Wessen Feminismus?

Druck von Frauen machen Druck

In den vergangenen Jahrzehnten haben feministische Bewegungen tiefgreifende rechtliche und gesellschaftliche Veränderungen angestoßen. Doch längst geht es nicht mehr allein um formale Gleichstellung. Feministische Kämpfe richten sich inzwischen gegen genderspezifische Gewalt, ökonomische Ungleichheiten, die Kontrolle über Körper und Reproduktion und erweitern das Verständnis von Feminismus als „Frauenfrage“ hin zu intersektionalen Kämpfen. Doch welche Geschichten prägen dieses Verständnis? Zwei zentrale Figuren der ecuadorianischen Geschichte sind Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña. Waren sie auch Feministinnen? Über Dolores Cacuango kursieren bis heute

Erzählungen, in denen sie als furchtlose, kraftvolle Frau mit einer außergewöhnlichen Präsenz gezeichnet wird. Mama Dulu, wie viele sie nannten, kam 1881 in San Pablo Urcu im Hochland Ecuadors nahe Otavalo zur Welt. Rosa Elena Amaguaña, später vor allem unter dem Namen Tránsito Amaguaña bekannt, wurde 1909 in Pesillo, ebenfalls nahe Otavalo geboren. Beide Frauen wuchsen im System der huasipungo-Haciendas auf, das Indigene Familien an Großgrundbesitzer band, und erlebten eine von extremer Armut, Ausbeutung und Entrechtung geprägte Kindheit ohne Zugang zu formaler Bildung. Tránsito ging nur sechs Monate zur Schule, begann bereits mit sieben Jahren zu arbeiten und wurde mit 14 Jahren zur einer von Gewalt und Missbrauch geprägten Ehe gezwungen. Im gemeinsamen Kampf gegen das Haciendasystem begegneten sich die beiden Frauen.
Um die politischen Kämpfe von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña zu verstehen, ist ein Blick auf die Arbeits- und Machtordnung des Haciendasystems notwendig, das auf den Strukturen der kolonialen Gesellschaftsordnung der spanischen Eroberung beruhte: Rassistische Hierarchien und patriarchale Normen legten fest, wer Kontrolle über Körper und Land ausübte und wessen Leben zählten. In den Haciendas spiegelte sich diese Ordnung wider: An der Spitze stand der Großgrundbesitzer, am unteren Ende Indigene Familien, die als huasipungueros ein kleines Stück Land – das huasipungo – lediglich als „Leihgabe“ erhielten. Im Gegenzug waren sie zu schwerster Arbeit auf den Ländereien der Hacienda verpflichtet. Für Frauen bedeutete dieses System eine besonders vielschichtige Form der Unterdrückung: Neben Care-Arbeit wurden sie zu zusätzlicher Arbeit gezwungen und waren regelmäßig sexueller Gewalt ausgesetzt. Diese Lebensrealität prägte die Kindheit und Jugend von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña und legte den Grundstein für ihren politischen Widerstand.

Die 1930er-Jahre markieren in Ecuador eine Phase verstärkter Indigener Organisierung gegen Ausbeutung und Entrechtung, auch wenn Indigener Widerstand auf jahrhundertelange Kämpfe seit der spanischen Eroberung zurückgeht. 1930 fand einer der ersten großen Protestmärsche nach Quito statt, an dem auch Cacuango und Amaguaña teilnahmen. 1944 beteiligten sie sich an der Gründung der Federación Ecuatoriana de Indios (Ecuadorianische Föderation der Indios, FEI), der ersten landesweiten indigenen Bäuer*innenorganisation Ecuadors. Die FEI richtete sich gegen die Gewaltstrukturen der Großgrundbesitze und das Haciendasystem und legte organisatorische Grundlagen für eine bis heute prägende Indigene Bewegung. Dolores Cacuango spielte eine zentrale Rolle in der öffentlichen Artikulation einer starken Indigenen Identität, die sie mit konkreten Forderungen nach Land, Respekt und politischen Rechten verband. Dieses kollektive Selbstverständnis brachte sie 1942 auf der Konferenz der Arbeiter*innen Lateinamerikas zum Ausdruck: „Wir, Indios, brauchen Land, wir brauchen ein Zuhause und Essen. Und wir brauchen Respekt. Respekt als Indios. Wir sind arm und ausgebeutet, ja, aber bevor wir arm und ausgebeutet sind, sind wir Indios und Indias. Wir haben eine Sprache, wir haben eine Geschichte, wir haben eine indigene Nation. Wir müssen unser Land zurückgewinnen und unsere indigene Kraft zurückerlangen.“ Durch Organisierung, Streiks und Märsche erschütterten Dolores und Tránsito die Legitimität des Haciendasystems, bereiteten die Grundlage für spätere Landreformen und erkämpften damit für zahlreiche Indigene Familien das Recht auf eigenes Land.

