Mehr Schein als Sein

Wasserstoff-Partnerschaft auf „Augenhöhe”? Gustavo Petro und Olaf Scholz 2023 in Berlin (Foto: Leonard Mikoleit)

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine, infolgedessen das billige Gas aus Russland ausbleibt, ist (fossile) Energie in Deutschland deutlich teurer geworden. Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck, aber auch andere Mitglieder der Bundesregierung, haben seitdem verstärkt Lateinamerika besucht, um dort für Energielieferungen nach Deutschland zu werben. Die Importe von Öl aus Venezuela und Brasilien und Kohle aus Kolumbien sind in den vergangenen zwei Jahren signifikant gestiegen. „Milliarden fließen in Raffinerien, Pipelines und LNG-Terminals“, preist die deutsche Außenhandels-^Förderplattform Germany Trade&Invest neue Geschäftschancen in der lateinamerikanischen Fossilindustrie für deutsche Unternehmen an. Argentinien will riesige neue Öl- und Gasvorkommen erschließen und hofft dabei auch auf deutsche Unterstützung. Kolumbien hat den Kohleabbau, den Präsident Petro eigentlich schrittweise herunterfahren wollte, wieder ausgeweitet, um deutsche Kraftwerke zu beliefern. Sogar Venezuela kann auf ausländische Investitionen in seinen maroden Ölsektor hoffen, nachdem die USA die Sanktionen gelockert haben. Betrachtet man die aktuellen Handelsströme, so hat das neue Interesse an Energiepartnerschaften mit Lateinamerika vor allem den fossilen Sektor gestärkt.

Doch Deutschland will sich nicht nur fossile Energieträger sichern. Um die Industrie zu dekarbonisieren, sollen laut der Wasserstoff-Importstrategie bereits im Jahr 2030 zwischen 1,35 und 2,7 Millionen Tonnen Wasserstoff aus dem Ausland importiert werden. Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung dazu neue Energiepartnerschaften mit Argentinien, Uruguay und Kolumbien geschlossen und die bestehenden Abkommen mit Brasilien, Chile und Mexiko erneuert. Überall steht die Lieferung von Wasserstoff nach Deutschland ganz oben auf der Agenda. Daneben soll auch der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in den jeweiligen Ländern vorangetrieben werden, die sich eine Dekarbonisierung der eigenen Industrie und neue Einkommenschancen erhoffen. Im Rahmen der Partnerschaften werden gemeinsame Sekretariate eingerichtet, die von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) besetzt und organisiert werden. Diese Sekretariate geben Studien in Auftrag, veranstalten Seminare, Lobbytreffen und Konferenzen oder informieren über Förderprogramme auf beiden Seiten. Sie arbeiten oftmals eng mit Ministerien und Unternehmensverbänden zusammen.

Dazu kommt die „Wasserstoff-Diplomatie“ des Auswärtigen Amtes, die Wasserstoffproduktion für Deutschland als Hilfestellung für fossile Exportstaaten anpreist, weil dies wegfallende Profite aus Kohle, Öl und Gas ausgleichen könnte. Wasserstoff als Exportgut diene dem „Erreichen der Klimaziele und der Verbesserung der Versorgungssicherheit zugleich“, heißt es auf der Website der Initiative mit dem Titel H2diplo. Kolumbien als größter fossiler Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika hat ein eigenes H2diplo-Büro. Auch im Rahmen der Global Gateway-Initiative der EU fühlt sich Deutschland vor allem für den Wasserstoff zuständig und finanziert die Plattform H2lac, die lateinamerikanischen Staaten den Weg in die Wasserstoff­wirtschaft weisen soll.

