Wo ist der Mate?

© Likeliness Increases, LLC

2024 ging eine Tiktok-Abstimmung mit dem Titel „Man vs. Bear“ viral. Darin wurden Frauen gefragt, wem sie lieber allein im Wald begegnen würden: Einem Mann oder einem Bären? Der Bär gewann mit überwältigendem Vorsprung. Als Gründe wurden genannt, Bären seien vorhersehbarer, würden Frauen als Menschen behandeln und zudem sei das Schlimmste, was sie begehen könnten, ein Mord. Was den Schluss zulässt: Männer, die allein durch den Wald streifen, sollte man tunlichst meiden.

Hätte Isabel (Mia Maestro), die Protagonistin des mehr als seltsamen Berlinale Special-Beitrags After this Death diesen Ratschlag nur beherzigt, sie hätte sich und vor allem dem Publikum ihres Films Einiges erspart. Unglücklicherweise sucht sie aber nicht sofort das Weite, als ihr beim Waldspaziergang der nervige mansplainer Elliott (Lee Pace) in einer Höhle auflauert, wo sie unschuldig an ihrem Matebecher nippt (an irgendetwas muss man schließlich erkennen, dass sie Argentinierin ist!). Zunächst geht sie auf seine alles andere als subtilen Avancen noch nicht ein. Doch abends nimmt Isabels Freundin Alice (wie immer ein Lichtblick: Gwendolin Christie) sie mit ins Wunderland eines Indierock-Clubs. Und Sachen gibt’s, am Mikro der offenbar sagenhaft angesagten Band steht tatsächlich Elliott! Auf der Bühne verdreht dieser zur Freude seines sektenartigen Publikums zu kryptischen Lyrics und dünnen Elektrobeats meist seltsam die Finger, warum auch immer. Obwohl es ihm an Groupies nicht mangelt, sucht er sich dann die verheiratete und hochschwangere Isabel als Objekt der Begierde aus. Die ist auch schon bald bereit zur Paarung – wer kann schon einem echten Rockstar widerstehen? An der folgenden Affäre ist dann Isabels plötzlicher Fetisch für seine verschwitzten Füße bei Weitem nicht das Einzige, was Fragen aufwirft. Warum wohnt Elliott, der große Star, allein mit seinem Bruder in einem Bretterverschlag mitten im Nirgendwo? Wieso nennt er einen gigantischen Katzenbaum sein Eigen, obwohl weit und breit keine Katze zu sehen ist? Und warum trinkt Isabel plötzlich keinen Mate mehr?

Die Antworten kennt wohl allein der argentinische Regisseur Lucio Castro (End of the Century). Oder auch nicht, wie er bei der Fragerunde nach der Premiere des Films auf der Berlinale überdeutlich durchscheinen ließ. Er schreibe Drehbücher nach der „Eichhörnchen-Methode“, mal vor, mal zurück, mal zur Seite – deshalb sei es auch gar nicht so wichtig, welche Szene des Films an welcher Stelle komme. Aha. After this Death macht gegen Ende noch eine Reihe weiterer absurder Geheimnisse auf, die aber allesamt nicht aufgelöst werden und deswegen auch nicht groß etwas zur Sache tun. Wer in dem Film wann stirbt oder auch nicht, soll sich sein Publikum offensichtlich selbst zusammenreimen – beliebiger kann man ein Drehbuch nicht schreiben. Für diejenigen, die sich Stress und Eintrittsgeld sparen möchten, hier deshalb eine plausible (wenn auch nicht ganz ernst gemeinte) Erklärung: Isabel hat die Höhle nie verlassen, denn in ihrer Kalebasse befand sich kein Mate sondern Ayahuasca oder ein ähnlich halluzinogenes Getränk. So wäre der Rest des chaotisch-mysteriösen Plots nichts weiter als ein schiefgegangener Drogentrip. Fazit: Von diesem Film sollte man sich besser so weit fern halten wie von einsamen Männern im Wald.


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Toxische Träume

© Teorema

Man hat das Bild zu viele Male gesehen, um dabei nicht sofort ein übles Gefühl in der Magengrube zu spüren: Ein verlassener, verschlossener Lastwagen mitten in der Wüste ist die erste Einstellung in Michel Francos beeindruckendem mexikanischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Dreams. Und die Ahnung bestätigt sich: Der Truck ist voll mit lateinamerikanischen Migrant*innen, die die Grenze zu den USA auf der Suche nach einem besseren Leben überquert haben und denen nun langsam Luft und Wasser ausgehen. Erst kurz vor der Katastrophe öffnet sich doch noch die Tür zur Ladefläche. Doch die Retter sind keine Wohltäter, sondern Verbrecher: Das restliche Geld und die wenigen Dinge, die sie noch haben, werden denen, die knapp dem Tod entronnen sind, sofort von einer kriminellen Schieberbande entrissen. Wer noch kann, macht sich danach so schnell wie möglich davon auf den Weg ins Ungewisse.

Diese Auftaktsequenz dauert in Dreams nur wenige Minuten, zeigt aber gerade wegen ihrer Kürze die lebensgefährliche Realität der Migrant*innen in schockierender Klarheit. Es gelingt auch, weil der mexikanische Regisseur Michel Franco (u.a. New Order, Chronic, After Lucia) ein Meister seines Fachs ist und bei der Konstruktion seiner oft in Totalen gefilmten Bilder und Schnitte kein Detail dem Zufall überlässt. Im weiteren Verlauf folgt der Film dem jungen Balletttänzer Fernando (Isaac Hernández, auch in der Realität einer der besten Balletttänzer der Welt). Der erreicht zwar völlig ausgelaugt und mit nicht mehr als der Kleidung, die er am Leib trägt, sein Ziel San Francisco. Schon bald wird aber klar: Fernandos Motive, in die USA zu migrieren, waren nicht Armut und Chancenlosigkeit, sondern Ambition und Liebe. Auch in Mexiko hatte er ein gutes Leben in der Oberschicht – eine Ballettausbildung muss sich eine Familie erst einmal leisten können. Weil er aber exzellent in dem ist, was er tut, will er das auch auf dem höchstmöglichen Niveau weiterverfolgen. Dabei soll ihm seine Mäzenin Jennifer (Jessica Chastain) helfen, die in San Francisco eine Stiftung ihrer reichen Familie leitet und mit ihrem Geld eine Ballettschule in Mexiko-Stadt aufgebaut hat. Die Beziehung zwischen den beiden, auch das ist schnell kein Geheimnis mehr, geht weit über das Professionelle hinaus. Doch während Fernando sich bei Jennifer angekommen am Ziel seiner privaten Träume wähnt, will sie die Beziehung geheim halten. Die Dynamik von Macht und Privilegien, die die Lebensverhältnisse aller illegalen Migrant*innen durchdringt, beginnt sich unaufhaltsam zu entfalten.

Dreams ist ein hochrelevanter Beitrag zur Migrationsdebatte, vor allem weil Fernando nicht als hilfloses Objekt gezeigt wird. Für eine Rolle als Spielzeug im Goldenen Käfig ist er sich zu schade. Er weiß um seine exzellente Qualifikation und behält trotz seiner Rechtlosigkeit immer seine Würde und die Zügel seines eigenen Schicksals in der Hand. Jennifer verkörpert dagegen als seine Partnerin und Gegenspielern in einer Person, je länger der Film dauert, in immer unheimlicherer Weise das Phänomen des white privilege Bei ihr ist vieles gut gemeint, selbst ihre romantischen Gefühle für Fernando nimmt man ihr ab. Und doch ist sie blind für die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, die sie seit ihrer Geburt ausnutzt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Bei ihren Reisen per Privatjet nach Mexiko kann sie in ihrem eigenen Haus ein- und ausgehen wann und wie sie will. Die luxuriösen Auszeiten vom Familienclan in ihrer Heimat sprechen im Kontrast zur Lastwagenszene zu Beginn Bände. Spanisch zu lernen hat sie ebenfalls nicht nötig: In den Kreisen, in denen sie in Mexiko verkehrt, ist perfektes Englisch Standard.

Interessant wird es immer dann, wenn Fernando in irgendeiner Form zur Bedrohung für den Status quo der weißen Mehrheitsgesellschaft wird und deren tolerante Fassade innerhalb von Sekunden in sich zusammenfällt. Sei es durch den offenen Rassismus eines Kollegen in der Ballettgruppe in San Francisco oder die Ressentiments von Jennifers Familie gegen den jüngeren Partner aus Mexiko (hier spielt fast beiläufig auch noch sexistische Diskriminierung mit hinein – bei umgekehrten Geschlechterrollen wäre eine soziale Akzeptanz wahrscheinlicher). Diese toxische Mischung wartet nur darauf, zu explodieren, zumal Michel Franco bekannt dafür ist, mit provokanten oder gar tabubrechenden Plot-Twists sein Publikum zu verstören. Ohne zu viel zu verraten, wird er diesem Ruf auch in Dreams gerecht. Vor allem eine Szene gegen Ende des Films muss dabei als problematisch und gleichzeitig unnötig bezeichnet werden, da sie weder für die Botschaft noch für die Dramaturgie entscheidende Impulse liefert. Davon abgesehen ist Dreams aber eine ästhetisch und inhaltlich exzellente Parabel auf Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse in den Beziehungen USA/Mexiko geworden, die auch auf der Meta-Ebene funktioniert. Bei der Preisvergabe auf der Berlinale dürfte er deshalb und wegen des hochaktuellen Themas eine wichtige Rolle spielen.

Triggerwarnung: Darstellung von Gewalt


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Widerstandsfähige Kindheit unter dem Schutz des Teufels

© Odei Zabaleta

Bei der 75. Ausgabe der Berlinale feiert die mexikanische Filmproduktion El Diablo Fuma (y guarda las cabezas de los cerillos quemados en la misma caja) ihre Weltpremiere. Das Debüt des Regisseurs Ernesto Martínez Bucio ist der einzige lateinamerikanische Beitrag in der Sektion Perspectives, die interessante Erstlingsfilme vorstellt. 

Das Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Karen Plata verfasst hat, porträtiert das Leben von fünf mexikanischen Geschwistern, Kindern, die mit der Abwesenheit ihrer Eltern konfrontiert sind: Zuerst durch die plötzliche Flucht der Mutter und später auch durch die des Vaters, der sich auf die Suche nach ihr begibt. Die Kinder bleiben allein zu Hause zurück und übernehmen alle Verantwortlichkeiten, einschließlich der Pflege ihrer Großmutter, die an Schizophrenie leidet. 

