Im Vergleich zu den privaten Universitäten ist es preiswert, an der staatlichen Universidad San Carlos zu studieren: 1,50 DM Studiengebühren monatlich, bis zu 70 DM für Bücher und Arbeitsmittel, allgemein recht niedrige Lebenshaltungskosten.
Aber für die meisten Menschen sind die Kosten jedoch eine so große Hürde, daß sich an der Universität nur die kleine Schar derer zusammenfindet, deren Eltern ihnen das Studium bezahlen können. Das sind ganze 0.7 Prozent der Bevölkerung. 55 Prozent aller GuatemaltekInnen sind von höherer Bildung ausgeschlossen, da ihnen nicht einmal zugestanden wird, Lesen und Schreiben zu lernen. Wer zum Rest gehört, darf nicht aus einer normalen campesino-Familie stammen, denn die geringe Studiengebühr von einer Mark fünfzig ist der Tageslohn eines Landarbeiters, der Wert eines Fachbuchs entspricht schon einem Monatslohn. Außerdem werden alle arbeitsfähigen Familienmitglieder zum Geldverdienen gebraucht.
In ganz Guatemala studieren etwa 82.000 Menschen, die Hälfte davon in der Hauptstadt. An den vier privaten Universitäten, die Studiengebühren zwischen 70 und 300 Mark monatlich erheben, sind 9.000 Studierende eingeschrieben. Und wer die finanziellen Möglichkeiten hat, studiert im Ausland. Das sind jedoch verhältnismäßig wenige.
Glücklich also, wer sich einen Platz an der San Carlos leisten kann. Aber die Zugangsbedingungen zur Universität sind nicht das einzige, was die Lage deutscher StudentInnen von der eines Studierenden in Guatemala unterscheidet. Für uns ist es normal, daß sich Studierende politisch artikulieren können; von den Fachschaftsinitiativen bis zum Streiksemester ist alles dabei. Vielmehr ist deutlich, daß sich die meisten hier nicht engagieren wollen. In Guatemala dürfen sie nicht, jedenfalls nicht so, wie sie wollten.
Politisches Engagement ist ein Wagnis
Zu diesem Thema war kürzlich Genaueres zu erfahren: Am 2. November waren drei studentische VertreterInnen aus Guatemala am Berliner Otto-Suhr-Institut der Freien Universität zu Gast und berichteten ausführlich über Geschichte und Situation politischer Mitwirkung von Studierenden in ihrem Heimatland. Rebeca, Cecil und Víctor – drei junge Menschen, an das Reden in der Öffentlichkeit gewöhnt, erfahren und kompetent, könnten genauso gut einer hiesigen studentischen Gruppierung angehören. Aber nach und nach wurde deutlich, was es dort heißt, politisch zu arbeiten. Es kann das Leben kosten.
Alle Studierenden in Guatemala sind automatisch Mitglieder der Asociación de Estudiantes Universitários (AEU), dem StudentInnenverband. Sie wählen alle zwei Jahre ein Generalsekretariat, bestehend aus vier Mitgliedern. Für viele Themen wie inneruniversitäre, nationale und internationale Fragen, Umwelt, Frauen, Kultur usw. gibt es Arbeitskommissionen; dazu kommen 29 Fachbereichsräte. Die politische Orientierung der AEU (hier also: der VertreterInnen in den Gremien) hängt vom Wahlverhalten der Studierenden ab, jedoch – so Víctor – wurde in den letzten 30 Jahren immer links gewählt.
Die AEU zählt zu den Organisationen im Land, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder politisch eingemischt haben. Eine politisch motivierte StudentInnenbewegung gab es an der viertältesten Universität Lateinamerikas schon um die Jahrhundertwende. 1920 wurde die AEU gegründet und war von Anfang an ein wichtiges Element bei sozialen Bewegungen, so daß sie von Jorge Ubico, Diktator in Guatemala von 1932 bis 1944, kurzerhand aufgelöst wurde. Die sogenannte Oktoberrevolution vom 20.10.1944 ermöglichte ihr die Neugründung. Und in den zehn folgenden Jahren der Reform war die AEU eine einflußreiche Kraft, Jurastudenten wirkten am Landreformprogramm mit, und auch Regierungsmitglieder gingen aus der AEU hervor.
Aber der Putsch von rechten Militärs und des CIA im Jahre 1954 erstickte neben allen anderen Reformkräften auch die StudentInnenbewegung: Ermordungen, Verhaftungen und Exil waren an der Tagesordnung, und der politische Winter zwang dazu, die Organisation unter repressiven Bedingungen neu aufzubauen. Erst in den sechziger Jahren konnten sich AEU-VertreterInnen wieder zu Wort melden. Damals ging es vor allem um soziale Forderungen und Öffentlichkeitsarbeit. Die StudentInnenbewegung bekam in den Siebzigern großen Auftrieb, der durch den Mord an AEU-Chef Oliverio Castañeda de León am 20.10.1978 einen brutalen Einschnitt erlitt. Seither nennt sich die AEU nach ihm.
Die Repressionen nahmen während der Präsidentschaft von Lucas García (1978-82) und von Rios Montt (1982-83) stark zu. Bis Mai 1984 war die gesamte Leitungsebene der AEU beseitigt worden, 3.000 Mitglieder der Universität waren ermordet, “verschwunden” oder im Exil.
Die Repression dauert auch nach der Diktatur an
Erst unter den Zivilregierungen seit 1986 änderte sich wenigstens die offizielle Haltung der Machthaber zur AEU. Im angeblichen Demokratisierungsprozeß konnten die AEU-AktivistInnen nicht mehr so pauschal diskriminiert und nicht mehr unter den Augen der Öffentlichkeit verfolgt werden. Dennoch gab und gibt es immer wieder gewaltsame Übergriffe auf politisch engagierte Studierende. 1989 wurden zehn MitarbeiterInnen der AEU entführt – vier von ihnen fand man später tot auf, und von den anderen fehlt noch jetzt jede Spur. Erst vor kurzem, Anfang Oktober dieses Jahres, wurde ein AEU-Funktionär bedroht, der eine LandbesetzerInnengruppe mitorganisieren wollte; er wurde geschlagen, man besprühte ihn mit Tränengas und fügte ihm Schnittverletzungen im Gesicht zu. Dies geschah in der Hauptstadt, nahe der Universität.
Die AEU vermochte ihre Arbeits- und Artikulationsformen dennoch zu ändern, denn ab Mitte der 80er Jahre konnte die “Politik der verbrannten Erde”, des bedingungs- und rücksichtslosen Kampfes von Militär und Todesschwadronen gegen jede Form von Opposition nicht mehr aufrechterhalten werden.
Seither ist die AEU auf zwei großen Gebieten tätig. Sie kümmert sich zum einen um inneruniversitäre Angelegenheiten, um die Rechte von Studierenden, um Frieden an der Universität und vernünftige Ausbildungsbedingungen. Zum anderen arbeitet sie am Demokratisierungs- und Friedensprozeß mit.
Im Mai 1993 erreichte die AEU einen großen Erfolg, als sie mit vielen anderen Reformkräften auf die Straße ging und Präsident Jorge Serrano Elias zum Rücktritt zwang, der mir seinem Selbstputsch eine Staatskrise hervorgerufen hatte.
Die AEU ist Mitglied in einem der Dachverbände der Volksorganisation Unidad de Acción Sindical Popular (UASP) und sitzt im Kreis der zivilen Vereinigungen, die als eine Art Beratergremium die Friedensverhandlungen zwischen URNG und Regierung begleiten. Dort können sie auch ihre Vorstellungen für einen Frieden in Guatemala einbringen können. Leider, so beklagten sich die drei Studierenden, werde dieses Gremium viel zu wenig in den Verhandlungsprozeß einbezogen, es ginge da eher um ein Alibi…
Sie betonten, daß nach Meinung der AEU ein Frieden noch nicht automatisch mit dem Ende des Krieges erreicht sei. Dieser könne nur dann entstehen, wenn die vielen Fragen, an denen sich der Konflikt seit Jahrzehnten entzündet, ernsthaft angegangen werden.
Reformismus ohne den Staat
PC ist, wenn es einem wenigstens peinlich ist, im Supermarkt den billigen Melitta-Kaffee zu kaufen. Political Correctness – ein Erstweltbegriff par excellence. Und ein dummer noch dazu. Der Begriff setzt verschiedenes voraus: Erstens, daß es Dinge gibt, die definitiv richtig sind – und somit auch solche, die immer falsch sind, und zweitens, daß das auch noch irgendwas mit Politik zu tun hat. Political Correctness also ein Kampfbegriff einer Avantgarde, die die Realität richtig, und zwar einzig richtig, zu interpretieren weiß und daraus politische Handlungsrichtlinien vorzugeben in der Lage ist? Wohl nicht, denn da ist keine Avantgarde, da sind höchstens viele Avantgärdchen, und so wie sich das Wort anhört, ist es vielleicht gar nicht so falsch – Gärtchen eben, wohlgehütete Wahrheiten, deren Beachtung kaum Anerkennung, deren Verletzung aber umso mehr Empörung auslöst, bei jeweils denjenigen, die gerade den Überblick haben, was political correct zu tun und vor allem, was zu lassen ist.
Da wird unversehens gemieden, wer im falschen Moment ein Päckchen “Marl-boro” aus der Tasche zieht, da macht sich unmöglich, wer einfach so Urlaub in Guatemala macht. Das nervt natürlich, und so ist in Deutschland Political Correctness auch nie zum identifikationsstiftenden Begriff einer Bewegung geworden, es sei denn, einer Gegenbewegung. Anti-PC, das ist schon wieder Protest gegen den Mittelstandsliberalismus, gegen die gelangweilt-aufgeklärte Schulmeisterlichkeit, gegen die Lebensunlust, die den Konsum-Einzwängern anzuhängen scheint, gegen das ewige Miesmachen. Ich geb Gas, ich will Spaß – Love-Parade, Lackleder und Techno-Gebumse haben längst gegen Alpaca-Pullover und Kuschelsex gesiegt. Und trotzdem ist der alternative Handel in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, sondern angewachsen, trotzdem haben sich in die Kaufentscheidungen neben Preis und Qualität andere Kriterien eingeschlichen.
Nichtsdestoweniger scheint es in Deutsch-land eine ganz besondere Schieflage zu geben. Und wieder, wie schon seit ein paar Jahren, steht der Begriff der Identität da im Mittelpunkt. Nicaragua-Kaffee trinken und gleichzeitig auf SAT 1 70er-Jahre-Pornos gucken, Nestlé boykottieren und ab und an mal zu McDonalds gehen, oder McDonalds boykottieren, aber ein Konto bei der Deutschen Bank haben, oder nur Neutralreiniger verwenden aber dreilagiges Klopapier, oder aus Prinzip Fahrrad fahren, aber mit batteriebetriebenen Lämpchen… all das hilft nicht weiter bei der Identitätsstiftung. “Sag mir, wo du stehst”, sang in der DDR einst der Oktoberklub, im Westen hieß das “Alle, die lieber Selbstgedrehte rauchen, sollen aufstehen”, war noch blödsinniger und kam von den Bots. Lang ist’s her.
Die individuelle Entscheidung über das Lassen und Nichtlassen, das Tun und Nichttun wird in Deutschland immer als Ausdruck einer ganzen Lebenseinstellung verstanden – und eben auch nur so gelten gelassen. Sicher auch deshalb hat in Deutschland zum Beispiel die Boykott-Bewegung gegen bestimmte Produkte oder Hersteller nie so recht Erfolg haben können. Wenn in den USA eine Gewerkschaft zum Boykott von irgendwas aufruft, dann geht es meist um ganz konkrete politische Ziele. Sind die erreicht, wird der Boykott auch wieder aufgehoben – so ist er lebbar und nicht selten erfolgreich, wenngleich er das System nicht aus den Angeln hebt. Wenn man das mit dem deutschen Shell-Boykott in Sachen Südafrika vergleicht, wird der Unterschied klar: “Kill a Multi” war das Motto, und das hält lebenslang und bewirkt gar nichts. Es sind diese Übertreibungen, die die Lebbarkeit des politisch Richtigen für so viele unmöglich machen.
Im Konsumbereich kommt dazu der Idiotismus so manchen alternativen Verkaufsschlagers: Honig aus Südmexiko, ganz ökologisch hergestellt, soll hier gekauft werden. Als ob es nicht tausendfach ökologisch sinnvoller wäre, den allüberall etwa im Berliner Umland von Klein-ImkerInnen produzierten Honig zu kaufen, der nicht energieverzehrend tausende von Kilometern transportiert werden muß. Aber: Was schick ist, bestimmt das Bewußtsein.
Die Liste des Unsinnigen ließe sich endlos fortsetzen. Was fehlt, ist eine Debatte darüber, was womit eigentlich erreicht werden soll. Das ist umso schlimmer, weil so die Niederlage ewig ist. Denn wo kein Ziel ist, kann auch nie ein Erfolg erreicht werden.
Nehmen wir die Debatte um den “fair gehandelten” Kaffee. Jeder weiß, daß der Kaffee nicht wirklich fair gehandelt ist, daß mit ein paar Mark Aufschlag nicht die Ausbeutung aus der Welt geschafft wird. Jeder kriegt Bauchschmerzen, wenn Riesenröstereien in der Bundesrepublik für eines ihrer Produkte plötzlich das TransFair-Siegel verpaßt bekommen. Warum? Weil wir immer alles wollen, und unterhalb dessen nur Mißerfolge, faule Kompromisse, Betrugs- und Vereinnahmungsversuche sehen. Daß der TransFair-Verein zunächst einmal den Beweis erbracht hat, daß sich ein mit politischen und sozialen Kriterien vermarktetes Produkt verkaufen läßt, fällt in der Bewertung unter den Tisch. Immerhin 37 Prozent der BundesbürgerInnen, so sagens die Marktumfragen, sind bereit, aus derartigen Gründen Aufpreise zu bezahlen. Und das ist ein gutes Zeichen, auch wenn die Revolution damit nicht näher gerückt ist. Hier ist doch ein Ansatzpunkt zum Weiterarbeiten – das einfache Distanzieren hilft niemandem.
Und grundsätzlich sei einmal konstatiert: Mit politisch korrektem Individualverhalten ist kein System auszuhebeln, bewußtes Einkaufen ist nicht revolutionär. Die Überlegung freilich, wen oder was ich mit meinem Geld finanzieren will, wovon ich mich ernähren will und ob ich meinen Spaß unbedingt auf Kosten anderer erleben muß, ist damit längst nicht vom Tisch. Jede Entscheidung aber bleibt systemimmanent, will von der Nachfrageseite aus das Angebot beeinflussen und tut dies auch nicht gänzlich ohne Erfolg. Die Art des Wirtschaftens wird genau da zu verändern versucht, wo sie verwundbar ist: Nicht an der Moral, sondern an der Vermarktung; Reformismus ohne staatlichen Eingriff.
Aber zurück zum Begriff des “Politically correct”. Der entstand in den USA als etwas ganz anderes denn als Liste von Einkaufstips und Verhaltensmaßregeln. Zunächst einmal war die Ebene der Sprache, der Kommunikation gemeint. Unter dem Einfluß solcher Leute wie dem Sprachwissenschaftler und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky sollten Worte und Sprachgebrauch auf diskriminierende Inhalte untersucht und dementsprechend verändert werden. Hier erst hat auch das “correct” wirklich seinen Sinn: Denn von “Amerika” zu sprechen und die USA zu meinen, ist schlicht falsch, genauso wie “Bürger” zu sagen und damit nicht nur Männer zu meinen. Wer Guatemalas Militärs als “Sicherheitskräfte” bezeichnet, unterliegt einem Irrtum genau wie diejenigen, die von “Familienplanung” schreiben und “Bevölkerungspolitik” meinen. Auf dieser Ebene bekommt “PC” einen Sinn, und der ist auch nicht überholt, modeabhängig oder szenebegrenzt. Denn wenn es so ist, daß Sprache unser Denken erst möglich macht, dann ist die Art der Sprache auch für die Art des Denkens entscheidend – gerade hier aber scheint der Einfluß der Kritik in Deutschland verschwindend gering geblieben zu sein. Selbst in der taz ist das große “I” als nicht-diskriminierende Sprachform schon fast wieder verschwunden, und in die meisten Medien hat dieses Bemühen um sprachliche Präzision überhaupt nie Eingang gefunden. Hier haben wir – und gemeint sind Menschen, die mit Medien zu tun haben – noch einiges zu leisten.
Kurz: Vergessen wir PC als Individualkategorie für das Konsumverhalten. Dabei hilft nur Nachdenken – ohne Dogmen und modischen Schick.
Die Verhandlungen laufen
Das Abkommen vom März (vgl. LN 239) über die allgemeine Einhaltung der Menschenrechte, die Auflösung der Todesschwadrone und illegalen Streitkräfte und die Einrichtung einer UNO-Mission in Guatemala waren nur ein brüchiges Fundament für weitere Verhandlungen. Bereits im Mai klagten verschiedene Sektoren der guatemaltekischen Gesellschaft Regierung und Militär an, die Bestimmungen nicht einzuhalten; neue Menschenrechtsverletzungen wurden bekannt, und die UNO-Mission ließ auf sich warten.