Wirft man einen Blick in die Wasserstoffstrategien lateinamerikanischer Staaten, so scheinen die Versprechen zumindest dort zu verfangen. Das hoffnungsvolle Narrativ lautet folgendermaßen: In Lateinamerika ist die Sonnen- und Windausbeute um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Deshalb könne es sich auszahlen, in besonders begünstigten Regionen riesige Solar- und Windparks zu bauen, mit deren Strom Wasserstoff hergestellt werden kann. Dieser Wasserstoff wird dann nach Deutschland geliefert, wo er aufgrund der geringeren Produktionskosten immer noch konkurrenzfähig wäre zu Wasserstoff, der in Europa hergestellt würde. Die lateinamerikanischen Staaten hätten ein neues begehrtes Exportgut und Deutschland einen klimafreundlichen Energieträger zur Dekarbonisierung der eigenen Industrie. Zusätzlich könnten die Exportstaaten den Wasserstoff auch im Inland nutzen und damit etwa Bergbau, Verkehr und Chemieindustrie „ergrünen“ lassen. Insgesamt würde dieser neue Wirtschaftszweig viele neue Arbeitsplätze schaffen, Umweltverschmutzung reduzieren und den Klimawandel aufhalten.

Die Lieferung von Wasserstoff nach Deutschland steht ganz oben auf der Agenda

Doch so einfach ist es leider nicht. Erstens ist die Wasserstoffproduktion in einem Land erst dann vorteilhaft für das Klima, wenn die Energieversorgung bereits weitgehend auf erneuerbaren Energien beruht. Ist das nicht der Fall, geht die Produktion zulasten des Klimas, wenn etwa Kohlekraftwerke weiterlaufen müssen, weil neue Windparks für den Wasserstoffexport reserviert sind und nicht für die heimische Stromversorgung. Und für die Entwicklungschancen eines Landes ist es nur dann von Vorteil, wenn bereits die gesamte Bevölkerung guten Zugang zu bezahlbarer Energie hat. Sonst geht die Wasserstoffproduktion zulasten der Anwohnenden, die im Zweifel neben riesigen Energieanlagen leben, aber selbst keine gesicherte Stromversorgung haben. Oft genug kommen beide Probleme zusammen – im kolumbianischen Departamento La Guajira etwa oder in der O’Higgins-Region in Chile, um nur zwei Beispiele zu nennen. Solche negativen Erfahrungen haben die Lateinamerikaner*innen zudem bereits mit fossilen und Wasserkraftwerken gemacht. Die Kraftwerke wurden vorrangig zur Stromversorgung für den Bergbau oder andere Exportbranchen gebaut, während die Anrainer*innen von Zwangsumsiedlungen, Umweltzerstörung und weiterhin schlechter Energieversorgung betroffen waren. Da die Wasserstoffproduktion ebenfalls große Mengen an Wasser und Land benötigt, ist die Sorge berechtigt, dass diese Ungerechtigkeiten fortgeschrieben werden.

Vor allem der deutsche Fokus auf die Schaffung einer globalen, wettbewerblichen Wasserstoffwirtschaft stellt für potenzielle lateinamerikanische Exporteure ein Problem dar. Denn die Region ist darauf angewiesen, den Wasserstoff auf Schiffen um die halbe Welt zu liefern, und diese Form des Transports ist bei Wasserstoff ein bisher ungelöstes Problem. Bisher kann nur ein Schiff weltweit reinen Wasserstoff transportieren. Das kostet viel Energie, weil der Wasserstoff tiefgekühlt und verflüssigt werden muss, außerdem verdampft ein Teil davon auf dem Weg. Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass am Ende nur 50 – 60 Prozent des geladenen Wasserstoffs in Deutschland ankommen würde. Das bedeutet, dass der lateinamerikanische Produzent weniger als die Hälfte für seinen Wasserstoff verlangen könnte als ein Konkurrent, der seinen Wasserstoff per Pipeline liefern kann.

Nicht immer vorteilhaft für das Klima

Deshalb wird aktuell davon ausgegangen, dass der Wasserstoff erst noch zu anderen Produkten weiterverarbeitet wird, bevor er auf ein Schiff gelangt – zu Ammoniak oder Methanol etwa, was in der Chemieindustrie gebraucht wird, oder zu Flüssigkraftstoffen, so genannten e-fuels. Dies hat den Vorteil, dass etwas mehr Wertschöpfung im Produktionsland verbliebe, aber den Nachteil, dass weitere potenziell umweltschädliche Industrien angesiedelt würden, die zudem nur wenige Arbeitsplätze schaffen.

