KEINE THEORIE OHNE PRAXIS

Das zapatistische Segelboot auf dem Weg nach Europa, indigene Vertreter*innen im chilenischen Verfassungskonvent, das gestürzte Kolumbusdenkmal im kolumbianischen Barranquilla – lateinamerikanische Kämpfe gegen den Kolonialismus und seine fortwährenden Unterdrückungsformen haben in den vergangenen Jahren viel Aufwind erhalten. Die dahinterliegenden Ideen sind aus vielen wissenschaftlichen Disziplinen nicht mehr wegzudenken.

Mit Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika hat der Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner nun ein gelungenes Einführungswerk vorgelegt. Das Besondere an der Theorie ist, dass sie sich, anders als die post- oder antikoloniale Theorie, als ein transversaler Ansatz mit normativem Anspruch versteht, der über einen akademischen Rahmen hinausgeht. Dabei greift sie Annahmen etwa des Marxismus und Anarchismus, der Dependenztheorie oder der Befreiungstheologie kritisch auf, um sie zu erweitern oder zu verwerfen.

Eigenes Kapitel zu dekolonialistischem Feminismus

Kastner behandelt hier viele Aspekte einer Theorie und Praxis, deren Ziel ist, die Folgen des Kolonialismus zu schwächen oder abzuschaffen. Bemerkenswert, dass er dabei einem lange unbeachteten Aspekt ein eigenes Kapitel widmet: der Verschränkung von Diskriminierungsformen nach race und gender und deren Wurzeln im Kolonialismus. Einschlägige Autor*innen wie Rita Segato finden hier ebenso Platz wie die Anarchafeministin María Galindo oder María Lugones, die Quijanos Konzept von der Kolonialität der Macht auf Geschlechterverhältnisse erweitert hat. Ebenso stellt Kastner dekolonialistisch-feministische Konzepte wie den feminismo comunitario vor.

Das Herzstück des Werks ist das Verhältnis von dekolonialistischer Theorie und Praxis. Eine spannungsreiche Beziehung, die ausführlich betrachtet und kritisch analysiert wird. Soziale Bewegungen als Wissensproduzent*innen anzusehen, ist eine der zentralen Errungenschaften dekolonialistischer Ansätze. Doch die Frage, was heute als dekolonialistische Praxis definiert werden kann, lässt sich nicht so einfach beantworten. Ob auch linke Regierungsprojekte zu ihren Akteur*innen zählen, ist umstritten.
Aber auch davor, jede Mobilisierung von „unten“ als dekolonialistisch zu feiern, warnt Kaster und kritisiert Verallgemeinerungen dieser Theorie. Zudem wird die Kritik an der positiven Konnotation des Volksbegriffs mit einem „Exkurs zum pueblo“ (siehe S. 65) herausgearbeitet. Auch wenn der Autor hier keine perfekte Übersetzung liefern kann (Wie auch?), ist der vierseitige Exkurs auch und gerade für Übersetzer*innen, die sich schon einmal an diesem Begriff abgearbeitet haben, eine Bereicherung.

Jens Kastner ist ein spannender Überblick zur dekolonialistischen Theorie gelungen, der insbesondere Einsteiger*innen motivieren kann, sich weiter mit dem Theoriefeld zu befassen. Dabei stehen gut ausgewählte Zitate lateinamerikanischer Autor*innen immer im Mittelpunkt. Und auch die Legitimation seiner eigenen Sprecherposition als weißer, europäischer Mann beleuchtet der Autor bereits in der Einleitung kritisch. Sein Ziel ist, die dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika für deutschsprachige Leser*innen zugänglich und bekannter zu machen. Schade, dass das Buch kein Personen- oder Stichwortverzeichnis mitliefert. Aber der gut 200-seitige Band ist eben nicht als Nachschlagewerk gedacht, sondern als Einladung, sich immer mal wieder in die unterschiedlichen Kapitel zu vertiefen – denn das lohnt sich.

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