El Diablo fuma ist ein hartes, aber gleichzeitig bewegendes Porträt, mit einer fragmentierten Erzählweise, die den Alltag in kleine Episoden unterteilt. Der Film taucht in die Welt der kindlichen Vorstellungskraft ein, was im Zusammenspiel mit der Schizophrenie der Großmutter Spannung erzeugt. Vor allem angesichts der Idee eines ungewöhnlichen Besuchers in diesem Zuhause: dem Teufel. 

Mit einem Stil, der dem des beobachtenden Dokumentarfilms nahekommt, richtet Martínez seinen Blick auf die Intimität des Zusammenlebens. Der Film spielt fast vollständig innerhalb des Hauses, vermittelt jedoch kein Gefühl von Klaustrophobie. Die Geschichte ist in den neunziger Jahren in Mexiko City angesiedelt und scheint von nostalgischen Elementen geprägt zu sein. Die Auswahl historischer Ereignisse ist sehr symbolträchtig. So wie der Besuch von Papst Johannes Paul II., einer umstrittenen Figur in der Geschichte Lateinamerikas aufgrund seiner politischen Einmischung, im Kontrast zu der Begeisterung, die er unter seinen Gläubigen auslöste. Insbesondere in Kulturen wie der mexikanischen, wo die katholische Religion eine starke Präsenz hat.  Auch die Kampagne gegen die Cholera-Epidemie, die in mehreren Szenen durch den eingeschalteten Fernseher zu hören ist, während die Kinder vertieft in ihrer Welt spielen, trägt zur Konstruktion dieser analogen Zeit bei, in der der Klang des Fernsehers ein charakteristisches Element vieler Haushalte war. 

Die visuelle Gestaltung unter der Leitung von Odei Zabaleta kombiniert Elemente wie Archivbilder und Handycam-Aufnahmen. In manchen Momenten scheint sie den Fotografien von Alex Webb und Rebecca Norris Webb Tribut zu zollen, die unter anderem in Mexiko das alltägliche Leben auf poetische Weise durch Schichten von Handlung und inneren Bewegungen innerhalb eines einzigen Bildes einfangen und ein breites Spektrum von Kindheitsdarstellungen aufweisen. Eindrücklich wird das Thema der Vernachlässigung in der Kindheit, dysfunktionaler Familien und Elternschaft in El Diablo Fuma dargestellt.  Mutterschaft und soziale Gewalt ziehen sich als übergreifende Motive durch das Werk von Ernesto Martínez Bucio. Mehrere Kurzfilme des Regisseurs wie Las razones del mundo (2018) und La madre (2012, beide auf Youtube verfügbar) befassen sich mit diesen Themen.

In seiner Gesamtheit ist El Diablo Fuma (y guarda las cabezas de los cerillos quemados en la misma caja) ein Film mit  konstruierten Details und Atmosphären geworden. Das übernatürliche Element, das in der Werbung für den Film beschrieben wird, bleibt fast unbemerkt, ist aber auch nicht unbedingt notwendig.


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Das Sichtbare und Unsichtbare des Todes

Fotoquelle: A natureza das coisas invisíveis

Glória (Laura Brandão) ist es leid. Die meisten ihrer Ferien muss sie im Krankenhaus verbringen, während Antônia (Larissa Mauro), ihre Mutter, lange Schichten als Krankenschwester hat. Sie kennt das Krankenhaus bereits in- und auswendig und ist an die Gesellschaft älterer Menschen gewöhnt, die sich im Zustand der Vorbereitung auf den Tod befinden – ältere Menschen, die ihre Freunde werden, Pseudogroßeltern, die ihr Geschichten erzählen.

In Rafaela Carmelos Film A Natureza das Coisas Invisíveis (Das Wesen der unsichtbaren Dinge) hat die zehnjährige Glória deshalb in ihrer Freizeit wenig Kontakt zu anderen Kindern. Bis sie Sofia  kennenlernt, die mit ihrer Urgroßmutter Francisca im Krankenhaus gelandet ist. Aufgrund von Alzheimer hatte ihre Bisa (kurz für Bisavô, Urgroßmutter) medizinische Komplikationen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Glória hilft Sofia, ihre blutverschmierten Kleider zu wechseln und die beiden Mädchen beginnen, ihre Umgebung zu erkunden und über den Tod, die Toten, den Glauben – oder Aberglauben – und das Leben nach dem Tod zu sprechen.

Nach ein paar Tagen, in denen Francisca relativ stabil ist, gelingt es Sofia, ihre Mutter Simone zu überreden, die Bisa zurück zu ihrem sítio (kleiner Bauernhof) zu bringen, dem Ort, an dem sie wirklich glücklich war. Glória und ihre Mutter kommen mit. In einem Dorf, das stellvertretend für jede Kleinstadt auf dem brasilianischen Land stehen könnte, stärken die Mädchen ihre Freundschaft und auch die Beziehung zu ihren Müttern. Und auf einfühlsame Weise tauschen sie sich über ihre unterschiedlichen Bedeutungen des Todes aus. Nicht nur den buchstäblichen Tod, sondern auch einen symbolischen: einen Neuanfang.

A natureza das coisas invisíveis zeigt alltägliche Porträts Brasiliens, die sich aber auch auf andere soziokulturelle und geografische Kontexte übertragen lassen, so wie Glórias Schule zu Beginn, das Krankenhaus und das Leben auf dem sítio. Davon ausgehend gelingt es dem Film, einen Dialog mit einem universellen Publikum zu führen. Nicht nur, weil er vom Tod handelt, sondern auch, weil er die Entwicklung der Familienbeziehungen und der Freundschaft zwischen zwei Mädchen aufzeichnet.

Selbst in spezifischeren und weniger universellen Szenen, wie denjenigen, in denen Gebete und traditionelle religiöse Zeremonien dargestellt werden, könnte es der Film sschaffen, ein eher distanziertes und sogar atheistisches Publikum emotional für sich zu gewinnen.

Das vielleicht Berührendste an Rafaela Carmonas Werk ist gerade die Einfachheit der beiden Kinder, wenn es um ein so komplexes Thema wie den Tod geht. Und trotz der metaphysischen Ansätze, die der Film vorschlägt – wie die Kommunikation mit denjenigen, die nicht mehr von dieser Welt sind  – ist das, was ihn dem Publikum wirklich näher bringt, das alltägliche Leben: die Routine einer Krankenschwester und Mutter, ein Kind im Urlaub, das Leben auf dem sítio.

Einige stilistische Elemente können als Rahmen für den tangentialen Charakter des Todes gedeutet werden. So wie Übergänge, die sich auf Baumblätter mit dem Himmel im Hintergrund konzentrieren, oder der unscharfe Blick aus einem Fenster, bei dem nicht das Bild in der Szene, sondern die Gespräche im Hintergrund wirklich wichtig sind. Szenen, die eine Loslösung von der irdischen Realität suggerieren.

Der 90-minütige Film erforscht das Tabu des Todes durch das Gesagte und das Ungesagte, das Sichtbare und das Unsichtbare sowie das Spirituelle. Der Tod wird sowohl durch eine alte mystisch-religiöse Weisheit als auch durch die Augen eines zehnjährigen Kindes betrachtet. Ein reiner Blick, aber nicht völlig naiv. Diese beiden Perspektiven laden uns ein, den Tod neu zu definieren. „Er ist nicht das Schlimme, von dem sie sprechen“, sagt die Urgroßmutter einmal. „Er ist nicht das Beste. Aber er ist ein Teil des Lebens.“ Es liegt in unserer Natur, einfach zu sterben. Und zu wissen, wie man mit dem Tod lebt.

A natureza das coisas invisíveis ist bewegend, da er ein schweres Thema aus der Sicht von Kindern behandelt, und es durch seine mitfühlende Betrachtung schafft, denjenigen, die sich darauf einlassen, Tränen in die Augen zu treiben. Der Film läuft auf der Berlinale in der Kinderfilmsektion Generation Kplus und dürfte dort gute Chancen auf eine Auszeichnung haben.


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Stranger Things in Quillabamba

© J.D. Fernández Molero

Zu Beginn scheint alles wie eine typische Legende: Ein kleiner Junge mit Namen Iván erzählt in einer Videoaufnahme, im Wald seiner Heimatstadt Quillabamba gäbe es Elfen – magische Wesen mit spitzen Ohren. Was niedlich klingt, erweist sich in der Folge als alles andere als harmlos. Denn das nächste Mal sehen wir den mittlerweile 14-jährigen Iván mit einer klaffenden Wunde an der Stelle seines einst gesunden rechten Auges und erfahren, dass er zwei Jahre im Dschungel verschollen und für tot erklärt worden war. Nach einer so drastischen wie blutigen Operationsszene (nichts für schwache Gemüter) steht fest: Nicht nur Iváns Auge ist verloren, sondern er selbst ist auch psychisch sichtbar verstört. Er hat Alpträume, isst nur wenig und spricht nicht mehr mit den Menschen in seiner Umgebung. Dazu gehört neben seinem Onkel, bei dem er aufwächst, auch die 19-jährige Indigene, junge Frau Mechía, die ihn aus dem Wald zurück nach Quillabamba gebracht hat. Mechía, die mit großen Träumen in die Stadt gekommen ist (unter anderem möchte sie Model für Kim Kardashians Modemarken werden) wird schon bald ebenfalls von teils realen, teils übersinnlichen Schrecken verfolgt.

Punku (Quechua für „Portal“) ist der neueste Film des peruanischen Regisseurs Juan Daniel Fernández Molero. Sein letzter Film, der preisgekrönte Videofilia (and other viral syndroms) nahm die Parallelrealität der jugendlichen Internet-Communities in der Hauptstadt Lima unter die Lupe. Punku behandelt hingegen die mythischen Dimensionen und Fabelwesen in einer Provinz des peruanischen Amazonasgebiets. Doch auch hier spielt die Jugendkultur und das Aufwachsen in einer konservativen und machistischen Umgebung eine große Rolle. Das bekommt vor allem Mechía zu spüren, die im Zuge ihrer Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb mit sexistischen Sprüchen und Annäherungen bombardiert wird. Dazu transportiert offenkundig ein geheimes Portal – ähnlich wie in der US-Erfolgsserie Stranger Things – allerhand unheilvolle Wesen aus anderen Dimensionen ins beschauliche Quillabamba.