Außerdem haben diese Produkte ein grundsätzliches Problem gemeinsam: Wenn man den Schutz von Klima- und Biodiversität ernst nimmt, müsste ihre Produktion massiv beschränkt werden. Der Klimaschaden des Fliegens, auch mit e-fuels, geht über den reinen CO2-Ausstoß weit hinaus. Auch sind viele Produkte, für die Ammoniak gebraucht wird, etwa Kunstdünger oder Pestizide, für Artensterben, Bodendegradation und Grundwasservergiftung mitverantwortlich (siehe Artikel Seite 63). Für die Stahlindustrie dagegen, wo der Einsatz von Wasserstoff die beste Klimaschutzwirkung erzielt, sind Ammoniak, Methanol oder e-fuels sinnlos, denn sie braucht reinen Wasserstoff. Den könnte man zwar theoretisch aus dem Ammoniak wieder zurückgewinnen, dieser Prozess wäre aber derart aufwändig, dass noch weniger von der ursprünglich gewonnenen Energiemenge übrig bliebe als beim Schiffstransport des reinen Wasserstoffs.

Neue Energien Aber wer zahlt den Preis? (Foto: Presidencia de Colombia, PDM 1.0)

Diese offenen Fragen haben dazu geführt, dass die deutsche Wasserstoff-Importstrategie sich stark auf Nachbarländer fokussiert, die per Pipeline erreichbar sind. Entgegen der Versprechungen, die im Rahmen der Energiepartnerschaften gemacht werden, hat Wasserstoff aus Lateinamerika also für Deutschland keine Priorität. Vielmehr geht es der deutschen Seite um „Diversifizierung“: Nach der Erfahrung mit Russland, durch dessen Krieg innerhalb weniger Wochen mehr als die Hälfte der deutschen Erdgasimporte wegfiel, ist man nun bemüht, möglichst viele Energielieferanten zu finden – gerne auch deutlich mehr, als man am Ende braucht. Und natürlich wäre es im deutschen Interesse, wenn aufgrund sehr zahlreicher Wasserstoffprojekte der Preis für den begehrten Energieträger möglichst schnell möglichst tief sinken würde. Dafür ist sich die Bundesregierung nicht zu schade, zunehmend Wasserstoff aus fossilen Quellen in ihre Überlegungen einzubeziehen. Damit erhöht sie den Rentabilitätsdruck auf grüne Wasserstoff-Projekte zusätzlich – und damit die Gefahr, dass diese Projekte ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung, lokale Wirtschaftsweisen und Umweltgefahren durchgedrückt werden. Konzepte, die etwa die Energieversorgung der Bevölkerung einbeziehen, sich auf Verhandlungen mit lokalen Gemeinschaften über Größe, Art und Standort der Anlagen einlassen oder auch nur gerechte Steuern zahlen, geraten dadurch ins Hintertreffen.

Ein weiteres wichtiges deutsches Interesse, der Verkauf der Anlagentechnik, verweist ebenfalls auf ein altes Problem der internationalen Handelsströme: den ungleichen Tausch zwischen Industriestaaten, die Maschinen und hochver­arbeitete Produkte liefern, und Staaten, die dafür ihre Rohstoffe verkaufen. Dieses Modell würde sich beim Wasserstoff wiederholen, wenn aus Deutschland die Elektrolyseure und Ammoniaksynthese-Anlagen, aus China die Windräder und Solarmodule kommen, und die lateinamerikanischen Staaten ihr Land, ihr Wasser und ihre Solar- und Windressourcen hergeben.

