernünftige Räume zur Verfügung zu stellen. So fand das Forum in Mitten des Lehrbetriebs statt, viele Räume wurden abwechselnd von Forumsveranstaltungen und normalen Uni-Seminaren genutzt. Es mangelte auch an gemeinsamen Treffpunkten, die dem FSA einen verbindlicheren Charakter gegeben hätte. Da die USAC weit außerhalb liegt, kam es jenseits der Veranstaltungen kaum zu gemeinsamen Aktionen. Andererseits war es das erste Mal, dass ein solches Forum in Mittelamerika stattfand, einer Region, die auf der politischen Landkarte der wichtigsten Bewegungen Südamerikas weit entfernt liegt. Um so wichtiger das politische Signal, dass die globalisierungskritische Bewegung auch auf dem Isthmus zwischen Mexiko und Kolumbien präsent ist.
Auf dem Campus war die Stimmung gut, aus ganz Amerika waren Delegationen, VertreterInnen sozialer Bewegungen, AktivistInnen und WissenschaftlerInnen angereist. Die offiziell knapp 7.000 TeilnehmerInnen verteilten sich auf weit über Hundert Veranstaltungen, die nach sechs Themengruppen sortiert waren. Es ging um regionale Integration, Militarisierung, Perspektiven der sozialen Bewegungen angesichts der Aufbruchstimmung in Südamerika sowie Reaktion auf die zunehmende Kriminalisierung dieser Akteure, Femizid, Solidarität mit der indigenen Regierung Boliviens und vieles mehr. Präsent war auch eine Vielzahl alternativer Medien, die im Geflecht der sozialen Bewegungen eine immer wichtigere Rolle einnehmen. In einem Zentrum unabhängiger Medien, das ebenfalls unter Raummangel und technischen Barrieren zu leiden hatte, versammelten sich MedienvertreterInnen des ganzen Kontinents und berichteten in Text, Ton und Bild über das Geschehen. Mehrere Radioinitiativen, darunter Pulsar aus Buenos Aires und Brasilien, Aler aus Ecuador und Onda aus Berlin, berichteten live per streaming oder mittels Reportagen auf ihren Internetseiten. Ein wichtiges Gegengewicht zu dem weitgehenden Boykott seitens der guatemaltekischen Massenmedien, die dem FSA in all den Tagen nur wenige Zeilen und kaum Sendeplatz widmeten. Ein wichtiges Thema war die Diskussion um ein Freihandelsabkommen zwischen Zentralamerika und der Europäischen Union. Weit weniger bekannt als die Einigungsbemühungen mit dem südamerikanischen Mercosur, ist es den lokalen Bewegungen umso wichtiger, auf die sozialen Auswirkungen eines solchen Abkommens hinzuweisen. Ganz im Gegensatz zur offiziellen Lesart würde ein solches Abkommen wie schon im Fall von Mexiko höchstens bestimmten Wirtschaftssektoren, aber nicht der verarmten Bevölkerung zu Gute kommen. Erstaunlich in diesem Zusammenhang, dass die momentane Finanzkrise kaum thematisiert wurde, obwohl doch gerade dieser Kollaps des neoliberalen Dogmas zeigt, wie wenig die altbekannten Vorschläge zur Wirtschaftsförderung eine nachhaltige Ökonomie herbeiführen.
Trotz des generell herrschenden Konsens bezüglich der Kritik des herrschenden wirtschaftlichen und politischen Systems in der Region sowie bezüglich der Rolle und Forderungen der sozialen Bewegungen als ProtagonistInnen der Veränderung, gab es zumindest an einem Punkt handfesten Streit: Nicaragua und die Politik des umstrittenen Präsidenten Daniel Ortega. Für einige AktivistInnen ist das neu-sandinistische Nicaragua ein weiteres Land, dass sich in die Gruppe der fortschrittlichen Regierungen von Venezuela, Bolivien und Ecuador – nach eher gemäßigter Lesart auch Brasilien, Uruguay, Paraguay, Chile und Argentinien – einreiht. Andere hingegen prangerten den autoritären Regierungsstil Ortegas und das Ausbleiben einer sozialen Politik bei zugleich höchst revolutionärer Rhetorik an und kritisierten vor allem dessen reaktionäre Haltung in Sachen Abtreibung. Insbesondere Frauengruppen verwehrten sich dagegen, einen Präsidenten, der allen Forderungen nach Selbstbestimmung von Frauen eine Absage erteilt, als fortschrittlich zu bezeichnen. Schade – wenn auch vorhersehbar – war, dass Boliviens Präsident Evo Morales seinen geplanten Besuch kurzfristig absagte. Es wäre ein wichtiges Signal gewesen, wenn der Repräsentant eines jahrelangen und erfolgreichen Indígena-Kampfes aus Südamerika zu den Menschen in Guatemala, die einen ähnlichen Leidensweg haben, aber bisher noch wenig politische Errungenschaften vorweisen können, gesprochen hätte. Zwar bedeutet die Präsidentschaft von Álvaro Colom durchaus einen gewissen Fortschritt für das nach wie vor durch Repression und Kriegsfolgen gekennzeichnete Guatemala, doch beschränkt sich dieser angesichts vieler Kompromisse mit althergebrachten Machthabern eher auf Gesten denn auf konkrete Veränderungen.
Eine dieser Gesten sind die riesigen Transparente an der Fassade des Präsidentenpalastes mit den Konterfeis der beiden Präsidenten, die vor dem Putsch von 1954 einen neunjährigen politischen Frühling in dem zentralamerikanischen Land ermöglicht hatten. Die Abschlussdemonstration des 3. Amerikanischen Sozialforums entsprach mit rund 2.000 Menschen nicht ganz den Erwartungen. Dass sie am Sonntagmittag auf dem zentralen Platz von Guatemala-Stadt unter dem Augenschein dieser beiden Präsidenten Arévalo und Árbenz stattfand, wäre allerdings vor gerade einmal zehn Jahren undenkbar gewesen. Wirklich Neues hat es auf dem Treffen nicht gegeben, doch es zeigt sich, dass die von einigen schon tot gesagte Organisation der Sozialforen immer noch ein wichtiger Anziehungspunkt für die Bewegung darstellt. Viele der Diskussion wurden allerdings schon vorzeitig vertagt, mit Hinweis auf das Weltsozialforum, dass Ende Januar 2009 in der Amazonasregion stattfinden wird. Austragungsort wird das brasilianische Belém sein (siehe Schwerpunkt in dieser Ausgabe), wo sich dann entscheiden dürfte, ob Foren, die nur breiten Diskussionen und dem Austausch dienen, aber keine politischen Richtlinien verabschieden, auch das nächste Jahrzehnt noch schmücken werden.
// Andreas Behn

