BUENAVENTURA IM HERZEN

Vergaß nie, für wen er Musik macht Junior Jein bei einem Konzert (Foto: corfecali via Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Junior Jein und die Verkäuferin lachen beide – sie haben gute Laune. Er scherzt, während er verschiedene Kostüme anprobiert, sie fragt neugierig, wofür er die extravaganten Klamotten braucht; alles festgehalten auf einem Video. Jein, den sie liebevoll „El Caballo“ (das Pferd) nennen, trägt eine Sonnenbrille und hinten lange Dreads; so wie man ihn kennt.

Am selben Tag in der Nacht fährt Junior Jein im Mariachi-Kostüm zu einer Disko im Süden von Cali, um dort sein neuestes Lied zu präsentieren. Es ist Mitternacht, als der Pick-Up vor dem Club hält und Junior Jein aussteigt. Dann eröffnen seine Mörder das Feuer und treffen ihn mit sechs Kugeln. Jein sackt zusammen im nun blutigen Kostüm, fällt auf den kalten Beton, drinnen warten seine Fans ahnungslos in der Disko. Es sind unwürdige Bilder, wie seine Begleiter unbeholfen versuchen, seinen blutüberströmten Körper wieder in den Wagen zu hieven; in einem Land, in dem man auch in einer Großstadt nicht darauf vertrauen kann, dass ein Krankenwagen schnell vor Ort ist. Als Junior Jein im Krankenhaus ankommt, ist er bereits tot.

Es sind die ersten Stunden des 14. Juni in Cali, in denen das Leben des 38-Jährigen endet; in den Tagen der Unruhen des landesweiten Generalstreiks, der hier in der Hauptstadt der Pazifikregion so stark ist wie sonst nirgends in Kolumbien.

Natürlich war Junior Jein mit auf der Straße, als vor allem junge Menschen die Stadt blockierten, um auf die sozialen Probleme aufmerksam zu machen und eine gerechtere Politik zu fordern.

Die Wut über die Verhältnisse strömt auch durch die sozialen Medien, ebenso wie der Traum von einem demokratischen und weniger gewalttätigen Kolumbien. Dort wird das Lied „Quién los mató?“ (Wer hat sie umgebracht?) zur Hymne des Protests. Ein Song den Junior Jein gemeinsam mit drei weiteren Schwarzen Künstler*innen schrieb, nachdem im August vergangenen Jahres fünf Schwarze Jugendliche in einem Zuckerrohrfeld nahe Cali massakriert wurden; dort wo die Unterdrückung der afrokolumbianischen Bevölkerung besonders sichtbar wird: Unter schlechtesten Arbeitsbedingungen arbeitet die Schwarze Bevölkerung auf den Plantagen, die weißen Investoren gehören und deren Ernte schließlich in europäischen Biodieselfahrzeugen verfeuert wird.

Wütend singt Junior Jein über den Mord an den Jugendlichen: „Ich fordere von der Justiz, dass dieser Fall aufgeklärt wird und dass er nicht straflos bleibt, so wie es sonst immer ist. Nichts, das Leben der Schwarzen bedeutet nichts. Das erste, was sie sagen ist „‚sie waren in seltsame Sachen verwickelt.‘“ Jein kritisiert, wie nach dem Tod die Opfer delegitimiert wurden, indem Medien und Sicherheitsapparate ihnen eine vermeintliche Verwicklung in illegale Geschäfte unterstellen, so als wären sie selbst Schuld an ihrer Ermordung.

Hymne des Generalstreiks

Jeins Lied wird deswegen zur Hymne des Generalstreiks, weil er sich gegen genau diese Ungerechtigkeiten, den strukturellen Rassismus, wendet. Aber auch, weil das Lied ein Gefühl auf den Punkt bringt: den Schmerz über die straflose Gewalt eines menschenverachtenden Staates.