Die Verschränkung von Gender mit rassistischen, kolonialen und klassistischen Strukturen wird anhand des Wahlrechts in Ecuador deutlich: Zwar führte das Land 1924 als eines der ersten in der Region das Frauenwahlrecht ein, doch politische Teilhabe blieb bis 1979 an Alphabetisierung gebunden. Der systematische Ausschluss Indigener, afroecuadorianischer und armer Bevölkerungsgruppen aus Bildung und Politik legitimierte ihre Entrechtung und festigte rassistische wie klassistische Herrschaftsverhältnisse. Trotz formaler Gleichstellung blieb politische Teilhabe so für die Mehrheit Indigener Frauen faktisch unerreichbar.

Feminismus ohne Klasse und Rassismus zu besprechen bringt nichts


In den 1940er- und 1950er-Jahren gründeten Dolores und Tránsito daher gemeinsam mit anderen Frauen zweisprachige Schulen mit Unterricht auf Spanisch und Kichwa. Alphabetisierung wurde bei ihnen zu einem politischen Instrument: Die Schulen richteten sich gegen die ökonomische Ausbeutung im Haciendasystem, schufen Räume für Indigene Sprache, Identität und kollektives Wissen und wirkten zugleich genderspezifischer Marginalisierung entgegen, indem Frauen Bildung organisierten und vermittelten. Bildung wurde so zu einem Akt des Widerstands gegen eine koloniale Ordnung, die auf Unsichtbarmachung, Abhängigkeit und sprachlicher Assimilation beruhte.
Dolores und Tránsito kämpften für Bildung für Mädchen und Frauen, für Löhne für Frauenarbeit und für die Begrenzung der Arbeitszeiten. Zugleich organisierten sie Frauen in politischen Zusammenschlüssen wie der Alianza Femenina Ecuatoriana (Ecuadorianische Frauenallianz), einer Organisation, die Arbeiterinnen, Lehrerinnen, Intellektuelle, Bäuerinnen und Indigene zusammenbrachte und gemeinsame politische, wirtschaftliche und soziale Forderungen formulierte. Mama Dulu und Mama Tránsito durchbrachen damit koloniale wie patriarchale Machtordnungen. Macht sie das zu Feministinnen – und ist diese Zuschreibung überhaupt entscheidend?

Indigene Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen weisen darauf hin, dass Begriffe wie Gender als akademische Analysekategorien entstanden sind und nicht ohne Weiteres auf Indigene Kontexte übertragbar sind. Während im europäischen Denken häufig das Individuum im Zentrum steht, versteht sich der Mensch in vielen andinen Gemeinschaften primär als Teil eines Kollektivs, in enger Beziehung zu Land, Territorium und Natur. Auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern wird hier nicht als Gegensatz, sondern als komplementär gedacht, etwa im Konzept warmi-kari (Frau-Mann im ecuadorianischen Kichwa), das eine Vorstellung von wechselseitiger Abhängigkeit und Balance beschreibt.

Druck von Ivonne Tran @yvithaod

„Bevor wir arm und ausgebeutet sind, sind wir Indios und Indias“


Indigene Aktivist*innen verurteilen patriarchale Strukturen, genderspezifische Gewalt und mangelnde Repräsentation von Frauen innerhalb Indigener Organisationen und Gemeinschaften. Gleichzeitig kritisieren sie den urbanen, weißen Blick vieler feministischen Strömungen, der individuelle Rechte betont und dabei Indigene Lebensrealitäten, kollektive Ansprüche sowie das Zusammenspiel von Gender, Rassismus und Klassismus ausblendet. Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña verbanden diese Kämpfe: Sie setzten sich zugleich für Landreformen, Indigene Rechte, Frauenrechte sowie Gleichheit und Gerechtigkeit ein. Entscheidend war dabei nicht der Anspruch einzelner Gruppen, sondern der gemeinsame Kampf um Anerkennung und Rechte für diejenigen, die von der bestehenden Ordnung ausgeschlossen waren: „Zuerst das Volk. Zuerst die Landbevölkerung, die Indios und Indias, die Schwarzen und die Mulatt*innen. Alle sind Gefährt*innen. Für alle haben wir gekämpft.“