An der Grenze zur Wahrheit

Frau Galarza, in Ciudad Juárez wurden seit 1993 über 350 Fälle von ermordeten und circa 500 von verschwundenen Frauen dokumentiert. Ihr politischer Kampf in Ciudad Juárez beginnt jedoch schon 1968. Was sind die Hintergründe?

Man muss daran erinnern, dass sich in Mexiko vor und besonders nach dem Massaker an StudentInnen in Tlatelolco im Jahr 1968 die politischen Spielräume immer mehr schlossen und demokratische Partizipation im Prinzip nicht mehr möglich war. Diese Situation zwang eine Gruppe von jungen Menschen dazu, sich in bewaffneten Bewegungen zu organisieren. Meine Schwester, Leticia Galarza, beteiligte sich an der Bewegung Liga Comunista 23 de Septiembre, die offen die Zerschlagung der Regierung forderte und für die Schaffung einer Volksregierung eintrat. In Ciudad Juárez mobilisierten sie die Arbeiterinnen der schon Ende der 60er Jahre entstandenen Fabrikanlagen und erreichten zum Beispiel eine eintägige Stilllegung des gesamten Industrieparks. Das war sehr beeindruckend. Im Jahr 1968 wurde meine Schwester in Mexiko-Stadt verschleppt und das war der Moment, in dem ich mich in den sozialen Kampf begab. Als Familienangehörige forderten wir Aufklärung über den Verbleib der Verschwundenen, und dass es zu einen rechtmäßigen Prozess käme. In dieser Zeit wurden besonders wir organisierten Personen stark verfolgt. Ich selbst wurde mehrere Male verhaftet.