Nach jahrelangem Widerstand hatte sich die URNG im März der Forderung der Regierungsseite gebeugt, die Frage der Wiederansiedlung der Flüchtlinge aus den allgemeinen Friedensverhandlungen auszuklammern. Seit über zehn Jahren befinden sich hunderttausende Flüchtlinge in Mexiko und im Landesinneren; zu ihnen gehören auch die Geheimen Widerstandsdörfer (CPR). Das Befürchtete trat ein: Die Armee war in den Verhandlungen im Frühjahr nicht bereit, irgendeine Verantwortung für die Repressionen zu übernehmen, die zu der riesigen Flüchtlingswelle geführt hatten. Sie erklärte den Verhandlungsbereich zu einem allgemeinen humanitären Problem, so daß nach ihrer Vorstellung nur praktische Fragen gelöst werden müßten, ohne die Ursachen zu thematisieren. Die Verhandlungen zur Wiederansiedlung waren vor allem durch folgende Streitfragen belastet:
1. Die Militärs waren nicht bereit, die Rückkehrenden einschließlich der BewohnerInnen der CPR (die von ihnen als politischer Arm der Guerilla betrachtet werden) als Zivilbevölkerung anzuerkennen.
2. Die Landbeschaffung für die retornos stand (und steht) vor großen Schwierigkeiten, weil das Land, von dem die Menschen 1981/82 vertrieben wurden, unter staatlicher Aufsicht neu besiedelt worden ist – durch sogenannte Modelldörfer und durch Militärstützpunkte.
3. Die Forderung der Flüchtlingsorganisationen, einzelne Personen als Zeugen der Vertreibung auftreten zu lassen, wurde seitens der Armee zurückgewiesen. “Verständlich”, denn die meisten der Verantwortlichen sitzen noch auf ihren Posten.
Zwei Abkommen im Juni
Aufgrund dieser Diskrepanzen kam es Anfang Juni zu einem kurzzeitigen Abbruch der Verhandlungen. Erstaunlicherweise wurde Mitte Juni in Oslo dennoch ein Abkommen zur Wiederansiedlung geschlossen. Es scheint aber so, daß die Regierungsseite großen Druck auf die URNG ausgeübt hat, um überhaupt irgendein Ergebnis vorweisen zu können, freilich um den Preis wirklicher Lösungen. Zum einen treten die Vereinbarungen erst nach Abschluß des Friedensvertrages in Kraft, der für Dezember dieses Jahres geplant ist, womit sich der Rückkehrprozeß unerträglich verzögert; zum anderen sind in dem Abkommen keinerlei Regelungen über eine Entmilitarisierung der Rückkehrgebiete getroffen worden. Dies ist aber eine der Hauptforderungen der Flüchtlinge und der URNG, zumal die letzten beiden Jahre gezeigt haben, daß die Militärpräsenz für die, die schon zurückgekehrt sind, eine reale Bedrohung bedeutet, von der psychischen Wirkung einmal abgesehen.
Wenige Tage nach dem Abkommen zur Wiederansiedlung unterzeichneten die Parteien ein zweites, in dem sie die Einrichtung einer Wahrheitskommission beschlossen. Auch dieses eine Farce, denn es tritt gleichfalls erst nach dem Friedensvertrag in Kraft. Zudem soll die Kommission lediglich sechs Monate arbeiten dürfen, was zu einem sehr lückenhaften Ergebnis führen muß – ganz im Sinne derer, die für die aufzudeckenden Verbrechen verantwortlich sind.
Im Sommer nahm die Zahl der Menschenrechtsverletzungen nicht ab, wie nach den beiden Juni-Abkommen zu erwarten gewesen wäre. Man verzeichnete sogar eine neue Welle von Gewalttaten, die rasch zum Abbruch der Verhandlungen führte: GewerkschafterInnen wurden ermordet, VertreterInnen internationaler Organisationen bedroht, und im Ixcán kam es zu schweren Gefechten zwischen der Armee und der URNG.
Neue Verhandlungsrunde unter UNO-Vermittlung
Am 19. September stimmte die UN-Vollversammlung, fast ein halbes Jahr nach den Beschlüssen vom März, der “Mission der Vereinten Nationen für Guatemala” (MINUGUA) zu. Bereits am 20. Septem-ber traf eine Vorbereitungsdelegation mit zehn TeilnehmerInnen im Land ein, geleitet von dem Argentinier Leonardo Franco. Er löste Jean Arnault ab, der bis dahin bei der UNO für Guatemala zuständig war und nach anfänglichem Desinteresse doch heftig auf Lösungen gedrängt hatte. Die Hintergründe dieses Wechsels wurden jedoch nicht bekannt.
Am Tag nach der Ankunft begannen die Gespräche der UN-Vertreter mit Präsident de Léon und anderen leitenden Regierungsmitgliedern. Am 28. und 29. September fand in Mexiko die erste neue Runde der Verhandlungen zwischen URNG und Regierung statt.
Das Klima der ersten Begegnung war von gegenseitigen Anschuldigungen wegen der Menschenrechtsverletzungen und Kriegsaktionen der letzten Monate geprägt. Darüber hinaus zeichnete sich ab, daß die Regierungsseite nun sehr auf einen termingerechten Abschluß des Friedensvertrages im Dezember drängt und daß sich die Verhandlungen eher um die Einhaltung des Termins als um inhaltliche Fragen drehen werden.
Wie nun weiter? Offenbar hat die URNG eine schlechte Position, da sie militärisch nicht sehr schlagkräftig zu sein scheint, Regierung und UNO jedoch vor allem an schnellen Ergebnissen interessiert sind; der “Erfolg” von El Salvador soll sich in Guatemala wiederholen. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, daß die URNG immer weiter hinter ihre ursprünglichen Forderungen zurückweichen muß, daß beispielsweise die Flüchtlinge zwar zurückkehren, daß aber die Zustände, die sie zur Flucht gezwungen haben, nicht geändert werden.
Wird es die Guerilla wagen, die Verhandlungen abzubrechen, wenn die Verhandlungspositionen zu weit von ihren Grundforderungen abweichen?
“Romper el cerco”
Szenenwechsel: Eine alte Indígena in traditioneller Kleidung blickt fast eine halbe Minute lang ruhig in die Kamera. Dann beginnt sie, Maismehl zu mahlen. Ihre zupackenden, geduldigen Hände, die dem Mahlstein ein monotones, schabendes Geräusch entlocken, und die behandschuhten Trommler der Militärcombo bilden das symbolträchtige optische und akustische Kontrastmuster, welches das Video “Romper el cerco” durchzieht.
Im Mittelpunkt der Dokumentation von Uli Stelzner und Thomas Walter, die Ende `93 gedreht wurde, steht die Situation der Flüchtlinge des guatemaltekischen Bürgerkriegs. Nachdem die Autoren sich in ihrem Video “Ojalá” in erster Linie mit den guatemaltekischen Flüchtlingen in Mexiko und deren Rückkehrplänen beschäftigt haben, dokumentiert “Romper el cerco” die Situation in dem Land selbst. Im beobachtenden Reportagestil, der nur von wenigen Kommentaren durchbrochen wird, werden ruhige, lange Bildsequenzen und ausführliche Interviews aneinandermontiert. Während die Parteinahme für die Flüchtlinge unmißverständlich deutlich wird, enthalten die Filmemacher sich einer Einschätzung der politischen Chancen für einen Friedensprozeß in Guatemala.
Gespräche mit Landbesetzern in einem Armenviertel am Rande von Guatemala-Stadt, mit BewohnerInnen von Widerstandsdörfern in entlegenen Regionen des Landes und RückkehrerInnen aus Mexiko kontrastieren mit Zeugnissen der offiziösen Propaganda des guatemaltekischen Militärs: In einem Interview liest ein Presseoffizier haarsträubende Verlautbarungen vom Blatt ab. Die Rede ist von einer “Kampagne zur Verteidigung der Bevölkerung und Zerstörung der Subversion”. Anschließend führt er ein Propagandavideo vor, in dem die BewohnerInnen der Widerstandsdörfer als “entführte Bauern” und “Opfer eines Betruges” bezeichnet werden, die aus Angst oder Unwissenheit mit der Guerilla kooperieren.
Dem werden die Aussagen von BewohnerInnen der sogenannten Widerstandsdörfer entgegengestellt: Die indianischen Campesinos und Campesinas erzählen ihre persönlichen Geschichten: Vom Beginn der Repression und Vertreibung Anfang der achtziger Jahre, von der Flucht in entlegene Gebiete, wie etwa die Berge der Provinz Quiché, wo mittlerweile etwa 20.000 Menschen außerhalb der Kontrolle von Armee und Militär leben.
Insgesamt gibt es in Guatemala 1,5 Millionen Flüchtlinge. Die Widerstandsdörfer in den Bergen und im Dschungel waren und sind permanenten Angriffen und Bombardements von Seiten der Militärs ausgesetzt. Noch immer weigert sich die Regierung, die BewohnerInnen dieser Dörfer als Zivilbevölkerung anzuerkennen. Im Laufe der Jahre haben diese gelernt, Maßnahmen zum Selbstschutz zu ergreifen. Der Film dokumentiert den Alltag in diesen Dörfern und läßt die BewohnerInnen zu Wort kommen. Einige der Interviewten glauben trotz Friedensverhandlungen und der Rückkehr einiger Flüchtlinge aus Mexiko nicht an die Reformfähigkeit des guatemaltekischen Staates und wollen daher auf jeden Fall in den Bergen bleiben. So sagt ein Campesino: “Wir erklären, daß wir unser Volk nie mehr ausliefern werden, denn wir sehen, daß keine Regierung Guatemala verändert hat.”
Die 5.000 Flüchtlinge, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nach jahrelangem Exil im benachbarten Chiapas in die Urwaldregion der Provinz Quiché zurückgekehrt sind, scheinen dagegen optimistischer zu sein, setzen auf ihre guten Organisationsfähigkeiten und hoffen, die Kooperativen, die es dort vor der Vertreibung gab, wiederbeleben zu können. Gleichzeitig sehen auch sie sich vor großen Problemen, wie etwa der Knappheit von Land. So finden die RückkehrerInnen auf ihren alten Parzellen Bauern vor, die vom Staat angesiedelt wurden. Das schafft Konflikte. Die Flüchtlingsbehörde versucht, die verschiedenen Campesinogruppen gegeneinander auszuspielen. Das Militär ist massiv präsent, schüchtert ein und versucht, die RückkehrerInnen davon abzuhalten, Kontakt zu den versteckten Widerstandsdörfern in der Region aufzunehmen. Gleichzeitig werden die Offensiven gegen die Subversion fortgesetzt. Deshalb kommt ein Campesino zu dem Fazit, daß kein Wille da sei, die Problematik des Landes zu lösen: “Das ist unsere große Sorge: Wenn die Repression weitergeht, könnte es leicht sein, daß wir noch mal fliehen müssen.”
Dagegen meint ein Mann aus einem Widerstandsdorf in der Dschungelregion der Provinz Quiché: “Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ans Licht zu gehen. Wir müssen versuchen, den Kreis zu durchbrechen, oder den Eindruck zunichtezumachen, den die Armee und diejenigen von uns haben, die unserem Kampf nicht wohlgesinnt sind. Trotzdem werden wir unsere Organisationsform niemals aufgeben.”
Bettina Bremme
Romper el cerco – Flüchtlinge eines verdeckten Krieges. BRD/Guatemala 1994, Video, 60 Min. Leihgebühr: 40,- (plus Porto), Deutsche oder spanische Version
Verleih und Vertrieb:
ISKA, Oberste Gasse 24, 34117 Kassel, Tel: 0561/772894 oder: autofocus, Oranienstraße 45, 10969 Berlin, Tel. 030/6155458
Debatten jenseits der Wirklichkeit
Pragmatische Frauenlobby
Drei Wochen lang tagten auf der letzten Vorbereitungskonferenz für Kairo (Prepcom) Regierungsdelegationen und insgesamt 1200 VertreterInnen von geladenen NGOs in New York. Sie korrigierten an einem rund 100-seitigen Papier herum, dem sogenannten “Weltaktionsplan”, der nicht weniger als eine Richtlinie für die nächsten 20 Jahre internationaler Bevölkerungspolitik darstellen soll. Er wird in Kairo zur Unterzeichnung vorliegen.
Anfangs wurde auf der Konferenz daran gearbeitet, den Spagat zwischen weiterhin formulierten demographischen Zielsetzungen und der allgemein bezeugten Ablehnung von Zwangsmaßnahmen gegen Frauen zu kaschieren. Die Kritik von Frauengesundheitsorganisationen an der Praxis von Familienplanungsprogrammen hat inzwischen Eingang in die Diskurse bevölkerungspolitischer Institutionen und Regierungen gefunden. Freiwilligkeit, Wahlfreiheit der Verhütungsmethoden, Beachtung der sozialen und kulturellen Hintergründe und die Achtung der reproduktiven Gesundheit von Frauen sind allgemeinbenutzte Floskeln. Den Vertreterinnen von Frauenorganisationen, die einen Großteil der NGO-Delegierten ausmachten, gelang es in professioneller Lobbyarbeit, weitere Formulierungen über ethische Normen und Qualität von Familienplanungsprogrammen im Aktionsplan durchzusetzen. Damit ließen sie sich jedoch auf den ideologischen Rahmen des Planes ein: die Verknüpfung von Bevölkerungswachstum als Ursachefaktor mit verschiedensten gesellschaftlichen Problemen wie Verarmung, Flucht und Umweltzerstörung. Die internationale Kontroverse innerhalb der Frauenbewegungen, ob Bevölkerungspolitik an sich notwendig und feministisch reformierbar ist oder als Herrschaftsstrategie und biologistische Ideologie grundsätzlich bekämpft werden muß, wurde unter den Tisch gekehrt. Und dies, obwohl demographische Zielsetzungen weiterhin Teil des Aktionsplanes sind.
Der offizielle Machbarkeitswahn sieht keine Widersprüche zwischen Freiwilligkeit der Geburtenkontrolle und demographischen Zielen. Die Weltbevölkerung soll ohne Zwangsmaßnahmen bis zum Jahr 2015 auf 7,3 Milliarden Menschen “stabilisiert” werden. Familienplanungsprogramme sollen lediglich die statistisch genau ermittelte Anzahl von Frauen erreichen, die an einem “ungedeckten Bedarf” an Verhütungsangeboten leiden. Wie dies geschehen soll, drücken die bevölkerungspolitischen Planer auch hauptpsächlich in Zahlen aus. Bis zum Jahr 2000 soll der Etat für bevölkerungspolitische Programme international auf insgesamt 13 Milliarden US-Dollar steigen. Dazu werden die Regierungsbudgets für Familienplanung offiziell von 1,4 auf 4 Prozent der Entwicklungshilfegelder erweitert, also zu Lasten anderer entwicklungspolitischer Etats. Die von der pragmatischen Frauenposition unterstützte Strategie, sozialpolitische Progamme zur Voraussetzung von mehr Entscheidungsmöglichkeiten für Frauen zu erklären, erweist sich damit als Farce.
Massive päpstliche Intervention verdeckt Konflikte
Erfolg oder Vereinnahmung: So oder so wurden die Korrekturen der Frauenlobby durch die Intervention des Vatikans im zweiten Teil der Konferenz wieder zunichte gemacht. Der durch das Konsensprinzip und als Vollmitglied mit Macht ausgestattete “Heilige Stuhl” erreichte es mit Unterstützung der Delegationen aus Nicaragua, Honduras, Guatemala, Malta und Kroatien, daß die wichtigsten Formulierungen zu reproduktiver Gesundheit wieder in Klammern gesetzt wurden und damit in Kairo neu verhandelt werden müssen. Die päpstliche Lobby stellte nicht nur den Zugang zu sicheren Abtreibungsmöglichkeiten und zu “künstlichen” Verhütungsmitteln in Frage. Auch die Passagen über ein Individualrecht an Geburtenkontrolle, die dem traditionellen katholischen Familienbild widersprechen, waren Angriffspunkte. Diese Polarisierungsstrategie des Papstes, der inzwischen in der argentinischen Regierung einen weiteren Bündnispartner gefunden hat, führt dazu, daß nicht nur die Widersprüche innerhalb der Frauenbewegungen, sondern auch zwischen bevölkerungspolitischen Institutionen und Frauenbewegung öffentlich unsichtbar werden. Damit verringert sich auch der politische Spielraum der Frauenlobby weiter.
Kanther-Bericht verärgert NGOs
Unter diesen Bedingungen bemüht sich die Bundesregierung noch nachträglich, ihre dem Bundesinnenministerium unterstehende Nationale Kommission durch eine Frauenrepräsentantin aus dem Deutschen Frauenrat aufzupeppen und warb Mitte Juni auf einem NGO-Hearing um dessen Teilnahme. Die deutsche Regierungsdelegation wird international besonders beobachtet, weil sie wegen der deutschen EU-Präsidentschaft als Sprecherin des europäischen Blocks auf der Weltbevölkerungskonferenz auftreten wird. Sie besteht bisher als eine der wenigen Delegationen ausschließlich aus Männern: Vertreten sind Bundes- und Länderministerien, die Kirche, das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sowie verschiedene etablierte NGOs, unter anderem die 1991 von Unternehmern gegründete Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW).
Aber selbst in dieser Herrenrunde gelang es der Kanther-Behörde nicht, ihren bei der Prepcom vorgelegten Regierungsbericht als Dokument der “Zivilgesellschaft” darzustellen. Die DSW sah den Bericht anscheinend als kontraproduktiv für ihr liberales Image an. Sie kritisierte, daß er Deutschland nicht zum Einwanderungsland erkläre und verweigerte die Zustimmung. Die DSW hat es innerhalb kürzester Zeit mit Fernsehauftritten, Hochglanzbroschüren und renommierten Mitgliedern aus ARD, GTZ und der Bevölkerungswissenschaft erreicht, als Repräsentantin einer seriösen um das “Weltbevölkerungsproblem” besorgten Öffentlichkeit zu gelten.
