// Beharrlich gegen die Grausamkeit

In Paramount, Kalifornien, gehen seit dem 7. Juni große Gruppen von Einwohner*innen auf die Straße und drängen Panzer der Einwanderungspolizei (ICE), des FBI und anderer Repressionsbehörden zurück. Zu Hunderten umzingeln sie die Einsatzfahrzeuge und verhindern zumindest, dass die Polizei einen Teil der Menschen, die sie verhaften will, mitnimmt – rund 70.000 Migrant*innen, wurden in diesem Jahr bereits abgeschoben. Vor kurzem hat die ICE in Donald Trumps verzweifeltem Bemühen, die Zahl der Abschiebungen früherer Präsidenten zu erreichen, die Strategie übernommen, Personen ohne Haftbefehl zu ergreifen. Verhaftet werden Eltern, die ihre Kinder gerade zur Schule bringen, Personen, die einen Termin in Bezug auf ihren Visumsprozess wahrnehmen, zur Arbeit erscheinen oder in die Kirche gehen. In Paramount, wo sich 80 Prozent der Bevölkerung als latino identifizieren, haben die Menschen unter dieser verschärften Verfolgung nichts mehr zu verlieren. Und sie haben genug.

Die Proteste sind zwar keine organisierte Kampagne, sondern entstanden relativ spontan, doch Zusammenhalt und Widerstand war in den migrantischen und rassifizierten communities der USA auch schon in den letzten Monaten zu beobachten. Seit Trumps Amtsantritt organisierte sich beispielsweise eine Koalition aus 60 Latino-, Schwarzen, asiatischen und jüdischen Organisationen, um ihre Gemeinden auf die Anwesenheit von ICE-Patrouillen aufmerksam zu machen und Migrant*innen ihre Rechte über Lautsprecher aus Handbüchern vorzulesen. Dem Zusammenschluss der Nachbar*innen gelang es, die Apathie zu durchbrechen, die ansonsten vielerorts um sich griff. Das steckt an: Die von Latinx Migrant*innen in Los Angeles angeführten Protestaktionen des zivilen Ungehorsams und der direkten Gegenwehr breiteten sich in wenigen Tagen auf 40 weitere Städte aus.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wurden währenddessen die 12 Besatzungsmitglieder der Madleen Freedom Flotilla entführt. Die Flotilla ist ein Protestschiff, das die Blockade der humanitären Hilfe in der jüngsten Phase des völkermörderischen Besatzungskrieges Israels gegen Palästina durchbrechen wollte. Nachdem die israelische Armee das Schiff in internationalen Gewässern illegal gekapert hatte, wurden die Besatzungsmitglieder angeklagt, bei der Einreise gegen das Gesetz verstoßen zu haben, obwohl sie gegen ihren Willen nach Israel gebracht wurden. Nur wenige Tage später bereitete sich der Soumoud-Konvoi, eine massive Karawane von mehr als 1.500 Menschen, die von Tunis aus in Richtung der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen startete, darauf vor, die Blockade auf dem Landweg zu durchbrechen, mit einer geplanten Ankunft am 15. Juni.

Überall auf der Welt mobilisieren sich insbesondere rassifizierte Bevölkerungsgruppen und durchbrechen die verkrusteten Schichten der Normalisierung der Grausamkeit. Die Migrant*innen in Los Angeles und im Rest der USA wissen, dass, wie in Warsan Shires Gedicht, niemand sein Zuhause verlässt, es sei denn, das Zuhause ist das Maul eines Hais. Doch was, wenn es keinen sicheren Ort mehr gibt, an den man gehen kann?