Welche Verbindungen sehen Sie zwischen den Verschleppungen der 70er Jahre und dem heute dokumentierten Femizid?

Ich bin Mitglied einer lokalen Organisation von Familienangehörigen, die 1983 entstand, und wir begannen ab dem Jahre 1993 mit der Dokumentation. Das heißt nicht, dass es nicht auch in weiter zurückliegender Zeit furchtbare Verbrechen gab. Die Morde begannen vor 1993, und ich fordere, dass alle die für die Straflosigkeit in meinem Land Verantwortlichen bestraft werden. Miguel de la Madrid, Carlos Salinas de Gortari [ehemalige mexikanische Präsidenten; Anm. d. Redaktion], ebenso wie alle für die permanente Straflosigkeit verantwortlichen Gouverneure von Chihuahua sollen vor Gericht kommen.

Warum werden Ihrer Vermutung nach Frauen in Ciudad Juárez ermordet?

Als im Norden des Landes eine politische Alternative zur PRI (Partido Revolucionario Institucional) entstand, waren es insbesondere Frauen, die sich an dieser neuen politischen Partei, der PAN, beteiligten. Es waren Frauen, die der PAN (Partido de Acción Nacional) das Gouverneursamt verschafften. Ciudad Juárez ist in ökonomischer Hinsicht die wichtigste Grenzstadt, wichtiger noch als Tijuana, und darum brach ein sehr ernster Machtkampf zwischen der PRI und der PAN aus. Und was passierte dann? Unsere Ansicht ist, dass die Frauen die politische Wende bestimmt haben, und dass genau darum nach Mitteln gesucht wird, die Frauen zu kontrollieren. Nicht um sie zu identifizieren und zu ermorden, sondern um eine Strategie der Einschüchterung und der Beherrschung zu fahren. Damit sie nicht weiterhin Alternativen konstruieren oder gar für die Linkspartei PRD (Partido de la Revolución Democratica) stimmen, die im Norden sehr wenig Unterstützung findet. Inzwischen wählen die Frauen wieder die PRI und das Ziel ist damit erreicht: Wir Frauen wurden eingeschüchtert und anstatt uns auf die Politikanalyse konzentrieren zu können, müssen wir uns erst einmal selbst verteidigen.

Die eigens für die Aufklärung des Femizid gegründete Staatsanwaltschaft im Bundesstaat Chihuahua hat bisher keine Ermittlungserfolge vorweisen können. Nun wurde per Dekret des Präsidenten Vicente Fox eine föderale Sonderstaatsanwaltschaft mit dem Fall beauftragt. Was bedeutet das für ihre Arbeit?

Wir begrüßen die Sonderstaatsanwaltschaft, aber wir haben bereits unsere Erfahrungen mit vergangenen Sonderstaatsanwaltschaften. Wir werden keinen Vorschlag behindern, der das Ziel hat, die Verantwortlichen zu identifizieren und sie vor Gericht zu bringen. Aber wir werden das Ganze beobachten. Wir wissen nicht, wie sie vorgehen werden, wie sie die 375 Fälle handhaben werden. Wir wissen nicht, welche Methoden sie benutzen werden oder wieviel Personal sie zur Verfügung haben, um beispielsweise an Leute zu gelangen, die bereits von den Medien mit den Morden in Verbindung gebracht worden sind. Das heißt, wir werden beobachten, wie die Sonderstaatsanwaltschaft arbeitet und ob sie wahrhaftig in die Tiefe geht oder ob es wieder nur eine Maßnahme ist, um die Internationale Gemeinschaft zu beruhigen.

Würden Sie das, was heute in Ciudad Juárez geschieht, als eine sehr spezielle Situation bewerten oder handelt es sich eher um ein überregionales Phänomen?

Aggressionen gegen Frauen gibt es in ganz Mexiko und auf allen Gebieten. Zu Hause, am Arbeitsplatz, in den Institutionen und in der Politik. Die politische Beteiligung der Frauen liegt bei lediglich 30 Prozent und Mexiko ist seit Jahrhunderten vom machismo geprägt. Ähnliche Merkmale wie die bei den Demütigungen, Vergewaltigungen und Ermordungen der Frauen in Ciudad Juárez lassen sich auch bei Fällen, die im Bundesstaat Michoacán bekannt geworden sind, beobachten. Aber dieses Ausmaß an Straflosigkeit, dieses Konzept des „ich werde es tun und Du kommst mir dabei nicht in die Quere, weil ich Dich unter Kontrolle habe und weil ich die Institutionen auf meiner Seite habe“ lässt sich nur in Ciudad Juárez im Bundesstaat Chihuahua finden.

