„Wertschätzen, was Leben in sich trägt“

Melina Castillo (zweite von links) und Luisa Carrera Altamirano (ganz links) arbeitens seit mehr als zehn Jahren im Kaffeekollektiv Foto: Paola Reyes
Für Degrowth Melina Castillo (zweite von links) und Luisa Carrera Altamirano (ganz links) arbeitens seit mehr als zehn Jahren im Kaffeekollektiv (Foto: Paola Reyes)

Ihr seid ein Bildungskollektiv, das auch Kaffee verkauft. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Melina: Kaffee ist ein zentrales Beispiel dafür, wie die heutige Wirtschaft in ihrer kolonialen Kontinuität funktioniert. In ihm spiegeln sich alle ungerechten Strukturen der Ausbeutung. Unser Fokus liegt jedoch nicht darauf, dass im Detail verstanden wird, wie genau die Produktionskette und das ökonomische System funktioniert, sondern dass wir den Menschen den Kaffee auf eine Weise näherbringen, die eine Verbindung zur Pflanze, zum Leben, zur Erde und zu den Menschen herstellt. Ich glaube, viele Menschen wissen, dass es Ungerechtigkeit in der konventionellen Kaffeeproduktion gibt, aber es fehlt oft der emotionale Moment, der zum Paradigmenwechsel führt. Wir glauben, dass dieser Moment über eine emotionale Verbindung kommen muss, die über das rein kognitive Verstehen hinausgeht.
Luis: Von Anfang an war das Kaffeeprojekt eine gemeinsame Arbeit mit der Kooperative, bei der es um ein Zusammenlegen von Kräften, um Selbstverwaltung und Lernen ging. Durch den Verkauf von Kaffee haben wir auch auf unserer Seite die Machtasymmetrien deutlich erkannt. Hier vor Ort haben wir zum Beispiel viel zu sagen, wenn es darum geht, dass die Kooperative bestimmte Voraussetzungen erfüllen soll, um ein Siegel zu erhalten. Es ist absurd, dass die Regeln von hier aus festgelegt werden – und das hat mit kolonialen Kontinuitäten zu tun. All das bringen wir in unsere Bildungsarbeit ein. Es geht darum, das Produkt wertzuschätzen, das Leben in sich trägt – von lebendigen Pflanzen, von lebendigen Menschen, die ihre Energie dafür einsetzen, was von der Erde selbst kommt.

Was haltet ihr von den verschiedenen Siegeln, wie Fairtrade oder Bio?
Luis: Wir haben das Bio-Siegel, weil es stark mit dem Schutz der Erde verbunden ist. Die Menschen, die den Kaffee anbauen, kämpfen dafür, ökologischer zu produzieren, denn sie sind diejenigen, die am stärksten unter dem Einsatz von Pestiziden und Chemikalien leiden. Aber es wäre besser, wenn es andere Formen gäbe, ökologische Arbeit anzuerkennen, die nicht so bürokratisch sind.
Allgemeiner betrachtet denken wir, dass diese Siegel Projekte, die soziale Gerechtigkeit anstreben, eher negativ beeinflussen, weil sie das System stabilisieren. Es wirkt fast wie eine ethische Pflicht, wie eine schnelle Lösung, solche Produkte zu konsumieren – und das ist eine Form, das System zu entschärfen. Die, die davon profitieren, sind die großen Unternehmen, die keine Schwierigkeiten haben, Zertifizierungen zu bezahlen. Für kleine Gruppen ist das jedoch ein Problem, denn unsere Kriterien passen in kein Siegel.

Ihr arbeitet mit der Idee der solidarischen Ökonomie. Was bedeutet das für euch und die Kooperative in Guatemala, mit der ihr zusammenarbeitet?
Luis: Wir distanzieren uns ein wenig von dem, was hier in Deutschland unter dem Konzept der solidarischen Ökonomie verstanden wird. Wir gehen nicht davon aus, dass wir Strukturen verändern, sondern wir bündeln unsere Kräfte mit denjenigen, die tatsächlich im Widerstand sind und den Wandel vorantreiben. Gute Beispiele für solidarische Ökonomie sind für uns die Kaffeekooperativen in Guatemala. Sie sind sehr unterschiedlich in Größe und Struktur, aber sie haben alle gemeinsam, dass sie durch Selbstverwaltung Arbeit und ein gutes Leben für viele Menschen schaffen.
Melina: Das hiesige Verständnis von solidarischem Handel beinhaltet eine Hierarchie. Es wird so verstanden, dass man von hier aus Solidarität mit denen dort zeigt – und schon darin liegt ein Machtverhältnis, in dem ich die Macht habe, solidarisch mit dir, dem anderen, zu sein. Davon wollen wir uns lösen. Anstatt die Sichtweise zu haben, dass man „solidarisch ist“, was fast das Gleiche ist wie „ich helfe dir“, schlagen wir vor, das Wissen anzuerkennen, das soziale Gruppen wie die Kooperativen einbringen und diese Form politischer Organisation wertzuschätzen.