Regisseur Fernández Molero spart auch ansonsten nicht mit unverhüllten Zitaten verschiedenster Horrorfilme. Die Super-8- und 16mm-Kameraaufnahmen, die er experimentell mit digitalem Material mixt, sind eine Parallele zum Genre-Klassiker Blair Witch Project. Eine Kamerafahrt über Serpentinen erinnert an Stanley Kubricks The Shining, ein mysteriöser Maskenmann an die Scream – Filme. Manche Szenen und Handlungsebenen bleiben dabei im Stile eines David Lynch mysteriös. Das macht Punku neben der fragmentierten und nicht immer linearen Erzählweise vermutlich für einige Kinogänger*innen zu einer Herausforderung. Zudem schafft es der Film auch nicht über die vollen zwei Stunden, einen roten Faden beizubehalten. Dennoch ist Punku durch sein ungewöhnliches, frisches Narrativ und seine originelle Bildsprache ein sehenswerter Berlinale-Beitrag geworden, an dem speziell Freund*innen experimenteller Formate und Horrorfilme auf jeden Fall ihre Freude haben dürften.

Triggerwarnung: Explizite Darstellung von Verletzungen und Operationen am Auge


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Das Öffentliche ist politisch

© Avante Films, Vulcana Cinema

Matias ist sauer. Zusammen mit seinem Mitbewohner Fabio spielt er die Hauptrolle in einem Stück seines Theaterensembles im brasilianischen Porto Alegre. Nun kommt die Produktion einer großen TV-Serie in die Stadt und bietet ausgerechnet Fabio die Chance an, ihn groß herauszubringen: Er soll den Frauenschwarm der Serie spielen. Für den schwulen Matias (Gabriel Faryas) zwar kein zusätzlicher Anreiz. Trotzdem hält er sich für den besseren Schauspieler und wendet sich in der Folge gekränkt seiner Dating-App zu. Dort matcht er den geheimnisvollen Politiker und Bauunternehmer Rafael (Cirillo Luna), der ursprünglich nur auf einen One-Night-Stand aus ist. Doch schon bald wird mehr daraus und als sie beide in der Öffentlichkeit bekannter werden, müssen sie entscheiden, wie und wann sie ihre Beziehung mit ihren Karrieren in Einklang bringen können.

Ato noturno (Night Stage), der neueste Film des queeren Regisseur-Duos Marcio Reolon und Filipe Matzembacher (u.a. Tinta Bruta), bringt satte Farben und eine Handlung im schönsten Telenovela-Stil in die eher spröde Metropole des brasilianischen Südens (wer schon einmal in Porto Alegre war, weiß, dass die Suche nach pittoresken Film-Locations dort nicht einfach ist). Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sehr offene Homosexualität für Figuren öffentlichen Interesses – seien es Politiker*innen oder Schauspieler*innen in bestimmten Rollen – auch heute noch mit Tabus belegt ist. Für Rafael und Matias, die eine sehr sexuelle Beziehung führen und die sie zudem gerne an öffentlichen Orten ausleben, wird diese Frage zur Zerreißprobe. Dabei geht es nicht nur darum, im Zeitalter von Social Media durch kompromittierende Fotos und Videos bloßgestellt zu werden, sondern auch um den Verlust von beruflichen und persönlichen Bindungen, die ein Publikmachen ihres Verhältnisses mit sich bringen würde.

Die an und für sich sehr reizvolle Geschichte leidet darunter, dass Reolon und Matzembacher sie etwas arg oberflächlich im Telenovela-Stil inszeniert haben. Den (trotz guter schauspielerischer Leistungen) klischeehaft daherkommenden Figuren hätte angesichts der differenzierten Thematik mehr Nuancierung gut getan. Vor allem der unvermeidliche Bösewicht wirkt, als hätte man die Beta-Version eines KI-Programms mit seiner Charakterisierung beauftragt. Zudem istAto Noturno etwas zu lang geraten – eine Novela-Folge trägt nun mal nicht über zwei Stunden. Und auch das überzogene Ende hilft dem Film nicht wirklich.Wenn man Ato Noturno vor allem als Statement für die Öffentlichkeit queerer Beziehungen sehen möchte und kein Problem mit unterkomplexen Plots und Figurenzeichungen hat, kann man trotzdem durchaus Spaß daran haben. Für Kinogänger*innen mit höheren Ansprüchen an dramaturgische Ambivalenz ist der Film dagegen nur eingeschränkt zu empfehlen.


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Im Hipster-Horrorland

© MUBI

1998 veröffentlichte die ecuadorianische Band Los Conquistadores ein Video zu ihrem Song „Mi conejito“ (Mein Häschen). Zu einer Cumbia mit schlüpfrigem Text (Ein Hase „ohne Unterhose“ hüpft dort des Nachts durch allerhand Betten) tanzt die Gruppe darin in lächerlichen Hasenkostümen vor einem Bergpanorama. Das Video ging viral und ist bis heute ein steter Quell der Heiterkeit vor allem im lateinamerikanischen Teil des Internets.

So weit, so gut. Wäre da nicht die argentinische Künstlerin und Regisseurin Amalia Ulman. Die scheint bis heute von „Mi conejito“ dermaßen fasziniert zu sein, dass sie diese kulturelle Meisterleistung aus den Anden zum Anlass für ihren neuesten Kinofilm Magic Farm nahm. Klingt nach einer Idee, die nur schiefgehen kann? Bingo. Magic Farm ist einer dieser Filme, bei denen man schon nach 10 Minuten weiß: In der Zeit, die nun folgt, könnte ich wahrscheinlich auch meine Steuererklärung machen oder das Bad putzen und der Erkenntnisgewinn wäre größer.  

Der Plot klingt bereits ziemlich verdächtig. Ein Hipster-Team, das Content für einen TV-Trash-Kanal produziert, soll in Lateinamerika nach einem Sänger mit Hasenmaske (na, klingelt’s?) suchen und ihn seinem Publikum als Absurdität der Woche zum Fraß vorwerfen. Stattdessen landet man aber aufgrund einer Fehlbuchung in einem völlig anderen Land (Argentinien), weil dort ein Ort den gleichen Namen hat. Dass die gringos dort über eine Ansammlung billigster und altbackenster Lateinamerika-Klischees stolpern, geschenkt. Noch schlimmer ist, dass die Geschichte nach den ersten 20 Minuten im Prinzip auch schon endet, denn im Film passiert fortan nichts mehr von Belang. Lieblose Love-Stories, vorhersehbare Enthüllungen der Filmcrew-Mitglieder und vor allem extrem unlustige Versuche im Feld Humor (sie Gags zu nennen, würde den ernsthaften Versuchen anderer Filmemacher*innen nicht gerecht) geben sich die Klinke in die Hand. Nur ein Beispiel: Vier oder fünf Mal werden spanisch/englische Missverständnisse und Verwechslungen (auf dem Niveau „My Online Friends – OnlyFans“) als Lacher herangezogen. Und als wäre das noch nicht genug, werden diese meist auch noch von einer dritten Person (zum Beispiel die selbst mitspielende Regisseurin Ulman) übersetzt – irgendwie müssen die gähnenden Lücken in der Handlung schließlich gefüllt werden.

Die „subversive“ Message des Films ist ebenfalls sehr schnell klar: Das Dorf hat ein massives Problem mit giftigen Pestiziden. Was die plan- und kulturlosen Hipster-Gringos natürlich nicht kapieren, obwohl es ihnen buchstäblich ins Gesicht springt. Und so wird der „Witz“ die restliche Laufzeit des Films noch ermüdend ausgewalzt, damit ihn auch wirklich alle Zuschauer*innen verstehen. 

Amalia Ulman kann es viel besser, wie sie mit ihrem Debütfilm El Planeta bereits bewiesen hat. Nach Magic Farm bleibt dagegen als einzige Frage, warum eine eigentlich renommierte Schauspielerin wie Chloë Sevigny sich diese Farce angetan hat. Sollte sie für einen Film mit dem gleichen Namen zugesagt haben und dann unverhofft in dieser Nummer gelandet sein, es würde zumindest thematisch ins Bild passen. Ach ja, und wer noch nach einem Wink mit dem Hasenohr gesucht hat: Im Abspann des Films läuft das Lied „Mi conejito“ von Los Conquistadores…


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Im Kampf gegen die Trockenheit

Einkommen für die Gemeinde Die Frauen stellen mochilas her (Foto: Carmela Daz)

Im Dokumentarfilm Territorio Puloui – Im heiligen Land des Wassers,produziert von Maik Gleitsmann-Frohriep und Carmela Daza, berichten Wayuu-Frauen von ihren erschwerten Lebensbedingungen und wie sie gegen Trockenheit und Armut kämpfen. Doch die größte Bedrohung scheint nicht vom sagenumwobenen weiblichen Wasserwesen Puloui auszugehen, sondern vom Kohleabbau im Steinkohlebergwerk El Cerrejón.

Regisseurin Carmela Daza begibt sich in die Heimat ihres Vaters, nach La Guajira. Die im Nordosten von Kolumbien liegende Region leidet unter extremer Trockenheit, umso mehr, seit der Kohletagebau El Cerrejón zur Austrocknung von Gewässern beiträgt. Besonders schwer davon betroffen sind die Wayuu, ein Indigenes Volk, das auch „Volk der Sonne und des Sandes“ genannt wird.

In enger Zusammenarbeit Die Wayuu Frauen als Protagonistinnen (Foto: Carmela Daz)

Seit mehr als 40 Jahren wird in El Cerrejón auf einer Fläche so groß wie Hamburg ununterbrochen Kohle abgebaut. In der Region um den Tagebau leben mehrere Indigene Gemeinden der Wayuu in rancherías (kleine landwirtschaftliche Dörfer), die Carmela Daza im Laufe der Dokumentation besucht. Dabei spricht sie mit Vertreterinnen der einzelnen Gemeinden, die ihr eindrücklich von den Auswirkungen des Kohleabbaus berichten. Zwischen den Berichten der Wayuu-Frauen sind Sequenzen mit mystisch-animierten Zeichnungen des spirituellen Universums der Wayuu-Kultur eingefügt. Sie erklären auf Wayuu das Zusammenspiel von Wasser, Erde, Sonne und Wind sowie die Entstehung des Volkes.

El Cerrejón bedroht die Lebensgrundlage der Wayuu: In den Flüssen fließt weniger Wasser und es gibt weniger Fische. “Eine Sache ist, als Volk auszusterben. Eine andere, dass multinationale Konzerne und lokale Machthaber Hand in Hand versuchen, uns auszulöschen”, prangert Aleida aus der ranchería Patsuaralii an. “Wir bleiben durstig”, sagt Doña Susana aus der ranchería Iparu. Es wächst kaum noch Gemüse, Tiere verdursten. “Es macht mich traurig, wenn ich heimkomme, und kein Feuer im Ofen brennt. Dann weiß ich, es gibt kein Mittagessen”, erzählt Yorlei unter Tränen. Aber die Wayuu kämpfen, wie beispielsweise der Bericht der ranchería Iparu zeigt. Die Gemeinde engagiert einen Geologen, der ihre Böden auf Wasservorkommen untersucht, um herauszufinden, ob ein Brunnen gegraben werden kann.