Ist Ihre Arbeit politisch?

Ich gehöre einer Organisation an, in der sich Menschen zusammengetan haben, deren Angehörige aus politischen Gründen verhaftet oder verschleppt worden sind. Wir verstehen uns als eine Menschenrechtsorganisation mit politischer Positionierung. Unser Ziel ist es nicht, Macht zu erlangen und politische Posten zu besetzen. Aber wir machen politische Deklarationen. Denn unsere Angehörigen haben für das Recht auf Nahrung, für Bildung und für Wohnraum gekämpft und solange diese Ziele nicht verwirklicht sind, werden sich die Zustände in Mexiko nicht ändern. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass sich nichts ändern wird, solange es in Chihuahua keine Partei gibt, die wirklich die Rechte des Volkes verteidigt. Weder PRI noch PAN haben das Volk verteidigt. Wir sind nicht einverstanden, wenn das was in Chihuahua passiert darauf reduziert wird, dass Männer die Frauen ermorden. Es ist nicht nur eine Frage des machismo, sondern es ist eine strukturelle Angelegenheit die das System betrifft.

Zusammen mit der Organisation Terre de Femmes präsentieren Sie in Deutschland gerade den Dokumentarfilm Señorita Extraviada von Lourdes Portillo. Wie wurde der Film aufgenommen?

Wir sind froh über die Einladung von Terre des Femmes und ich glaube, der Film hat das deutsche Publikum sehr sensibilisiert. In dem Dokumentarfilm selbst werden keine gewalttätigen Bilder gezeigt, aber die Erzählungen versetzen den Zuschauer in Bestürzung. Die Berichte der Familienangehörigen der Opfer hinterlassen ein Gefühl von Ohnmacht, von Schwäche, aber ich glaube auch, dass sie helfen, der Welt die absolute Dringlichkeit zu vermitteln, die wir als Bürger von Ciudad Juárez spüren, weltweit Unterstützung zu finden, um diese schreckliche Situation zu beenden. Wir sind uns bewusst darüber, dass die internationale Solidarität bisher die einzige Garantie dafür ist, dass unsere Anzeigen Beachtung finden. Der Druck von außen nach innen hat funktioniert.

„In unserem Land geschieht alles, und es geschieht nichts“

Vanesa Bauche, auf der diesjährigen Berlinale wurde das Dokudrama Digna hasta el último aliento gezeigt, in dem du die Rolle der ermordeten Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa spielst. Was verbindet dich mit diesem Thema?

Ich wusste eigentlich schon vor Digna Ochoas Ermordung von ihrem Werdegang, weil ich in der Zeitung über ihre Arbeit im Centro Miguel Agustín Pro gelesen hatte. Aber ich wusste nicht mehr genau ihren Namen. Als dann die Mitteilung in der Zeitung stand, dass sie ermordet worden war, erinnerte ich mich wieder an ihn. Mir fiel ein, dass sie die Anwältin vom Centro Pro war, von der so viel gesprochen wurde, weil sie sich immer um die schwierigsten Fälle kümmerte. All dies wurde mir schlagartig schmerzlich bewusst.
Ich hätte mir damals aber nicht träumen lassen, dass ich Digna eines Tages im Film spielen würde. Als mich dann Regisseur Felipe Cazals zum Filmprojekt einlud, fühlte ich eine starke menschliche Bindung zu ihm und dem Projekt, auch weil ich selbst schon seit zwei Jahren in einer weltweiten Kampagne gegen den Frauenmord in Chihuahua arbeite.

Die Staatsanwältin Margarita Guerra, die im Juli 2002 als Ermittlungsergebnis den Selbstmord Digna Ochoas bekannt gab, sagte, dass der Film zwar keinen Einfluss auf die Ermittlungen habe, jedoch die öffentliche Meinung über den Fall Digna Ochoa verzerren könnte. Welche Hoffnung knüpfst du an die Präsentation des Filmes in Mexiko?