In ihrer Rhetorik der „Augenhöhe“ haben deutsche Regierungsvertreter*innen wiederholt versprochen, dass es in den neuen Partnerschaften auch darum gehen müsse, die Wertschöpfung in den Partnerländern zu erhöhen. Die „Re-Industrialisierung“, die sich etwa Brasilien und Kolumbien vorgenommen haben, zielt genau darauf ab: mehr und diversere industrielle Produktion im Land, die stärker auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Kolumbien etwa hat Vorschläge vorgelegt, wie es sich eine gerechte und inklusive Wasserstoff-Partnerschaft vorstellt: nicht marktförmig, indem internationale Konzerne den Wasserstoff im einen Land produzieren lassen und im anderen verkaufen, sondern als „Partnerschaft zwischen dem kolumbianischen Staat und dem deutschen Staat, mit den Geldern, die wir selbst haben“. Die kolumbianische Regierung schlägt vor, dass der Staatskonzern Ecopetrol „gemeinsam mit dem deutschen Staat Wasserstoff produziert“, und zwar in Projekten, die gemeinsam „mit den indigenen, afrokolumbianischen und anderen Gemeinschaften vor Ort, und nicht allein mit dem Staat“ umgesetzt werden. Ein solches Vorgehen böte die Chance, dass der deutsche Wasserstoff-Hunger nicht einfach einen neuen Boom des Extraktivismus auslöst, sondern die Lebensbedingungen in den Partnerländern tatsächlich verbessert. Dafür müsste die deutsche Energieaußenpolitik sich allerdings wirklich auf Augenhöhe begeben und anerkennen, dass die lateinamerikanischen Partner durchaus eigene Vorstellungen davon haben, wie eine gute Wasserstoff-Partnerschaft aussieht. Und sie müsste die Erkenntnis integrieren, dass Deutschland aufgrund seiner historischen Klimaschuld auch eine globale Verantwortung für die Eindämmung der Klimakrise hat. Ungewisse Verkaufschancen für ein ressourcenintensives Exportgut werden diesem Anspruch nicht gerecht.


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Privatisierung statt gerechter Transformation

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Welche Bedeutung hat der grüne Wasserstoff aktuell in Uruguay?
Aus energiepolitischer Sicht noch gar keine, denn es gibt keine Aussichten darauf, dass er hier genutzt werden könnte. Es ist zwar die Rede von Produktion, aber alles deutet darauf hin, dass diese zu 100 Prozent für den Export sein wird. Aus wirtschaftspolitischer Sicht hat er also eine große Bedeutung und die letzten Regierungen haben sich darum bemüht, Auslandsinvestitionen anzuziehen.

Genau wie andere lateinamerikanische Länder scheint Uruguay gerade sehr attraktiv zu sein, um in Wasserstoff zu investieren. Warum?
In Uruguay gibt es drei Faktoren, die die Projekte anziehen. Erstens ist das die politische Stabilität. Zweitens gibt es einen Regulierungsrahmen für die Produktion elektrischer Energie, wenn auch noch nicht beim Wasserstoff. Und drittens hat Uruguay in den vergangenen zehn Jahren einen großen Sprung bei der Energiewende gemacht. Es gibt erneuerbare Energien, um Projekte ins Rollen zu bringen und auch die Kapazitäten, sich hier anzusiedeln.

Im Juli hat die Regierung einen Fahrplan für die Produktion von grünem Wasserstoff bis 2040 vorgelegt. Was besagt er?
Darin wird vor allem ein exponentielles Wachstum der elektrischen Leistung im Land prognostiziert. Das besorgt uns als Gewerkschaft und Unternehmen sehr. Erstens wissen wir nicht, ob unsere Infrastruktur das technisch aushalten wird. Hier werden ganz sicher Investitionen in Übertragungsleitungen fällig. Es ist die Rede davon, die bestehenden erneuerbaren Energien – vor allem Biomasse, Windkraft und Solarenergie – bis 2040 zu veracht- oder sogar zu verneunfachen.
Daraus ergeben sich Fragen, denn es geht um ausländisches Kapital und private Energieerzeuger, die sich an die bestehende staatliche Infrastruktur anschließen werden. Wie viel wird der Staat geben, damit die Investitionen kommen? Dann wird es natürlich auch Debatten um Land und Boden geben. Die Produktion von Wasserstoff braucht nicht viel Fläche, aber die dafür nötige Stromproduktion schon.