Kaffee hat eine gewaltvolle Kolonialgeschichte. Wo sieht man noch heute koloniale Strukturen im konventionellen Kaffeehandel?
Melina: Kaffee kam durch die Kolonisierung nach Abya Yala. Der erste große Produzent von Kaffee war Haiti. Als Haiti durch die Revolution die sklavenbasierte Kaffeeproduktion beendete, wurde der Anbau unter Anderem nach Guatemala verlagert. Dort verließen während des Genozids in den 60er- und 80er-Jahren viele Kaffeebauern ihr Land. Es gab auch schon vorher Kolonisierungsprojekte und viele Siedler in Guatemala besaßen Haciendas. Doch im letzten Jahrhundert, insbesondere nach dem Genozid in Guatemala, gab es eine Rekolonisierung dieser Ländereien – auch durch Deutsche. Heute sieht man koloniale Strukturen zum Beispiel am Kaffeepreis, der aus diesem kolonialen Wirtschaftssystem kommt, in dem Rohstoffe zunächst einen sehr niedrigen Preis haben und erst, wenn sie durch die Maschine laufen, der Preis steigt. Der Kaffeepreis spiegelt nicht die Produktionskosten wider, sondern die Spekulation des Marktes. Zudem ist die Mehrheit der Kaffeebauern in Guatemala Indigener Herkunft. Sie sind bis heute die am meisten diskriminierten Gemeinschaften in Abya Yala.
Luis: Die kolonialen Strukturen stecken auch in uns: diese Tendenz, dass Geld und Effizienz uns mehr anziehen und beeinflussen als die Sorge für unseren Planeten, für unsere Schwestern und Brüder, für das Leben. Kolonialismus bedeutet Tod, Ausbeutung aller Lebewesen und der Natur, einzig mit dem Ziel, den Profit zu maximieren.
Melina: Und es zeigt sich auch daran, dass Kaffee trinken – hier in Berlin, in Europa – eine Frage des sozialen Status ist. Je schicker und cooler ein Café aussieht, desto mehr Status gibt es dir. Es geht dabei nie um die Menschen, die den Kaffee anbauen, um die Erde oder die Pflanze, sondern um Innovation, Geschmack und die Zubereitungsart. Während rassifizierte Hände den Kaffee anbauen und verarbeiten, sind es die privilegierten weißen Hände, die ihn weiterhin ausbeuten und Gewinne daraus ziehen.

Wie könnten eurer Meinung nach diese kolonialen Logiken durchbrochen werden?
Luis: Es braucht mehr Bewusstsein, um aus dieser Normalität auszubrechen, in der das Wichtigste ist, dass die Wirtschaft so weiter­funktioniert. In Wirklichkeit basiert unser gesamter Lebensstil auf Ausbeutung und Zerstörung – und er hat Folgen an anderen Orten, die wir oft gar nicht sehen. Es gibt das Konzept der „imperialen Lebensweisen“, das sehr gut vermittelt, worin der Zusammenhang dazwischen besteht, dass wir hier das Licht anhaben können, während dafür so viel Wald zerstört werden muss, warum Flüsse gestaut und Dämme gebaut werden, damit wir ein immer schnelleres Leben führen können. Unser Versuch, da anzusetzen, ist unsere Bildungsarbeit.
Melina: Persönliches Bewusstsein ist immer gut. Aber wir sehen auch Gefahren darin, weil durch individuellen Konsum keine Strukturen verändert werden. Deshalb muss es mit politischem Druck und Boykott einhergehen, wie zum Beispiel dem Boykott, den wir jetzt im Zusammenhang mit dem Genozid gesehen haben. Darin sehe ich im Moment das größte Potenzial.