Nichts an der Gewalt, die wir dieser Tage sehen ist normal. Schiffe, Karawanen, Lautsprecheraktionen, Rechtsklagen und Mobilisierungen auf der Straße sind nur einige Arten, wie Menschen dies nach wie vor erkennen und sich dagegen in Bewegung setzen. Und wir brauchen noch viel mehr Formen der Solidarität mit widerständigen Völkern, der Kämpfe gegen die Entmenschlichung, der Gegenwehr angesichts zunehmend autoritärer Manöver. Wir müssen weiterhin beharrlich auf unser aller Menschlichkeit bestehen und angesichts von Grauen, Frustration und Schmerz Gemeinschaft organisieren.


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Statistik und Genozid

Operación Sofía Das Ixil-Volk wurde von der guatemaltekischen Armee zum “internen Feind” erklärt (Foto: Archiv der NSA)

An dem Morgen, an dem er zum ersten Mal einer der 23 Anhörungen des historischen Prozesses beiwohnte, in dem der ehemalige Diktator Efraín Ríos Montt des Völkermords für schuldig befunden wurde, war der junge Diego Albúrez Gutierrez, ein guatemaltekischer Demograf und heute Forscher am deutschen Max-Planck-Institut, aus zwei Gründen perplex. Zum einen wegen der Härte und des Mutes der Zeugenaussagen der 90 Überlebenden des Genozids – alle Mitglieder des Maya Ixil Volkes. Sie bezeugten Landzerstörung, Zwangsarbeit, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Massenmorde. Der Exgeneral regierte zwischen 1982 und Juli 1983 und war durch einen Putsch an die Regierung gekommen.

„Ich will, dass sie für das Blut meines Mannes und meiner Tochter bezahlen. Wir wollen, dass er ins Gefängnis geht, denn es waren nicht wir, die etwas gestohlen haben. Ich möchte so etwas nie wieder sehen. Eines Tages werde ich sterben, aber auch meine Kinder werden hiermit leben müssen“, spuckte Jacinta Rivera Brito, eine Frau des Ixil-Volkes, die in der Nebaj-Gemeinde ihr Milpa-Feld bestellt, Ríos Montt ins Gesicht. Die Kugel, die das Auge ihres Manns durchdrang, tötete auch ihre Tochter in seinen Armen. Sie blieb tagelang ohne Essen und Kleidung in den Bergen, verängstigt sich den Körpern ihrer Familie zu nähern – es wurde gemunkelt, dass die Soldaten Granaten neben den Toten platzierten. Unter Ríos Montt wurden über 1700 Personen der Ixil in nur zwei Jahren ermordet, die Hälfte davon Kinder.

Am 10. Mai 2013 dann, hörten Jacinta, Diego, die Angehörigen des Ixil-Volkes und ganz Guatemala, wie Ríos Montt zu 50 Jahren Haft wegen Genozids und weiteren 30 Jahren wegen Verbrechen gegen die Pflichten der Menschlichkeit (ein Urteil, das als juristische Figur nur in Guatemala existiert; Anm.d.Red.), verurteilt wurde. Tage später hob das guatemaltekische Verfassungsgericht das Urteil auf, da die Anwälte des Angeklagten parallel einen juristischen Schutzprozess vorangetrieben hatten. Ríos Montt starb ohne Bestrafung während eines neuen Prozesses wenige Jahre später. Das guatemaltekische Volk jedoch hielt an dem Urteil fest. In den Vierteln und Dörfern ist der Satz „das Urteil ist gültig und in Kraft“, etwas, was man noch immer hört. Der zweite Grund der Diego Albúrez überraschte, war, dass die Zeugenaussagen trotz ihrer Überzeugungskraft nicht in Form von quantitativen Daten systematisiert wurden.