Hier verfehlt der Film die Möglichkeit, die Auswirkungen des Extraktivismus und den Kohleabbau erneut anzuprangern, denn er verschlimmert nicht nur die Dürre, sondern steht auch im Widerspruch mit dem Glauben der Wayuu. Sie betonen, dass der Mensch der Natur nur so viele Rohstoffe entnehmen sollte, wie sie abgeben kann, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten. Absehbar ist somit auch, dass ein Brunnen die fortschreitende Austrocknung der Region nicht verhindern kann, sondern eine Einzellösung darstellt.

Drohnenaufnahmen von La Guajira mit ihren eintönigen und sandigen Flächen stehen im Kontrast zu den bunten mochilas (Taschen), die die Wayuu-Frauen herstellen, um Geld für ihre Gemeinde zu verdienen. Sowohl visuell als auch auditiv und emotional zeichnen Carmela Daza und Maik Gleitsmann-Frohriep in der rund 90-minütigen Dokumentation über das Wasser im Nordosten Kolumbiens ein beeindruckendes und zugleich verheerendes Bild eines Indigenen Volkes, das mit dieser Art von Bedrohung auf der Welt nicht alleine dasteht.

“Das Monster” wird der Tagebau im Film immer wieder genannt eine Metapher, die angesichts der bewegenden Erzählungen der Wayuu-Frauen die Bedrohung deutlich macht. Dramaturgisch führt die Dokumentation von einer ranchería zur nächsten und stellt dabei den Kontrast zwischen dem jetzt erschwerten Leben der Indigenen, die tief spirituell verwurzelt sind, und dem industriellen Abbau von Ressourcen durch den schweizer Konzern Glencore im großen Maßstab dar. So hält die Dokumentation bildhaft eine jahrhundertealte Kultur fest, die im Begriff ist, wegen 40 Jahren Extraktivismus auszusterben.

Es ist kaum möglich, als Zuschauer*in neutral zu bleiben und keine Sympathie für die Frauen der Wayuu zu entwickeln, die ihre Situation nicht hinnehmen, sondern sich aktiv für ihre Gemeinschaft einsetzen. Wie eine Märchenerzählerin schaffen es Carmen Daza und Maik Gleitsmann-Frohriep unterhaltsam Spannung in einer Geschichte aufzubauen, deren trauriges Ende bereits erzählt scheint. Während sich die Wayuu als düstere Vorboten einer sich zuspitzenden Entwicklung bereits heute mit Wassermangel beschäftigen müssen, erahnt das Publikum, was der Menschheit früher oder später in noch viel größerem Maßstab drohen könnte. Dennoch leistet die Doku einen konstruktiven Beitrag zur Darstellung der fatalen Realität der Wayuu und lässt die Zuschauer*innen nicht nur mit einem Kloß im Hals vor dem Bildschirm zurück.


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Ein sinnlicher Ort zum untertauchen

„Heute habe ich es wieder gewagt, mich gegen mein Schicksal zu wehren“. So fasst Heraldo den Tag zusammen, an dem kaum etwas nach Plan verläuft und sich doch alles zu fügen scheint. Der Tag, an dem sein Alltag im Motel Destino völlig durcheinander gerät.

Eigentlich möchte Heraldo vom nordbrasilianischen Bundesstaat Ceará nach São Paulo aufbrechen, um sich dort ein Geschäft aufzubauen und sein von Schicksalsschlägen geprägtes Leben hinter sich lassen. Doch dann muss er aufgrund eines missglückten Raubüberfalls einen Zwischenstopp im Motel Destino einlegen und taucht dort unter. Die meisten Motelgäste bleiben nur für eine Nacht in der abgelegenen Erotikinsel am Straßenrand. Doch Elias, der Besitzer des Motels, und seine Frau Dayana nehmen Heraldo ohne Fragen auf und stellen ihn als Aushilfe ein.

Heraldo verkörpert in seiner Rolle als neue Arbeitskraft eine junge, leicht naive Generation, die vermeintlich alles kann und motiviert ist anzupacken, um etwas zu verändern – sei es im Motel oder im eigenen Leben. Die undurchdringliche Dynamik zwischen den Hauptcharakteren ist gezeichnet von verführerischen Anspielungen und den ständigen Versuchen, das Gegenüber zu verstehen. Die gegenseitige Unterstützung wird mit der Zeit fast schon selbstverständlich, persönliche Grenzen werden dennoch kompromisslos ausgetestet. Sie lernen, sich gegenseitig zu vertrauen und gewöhnen sich so sehr aneinander, dass Heraldos Abreise zeitweise in den Hintergrund rückt und es so wirkt, als könne er sich an einen Alltag im Motel Destino gewöhnen. „Hier bist du sicher. Niemand wird dich hier im Motel suchen“, versichert Dayana.

Doch dann wächst der Druck. Heraldo fühlt sich immer stärker in die Ecke gedrängt und verspürt den Drang aufzubrechen immer mehr. Mit der steigenden Unsicherheit und den sich verdichtenden Intrigen im Motel werden auch die Bilder des Films schriller, schneller und kurioser, so dass er die Züge eines Psychothrillers annimmt. Zwischen den teils harten Szenen erlauben bildliche Eindrücke von bilderbuchschönen, paradiesischen Landschaften eine Pause vom erbarmungslosen Alltag. Die Gegensätze zwischen brutalen Geschehnissen, körperlichem Begehren und ruhiger, ländlicher Szenerie wechseln sich immer wieder ab, bis Heraldo von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Der Wahlberliner Karim Aïnouz schafft in seinem erotischen Tropical Noir, einen Ort, der getrennt von der Außenwelt vor sich hin existiert und dennoch immer wieder von ihr heimgesucht wird. Ein vollständiges Entkommen ist auch dort nicht möglich, so sehr es sich die Charaktere versuchen einzureden. I Motel Destino gerät Heraldo zwischen mal mehr, mal weniger vorhersehbare Liebesaffären, Mordfälle und andere Intrigen, die einen Kontrast zu den schönen Bildern der nordbrasilianischen Küstenlandschaft bilden. Der Wettlauf, der sich im Laufe des Films gegen die Fallen der Außenwelt und die eigene Lebensplanung aufbaut, packt einen schließlich doch und vermittelt am Ende, dass ein Weglaufen vor dem eigenen Schicksal nur bedingt möglich ist.


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Zwischen Kürzungen und kollektivem Widerstand

Kunstproduktion unter schwierigen Bedingungen Das Kunstkollektiv der Casa Junín bei der Arbeit (Foto: Casa Junín)

In der Casa Junín arbeiten fünf Menschen, die ihr Kunstprojekt als offenes, mediales Produktionshaus verstehen. Denn auch wenn Agustín Pecile, Nahuel Raiman, Boris Lawler, Octavio Pandolfo und Lucía González de Azcuénaga den Kern des Kollektivs bilden, sind weitaus mehr Menschen an den Projekten beteiligt. In der Casa Junín entstehen kreative Werke; darunter Musik, aber auch Videos und Fotos. Die Leidenschaft für die Kunst hat die Mitglieder an unterschiedlichen Orten und Zeitpunkten zusammengebracht: Teilweise kennen sie sich schon aus der Kindheit, teilweise erst seit wenigen Monaten.

Die Zukunft der Kunst- und Kulturwelt ist unter der Regierung von Milei ungewiss. Klar ist, dass drastische Veränderungen bevorstehen. Mit der Begründung, die extrem hohe Inflation des Landes zu bekämpfen, hat Milei auf seinem Sparkurs unter anderem die Schließung staatlicher Behörden in allen Provinzen Argentiniens und den Rückzug des Staates aus der Finanzierung des Bildungs- und Gesundheitswesens angeordnet. Auch staatliche Universitäten wie die Nationale Universität für Kunst oder die Universität Buenos Aires sollen in Zukunft weniger Fördergelder bekommen. So werden immer weniger junge Menschen ihre Abschlüsse machen können, da sie sich das Studium nicht mehr leisten können. Diese Aussichten beunruhigen die Mitglieder der Casa Junín sehr, denn selbst vor Milei konnten einige von ihnen ihre Abschlüsse wegen fehlender finanzieller Mittel nicht machen. „Wie wird Argentinien sich verändern, wenn es nur noch wenigen wohlhabenden Menschen vorbehalten ist, zu studieren?“, fragt sich beispielsweise Lucía González de Azcuénaga.

Auch verschiedene Kunstinstitutionen stehen auf Mileis Abschussliste, darunter der argentinische Kulturfond, das nationale Theaterinstitut und das INCAA, Institut für Film und audiovisuelle Kunst. Das staatliche Ministerium für Kultur wurde bereits mit Amtsantritt der neuen Regierung am 10. Dezember 2023 auf den Rang eines Sekretariats degradiert. Der Theaterproduzent Leo Cifelli, der das neue Sekretariat anleitet, hat bereits angekündigt, dass das Budget für den Bereich nicht sehr groß sei. Darüber hinaus wurde die Verwendung von gendergerechter Sprache im öffentlichen Dienst verboten. Auch das INADI, Argentiniens Institut gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, wurde aufgelöst. Milei rechtfertigt die Maßnahmen mit anderen Prioritäten: „Wir können nicht so ein Institut betreiben, während Kinder auf der Straße hungern müssen“, so Argentiniens Präsident. Das mag logisch klingen, wäre da nicht Mileis Doppelmoral. So unterschrieb er zur gleichen Zeit ein Dekret, das sein Gehalt um 48 Prozent erhöht. Bei Nahuel Raiman der Casa Junín stoßen Entwicklungen wie diese auf Entsetzen: „Es ist ja verständlich, dass irgendwo gekürzt werden muss. Aber gerade in den Bereichen, die als Sprachrohre für die breite Gesellschaft fungieren? Es sagt doch schon alles, dass er sich trotz Argentiniens prekärer wirtschaftlicher Lage die eigenen Taschen vollmacht.“

Neben den Streichungen für die Universitäten und den Kulturbereich sollen künftig auch öffentliche Fernsehkanäle wie Pakapaka wegfallen. Pakapaka ist ein Kanal für Kinder, der nicht nur Unterhaltung, sondern auch Bildungsinhalte anbietet. In dem Programm gibt es beispielsweise eine Serie, die historische Persönlichkeiten Argentiniens vorstellt. Noch steht der Kanal kostenfrei für alle Bürger*innen zur Verfügung. Doch sollten Fernsehkanäle wie dieser bald wegfallen, dann geht Argentiniens Medienvielfalt auch im TV-Bereich verloren. Übrig bleiben Kanäle im Besitz privater Unternehmen und damit einer kleinen Gruppe von Menschen, die ähnliche Ansichten teilen und zu den Privilegiertesten des Landes gehören. Eine unabhängige Fernsehlandschaft wird damit unwahrscheinlicher.