Welche Bedeutung haben für euch Allianzen? Und was gibt euch Hoffnung, dass sich etwas ändern kann?
Luis: Mit der MITCA, der Genossenschaftsstruktur, über die der Kaffeehandel organisiert ist, und mit der Kooperative La Voz sehe ich ein dauerhaftes Netzwerk, von dem wir viel lernen können. Wir haben auch viele Kooperationen mit Bioläden in Berlin und Brandenburg, die jedoch leider nach und nach weniger werden, da die kleinen Läden nicht genug Umsatz machen. Das ist schade, weil sie genau das Gegenmodell zur Industrialisierung sind – zu den zertifizierten Massenprodukten, zu den Supermärkten, in denen alles im großen Stil verkauft wird. Vielleicht ist unsere Arbeit keine Veränderung des Ganzen, aber doch eine Veränderung in bestimmten Teilen der Bevölkerung. Die Entstehung der Kooperative La Voz führte zu einem Wandel für die Menschen dort. Und auch für uns hier stellt sie eine bedeutende Veränderung dar, denn wir konnten uns dadurch eine Einkommensquelle und Arbeit aufbauen.
Melina: Wir sind sehr kritisch gegenüber diesen großen Transformationsnarrativen im Stil von „Wir verändern die Welt“. Denn die hängen auch mit kolonialen Denkmustern zusammen, in denen wir glauben, viel Macht zu haben. Aber wir haben gar nicht so viel Macht! Für mich liegt der Wandel in unserer Gemeinschaft. Ich glaube, die Prozesse der letzten Jahre und die Kooperationen haben uns verändert – durch das Verstehen und Kennenlernen all dessen. Wir arbeiten auch viel mit anderen selbstverwalteten Gruppen aus Abya Yala und aus der Diaspora und mit anderen Organisationen, die sich mit denselben Themen beschäftigen, zusammen. Auch dadurch hat sich etwas verändert: Früher gab es keine Räume, in denen wir Veranstaltungen zu einem bestimmten Thema organisieren konnten und jetzt haben wir sie geschaffen und erleben sie.


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“DIESE POLITIK ERZEUGT MASSENWEISE MIGRATION”

Abgabestelle von Kaffekirschen (Fotos: Jan Braunholz)

Für den Markenkaffee Nescafé importiert Nestlé seit Jahren billigen Robusta Roh-Kaffee aus Vietnam, Brasilien, Indonesien und Ecuador nach Mexiko. Da sich gegen diese Importe laufend Proteste von mexikanischen Kaffeeproduzent*innen regten, baut Nestlé nun den Robusta-Kaffee auch vor Ort an. Vor 20 Jahren begannen erste Anbauprojekte in der Gegend von Tezonapa im Bundesstaat Veracruz, der folglich zum Epizentrum von Nestlés Planungen für den Kaffeeanbau in Mexiko wurde. Die lokalen Kaffeeproduzent*innen gerieten dadurch in noch größere Abhängigkeiten, denn seitdem haben sie nur noch einen Abnehmer: die Firma Nestlé mit dem vorgeschalteten großen Zwischenhändler AMSA (Agroindustrias Mexico S.A.), deren Kaffee-Verarbeitungsanlage und kleineren Zwischenhändlern.

So ist es auch in Ixthuatlan de Café in der Nähe von Córdoba der Fall, wo zwischen Januar und März der Kaffee geerntet wird. Dort befindet sich ein großer Firmensitz des Zwischenhändlers AMSA, der zum schweizerischen Konzern ECOM Kaffee gehört. Die Firma arbeitet als Aufkäufer für Nestlé und bestimmt den Kaffeepreis in der Gegend. Die mehr als 12.000 Kaffeeproduzent*innen der Region können ihre Kaffeekirschen dort nur im Ganzen und zu einem schlechten Preis abgeben: Lediglich etwa vier bis fünf Pesos (circa 20 Eurocent) bekommen sie pro Kilo Kaffeekirschen. Für Nespresso mit dem sogenannten AAA-Aufschlag kommen noch 7,50 Pesos pro Kilo (circa 30 Eurocent) hinzu, dabei soll Nestlés selbstgewählte Bezeichnung „AAA“ ökologische, soziale und ökonomische Standards symbolisieren. In anderen Landesteilen wird hingegen meist Café Pergamino gekauft, der schon entkernte und geschälte Kaffee besitzt noch eine Pergamin-Haut. Dieser wird mit ca. 25-30 Pesos pro Kilo (circa ein Euro) entlohnt.

