Fragmente des Verbrechens

Bester Hauptdarsteller Wagner Moura wird in Cannes für seine Rolle als Secret Agent belohnt (Foto: Port au Prince Pictures)

Einsam ist die Tankstelle im Nirgendwo des brasilianischen Nordostens, wo der quietschgelbe VW Käfer hält. Und doch entdeckt sein Fahrer Marcelo sofort ihr grausiges Geheimnis: Fast unmittelbar neben der Zapfsäule liegt eine Leiche, von Fliegen umschwirrt, das Gesicht notdürftig mit Pappen bedeckt. Ein missglückter Überfall war dem verhinderten Räuber zum Verhängnis geworden. Doch weder der Inhaber der Tankstelle noch die vorbeikommenden Polizisten oder Marcelo bemühen sich darum, den Toten von der Straße zu schaffen. Denn ein Menschenleben, noch dazu das eines Kriminellen, zählt nicht viel in Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Das wird in Kleber Mendonça Filhos epischem Gesellschaftsporträt The Secret Agent (O Agente Secreto) schnell deutlich. Und auch die Erinnerung an Verbrechen und Widerstand dieser Zeit ist im neuen Film des aktuell vielleicht ambitioniertesten brasilianischen Filmemachers (u.a. Bacurau, Aquarius) oft lückenhaft und selektiv. Marcelo (Wagner Moura, bekannt als Pablo Escobar aus der Netflix-Serie Narcos) gerät als Universitätsdozent zwischen die Fronten, als ein skrupelloser Geschäftsmann mit besten politischen Kontakten sich seine Forschungen mit einem miesen Trick unter den Nagel reißen will. Von Auftragskillern gejagt, sucht er in seiner Heimatstadt Recife Zuflucht in einer Unterkunft, die auch anderen politisch Verfolgten eine sichere Anlaufstelle bietet. Hilfe bekommt er dabei von Herbergsmutter Sebastiana (herzerwärmend: Tânia Maria) und der Fluchthelferin Elza (Maria Fernanda Cândido). Sein Job unter falscher Identität im städtischen Meldeamt gibt ihm zudem Gelegenheit, die Arbeit einer korrupten Polizeieinheit aus nächster Nähe unter die Lupe zu nehmen.
Zu Recht wurde The Secret Agent mit zwei wichtigen Preisen beim Filmfestival in Cannes belohnt (Bester Hauptdarsteller, Beste Regie) und folgerichtig auch als brasilianischer Beitrag für den Oscar nominiert. Wirklich einfach macht der Film es seinem Publikum allerdings nicht. Selbst Kenner*innen der brasilianischen (Film-)Kultur dürften Schwierigkeiten haben, alle versteckten Anspielungen und Referenzen zu entziffern. Da wird zum Beispiel ein abgetrenntes Bein im Magen eines Hais gefunden, das später laut der Sensationspresse ein Eigenleben entwickelt und nachts in den Parks von Recife sein Unwesen treibt: Ein Verweis auf eine gängige Medienpraxis zu Zeiten der Diktatur. Dort lenkten solche Schauermärchen von der echten Folter und den außergerichtlichen Hinrichtungen durch Staatsorgane ab, die wegen der Zensur verschwiegen wurden. Präsent ist auch die strukturelle Benachteiligung des brasilianischen Nordostens durch den reichen Süden, verkörpert durch die Figur des skrupellosen Industriellen Girotti (Luciano Chirolli). Und cineastische Referenzen an zeitgenössische Horrorfilme wie Der weiße Hai oder Omen bindet Filmfreak Mendonça ebenso ein wie einen Kommentar auf die Schließung vieler traditioneller Vorführsäle in Brasilien, die zu Zeiten der Repression kleine Orte des Atemholens von der Realität darstellten.