Erst einmal bin ich der Staatsanwaltschaft sehr dankbar, dass sie uns so hoch schätzt, dass sie glaubt, wir könnten die öffentliche Meinung in diesem Fall bei der Suche nach der Wahrheit in eine Richtung lenken. Letzten Endes ist es meine Hoffnung, dass sich die Leute bewusst werden, dass all dies geschieht, weil ihre Teilnahmslosigkeit Jahre um Jahre der Straflosigkeit, der Korruption, des Verrats und des Zynismus zugelassen haben. Mit der Konsequenz, dass die Bevölkerung solch ein Ermittlungsergebnis, wie es die Staatsanwaltschaft präsentiert hat, für möglich hält. Die Selbstmordthese kann man mit diesem Gutachten eigentlich nicht aufrecht erhalten. Dies alles ist sehr schlecht konstruiert. Ich glaube Digna hasta el último aliento besitzt Elemente, um dafür ein Bewusstsein zu schaffen und um Fragen aufzuwerfen.

Im Jahre 1999 hast du zusammen mit anderen KünstlerInnen die Gruppe Movimiento Cultural Techo Blanco (Kulturbewegung Weißes Dach) gegründet, um unabhängige Kulturprojekte zu verwirklichen. Warum war dieser Schritt nötig?

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Movimiento Cultural Techo Blanco ein interdisziplinäres Kollektiv ist, das entstand, weil mir klar wurde, dass das Leben und künstlerisches Schaffen individuelle und kollektive Reisen sind.
Was ich machte, war meine Freunde anzurufen, um ihnen zu sagen, dass wir anstatt uns darüber zu beschweren wie schwierig es in Mexiko ist, in eine Produktion hinein zu kommen, anfangen sollten, die Dinge selber zu machen, und uns in anderen Bereichen zu versuchen. Meinen Freunden gefiel die Idee sehr gut, vor allem, weil die Mehrheit von uns professionelle Schauspieler waren, die noch nie hinter der Kamera gestanden hatten. Ich wollte, dass sie verstehen wie komplex der Prozess der Filmverwirklichung ist.
Eine Sache, die zudem von Anfang an klar war, ist, dass wir uns um soziale Angelegenheiten kümmern müssen. Eines der ersten Dinge, die wir deswegen begannen, war täglich die Zeitung zu lesen. Ich sagte: „Man muss die Zeitung lesen, chicos, ihr müsst wissen, wo ihr steht, wenn ihr das nicht tut, werdet ihr nie was verstehen.“ So konnten wir die soziale Verpflichtung, die ich schon immer hatte, kanalisieren. Als erstes nahmen wir uns vor, den Frauenmord in Chihuahua weltweit an die Öffentlichkeit zu bringen.

Du verwendest viel Anstrengung darauf, den Femizid in Ciudad Juárez sowohl national als auch international bekannt zu machen. Was geht in Ciudad Juárez vor sich?

Das wissen wir nicht. Es gibt viele Hypothesen. Den vielen verschiedenen Nachforschungssträngen ist man nicht korrekt nachgegangen. Die Leute, die für die Verbrechen verantwortlich sind, wissen aber sehr gut, was geschieht. Wenn es soviel Konfusion gibt, steht dahinter mit Sicherheit viel Klarheit.
Was nun geschieht sind viele verschiedene Dinge. Es gibt im Land ein alarmierend hohes Niveau sozialen Verfalls, das vielleicht in der ganzen Geschichte noch nicht so hoch war. Wegen der in Chihuahua vorherrschenden Straflosigkeit, wird jedeR, der/die sich erhebt, um etwas zu sagen, direkt von den Behörden bedroht, so dass er/sie lieber gar nichts sagt. Es ist so, als ob alle gelähmt worden wären, alle wirken ein wenig wie Zombies.
Trotz dieses trostlosen Panoramas gibt es aber auch Fortschritte. So gibt es mittlerweile eine Organisation mit dem Namen Nuestras Hijas de Regreso (Unsere Töchter auf dem Heimweg) und eine andere, die Justícia para Nuestras Hijas (Gerechtigkeit für unsere Töchter) heißt. Diese Organisationen haben es in den letzten zwei Jahren mit der Hilfe von Gruppen aus aller Welt geschafft, einige Aufsehen erregende Aktionen auf die Beine zu stellen, damit man von den Frauenmorden erfährt. So wird mittlerweile auch aus verschiedenen Teilen der Welt Druck auf die mexikanische Regierung ausgeübt, damit diese wirklich einmal beginnt, etwas zu unternehmen.
Aber anstatt dass die Mütter der Ermordeten und die den Ermordeten Nahestehenden, die sich trauen etwas zu sagen, zu unterstützten, werden diese von den Leuten vor Ort immer mehr isoliert, und es wird versucht, sie mundtot zu machen.