Der Regierungsbericht bedient die apokalyptischen Visionen von uns überflutenden Menschenmassen, wie sie seit einiger Zeit in Medien wie SÜDDEUTSCHE, SPIEGEL oder ZEIT zum Thema Bevölkerungswachstum verbreitet werden. So lobt der Bericht das neue Asylrecht und die Ausländergesetzgebung als geeignete Mittel, dem “Wanderungsdruck auf Westeuropa” entgegenzuwirken: “Die angestrebte Integration (von Ausländern) ist aber nur möglich, wenn der weitere Zuzug aus den Staaten außerhalb der Europäischen Union begrenzt und gesteuert wird.” Dem in dem Bericht ausführlich beklagten “Bevölkerungsrückgang” und der “Alterung” der deutschen Bevölkerung könne deswegen nicht durch Einwanderung entgegengewirkt werden. Unterstrichen wird dies durch Anwendung des deutschen Lex Sanguinis in den beigefügten demographischen Prognosen: Bis in das Jahr 2030 wird das Wachstum der Kategorie ausländische Bevölkerung getrennt von der Kategorie deutsche Bevölkerung hochgerechnet. Eine implizit durch diese Betrachtungen nahegelegte pronatalistische Politik für letztere will die Regierungskommission allerdings nicht deklarieren. Der Bericht sieht von einer “Zielvorstellung für die künftige Geburtenentwicklung” in der BRD ab. Familienpolitik habe eine eigenständige Bedeutung.
Anders sieht es dagegen bei Bevölkerungspolitik im Rahmen internationaler Entwicklungspolitik aus. Die Ursachen des “Wanderungsdrucks” werden zwar als “komplex” beschrieben. Die angepriesene Lösung ist aber einfach die Bekämpfung der Ursache “Überbevölkerung” durch die Erhöhung des Etats des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) für Familienplanungsprogramme. Das BMZ hat seit 1991 Bevölkerungspolitik zu einem Schwerpunkt internationaler Entwicklungshilfe erklärt und die Gelder dafür von 74 Millionen DM 1990 auf 160 Millionen DM 1993 erhöht. Darüber hinaus schlägt der Bericht für die Zukunft eine Art bevölkerungspolitische Konditionierung von Entwicklungspolitik, eine “Überprüfung von Projektansätzen auf eine mögliche Einbindung bevölkerungspolitisch wirksamer Maßnahmen” vor.
Liberaler Mainstream
Mit diesem zweiten, entwicklungspolitischen Teil des Regierungsberichts hat die liberale Öffentlichkeit keine Probleme. Die in den 70er Jahren noch in breiteren Kreisen umstrittene Verknüpfung von Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung/Verarmung gilt heute als objektive Tatsache. Dabei gehen die in Ökologie und Entwicklungspolitik engagierten Lobbyisten nicht mehr so platt von Bevölkerungswachstum als alleiniger Ursache von Armut und Umweltzerstörung aus, sondern präsentieren komplizierte Modelle von Wechselwirkungen verschiedener sich gegenseitig beeinflussender Faktoren. Die Menschenzahl sei nur eine der zu reduzierenden Größen, auf die man sich aber gerade spezialisiert habe. Der ÖkoMarshallplan etwa, der von Franz Alt zusammen mit vier Umweltpolitikern aus CDU, SPD, FDP und GRÜNEN im letzten Jahr proklamiert wurde, fordert von Entwicklungsländern eine Bekämpfung der “Bevölkerungsexplosion” und stellt dies als gleichwertige Aufgabe zu einer Politik der CO-2-Reduzierung in den Industriestaaten dar. Menschen und Schadstoffemissionen werden dabei zu kompatiblen, als politische Verhandlungsmasse einsetzbaren Größen.
Auch die von verschiedenen Entwicklungshilfeagenturen (Brot für die Welt, Misereor, Terre des Hommes, GEPA, DED u.a.) getragene Kampagne “Eine Welt” hat sich dieses Jahr das “Weltbevölkerungsproblem” auf ihre Fahnen geschrieben. Dazu hat “Eine Welt” mit Subventionen des BMZ preisgünstige Unterrichtsmaterialien in einer Auflage von 50.000 Exemplaren produziert. Die Titelfrage “Ein überbevölkerter Planet?” wird im Text folgendermaßen beantwortet (Suggestiv wird die Antwort schon auf dem Deckblatt nahegelegt. Ein Foto zeigt eine hinter einem Stacheldrahtzaun wartende Menge schwarzer Menschen): “Überbevölkerung ist auch im Zusammenhang mit den ökologischen Zerstörungen nur ein Faktor der Erklärung, der allerdings vor allem lokal für die konkrete Umwelt in der Dritten Welt eine erhebliche Bedeutung hat”. Auch hier wird Bevölkerung zur Variable für die Lösung von sich in Entwicklungsländern zuspitzenden sozialen Problemen. Und auch ein weiterer Trend zeigt sich in dieser angeblich zum Fragen und Lernen anregenden Broschüre. Die realen Auswirkungen der bereits seit dem Zweiten Weltkrieg bestehenden Programme bevölkerungspolitischer Agenturen auf das Alltagsleben von Frauen werden ausgeblendet. An deren Stelle treten allgemeine Empfehlungsfloskeln: “Das ‘generative Verhalten’ der Menschen ist von einer Vielzahl sozialer und kultureller Faktoren abhängig; das bedeutet auch, daß Bevölkerungspolitik, die auf dieses Verhalten Einfluß nehmen will, die Vieldimensionalität dieses Bereichs anerkennen muß”.
Wirklichkeit in die Debatte einbringen
Die Frauenorganisationen UBINIG aus Bangladesh und AWHCR von den Philippinen wollen solchen Plastiksätzen mit einem Internationalen Hearing “Crimes Against Women Related to Population Policies” auf der Konferenz in Kairo entgegenwirken und damit “die Wirklichkeit von Frauen in die Debatten über Bevölkerung und Entwicklung einbringen. Denn viele dieser Diskussionen sind ihres Kontextes beraubt worden.”
In der BRD ist die BUKO-Pharmakampagne gegen die schon weit entwickelten Forschungen an einem Antischwangerschaftsimpfstoff ein Beispiel der Kritik an den tatsächlichen Entwicklungen in den Methoden von Bevölkerungspolitik. Auch die Bundesregierung finanziert über die Weltgesundheitsorganisation die Entwicklung eines Impfstoffes, der darauf ausgerichtet ist, das Immunsystem von Frauen auf eine Abwehrreaktion gegen die als Epidemie konstruierte Schwangerschaft umzupolen. Einziger Zweck eines solchen in seinen Konsequenzen für die Gesundheit von Frauen nicht abschätzbaren Eingriffs in das Immunsystem kann nur sein, einen Schritt weiterzugehen in der Entwicklung möglichst massenhaft und billig einsetzbarer, der Kontrolle und Motivation von Frauen entzogenen langfristig wirksamen Verhütungsmethoden.
Der Artikel speist sich im wesentlichen aus den in den blättern des iz3w Nr. 198 Juni/Juli (Schwerpunkt: Bevölkerungspolitik) erschienenen Artikeln von Ingrid Schneider über die internationale Vorbereitungskonferenz und von Ute Sprenger über die Vorbereitungen der Bundesregierung (blätter Nr 196).
Die LN hatten in der Nummer 231/232 einen Schwerpunkt zum Thema Bevölkerungspolitik, in dem auch ein längerer Artikel von Susanne Schultz abgedruckt ist. Die genaue Übersicht ist im beigehefteten Index zu finden.
Vorwärts, aber nicht vergessen!
Der Polyp und die Demokratie in Guatemala
Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sich Guatemala endlich von der häßlichen Diktatur Jorge Ubicos befreit, der als der “Napoleon der Tropen” in die Geschichte eingehen wollte. Seine wichtigste Tat hatte 1936 darin bestanden, die einseitigen Verträge mit der US-amerikanischen Bananengesellschaft United Fruit Company für weitere 45 Jahre zu verlängern. Diese Gesellschaft, “El Pulpo” – der Polyp – genannt, hatte zehn Prozent der Böden des Landes unter seine Kontrolle gebracht, eigene Straßen, Eisenbahnen, Telephonnetze und Hafenanlagen aufgebaut, brauchte keine Steuern zu zahlen und keine Gewerkschaften zu fürchten.
Die guatemaltekischen Demokraten, die das Erbe Ubicos antraten, wollten das Land ganz sachte und vorsichtig aus seinem halb feudalen, halb kolonialen Zustand in die Neuzeit führen und zimmerten dafür erst mal eine liberale Verfassung, die einige eher zaghafte Reformen erlauben sollte. Der erste Präsident, der Universitätsprofessor Juan José Arévalo, baute Schulen und setzte durch, daß auch die United Fruit Company Gewerkschaften und das Streikrecht anerkennen mußte. Schon das war dem Polypen zuviel. Umso heftiger war die Reaktion, als Arévalo – ganz im Rahmen der Verfassung – nach sechs Jahren das Amt an seinen demokratisch gewählten Nachfolger Jacobo Arbenz abgab. Arbenz war Sohn eines Schweizer Apothekers und als Hauptmann der Armee maßgeblich am Sturz Ubicos beteiligt gewesen. 1952 verkündete er eine äußerst bescheidene Landreform, wie sie auch in der Verfassung vorgesehen war: Die Kaffeeplantagen der während des Weltkrieges ausgewiesenen Deutschen wurden verstaatlicht, und brachliegender Grundbesitz – auch von der United Fruit – wurde an landlose Indios verteilt. Natürlich wurde Entschädigung gezahlt, aber nur gemäß dem Buchwert, den die enteigneten Unternehmen dem guatemaltekischen Fiskus für die betroffenen Ländereien selbst gemeldet hatten. Für die United Fruit ergab das eine Summe von 600.000 Dollar, was US-Präsident Eisenhower “traurig unangemessen” fand.
Eisenhower kannte sich gut aus, weil er sich mit Leuten umgeben hatte, die in den Diensten des Polypen gestanden hatten oder noch standen oder gar selbst beteiligt waren. Außenminister John Foster Dulles hatte 1936 als Mitglied des New Yorker Anwaltsbüros Sullivan und Cromwell die Verträge mit Ubico selbst ausgehandelt. Sein Bruder Allen Dulles war Chef des Geheimdienstes CIA. John Moors Cabot, Staatssekretär für interamerikanische Angelegenheiten, war ein Bruder des Präsidenten der United Fruit. Henry Cabot Lodge, Botschafter bei den Vereinten Nationen, war Großaktionär des Unternehmens. Anne Whitman, Privatsekretärin von Eisenhower, war mit dem Leiter der Public-Relations-Abteilung von United Fruit verheiratet. Eisenhower und Dulles kannten sich also aus und forderten das Fünfundzwanzigfache an Entschädigung.
1954: Das Ende der Hoffnung
Präsident Arbenz wollte mit seiner Landreform etwas mehr gemäßigten Kapitalismus nach Guatemala bringen, aber das bringt ihm nun den Vorwurf des Kommunismus ein.
Die kleine Kommunistische Partei unterstützt ihn, und er muß sich bei der wachsenden Opposition der konservativen Oligarchie auf alle Kräfte stützen, die ihm helfen. Während CIA, United Fruit und die Reaktionäre Guatemalas längst die Invasion planen, wird Arbenz selbst beschuldigt, die Nachbarländer zu bedrohen: “Die Krakenarme des Kreml sind unübersehbar”, warnt John Moors Cabot aus dem Weißen Haus in Washington.
Am Fronleichnamstag 1954 hat Oberst Castillo Armas, an der US-Generalstabsakademie geschult, mit der Unterstützung von CIA-Offizieren in Honduras genügend Kräfte beisammen, um mit etwa 1000 Söldnern, Flugzeugen und Torpedobooten das schlecht gerüstete und kaum verteidigte Land zu überfallen und in zehn Tagen zu erobern. Vorwand war die Nachricht, daß der schwedische Frachter “Afhelm” im Hafen Puerto Barrios 2000 Tonnen Waffen und Munition aus den tschechischen Skoda-Werken gelöscht hatte.
Diktatoren wie Somoza von Nicaragua, Pérez Jiménez von Venezuela, Rojas Pinilla von Kolumbien oder Trujillo von der Dominikanischen Republik preisen beseligt den Sieg der Demokratie in Guatemala. Der Erzbischof von Guatemala, Mariano Rossell Arellano, feiert den Sieg über den “gott- und vaterlandsfeindlichen Kommunismus”.
Jacobo Arbenz muß in der mexikanischen Botschaft um Asyl nachsuchen. Ein junger argentinischer Medizinstudent verbringt diese Tage in Guatemala und versucht, trotz heftiger Asthma-Anfälle, an der Organisation des Widerstands teilzunehmen: Ernesto Guevara, der Che. Er hat diese Erfahrung nie vergessen: die Macht des Imperiums, den Einfluß des Großunternehmens, den Verrat der Oberschicht, den Kleinmut der offiziellen Armee und die Ohnmacht der Indios, die nun wieder enteignet wurden.
Demokratische Reformen waren offenbar auf friedliche Weise nicht durchzusetzen, diese Lehre hatten CIA und United Fruit den lateinamerikanischen Reformern erteilt. Der Che und Fidel Castro haben es dann in Kuba auf andere Weise versucht
Die Ankunft des evangelikalen Zeitalters
Montag Nacht in der Kirche der Wiedergeburt im Stadtzentrum von Sao Paulo. Es ist Jugendgottesdienst. Die Sitze des um-gewandelten Theaters sind an den Wänden gestapelt. Um die 3000 jungen Leute bewegen sich über das leicht schräge Parken. Das junge Publikum kennt die religiösen Rockklänge gut genug, um während der Pausen der Band eine Akapella anzustimmen. Ein Song katalogisiert drei Jahrzehnte internationaler Jugendkultur mit Anspielungen auf die Beatniks, Drogen, Yoga, Naturkost, und Politik (“Müssen wir töten?”), und endet mit der Strophe: “Die Revolution ist Gott, der Vater und sein Sohn Jesus Christ!” Viele der Jugendlichen tragen T-Shirts mit meist englischen Aufschriften, wie: “Be cool, Jesus loves you!” .
Später am Abend wendet sich ein lässig gekleideter Mann um die zwanzig an das Publikum, das mittlerweile auf dem Boden sitzt. Der Seminarstudent bekommt einen besseren Draht zu den Leuten als der schon ältere Prediger. Seine Botschaft ist einfach: “Jesus Christ”, mahnt er. “möchte Teil eures Lebens sein.” Danach kommen zwei oder drei Dutzend nach vorne, um Christus zu akzeptieren, und werden hinter die Bühne geführt, wo sie aufgenommen werden und weitere Anweisungen bekommen. Währenddessen spielt ein bekannter Gitarrist, der ebenfalls Christus entdeckt hat, ein Bluesarrangement auf den 22. Psalm. Wiedergeburtstaumel und Erfolg sind eine Facette der derzeitigen Welle des evangelikalen Protestantismus, die über Lateinamerika schwappt. 1993 bezahlte die Kirche angeblich 2 Mio. US-Dollar für ein Auditorium im Herzen Sao Paulos. Solche Großveranstaltungen sind in Brasilien kaum noch etwas Neues. 1990 bezahlte die von Bischof Edir Macedo geführte Universalkirche des Königreich Gottes 45 Mio. US-Dollar für eine Fernsehstation in Sao Paulo. Macedo kann das Maracaná-Stadion in Rio mit 150.000 Anhängern füllen. Auf einem solchen Zusammenkommen sagte er den Brillenträgern, ihre Augen seien geheilt. Die Brillen wurden eingesammelt und nach vorne gebracht, wo er auf ihnen herumtrampelte.
Linke verharren in alten Denkmustern
Vielleicht aufgrund der Bewunderung der Linken und AkademikerInnen für die Rolle progressiver Teile der Katholischen Kirche in den sozialen Bewegungen, haben sie nur langsam das beträchtliche Anwachsen der Evangelikalen zur Kenntnis genommen. Außerdem wurde versucht das Phänomen in engen reaktionären Begriffen zu sehen, besonders als Guatemalas wiedergeborener Präsident Efraín Rios Montt (1982-83) Massaker der guatemaltekischen Armee rechtfertigte, und US-Fernsehprediger die nicaraguanischen Contras gegen die “gottlosen” Sandinisten unterstützten.
Die wesentlich andere Realität zeigt der Anteil der Protestanten an der Gesamtbevölkerung: Belief er sich noch vor einer Generation auf 2-3 Prozent, erreicht er heute eine kritische Masse um die 15 Prozent (mit großen Unterschieden von Land zu Land). Obwohl die Mehrheit der LateinamerikanerInnen sich bei Umfragen noch immer als KatholikInnen bezeichnet, besuchen nur wenige regelmäßig die Messe. Das Ergebnis ist, daß die Anzahl aktiver protestantischer KirchgängerInnen heute vergleichbar ist mit der Zahl praktizierender KatholikInnen. Die Anzahl praktizierender ProtestantInnen ist jedoch größer als die Zahl der Mitglieder aller anderen ehrenamtlichen Gruppierungen. ob politisch, kulturell oder sportlich, zusammen.
Siegeszug der Evangelikalen in Brasilien
Forscher des Instituts für Religiöse Studien (ISER) in Rio de Janeiro behaupten. daß der evangelikale Protestantismus “die am meisten meinungsmachende Bewegung der derzeitigen brasilianischen Gesellschaft sei, vor allem in den armen Vorstadtbezirken.” ISER fand heraus. daß sich zwischen 1990 und 1992 mehr als 710 Gemeinden im Großraum von Rio etablieren konnten, das bedeutet fünf pro Woche. Während dieser ganzen Zeit hat sich nur eine neue katholische Gemeinde gegründet. Obwohl die traditionellen Kirchen, besonders die Baptisten und die Presbyterianer weiterhin stark präsent sind, waren 90 Prozent der neugegründeten Gemeinden Pfingstgemeinden. In den armen Bezirken war die Proportion der Kirchen zu den BewohnerInnen dreimal höher als in den reichen, in Strandnähe gelegenen Gemeinden.