Die Preise, zu denen die Kaffeebäuerinnen und -bauern den Kaffee an Nestlé abgeben, sind ein Hungerlohn im Vergleich zu den Erlösen, die beispielsweise Nespresso für den Alukapsel-Espresso erzielt – circa 70 Euro pro Kilogramm. Der Kaffeebauer Carlos Hernández Maduro sagte es ganz deutlich: „Es ist nicht rentabel, der Preis liegt ganz unten und unsere Erntemengen sind sehr gering“. An Letzterem ist der Roya-Pilz schuld, der zu Ernteausfällen von 80 bis 90 Prozent geführt hat. Seit 2012 vernichtet die „Pilzpest“ in Zentralamerika Ernten und breitet sich wellenförmig in Richtung Norden aus. Durch den Wind werden die Pilzsporen verbreitet, der Klimawandel begünstigt die Verbreitung.

Die Preise, zu denen Nestlé den Kaffee kauft, sind ein Hungerlohn im Vergleich zu den Erlösen, die Nestlé durch den Verkauf seiner Produkte erzielt

Wegen der geringen Erntemengen und niedrigen Preise können viele Kaffeeproduzent*innen ihre Produktionskosten nicht decken. Sie veranstalteten wegen der Preispolitik der Nestlé-Unternehmen Proteste und Straßenblockaden vor dem Firmensitz, bislang ohne Erfolg. Der Zertifizierer für Fairen Handel SPP, ein Fairtrade-Ableger, fordert seit Jahren einen Preis von umgerechnet vier Euro pro Kilo, um ein einigermaßen gesichertes Leben zu ermöglichen.

Da die Ernteerlöse die Investitionen der Kleinproduzent*innen nicht decken und kaum zum Überleben reichen, leben viele von ihnen in Armut oder entscheiden sich, auszuwandern. Von dem Kaffeepreisverfall sind laut dem Interamerikanischen Institut für Landwirtschaftliche Zusammenarbeit (IICA) auf dem ganzen Kontinent 14 Millionen Personen betroffen. In der Bergkette von Córdoba sind die Kaffeebauern- und bäuerinnen direkt abhängig von dem Zwischenhändler Christian Garey, der ihnen nur 6,5 Pesos pro Kilo zahlt und auch an AMSA in Ixthuatlan verkauft. In mehreren Dörfern der Gegend stehen täglich Busse, die die verarmte Bevölkerung in der Hoffnung, einen besser bezahlten Job zu bekommen, nach Mexiko-Stadt bringen. Vor allem junge Menschen sehen kaum noch eine Perspektive in der Kaffeeernte. Offizielle Erhebungen über die Dimension der Migrationsbewegungen gibt es laut der Kaffee-Kleinbauernorganisation CNOC nicht.

Kaffeepflanzen im Schatten von Banenestauden Anbau in Ixthuatlan de Café

So wird der Lebensmittelkonzern Nestlé in Mexiko und speziell im Bundesstaat Veracruz zum Hauptverursacher einer stetig zunehmenden Emigration. Unter Stichworten wie „Nachhaltigkeit“ und „Innovation“ bereitet das Unternehmen bereits weitere große Anbauprojekte für Robusta-Kaffee in der Küstenregion von Veracruz vor, welche die ganze Infrastruktur vor Ort verändern werden. Entsprechende Ziele hat Nestlé auch beim Sustainability-Kongress des Deutschen Kaffeeverbandes am 5. Juni 2019 im Vorfeld der Kaffeemesse World Of Coffee (WOC) in Berlin vorgestellt. Auf dortige Nachfragen zur Preispolitik von Nestlé in Mexiko und zum Nespresso-Projekt in Veracruz wollte Nespressos Head of Coffee nicht antworten, sondern beendete das entsprechende Panel abrupt, womit er ein etwas erstauntes Kaffee-Fachpublikum zurückließ.