„Zeugenaussagen sind notwendig, aber die gesamte Ermittlung schien qualitativ. Wie viele Menschen wurden ermordet, wie waren sie verteilt, in welchen Regionen, zu welchen Gruppen gehörten sie? Mit diesen Daten erkennt man Zusammenhänge, die in den Gerichten konkret behandelt werden.“

Nach der internationalen Definition eines Genozids, wie auch der von Guatemala, ist nicht die Zahl der ermordeten Personen ausschlaggebend, sondern die Absicht eine ethnische, rassifizierte, nationale oder religiöse Gruppe in Teilen oder vollständig auszulöschen. Die „Operación Sofia“ war der Plan der Armee politische Dissident*innen zu ermorden. In diesem Plan ist eine Zahl entscheidend um die Absicht der Vernichtung zu begründen. In den Dokumenten, die von der National Security Agency der Vereinigten Staaten – einem Land, das Ríos Montt den Rücken stärkte – freigegeben wurden heißt es, dass „100 Prozent“ der Ixil-Bevölkerung als Verbündete der Guerilla angesehen wurden. Sie wurden somit in ihrer Gesamtheit zum „interner Feind“ erklärt. Diese Zahl erregte die Aufmerksamkeit der verstorbenen US-amerikanischen Anthropologin Diane Michelle Nelson, die als eine der Expert*innen für den Fall angesehen wird. In einem heißen Sommer, im Juli 2011, besuchte Nelson mit einigen Freund*innen den „La Verbena“ Friedhof in Guatemala-Stadt. An einer Exhumierungsstätte mit menschlichen Überresten stand auf einem Schild: „Mit deiner DNA-Probe kannst du deine im Bürgerkrieg verschwundene Familie wiederfinden. Kostenlos und vertraulich“. Zwischen 1960 und 1996 wurden 200.000 Personen im Land durch Militärregierungen ermordet, etwa 40.000 verschwanden. Das Schild war ein Angebot der Stiftung für forensische Anthropologie in Guatemala, die seit 1997 zur Identifizierung der Opfer beiträgt.

An diesem Tag auf dem Friedhof wurde Diane Nelson klar, wie die Suche nach Fragmenten von Vermissten, das Auffinden von menschlichen Überresten – eine schmerzlich vertraute Realität für die Bevölkerung von Guatemala, Mexiko, Chile und Argentinien – untrennbar mit der Erstellung von Statistiken quantitativer Daten verbunden sein sollte, wie sie in ihrer Publikation „Deshuesadero: Algebra des Genozids“ herausarbeitet. Solche Statistiken stellen wichtige Beweise in Prozessen zur Rechenschaftslegung von Völkermords dar. Genau diese Systematisierung hatte der junge Diego im Prozess gegen Ríos Montt vermisst.

Das Erstellen von Datenbanken, die zur rechtlichen Argumentation des Völkermords und letztendlich zur Identifikation der verschwundenen Personen beitragen, beschreibt Nelson in mehreren Arbeitsschritten: das Sammeln von Körperteilen einer Person, das Integrieren der Person in ein Kollektiv durch die Zusammenfassung der Fälle und das Erkennen bestimmter Teile dieses Kollektivs, um sie dann in einen Zusammenhang des Ganzen zu setzen. So wurde zum Beispiel der prozentuale Anteil der Morde durch das Militär an Indigenen Bevölkerungsgruppen gegenüber nicht-Indigenen Gruppen festgestellt. Abschließend ergibt sich die Möglichkeit mit der Zusammenfassung in den statistischen Datenbanken das ansonsten anonyme, menschliche Skelett mit Namen zu versehen, es einzigartig und individuell zu machen und so wieder zu vermenschlichen. Aber auch die statistische Zusammenfassung an sich ist von hoher politischer Wichtigkeit, mehr noch als das Invididuum selbst.

Verbrechen gegen die Pflichten der Menschlichkeit

Die Kommission zur historischen Aufklärung (Comisión de Esclarecimiento Histórico) hat mehr als 7.000 Interviews systematisiert und dadurch etwa 42.000 Mordopfer festgestellt. Statistische Hochrechnungen wurden hinzugefügt und später die Zahl von 40.000 verschwundenen Personen, wodurch die Gesamtzahl von 200.000 Ermordungen zustande kam. Das beweist das beabsichtigte Vorgehen der guatemaltekischen Armee und des Staates gegen die eigene Bevölkerung des Landes in all ihrer verheerenden Dimension im sogenannten Bürgerkrieg. 83% der Opfer waren Indigene, 93% wurden durch die Armee getötet. Insgesamt wurden zwischen 70 und 90% der Ixil-Bevölkerung ausgelöscht.