Aber es wäre ein Fehler anzunehmen, die evangelikale Bewegung wäre eine unaufhaltsame Schwindelei. Trotz guter Organisation einer einwöchigen Evangelisierungskampagne vieler Kirchen in Caracas in der alten Stierkampfarena, konnten sie nicht einmal 1.000 Leute mobilisieren, von denen .die meisten schon Evangelikale waren. Ähnlich plante die Assembleias de Deus in der Karwoche eine Kampagne im Zentrum von Sao Paulo mit dem Ziel, sechs bis zehntausend Seelen für Christus zu gewinnen. Es kamen vielleicht 5000 Leute, die meisten Evangelikale, und jene, die nach vorne kamen um Christus anzunehmen, gingen in die Hundert.
Kürzlich war ich in Sao Paulo. wo die evangelikale Bewegung gut gedeiht, und in Caracas, wo die Protestanten gerade ein Prozent der Bevölkerung ausmachen (für Venezuela insgesamt liegt die Zahl bei vier Prozent). Diese beiden Städte zeigen die unterschiedlichen Züge der evangelikalen Bewegung recht gut.
Protestanten -oder “Evangélicos”,Evangelikale, wie sie sich selbst nennen, sind nicht alle aus dem gleichen Holz geschnitzt. Die traditionellen, wie die Lutheraner, Methodisten, Presbyterianer, Baptisten, und andere sind den entsprechenden Konfessionen in Europa und den Vereinigten Staaten, woher sie auch stammen. sehr ähnlich. Im allgemeinen verstehen diese Kirchen die Bibel kritischer als die konservativen Kirchen, welche die Bibel wortwörtlich interpretieren. Während diese Kirchen als fundamentalistisch bezeichnet werden, steht bei der sich rasch ausdehnenden Pfingstbewegung weniger die Predigt oder eine Doktrin im Mittelpunkt, als vielmehr eine emotionale Erfahrung mit dem Geist Gottes. Diese allgemeinen Kategorien sind aber auf keinen Fall wasserdicht. Pfingstlensche Praktiken haben mittlerweile auch die traditionellen Kirchen durchdrungen.
Die Pfingstgemeinden
Zudem gibt es eine große Vielfalt im Bereich der Pfingstgemeinden innerhalb der protestantischen Kirche. Bischof Macedos Universalkirche beispielsweise drehte die Praxis der meisten protestantischen Konfessionen einfach um. Diese bildeten neue Gemeinden als Folge einer Kirchenspaltung, oder als kleine Missionsgruppen, die zu einer Gemeinde wurden. Eigentum er-warben und darauf aufbauten. Die Universalkirche bildet generell eine Gemeinde auf kommerzieller Basis. Dann erst wer-den Pastoren ernannt, die damit beginnen, Gottesdienste abzuhalten, üblicherweise viermal am Tag, sieben Tage die Woche. Der Pastor muß die Leute zu den Gottesdiensten locken und sie zu Spenden motivieren.
Bei der Universalkirche hat jeder Tag ein Thema: “Wohlstand”, “Familie”, und so weiter. Das Freitagsthema “Befreiung” hat nichts mit sozialer Veränderung zu tun. sondern mit der Befreiung von bösen Geistern Wie jeder andere Gottesdienst an den anderen Tagen, fängt auch dieser mit einer halben Stunde Singen an. Dann
kommt ein halbes Dutzend Leute. vorrangig Frauen, nach vorne. Schon bald fangen sie an zu stöhnen, zu schreien, zu kriechen. Der Prediger schreit die Dämonen an, und führt den Gesang, wobei er immer wieder singt: “Sai! Sai!” (“Geh raus, Geh raus!”). Die Dämonen verschwinden gehorsam, hinterlassen ihre Opferspendabel, und ihre Familien erleichtert. Die Kirche Deus é Amor (Gott ist Liebe). eine Vorgängerin der Universalkirche, wird ebenfalls von einem “caudillo”-Prediger geführt, David Miranda. Sie legt besonderen Wert auf Heilung, und strahlt über hundert Stunden pro Woche Radioprogramme aus. Diejenigen, die die täglichen Gottesdienste in den riesigen warenhausähnlichen Hauptquartieren in der heruntergekommenen industriellen Region auf der anderen Seite des Flusses von Sao Paulo in Anspruch nehmen, sind sichtlich arm.Und diejenigen, die in der Kirche arbeiten, reflektieren wirklich die Kultur der unteren Bevölkerungsschichten, aus der auch sie stammen, im Gegensatz zur Universalkirche. Deren Pastoren sehen aus. als würden sie Autos oder Immobilien verkaufen Viele Menschen nehmen an den Gottesdiensten der Universalkirche oder Deus é Amor teil, wenn sie gerade das Bedürfnis danach haben, sind aber keine aktiven Mitglieder in einer lokalen Gemeinde
Die Congregacao Crista in Brasilien unterscheidet sich in vielerlei von der Universalkirche. Sie hat keinen vergleichbaren Klerus, führt keine Kampagnen, veröffentlicht keine Bücher, sendet keine Radioprogramme und ist nicht politisch. ihre teilweise pfingstlerischen Gottesdienste sind Vorzeigemodelle des Anstandes. So-gar Angehörige der ArbeiterInnenklasse kommen in Anzügen und Kostümen, Frauen und Männer sitzen getrennt. Trotz ihrer ruhigen Art verbreitet sich die Congregacao Crista immermehr in den Vor-orten von Sao Paulo und entlang der großen Highways.
Geballte Kraft
Die größte einzelne Gruppe in Brasilien wie auch andernorts in Lateinamerika sind die Assembleias de Deus, die Versammlungen Gottes. Sie haben heute bereits mindestens acht Millionen Mitglieder, wobei sie selbst von mehr als 12 Millionen sprechen, und haben 35.000 Gemein-den über das ganze Land verstreut. Sie bilden die größte protestantische Glaubensrichtung in jedem “katholischen” Land. und haben mindestens viermal so viele Mitglieder wie die anglikanische Kirche in England. so der britische Forscher Paul Freston. Die Assernbleias haben mittlerweile einen beeindruckenden Grad an Organisation erreicht. Ich war dabei, als sich 1.100 Geistliche aus dem Großraum S5o Paulo zu ihrem monatlichen Gebet und Planungstreffen versammelten. Als eine Konsequenz ihrer schieren Größe haben sie zu ganz anderen Geldquellen Zugang als die anderen, kleineren Kirchen.
Die weitbewunderte Las Acacias-Kirche in Caracas unterscheidet sich deutlich von den oben genannten brasilianischen Kirchen, und auch von den meisten Pfingstgemeinden in Venezuela. Der Gottes-dienst ist zwar auch pfingstlerisch, aber es gibt immer wieder Momente der Ruhe und des Sich-Sammelns, und die Eindringlichkeit der Predigt wird nicht in Dezibel gemessen. Im Gegensatz zu den strengen Regeln in vielen evangelikalen Gemeinden, die das Rauchen, Tanzen. Alkohol, Filme und Fernsehen verbieten, und einen Kleiderzwang auferlegen (vor dem für Frauen), überläßt es Las Acacias ganz dem Ermessen ihrer Mitglieder. Sie betont vor allem die positive Auswirkung des Glaubens auf das Leben jedes einzelnen. Manche Beobachterinnen lehnen Las Acacias als eine MitteIklassen-Kirche ab, obwohl sie in Wirklichkeit klassenüber- greifend ist. Aber viel wichtiger ist, daß sie eine Alternative zu der Rigidität vieler anderer evangelikaler Kirchen bietet.
Diese Vielfalt an Stilen ist die Stärke des lateinamerikanischen Protestantismus. Innerhalb eines katholischen Pfarrbezirks in Sao Paulo, gibt es ein Dutzend und mehr protestantischer Gemeinden, deren Band- breite von den traditionellen bis zu unabhängigen Konfessionen reicht. die sich von einer größeren Pfingstkirche abgespaltet haben.
Finanzielle und intellektuelle Abhängigkeit von den US-Rechten
Die Linke und die progressiven Katholiken sind erschreckt und befremdet über diese rapide Expansion einer, wie sie sagen, fremden Religion. Sie sind versucht dieses evangelikale Anwachsen einer bewußten US-Regierungsstrategie unter Reagan und Bush zuzuschreiben, und der starken finanziellen Unterstützung der religiösen Rechten in den USA. Und tatsächlich werden die evangelikalen Gemeinden nachhaltig von den großzügigen Beiträgen ihrer Mitglieder finanziert, von denen erwartet wird, daß sie ein Zehntel ihres Einkommens an die Kirche geben, was sie auch tun. Die Katholische Kirche ist da weitaus abhängiger von finanziellen Mitteln von außen -primär aus Europa -als die Evangelikalen. Ein Bereich, indem auch die evangelikalen Gemeinden ab- hängig sind. ist der intellektuelle Bereich. Um ein Beispiel zu geben: 1991 wurden 70 Prozent der 585 in Brasilien publizierten evangelikalen Bücher von ausländischen AutorInnen geschrieben.
Orientierungshilfen
Die meisten der linken und katholischen KritikerInnen scheinen nie einen Schritt in eine evangelikale Kirche getan zu haben, um selbst einmal zu beobachten und ein Verständnis davon zu bekommen, was Millionen armer Leute in ihre Reihen zieht. Ihre Anziehung kommt durch die Intensität des Gebets, und eine einfache, verständnisvolle Botschaft, die dem ganzen Chaos der sie umgebenden Situation einen Sinn gibt. Strenge moralische Verhaltensweisen ermöglichen eine Orientierung. die in mancher Hinsicht einen Rückschritt zu den strengmoralischen Werten kleinbäuerlicher Gesellschaften darstellt. Eine Gemeinschaft, in der sich die Leute gegenseitig Brüder und Schwestern nennen, und ein Gefühl von Selbstrespekt vorhanden ist. Auch wenn den evangelikalen Kirchen oft vorgeworfen wird, sie wären ausländische Importe, scheinen sie in den armen Bezirken der Volkskultur näher zu sein, als die Katholische Kirche. Die meisten protestantischen Geistlichen kommen aus derselben Schicht und Kultur wie die anderen aus der Gemeinde. Die Mehrzahl der progressiven katholischen Priester dagegen versuchen, die “Option für die Armen” zu bieten, leben aber in einer anderen kulturellen Welt und Schicht. Die “Option für die Armen”, die für die Erneuerungsbewegung der Katholischen Kirche in den Sechzigern steht, fand ihren Ausdruck in einer neuen Form pastoraler Arbeit, was auch die Verteidigung der Menschenrechte und die Zusammenführung von Basisgemeinden beinhaltete. Kleine Gruppen, die sich zum gemeinsamen Gebet, Diskussionen und Bewußtseinsbildung trafen. All das war unterlegt von einer Theologie der Befreiung. Progressiver Katholizismus war noch nie eine Massenbewegung, obwohl er qualitativ sehr wichtig war, vor allem in seiner Oppositionsrolle, die er während der Militärdiktaturen einnahm und bei den Kämpfen in Zentralamerika, wo nur eine kleine Minderheit daran teilnahm. Auch wenn es in Brasilien wirklich 80.000 Basisgemeinden mit jeweils mindestens 25 Mitgliedern gibt, beträgt ihre absolute Anzahl an AnhängerInnen gerade mal 2 von 160 Millionen. Und neuere Forschungen sehen diese Zahlen sogar als überhöht an.
Befreiungstheologie in der Krise
Diese Strömung innerhalb des Katholizismus ist aber in einem gewissen Maß in eine Krise geraten. Die Ernennungspolitik des Vatikan, der seit zehn Jahren konservative Bischöfe ins Amt beruft, verbunden mit massiven Druck gegen die Befreiungstheologen, hatte ihren Preis. Die Krise sitzt tiefer, und hat etwas mit dem Aufeinanderprallen der in das Befreiungsprojekt gesteckten Hoffnungen und den gegenwärtigen Zukunftsaussichten der lateinamerikanischen Gesellschaft zu tun. Christliche Basisgemeinden, so die Worte eines brasilianischen Theologen, hätten der “Ausgangspunkt für eine soziale Revolution sein können, die zu einer neuen Gesellschaft geführt hätte. In den Basisgemeinden zu arbeiten hieß, die Zukunft einer neuen lateinamerikanischen Gesellschaft vorzubereiten.” In den 90ern sind diese utopischen Träume, die im Klima der Militärdiktatur genährt wurden, an
dem scheinbar universellen Triumph des Kapitalismus, an der Krise des Marxismus und an dem Zurückdrängen linker Themen zu reformistischer Sozialdemokratie zerplatzt. Venezuelas progressive Katholiken, die nie eine vergleichbare Phase des Widerstands gegen eine Militärdiktatur hatten, und deren Hoffnungen vielleicht weniger utopisch sind, sind weniger in der Krise als die Brasilianischen.
Religiöser Pluralismus
In jedem Fall kommen diejenigen. die sich zum Protestantismus bekehren, nicht aus den christlichen Basisgemeinden, sondern aus der großen Mehrheit derer, die nur beiläufig Kontakt zur Katholischen Kirche haben. Die zum Protestantismus Bekehrten gehörten nie fest zur Katholischen Kirche im Sinne aktiver Gemeindemitgliedschaft. So ist es wohl auch richtiger davon zu sprechen, daß sich Lateinamerika in religiöser Hinsicht zum ersten Mal pluralistischer zeigt, und nicht “protestantischer wird”. Selbstverständlich haben schon immer andere religiöse Anschauungen, vor allem afrobrasilianische Religionen und ähnliche Formen hinter der katholischen Fassade prächtig geblüht.
Das aufkommende protestantische Zeitalter aber markiert das Ende einer katholischen Hegemonie.
Als direkte Folge ihrer Masse an Mitgliedern stellt die protestantische Bewegung nicht zuletzt auch eine potentielle politische Kraft dar. Ohne seine evangelikale Identität hätte Jorge Serrano wohl nicht Präsidentschaftskandidat in Guatemala werden können, und Alberto Fujimori warb bei den Präsidentschaftswahlen 1990 in Peru offen um die Stimmen der Evangelikalen. Evangelikale Abgeordnete repräsentieren mittlerweile den wichtigsten Block im brasilianischen Kongreß.
Protestantische politische KandidatInnen sind stärker vertreten als jemals zuvor. Die Botschaft an ihre AnhängerInnen ist, daß der Moment gekommen sei, und da5 die evangelikale Bewegung ein Recht auf politische Repräsentation hätte. Sie versuchen große Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen, daß ihre evangelikale Politik sich von der machtgierigen und korrupten Politik herkömmlicher Politiker- Innen absetzt (ein Anspruch, der nicht viele Jorge Senanos überleben wird). Einige protestantische Führungsköpfe sehnen sich nach einer gesellschaftlichen Stimme wie die der katholischen Bischofskonferenz. Da aber die meisten lokalen Pastoren nicht die Notwendigkeit einer derartigen Stimme sehen. und auch nicht eine zentrale evangelikale Dachorganisation anerkennen, ist die Unterstützung recht gering.
Die Konservativen haben sich rasch das Argument des britischen Soziologen David Martin zu eigen gemacht, wonach der Protestantismus letztendlich durch die Überwindung des kapitalismusfeindlichen Katholizismus helfen könnte, die Modernisierung Lateinamerikas voranzutreiben. In einem Artikel über den lateinamerikanischen Protestantismus in dem Magazin “Forbes”, ein Magazin. daß normalerweise weder Lateinamerika noch Religion beachtet, freute man sich hämisch darüber, daß “der kulturelle Umbruch durch das Anwachsen der Evangelikalen “nichts anderes ist, als die andere Seite der ökonomischen Transformation”, und “zeigt solide Anhaltspunkte für die Zukunft, einer kapitalistischen. bürgerlichen Zukunft, und keiner marxistischen oder traditionellen.”
Nicht rechts, nicht links, sondern religiös!
Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung sind nicht alle Evangelikalen konservativ. Eindeutiger Hinweis dafür ist die Mitgliedschaft von Evangelikalen in der linken Arbeiterpartei Brasiliens, der PT. Hier ist ihr Anteil nur ein bißchen geringer als ihre Präsenz in der brasilianischen Gesellschaft. Benedita da Silva zum Beispiel, die schwarze Sozialarbeiterin, die in den Kongreß gewählt wurde. und 1992 beinahe das Rennen um das Bürgermeisteramt Rio gewonnen hatte. ist aktives Mitglied in der Assembleias de Deus.
Wenn man sich überlegt, daß für 15 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung der protestantische Glaube von Bedeutung ist, erkennt man. daß diese Kirchen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Und selbst wenn ihre Theologie für ein soziales Engagement eher demotivierend ist, könnte sich ihre politischer Stellung noch weiter ausbauen. In einigen theologisch-konservativen Kreisen hört man die Behauptung, daß die versprochene Erlösung durch Christus “umfassend sei: Das bedeutet, daß es nicht nur die “Seele” betrifft, sondern die gesamte Person, und somit auch die Gesellschaft. Diese Position ist analog zur Position im römischen Katholizismus, die die Grundlage für soziales Engagement und für die Befreiungstheologie legte. Eine Gruppe konservativ-protestantischer Theologen. die sich 1988 in Medellín versammelten, kritisierten zwar die Befreiungstheologie, gestanden aber ein, daß es Evangelikale bei weitem daran fehlen lassen, sich sozialen Mißständen zuzuwenden. Das abschließende Dokument dieser Zusammenkunft rief zu mehr Verbindlichkeit bei sozialen Themen auf.