Wenig Raum für Optimismus

Doch es werden nicht nur Menschen aus dem Kunst- und Kulturbereich den Preis für Mileis Maßnahmen zahlen müssen. Am Ende leiden alle Argentinier*innen unter den Kürzungen im Namen der Sparpolitik. Denn sobald kein Geld mehr in Kultur und öffentliche Bildungsarbeit investiert wird, fällt diese kulturelle Bildung in die Eigenverantwortung der Menschen. Die Kürzungen werden zwar auch den kulturellen Betrieb in der Metropole Buenos Aires stark verändern und beeinträchtigen, jedoch bleiben dort zahlreiche Möglichkeiten für die Stadtbewohner*innen, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen. Ganz anders sieht es in den ländlichen Regionen aus. Dort gibt es von vornherein deutlich weniger Angebote. Dazu kommt die erschwerte Vernetzung über weite Distanzen, die eine Kollektivierung, zumindest außerhalb der virtuellen Welt nicht leicht macht. „Solche Ausblicke lassen wenig Raum für Optimismus“, meint Agustín Pecile, denn „Kultur ist Geschichte und Identität; jene Dinge, die ein Land ausmachen, die es einzigartig machen. Ohne all das ist die ganze nationale Identität in Gefahr.“

Auf den Straßen von Buenos Aíres Bisher noch Raum für Austausch zwischen Kulturschaffenden und Stadtbewohner*innen (Foto: Casa Junín)

Gefahr ist auch auf den Straßen Argentiniens deutlich zu spüren. Bei vielen friedlichen Demonstrationen und Kundgebungen kommt es immer öfter auch zu gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstrant*innen. Wie auch bei einem Protest vor wenigen Wochen, der vor dem Kino Gaumont in Buenos Aires stattfand. Er richtete sich gegen die Definanzierung des Instituts für audiovisuelle Kunst und Kino, das das Kino betreibt. Die Polizei setzte Tränengas gegen die protestierenden Kulturschaffenden und Studierenden ein, um den Protest aufzulösen. Wie schon so oft drohte das Sicherheitsministerium zudem damit, denjenigen, die an den Protesten teilnehmen, die Sozialleistungen zu streichen. Die Protestierenden sehen das als Form der Erpressung und des Missbrauchs.

Was dem Kollektiv der Casa Junín jedoch am meisten Angst macht, ist nicht der Präsident selbst, sondern die Menge an Menschen, die hinter seinen Maßnahmen stehen und ihn in seinen Vorhaben unterstützen. Bei Lucía González macht sich das Gefühl breit, dass „viele der Bürger*innen Argentiniens genug davon haben, Bürger*innen Argentiniens zu sein. Wenn sie lieber Milei zujubeln, während er stolz herumposaunt, wie er die Kultur unseres Landes zerstören wird, und damit prahlt, Argentinien zu den nächsten USA oder dem nächsten Deutschland machen zu wollen, dann stimmt das einen schon sehr nachdenklich.“

Wie die Zukunft der Kultur in Argentinien aussieht, bleibt ungewiss. Für die Filmwelt ist weiterhin mit Bewegtbild aus Argentinien zu rechnen – jedoch nicht immer aus eigener Produktion, meinen die Künstler*innen von der Casa Junín. Oft kämen ausländische Filmproduktionen aus der ganzen Welt nach Argentinien, um dort in der Natur zu drehen. Denn das Land bietet mit mehreren Klimazonen und diversen Landschaften – von subtropischen Wäldern und Graslandschaften bis hin zu Gletschern – viele verschiedenen Kulissen. Dies sei nicht nur attraktiv für großen Filmproduktionen. Auch der Staat verdient daran mit. Um die eigenen Filme steht es jedoch kritischer. Viele Argentinier*innen konnten sich vor Mileis Regierungszeit an Instituten wie das INCAA wenden und dort Förderungen für ihre Ideen beantragen. Das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die Casa Junín schlussfolgert: „Kino und Kunst werden bald von Leuten bestimmt werden, die die finanziellen Mittel dazu haben. Durch die Kürzungen versucht man, die Menschen, die diese Mittel nicht haben, zum Schweigen zu bringen.“


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Im Sand verlaufen

© Felipe Larozza / Salvatore Filmes

Zauberhaft sieht sie aus, die Region um den Nationalpark Lençois Maranhenses ganz im Nordosten Brasiliens. Riesige weiße Sanddünen erstrecken sich kilometerweit die Küste entlang bis weit ins Landesinnere, unterbrochen von blauen Lagunen, die zum Baden einladen. Die Lençois sind eines der größten Naturwunder Brasiliens und damit auch eine der bekanntesten Tourismusattraktionen des Landes. Ihre Bewohner*innen stellt die geschützte Landschaft aber auch vor Herausforderungen.

Dies ist das Setting von Marcelo Bottas Debütfilm Betânia, der auf der Berlinale 2024 Weltpremiere feierte. Der Film folgt der titelgebenden Großmutter Betânia (Diana Mattos) und ihrer Familie, die in einfachen Verhältnissen am Rande der Dünen lebt. Betânia war ihr Leben lang Hebamme und hat laut eigener Aussage im Laufe ihres Lebens so gut wie jedes Kind der Region zur Welt gebracht. Die männlichen Freunde und Familienmitglieder verdingen sich vor allem als Tourist*innenführer, während die weiteren im Film vorkommenden Frauen meist älteren Semesters sind und Hausarbeit verrichten. Ausnahme: Betânias Enkelin Vitória (Nádia de Cássia), die auf Reggae steht, für den der brasilianische Bundesstaat Maranhão landesweit berühmt ist, und DJ werden möchte. Dies wiederum bringt ihre erzchristliche Mutter Irineusa (Michelle Cabral) an den Rand des Nervenzusammenbruchs.

Eine Kritik über Betânia zu schreiben, ist nicht einfach, weil der Film die wahrscheinlich größte Bild-Text-Schere des Festivaljahrgangs aufweist. Die fantastische Dünen- und Mangrovenlandschaft der Lençois Maranhenses fängt der geübte Dokumentarfilmer Botta in faszinierenden, fast überrealistisch schönen Bildern ein. Vor allem die Drohnenaufnahmen von den sich wellenden, weißen Sandbergen unter blauem Himmel sind spektakulär. Leider belässt es Botta aber nicht bei diesen zauberhaften Eindrücken, sondern möchte dazu noch eine Geschichte erzählen, was ihm gnadenlos misslingt. Banale Dialoge, altbackene Figurenzeichnung und unnütze Nebenhandlungen, die noch dazu meist – pardon – im Sande verlaufen, machen den flunderflachen Plot zu einer schmerzhaften Aneinanderreihung kitschiger Plattitüden. Dazu werden die Szenen derartig oft von Musik-Performances unterbrochen (es sind insgesamt über 60 Einspielungen!), dass sich selbst die größten Liebhaber*innen brasilianischer Folklore irgendwann fragen dürften, was hier eigentlich Mittel und was Zweck sein soll. Der dramatische Höhepunkt des Films nähert sich, als Tonhão (Caçula Rodrigues), Betânias Schwiegersohn und Dorftrottel in Personalunion, ein entnervend überzeichnetes französisches Tourist*innenpärchen in die Wüste führt und dort dann prompt nicht mehr herausfindet. Doch da ist schon so viel honigsüß-konfliktfreies Wasser die Dünen heruntergeflossen, dass sich wirklich niemand mehr vorstellen mag, hier könne noch irgendetwas Böses passieren.

Die seichte Handlung von Betânia, die sich irgendwo zwischen Homevideo und drittklassiger Telenovela einpendelt, stört den visuellen Genuss mit der Zeit dann doch erheblich. Zumal der Film auch noch viel zu lange zwei Stunden läuft. Dabei wäre es auch anders gegangen. Denn die Figur der Großmutter Betânia basiert auf der wahren und erzählenswerten Lebensgeschichte von Maria do Celso, die ihr Leben lang dafür kämpfte, den malerischen Dörfern am Nationalpark Wasser- und Stromanschluss zu ermöglichen. Genau wie die Umweltprobleme, die die Versandung der Mangrovenlandschaft mit sich bringt, geht das aber leider in zu viel rührseligem Gemenschel unter. Vielleicht hätte Marcelo Botta einfach nur einen weiteren Dokumentarfilm drehen sollen. Den Zuschauer*innen von Betânia sei jedenfalls empfohlen, die wunderschönen Bilder in vollen Zügen zu genießen und ansonsten das Hirn auf Durchzug zu stellen.

LN-Bewertung: 2 / 5 Lamas


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Zwischen Nordatlantik und Amazonas

© Cesar Salgado

Aguacuario (Mexiko)

Zwei Jungen fahren auf einem Tandem durch Coatzacoalcos an der Golfküste von Mexiko und liefern Wasser aus. Die Sonne brennt und die Kundschaft schimpft, weil es nicht schnell genug geht. Der zehnjährige Vinzent wartet auf einer Treppe und bewacht das Fahrrad, während sein älterer Bruder Alan die schweren Kanister in die Appartements des umliegenden Viertels schleppt. Als die freche Viviana vorbeikommt, die auf Vergnügen aus ist, wird Vinzents Loyalität und Verantwortungsbewusstsein auf die Probe gestellt.

Aguacuario, der Debütfilm des mexikanischen Regisseurs José Eduardo Castilla Ponce ist ein warmherziger und beschwingter Exkurs in die Freuden und Verpflichtungen der Kindheit. Die Gespräche zwischen Vinzent und Viviana sind schlagfertig und erfrischend und die Story überzeugend. Großer Tiefgang auf der Meta-Ebene wird hier zwar nicht geboten. Trotzdem schade, dass der Film in der Berlinale-Jugendsektion Generations nicht zumindest lobend erwähnt wurde.