Junior Jein wollte immer, dass sich was ändert, angefangen in seinem Heimatort Buenaventura. Dort wurde Harold Angulo Vencé, so Junior Jeins Geburtsname, am 3. Juli 1982 geboren. Jein erzählte einmal in einem Interview, dass ihm seine Oma Inés von Kind auf mit auf den Weg gegeben hatte, dass er seine Schwarze Identität mit Stolz tragen sollte. Schon früh sind Junior Jeins Helden die afrokolumbianischen Musiker*innen vom Pazifik. Ab 2004 wird er selbst einer. Sein erstes Album „Pegando duro“ enthielt energiegeladene Musik zwischen Hip-Hop und traditionellen Rhythmen vom Pazifik. Ein Mix, der sich später in Salsa Choke transformierte und von dort die Tanzflächen Kolumbiens aufrollte. 2007 kam „Wenn Gott Schwarz wäre“ raus. Darin dichtet Jein, dass es dann „keinen Schwarzmarkt geben würde, die Miss Universe aus Äthiopien käme, Michael Jackson seine Hautfarbe nicht geändert hätte und es in Afrika keine Unterernährung geben würde.“ Junior Jein war immer auch ein bisschen ironisch, witzig, Entertainment, das nicht vergisst, wo es herkommt – und Jein vergaß nie, für wen er die Musik macht. Oma Inés wäre wohl stolz gewesen.

In der Öffentlichkeit, die ihm als bekannter Sänger zur Verfügung stand, versuchte er Aufmerksamkeit für die Probleme Buenaventuras zu schaffen. Der Ort, der durch den größten Hafen des Landes kolonialisiert wurde. Über 60 Prozent der kolumbianischen Im- und Exporte werden hier abgewickelt, zugleich leben 80 Prozent der mehrheitlich Schwarzen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Der Hafen ist die Drehtür des Drogenhandels und Buenaventura einer der Orte mit der schlechtesten Sicherheitslage des Landes.

2017 gab es in Buenaventura die größten Proteste seit langem. Die Regierung schickte die Aufstandbekämpfungseinheit ESMAD, die die Proteste in Gummigeschossen und Tränengas erstickte. Junior Jein war dabei und textete in „Fucking ESMAD“.

Wenn wir um Wasser bitten, schicken sie uns das ESMAD
Wenn wir um Bildung bitten, schicken sie uns das ESMAD
Wenn wir um Gesundheit bitten, schicken sie uns das ESMAD
Ich fordere meine Rechte und sie wollen uns töten.

Junior Jein, das hört man in seinen Liedern, war immer dabei. Es klingt die Wut desjenigen, der selbst dort gestanden hat, als die gepanzerten, anonymen Uniformierten die Forderung nach mehr Unterstützung vom Staat mit Blendgranaten beantworteten.

Er war auch dabei, wenn in der Nachbarschaft gekickt wurde, wenn die Oma die Familie zum Essen in ihr Haus einlud, wenn man abends noch ein paar Bier auf der Straße zischte. Junior Jein war – und dieser Ausdruck lässt sich kaum ins Deutsche übersetzen – „del pueblo.“

In einem Video auf Instagram erzählte Jein eine Anekdote, wie er gemeinsam mit Reggaeton-Größen wie J Balvin und Maluma vom Musikmagazin Shock für einen Musikpreis nominiert wurde, bei dem das Publikum abstimmen sollte. Nun hatte Junior Jein seine Fanbasis vor allem in der Pazifikregion des Landes, wo viele Orte keine Internetverbindung haben und so hatte er keine Chance gegen die Musiker, die eher in den Zentren des Landes vernetzt sind.
Überhaupt ist Junior Jeins Karriere eben die eines Musikers aus Buenaventura. Für die Menschen war er ein ganz Großer – im Musikbusiness eher eine kleiner Nummer. Nicht die ganz großen Plattenverträge und Touren.

Und: Sein Ruhm schützte ihn nicht. Er wurde einfach erschossen wie so viele Jugendliche in den marginalisierten Vierteln der Stadt.

Die Hintergründe der Tat sind noch nicht aufgeklärt. Direkt nach dem Mord nahm die Polizei zwei Verdächtige fest, die sich mit den Tatwaffen auf einen Baum geflüchtet hatten. Der 38-jährige Iver Tomas Banguera Flórez und der 21-Jährige Jhon Alex Zúñiga Vidal stammen aus Buenaventura, beide sollen einer kriminellen Bande angehören, erstgenannter war früher bei der FARC. Polizei und Medien verbreiteten danach die These, dass Junior Jein sich geweigert hatte, 300 Millionen Pesos (70.000 Euro, Anm. der Red.) Schutzgeld zu zahlen und deswegen ermordet wurde.