Wenn die lateinamerikanische Linke nach dem Kalten Krieg dabei ist, Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu schließen um Alternativen zum Neoliberalismus zu finden. muß sie die Stereotype bezüglich evangelikaler Kirchen fallen lassen. Es ist höchste Zeit, daß die Linke endlich diese religiösen Bewegungen ernstnimmt, die sie bisher nur verspottet, ignoriert oder distanziert wahrgenommen hat.
“Die Karibik mischen Souveränität und Abhängigkeit”
Schon der Aufbau hebt sich wohltuend von der Mehrheit der sonstigen Bücher ab. die eine Region thematisieren. Nicht die klassische Reihenfolge Geschichte, Politik und Wirtschaft mit einem gesellschaftlich- kulturellen Anhängsel wird gewählt. Vielmehr werden zu Beginn von Ulrich Fleischmann geographische und kulturhistorische Bestimmungskriterien für die Karibik vorgestellt, der er dann eine Beschreibung der soziokulturellen Entwicklung folgen läßt. Das Entstehen der karibisch-kreolischen Volkskultur unter den Bedingungen der Sklaverei und ihr Spannungsverhältnis zur dominanten Kolonialkultur stehen dabei im Mittelpunkt.
Der Beitrag von Wolf-Dietrich Sahr über Identität und Authentizität in der Ostkaribik versucht eine Annäherung in das Selbstverständnis der karibischen Bevölkerung zu geben. Das europäische Identitätskonzept wird hierbei hinterfragt und als untauglich für die Karibik zurückgewiesen. Identität als Identifikation des Individuums mit einem historisch gewachsenen Raum, einer Geschichte und einer Sprach-bzw. Bevölkerungsgruppe konnte in den kolonialisierten Gesellschaften der Karibik nicht entstehen. Der Autor plädiert stattdessen für ein Konzept der Authentizität. Dies beinhaltet den Kampf für die Freiheit des Individuums, die Selbstverwirklichung durch selbstbestimmte Arbeit, kulturelle Leistungen und wirtschaftlichen Erfolg sowie die Entwicklung politisch adäquater Formen der Selbstbestimmung unter Rückgriff auf authentische Formen der karibischen Ethnokulturen.
Impressionen und Alltagskultur
Nach dem entwicklungssoziologischen und kulturphilosophischen Eingangskapitel wissenschaftlicher Prägung, kann sich der/die LeserIn bei den darauffolgenden karibischen Impressionen entspannen. Der Literaturwissenschaftler Martin Franzbach beschreibt in Kuba gewonnene Reiseeindrücke aus dem Blickwinkel der Literatur Miguel Bamets und José Martís. Peter-Paul Zahl, Ex-Stadtguerillero der Bewegung “2. Juni” und seit 1985 auf Jamaica lebender Schriftsteller, zieht in einem Interview einen Vergleich zwischen dem Leben auf Jamaica und dem in Deutschland.
Anhand von Beiträgen über Kuba, Martinique, Jamaica und St. Lucia wird karibische Alltagskultur dargestellt. Die Ansätze der Autorlnnen decken dabei ein breites Spektrum ab. Dreht es sich bei den Beiträgen zu Kuba mit der Thematisierung von Großfamilie, Traditionen, Schwarzmarkt und dem afroamerikanischen Kult der santeria noch um Alltagskultur im engeren Sinne, so wird bei den anderen Beiträgen ein weitergehender Ansatz verfolgt.
So ist die “antillanische Schizophrenie” Gegenstand des Artikels von Helmtrud Rumpf über Martinique und Guadeloupe. Im dortigen Radio erfährt der/die HörerIn Aufklärung über Staus im östlichen Paris, im Fernsehen die Wettervorhersage für Frankreich. “Natürlich alles auf Französisch, wiewohl doch Kreolisch die gängige Sprache in den antillanischen Haus-halten ist. So französiert die Antillen auch sind, in Frankreich werden die AntillanerInnen -ob “GastarbeiterIn” oder IntellektuelleR -trotz ihres französischen Passes nicht als gleichwertig anerkannt. Durch ihre Hautfarbe stigmatisiert, bleibt den AntillanerInnen in Frankreich nur die Anpassung an die dortigen Normen oder die Rückkehr. Die Unabhängigkeit hält die Autorin deshalb für grundsätzlich wünschenswert. Die den Artikel beschließenden Fragen “Aber ist eine Unabhängigkeit heutzutage noch realisierbar? Und wie sollte sie aussehen?” machen aber ihre Zweifel an dieser “Option” deutlich.
Reggae und Ragga
Christian Habekost setzt sich mit der Entwicklung jamaicanischer Populärmusik vom Rasta-Reggae zum Ragga-Reggae auseinander. Die Synchronität von politischem und musikalischem Wandel steht dabei im Zentrum seiner Ausführungen. Reichlich mit Liedtexten unterlegt, zeichnet er die Veränderung im Musikstil auf Jamaica nach. Als Zäsur macht er dabei die Jahre 1980181 aus. Die Zeit des “Demokratischen Sozialismus” auf Jamaica wurde 1980 mit der Abwahl ihres Begründers Michael Manleys Geschichte. 1981 starb mit Bob Marley der King of Reggae. Diese Ereignisse bedeuteten das Ende der kulturellen Aufbruchstimmung der siebziger Jahre. Manley hatte diese nachhaltig mit der Eröffnung von staatlichen Schulen für Musik, Tanz, Kunst und Drama gefördert. Bob Marley verhalf ihr zu weltweiter Verbreitung. Das nun entstandene Vakuum wurde im Verlauf der achtziger Jahre mit neuen, zeitgemäßen Werten besetzt. Sex, body & style dominierten fortan in den Liedtexten. Die Rasta-Forderungen nach Systemumsturz oder Rückkehr nach Afrika verloren zunehmend an Bedeutung. Die langsamen Rasta-Rhythmen wurden durch hektische, computergesteuerte Rhythmen ersetzt. Mit diesem musikalischen Wandel einher ging auch eine Veränderung des vorherrschen- den lifestyle. Der raggamuffin, die Bezeichnung für einen verrufenen Mann oder Jungen, wurde anstatt des Rasta-Rebellen zum neuen Ideal. Nicht mehr Systemumsturz, sondern Teilhabe am materiellen Reichtum um jeden bargeldlosen Preis ist die neue Ausrichtung. Anfangs von Mittel-und Oberschicht geächtet und gefürchtet, wie einst die Rastas, wurden die raggamuffins und der Ragga-Reggae Anfang der neunziger Jahre über seine in den USA und Europa erlangte Anerkennug auch in Jamaica hoffähig. Die kommerzielle Vereinnahmung ließ die Ragga-Subkultur zum style aufsteigen -wie einst auch die Rasta-Subkultur.
Karibische Weltsicht als Modell?
Migration ist in der Karibik etwas Alltägliches. Dabei ist sie sowohl Überlebensstrategie als auch Lebensform, wie Wolf- Dietrich Sahr am Beispiel einer Familie aus St. Lucia deutlich macht. Migration hat in der Karibik eine lange Tradition. . Durch die restriktiver gewordene Einwanderungspolitik von Großbritannien und den USA hat sie sich inzwischen in Richtung Innerkaribik verlagert. Die weltweiten Familiennetze haben bei den InselbewohnerInnen zu einer globalen Sichtweise geführt. Für den Autor könnte diese Weltsicht gar zu einem Modell für das 21. Jahrhundert werden, pflegt sie doch die Vermittlung zwischen den Kulturen und versucht nationalstaatliche Grenzen zu
überwinden.
Politik auf den Antillen
Die politischen Belange in der Karibik kommen nicht zu kurz. Von der Sander- stellung Puerto Ricos als assoziiertem Freistaat der USA über das jamaicanische Parteiensystem und die dominikanischen Eliten bis hin zur Situation auf den französischen Antillen und dem spannungs-geladenen Verhältnis Dominikanische Republik-Haiti -inselspezifische Eigenheiten werden kurz und prägnant dargestellt,
Alrich Nicolas’ Beitrag beleuchtet die ‘ Rolle des Vaudou auf Haiti. Aufgeräumt wird mit den in der westlichen Welt häufig anzutreffenden Klischeevorstellungen vom bösen,teuflischen Kult. Der aus einer Vielzahl afrikanischer Religionen in der Zeit der Sklaverei entstandene Vaudou war Ausgangspunkt einer neuen Identität für die Sklaven und bot eine Alternative zu den die Plantagenkultur dominierenden europäischen Werten. So waren viele Anführer der Gemeinschaften von marrons (entlaufener Sklaven) gleichzeitig auch Vaudou-Priester. Vaudou hat also nicht nur eine religiöse, sondern eben auch eine politische Dimension. Im Demokratisie-rungspmzess kurz vor und nach dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 wurde dies ebenfalls deutlich. Der Vaudou galt als Fluchtpunkt und Alternative ‘ zum ge-scheiterten Gesellschaftsprojekt der Eliten und wurde gar in die Verfassung aufgenommen. Trotz der öffentlichen Anerkennung des Vaudou nach langen Jahren der offiziellen Unterdrückung sieht der Autor die Zukunft des Vaudou als gefährdet an. Zum einen setzen ihm die protestantischen Sekten US-amerikanischer Prägung zu,zum anderen wird seine Basis. die bäuerliche Gesellschaft durch die geführt. Für den Autor könnte diese Weltsicht rapide verschlechternden ökonomischen Verhältnisse zunehmend aufgelöst.
US-amerikanische Außenpolitik
Die verschiedenen Phasen US-amerikanischer Außenpolitik gegenüber der Karibik thematisiert Hagen Späth. Der Krieg gegen Spanien 1898 mit der Eroberung Puerto Ricos und Kubas wird von ihm als Beginn der imperialistischen Phase definiert. Die Schaffung der Kanalzone in Panama, die Besetzungen Haitis 1915-1930 und der Dominikanischen Republik 1916- 1924 bildeten weitete Marksteine in dieser Epoche. Unter Roosevelt wurde 1933 dann die Phase der “‘guten Nachbarschaft” eingeläutet. Direkte Interventionen Wurden vermieden, die Propagierung des Freihandels stand im Vordergrund. Mit der Phase des Kalten Krieges ab Ende der vierziger Jahre kamen Interventionen wie-der aufs Tapet. Als normative Grundlage diente das Konzept der Western-Hemisphere, welches besagt, daß zwischen den USA und Lateinamerika eine prinzipielle Gemeinsamkeit demokratischer und wirtschaftsliberaler Grundwerte bestehe. Abweichungen von diesem Konzept wurden mit Invasion geahndet, so in Guatemala 1954, auf der Dominikanischen Republik 1965 und in Grenada 1983 -oder mit der Unterstützung der Contra im Falle Kubas und Nicaraguas. Die neunziger Jahre firmieren nun als Phase der “Neuen Weltordnung” und sind geprägt von der Strategie der Demokratisierung nach US-Muster, also Durchsetzung freier Märkte und freier UnternehmerInnen unter Beschneidung des staatlichen Einflusses. Gemäß dem Fazit des Autors blieb die Substanz der US-amerikanischen Außenpolitik im
Zeitverlauf unverändert, weshalb er auch den mit Clinton verbundenen Hoffnungen eine Absage erteilt.
Inselökonomien
Last but not least werden die Anpassungs- versuche der karibischen Ökonomien an den Weltmarkt betrachtet. Exportstrategien wie die Freien Produktionszonen, in denen die dort produzierenden Unternehmen vollkommen von Steuern und Abgaben befreit sind, werden ebenso einer kritischen Analyse unterzogen wie das ehemals ob seiner hohen Wachstumsraten gepriesene Entwicklungsmodell auf Puerto Rico und die Struktur der kleinbäuerlichen Ökonomie in Haiti. Die Anpassungsmaß- nahmen auf Kuba beschreibt Robert Lessmann. Dort wird verstärkt auf Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen gesetzt. Diesen werden unter anderem arbeitsrechtliche Sonderbedingungen und die Möglichkeit des Gewinntransfers zu- gestanden. Die Autonomie einheimischer Betriebe in Prioritätssektoren wie dem Tourismus und dem Exportsektor wurde zudem erweitert, so daß sie weitgehend unabhängig über ihre Deviseneinnahmen verfügen können. Der fortschreitende Verfall der kubanischen Wirtschaft konnte in-des dadurch nicht gestoppt werden, wes- halb Castro am 26. Juli 1993, anläßlich des vierzigsten Jahrestages des Angriffes auf die Moncada-Kaserne, eine Strukturreform verkündete, in dessen Zentrum die Dollarfreigabe steht. Da die Castro-Regierung die einzige politische Kraft ist, die überhaupt ein Konzept zur Krisenbewältigung hat, spricht sich der Autor für eine Unterstützung des Offnungsprozesses aus.
Die Stellung der Frau in der Neuen Internationalen Arbeitsteilung wird von Maritza Le Breton B. unter die Lupe genommen. Frauen werden in dieser Arbeitsteilung als “Natur”, als billig und beliebig verfügbare Objekte betrachtet und behandelt, was die Verfasserin als Prozess der “Hausfrauisierung” versteht. Besondere Bedeutung schreibt sie in diesem Zusammenhang dem Prostitutionstourismus und dem Frauenhandel zu. Ausgehend von der Dominikanischen Republik sieht sie die Karibik zu einem der wichtigsten Zentren dieser Ausprägung heranwachsen.
Der durchweg positive Gesamteindruck wird durch diverse Schreibfehler sowie Nachlässigkeiten beim Layout leicht getrübt. Zwei Artikel sind fortlaufend mit den Kopfzeilen des vorhergehenden Artikels ausgestattet und warum ein Artikel über die französischen Antillen ausgerechnet mit einem Bild eines jamaicanischen Herrenhauses abgeschlossen wird, bleibt im Dunkeln. Vielleicht sind diese Mängel ja einer semiprofessionellen Produktion geschuldet. Zumindest 1äßt der günstige Preis von 19 DM dies vermuten.
Bridge of Courage
In dem Buch “Bridge of Courage” wirft die US-Rechtsanwältin Jennifer Harbury einen sehr persönlichen Blick auf das Innere dieses Konflikts, in dessen Mittelpunkt die URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca) steht. Dabei entsteht ein sachliches, ausdrucksstarkes Porträt eines Krieges, der weit über den Kampf der Mayas hinausgeht. Deshalb wird das Buch zweifellos seinen Platz unter den bemerkenswertesten Büchern über den bewaffneten Konflikt im Trikont einnehmen.
Bedauerlicherweise gibt das Buch nur wenig politischen Aufschluß. Es beantwortet keine der klaffenden Fragen über die guatemaltekische Guerilla: was ist ihre gegenwärtige Strategie, wie sieht ihre derzeitige militärische Stärke aus oder wieso wurden sie, im Gegesatz zu beispielsweise ihren salvadorianischen KollegInnen der FSLN, Anfang der 80er Jahre beinahe zerstört, als sie außerstande waren, sich wirksam der (Militär-) Regierungskampagne der “Verbrannten Erde” und der Raserei der Todesschwadrone zu widersetzen.
Dafür bietet “Bridge of Courage” allerdings etwas weitaus Bezwingenderes – eine Sammlung von testimonios der Guerilleros/as.
Diese Selbstporträts reichen vom Kuriosen (Bericht eines Guerilleros über die Eskapaden eines Eichhörnchens, das seine Truppe adoptiert hatte) über das nachdenkliche Sinnieren Gaspar Iloms, einem der Generalkommandanten der URNG, bis zu den dunkel inspirierenden Sagen verschiedener Mitglieder der breiten Masse des Guerillaheeres.
Dies sind tatsächlich Stimmen aus dem tiefen Untergrund einer Guerilla, die Anfang der 80er Jahre am Abgrund der Vernichtung entlangwankte und erst nach einigen Jahren wieder erstarkte.
Harbury präsentiert die Lebensberichte als Transkription von Monologen, deren Direktheit eloquent, aber auch beunruhigend ist. Das Buch beginnt mit Anita, einer Guerilla-Ärztin: “Hör jetzt auf, sei nicht schüchtern. Ich sehe ja, daß du die Narben in meinem Gesicht anstarrst. Eine große Kugel hat mir vor fast fünf Jahren bei einem Gefecht mit den Militärs mein halbes Kinn weggerissen….Komm, setz dich hin und nimm was von diesem Kaffee und ich erzähl dir die ganze Geschichte.”
Zwei Seiten später beschreibt Anita ganz nüchtern, wie eine Ärztin, mit der sie in Guatemala-Stadt zusammengearbeitet hatte, von den Todesschwadronen der Regierung verschleppt wurde. “Ich fand sie schließlich im Leichenschauhaus, wie so viele andere auch. Sie war nackt und böse zugerichtet, ihr Gesicht bläulich von der Strangulation, kleine Schnitte mit der Rasierklinge und Zigarettenbrandmale übersäten ihre Arme und Beine.” Ihre Beschreibung der Leiche fährt noch minutenlang fort und wird noch wesentlich grauenhafter, bevor sie dann weitererzählt, wie sie Vollzeit-Guerillera wurde und in die Berge ging.
Der persönliche Ton von “Bridge of Courage” ist nicht verwunderlich – Harbury ist mit dem URNG-Kommandanten Efraín Bamaca Velasquez (“Everardo”) verheiratet, den sie während ihrer Materialrecherche 1991 kennenlernte. Bamaca verschwand im Mai 1992 während eines Gefechts und wird Zeugenaussagen zufolge in wechselnden geheimen Militärgefängnissen festgehalten und gefoltert.