Nestlés Zukunftspläne in Mexiko für den Anbau von Robusta-Kaffee nebst neuer Fabrik im Industriepark der Stadt Veracruz belaufen sich nach eigenen Angaben auf eine Investition von insgesamt 200 Millionen US-Dollar, davon allein 154 Millionen US-Dollar für die Fabrik. Das Vorhaben wurde vom mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador (AMLO) persönlich abgesegnet und unterzeichnet. Die Gesamt­investitionen von Nestlé in allen 16 mexikanischen Unternehmen sollen sich laut Medienberichten auf 700 Millionen US Dollar belaufen.

Der Lebensmittelkonzern Nestlé ist in Mexiko und speziell im Bundesstaat Veracruz der Hauptverursacher einer stetig zunehmenden Emigration

Genauere Informationen und Hintergründe gibt Fernando Celis, Vorsitzender der Kaffee-Kleinbauernorganisation CNOC in Mexiko-Stadt. Celis erläutert die immense Ausdehnung des Vorhabens: Insgesamt sollen 150.000 Hektar neue Kaffeeanbaufläche entstehen, davon 80.000 Hektar in der Küstenebene nördlich der Stadt Veracruz. Diese sollen die bisherigen Robusta-Kaffeeimporte aus Vietnam, Brasilien, Indonesien und Ecuador ersetzen. Dabei wird es Nestlé leicht gemacht, denn einige ehemalige Manager des Unternehmens sind inzwischen in Regierungsposten gewechselt: Vicente Roma beispielsweise ist in das mexikanische Landwirtschaftsministerium gewechselt, Eduard Cadenas in das Landwirtschaftsministerium von Veracruz. Ernesto Faust, jetzt Senator in Veracruz, war früher beim Zwischenhändler AMSA. Über diese Verstrickungen von Managern in der mexikanischen Politik lassen sich beispielsweise Gelder des Fonds Sembrando Vida (Leben säen) leicht beantragen und für den Robusta-Kaffeeanbau verwenden. Der umstrittene Fond Sembrando Vida sollte eigentlich für Programme zur Wiederaufforstung da sein, um dem Klimawandel entgegen zu wirken. Doch meist wird zur Bewilligung der Gelder ähnlich argumentiert wie beim Anbau von Palmöl: Schließlich seien es ja grüne Pflanzen ihr Anbau würde Arbeitsplätze schaffen. „Diese Politik der Großkonzern-Förderung erzeugt massenweise Migration und es wird leider kein Mittel dagegen geben“, meint Fernando Celis vom CNOC.

Dabei gäbe es durchaus Alternativen zum Anbau von Robusta-Kaffee, beispielsweise bei der Coop Ismam in Chiapas, die sowohl Bio- und Fairtrade-Hochland-Arabica als auch Robusta in tiefer gelegenen Gebieten anbaut und Weltpartner sowie die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (GEPA) in Deutschland beliefert. Der durchschnittliche Produktionspreis der Sorte Robusta lag laut der Internationalen Kaffeeorganisation (OIC) Anfang des Jahres 2020 weltweit bei 50 US-Dollar für 100 Pfund Rohkaffee. Äquivalent dazu werden in Mexiko für ein Quintal, das sind 47 Kilo, nicht mehr als umgerechnet 35 US-Dollar bezahlt.

Nestlé will 50 Quintal pro Hektar erzeugen – und das bei möglichst niedrigen Produktionskosten durch den Einsatz von Erntemaschinen und geringem Humankapital. Das wird auch den Absatz der Arabica-Produktion in Mexiko beeinflussen, denn die Sorte Arabica benötigt generell Schattenbäume und einen hohen Einsatz von Arbeitskraft. „Es wird mit einem deutlichen Preisverfall zu rechnen sein“, sagt Fernando Celis. Die Folge ist leider jetzt schon allzu deutlich, nämlich massenweise Landflucht.

Diese Konsequenzen waren auch beim Specialty Coffee Meeting in Mexiko-Stadt am 20. und 21. Februar dieses Jahres Thema. Dort ging es um die Folgen der Roya-Pilz-Krise und um die Erschließung neuer Märkte. Fairhandel und direkter Handel waren ebenfalls Thema, es wurden entsprechende Initiativen zum Beispiel von Femcafé aus Veracruz vorgestellt. Großkonzerne wie Nestlé oder große Händler wie AMSA, Rothfos/Neumann-Café California, Olam, Volcafé waren nicht vertreten. Das Nestlé-Großprojekt war nur am Rande Thema, denn es ist seit Jahren virulent. Nur die aktuelle Corona-Pandemie könnte es eventuell noch aufhalten, denn der Absatz von Kaffee ging in den vergangenen Wochen merklich zurück. Ob es den Absatz der Großkonzerne genauso betrifft, ist noch unklar, aber in den kleinen Röstereien hierzulande ist der Umsatz schon jetzt um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen, etwa wegen geschlossener Cafés und Restaurants.