Enge Familienangehörige Jeins gaben aber an, dass Junior Jein nicht erpresst wurde und sie dieses Tatmotiv für unwahrscheinlich hielten.

Es bleibt die Unsicherheit: Das zerstörte Vertrauen in die Sicherheitsapparate eines Staates, der selbst soziale Aktivist*innen ermordet. Wurde Jein doch wegen seiner politischen Haltung getötet? War es Zufall, dass der Mord genau in den Tagen des Aufstands geschah?

Der Mord an Junior Jein hinterlässt Fragen. Manchmal hört das Warten auf Antworten nie auf. Es ist die traurige Fortschreibung der Gewalt, gegen die Junior Jein gekämpft hat – in Cali und in Buenaventura.

Dabei könnte Buenaventura ein wunderschöner Ort sein, an dem hinter Palmen an Sandstränden die Sonne im Meer untergeht; ein Zentrum afrokolumbianischer Kultur, die hier am Pazifik in ständiger Bewegung immer neue Musikstile hervorbringt. Junior Jein könnte eines ihrer Aushängeschilder sein. Ein Künstler, der einfach Musik machen kann.

Stattdessen ist Junior Jein nun mit 38 Jahren tot, ermordet in jenem Moment, in dem die Jugend des Landes und besonders des Pazifiks begann, sich zu erheben und wieder zu hoffen. Die Schüsse auf Junior Jein waren auch Schüsse auf diesen Traum. Auch deswegen ist die Nachricht von seinem Tod so schmerzhaft.

Bereits zwei Wochen nach dem Tod wurde in Buenaventura eine Gedenkstatue von Junior Jein eingeweiht. Am Tag seiner Beerdigung begleitete ein riesiger Zug von Motorrädern und Autos den Sarg durch Buenaventura. Die Menschen tanzten und riefen: „Junior te queremos“ – „Junior, wir lieben dich.“

ESMAD, Fucking ESMAD (2017)
Oye el pueblo no se rinde
Ahora no vayan a escandalizarse

ESMAD, Fucking ESMAD
Esa es la respuesta que el gobierno nos da

Si pedimos agua
Nos mandan ESMAD
Pedimos educación
Nos mandan ESMAD
Pedimos Salud
Nos mandan ESMAD
Exijo mis derechos y nos quieren matar

Mayo 19 de 2017
Buenaventura protestando por un SOS
Cuarto día, pacífico y cultural
Hasta que por obra de magia apareció el ESMAD
Policías disfrazados de Robocop
Escuadrón móvil para la opresión
Lanzando gases lacrimógenos contra la población
Los derechos humanos máquina de violación
Todo transcurría en completa calma
Fuimos sorprendidos por la motorizada
En el puente del Piñal nos acorralaban
Y en la delfina tiraban granadas
No entendíamos lo que pasaba
Mesa y diálogo ahí lo cancelaban
No había solución, nos desafiaban
Intencionalmente nos provocaban
Necesitaban un motivo para retomar control
Y esa fue la orden que en Bogotá se dio
Infiltren la gente en la manifestación
Y pongan la ciudad fuera de control
Saqueo, vandalismo y desesperación
Algo impresionante sin ninguna explicación
Ya no había policía, militares ni tanquetas
Todo planeado para el toque de queda
En el muelle habia mucha mercancía
Para transportarla necesitaban las vías
Los puntos de encuentro deshabilitaron
Y los camioneros salieron escoltados
Con destino a Medellín, Cali y Bogotá
Donde el progreso de Colombia está

El pacífico no importa al gobierno central
Por eso pa nosotros la respuesta es el ESMAD

Refrán

Hay una pregunta muy especial
El presidente por qué no vino a dialogar
Son muchas las preguntas que en el aire están
Al fin quién le dio la orden al Fucking ESMAD?
Por qué no vale la emergencia económica y ambiental?
Toque de queda y los camiones pueden andar
Qué hacen en los barrios unidades del ESMAD?
No estamos armados y nos atacan con gas
El mundo avanza avanza y Buenaventura atrás
Por qué de nuestros grifos no sale agua pa tomar?
Por qué nuestros hijos no tienen donde estudiar?
Por qué el aire que tenemos no es puro ni natural
Por qué los deportistas no tienen donde entrenar?
Por qué no hay hospitales donde nos puedan curar?
Si sigo preguntando nunca voy a terminar
Aunque de todas formas la respuesta sigue siendo ESMAD

Refrán

Buenaventura te quiero siempre
Y se me olvidaba:
Si usted está protestando de corazón por qué tiene que andar mencionando a otro?
Esto siginifica que usted no esta marchando de corazón
Esta marchando pa’ que lo vean
A todas mi hermanas y hermanos invito a que nos unamos
¡El pueblo no se rinde carajo!