Auf diesem Hintergrund ist ebensowenig verwunderlich, daß das Buch idealistisch, aber überwältigend traurig ist. Für die RebellInnen hören die Opfer nie auf. In einem anderen Kapitel des Buches über ihre Zeit als Guerillera im Landesinneren, beschreibt Anita, wie sie in einem Militärhinterhalt verletzt wurde und dann, mit ihrem zerfetzten Kinn, zehn Tage durch die Berge taumeln mußte und dabei noch half, andere verwundete GefährtInnen zu tragen, um in Sicherheit zu gelangen. Schließlich wurde sie in ein Sicherheitshaus (d.h. ein geheimes Haus der URNG) gebracht, wo sie auch operiert wurde.
Aber der Alptraum endete noch nicht dort: Das sichere Haus wurde vom Militär entdeckt, und Anita schaffte es gerade eben noch auf die Straße und in eine Bar zu entkommen, wo sie, in eine dunkle Ecke gekauert, in einer Liveübertragung im Fernsehen sah, wie das Sicherheitshaus von Armeekugeln durchsiebt und bis auf die Grundmauern abgebrannt wurde.
Während Anita beschreibt, wie sie in jener Nacht durch die Straßen irrte, auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort, stößt sie eine kräftige und traurige Klage aus, die nicht nur für die URNG zutrifft, sondern für all diejenigen, die versuchen, das Übel herauszureißen, das so fest in Guatemala verankert ist: ” Das ist schwer, so schwer zu erzählen. All diese wunderbaren Menschen in dem Haus, ich bin die einzige Überlebende…Der schlimmste Schmerz für mich ist zu denken, daß sie vielleicht eines Tages vergessen werden…Weiß irgendwer, wieviel diese Menschen für ihr Heimatland gegeben haben?”
Jennifer Harbury widmet derzeit ihre ganze Kraft dem Bemühen, die Freilassung ihres Mannes zu erreichen. Ungeachtet ihrer Anstrengungen ist es ihr bislang nicht gelungen seinen Aufenthaltsort zu erfahren und ob er überhaupt noch lebt.
Wo ist Everardo?
Jennifer Harbury: Bridge of Courage, Common Courage Press, P.O.Box 702, Monroe ME 04951, 265 Seiten, 14.95 US-$
Jahrhundertwahlen unter Beschuß
Nach den Meinungsumfragen der letzten Monate wird es nach den Wahlen in El Salvador wieder eine rechte Regierung geben. Armando Calderón Sol, Präsidentschaftskandidat der rechtsextremen Regierungspartei ARENA liegt bei allen Umfragen klar in Führung. Zuletzt kam er bei einer Umfrage der “Technologischen Universität” auf 40,2% gegenüber 22,2% für Rubén Zamora vom Mitte-Links-Bündnis FMLN-CD (Convergencia Democrática) und 14,1% für den rechten Christdemokraten Fidel Chávez Mena. All zu viel Bedeutung sollte man den Umfragen jedoch nicht beimessen. Bis zur Hälfte der Befragten gibt an, sich noch nicht entschieden zu haben. Verständlich in einem Land, in dem die Äußerung der eigenen Meinung oft tödlich war und auch heute noch – und in letzter Zeit wieder vermehrt – Todesschwadronen Terror verbreiten. Bezeichnender für den Wahlkampf ist da schon die Aussage, daß je ein Viertel der Befragten den Wahlkampf als “langweilig” bzw. “voller Lügen” empfindet.
Kontrollierte Medien – kontrollierte Meinung
Die Verwicklung von Calderón Sol in die Aktivitäten der Todesschwadrone Anfang der 80er Jahre, die im November durch die Veröffentlichung von Geheimdokumenten der USA belegt wurde (vgl. LN 234), war eher in den internationalen Medien als in El Salvador selbst ein größeres Thema. Auch die Tatsache, daß Calderón Sol im Dezember angekündigt hat, die Empfehlungen der UN-Wahrheitskommission, die die schwersten Menschenrechtsverletzungen in den 80er Jahren untersucht hat, nicht zu erfüllen, blieb folgenlos. Die Medien in El Salvador werden weitgehend von der Rechten kontrolliert und damit auch die Themen vorgegeben. Die Opposition kann kaum mithalten mit der riesigen Propagandakampagne der Regierung, die mit dem Beginn des Wahlkampfes im November angelaufen ist. Dabei läßt die Regierung nichts unversucht, sich in positivem Licht zu präsentieren. Ganz zufällig fanden im Januar die “Zentralamerikanischen Spiele” in El Salvador statt, und “ganz unabhängig von den Wahlen” haben die Beschäftigten im öffentlichen Dienst kürzlich eine satte Bonuszahlung von eineinhalb Monatslöhnen bekommen, für die sie sonst wochenlang streiken müßten.
Die Opposition ist sich dessen bewußt und sucht daher die direkte Auseinandersetzung mit dem Präsidentschaftskandidaten der Rechten. Doch Calderón Sol weigert sich bislang beharrlich, eine öffentliche Debatte mit Rubén Zamora und Fidel Chávez Mena zu akzeptieren. Im direkten Vergleich sähe Calderón Sol auch ziemlich schlecht aus: Seine Ausstrahlung ist gleich Null, und argumentieren kann er nicht. Außerdem würde er mit den Korruptionsfällen konfrontiert werden, die mittlerweile gegen die ARENA-Regierung erhoben werden. Dies ist für ARENA umso bedrohlicher, da ihr vorher noch keine Korruptionsfälle nachgewiesen werden konnten und ihr 1989 die Abwahl der Christdemokraten insbesondere deshalb gelang, weil die PDC-Regierung von Präsident Duarte als korrupt galt.
Wahlkampfthema Innere Sicherheit
Da redet Calderón Sol schon lieber über das Thema Innere Sicherheit (Wer hatte die Idee wohl zuerst, Schäuble oder Calderón Sol?). Allgemein bekannt als Hardliner, hofft er, daß ihm am ehesten zugetraut wird, die in den letzten zwei Jahren angeblich extrem gestiegene allgemeine Delinquenz in den Griff zu bekommen. Um Stimmung zu machen, werden innerhalb von ARENA Stimmen laut, die die Einführung der Todesstrafe fordern. Dabei ist gerade die ARENA-Regierung an der Verzögerung beim Aufbau der “Zivilen Nationalpolizei” (PNC) schuld. Die Kriminalität ist in den Gebieten, in denen die PNC mittlerweile arbeitet, deutlich zurückgegangen, und die Bevölkerung hat weitgehend positive Erfahrungen mit der neuen Polizei gemacht. Im Gegensatz zur berüchtigten und in weiten Teilen des Landes noch agierenden Nationalpolizei scheint die PNC die Menschenrechte bislang einzuhalten. Für die Menschen in El Salvador ist dies ein riesiger Fortschritt.
Dabei steht es um die Menschenrechte nicht mehr so gut wie noch am Anfang des Friedensprozesses. Anfang Februar haben die Vereinten Nationen ihren neuesten Bericht vorgelegt und für 1993 eine deutliche Zunahme der Menschenrechtsverletzungen festgestellt. Die Todesschwadronen sind – vor allem seit Beginn des Wahlkampfes – wieder verstärkt aktiv. Nach drei politischen Morden 1992 waren es 1993 bereits 33, in vielen Fällen an AktivistInnen und KandidatInnen der FMLN. Außerdem fallen nach Angaben der katholischen Kirche mittlerweile pro Woche drei Menschen der politischen Gewalt zum Opfer. Und die Tendenz ist steigend: Allein in der ersten Februarwoche wurden sechs Menschen ermordet.
Terror gegen die Einheit der Linken
Die Terrorkampagne der Rechten ist auch eine Antwort auf den Einigungsprozeß der Linken in der Präsidentschaftskandidatur. Nach langem Zögern hat sich auch die sozialdemokratische MNR entschlossen, Rubén Zamora zu unterstützen und hat ihren eigenen Kandidaten, den MNR-Vorsitzenden Victor Manuel Valle, zurückgezogen. Spannend dürfte die Wahl auf jeden Fall werden. Selbst wenn Calderón Sol die relative Mehrheit bekommen sollte, ist sein Sieg in einer Stichwahl noch längst nicht sicher. FMLN-CD und PDC haben ein Abkommen geschlossen, wonach der Drittplazierte im zweiten Wahlgang im April auf jeden Fall den Zweitplazierten unterstützt. Obwohl die Parteirechte, die bei den Christdemokraten den Vorstand stellt, den PDC-Dissidenten Zamora heftigst bekämpft und auf keinen Fall als neuen Präsidenten sehen will, mußte sie sich auf diesen Deal einlassen, da die PDC-WählerInnen mehrheitlich sowieso Zamora statt Calderón Sol wählen würden und eine Empfehlung des Vorstands, Calderón Sol zu wählen, die Partei spalten könnte.
Bei den Parlamentswahlen haben sich die Mitte-Links-Parteien vorgenommen, eine erneute Mehrheit der Rechten (ARENA, PCN, MAC) zu verhindern, um zumindest die Legislative zu kontrollieren, falls ARENA erneut den Präsidenten stellt. Die Convergencia geht mit einem klaren Handicap ins Rennen. Als drei CD-Vertreter am 31. Januar, dem letzten Tag der Einschreibung, die KandidatInnenliste für die “Nationale Liste” (auf der 20 der 84 Abgeordneten gewählt werden) beim Obersten Wahlrat abgeben wollten, wurden sie von der Polizei gestoppt und längere Zeit festgehalten, da die Papiere ihres Wagens nicht in Ordnung waren. Als sie endlich weiter konnten, war der Wahlrat bereits geschlossen. Diese Mischung aus Verschwörung gegen die CD und eigener Trotteligkeit wird sie zwei bis drei Mandate kosten.
Die große Unbekannte bei den Wahlen ist, wie stark die beiden Evangelikalen-Parteien (MSN und MU) abschneiden werden, die erstmals zu Wahlen antreten werden. Sie sind längst nicht so stark wie im Nachbarland Guatemala, wo sie nach den letzten Wahlen bis zum “Selbst-Putsch” von Jorge Serrano im Mai 1993 den Präsidenten stellten. Aber immerhin bekennen sich in El Salvador mittlerweile 20% der Bevölkerung zu evangelikalen Sekten und Kirchen. Auch ihre ideologische Einordnung ist schwierig. Ihre Programme beinhalten eine Mischung aus fortschrittlichen sozialen Forderungen und reaktionären Wertvorstellungen. Mit ihrem “Schützt-die-Familie-Populismus” könnten sie insbesondere bei der ARENA-Basis Stimmen holen, im Parlament werden sie wohl eher mit der Rechten stimmen.
Streit ums Bürgermeisteramt
Schlechter für die Linke sieht es hingegen bei der Kandidatur um das Bürgermeisteramt von San Salvador aus, das wegen der Bedeutung der Hauptstadt als zweitwichtigstes Amt in El Salvador angesehen wird. Dort treten FMLN und Convergencia Democrática getrennt an. Die CD ist sauer, weil sie angeblich von der FMLN nicht konsultiert wurde, als diese den FMLN-Koordinator Shafik Handal als Kandidaten aufstellte. Die CD, die daraufhin den Rektor der “Universidad de la Paz” Luis Domínguez Parada nominierte, meint nicht zu Unrecht, daß Handal als Vorsitzender der Kommunistischen Partei (PCS) nicht der geeignete Kandidat sei, um die notwendigen Stimmen der Mittelschicht zu bekommen. Eine Rolle spielt jedoch auch die Haltung von Mario Aguiñada Carranza, der sich vehement gegen Handal ausgesprochen hat. Aguiñada Carranza ist Chef der unbedeutenden UDN, die über 20 Jahre die legale Wahlpartei der verbotenen Kommunistischen Partei war, sich aber 1992 mit der PCS zerstritt, von ihr lossagte und wenig später der CD anschloß. Von der Spaltung profitieren werden insbesondere ARENA-Kandidat Mario Valiente und José Napoleón Duarte, der für die heillos zerstrittenen Christdemokraten ins Rennen geht und dessen entscheidende Qualifikation ist, der Sohn des früheren Präsidenten Duarte zu sein.
Explosive Komponenten
Die bewaffnete Erhebung in Mexiko ist die wichtigste in diesem Land seit der Revolution von 1910. Die Explosion übersteigt bei weitem alle anderen bekannten Erfahrungen mit Guerillagruppen auf aztekischem Boden, einschließlich der ländlichen und städtischen Bewegungen der 70er Jahre.
Noch nie zuvor wurde ein Kontingent von 3.000 Aufständischen gesehen, die, von Frauen und Kindern begleitet, mit einem Schlag vier Ortschaften besetzten, unter ihnen solch große wie San Cristóbal de las Casas und Ocosingo.
Bei Lichte betrachtet, handelt es sich weniger um eine klassische Guerilla-Operation als um einen bewaffneten Massenaufstand. Mit explosiven Bestandteilen, wie etwa der klaren sozialen und ethnischen Identifikation der Kämpfenden: arme Campesinos aus dem ärmsten Staat Mexikos, und Indígenas vom Volk der Maya, in einer Provinz, in der sich die Großgrundbesitzer der Jagd von Indios widmen.
Gerüchteküche – je nach Gusto wird analysiert und interpretiert
Wer an einen klassischen “Guerilla-Foco” (Aufstandsherd, Anm. d. Red.) denkt, irrt sich. Ebenso derjenige, der ein Schema nach Art von Sendero Luminoso im Kopf hat. Das Zapatistische Befreiungsheer EZLN, das mit diesem Aufstand sein formales Debut gab, ist ein Heer, das sich bereits vorher angekündigt hat. Seit mehr als sechs Monaten reden Presse und politische Gerüchtebörse von Aufständischen, die sich still und heimlich in den bewaldeten und nebligen Hügeln von Chiapas vorbereiten. Schon vor sechs Monaten kündigten Campesinos, die heute Mitglieder der Milizen sind, in den Versammlungen ihrer Organisationen an, daß sie nicht wie sonst aussäen würden.
Ebenfalls vor sechs Monaten hörte ich während eines Abendessens im Hause von Jorge Castañeda, wie der Senator Porfirio Muñoz Ledo, Präsident der “Partido Revolucionario Democratico” (PRD) sagte, es gäbe keine derartige Guerilla. Vielmehr handele es sich um eine gigantische Provokation von Seiten des mexikanischen Innenministers Patrocinio González Garrido, der im Einvernehmen mit der Regierung von Chiapas handele. Ziel sei laut Meinung des Oppositionsführers, den Konflikt zu militarisieren, damit die Leute sich nicht der PRD anschlössen. Obwohl normalerweise recht scharfsinnig und gut informiert, scheint Muñoz Ledo sich in diesem Fall geirrt zu haben.
Auch wenn noch nicht alles vorüber ist, übersteigen die schwerwiegenden Geschehnisse schon jetzt den Rahmen einer möglichen Verschwörung, die einige dem militärischen Geheimdienst unterstellen. Laut letztgenannter Hypothese hätte ein Teil des mexikanischen Militärs, entrüstet über die wenig glanzvolle Rolle, die die Armee in den letzten sechs Jahren spielte -unter anderem wurde sie mit dem Drogenhandel in Verbindung gebracht – das “zapatistische” Phänomen wachsen lassen, um politischen Einfluß zurückzugewinnen. Dies klingt mir entschieden zu machiavellistisch.
Plausibler erscheinen dagegen andere Erklärungsansätze. Seit vielen Jahren – zehn Jahre sagen die einen, zwanzig die anderen – sollen sich einige überlebende Kader der Stadtguerilla “23. September” und der Landguerillas “Genaro Vázquez” und “Lucio Cabanas” in Chiapas festgesetzt haben, um ihre heimlichen Aktivitäten mit langfristiger Perspektive fortzusetzen. Die furchtbaren Rahmenbedingungen sozialer Ungerechtigkeit und politischer, ethnischer und sogar religiöser Verfolgung, die seit Jahrhunderten in dieser Grenzregion zu Guatemala herrschten, erleichterten der Guerilla die Arbeit. So soll es ihnen gelungen sein, sowohl der Regierungspartei PRI als auch der oppositionellen PRD einige Bauernorganisationen zu entreißen. Einige dieser Keimzellen hätten die Reihen der EZLN genährt. Die Regierung von Chiapas hat nach anderen Erklärungen gesucht. Sie beschuldigte die lokale Kirche und den Bischof Samuel Ruiz, mit dem sich die regionalen Autoritäten seit Jahren in einer erbitterten Konfrontation befinden.
Politikreflex: Wem nützt das alles?
Für die PRD, angeführt von dem Ingenieur Cuauhtémoc, erscheint die Situation ebenfalls nicht eindeutig. Einige Beobachter rechnen damit, daß bestimmte Kreise aus dem Umfeld der Regierung versuchen werden, die “Cardenistas” mit der EZLN zu identifizieren. Andere glauben dagegen, daß der PRD das Entstehen einer Guerilla links von ihr gelegen kommt, um das extremistische Profil abzuschütteln, das ihr angehängt werden soll, und sich dem magischen Zentrum anzunähern, wo sie die Wahlstimmen vermuten (oder vermuteten).
Die Regierung sieht auch , daß sich ein repressives Vorgehen im Zuge des kommenden Wahlkampfes kontraproduktiv auswirken könnte. Daher überrascht es nicht, daß Salinas zum Dialog aufgerufen hat. Paradox ist, daß Mexiko während der ganzen letzten Jahre im zentralamerikanischen Konflikt der vermittelnde und schlichtende Staat war. Jetzt, wo sich in der gesamten Region Friedensabkommen durchsetzen, explodiert der Krieg auf seinem eigenen Territorium.