Welche Projektvorhaben für grünen Wasserstoff sind jetzt schon bekannt?
Es gibt keine Pilotprojekte, die schon aktiv sind, stattdessen wird viel spekuliert. Man spricht von Wasserstoff, synthetischen Kraftstoffen und von Ammoniak. Es ist noch nicht einmal entschieden, welches am Ende das Produkt wird. Es gibt auch noch große Unsicherheiten bei der Logistik: Wie soll der Wasserstoff transportiert werden, wie kommt er zu einem Hafen?
Alle Projekte, die es heute in Uruguay gibt, befinden sich in der Machbarkeitsprüfung und in der Beantragung von Umweltgenehmigungen. Dazu zählt ein Vorhaben des Unternehmens HIF, das sich auch schon in Chile angesiedelt hat und hinter dem US-amerikanisches Kapital steckt. Auch ENERTRAG aus Deutschland hat ein Projekt im kleinen Ort Tambores. Dort wissen wir bereits von Problemen mit den Anwohner*innen.

Worum geht es dabei?
Das Projekt in Tambores will Grundwasser aus dem Guaraní-Grundwasserleiter nutzen, eine Süßwasserquelle, die bisher immer geschont wurde. Bei dem Projekt von HIF geht es um Wasser aus dem Río Uruguay, den wir uns mit Argentinien teilen, auch da wird es zu Diskussionen kommen. Die südamerikanischen Regierungen liefern sich ein Rennen: Argentinien, Chile, Brasilien – alle konkurrieren darum, wer die besten Bedingungen für Vertragsabschlüsse stellt und wer die billigste Tonne Wasserstoff verspricht.
Auch deswegen gibt es noch viel Zweifel daran, ob die Projekte am Ende tatsächlich in Uruguay umgesetzt werden. Falls später doch kein Wasserstoff erzeugt werden sollte, bleiben uns private Stromerzeuger, die ihre Ware verkaufen wollen.

Ihre Gewerkschaft kritisiert schon seit Jahren die Privatisierungen im Energiesektor…
Als Gewerkschaft kämpfen wir schon seit 75 Jahren für den Zugang zu Energie und dafür, dass dieser als Recht für alle in der Verfassung verankert wird. Dabei versuchen wir die Privatisierung in der Stromerzeugung zu stoppen. Seit 2010 wird in Uruguay der Wechsel in der Energiematrix vorangetrieben, seit etwa 2015 laufen die ersten Windparks. Damals hatte man Hoffnung, dass Energie bezahlbarer wird. Nach zehn Jahren beobachten wir das Gegenteil: Sie wird immer teurer.
Seit zehn Jahren machen wir in einer Kampagne darauf aufmerksam, dass die Stromtarife ungerecht sind. Denn der, der am meisten hat, bezahlt am wenigsten. Und der, der am wenigsten hat, zahlt am meisten. Eine unserer Forderung ist daher die Kostensenkung der Energie für Privathaushalte. Außerdem fordern wir eine Sozialpolitik, die jedem und jeder Zugang zu Energie garantiert.
Im Kontext der Energiewende sind wir in einem ständigen Streit darüber, wer von der Energie profitiert. Warum erzeugen wir so viel Energie und für wen? Außerdem sehen wir das Problem, dass Kleinkund*innen heute auf dem Markt keine Stimme und keine Wahl haben. Es ist immer der Mehrheitsmarkt der großen Erzeuger und Verbraucher, die die Vorgaben machen.

Beim Diskurs um die Energiewende geht es im Globalen Norden immer um die Nord-Süd-Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“. Was Sie erzählen klingt eher danach, dass sich die Nord-Süd-Ungleichheiten weiter verschärfen…
Unter dem Etikett „grün“ und „erneuerbar“ kommen im Krieg der Kommunikation alle Projekte als gute Nachrichten daher: Wir produzieren Wasserstoff, um zu dekarbonisieren. Es geht um Investitionspakete von vier oder sechs Milliarden Dollar und das Versprechen von Arbeitsplätzen.
Alle Projekte, die wir jetzt beobachten, sind aber purer Extraktivismus. Das Kapital kommt, richtet sich im Land ein, produziert mit dem Wasser und den erneuerbaren Energien vor Ort Wasserstoff und exportiert diesen. Was bleibt Uruguay davon? Sehr wenig. Wir haben mit den Papierfabriken und Zellstoffanlagen ähnliche Erfahrungen gemacht. Auf lange Sicht ist klar, dass die Arbeitsplätze nicht bleiben. Wir dekarbonisieren für andere, denn alles geht in den Export und am Ende sehen wir, dass die Unternehmen sogar ihre eigenen Techniker mitbringen.