Kein Spionagethriller


The Secret Agent ist ein Film, der sich – ähnlich wie Marcelo selbst – als etwas tarnt, was er gar nicht ist. Schon der Titel ist auf ironische Weise irreführend: Selbstverständlich muss der Protagonist seine Identität geheim halten. Aber wer auf einen klassische Spionagethriller hofft, wird enttäuscht. Denn an subversive Aktivitäten ist für Marcelo nicht zu denken. Ein Agent im eigentlichen Sinne kann und will er nicht sein, denn sein einziges Ziel ist es, so schnell wie möglich mit seinem Sohn das Land zu verlassen. So ist der Film auch keine frontale Anklage der Militärdiktatur, sondern wirkt eher wie ein trojanische Pferd, indem er durch Alltagsbeobachtungen ein Panorama der Gesellschaft eines Landes zeichnet, in dem sich niemand sicher fühlt und ein Leben von heute auf morgen am seidenen Faden hängen kann. Korruption und illegale Machenschaften der Polizei sind an der Tagesordnung, das Chaos des Karnevals wird von ihr für Morde an Oppositionellen missbraucht. Dabei heuern Auftragskiller andere Auftragskiller an, um sich die Hände nicht schmutzig und ohne großen Aufwand schnelles Geld zu machen. Politische Geflüchtete treffen sich in geheimen Unterkünften, tauschen Geschichten aus, schmieden Pläne und verschwinden wieder. Manches davon wird im Film ausführlich gezeigt, anderes wie nebenbei, wieder anderes gar nicht. Gelegentlich tauchen Lücken in der Erzählung auf, Handlungsstränge und Figuren verlieren sich und scheinbar banalen Details wird stattdessen Platz eingeräumt. Über zweieinhalb Stunden nimmt Mendonça Filho seine Zuschauer*innen mit auf eine räumliche und zeitliche Reise, die gerade deshalb faszinierend ist, weil sie keiner perfekt getrimmten Handlung folgt. Ort und Epoche, die fast physisch spürbar gemacht werden, sind die wahren Protagonisten des Films. Eine wichtige Rolle spielen dabei die bis ins letzte Detail fantastisch ausgesuchten und gestalteten Drehorte in Recife, der Heimatstadt des Regisseurs. Satte Farben machen das Erlebnis hyperrealistisch und erinnern anCity of God, den bis heute vielleicht ikonischsten aller brasilianischen Kinofilme (der allerdings in Rio de Janeiro spielt). Während dessen klassisch-lineare Erzählweise ihn zu einem riesigen Publikumserfolg machte, verweigert sich The Secret Agent im Gegensatz dazu dem Massengeschmack durch seine stark fragmentierte Dramaturgie. Wer sich aber darauf einlässt, dass wie in der Realität auch im Film nicht alle Geschichten einen befriedigenden Abschluss finden können, wird mit einem besonderen Kinoerlebnis belohnt. Denn The Secret Agent vermittelt neben dem umfassenden Porträt einer Epoche auch das dazugehörende Gefühl zwischen latenter und offener Bedrohung und stellt dadurch einen aktuellen Kommentar zum vielerorts in der Gegenwart wieder um sich greifenden Autoritarismus dar.


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„Wir stehen im Dienst des Kollektivs“

Edson Velandia und Adriana Lizcano ziehen in der Musik und in der Liebe am gleichen Strang (Foto: Andrés Trujillo @trifulkart)

Wie hat euch Piedecuesta, Santander, die Region, aus der ihr kommt, musikalisch beeinflusst?
Edson: Ich wurde von einer künstlerischen Bewegung geprägt, die in den 70er und 80er Jahren mit dem Nadaísmo (einer avantgardistischen literarischen und kulturellen Bewegung in Kolumbien, beeinflusst vom Existenzialismus und Nihilismus, Anm. d. Red.) entstand. Es war eine sehr aktive und lebendige Szene. Damals gab es auch eine Bewegung zur Wiederbelebung der Volksmusik. Auch ich beschäftigte mich mit Theater, Poesie, Musik und Kino. Ich hatte das Glück, mich in dieser Zeit musikalisch weiterbilden zu können. Ich war auch Mitglied der städtischen Blaskapelle von Piedecuesta, einer traditionellen Kapelle, wie es sie in allen Dörfern gibt. Bis heute habe ich eine sehr starke Verbindung zum Dorf. Auf diese Weise setze ich fort, was andere begonnen haben.


Adriana: Wir wurden auch von einem Musiker aus Piedecuesta namens Pablus Gallinazo geprägt. Seit ich ein Kind war, hörten wir ihn zu Hause. Mein Vater brachte mir seine Lieder bei. Gallinazos Musik war sehr direkt und revolutionär, auch er war ein Vertreter des Nadaismus. Seine Musik ähnelte der der Protestsänger: Víctor Jara, Alí Primera, sowie Protestsongs der Nicaraguaner*innen… Und er kam aus unserem Dorf.

Edson: Gallinazo ist vielleicht der einzige Musiker dieses Protestgenres, der in Kolumbien berühmt war. Aus Piedecuesta zu kommen, hat also musikalisch gesehen eine große Bedeutung.