Ich verstehe dieses politische Handeln daher als intersektional – nicht als Addition einzelner Diskriminierungen, sondern als Kampf gegen ein Machtgefüge, in dem Rassismus, Klasse und Gender untrennbar miteinander verbunden sind. Wer Land besitzt, wer arbeiten muss, wer sprechen darf und wessen Wissen zählt, ist Teil derselben Ordnung. Die Kämpfe von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña zeigen, dass sich Gendergerechtigkeit nicht vom Kampf um Land, Sprache und kollektive Rechte trennen lässt. Sie leben heute nicht nur als nationale Symbolfiguren – etwa auf dem ecuadorianischen Reisepass – weiter, sondern als politische Bezugspunkte für die bis heute kraftvollen Indigenen, feministischen und sozialen Bewegungen.

Vielleicht zeigen ihre Geschichten vor allem eines: Weder Feminismen noch Intersektionalität sind feststehende Wahrheiten. Sie sind Begriffe in Bewegung. Sie verändern sich, je nachdem, wer sie benutzt, in welchem Kontext und mit welchem politischen Ziel. Wenn wir also fragen „Was sind Feminismen?“, dann geht es darum, wessen Erfahrungen zählen, wessen Kämpfe sichtbar werden – und ob wir bereit sind, unseren eigenen, oft eurozentrisch geprägten Blick zu erweitern. Denn diese Frage lässt sich nicht losgelöst von Kontext, Macht und Position beantworten. Es bedeutet auch den eigenen feministischen Blick zu hinterfragen: Woher kommt mein Feminismus? Welche Geschichten kenne ich – und welche nicht? Die Biografien von Dolores Cacuango und Tránsito Amaguaña laden dazu ein, Feminismen zu öffnen, als Begriff in Bewegung. Feminismen sind nur dann solidarisch, wenn sie koloniale und rassistische Machtverhältnisse nicht ausblenden, sondern zum Ausgangspunkt politischer Selbstkritik machen.


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Justiz im Wandel

Vor der Reform, die von Andrés Manuel López Obrador in die Wege geleitet und von Claudia Sheinbaum durchgesetzt wurde, wurden die Richter*innen des Obersten Gerichtshofs aus einer vom Präsidenten vorgeschlagenen und vom Kongress bestätigten Liste ausgewählt. Dies führte zu einer undurchsichtigen Justiz mit exorbitanten Gehältern, geringer Rechenschaftspflicht und starken Verbindungen zur Oligarchie und den faktischen Machthaber*innen.
Darüber hinaus trug die Vetternwirtschaft der so genannten „Richterfamilien“ dazu bei, ein System mit einem hohen Maß an Straflosigkeit aufrechtzuerhalten. Nach Angaben von Organisationen wie dem Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie (IMDHD) gehen 90 Prozent der Justizverfahren in Mexiko straffrei aus.
Das neue Justizsystem ist aus einem intensiven Kampf zwischen zwei Blöcken hervorgegangen. Auf der einen Seite die ehemalige Regierung unter der Führung von Andrés Manuel López Obrador (AMLO) und seiner Morena-Partei, die im Rahmen der so genannten „Vierten Transformation“ eine Agenda progressiver Reformen verfolgte. Auf der anderen Seite die Opposition, die sich aus der Rechten und den traditionellen Parteien (PAN, PRI, PRD), dem Obersten Gerichtshof (SCJN) selbst – dem vorgeworfen wird, konservativ und elitär zu sein – und den Konzernmedien zusammensetzt, die als Verfechter*innen des Status quo angesehen werden.

