Triggerwarnung: Dieser Text enthält explizite Beschreibungen von Gewalt.
Nuvia Perozo war Wandfarbenverkäuferin in Valencia, der drittgrößten Stadt Venezuelas. Während eines Streits mit ihrem Partner am Sonntag, den 17. August 2025, ertränkt er sie in einem Pool. Verwandte bringen sie noch in ein Gesundheitszentrum, das sie ohne Lebenszeichen erreicht. Der Täter flüchtet vom Tatort und wird wenige Tage später festgenommen.
Der Mord an Perozo ist einer von 106 Femiziden, die sich in den ersten acht Monaten des Jahres 2025 ereignet haben, wie aus dem Utopix Femizide-Monitor hervorgeht. Hinzu kommen 139 Mordversuche, bei denen der Täter der Polizei gemeldet wurde. Das sind im Schnitt fast zwei Femizide pro Tag. Seit 2019 erstellt die Anthropologin Aimee Zambrano dieses Monitoring, da es an staatlichen Zahlen dazu fehlt. Utopix und Zambrano arbeiten ehrenamtlich und nutzen soziale und andere Medien als Hauptquellen.
Über die Jahre sind die Femizide vorwiegend in Bundesländern mit urbanen Zentren wie Zulia, Miranda und der Hauptstadt verzeichnet worden. In diesem Jahr ist es jedoch im südöstlichen, minenreichen Bundesstaat Bolívar, der Bundesstaat mit der drittkleinsten Bevölkerungsdichte, wo die meisten Femizide verzeichnet wurden. Die 43-jährige Carolina Vera ist eines der Opfer. Sie wurde zweieinhalb Wochen lang vermisst. Am 8. April wollte sie nach El Dorado in der Stadt Bolivar fahren, kam aber nie an. Die Polizei ermittelte und fand ihre Leiche in einem Waldgebiet. Laut Polizei hatte sie ein Bekannter, der sie angeblich zum Busterminal bringen wollte, vergewaltigt und erschlagen.
Frauen werden vor Gericht retraumatisiert
Die Polizei hat Perozos und Veras Mörder festgenommen, wie noch weitere 79 der 106 Täter. Das bedeutet jedoch nicht, dass tatsächlich Gerechtigkeit geschieht. Im venezolanischen Justizsystem gibt es große Verzögerungen bei den Verfahren. „Es gibt Fälle von Femiziden, bei denen es bis zu zehn Jahren dauert, bis der Täter verurteilt wird,” sagt Aimee Zambrano, Herausgeberin des Monitors, gegenüber LN. Dasselbe gilt für versuchte Femizide. Durch die langen Prozesse und wiederholten Berufungen werden die Frauen, die Gewalt überlebt haben, auf entsetzliche Weise retraumatisiert, so Zambrano. Sie hat Verfahren erlebt, in denen die betroffene Person selbst nach Zeugen suchen mussten. „Das Justizsystem, und ich glaube, das gilt weltweit, berücksichtigt Frauen nicht. Dieses System ist für Männer und von Männern gemacht,“ so Zambrano. Dadurch werden oft Anzeigen erstattet, aber nicht weiterverfolgt.
Die letzten offiziellen Zahlen zu Femiziden wurden 2016 von der Regierung gemeldet: 122 Frauen wurden getötet. Vier Jahre später, Anfang 2020, nachdem Zambrano ihre eigenen Femizidzahlen für 2019 veröffentlicht hatte, schlossen sich feministische Gruppen im Land zu einer Allianz zusammen und riefen den feministischen Notstand aus. Sie gingen auf die Straße und forderten die Politik zum Handeln auf.

Im Jahr 2020 ist die Zahl der Femizide weiter gestiegen. Es waren 53 Prozent mehr als im Jahr 2019. 2025, sechs Jahre später, scheinen die Femizide auf ein Niveau wie 2019 zurückgekehrt zu sein. Zambrano sieht mehrere Gründe für diese Entwicklung. Der Monitor stützt sich auf Medienberichte. Das führe zu niedrigeren Zahlen, denn lokale Zeitungen verschwinden oder legen ihren Fokus auf andere Themen. Der Januar 2025 ist ein gutes Beispiel dafür.
Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2019 liegt die durchschnittliche Anzahl an Femiziden im Januar bei 19,4, im Jahr 2025 wurden jedoch nur sieben registriert. „Sehr atypisch”, sagt Zambrano, „aber im Januar wurde die Medienagenda von der Amtseinführung von Präsident Maduro und allen damit verbundenen politischen Fragen dominiert”. Das könnte die niedrigere Zahl besser erklären als eine tatsächliche Abnahme der Femizide.
Zambrano führt die niedrigeren Zahlen aber auch darauf zurück, dass es mehr nicht vollendete Femizide gibt. „Ich glaube, dass es weiterhin zu Gewalttaten kommt. Vielleicht möchte ich mir aber auch nur einreden, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für dieses Problem gestiegen ist,“ sagt Zambrano. Es gebe mehr Nachbar*innen, Verwandte, Krankenhäuser und die Frauen selbst, die Anzeige erstatten, sodass Täter verurteilt werden. Tatsächlich gab es im Jahr 2025, wie auch 2023 und 2024, mehr als doppelt so viele Anzeigen wie im selben Zeitraum 2019.
Zambrano schätzt den Einfluss der Regierung auf die Abnahme von Femiziden gering ein. Im März 2021 hat die Regierung eine zweite Staatsanwaltschaft mit Zuständigkeit für Femizide eingerichtet. Zwei Jahre später wurde die „Misión Venezuela Mujer“ (Mission Venezuela Frau) gegründet, um Frauen im Land zu unterstützen. Laut Zambrano soll die Mission alle Anlaufstellen bündeln, aber es geschieht nicht. Die Aufgaben sind zwischen Ministerium, der Staatsanwaltschaft und dem Obersten Gerichtshof verteilt. Offizielle Statistiken zu diesem Thema werden nicht veröffentlicht.
Auch die Zivilgesellschaft spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung. Organisationen wie Tinta Violeta, eine feministische Organisation, die Personen unterstützt, die geschlechtsspezifische Gewalt erlebt haben, und Bildungsarbeit zu diesem Thema leistet, gehören zu den Akteur*innen, die wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen (siehe LN 500). Jeder einzelne Femizid ist einer zu viel. Dennoch sind das wachsende Bewusstsein für das Problem und die zunehmenden Anzeigen gegen gescheiterte Femizid-Täter eine positive Entwicklung der letzten fünf Jahre.