Die Anerkennung dieser Kausalität und die damit verbundene politische und historische Verantwortung suchte Diego Albúrez während des Prozesses vergeblich. Und er dachte wie wichtig sie für den Kampf gegen systematisierte Gewalt wäre.

In diesen Momenten der Anhörungen entschied der junge Demograf, sein Leben durch demografische Techniken der Nachforschung zu Menschen, die in Gewaltkontexten getötet worden waren, zu widmen. Seitdem hat er Untersuchungen zu Erinnerungsarbeit und Verlust nach dem Genozid in Guatemala und in 16 anderen Kontexten bewaffneter Konflikte veröffentlicht. Er entwickelte seine eigene Methodik, um abzuschätzen wie viele Angehörige die Opfer zurückließen und welche Auswirkungen das auch nach dem Ausgang des Krieges hat.

Aber außer Schmerz aufzuzeigen, können Zahlen und Daten auch dazu verwendet werden, kämpferische und hoffnungsvolle Narrative zu schaffen. „80% der verbleibenden Biodiversität des Planeten, wird von Indigenen Völkern geschützt und bewahrt“, sagt die Maya K’iche‘-Aktivistin und Journalistin Andrea Ixchiú oft auf Straßendemonstrationen, Vorträgen, Reden und Interviews weltweit. Die Kampagnen des Netzwerks Futuros Indígenas, von dem sie Teil ist, werden von internationalen Medien wie The Guardian, BBC und Democracy Now breit aufgegriffen.

Ohne Frage ist die Produktion dieser Zahlen Teil eines Territoriums umkämpfter Narrative, indem die Dynamiken der Produktion und der Deutungshoheit ständig neu konfiguriert wird. Im heutigen Mexiko beispielsweise erkennt der Staat mindestens 68 verschiedene Indigene Völker an. Trotzdem ist die Selbstzuschreibungskategorie bei Volkszählungen nur in Indigen oder nicht-Indigen aufgeteilt.

Gleichzeitig gibt es auch Fortschritte. Bei der Volkszählung von 2020 wurde erstmals die Kategorie „Afromexikanisch, Afroabstammend oder Schwarz“ eingeführt. Die Erhebung und Nutzung von Statistiken ist jedoch immer ambivalent. „Obwohl Zahlen und Daten vom Staat größtenteils in Form von Militärberichte erstellt werden, ist es relevant für Opfer und Überlebende des Genozids, Teil der Statistik zu sein “, sagt Nelson zu diesem Dilemma. Braucht es mehr oder weniger Daten, um Gewalt zu bekämpfen, die durch Kategorisierungen wie Geschlecht oder Ethnie motiviert ist?

Für Autor*innen wie Nelson oder auch Patrick Ball, Statistiker, der als Sachverständiger an den Prozessen teilnahm, sind nationale Statistiken ein unverzichtbares Werkzeug, um Sachverhalte systematisch zu überprüfen und Absichtlichkeit feststellen zu können. Die täglichen Statistiken des Gesundheitsministeriums von Gaza sind in Gerichtsdebatten Teil der Argumentation darüber, ob die Massenmorde an der palästinensischen Bevölkerung einen Genozid nach der international anerkannten juristischen Definition darstellen und sie waren es auch im Fall des Völkermords am jüdischen Volk.