Und nicht nur in Chiapas: In den letzten Monaten drangen mehr und mehr Meldungen an die Öffentlichkeit, daß es Guerillagruppen gibt, die sich seit Jahren im Hochland von Guerrero vorbereiten – in den gleichen Bergen, die die Guerilla von Lucio Cabanas beherrbergten, den gleichen, wo seit den achtziger Jahren der Drogenhandel seine blutige Spur hinterlassen hat. Haben die Zapatistas eine Verbindung zu den Guerilleros, die sich zur Zeit noch in den Bergen von Guerrero verbergen? Wird es nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren auch in Guerrero zu einer Explosion kommen?
Es ist schwierig, Voraussagen für Mexiko zu machen. Vor sechs Monaten besuchte der glänzende Präsidentschaftskandidat der PRI, Luis Donado Colosio, Las Margaritas, eine der vier Ortschaften, die zur Zeit von dem Zapatistischen Heer besetzt sind. Dort verteilte er wichtige Spenden. – Kurioserweise war Chipas der Staat, der im Rahmen des “Programa Nacional de Solidaridad” die meiste Unterstützung bekam.
So was soll vorkommen.
Der Argentinier Miguel Bonasso ist ehemaliges Mitglied der “Montonero”- Guerilla und arbeitet mittlerweile als Journalist.
gekürzt übernommen aus: Pagina/12 (Argentinien)
Was wird aus den guatemaltekischen Flüchtlingen?
Die Antwort von Ricardo Curtz, einer der Vertreter der CCPP, ist immer die gleiche: “Mit den Vorgängen in Chiapas haben die Flüchtlinge nichts zu tun”. Um dies zu unterstreichen, betont ein Kommuniqué der CCPP: “Falls ein/e JournalistIn, ein/e RepräsentantIn einer Institution oder irgend eine andere Person in den Lagern nach der aktuellen Situation fragt, muß man/frau klarstellen, daß die guatemaltekischen Flüchtlinge dazu keine Informationen oder Meinung haben.”
Die abweisende Haltung der CCPP zu dem Aufstand der Zapatistas ist verständlich und drückt die schwierige Lage der guatemaltekischen Flüchtlinge in Chiapas, aber auch in Mexiko überhaupt, aus. Auch wenn das Ausmaß der Auswirkungen auf die GuatemaltekInnen in Mexiko noch nicht abzusehen ist, hat sich deren Situation ohne Zweifel verschlimmert.
Obwohl die Flüchtlinge in dem Abkommen zwischen den CCPP und der guatemaltekischen Regierung vom Oktober 1992 eindeutig als Zivilbevölkerung anerkannt sind, ziehen mexikanische und guatemaltekische Behörden, aber auch die Presse im In- und Ausland, erneut eine angebliche Verbindung zwischen den Flüchtlingen, der guatemaltekischen Guerilla URNG und den Zapatistas der EZLN.
Sprecher der Regierungen in Mexiko und Guatemala behaupten immer wieder, GuatemaltekInnen und SalvadorianerInnen seien an dem Konflikt beteiligt. Der einzige “Beweis” ist bislang die Festnahme von Jesús Sánchez Galicia, von dem gesagt wird, er sei Guatemalteke und einer der Chefs der EZLN. Der guatemaltekische Arzt Rubén Alejandro Bailey, der in Mexiko ein Stipendium zur Ausbildung zum Facharzt hat, wurde unter ähnlicher Anschuldigung verhaftet.
Propaganda gegen Flüchtlinge
Da nach Meinung der mexikanischen Regierung der Konflikt “importiert” wurde, berichteten guatemaltekische JournalistInnen aus Chiapas von einer aggressiven Stimmung gegenüber ihren Landsleuten. “Wenn wir uns als GuatemaltekInnen zu erkennen gaben, wurden wir von vielen Leuten in Comitán und San Christobal de las Casas beschimpft”, so Mariano Gálvez von der Radiostation Patrullaje Informativo.
Die Flüchtlingslager in Chiapas liegen nicht direkt in dem umkämpften Gebiet. Da jedoch die Zufahrtswege zu den Lagern während der ersten Tage des Konflikts abgeschnitten waren, war die Besorgnis um die Flüchtlinge sehr groß. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß es dort keine Zwischenfälle gegeben hat.
Nach Angaben einiger BeobachterInnen in Guatemala-Stadt ist nicht auszuschließen, daß guatemaltekische Flüchtlinge an dem Aufstand der Zapatistas beteiligt sein könnten. Als Mayas fühlen sie sich mit ihren Brüdern und Schwestern in Chiapas, die sie nach ihrer Flucht aus Guatemala vor 10 Jahren solidarisch aufgenommen hatten, eng verbunden. Und die soziale und ethnische Problematik im Hochland Guatemalas und in Chiapas unterscheidet sich nur unwesentlich.
Aus einigen Lagern wird berichtet, daß sich mehrere mexikanische Familien aus den Kampfgebieten dorthin geflüchtet hätten, eine genaue Zahl ist jedoch nicht bekannt.
Wie sich der Konflikt auf die Arbeit der humanitären Organisationen in den Lagern auswirken wird, läßt sich nicht absehen. Dort ist es vor allem der Bischof Samuel Ruiz von der Diözese in San Cristobal de las Casas, der sich seit Anfang der 80er Jahre stark für die humanitäre Unterstützung der Flüchtlinge eingesetzt hat. Es wird befürchtet, daß die Arbeit der Kirche in Chiapas in Zukunft streng kontrolliert wird. Auch eine Absetzung von Monseñor Ruiz, die schon vor Monaten im Gespräch war, ist nicht auszuschließen.
In diesem Zusammenhang fordert auch die Nationale Koordinationsstelle der mexikanischen NROs zur Unterstützung der Flüchtlinge in Mexiko (CONONGAR) die Respektierung ihrer Arbeit in den Lagern und Sicherheitsgarantien für ihre MitarbeiterInnen, von denen die NROs lange Zeit keine Nachricht hatten.
Auch für die Flüchtlinge in den Bundesstaaten Campeche und Quintana Roo bleibt der Konfllikt nicht ohne Folgen. Mitglieder einer Delegation von Flüchtlingen aus diesen beiden Gebieten, die für den 10. Januar eine Reise nach Guatemala zur Vorbereitung der für April geplanten Rückkehr in die Provinz Petén beabsichtigten, erhielten von den mexikanischen Behörden keine Erlaubnis, ihre Lager zu verlassen.
Verkehrte Verhältnisse: Flucht nach Guatemala
Die guatemaltekische Zeitung “La República” berichtete am 10. Januar, Hunderte von Familien, guatemaltekische Flüchtlinge, guatemaltekische SaisonarbeiterInnen und mexikanische Campesinos/as seien aus Angst vor der Repression aus Chiapas nach Guatemala geflohen. Offiziell wurde diese Meldung nicht bestätigt, doch auch ein Mitglied der CCPP in Guatemala-Stadt vermutet, daß viele der nicht anerkannten und verstreut lebenden Flüchtlinge von sich aus nach Guatemala zurückgekehrt, und nun Flüchtlinge im eigenen Land sind.
Lange Zeit war die für den 12. Januar geplante Rückkehr von 201 Familien (947 Personen) aus Lagern im Landkreis Comalapa in Chiapas unklar. Anfang Januar sprachen sich VertreterInnen der UNHCR und der mexikanischen Flüchtlingsorganisation COMAR für eine Verschiebung der Rückkehr aus. CCPP, mit Unterstützung von Rigoberta Menchú, hielten jedoch an dem ursprünglichen Termin fest. Schließlich erklärten sich die mexikanischen Behörden bereit, einige der Vorbereitungen von Comitán zum Grenzort La Mesilla zu verlegen, und die Flüchtlinge kehrten ohne nennenswerte Probleme zurück. In Chaculá, im Landkreis Nentón der Provinz Huehuetenango, werden sie sich neu ansiedeln. Nach der Rückkehr von 350 Familien im Januar vergangenen Jahres in die Region Ixcán, Provinz Quiché, war dies die dritte organisierte und kollektive Rüchkehr von guatemaltekischen Flüchtlingen.
Der Druck wächst – Die Schwierigkeiten bleiben
Die Ereignisse in Chiapas werden den Druck der Flüchtlinge auf die CCPP, möglichst schnell die Bedingungen für die Rückkehr weiterer Gruppen zu eröffnen, verstärken. Doch die beiden Hauptprobleme für sie in Guatemala bleiben bestehen: Die Schwierigkeiten, Land zu bekommen und die Militarisierung, die ihr Leben bedroht.
Als Beispiel sei hier die Situation der 200 Mitglieder der Kooperative “Ixcán Grande” in Quiché genannt, die am 8. Dezember 1993 in die Ortschaft “Tercer Pueblo” ihrer Kooperative zurückkehren wollten. Hier befindet sich ein Stützpunkt des Militärs, und die Streitkräfte zeigten sich nicht bereit, diesen zu verlegen, angeblich “zum Schutz der Bevölkerung”. Aus diesem Grund mußten die RückkehrerInnen provisorisch und unter unwürdigen Bedingungen in der Ortschaft Vera-cruz untergebracht werden.
Die Flüchtlinge stammen meist aus den Grenzregionen zu Mexiko, die nach wie vor Gebiete des militärischen Konfliktes zwischen dem Militär und der URNG sind. Mit dem Konflikt in Chiapas und unter dem Vorwand, das Eindringen von Zapatistas nach Guatemala zu verhindern, hat die militärische Präsenz im Grenzgebiet der Provinzen Huehuetenango, San Marcos, Quiché und Petén zugenommen. Die guatemaltekischen Streitkräfte schließen auch gemeinsame Aktionen mit dem mexikanischen Militär nicht aus.
Rigoberta Menchú, die nach Guatemala kam, um die Rückkehr der Flüchtlinge am 12. Januar zu begleiten, drückte ihre Besorgnis aus, daß das guatemaltekische Militär den Konflikt in Mexiko als Vorwand benutzen könnte, die Rückkehrer stärker zu kontrollieren und die Repression in den Konfliktgebieten zu verstärken.
Der Konflikt in Chiapas macht eine verstärkte internationale Aufmerksamkeit für die Situation der guatemaltekischen Flüchtlinge, offiziell anerkannt oder nicht, und die der RückkehrerInnen in Guatemala dringend notwendig.
“Wir sind keine Politiker, die Kunst spielen”
LN: Als erstes natürlich die Frage: Was ist “das neue guatemaltekische Lied?”
Fernando: Am besten, ich erkläre das mal an meinem Beispiel: Ich bin eigentlich zufällig dazu gekommen. Zuerst waren da die südamerikanischen Vorbilder: Victor Jara, Violeta Parra, später die kubanischen Trovadores Silvio Rodríguez und Pablo Milanés und die Nicaraguaner, Luis Enrique und Carlos Mejía Godoy. Und Mitte der 70er Jahre hatte die Studentenbewegung in Guatemala einen großen Aufschwung. Also gründeten wir Kulturgruppen zu ihrer Unterstützung, und ich begann wie viele an der Universität zur Gitarre zu singen. Ich erinnere mich an eine berühmte Gruppe, die kopierte den Kubaner Carlos Puebla und sang: “Se acabó la diversión. Llegó el comandante y mandó a parar, param, param, param!” (Schluß mit dem Vergnügen, der Kommandant ist aufgetaucht und hat Befehl gegeben aufzuhören).
José: Das war die erste Etappe des “neuen Liedes”. Wir imitierten die lateinamerikanischen Vorbilder, und die Lieder waren reine Pamphlete, reine Propaganda. Anfang der 80er Jahre zerschlug das Militär mit der Aufstandskampagne die Volks- und Guerillabewegung. Die meisten Liedermacher mußten ins Exil gehen. Seit einige von uns Mitte der 80er Jahre wieder zurückgekehrt sind, wollen wir musikalisch und politisch unabhängig sein. Trotz der politischen Veränderungen gibt es in der Volksbewegung immer noch die gleiche Engstirnigkeit wie früher. Die linken Organisationen haben uns benutzt, und das hat die Entwicklung des Liedes in Guatemala gebremst. Wir wurden so lange von der Linken gegängelt, daß wir jetzt unsere eigene Bewegung aufbauen wollen: eine Interessenvertretung der Künstler als Arbeiter. Wir wollen nicht mehr nur spielen, um die Leute zu einer politischen Veranstaltung zusammenzuholen und uns die Seele aus dem Leib singen ohne Mikrofon und Verstärker. Wir wollen bezahlt werden und die Anerkennung unserer intellektuellen Arbeit. Auch wir wollen die Gesellschaft verändern, aber nicht hinter Parteifahnen. Wir sind Künstler, nicht Politiker, die ein bißchen Kunst spielen. Die Kunst hat eigene Kriterien und eine eigene Ästhetik und das ist eine große Chance, denn die Leute sind den immergleichen politischen Diskurs leid.
Was bedeutet die musikalische Unabhängigkeit, von der Du sprachst?
Fernando: Sie bedeutet, unsere guatemaltekischen und individuellen Wurzeln zu finden. Musikalisch heißt das, traditionelle guatemaltekische Rhythmen, Harmonien und Instrumente einzusetzen, ohne folkloristisch mit ihnen umzugehen. Wir haben hier den Son Guatemalteco, den Reggae und die Salsa. Wir wollen zeigen, daß die Marimba und indianische Percussioninstrumente keine Instrumente der Großväter sind. Wir spielen die Marimba auch in einer Rockballade. Über die Texte kann José etwas sagen.
José: Wir schreiben eigene Texte, früher haben wir bereits vorhandene vertont. Die Themen sind urbane, weil wir in der Stadt lebende Ladinos sind. Wir singen über Straßenkinder, Bettler, über Homosexualität. Manchmal werden wir kritisiert, weil wir nicht über die Indígenas singen. Aber wir stehen zu unserer Identität. Indígenas können in unseren Liedern ein Symbol für Veränderungen sehen, auch wenn sie ihre eigene Lebensweise nicht darin wiederfinden. Wir nehmen Themen aus den alten Mythen der Maya auf. Aber wir wollen uns weder opportunistisch ihrer Kultur bedienen noch sie kopieren, sondern in den Liedern unsere Gesellschaft individuell verarbeiten.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welchem Stolz ihr Guatemalteken sagt: “Ich bin Künstler”. Wenn Deutsche das sagen, klingt es anders. Man sagt eher: “Ich spiele Klavier”, oder “Ich male”, aber bei Euch klingt es wie ein Lebenskonzept. Vielleicht ist die Auffassung hier individualistischer.
José: Ich glaube, das ist durch unterschiedliche politische Erfahrungen geprägt. Ich weiß nicht, wie sich die Künstler der Elite verstehen; ich kenne sie nicht, obwohl ich sie respektiere. Die Volkskünstler (artistas populares) mußten immer dagegen kämpfen, hinter die politische Sache zurückgestellt zu werden. Auch der Solidaritätsbewegung haben wir sagen müssen: Wir sind keine Politiker. Und das haben sie manchmal falsch verstanden. Aber wenn Du mich nach Europa einlädst, wenn Du ein Interview mit mir machst, dann mach es über meine Arbeit! Nicht, weil ich irgendeiner linken Organisation angehöre. Deswegen sagen wir mit solchem Nachdruck: “Ich bin Künstler”. Ich kann Dir Informationen über Guatemala geben, aber ich will von meiner Arbeit ausgehend über Guatemala reden. Anfang der 80er Jahre, als der Krieg tobte, da war es egal, ob ein Kirchenmensch oder Gewerkschafter ins Ausland reiste, er wurde nach dem Krieg gefragt. Und ich glaube, hier behauptete jeder, er sei Comandante der Guerilla und lieferte die gefragten politischen Analysen.
Fernando: Wenn Du Gelegenheit hattest, guatemaltekische Gewerkschafter zu interviewen, wirst Du gemerkt haben, daß auch sie sich so definieren: “Ich bin Gewerkschafter!”. Es gibt einfach unterschiedliche Rollen innerhalb einer politischen Bewegung. Auch ich habe wegen der Ungerechtigkeit angefangen zu singen, bin deswegen Künstler geworden, aber meine Rolle ist eben die des Künstlers.
Es gibt einen Unterschied zu Deutschland: Wenn hier jemand sagt: Ich spiele Klavier oder ich male, dann sagen sie das vor dem Hintergrund der Musikschulen, die jederman besuchen kann. Hier arbeite ich sechs Monate hart in einer Cafeteria und kann mir ein Musikinstrument kaufen, in Guatemala nicht. Bisher heißt Künstler sein bei uns, fast zusammenzubrechen, auf ein unwürdiges Niveau herabzufallen, damit die Leute dich als Künstler ernstnehmen und sagen: “Wie konsequent!”
José: “Geh bis zum Tod, damit sie dir glauben!”
Fernando: Aber die Jünger der Märtyrer müssen verschwinden! Wir wollen ein würdigeres Konzept von “Künstler”, auch wenn wir unser Geld mit etwas anderem verdienen müssen.
Welche Erfahrungen habt Ihr bei Euren Konzerten hier gesammelt?
Fernando: Das waren sehr eindringliche Erfahrungen. Wir sind mit unserem sozialen und künstlerischen Anliegen hierhergekommen, das in Guatemala große Anerkennung genießt. Aber hier ist der gesellschaftliche Kontext ein anderer, und die Leute verstehen unsere Texte nicht. So wurden wir auf einmal nur noch an ästhetischen Kriterien gemessen. Vielleicht kommen auch kulturelle Gründe hinzu, aber in Guatemala ist der Kontakt zum Publikum wärmer, sie klatschen und schreien und pfeifen. Das war hier ein großer Kontrast.
José: Diese Tournee war ein Traum und eine ästhetische Herausforderung für uns. Wir wollten keinen Applaus aus politischer Solidarität. Früher hätte es Applaus gegeben, weil der Kampf um die Revolution in Guatemala brannte. Aber wir dachten uns vorher: Wenn sie nicht klatschen, dann taugen wir hier nichts, dann funktioniert der Kontext nicht.