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DON LEO WILL KEIN NARCO SEIN

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Wieder in seiner Welt Don Leon (Foto: Lorena Schwab De La O)

„Ich bin im Jahr 1953 in der Region Chocó geboren. Als Kind ging ich nur für ein paar Monate in die Schule, gerade genug, um Lesen und Schreiben zu lernen. Mit neun Jahren sandte mich meine Familie auf eine Kaffeefarm. Die Besitzer der Farm, die wir Kinder als unsere ‚Großeltern‘ bezeichneten, nahmen uns als einen Teil ihrer Familie auf. Diese Zuneigung betäubte unsere Armut.

Im Jahr 1975 hatte ein Frost in der brasilianischen Region Paraná, wo die größten Mengen an Kaffee weltweit produziert wurden, tausende Kaffeepflanzen zerstört. Kolumbien, zuvor der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, stieg auf und wurde die Nummer eins. In Brasilien nannte man dieses Ereignis helada negra (der schwarze Frost), während die kolumbianische Regierung es stattdessen helada santa (der heilige Frost) nannte. Denn der Wert eines Pfunds Kaffee in Kolumbien stieg von 70 Cent auf vier US-Dollar in den Jahren 1976 und 1977. Durch diesen übertriebenen Preis wurden die Farmbesitzer immer reicher und trotzdem wurden wir Kaffeepflücker immer noch mit demselben erbärmlichen Tageslohn bezahlt, wie es vor der Erhöhung der Kaffeepreise der Fall war.

Aus Angst vor der Guerilla und der aufkommenden Gewaltsituation begannen die ‚Großeltern‘ ihre Farmen billig zu verkaufen oder sie zu verlassen, wenn niemand mehr dafür zahlen wollte. In diesem Moment tauchten neue Besitzer auf, die die Farmen kauften und Schutzgeld an die Guerilleros zahlten. Wenn sie eine Farm kauften, rissen sie die bescheidenen, aber gemütlichen Häuser ab und bauten neue große und schöne Häuser. Dann kauften sie eine andere Farm und machten dasselbe. Wenn sie acht bis zehn Grundstücke gekauft hatten, nannte man diese hacienda.

Was dann passierte, verletzte unsere Seele, unsere Gefühle und unseren Stolz als Bauern. Es begann eine soziale Diskriminierung, die wir aus unserer Kindheit nicht gewohnt waren. Die großen Häuser sicherten sie mit Elektrozäunen, damit wir uns nicht näherten und sie brachten Dinge wie Pools und Saunen mit, die wir noch nicht einmal auszusprechen wussten.

Ungerechtigkeiten von allen Seiten

Die Gewohnheiten von den ‚Großeltern‘, uns als Familie aufzunehmen und uns dasselbe Essen wie ihren Kindern zu geben, ging durch die neuen Besitzer der haciendas verloren. Die Nächte wurden traumatisch, weil wir in Kasernen untergebracht waren, wo bis zu 200 Arbeiter auf unmenschliche Weise auf dem Boden schliefen. Wir mussten unser Geschäft in den Kaffeeplantagen erledigen und uns in den Bächen baden, weil es noch nicht einmal Toiletten für uns gab. In dieser Zeit sahen wir Kaffeepflücker, dass für die Besitzer der hacienda die Hunde wichtiger waren als wir Arbeiter. Aufgrund dieser Ungerechtigkeit verfluchte ich mein Leben als Kaffeepflücker und betete in der Nacht, dass Gott mir eines Tages eine eigene Farm geben möge, falls ich das Glück hätte, weder von der Guerilla noch von den Paramilitärs oder dem Militär umgebracht zu werden. So könnte ich den Besitzern der haciendas in Kolumbien zeigen, dass es nicht nötig ist, die Arbeiter zu erniedrigen, ihre Gefühle zu verletzen oder sie als Sklaven zu halten, um eine Farm zu verwalten.