LN-Bewertung: 4 / 5 Lamas

Aguacuario, Mexiko 2023, 20 Minuten, Regie: José Eduardo Castillo Ponce

© Nathalia Cordeiro

Lapso (Brasilien)

Zwei Teenager in der Peripherie der Großstadt Belo Horizonte, die das gleiche Schicksal eint: Beide wurden wegen Vandalismus zu Sozialstunden in einer Bibliothek verdonnert. „Der erste Tag vom Ende der Welt“ sei heute, so hat es Juliano an die Wand gesprayt. Diese No-Future-Einstellung legt er auch im normalen Leben an den Tag. Weswegen bis auf seine Großmutter auch niemand daran glaubt, dass aus ihm noch einmal etwas wird – er selbst am allerwenigsten. Die taubstumme Bel ist da einen Schritt weiter. Sie scheint schon viel mehr zu wissen, was sie will, und ist dazu noch ein Ass auf dem Skateboard. Nach und nach lockt sie auch Juliano aus seiner Lethargie und bringt ihn unter anderem dazu, Gebärdensprache zu lernen.

Regisseurin Caroline Cavalcanti ist selbst schwerhörig und thematisiert Hörbeeinträchtigung eindrucksvoll in ihren Filmen und Drehbüchern. Zwei davon wurden bereits mit Preisen ausgezeichnet und auch Lapsoerhielt auf der Berlinale eine Lobende Erwähnung – zu Recht. Denn die authentische Story, der pulsierende Soundtrack aus brasilianischem Rap und Baile Funk und das einnehmende Spiel der Hauptdarsteller*innen (besonders überzeugend: Beatriz Oliveira als Bel) machen Lapso zu einem Kurzfilm, der auch über die Berlinale-Jugendfilmsektion Generation hinaus interessant ist. Einzig den titelgebenden Lapso (Zeitsprung) hätte es nicht unbedingt gebraucht. Auch ohne dieses eher verwirrende Element würde die Geschichte prima funktionieren.

LN-Bewertung: 4 / 5 Lamas

Lapso, Brasilien 2023, 25 Minuten, Regie: Carolina Cavalcanti

© Luciana Merino & Pascal Viveros

Al sol, lejos del centro (Chile)

Ein sonnendurchfluteter Tag in Santiago de Chile. Die Kamera zeigt den Himmel, fährt langsam von oben oder von der Seite Reihenhäuser, Wellblechdächer, Wohnblocks, Seitenstraßen ab. Manchmal folgt sie auch Passant*innen auf der Straße, die Alltagsbeschäftigungen nachgehen. Die Stimmung ist gelöst und unbeschwert, im Hintergrund hört man Obstverkäufer, Gesprächsfetzen, manchmal auch ein paar sphärische Elektroklänge. Al sol, lejos del centro (In die Sonne, weit weg vom Zentrum) von den chilenischen Regisseur*innen Luciana Merino und Pascal Viveros zeigt in harmonischen Bildern und Klängen die Utopie von Stadtleben in der Peripherie. Dabei wird durch Unschärfe und Distanz mehr ein Gefühl vermittelt als eine Geschichte erzählt. Obwohl nicht viel passiert, funktioniert das ziemlich gut: Der Film ist harmonisch komponiert und hat meditative Qualitäten. Al sol lejos del centro wurde von der Berlinale ins offizielle Kurzfilm-Programm des Festivals aufgenommen.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas

Al sol, lejos del centro, Chile 2024, 17 Minuten, Regie: Luciana Merino und Pascal Viveros

© Emilia Beatriz

Barrunto (Puerto Rico / Großbritannien)

Barrunto, so heißt ein Song des berühmten New Yorker Salsa-Musikers Willie Colón. Im puertorikanischen Spanisch steht das Wort für eine körperliche Unruhe, ein Omen oder die Vorahnung eines Ereignisses. Regisseurin Emilia Beatriz, die nun eine experimentelle Filmcollage mit demselben Namen gedreht hat, kommt ursprünglich aus Puerto Rico, lebt aber schon seit ihrer Studienzeit im schottischen Glasgow. Ihr Film lief auf der Berlinale in der Sektion Forum Expanded. Barrunto verknüpft filmisch ihre Erfahrungen und Eindrücke in der Diaspora mit denen ihres Heimatlandes, greift Motive wie Nähe und Distanz, Trauer und Verlust oder Militarismus auf. Am auffälligsten ist der Kontrast zwischen Bild und Sound: Über wunderschönen, gestochen scharfen Aufnahmen der rau-romantischen schottischen Küstenlandschaft um ein militärisches Testgelände spielen oft karibische Rhythmen von Salsa bis Reggaeton. Erstaunlicherweise fügt sich das meist zu einem sehr organischen und stimmigen Ganzen zusammen. Aus Puerto Rico gibt es zwar nur wenig Material zu sehen, vor allem Archivaufnahmen von Straßenprotesten. Das Gefühl der Diaspora im 21. Jahrhundert, an einem völlig anderen Ort zu leben und trotzdem jederzeit und überall digital verbunden mit der Heimat zu sein, transportiert barrunto dennoch sehr überzeugend. Weniger klar wird, welcher Zusammenhang mit dem Planeten Uranus besteht, der im Film als handelnder Akteur auftritt und sogar eine eigene Stimme bekommt. Und auch die eingesprochenen philosophischen Textfragmente kommen manchmal etwas arg bedeutungsschwanger daher. Eine interessante audiovisuelle Erfahrung, in der man sich träumerisch verlieren kann, ist barrunto aber allemal geworden.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas

barrunto, Puerto Rico / Großbritannien 2024, 70 Minuten, Regie: Emilia Beatriz

© Janaina Wagner

Quebrante (Brasilien)

Der Highway BR-30, auch bekannt als Transamazônica, durchquert Brasilien auf einer Strecke von 4.200 Kilometern von Ost nach West, von Cabedelo am Atlantik bis Lábrea mitten im Amazonasgebiet. Er war ein Prestigeprojekt der Militärdiktatur von Garrastazu Médici, das die hohen Erwartungen nie erfüllen konnte. Die Transamazônica sollte Brasilien mit seinen Nachbarländern verbinden, wurde aber nie fertiggestellt und weitgehend nicht einmal asphaltiert.

Der Kurzfilm Quebrante (Bruch) von Janaina Wagner (Berlinale-Sektion Forum Expanded) folgt nur lose der Geschichte vom geplatzten Traum, der ein ganzes Land verbinden sollte. Er verlässt dabei oft die Fernstraße und konzentriert sich visuell mehr auf die Höhlen unter der Siedlung Rurópolis, die am Rande der Autobahn während ihres Baus errichtet wurde. Die Lehrerin Erismar de Sousa Silva erkundet diese weitläufigen unterirdischen Systeme nur mit einer Kerze und einem Feuerzeug ausgerüstet seit den 1970er Jahren. Quebrante zeigt viele Aufnahmen aus diesen Höhlen, aber auch unbelebte Straßen von Rurópolis oder einen riesigen aufblasbaren Mond, der von Kindern zum Spielen benutzt oder mit einem Lastwagen über die Transamazônica gefahren wird. Eine Verbindung zwischen dem Mond, den Höhlen unter Rurópolis und dem Autobahnprojekt, das das Land zerschnitten hat, soll durch in Untertiteln eingeblendete Reflexionen über Steine hergestellt werden, erschließt sich aber nicht wirklich. Der Film wirft trotzdem ein interessantes Schlaglicht auf ein Brasilien jenseits der bekannten Tourismusziele und die dortigen gescheiterten, gigantischen Infrastrukturprojekte.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas

Quebrante, Brasilien 2024, 23 Minuten, Regie: Janaina Wagner

© 36 caballos

Un movimiento extraño (Argentinien)

Eine Geschichte aus Buenos Aires: Lucrecia arbeitet als Museumswärterin, fliegt aber aus ihrem Job raus, weil sie den Walkie-Talkie-Kanal des Museums für schlüpfrige Gespräche mit einem Kollegen nutzt. Zum Glück hat sie einen Anstieg des Dollars vorausgesehen, was ihre Abfindung fast verdoppelt. Ihr neues Leben führt sie als Security-Guard in eine Fabrik und zu unverbindlichen privaten Treffen mit einem Wechselstuben-Mitarbeiter.

Un movimiento extraño (Eine eigenartige Bewegung) ist ein locker und vergnüglich anzusehender Kurzfilm, was vor allem am präsent-unbekümmerten Spiel von Hauptdarstellerin Laila Maltz liegt. Der Geschichte fehlt es aber insgesamt ein wenig an Richtung: Es werden viele Fässer in kurzer Zeit auf- aber nicht immer zugemacht. So vermittelt der Film zwar die Ziellosigkeit des Großstadtlebens, verpasst dafür aber die Chance, aus interessanten Figuren auch einen stringenten Plot zu stricken. Etwas überraschend deswegen, dass Regisseur und Kurzfilm-Spezialist Francisco Lezama mit seinem schon vierten Werk den Goldenen Bären für den besten Short der Berlinale gewann. Ein schöner Erfolg in jedem Fall!

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas

Un movimiento extraño, Argentinien 2024, 22 Minuten, Regie: Francisco Lezama

© David Correa

Uli (Kolumbien)

Rafaela langweilt sich. Ihre Eltern sind nicht da und haben ihre ältere Schwester Laura beauftragt, auf die 8-jährige aufzupassen. Doch Laura schleppt sie mit zu einem Besuch bei Alex, an dem sie offenkundig ziemlich interessiert ist. Als die beiden sich in Alex’ Zimmer einschließen, beginnt Rafaela das Haus zu erkunden. Dabei trifft sie zunächst auf eine sprechende Hündin und dann auf die queere Uli, zu der diese gehört. Schon bald wird sie von ihrer neuen Bekanntschaft mit der Aufgabe betraut, Friseurin zu spielen.

Uli zeigt zwar schöne Bilder, die Geschichte wirkt aber über weite Strecken konstruiert. Dazu bleiben einige Dinge ohne Erklärung: Warum hört Rafaela, die unerklärlicherweise die Hundesprache verstehen kann, plötzlich auf, mit der Hündin zu reden? Wieso vertraut Uli einem völlig unbekannten 8-jährigen Mädchen an, ihr die Haare zu schneiden? Was passiert mit Laura und Alex? Wie ist Ulis Verhältnis zu ihrem Bruder? Der Internationalen Kurzfilm-Jury, die Uli mit einer lobenden Erwähnung versah, gefiel es laut Begründung, dass in dem Film „keine Antworten erzwungen“ wurden. Auch wenn das, vor allem auf die Geschlechtsidentitäten bezogen, so richtig ist: Regisseurin Mariana Gil Ríos hat hier ein paar Rätsel und Ungereimtheiten zu viel aufgeworfen.

