GUERILLERO DES STILS

Er ist vermutlich eines der letzten unentdeckten Genies der chilenischen Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. Pablo de Rokha – legendärer Erzfeind seines Namensvetters Neruda und Wegbereiter der literarischen Moderne Chiles – erlebt mehr als ein halbes Jahrzehnt nach seinem Suizid eine verdiente Renaissance. Einen wichtigen Beitrag zu diesem späten Comeback leistet nicht zuletzt die junge Generation Latein-amerikas, welche de Rokhas zutiefst sozialkritischen Gedichten eine neue Plattform bietet. Trotz seiner enormen Wichtigkeit als Begründer des Avantgardismus in Chile und seiner Nähe zu literarischen Größen wie Pablo Neruda und Vicente Huidobro verwundert es, dass sein Werk bisher nicht in deutscher Sprache zu lesen war. Mit der zweisprachigen Anthologie “Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier. Gedichte 1916 – 1966” eröffnet Reiner Kornberger durch seine hingebungsvolle Übersetzung der deutschsprachigen Leserschaft das Universum der Zerrissenheit de Rokhas.
Wichtigste Konstante im Leben und Inspirationsquelle für sein Schaffen stellte seine Frau, die Dichterin Winétt de Rokha dar. Die gegenseitige künstlerische Bezugnahme der beiden aufeinander ist so stark, dass das Werk Pablos in seinem Ganzen nur in Zusammenhang mit Winétts Lyrik zu erfahren ist. So enthält diese Gesamtschau eine bezeichnende Auswahl an Gedichten von Winétt und kommt damit einem Willen Pablos nach. Die Anthologie stellt den literarischen Dialog zwischen den beiden Liebenden wieder her. Sie liest sich wie ein offenes Buch ihrer innigen Verbindung, aber auch ihrer geteilten Erschütterung über die menschliche Existenz – geprägt von Ausbeutung und Fremdbestimmung.
Ungeachtet dieser besonderen Verbindung zeigen die Texte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Selbst. Die Suche nach Identität und der Ausdruck des persönlichen Schmerzes ist jedoch niemals losgelöst von der Außenwelt, sondern offenbart sich als Spiegel, welcher die desolaten sozialen und psychischen Zustände des modernen Menschen reflektiert. Tragische Übertreibung und radikaler Expressionismus durchziehen das Werk. Dabei bleibt de Rokha auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen für den zerrissenen Menschen der Moderne stets seinen linken politischen Überzeugungen treu. Stilistisch sprengt er dabei jeden Rahmen, bedient sich einerseits volkstümlicher Kunstformen, wie dem Canto oder der Satire und begründet andererseits eine eigene metasprachliche Ästhetik. Als einen „Guerillero des Stils“ tauft ihn sein Übersetzer daher zu Recht. Zerfall, Verwesung und Widersprüchlichkeit prägen die sprachlichen Bilder, welche eine von den Schrecken des Krieges geläuterte Menschheit abbilden.
Die Verzweiflung der Zeit äußert sich in Winétts Werk weniger gewaltig, doch sie spielt bewusst mit der Sprache und stellt eine explosive Diskrepanz zwischen Form und Inhalt her. Das Entsetzen über den Kapitalismus, psychische Zerrüttung und scharfe Kritik am Faschismus drücken sich in frommer Form und sanften Versen aus.
De Rokha ist nicht einfach zu fassen, weshalb die detaillierte Übersicht über Leben und Schaffen des Dichterpaars eine hilfreiche Einführung des Übersetzers darstellt. Die Anthologie ist ein energiegeladenes Werk, das mal erschüttert, mal erzürnt, Abgründe eröffnet und dann wieder tief berührt. Vor allem aber revolutioniert es das ästhetische Empfinden.

“KÖRPER, WÖRTER, SCHWERE SCHLÄGE UND BITTERE LIEBE”

Der Pablo-Neruda-Stiftung in Santiago de Chile ist ein kleiner Sensationsfund gelungen. Im Nachlass des 1973 verstorbenen Dichters fanden sich 21 bisher unveröffentlichte Gedichte, die nun, übersetzt von Susanne Lange, in einer schön gestalteten Ausgabe im Luchterhand Verlag auf Deutsch erscheinen. Neruda witzelte zu Lebzeiten, dass irgendwann selbst seine Socken veröffentlicht würden, doch so weit scheint es noch nicht zu sein. Vielmehr spiegelt der Band Dich suchte ich die ganze Spannbreite der poetischen Themen Nerudas wider, auch entstanden die Gedichte in ganz unterschiedlichen Schaffensperioden, von den frühen fünfziger Jahren bis kurz vor dem Tod des Dichters. Erfahrbar für die Leser*innen wird dieser besondere Fund durch Faksimiles der Orginalverse, wie sie von Neruda spontan auf Zetteln, Menükarten und Konzertprogrammen zu Papier gebracht wurden, am Ende des Bandes. „Als hätten sie sich im Urwald der Originale versteckt, sich unter abertausend Blättern, abertausend Wörtern getarnt, um siegreich unentdeckt zu bleiben“, so beschreibt Darío Oses, Leiter des Archivs der Pablo-Neruda-Stiftung, seine Verblüffung, als sich nach Recherchen herausstellte, dass diese 21 Gedichte tatsächlich erst jetzt entdeckt wurden.

Etwas unglücklich hat der Verlag die Texte in „Liebesgedichte“ und „Andere Gedichte“ unterteilt. Dabei bieten die „anderen Gedichte“ weitaus interessantere Einblicke in die Vielfalt des Schaffens Nerudas. Es geht um das Älterwerden und Vergänglichkeit, aber auch um das Telefon und die Begeisterung für den Weltraum. Neruda kann sich ins Detail versenken und auf wunderbare Weise das Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit heraufbeschwören: „Ich schwang mich auf einen Tropfen Regen / ich schwang mich auf einen Tropfen Wasser / doch so klein war ich damals, so klein / dass ich abglitt von der Erde.“ Eine melancholische Schwermut durchzieht viele der Texte: „Trübe, traurige, tiefzarte Jugend / düsteres Torfmoor / in das Blätter fallen / Körper / Wörter / schwere Schläge und bittere Liebe“.

Leider setzt der Verlag auch in der Aufmachung vor allem auf Nerudas Ruf als Liebespoeten. Das ist nicht nur schade, sondern auch problematisch. Zwar lassen sich die neu veröffentlichten Liebesgedichte nicht unbedingt in Nerudas sonstige Liebeslyrik einordnen, die nicht selten sexistisch und besitzergreifend ist. Eine Tatsache, die im Feuilleton gerne aktiv ignoriert wird, wobei sie zum widersprüchlichen Bild des Dichters genauso dazugehört, wie die Tatsache, dass er Oden an Stalin schrieb. Es wäre schön gewesen, wenn diese Widersprüchlichkeiten in der neuen Veröffentlichung berücksichtigt worden wären, anstatt weiter in stummer Verehrung vor dem Literaturnobelpreisträger zu verharren.