Plan A bis C für die Justizreform

Um das Justizsystem umzugestalten, musste López Obrador drei verschiedene Strategien anwenden. Die erste war die wahlpolitische Reform, die dem Kongress 2022 vorgelegt wurde, um das Budget des Nationalen Wahlinstituts (INE) zu kürzen und die Mehrpersonenwahlkreise abzuschaffen, was mangels qualifizierter Mehrheit abgelehnt wurde. Es folgte zwischen 2022 und 2023 der sogenannte „Plan B“, der, der Änderungen des abgeleiteten Rechts vorsah, ohne dass die Verfassung geändert werden musste, der jedoch vom Obersten Gerichtshof für ungültig erklärt wurde. Und schließlich der „Plan C“ im Jahr 2023, der das letzte Wagnis darstellte: die Präsidentschaftswahlen 2024 zu gewinnen und eine qualifizierte Mehrheit im Kongress zu erreichen, um das Justizsystem durch die Wahl der Richter*innen durch das Volk zu erneuern.
Da es in Mexiko keine Wiederwahl gibt, machte die derzeitige Präsidentin, Claudia Sheinbaum, den Plan C und die Justizreform zu einem der zentralen Versprechen ihrer Wahlkampagne. Nach ihrem erdrutschartigen Sieg (mit fast 30 Millionen Stimmen – mehr als doppelt so vielen wie ihr Konkurrent) erreichte Morena eine qualifizierte Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses und erhielt so die notwendigen Stimmen für eine Verfassungsreform. Der politische Kalender Mexikos erlaubte es AMLO in einer seiner letzten Amtshandlungen als Präsident diese Mehrheit zu nutzen, um die lang ersehnte Justizreform in den Kongress einzubringen. Die Reaktion der Justiz ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Viele ihrer Beschäftigten traten in den Streik und besetzten am Tag der Abstimmung aus Protest sogar gewaltsam den Senat.
Nach der beschlossenen Reform sollten die drei Gesetzgebungsorgane der Regierung nicht nur Kandidat*innen für die Wahl der Richter*innen des Obersten Gerichtshofs benennen, sondern auch für die Wahl der Magistrate, Richter*innen und Bezirksrichter*innen sowie der Mitglieder des neuen Disziplinargerichts aufstellen.
Das Wahlverfahren war umständlich und komplex. Das Nationale Wahlinstitut verfügte nur über ein begrenztes Budget für die Organisation der Wahlen, und die politischen Parteien waren von der Werbung für Kandidaturen und der Finanzierung von Kampagnen ausgeschlossen.
Der Prozess war zudem auch von Boykottaufrufen der Opposition und einiger Medien geprägt und durch die Mobilisierung der morenistischen Basis zur Stimmabgabe anhand von Orientierungslisten gekennzeichnet – bekannt als acordeones (Spickzettel) – mit den Namen der ihrer Partei nahestehenden Kandidat*innen.

Wahlbeteiligung nur bei 13 Prozent

In Mexiko besteht keine Wahlpflicht, und bei den Zwischenwahlen gehen in der Regel etwa 30 Prozent. Nach diesen Maßstäben könnte man sagen, dass die Wahlbeteiligung für die Richter*innenwahl am 1. Juni sehr niedrig war, da von den fast 100 Millionen Wahlberechtigten nur 13 Prozent zur Wahl gingen.
Die mexikanische Opposition hat die Wahl der Richter*innen durch das Volk als einen autoritären Akt bezeichnet, der die Justiz politisiert, die Unabhängigkeit der Justiz bedroht, die Rechtsstaatlichkeit schwächt und Morena eine noch größere Machtkonzentration ermöglicht. Die Regierung von Claudia Sheinbaum und ihre Partei verteidigen dies indes als Demokratisierung der Justiz, die notwendig sei, um den Interessen des Volkes und nicht einer wirtschaftlichen und politischen Minderheit gerecht zu werden. Im Zuge der Justizreform wurde die Zusammensetzung des SCJN von elf auf neun Richter*innen reduziert, so dass er nun aus fünf Frauen und vier Männern besteht, die ideologisch der Regierung Sheinbaum nahestehen.
Die Ernennung von Hugo Aguilar – nach Benito Juárez vor 160 Jahren die zweite Indigene Person, die den Vorsitz des Gerichtshofs übernimmt – stellt einen symbolischen Fortschritt für historisch marginalisierte Gemeinschaften dar. Sie hat einerseits Fragen über seine Unabhängigkeit von der Exekutive aufgeworfen und andererseits zu widerwärtigen, rassistischen Äußerungen gegen ihn geführt. Dieser neu aufgestellte Gerichtshof wird in den kommenden Jahren über entscheidende Fragen wie die Ausweitung der sozialen Rechte, die Autonomie der Indigenen Bevölkerung und die Rolle der Armee bei Sicherheitsaufgaben entscheiden. Seine Unabhängigkeit wird von entscheidender Bedeutung sein, um zu vermeiden, dass er als eine Erweiterung der politischen Macht wahrgenommen wird.


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