Die Ungerechtigkeiten von allen Seiten verwandelten uns in Nomaden. Im Jahr 1980 wurde ich bis zur Sierra Nevada in Santa Marta gelockt, wo mir gesagt wurde, dass es viel Kaffee gäbe und man als Pflücker sehr gut bezahlt würde. Aber als ich ankam, merkte ich, dass alles ein Betrug war. Denn es gab keinen Kaffee, dafür aber Marihuana auf riesigen Feldern. Ich hatte kein Geld, um zurückzukehren, Essen zu kaufen oder ein Zimmer zum Schlafen zu bezahlen, sodass ich gezwungenermaßen in den Marihuana-Feldern nach Arbeit fragte und dort blieb. Es stellte sich heraus, dass die Arbeit zwar hart war, aber wir das drei- oder vierfache von unserem Lohn als Kaffeepflücker verdienten.

Statt Kaffee, Marihuanafelder soweit das Auge reicht

Das Leben auf dem Feld in der Welt des Marihuanas ist nicht angenehm. Sie ist ungerecht und hart, aber niemand ist dem anderen überlegen. Alle, angefangen bei dem Besitzer der Plantage bis hin zum bescheidensten Arbeiter, essen dasselbe und schlafen in denselben Betten, sodass man die Diskriminierung nicht spürt. Doch trotzdem erreichte uns in der Sierra Nevada die Gewalt mit großer Brutalität, da es dort den Drogenhandel gab. Wieder mussten wir fliehen und so kam ich im Jahr 1984 zu einer riesigen Plantage an der Grenze zu Brasilien, um Kokablätter zu sammeln. Ich kannte diese Pflanze noch nicht, aber hörte schon am ersten Tag die Arbeiter über ein sogenanntes Labor sprechen. Ich wurde neugierig und fragte nach Erlaubnis, um das Labor zu sehen. Dort sah ich einen alten Mann, der Don Vicente hieß und auf einem Baumstamm saß, um die Kokablätter zu verarbeiten. Ich fand, dass es sehr einfach aussah und sagte mir selbst, dass auch ich eines Tages Chemiker werden müsste. Deshalb setzte ich mich jeden Tag nach meiner Arbeit in die Nähe des Labors, nur um zu sehen wie der Alte die Kokablätter verarbeitete. Nach vier Tagen merkte ich, dass Don Vicente nicht mehr die Präzision eines Chemikers hatte, da seine Hände zitterten, wenn er die Chemikalien zusammenmischte. Durch meine Erfahrung als Bauer merkte ich sofort, dass er Malaria hatte.

Meine Begeisterung wurde jeden Tag größer, da ich hoffte, dass ich diesen Mann in seiner Arbeit ersetzen könnte. Nach einigen Tagen musste er mich zur Hilfe rufen und in diesem Moment wurde ich zu der Person, die ich mein ganzes Leben verabscheut hatte, nämlich zu einer opportunistischen. Denn mich interessierte nicht mehr die Krankheit des Mannes, sondern ich wollte nur, dass er mir alles Nötige beibrachte. Er musste es tun, da die Narcos keinen Fehler erlauben. Zwölf Tage später war ich ein Experte und konnte den ganzen Mist manipulieren, der gebraucht wurde, um das Gift herzustellen.

Nach zwei Monaten Arbeit wurden wir alle zum Haus des Besitzers bestellt und bekamen unseren Lohn. Als ich das Geld in der Hand hatte fiel ich vor Freude fast um. Es war für mich so viel Geld, dass ich das Gefühl hatte, in der Lotterie gewonnen zu haben. Ich fühlte mich groß und wichtig und fing an, meine Kollegen von oben herab zu behandeln, wie die narcos, wenn sie viel Geld verdienen. Nach zwei oder drei Stunden – ich lag in meiner Hängematte und hatte bereits einen kühleren Kopf – fing mein Gewissen an, mir alles vorzuwerfen, was ich getan hatte. Ich realisierte, dass aufgrund meiner Tätigkeit in den Bergen tausende von Familien die schlimmste Hölle durchlebten, ohne eine Zukunft für ihre Kinder zu haben. Ich dachte auch an meinen Sohn, der erst einige Monate alt war und dessen Leben irgendwann ebenfalls von einer erbarmungslosen Person vergiftet werden würde, so wie ich es bei vielen Familien tat.