ESMAD, Fucking ESMAD (2017)
Hey, das Volk gibt niemals auf
Jetzt seid nicht so empört!

ESMAD, Fucking ESMAD
Das ist die Antwort, die die Regierung uns gibt

Wenn wir um Wasser bitten
Schicken sie uns das ESMAD
Wenn wir Bildung fordern
Schicken sie uns das ESMAD
Wenn wir um Gesundheitsversorgung bitten
Schicken sie uns das ESMAD
Ich fordere meine Rechte und sie wollen uns töten

19. Mai 2017
Buenaventura protestiert wegen der Notlage
Am vierten Tag, friedliche und künstlerische Proteste
Bis wie von Geisterhand das ESMAD auftaucht
Polizisten verkleidet als Robocops
Mobile Einheit für die Unterdrückung
Die Tränengas gegen die Bevölkerung einsetzt
Maschine zur Missachtung der Menschenrechte
Alles geschah in einem Moment der Ruhe
Wir wurden von den Motorradeinheiten überrascht
An der Piñal-Brücke kesselten sie uns ein
Und in der Delfina warfen sie Granaten
Wir verstanden nicht, was los war
So verließen sie den Dialog- und Verhandlungstisch
Es gab keine Lösung, sie sagten uns den Kampf an
Ganz bewusst provozierten sie uns
Sie brauchten einen Grund, um die Kontrolle zurückzuerobern
Und das war der Befehl, den sie in Bogotá gaben
Infiltriert die Demonstration
Und setzt die Stadt außer Kontrolle
Plünderung, Vandalismus und Verzweiflung
Irgendwas unerklärliches Beeindruckendes
Dann gab es weder Polizei, noch Militär oder Panzerfahrzeuge
Alles geplant, um die Ausgangssperre durchzusetzen
Im Hafen wartete jede Menge Ware
Um sie auf den Straßen zu transportieren
Die Versammlungspunkte wurden zerstört
Und die Lastwagen passierten mit Begleitschutz
Richtung Medellín, Cali und Bogotá
Wo der Fortschritt in Kolumbien ist

Die Pazifikregion interessiert die Zentralregierung nicht
Deswegen gibt’s für uns als Antwort nur ESMAD

Refrain

Es gibt eine spezielle Frage
Warum kam der Präsident nicht zum Verhandeln?
Da sind viele Fragen im Raum
Wer gab dem Fucking ESMAD die Befehle?
Warum zählt die wirtschaftliche und ökologische Notlage nicht?
Sperrstunde und die LKW können fahren
Was machen die ESMAD-Einheiten in den Stadtvierteln?
Wir sind nicht bewaffnet und sie greifen uns mit Tränengas an
Die Welt schreitet voran und Buenaventura bleibt zurück
Warum kommt aus unseren Leitungen kein Trinkwasser?
Warum haben unsere Kinder keine Möglichkeit zu studieren?
Warum ist unsere Luft weder klar noch natürlich?
Warum haben die Sportler keinen Ort zum trainieren?
Warum gibt es keine Krankenhäuser wo sie uns heilen können?
Wenn ich weiter frage, nimmt das hier kein Ende
So oder so bleibt die Antwort ESMAD

Refrain

Buenaventura ich liebe dich – für immer
Eins hab ich noch vergessen;
Wenn du wirklich aus vollem Herzen demonstrieren gehst, warum erzählst du es dann die ganze Zeit rum?
Das bedeutet, dass du nicht wirklich von Herzen demonstriert, sondern damit Leute dich dabei sehen
Alle meine Schwestern und Brüder lade ich ein, uns zu zusammen tun
Das Volk gibt niemals auf, Carajo!