Auch eure Musik ist zutiefst revolutionär und politisch. Wie seht ihr diese Beziehung zwischen Musik und Politik?
Edson: Viele nennen es Protestmusik, aber es ist nicht die Musik, die protestiert, sondern es sind die Bevölkerung, die Gemeinschaft, die Menschen. Und sie nutzen dafür alles, was ihnen zur Verfügung steht: Musik, Theater, Mobilisierung, Demonstrationen, Besetzungen, Projekte. Das ist das, was wir machen und dafür ist es nicht unbedingt notwendig, dass die Texte explizit politischen Bezug nehmen. Ich verstehe Musik als kollektive Ausdrucksform, als gemeinsame Sprache. Als Künstler hat man die Aufgabe, ein kollektives gesellschaftliches Bedürfnis poetisch zu verwirklichen. Wir stehen also im Dienst des Kollektivs.

Könnt ihr mir etwas über die Gemeinschaftsprozesse erzählen, an denen ihr beteiligt seid?
Edson: Wir sind ein Zusammenschluss verschiedener Kollektive, die sich mit der Verwaltung von künstlerischen und muskalischen Räumen und kulturellen Projekten befassen. Wir wollen kein Unternehmen gründen, wir wollen keinen Fortschritt im kapitalistischen Sinn. Wir wollen verwirklichen, woran wir glauben: das Zusammenkommen, das Schaffen von notwendigen Räumen in unserer Gemeinschaft. Diese Räume nehmen wir uns. Wir haben zum Beispiel zeitweise ein Theater besetzt, führen Gespräche in Schulen und machen gemeinschaftliches Kino…das führt zu sehr positiven Veränderungen. Die Bevölkerung konsumiert nicht mehr nur Streamingdienste, sondern sieht Geschichten, die von Menschen aus der Gemeinschaft selbst erzählt werden.

Und ihr habt in Piedecuesta auch eine Gemeinschaftsbibliothek mitgegründet…

Edson: Früher gab es im Viertel, in dem wir aufgewachsen sind, keine Bibliothek. Heute gibt es eine und sie ist für alle offen und kostenlos. Dort finden heute Begegnungen und Kreativität statt. Wir glauben an Kreativität als eine notwendige permanente Handlung.
Adriana: Die Gemeinschaftsbibliothek La Bellecera ist täglich geöffnet. Am wenigsten wird dort gelesen. Stattdessen wird Fußball gespielt, es gibt ein Orchester, ein Gemeinschaftskino, Tischntennis und Strickworkshops. Es gibt eine Kinder-Batucada (Trommelgruppe brasilianischen Ursprungs, Anm. d. Red.), einen Chor und wir beschäftigen uns mit Umweltthemen. Außerdem organisieren wir jedes Jahr das Festival de la Tigra. Für uns ist Kunst ein Mittel, das uns hilft, uns mit dem auseinanderzusetzen, was um uns herum geschieht. Und es gibt die Batucada Guaricha, ein Kollektiv von 26 Frauen, die seit sieben Jahren gemeinsam trommeln. Mit der Batucada arbeiten wir jetzt mit den Frauen, Mädchen und Jungen im Viertel.

Dieses Gemeinschaftliche, das bei den Streiks und Protesten so stark war, hat auch dazu beigetragen, dass mit Gustavo Petro 2022 der erste linke Präsident in der Geschichte Kolumbiens gewählt wurde. Wie seht ihr das jetzt zum Ende seiner Amtszeit?
Adriana: Wir haben viel auf diesen Wandel gesetzt. Es war nicht so, als hätten wir an Petro als Retter geglaubt. Wir glaubten an eine Bewegung, an viele Organisationen, an die Bauern, an die Indigenen Völker, die alle für dasselbe Ziel gearbeitet haben. Vom ersten Tag an wurden Veränderungen sichtbar. In Petros Amtseinführungsrede hat er nicht vom Töten oder der Rache gesprochen, sondern von Liebe und einem friedlichen Kolumbien. An dem Tag waren Menschen und Delegationen aus vielen Teilen des Landes da. Leute, die bei anderen Amtseinführungen nicht dabei gewesen waren. Bei jedem Regierungstreffen, an dem wir teilgenommen haben, gab es eine große Vertretung derer, die als „Peripherie“ oder „tiefes Kolumbien“ bezeichnet werden.
Es ist sehr schwierig, eine Regierung als gut oder schlecht zu bewerten, ohne die Strukturen dahinter zu verstehen. Außerdem müssen wir klarstellen, dass Petro zwar an der Regierung ist, aber nicht die Macht hat. Viele sind der Meinung, er habe nichts getan, andere finden das doch. Wir haben Veränderungen in kleinen Gesten gesehen, wie in der Verteilung von Land und Gütern, die von der SAE (Behörde zur Sicherstellung und Verwaltung von Vermögenswerten, die bei Straftaten beschlagnahmt werden, z.B. von Kartellen und der Mafia, Anm. d. Red.) beschlagnahmt wurden, oder Veränderungen in Institutionen, die früher korrupt waren und es jetzt nicht mehr sind. Außerdem können junge Menschen unter dieser Regierung protestieren. Ihnen wird zugehört oder zumindest werden sie auf den Straßen nicht mit Tränengas angegriffen und verlieren ihr Augenlicht. Das ist ein großer Unterschied. Heute kämpft die Armee nicht mehr gegen die Bauern und die Bevölkerung.