Was macht so ein Verbrechen wie den Frauenmord möglich?

Die Straflosigkeit. Die Komplizenschaft korrupter staatlicher und bundesstaatlicher Behörden. Die ganze herrliche Geschichte der Straflosigkeit und auch der Korruption, die wir haben. Die Ereignisse von 1968 wurden nicht aufgeklärt, Acteal wurde nicht aufgeklärt, der Fall Digna wurde nicht aufgeklärt. Wir wissen mittlerweile, dass in unserem Land nichts gemacht wird, es geschieht alles und es geschieht nichts.
Zudem gibt es einen Hass auf den Typ Frauen wie die, welche ermordet worden sind. Die meisten waren knapp bemittelt, Migrantinnen, Arbeiterinnen, alle hübsch und in einem gebärfähigen Alter.

Wie könnn diese Verbrechen gestoppt werden?

Der Groll in der Gesellschaft wird immer größer: solche Verbrechen geschehen immer wieder, Jahr für Jahr, ohne dass ernsthaft etwas gemacht würde. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, erst einmal Information über die Sache zu verbreiten.
Als allererstes muss aber speziell die Internationale Gemeinschaft die Menschenrechtsverletzungen in Mexiko zur Kenntnis nehmen. Man muss Chihuahua als Zone einer nationalen gesellschaftlichen Katastrophe deklarieren, damit man international so handelt, als ob es um eine Naturkatastrophe ginge. Um eine Naturkatastrophe wird sich umgehend gekümmert, mit dem Willen aller in der ganzen Welt. Das bedeutet, wenn man Chihuahua als Katastrophengebiet deklarieren würde, könnte der Bundesstaat Hilfe aus aller Welt empfangen, ohne dass dies die Souveränität des Bundesstaates oder der Verfassung in Frage stellen würde.
Außerdem sollte man endlich anerkennen, dass die Straflosigkeit in Chihuahua schon ein unfassbar hohes Niveau erreicht hat. Was dort passiert ist schon nicht mehr Straflosigkeit, sondern ist etwas sehr perverses.

Fühlst du dich nicht bedroht, wenn du so etwas sagst?

Anfangs schon etwas, plötzlich gibt es Dinge, die dich etwas paranoid werden lassen, aber das überwindet man dann schon. Ich bin keine Menschenrechtsanwältin, Politikerin oder Reporterin. Vor allem bin ich ein menschliches Wesen, eine Bürgerin, die das Recht hat, zu sagen, was unrecht ist. Deswegen habe ich von dem Standpunkt, von dem aus ich die Dinge anspreche, nichts zu fürchten, ich mache ja nichts Schlimmes, im Gegenteil, ich will die Dinge verbessern.

Was sind deine nächsten Projekte?

Wir bereiten mit dem Movimiento Cultural Techo Blanco ein Theaterstück vor, das Atari heißt und von der kulturellen Invasion durch Videospiele an der Nordgrenze in den 80er Jahren handelt. Die Geschichte dreht sich um vier Freunde, die sich schon seit ihrer Kindheit an der Nordgrenze kennen. Der Atari wird als Metapher für kulturelle Invasion benutzt. Es wird gezeigt wie er das Leben kulturell durcheinander brachte.
Außerdem arbeiten wir mit dem MCTB an einem ersten Spielfilm, der Amantes en el Hurracán heißen wird. Dieser wird ein Roadmovie sein, halb romantisch, befreiend, stark, halb subversiv, schön.

Internetseite von Nuestras Hijas de Regreso:
www.geocities.com/pornuestrashijas/