LN-Bewertung: 2 / 5 Lamas

Uli, Kolumbien 2023, 17 Minuten, Regie: Mariana Gil Ríos

© Bølier Films

Un pájaro voló (Kuba / Kolumbien)

Boloy ist der beste Spieler seines kubanischen Jugend-Volleyballteams. Doch heute kann er sich nicht aufs Training konzentrieren: Ein Freund ist gestorben und seine Gedanken sind immer noch bei ihm. Sein Trainer kritisiert die fehlende Spannung bei den Übungen und weist auf die wichtigen Spiele hin, die bald anstehen. Doch Boloy kann die Erinnerung nicht verdrängen.

Der kolumbianische Regisseur Leinad Pájaro de la Hoz verarbeitet mit dem Film seine eigenen Erfahrungen vom Verlust eines geliebten Menschen. Schade, dass in Un pájaro voló (Ein Vogel ist weggeflogen) über weite Strecken nichts anderes als Volleyballtraining zu sehen ist. Auch über den Freund erfährt man nichts weiter, als dass wohl auch er Mitglied der Mannschaft war. Fast ohne Interaktion zwischen den Charakteren bleibt die Geschichte so im Ungefähren und macht es dadurch auch schwer, Empathie aufkommen zu lassen. Die Internationale Jury der Berlinale konnte Un pájaro voló aber überzeugen: Der Film erhielt den Spezialpreis für den besten Kurzfilm in der Sektion Generation 14 Plus.

LN-Bewertung: 2 / 5 Lamas

Un pájaro voló, Kuba / Kolumbien 2024, 20 Minuten, Regie: Leinad Pájaro de la Hoz


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Der Himmel über Mexiko

© Coproduction Office – Mantarraya – NoDream Cinema

Der mexikanische Film Batalla en el cielo wurde im Jahr 2023 in Mexiko restauriert und während der Berlinale erneut veröffentlicht. 2005 wurde der Film zum ersten Mal gezeigt und kontrovers diskutiert. Zu Beginn des Films werden die Hauptfiguren Ana (Anapola Mashkadiz) und Marcos (Marcos Hernandes) in einer expliziten Oral-Sex-Szene eingeführt. Für die Premiere in Mexiko wurden aufgrund der sehr freizügigen Darstellung von Sex Teile des Films herausgeschnitten.

Die Handlung folgt Marcos, der in Mexiko-Stadt lebt und als Fahrer für die Tochter eines Armee-Generals arbeitet. Nachdem er mit seiner Frau ein Baby entführt hat, stirbt dieses. Marcos ringt mit der Schuld des begangenen Verbrechens, während er gleichzeitig gegen seine Fantasien für Ana, die Tochter des Generals, kämpft. Nach einem sexuellen Zusammentreffen zwischen Ana und Marcos gesteht letzterer die Tat, und Ana überredet ihn, sich der Polizei zu stellen. Auf der Suche nach Erlösung begibt sich Marcos in die Basilika von Guadalupe, während die Polizei die begangenen Verbrechen aufdeckt.

Carlos Reygadas, geboren 1971 in Mexiko-Stadt, ist einer der bekanntesten mexikanischen Filmregisseure. Er wurde mit dem Jurypreis beim Cannes Film Festival 2007 und dem Preis für den besten Regisseur beim Cannes Film Festival 2012 ausgezeichnet. Im Jahr 2000 gründete er seine Produktionsfirma NoDream Cinema und debütierte mit seinem ersten Film Japón. Sein einzigartiger und kontemplativer filmischer Stil wurde international gelobt. Im Laufe seiner Karriere hat Reygadas soziale und existenzielle Themen erforscht und visuelle und narrative Elemente verwendet, um Filme zu schaffen, die über die einfache Handlung hinausgehen. Sein Fokus auf menschliche Intimität und seine Arbeit mit Nicht-Schauspielern waren Höhepunkte seines Werkes, das sich durch emotionale Tiefe und die Suche nach innerer Wahrheit auszeichnet.

Batalla en el cielo ist sicher nicht für alle Geschmäcker geeignet, da die Plansequenzen sehr lang sind und der Film generell im Tempo eher langsam ist. Viele Dinge bleiben ohne Erklärung und es mangelt an Kontext. Die Dialoge wirken zudem oft energielos. Dennoch gelingt es dem Regisseur, eine Atmosphäre der Fremdheit und Intrige zu schaffen. Aus einem Interview mit Reygadas ist bekannt, dass er bewusst Personen ohne Schauspielerfahrung einsetzte, um seine Protagonist*innen zu verkörpern. Zudem bekamen diese oft wenige Kontextinformationen zu ihren Szenen. Was damit geschaffen wird, ist diese Aura der Fremdheit, von Charakteren ohne Seele, die keine Vergangenheit oder Zukunft haben, und nur während des Films existieren. Insgesamt stellt sich Batalla en el cielo trotz der teils chaotischen Stimmung, die er transportiert, so doch als interessantes Kinoerlebnis dar.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas


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Applaus für die Filme, nicht fürs Drumherum

Jung und innovativ, frech und kritisch: Die lateinamerikanischen Filme der Berlinale 2024 zeigten wieder einmal deutlich, in welcher Hochphase sich aktuell das Kino des Subkontinents befindet. Ob gut beobachtete Dokumentationen wie Oasis über die Proteste in Chile, einfühlsame Jugendfilme wie Raíz oder frische und unbekümmerte Kurzbeiträge wie Aguacuario oder Lapso – auf allen Ebenen konnten die Filmemacher*innen von Mexiko bis Argentinien punkten. Das schlug sich auch in der Preisvergabe nieder.

Den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm schnappte sich der Argentinier Francisco Lezama mit Un movimiento extraño (An Odd Turn), in dem er die Suche einer jungen Frau nach Glück in der Liebe und im Beruf mithilfe eines Pendels verfolgt. Das zweite Preis-Highlight war der Silberne Bär für die beste Regie des Wettbewerbs für den Film Pepe. Der dominikanische Regisseur Nelson De Los Santos Arias verleiht in diesem mutigen und wilden cineastischen Stilmix den Flusspferden des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar eine antikoloniale Stimme. Auch in der Sektion Encounters ging der Preis für die beste Regie nach Lateinamerika: Juliana Rojas (Brasilien) gewann mit ihrem wunderschön warmherzigen Episodenfilm Cidade; Campo die Herzen der Jury und der Zuschauer*innen. Gezeigt werden dort Außenseiter*innen, die unter schwierigen Bedingungen vom Land in die Stadt und umgekehrt migrieren und sich dabei gegen Widerstände durchsetzen. Begeistern konnte auch Antonella Sudasassi Furniss (Costa Rica) mit der Doku-Fiction Memories of a Burning Body. Ihre poetische und berührende Visualisierung der Lebens- und Liebesgeschichten älterer lateinamerikanischer Frauen gewann völlig zu Recht den Panorama Publikumspreis.

Zum Glück schafften es die Filme der Berlinale so wieder einmal, die Misstöne in der Organisation des Festivals zu überdecken. Und davon gab es leider einige: Die Arbeitsbedingungen für Journalist*innen wurden durch eine Erhöhung der Akkreditierungsgebühr und vor allem durch eine völlig unverständliche Zugangseinschränkung für die Pressevorführungen erschwert. Seit diesem Jahr dürfen nur noch akkreditierte Journalist*innen vorab die Filme im Kino sehen. Das macht die Arbeit für ein Redaktionskollektiv wie LN nicht einfacher.

Schockierend war auch, dass Vertreter*innen der AfD offizielle Einladungsschreiben für die Berlinale erhielten und erst heftige Proteste von Filmschaffenden und der Zivilgesellschaft nötig waren, damit sie wieder ausgeladen wurden. Eine Partei, die Abschiebungen, Queerfeindlichkeit und offenen Rassismus propagiert, hat nichts zu suchen auf einem Festival, das sich Vielfalt und Akzeptanz diverser Lebensrealitäten auf die Fahne schreiben möchte.

Dieser Anspruch darf allerdings beim Blick auf die Preisvergabe zum wiederholten Male in Zweifel gezogen werden: Wenn ein Film wie L’Empire (Frankreich) nicht nur für den Wettbewerb ausgewählt wird, sondern dort auch noch einen wichtigen Preis gewinnen darf, schadet das dem Ansehen der Berlinale. So hat Schauspielstar Adèle Haenel (Porträt einer jungen Frau in Flammen) den Film mit dem durchaus berechtigten Verweis auf dessen „dunklen, sexistischen und rassistischen“ Inhalt kritisiert. Daher war sie auch während des Drehs ausstiegen.

Vielleicht ist es deshalb gut, dass sich etwas ändert. Ab nächstem Jahr wird die Amerikanerin Tricia Tuttle als erste Frau die alleinige Leitung des Festivals übernehmen und mit dem Blick von außen hoffentlich notwendige Verbesserungen anstoßen.


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Von Nonnen und Nilpferden

La piel en primavera (Monociclo Cine)

Raul Briones (Schauspieler, Mexiko, Hauptrolle in La Cocina) über toxische Männlichkeit:

Für mich als nicht-binäre Person ist das ein besonders wichtiges Thema. Ich habe meine Transition vor fünf Jahren begonnen. Das ist meine erste männliche Figur, die ich seitdem spiele. Seit einer Weile schon hinterfrage ich die Charaktere, die ich spiele. Ich wurde ja oft als Auftragskiller oder Bösewicht gecastet, wegen der Energie, die ich ausstrahle. Für La Cocina habe ich zum ersten Mal eine männliche Figur, Pedro, konstruiert, die scheitert. Sie rutscht in eine Katastrophe, weil sie sich ihre Trauer nicht eingestehen kann. Oft habe ich mich gefragt, ob für Männer unter diesen toxischen und gewaltvollen sozialen Umständen überhaupt ein anderes Schicksal als ein tragisches möglich ist. Denn sie zerstören sich selbst. Ich habe mir bei den Dreharbeiten einen Finger gebrochen. Und ich habe mich gefragt, warum ich diesen Schmerz ertragen muss. Warum Männer sich in dieser Weise verteidigen müssen. Ob dieser Schmerz wirklich die Konsequenz davon war, dass ich mich in Pedros Lage versetzt habe. In jemanden, der versucht, ein „echter Mann“ zu sein. Ich denke, es muss sich an der momentanen Konstruktion von Männlichkeit etwas ändern. Wir müssen diese Vorstellungen hinter uns lassen. Denn andernfalls werden wir selbst zu unseren schlimmsten Feinden werden.

