
Menschliche Geschichten wollen erzählt werden, und zwar mit einer Perspektive, die nicht nur das versteinerte Bild eines Augenblicks einfängt, sondern sie in ihrer komplexen Tiefe wahrnimmt. Es ist diese Tiefe, die Sebastião Salgado (8. Februar 1944 – 23. Mai 2025) in seiner Arbeit als Fotograf anstrebte. Er ging über die Technik hinaus und fokussierte dabei nicht nur in Bezug auf das Objektiv, sondern auch in Bezug auf die in einem Moment und an einem Ort spezifisch dargestellte Kultur, um in seinen Werken zugleich das alle verbindende, menschliche *Element aufzuzeigen.
Salgado wurde in Aimorés, einer Gemeinde im brasiliniaschen Bundesstaat Minas Gerais, geboren. Vielleicht hat die Bedeutungsschwere dieser Gegend, die so reich und zentral für die Geschichte und die Widersprüche Lateinamerikas ist, die kritische Tendenz und Sensibilität geprägt, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in São Paulo schloss er sein Studium nach dem Militärputsch in Brasilien (1964) in den USA und Paris ab. Erst 1973 beschloss er, sich vollständig der Fotografie zu widmen.
Im Exil begann Salgado mit der Entwicklung seines ersten großen Werks: Otras Américas, das 1986 erstveröffentlicht wurde. Das Buch porträtiert in 46 Schwarzweißbildern bäuerliche und Indigene Kulturen anhand von Fotografien, die zwischen 1977 und 1984 in Mexiko und Brasilien entstanden sind. Der Bildband erforscht die lateinamerikanischen Ungleichheiten und Widerstände aus einer subalternen Perspektive; aus einer Position, die die Spannungen, die in der Gesellschaft herrschen, mit Rohheit und Schönheit darstellt.
Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1979 kehrte er nach Brasilien zurück. Von jenem Zeitpunkt an begann er eine Arbeit, die Geschichten dokumentierte, die die Auswirkungen groß angelegter produktiver Aktivitäten und das Leid der am stärksten verdrängten Klassen der lateinamerikanischen Gesellschaft zeigen. Seine Fotografien hielten Momente wie die größte Besetzung der Landlosenbewegung in Rio Bonito do Iguaçu (Paraná) oder die Särge der Ermordeten in Eldorado do Carajás (Pará) fest. Mit seinem eigenen ästhetischen Stil und einer fotografischen Ethik in Schwarzweißbildern, die das hervorhebt, was das Auge oft nicht sehen will, konzentrierte er sich auf die Auswirkungen, die Arbeit und Vertreibung auf den menschlichen Körper haben.
Aus einer allgemeinen Perspektive kann sein gesamtes Werk als fotografisches Manifest gelesen werden, das zu einer politischen Ökologie aufruft, die den humanitären Anforderungen unserer Zeit entspricht. Salgados Werk hinterlässt uns ein bedeutsames Vermächtnis und den Anstoß, sowohl in ästhetischer als auch in ethischer Hinsicht, „zu begreifen was passiert und betroffen zu sein“, wie er selbst sagte, um eine Lebensweise zu wagen, die Werte wie Pluralität, eine respektvolle Koexistenz mit der Natur und die menschliche Würde anerkennt.

