In Eurem Konzert bemerkte ich zweierlei: Erstens das ernste Publikum und zweitens mein unwiderstehliches Bedürfnis, Euch in Guatemala singen zu hören. Eben wegen des Kontextes. Und ich begann über politische Lieder nachzudenken und darüber, daß sie in Deutschland eine sehr widersprüchliche Rolle spielen. Hier haben auch die Nazis politische Lieder und Volkslieder benutzt, um die Herzen und Köpfe leichter zu fangen, als mit politischen Parolen. Ich denke, daß es seither in Deutschland keine leicht zugänglichen, schönen, politischen Lieder mehr geben kann, sondern daß sie mit inhaltlichen und musikalischen Brüchen arbeiten müssen, um Denkprozesse anzuregen. Das ging mir bei Eurem Konzert durch den Kopf. Nicht nur, daß der guatemaltekische Kontext fehlte, sondern Eure Lieder prallten auch noch auf den spezifisch deutschen Kontext.
Fernando: Jetzt wird mir einiges klar. Aber ich fühle mich darin bestärkt, daß es unterschiedliche Realitäten sind. Daß unsere Lieder nur hier nichts taugen, wenn die Leute hier nicht klatschen. Jemand erzählte uns, daß die Utopien hier vorbei sind. Da wurde uns klar, daß Utopien für uns sich ständig erneuernde Ideale sind. Sie sind das Licht am Ende des Tunnels, weswegen wir weitermachen. Hier war es ein Ziel, das erreicht wurde oder nicht, und jetzt ist keine Hoffnung mehr und Schluß. Aber das geht bei uns nicht. Wir müssen mehr vom Leben erwarten.
Ein weiterer grundlegender Unterschied ist die Auffassung von Volk. In Deutschland ist “Volk” ein rechtes Wort. Im Augenblick wird es sogar wieder mit faschistischen Konnotationen benutzt. In Guatemala glaubt die Linke an das Volk, und wenn Ihr von einem Wandel in Guatemala singt, dann singt ihr mit einer Vision von Eurem Volk, die es hier nicht gibt. Auch das ist etwas sehr Deutsches, denn in anderen europäischen Ländern gibt es andere geschichtliche Konzepte von Nationalismus oder Volk.
Fernando: Dann hoffe ich, daß unsere Lieder einigen Deutschen klarmachen, daß ihr Konzept von Volk relativ ist. Bei uns ist Volk beinahe ein verbotenes Wort! Wir benutzen es mit dem Gedanken an soziale Veränderungen. Und die Herrschenden wissen, daß das Volk das Volk ist.
José: Aber natürlich diskutieren auch wir darüber. Denn manche setzen bei uns “Volk” mit “populär” gleich. Aber die Lieder in den Radios sind auch populär. Dann gibt es einige Radikale, die uns sagen: Deine Texte haben nichts mit der Realität des Volkes zu tun, sie sagen nichts.
Fernando: Was ich für mich privat komponiere, kann ich im Augenblick in Guatemala nicht singen. Es wäre zu merkwürdig. Mir gefällt der Existentialismus. Wenn ich damit ankäme, würden die Leute sagen: “Der ist abgehoben!” Für viele der Lieder, die ich 1986 komponiert habe, ist auch jetzt noch der richtige Moment. Es gibt einen Schriftsteller, der uns sagt: “Hört auf, dieses soziale Zeug zu singen, macht Liebeslieder!” Ich habe es ein paar Mal versucht, und peng! merke ich, wie mich die Realität wieder einholt. Auch unser Konzept von Liebe ist nicht individualistisch, sondern Liebe ist ein weiter Begriff von Menschlichkeit. Und außerdem können wir nicht ruhig lieben, wenn über uns der Schatten des Krieges schwebt!
José: Und nun ist Schluß mit dem Interview und ich habe einen Haufen neuer Fragen.
POONAL – vernetzte Nachrichten
Bündelung von Agenturen
Sie verstehen sich als alternative Medien, die im Gegensatz zu den herkömmlichen Agenturen aus Sicht der Bevölkerung und nicht im Sinne der Herrschenden informieren wollen. Repression, soziale Mißstände und das Aufzeigen von Alternativen stehen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Viele stehen auch in engem Bezug zu politischen Bewegungen ihrer Heimatländer und arbeiteten auf kommunikativer Ebene für den Sturz diktatorischer Regime. Die wichtigsten unter ihnen waren früher SALPRESS aus El Salvador, die guatemaltekische Agentur CERIGUA, ANN aus Nicaragua, andere stammten aus Uruguay, Chile, Argentinien über Honduras bis hin zu “Prensa Latina” aus Kuba.
Anspruch und Realität
Zum einen sollten sich die bisher isoliert arbeitenden Agenturen gegenseitig darin unterstützen, die persönlichen Kontakte besser zu nutzen. Andererseits sollte durch die gemeinsame Herausgabe von Nachrichtenmaterial der Verbreitungsradius der einzelnen Agenturen erweitert werden. Insbesondere sollte ein Zugang zur bürgerlichen Presse gefunden werden. Zwei Agenturen wurden für ein Jahr für die Koordinierung gewählt, regelmäßige Treffen und Beitragszahlungen vereinbart. Weitere Agenturen sollten hinzugewonnen werden.
Die Ansprüche waren hoch, doch die Umsetzung war schwierig. Erstes Hindernis war die zusätzliche Arbeitsbelastung, die eine solche Koordinierung erforderte. Jede Agentur hatte mit finanziellen und personellen Engpässen zu kämpfen, und die eigene Arbeit hatte stets Priorität vor der Vernetzung. Hinzu kamen, wie leider immer und überall bei linken Projekten, ideologische Differenzen. Auch die Herausgabe eines gemeinsamen Nachrichtendienstes in Mexiko, der die großen Zeitschriften per Fax informierte, konnte nur für kurze Zeit realisiert werden. Die Initiative drohte bald wieder einzuschlafen.
Versuche von Süd-Süd-Kommunikation
Ein Rückblick auf die fortschrittliche “Dritte Welt”-Berichterstattung der letzten Jahrzehnte zeigt, daß auch andere, größere Initiativen vor ähnlichen Problemen standen. Einziges bis heute erfolgreiches Agenturenprojekt ist ips (Inter-Press-Service), das seit 1964 aus und über die “Dritte Welt” berichtet und mit seinen Nachrichtentickern eine vergleichsweise gute Verbreitung gefunden hat. Weniger effektiv war der “pool del tercer mundo”, mit dem seit Mitte der 70er Jahre eine Vielzahl von blockfreien Ländern versucht, die Vorherrschaft der multinationalen Agenturen zu brechen. Trotz weltweiter Konferenzen konnte nie die Idee eines wirklichen Pools realisiert werden. Im Kontext der UNESCO-Forderung nach einer neuen Weltkommunikationsordnung 1983 entstand die lateinamerikanische Agentur ALASEI, die neben politischen auch kulturelle Aspekte verbreiten wollte. Geldmangel ließ auch dieses Projekt nach weniger als zehn Jahren in die Bedeutungslosigkeit abrutschen.
Kleineren Agenturprojekten ist es bisher nicht gelungen, ihre Nischen zu verlassen. Das 1984 in Asien gegründete “Dritte Welt Netzwerk”, dessen lateinamerikanischer Zweig in Uruguay sitzt, verbreitet Nachrichten und Analysen sogar weltweit. Doch es gelingt nicht, kontinuierliche Präsenz zu zeigen. Die Mitarbeit der Mitgliedsmedien fluktuiert stark. Deshalb wurde inzwischen der Anspruch eines umfassenden Netzwerkes aufgegeben: “Das Ganze läuft nur, wenn einzelne die Initiative ergreifen. Dafür stellen wir die Infrastruktur zur Verfügung,” sagt Alberto Brusa, Mitarbeiter des “Dritte Welt Netzwerkes” in Uruguay. Eine ähnliche Einzelinitiative ist die Agentur “apia” in Nicaragua, die aus der österreichischen Solidaritätsbewegung hervorgegangen ist.
Die jüngste Initiative zur Vernetzung von Alternativmedien war der kontinentale Kongreß in Quito im April diesen Jahres, an dem über 60 JournalistInnen aus fast allen lateinamerikanischen Ländern teilnahmen. Schnell zeigte sich, daß trotz ähnlicher Interessen die vielen verschiedenen Medien unterschiedlicher Größe und Professionalität nur schwerlich an einem Strang ziehen können. Zwar war dieses Treffen ein neuer Schritt hin zu mehr Zusammenarbeit, doch mehr als Willensbekunddungen kamen oft nicht dabei heraus.
Basisanbindung und politische Pluralität – ein Problem?
Eine funktionierende Zusammenarbeit bringt zwar eindeutige Vorteile: weniger Vertriebskosten, höherer Verbreitungsgrad, gemeinsame Infrastruktur und schließlich eine Vielfalt von Nachrichten, die gerade für Medien und andere MultiplikatorInnen attraktiv und zugänglich sind. Doch die in der Praxis auftretenden Nachteile erweisen sich bisher als unüberwindbar: Kooperation erfordert ermüdende politische Diskussionen, insbesondere wenn die jeweiligen Medien politischen Organisationen nahestehen; Professionalität und Basisanbindung lassen sich oft nur schwer vereinbaren, Entfernungen und Kommunikationskosten wirken erschwerend. Doch dahinter steht ein wesentliches Problem jeder Vernetzung: Ein aktives Netz erfordert Initiative all seiner Teile – wenn diese nicht stattfindet, wird das Netz zu einem Konzentrationsprozeß zum Vorteil der größeren oder aktiveren Medien. So zeigt auch die bisherige Erfahrung, daß Pools selten funktionieren, während einzelne große und kleine Agenturen lange existieren können, aber kaum eine adäquate Verbreitung finden.
Es überrascht nicht, daß sich die Erfahrungen in Lateinamerika auch auf Seiten der internationalen Solidaritätsbewegung widerspiegeln. Zu der dortigen Vielfalt kommen hier noch ideologische Streitigkeiten hinzu, so daß Interessierte vor einer Unmenge von Publikationen stehen. So wichtig eine gewisse Pluralität ist, so schwer fällt es den meisten, einen Überblick über das Informationsangebot zu bekommen. Konsequenz ist eine wachsende Konkurrenz untereinander.
Ein Versuch, den Agenturen Zentralamerikas eine deutschsprachige Plattform zu geben, war Anfang der 80er Jahre der “mid” (Mittelamerika-Informationsdienst). Finanzielle Unterstützung, Kontakte und der gemeinsame Wille waren vorhanden, und wöchentlich konnten aktuelle Nachrichten aus Nicaragua, Guatemala und El Salvador gelesen werden. Doch auch das klappte nur kurze Zeit. Entscheidendes Hindernis waren die hohen Kosten für die Telex-Standleitung zwischen Managua und Frankfurt/Main. Einzig verbliebene Alternative, Originalnachrichten aus Zentralamerika zu bekommen, war über viele Jahre der “Informationsdienst El Salvador” (ides). Doch war dies ein Projekt von Teilen der bundesdeutschen Solibewegung und spiegelte deren politische Ausrichtung wider – auch wenn der ides mit lateinamerikanischen Quellen arbeitete. Darüber hinaus gingen ab Mitte der 80er einige alternative Agenturen dazu über, eigene Nachrichtendienste in deutscher Sprache herauszugeben, womit sie eine entscheidende Stütze der länderbezogenen Solidarität waren.
POONAL – Der Schritt nach Deutschland
1990 entstand die Idee, die Nachrichten der POONAL-Agenturen in einem gemeinsamen Dienst in deutscher Sprache herauszugeben. So entstand der “Wöchentliche Nachrichtendienst lateinamerikanischer Agenturen – POONAL”, der seit über zwei Jahren Nachrichten und Artikel der Mitgliedsagenturen veröffentlicht. In Mexiko wird das Material bis Freitagabend übersetzt, dann per Datenfernübertragung nach Köln geschickt, wo es journalistisch bearbeitet wird. Schließlich wird der Nachrichtendienst am Montag in Berlin gedruckt und verschickt – derzeit knapp 300 Exemplare in Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Wichtigstes Ziel: Die Vereinzelung der Agenturen sollte aufgehoben werden und ein gemeinsamer Nachrichtendienst aus Lateinamerika durch seine Vielzahl an Themen und Ländern auch für Institutionen und etablierte Medien interessant und brauchbar werden.
Obwohl sich der POONAL-Nachrichtendienst etabliert hat, steht er in der Praxis kaum überwindbaren Problemen gegenüber. Verhältnismäßig glimpflich sieht es noch auf der Vertriebsseite aus. Die journalistische Qualität läßt zwar zu wünschen übrig, aber die Informationen stoßen auf Interesse. Auch konnten einige Institutionen und Medien als AbonnentInnen gewonnen werden, die bisher kaum Zugang zu diesen basisnahen Agenturen hatten. Dennoch bleibt das Hauptproblem bestehen: Auch POONAL hat einen begrenzten AbnehmerInnenkreis und die Präsenz in etablierten Medien ist unbedeutend.
Doch gerade da, wo es um die Koordination geht, nehmen die Schwierigkeiten existenzielle Ausmaße an. Wie oben erwähnt, liegt die Zusammenarbeit der POONAL-Agenturen in Mexiko derzeit auf Eis. Aus der lateinamerikanischen Initiative ist immer mehr eine deutsche geworden, der Vertrieb in Deutschland wurde zur treibenden Kraft. Hinzu kommt, daß viele Agenturen aus dem Exil in ihre Länder zurückgegangen sind, wodurch einige Mitglieder des Pools sich weniger beteiligen und die Kommunikation untereinander sehr spärlich geworden ist. Statt einer Zusammenarbeit findet eher Zuarbeit für ein Projekt statt, da die wenigen in Mexiko ansässigen Agenturen die Entscheidungen treffen. Nur einige Agenturen beteiligen sich, dazu unregelmäßig, daran, so es daß POONAL noch nicht gelungen ist, das Geschehen im gesamten Kontinent widerzuspiegeln.
Obwohl der hohe Anspuch nicht aufrechterhalten werden kann, hält POONAL an der Idee und daran, daß Vernetzung versucht werden muß, fest. Oft klagen gerade kleinere Medien, daß der Zugang zu alternativen Quellen sehr aufwendig ist. Die Konsequenz muß also sein, weiter aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen.
Bezug des POONAL-Nachrichtendienstes:
Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.
c/o FCDL
Gneisenaustr. 2
10961 Berlin
Fax: 030 / 692 65 90
Jahresbezugspreis:
110,– DM für Institutionen
75,– DM für Einzelpersonen
“Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche”
Ein Buch über “Ches Erben”, zusammengestellt aus Ländereinblicken, Interviews mit Guerilleros und biographischen Notizen, wirkt in Anbetracht der derzeitigen politischen Gesamtlage erst einmal befremdlich. Doch der erste verwunderte, aber auch interessierte Blick auf den Inhalt zerstreut die aufkommenden Befürchtungen. In den Gesprächen mit Vertretern – gibt es eigentlich keine Guerilleras? – der Guerillaorganisationen aus Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Kolumbien und Uruguay – vermeidet der Autor Albert Sterr jegliche Beschwörung des linken Mythos von heldenhaften Guerilleros, aber auch seine Verdammung: “Die vorliegende Arbeit ist weder eine polemische Absage an den Mythos Befreiungsbewegung noch ein Wegweiser für die Suche nach einer neuen revolutionären Hoffnung für die Menschheit”(S.9). Das zweite Befremden stellt sich jedoch sogleich ein: wozu dann ein solches Buch?
Albert Sterr nennt zwei Leitfragen, zum einen die nach der “politischen Verankerung der (ehemaligen) Guerillabewegungen” und “ob sie für die Bevölkerungsmehrheiten im wirklichen Leben emanzipatorische Spielräume eröffnen” können (S.12), zum anderen, wie der Titel vermuten läßt, nach Che Guevara und seiner Vorbildfunktion (S.14). Beide Fragen werden in den Interviews kaum berührt, in den einleitenden biographischen Essays zu den einzelnen Interviewpartnern nur gestreift. Deutlich wird in der Einleitung allerdings, daß es in diesem Buch vor allem auch um einen Beitrag zur hiesigen Diskussion geht (S.21). Diesen Anspruch erfüllen die Interviews fürwahr. Sie lesen sich sehr spannend, geben einen guten historischen Einblick in die Geschichte der Linken in den jeweiligen Ländern und in die Möglichkeiten von Bewegungen im Widerstand gegen die Regierungen. Außerdem werden die Unterschiede der verschiedenen Bewegungen untereinander dargestellt, einige Tabuthemen wie interne Konflikte aufgegriffen und begangene Fehler thematisiert. Die Interviews haben für sich viel Aussagekraft. Trotzdem fehlte mir nach dem Lesen ein Schlußwort, ich fragte mich, was der Autor aus diesen Interviews nun schließt, ob er Antworten auf seine Fragen finden konnte.
Interessant ist es für die LeserInnen allemal, sich mit den Erfahrungen und Erkenntnissen der linken Bewegungen Lateinamerikas zu befassen und sich der äußeren Zwänge, die jede revolutionäre Veränderung verhindern, erneut bewußt zu werden. Denn die Erben Che Guevaras haben nicht mehr die gleiche Siegeshoffnung, die er selbst noch hatte als er schrieb: “Und wenn wir fähig wären, uns zu vereinigen, um unsere Schläge solider und genauer durchführen zu können, um Hilfe jeder Art den kämpfenden Völkern noch wirksamer leisten zu können, wie groß wäre dann die Zukunft und wie nah” (Che Guevara, “Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams” 1967).