Welche Handlungsspielräume hat AUTE?
Dieses Jahr gibt es in Uruguay Wahlen. Es ist möglich, dass es einen Regierungswechsel gibt und sich uns ein Fenster für Diskussionen über die geplanten Projekte öffnet. Aber wir wissen, dass es sehr schwierig ist, solche Projekte zu stoppen, wenn das Kapital einmal da ist – unabhängig davon, wer an der Regierung ist.
Was wir vor allem kritisieren ist, dass diese Projekte nicht mit der Gesellschaft diskutiert wurden und die Regierung übereilt und hinter verschlossenen Türen Verträge abgeschlossen hat. In den betroffenen Ortschaften organisieren sich die Einwohner*innen, veranstalten Demonstrationen und stellen Forderungen an die Unternehmen und den Staat nach mehr Informationen. Aber diese Diskussion hat sich noch nicht überall verbreitet. Wir als AUTE reden schon lange darüber. Nun bringen wir das Thema aber auch vor die PIT-CNT, die landesweite Vereinigung von Arbeiter*innen. Wir werden es auch mit Arbeiter*innen von ANCAP, des staatlichen Kraftstoffunternehmens und von OSE, dem staatlichen Wasserunternehmen, besprechen, um unsere Kräfte zu bündeln und im Landesinneren stärker zu werden – denn dort sollen die Projekte angesiedelt werden. Im November werden wir versuchen, mit Nachbar*innen aus Paysandú ins Gespräch zu kommen, denn dort ist das Projekt des Unternehmens HIF geplant. Wir wollen unseren Blick auf das Thema vermitteln, Ideen austauschen und über die möglichen mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Projekte diskutieren. Wir wissen, dass diese Projekte kurzfristig und während des Baus keine großen Auswirkungen haben werden. Aber schon in fünf Jahren könnte sich das auf verschiedene Arten und Weisen zeigen. Wir wissen, dass es schwierig wird, die Projekte zu stoppen, denn es gibt bereits unterschriebene Verträge. Wir müssen aber versuchen, wenigstens die Bedingungen zu verbessern und dafür sorgen, dass diese Projekte auch einen Vorteil für Land und Leute mit sich bringen.

Was braucht es aus Ihrer Perspektive für eine gerechte Transformation?
Früher wurde bei uns fast der Strom abgestellt, weil wir so wenig Energie hatten. Heute sind wir zwar nicht mehr so abhängig vom Erdöl, dafür aber von privaten Energieerzeugern. Der Staat erzeugt nicht einmal mehr 40 Prozent der Energie im Land, es gibt also einen bedeutenden Souveränitätsverlust. Deswegen sagen wir, dass zur gerechten Transformation auch eine Energie­souveränität auf Landesebene gehören muss.
Damit die Transformation gerecht wird und diese Projekte zu sozialer Gerechtigkeit im Land beitragen, muss sich der Staat viel mehr einbringen. Das Geschäft darf nicht in der Hand von Privaten bleiben, denn dann bleibt es 100 Prozent reiner Extraktivismus. Wir kämpfen also dafür, dass sich der Staat beteiligt und das Geschäft reguliert, dass Teile der Gewinne in die Sozialpolitik oder sonstige nötige gesellschaftliche Maßnahmen fließen, um etwas Gerechtigkeit zu schaffen. Gleichzeitig sprechen wir hier von natürlichen Gütern, die endlich sind. Der Grundwasserleiter Guaraní ist endlich und wir müssen ihn schonen. Aber damit der Staat sich mehr einmischt, damit es einen gerechten Wandel gibt, damit Energie keine Ware mehr ist, braucht es den entsprechenden politischen Willen. Und den sehen wir heute in Uruguay nicht.


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