In „Statistiken zur Population, der Holocaust und Nürnberger Prozesse“, beschreibt der Statistiker William Seltzer, wie die deutsche Volkszählung 1939 wenig zur Identifikation des jüdischen Volks beitrug, obwohl sie zu diesem Zweck konzipiert worden war. Die damals noch gültigen Vertraulichkeitspraktiken führten dazu, dass die Volkszählung mit versiegelten Umschlägen durchgeführt wurde. So wurden einige Daten wie die ethnische Zugehörigkeit von der Bevölkerung, die das Ziel des Holocausts war, nicht ausgefüllt und waren für den geplanten Zweck unbrauchbar. Nichtsdestotrotz fanden nationalsozialistische Statistiker*innen eine aktuellere und funktionsfähigere Informationsquelle: die Meldedaten der jüdischen Gemeindezentren, die von der Sicherheitspolizei übernommen wurden.

Daten für kämpferische und hoffnungsvolle Narrative

In Deutschland gibt es seit 1987 keine vollständigen Volkszählungen mehr, sondern nur Erhebungen, die ausgerechnet auf Verwaltungsunterlagen beruhen – obwohl es solche Daten waren, die von den Nazis für die Erfassung und Verfolgung jüdischer Personen genutzt wurden und eben keine Volkszählung. Das führt zu einer Vielfalt von Problemen: bei der letzten Volkszählung 2022 ergab die Statistik, dass Deutschland 1,4 Millionen weniger Menschen hat, als bei letzten Befragungen geschätzt. Das Thema stellte ein Problem dar, da die Kommunen Gelder erhielten, die teilweise auf der Zahl einer Bevölkerung basierte…die nicht existierte. Aber das ist nur eines der Probleme einer Politik ohne Volkszählungen und ohne die Erhebung von Daten zu Ethnie oder Rassifizierung, die eine Reaktion auf den tödlichen Datenmissbrauch während des Holocaust darstellt.

10 Jahre nach seiner Teilnahme an den Anhörungen in Guatemala, sitzt Diego Albúrez im Garten der Humboldt-Universität in Berlin und recherchiert für das Max-Planck-Institut. Er ist seit 5 Jahren im Land. „Als ich nach Deutschland gekommen bin, schien es mir ein Beispiel für eine Nation zu sein, die weiß wie man mit der Vergangenheit umgeht. Die Datenpolitik als Weg mit dieser Vergangenheit umzugehen, kann ich verstehen, aber sie schafft sehr viele Probleme“, sagt er. „Es gibt eine Vielfalt der Bevölkerung, auf die man keinen Zugriff hat, deswegen liegt der Fokus der Forschung immer auf den Kategorien, zu denen man den Zugriff hat. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Fokus auf Frauen und die Ungleichheit zwischen Geschlechtern. Das ist sehr wichtig zu betrachten, aber es wird in Deutschland losgelöst von anderen Ansätzen, wie man sie in anderen Teilen der Welt kennt, analysiert, wie das Zusammendenken von Ethnizität und Rasse. Das liegt zum Teil am Fehlen von Daten, aber teilweise ist es auch das kulturelle Verständnis, das kulturelle Identität hier keine Rolle spielen würde“, erklärt Diego.

Statistiker wie Seltzer argumentieren, dass obwohl statistische Erhebungen gewisse Risiken bergen, festgestellt werden muss, dass nicht nur die Statistik, sondern alle Institutionen des deutschen Staats während der nationalsozialistischen Regierung versagt haben. Nur wenn man ganz genau erkennt, wo Risiken liegen und welche Instrumente es braucht, um sie zu bekämpfen, kann man ihren Missbrauch verhindern.

Die Dezentralisierung und Unabhängigkeit der Institutionen, die Daten sammeln und verarbeiten, von der Regierung stellt einen wichtigen Fortschritt in der Verfassung des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie (INEGI) in Mexiko dar. Die Prozesse in denen Daten anonymisiert werden, können zufällige Fehler in Rohdaten einführen um die Lokalisierung einzelner Personen zu vermeiden, argumentiert Seltzer. So können „synthetische Daten“ hergestellt werden, die statistisch den gleichen Trend wie die Bevölkerung haben, der aber durch „fiktive“ Daten hergestellt wird.