Mut für die Flucht aus der Hölle

Nach einigen Minuten gab mir Gott den Mut für die Entscheidung, aus dieser Hölle zu fliehen ohne die Konsequenzen zu fürchten. Es bestand die Gefahr, vom Regenwald lebendig verschluckt oder von den narcos gefunden und getötet zu werden, denn die Flucht war für sie der größte Betrug. Um elf oder zwölf Uhr in der Nacht, ich kann mich an die Uhrzeit nicht mehr genau erinnern, traf ich also die Entscheidung, zu fliehen. Es waren vier Tage Wanderung durch den Regenwald bis ich das erste Dorf erreichte. Dort konnte ich essen, trinken, schlafen und Medizin kaufen. Denn selbst mein Kopf war geschwollen von den Insektenstichen und ich war mit Malaria infiziert.

Ich kam zu meiner Familie und wir kauften uns mit dem Geld, das ich verdient hatte, alles, was wir vorher nie besessen hatten: einen Fernseher, Möbel für das Wohnzimmer und andere Dinge. Mit dem Rest des Geldes kauften wir einen kleinen Laden, der mit den Jahren ständig wuchs. Im Jahr 2009 war ich schon im Besitz von zwei Autos, mehreren Geschäften und Grundstücken. Aber ich war nicht glücklich, weil das nicht meine Welt war. Meine Welt waren schon immer die Berge, die Felder und die Bauern. Ich sah sie jeden Tag vorbeikommen, beladen mit der Demütigung, die ich mit viel Mühe losgeworden war.

An einem Tag sagte ich deshalb zu meiner Frau und meinem Sohn, dass es an der Zeit wäre, alles zu verkaufen um in die Berge zurückzukehren. Ich wollte eine Farm kaufen, um meinen lang ersehnten Traum zu realisieren. Sie waren einverstanden und wir verkauften alles, außer ein kleines Auto, damit mein Sohn zur Universität fahren konnte, um zu studieren. Dann kaufte ich eine seit der Zeit der Gewalt völlig verlassene Farm mit einem beschädigten Haus. Und ich tat dasselbe, was die Besitzer der hacienda damals taten: Ich riss das Haus ab und baute stattdessen ein großes und schönes Haus mit vielen Zimmern und Bädern. Ich wollte, dass der bescheidenste Arbeiter der Farm dasselbe aß wie mein Sohn, in denselben Betten schlief und ein angemessenes Gehalt bekam. Und noch viel wichtiger: dass dieser Arbeiter eine Wertschätzung als Mensch erfährt und nicht wie ein Produktionsroboter behandelt wird, so wie ich das in meiner Jugend erlebt habe.“

 


KAFFEEINDUSTRIE IN KOLUMBIEN

Die Kaffeebäuerinnen und -bauern in Kolumbien haben mit drastischen Preissenkungen zu kämpfen. Letzten Februar sank der Wert eines Pfunds Kaffee auf 0,93 US-Dollar, den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Der Verkaufswert liegt weit unter den Produktionskosten und ist auch um 74 Prozent geringer als der 1983 durch das Internationale Kaffee-Übereinkommen festgelegte Preis. Die Zukunft der Kaffeeindustrie in Kolumbien und der ganzen Welt bleibt dadurch ungewiss. Der nationale Verband der Kaffeeproduzent*innen in Kolumbien (FNC) stellt dabei keinen tatsächlichen Schutz für die Betroffenen dar. Dieser legte einen „idealen Preis“ fest, der 42 Prozent unter dem im Jahr 1983 festgelegten Preis liegt und für die Kaffeebäuerinnen und -bauern keineswegs „ideal“ ist. Schätzungen zufolge verdienen sie lediglich 2 US-Cents an jeder Tasse Kaffee. Die Kaffeeproduzent*innen sind oftmals von extremer Armut betroffen und müssen auf illegale Produktionen umsteigen oder in die Städte migrieren. Die meisten von ihnen können sich kaum gegen die multinationalen Kaffeekonzerne wehren, die zum großen Teil in der Schweiz angesiedelt sind. Diese wollen trotz der Warnungen, dass Kaffeebäuerinnen und -bauern zunehmend in den illegalen Sektor wechseln, keine höheren Preise zahlen. So ist der rentablere Kokaanbau seit dem Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla im Jahr 2016 stark gestiegen.

 


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