Juliana Rojas (Regisseurin Cidade, Campo, Brasilien, Gewinnerin des Preises für die beste Regie in der Sektion Encounters) über die Inspiration für die Geschichten und die Figuren ihrer Filme:

Ich arbeite viel mit Beobachtung. Es gibt ein Universum von Themen, die mich interessieren. Einige sind auch in meinen anderen Filmen präsent. Zum Beispiel Arbeitsverhältnisse, Klassen­­ver­hältnisse, weibliche Figuren, Liebes­beziehungen. Außerdem beeinflusst mich norma­ler­weise die Realität stark, zum Beispiel Nach­richten oder Erzählungen. Die Figur der Joana in meinem Film basiert auf einer wirklichen Person, die ich in einem Shoppingcenter getroffen habe. Dort habe ich einige Reinigungskräfte bei der Arbeit gesehen. Eine Frau sprach darüber, dass sie das Leben auf dem Land, die Beziehung zur Natur, die Gemeinschaft und die Gespräche mit den anderen Menschen dort vermisst. Das hat mich sehr berührt und mich zur Figur im Film inspiriert. Genau wie die Berichte, die ich über die Katastrophen beim Bruch der Staudämme Brumadinho und Mariana in Minas Gerais gelesen habe, durch die Dörfer zerstört und die Umwelt verseucht wurden. Für diese Katastrophen waren multinationale Firmen aus verschiedenen Län­dern verantwortlich, unter anderem aus Deutsch­land. Die Berichte der Betroffenen haben mich sehr berührt. Nicht nur wegen der Tragödie und der Traumata, die sie erlebt haben. Sondern auch wegen der Schwierigkeit, nun vorüber­gehend an einem anderen Ort, in der Stadt, leben zu müssen. Ohne die Routinen, die sie auf dem Land hatten. Das Hauptthema des Films sollte aber nicht diese Tragödie sein. Da müsste man einen eigenen Film darüber drehen, um die Komplexität der Kata­strophe aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen.

… über Migrationsprozesse innerhalb Brasiliens:

Der Bevölkerungsfluss vom Land in die Stadt ist in Brasilien viel stärker als umgekehrt. Denn es gibt im ländlichen Raum das Problem des Anbaus von Monokulturen. Hier werden Kleinbäuer*innen und Dorfgemeinschaften mit Gewalt vertrieben, damit die großen Agrarfirmen Land für die Pflanzung von Soja, Mais oder Zuckerrohr besetzen können. Es ist deshalb nicht so üblich, aus der Stadt aufs Land zu ziehen. Aber auch hier basiert die Geschichte im Film auf echten Erzählungen von Menschen, die diese gegenläufige Bewegung gemacht haben. Die eine andere Art von Leben, eine andere Lebensqualität auf dem Land gesucht haben. Und auf ihren Schwierigkeiten mit dem Kulturschock in einer Umgebung, die gegenüber bestimmten Personen­gruppen feindseliger eingestellt ist. Und der täglichen, harten Arbeit auf dem Bauernhof.

… über die Ausblendung der aggressiven Diskurse der Bolsonaro-Zeit in Cidade, Campo:

Die Idee zum Film ist schon vor der Amtszeit von Bolsonaro entstanden. Der Film ist aber nicht komplett konfliktfrei, es gibt nur nicht diese Polarisierung. Die zentralen Themen sind auch nicht Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder Rassismus – Phänomene, die während der Regierungszeit Bolsonaros viele Spannungen verursacht haben und auch immer noch sehr präsent in der Gesellschaft sind. Dennoch werden komplexe Fragen angesprochen. Joana ist eine verletzliche Person. Es geht bei ihr um die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, sie wird von diesem System unterdrückt. Und auch im zweiten Teil auf dem Land liegt von Anfang an Spannung in der Luft. Der Verwalter des Landguts bietet den beiden Frauen bei ihrer Ankunft eine Waffe an, damit sie sich verteidigen können. Und dann gibt es noch den Sojaanbau, der ihre Farm umzingelt.

Nelson De Los Santos Arias (Regisseur des Films Pepe, Dominikanische Republik, Gewinner des Silbernen Bären für die beste Regie) über postkoloniales Kino in Lateinamerika:

Als ich 24 Jahre alt war, habe ich begonnen, mich als Filmemacher mit postkolonialer Theorie zu beschäftigen. Ich habe gefühlt, dass ich Dinge kombinieren und vermischen musste, um Geschichten zu erzählen. Die lateinamerikanischen Länder sind stark US-amerikanisiert. Das ist durch die Produktion von Subjektivität, die Homoge­nisierung von Menschen passiert. Durch die Kämpfe um Pluralität und Diversität sehen wir aber, dass die Welt sehr heterogen ist. Und diese Heterogenität wird auch neue Formen und Bilder produzieren.

Das Nilpferd Pepe habe ich ausgewählt, weil es das erste Tier war, das außerhalb seines Heimatkontinents Afrika eine wilde Herde gegründet hat. Pablo Escobar hat viele Tiere auf seine Finca in Kolumbien gebracht. Leoparden oder Geparde zum Beispiel. Aber alle diese Tiere blieben in seinem Zoo und starben irgendwann einfach, weil sie menschliche Unterstützung brauchten. Aber die Flusspferde haben sich an ihre Umgebung angepasst. Und das war für mich der Anlass, es als Parabel für die historische Migration zwischen Afrika und den Amerikas zu benutzen.

… über ideologische Emanzipationsprozesse in Lateinamerika:

Ich nutze Pepe auch als Fabel, als Mittel zur Produktion von Vorstellungskraft. Ich mag das Spielerische, das Fantastische. Und ein Nilpferd erschien mir perfekt für die Personifizierung. Aber US-Produzenten haben dieses Universum für Kinder in Lateinamerika für sich in Beschlag genommen: Disney, Cartoon Network, die Feuersteins. Das hat für mich auch eine politische Bedeutung. Denn für mich besteht die gegenwärtige politische und philosophische Krise in einem Mangel an Vorstellungskraft. Dem Unvermögen, über den Eurozentrismus, den Kapitalismus oder auch sein Gegenstück, Sozialismus und Kommunismus, hinauszudenken. Stattdessen könnten wir uns auch indigene oder afro-indigene gemeinschaftliche Organisations­formen vorstellen.

…über den Einfluss von Netflix auf die lateinamerikanische Kinolandschaft:

Netflix zerstört mit seiner Arbeitsweise die nationalen Kinolandschaften. Ein Beispiel: Verglichen mit den USA zahlt es in manchen Ländern Lateinamerikas extrem wenig Lohn – aber nicht wenig für lateinamerikanische Verhältnisse. Das ist auch eine Form von Kolonialismus: Ein großes Unternehmen kommt in arme Länder auf der Suche nach billiger Arbeitskraft. Genau das macht Netflix. Und mit unserer Filmkommission kämpfen wir dagegen an. Denn die Regierungen in Lateinamerika bekommen eine Menge Geld von Netflix – für Filme wie Pepe bekommen sie dagegen kein Geld. Dann macht vielleicht der Botschafter hier auf dem Festival ein Foto mit mir. Aber das war’s dann. Netflix verdrängt die nationalen Filmindustrien. Zum Beispiel kommen sie in die Dominikanische Republik und machen eine Menge Fernsehshows. Und wir haben dann keine Leute mehr, die mit uns arbeiten wollen. Die sagen dann zu mir: „Hey Nelson, tut mir leid, dein Dreh dauert vier Wochen und die geben mir einen Vertrag für sieben Monate und ich habe Familie.“ Was soll ich da denn sagen?

Antonella Sudasassi (Regisseurin Memories of a Burning Body, Costa Rica, Gewinnerin des Panorama Publikumspreises) über das Brechen von Tabus in ihrem Film:

Das Filmprojekt hat beim letzten Gespräch mit meiner Großmutter mütterlicherseits begonnen. Bevor sie gestorben ist. Nach meinem letzten Film blieben mir viele Fragen darüber, wie ihre Generation von Frauen aufgewachsen ist: in einem viel repressiveren Umfeld als ich. Viele Sachen, die sie erzählte, kamen mir bekannt vor. Zugleich gab es nach wie vor eine Tabuisierung rund um diese Themen. Diese Tabuisierung wollte ich auflösen.

Im Film erzählen insgesamt acht ältere Frauen ihre Geschichten. Alle wollten anonym bleiben, das haben sie mir von Anfang an gesagt. Aber sie sagten auch: „Wenn mich niemand sieht, dann erzähle ich gerne.“ Am meisten Angst hatten sie davor, ihren Angehörigen zu schaden. Gar nicht einmal so sehr ihren Kindern, sondern vor allem ihren Enkeln. Es wäre ihnen peinlich gewesen, dass ihre Enkel diese Geschichten hören und schlecht von ihren Großmüttern denken könnten. Denn die Großmutter sehen wir immer noch als etwas Heiliges, als eine Art Jungfrau. Das ist zum Beispiel immer noch ein enormes Tabu. Eine ältere Frau zu zeigen, die ihre Sexualität voll und bewusst auslebt – niemals! Einige wussten bis spät in ihrem Leben nicht, was ein Orgasmus ist. Bis sie einen zweiten oder dritten Ehemann hatten. Mein Film gibt mir aber auch Hoffnung, dass sich etwas zum Guten verändert. Diese Frauen, die durch die Hölle gegangen sind, sind jetzt empowert. Mit 70 Jahren nehmen sie jetzt ihre Sexualität an und leben sie aus.

… über die weiblich dominierte Filmindustrie Costa Ricas:

Zum Glück gibt es in Costa Rica sehr viele Frauen, die Kino machen. Ich bin Mitglied in der Gewerkschaft der Regisseurinnen von Costa Rica. Wir sind über 27 Frauen, die alle schon mindestens einen Langfilm veröffentlicht haben. Für eine kleine Filmindustrie wie die in Costa Rica ist das eine ungeheure Leistung. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass es eine sehr neue Industrie ist. Sie wächst ohne die Laster einer älteren Industrie. Eine männlich dominierte Filmindustrie ist in Costa Rica nie entstanden. Sie wurde von uns Frauen erfunden. Weil wir so viele sind, die Kino machen, haben wir uns einen Raum erobert. Das Kino aus Costa Rica ist Kino, das von Frauen gemacht wird. Man sieht es auf den großen Festivals. Es repräsentiert das Land und erschafft sein Bild. Deswegen gibt es in der Filmindustrie in Costa Rica keinen Widerstand gegenüber Frauen. Im Gegenteil besteht eine große Offenheit für sie, wenn sie ihre eigenen Geschichten erzählen wollen.


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