Die letztendliche Frage sei, so Diego, ob staatliche Kategorisierungswerkzeuge wie Statistiken benutzt werden könnten, um Auswirkungen staatlicher Gewalt zu bekämpfen. Es geht auch darum, darüber nachzudenken, wie wir den Staat zu einer vertrauenswürdigen Einheit machen können. „Im Laufe der Zeit ermöglichte mir die Anthropologie die Verbindung herzustellen, dass die materiellen Bedingungen der Ungleichheit von Strukturen stammen, die nach rassistischen Prinzipien organisiert sind. Die Frage ist ob der antirassistische Kampf mit Werkzeugen geführt werden kann, die ein rassistischer Staat zur Verfügung stellt, oder nicht.“


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STRAFLOS IN DEN TOD

Am Morgen des 6. April Die Nebenklagevereinigung AJR fordert die Fortsetzung des Prozesses gegen Montt (Foto: Nils Melbye)

Mit dem Tod José Efraín Ríos Montt findet nun auch das gegen diesen laufende Strafverfahren sein vorzeitiges Ende. Sein Anwalt Jaime Hernández verkündete am Ostersonntag, „er starb heute in seinem Haus, mit der Liebe seiner Familie, mit seinem klaren und sauberen Gewissen, unschuldig und in Frieden, überzeugt davon, dass es in diesem Land nie Genozid gab und er im Hinblick auf alle Anklagepunkte unschuldig war.“

Ríos Montt wurde nach einem Militärputsch im März 1982 zum De-facto-Regierungschef ernannt und im August 1983 durch einen erneuten Putsch rivalisierender Militärs wegen vermeintlicher Unzurechnungsfähigkeit abgesetzt. Ríos Montts Herrschaft fiel mitten in einen 36-jährigen bewaffneten internen Konflikt zwischen der Regierung und der Guerilla URNG, der 1960 seinen Ausgang nahm und erst im Jahr 1996 mit einem Friedensvertrag endete.

Während des Konflikts starben bis zu 200.000 Menschen, 45.000 weitere verschwanden spurlos und bis zu zwei Millionen Menschen flohen vor den Auseinandersetzungen zwischen der Guerilla und dem guatemaltekischen Militär aus ihrer Heimat.

Ríos Montt führte als überzeugter Antikommunist einen erbitterten Krieg gegen die Guerilla sowie die sie vermeintlich unterstützende Zivilbevölkerung. Er erklärte seine Strategie der Aufstandsbekämpfung im Jahr 1982 vor Journa­list*innen in Anlehnung an ein Zitat Mao Zedongs: „Die Guerilla ist der Fisch. Das Volk ist das Meer. Wenn du den Fisch nicht fangen kannst, musst du das Meer trockenlegen“. Mit einer Politik der verbrannten Erde wurden über 400 Dörfer ausgelöscht und dem Erdboden gleich gemacht. So erwarb er sich auch den Beinamen des „Schlächters der Indios“.

Der Ex-Diktator wurde 1995 in den guatemaltekischen Kongress gewählt und sicherte sich somit zunächst seine Immunität. Im Jahr 2003 trat er sogar als Präsidentschaftskandidat der Partei Frente Republicano Guatemalteco (FRG) an, obwohl die guatemaltekische Verfassung ausdrücklich eine Kandidatur von Personen verbietet, die zuvor mittels eines Putsches an die Macht gelangt waren.

Als er im Januar 2012 seine Immunität verlor, eröffnete sich für die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit, ihn wegen des Genozids an der Ixil-Bevölkerung zu verfolgen. Im Januar 2012 klagte die Staatsanwaltschaft Ríos Montt erstmals formell wegen Genozids und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und er wurde unter Hausarrest gestellt. Ein Jahr später begann das Verfahren gegen Ríos Montt und José Mauricio Rodríguez Sánchez, den ehemaligen General und Direktor des militärischen Geheimdienstes (G2), vor dem Hochsicherheitsgericht des Obersten Gerichtshofs.