Was ist eure Perspektive auf die Präsidentschaftswahlen 2026?
Adriana: Es gibt sehr große Herausforderungen. Wir müssen weiterarbeiten und eine sehr solide Struktur aufbrechen, was sehr schwer zu schaffen ist in vier Jahren. Deshalb glauben wir fest daran, dass wir, wenn wir schon das „Spiel der Demokratie“ spielen, weitermachen müssen. Deshalb setzen wir hundertprozentig auf Iván Cepeda als Präsidenten!
Edson: Wichtig ist, dass der Prozess fortgesetzt wird, der sich wirklich für Gerechtigkeit, Frieden, den Schutz der Natur, der Erde, des Wassers und der Menschen, für die Achtung der Menschenwürde und der Würde des Lebens selbst einsetzt. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir zu etwas Anderem zurückkehren. Wir sind nicht wirklich überzeugt, dass Wahlen und demokratische Mittel das Beste sind. Aber wir können das System derzeit nicht ändern. Was wir tun können, ist dafür zu kämpfen, dass die Menschen, die innerhalb des Systems die Regierungen bilden, weder kriminell, noch korrupt sind oder gar mit Drogen handeln. Wir müssen weiterhin auf das setzen, von dem wir sicher wissen, dass wir es beeinflussen können: die Arbeit im Kollektiv, im Kleinen, in den Stadtvierteln, wo man die Ergebnisse sieht und sofort das umsetzen kann, was man als Gesellschaft anstrebt. Daran glauben wir.

Habt Ihr Hoffnung, dass der linke Kandidat Iván Cepeda die Wahlen gewinnt?
Adriana: Wenn wir keine Hoffnung hätten, würden wir nicht dafür arbeiten, dass er gewinnt. Wir müssen weitermachen, weiter daran glauben, dass es möglich ist. Man will uns glauben lassen, dass der Faschismus die Welt erobert hat. Aber was wir an vielen Orten sehen, ist, dass das nicht so ist, oder? In Irland wurde eine linke Präsidentin gewählt, in New York ein linker Bürgermeister. Die Dinge sind in Bewegung und es gibt Risse in der Macht. Und das ist auch die Angst der anderen. Also Hoffnung? Ja klar, mit der Gewissheit, dass die Dinge auch immer besser werden können.

Edson: Das Konzept der Hoffnung hat mich nie bewegt. Ich glaube an konkrete Taten, nicht an Zukunftsprojekte. Wenn ich singe, wenn wir einen Raum für Gespräche schaffen, dann ist das bereits die Welt, die ich mir wünsche. Ich glaube wir müssen, wie Adriana sagte, auf Gewissheit setzen. Ich glaube, dass Hoffnung oft zu Frustration führt, dass sie eine Illusion ist, ein Lotteriespiel, ein Glaube an etwas, das nicht greifbar ist. Wir müssen mit Taten die Grundlagen legen, damit Cepeda gewinnt. Hoffnung kann zerstört werden und dann bleibt dir nichts. Es ist besser zu betrachten, was du Tag für Tag tust. Das geht nicht verloren.

Adriana: Wenn zum Beispiel eine linke Regierung scheitert, verlieren viele Menschen die Hoffnung oder den Glauben an Veränderungen. Aber wenn man in einem Kontext ist, in dem man einfach überleben muss, dann muss man Hoffnung haben. Sonst kann man sich gleich eine Kugel in den Kopf jagen. Die Menschen haben nicht die Möglichkeit zu sagen: „Ich bin es leid, hier zu kämpfen.“ Sie müssen weitermachen. Hier gibt es keine Wahl. Wir müssen diese Hoffnung haben.


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