Er erwarb sich den Beinamen des “Schlächters der Indios”.

Am 10. Mai 2013 verurteilte das Gericht Ríos Montt zu einer Haftstrafe von 80 Jahren, während es Rodríguez Sánchez freisprach. Die Justiz hielt die Schuld Ríos Montts wegen des Mordes an 1.771 indigenen Maya-Ixil für erwiesen. Das Urteil wurde jedoch nur zehn Tage später durch das guatemaltekische Verfassungsgericht aufgehoben.

Erst im Januar 2016 wurde das Genozidverfahren erneut aufgerollt. Die Anwälte Ríos Montts machten nunmehr die angeblich mangelnde Verhandlungsfähigkeit des Beschuldigten geltend und erreichten eine zunächst bis Oktober 2017 angesetzte Unterbrechung des Verfahrens. Später wurden beide Prozesse wieder aufgenommen, sowohl der von Montt als auch von Sánchez – wobei die Verhandlungen seitdem in getrennten Verfahren laufen. Das Verfahren gegen Ríos Montt, der aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes und einer vermeintlichen Demenz von seiner Anwesenheitspflicht befreit wurde, fand nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Am 6. April fand das Strafverfahren gegen Ríos Montt sein formelles Ende. Vor dem Beginn der Verhandlung hatten noch Vertreter der Nebenklagevereinigung AJR (Asociación para la Justicia y Reconciliación) auf einer Pressekonferenz vor dem Gerichtssaal gefordert, dass das Verfahren fortgeführt werde um die Verantwortung des verstorbenen an dem Genozid festzustellen. Aus ihrer Sicht gelte zudem die Verurteilung von Ríos Montt im Mai 2013 fort, denn das Urteil sei nur durch einen „juristischen Betrug“ wieder aufgehoben worden.

In der anschließenden Verhandlung wurde dann aber lediglich die Einstellung des Verfahrens wegen des Ablebens des Angeklagten durch das Gericht festgestellt. Der Anwalt von Rios Montt ließ es sich nicht nehmen, noch einmal festzustellen, dass „der ehrenwerte Herr José Efraín Ríos Montt als Unschuldiger gestorben ist und nie rechtskräftig wegen eines Genozids verurteilt wurde“.

Am Nachmittag wurde unterdessen der Prozess gegen den Mitangeklagten Rodríguez Sánchez fortgesetzt, in welchem ein Sachverständiger die Untersuchungen exhumierter Opfer erläuterte.

Ríos Montt ist auch noch nach seinem Tod umstritten. Für manche bleibt er ein nationaler Held. So befanden sich unter den etwa hundert bei seiner Beerdigung in Guatemala-Stadt anwesenden Personen auch mehrere Ex-Minister und ranghohe Militärs, die dem ehemaligen Diktator die letzte Ehre erwiesen. Die Anwesenden riefen: „Es lebe der General Ríos Montt“.

Für Andere, wie die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, ist die Aufarbeitung des Genozids noch nicht beendet, sie müsse von der Justiz fortgesetzt werden. Dass mit dem Tod von Ríos Montt die Aufarbeitung des Genozids nicht enden darf, fordert auch die Gruppe H.I.J.O.S., die sich am Nachmittag des Ostersonntags auf dem Platz der Verfassung in Guatemala-Stadt versammelte. Sie gedachten mit Fotos der Verschwundenen und mit Schildern auf denen, „Ja es gab einen Genozid“ stand, der Verbrechen der Militärregierungen während des bewaffneten Konflikts. Andere malten mit großen roten Lettern „Ríos Montt Genozid, das Volk vergisst nicht und es vergibt nicht“ auf den Platz.


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