„Der Bullerengue macht weiterhin bulla”

Foto: Alex May

Was bedeutet der Bullerengue für dich persönlich?
Für mich ist der Bullerengue eine Lebensphilosophie. Ich kann nicht nur von einem Tanz sprechen, sondern von etwas, das das ganze Leben durchzieht. Er zeigt sich in vielen Formen: im Tanz, in der Musik, im Gesang. Deshalb handeln seine Texte von Liebe und Widerstand: „espérame que voy“, „nos están matando“, „¿hasta cuándo?“ (Warte auf mich, ich komme; Sie töten uns; Wie lange noch?). Sie sprechen vom Alltag und von Afrikanität. Die Trommeln, die Gesänge und das System von Frage und Antwort strukturieren seine Ausdrucksform. Für mich bedeutet Bullerengue Ahnenverbundenheit, Beständigkeit und Beharrlichkeit.

Spiegelt sich diese Bedeutung auch in der Arbeit deiner Stiftung Memorias Danza Teatro wider?
Ja, vollkommen. Wir arbeiten seit zehn Jahren und in dieser Zeit habe ich verstanden, dass die Bewegungskünste Lebens- und Denkweisen verändern können. In Cartagena, besonders in den Inselgebieten, gibt es das, was ich „desesperanza aprendida“ (erlernte Hoffnungslosigkeit) nenne: die Vorstellung vieler junger Menschen, dass es für ihr Leben keine anderen Möglichkeiten gibt. Für mich durchbricht Tanz genau das. Dort verstehe ich die Kraft des Tanzes: Er kann neue Horizonte eröffnen und Menschen ermöglichen, sich selbst aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wichtig ist der Prozess, wie er dich verwandelt und dich aus der Idee herauslöst, dass die Bedingungen, in die du hineingeboren wurdest, notwendigerweise deine Zukunft bestimmen.

Wie verlief der Weg, die Tradition des Bullerengue nach Berlin zu bringen?
Ich kam über Canoafolk nach Berlin, eine kolumbianische Folkloretanzgruppe unter der Leitung von Rocío Correa. Sie lud mich ein, mit Menschen der lateinamerikanischen Diaspora an einem Afrokolumbianischen Tanz zu arbeiten. Als sie mir vorschlug, mit Bullerengue zu arbeiten, dachte ich zuerst an den Kontext: Wie bringt man diese Praxis in Körper, die nicht unbedingt diese Geschichte oder diese Territorialität repräsentieren? Dadurch entstand auch die Reflexion über die Folklorisierung anzestraler Praktiken und darüber, wie sie in andere Räume übertragen werden. Deshalb entschied ich mich für eine Inszenierung aus der Perspektive der darstellenden Kunst, die Alborada Bullerenguera (Bullerengue-Morgendämmerung). Es ging nicht darum, den traditionellen Bullerengue zu reproduzieren, sondern um eine szenische Interpretation, die für die Straße und den Kontext des KdK gedacht war. Für mich war wichtig klarzustellen, dass wir keine gemeinschaftliche Tradition der kolumbianischen Karibik exakt reproduzieren wollten, sondern einen Raum für Begegnung und Reflexion eröffnen.

Welche Botschaft wolltest du mit der Alborada Bullerenguera im Karneval der Kulturen
vermitteln?

Für mich stand die Idee der Kollektivität im Zentrum: eine gemeinschaftliche Praxis des Widerstands, der Stärke, des gemeinsamen Gehens und Zusammenseins. Ich glaube, genau das fehlt der lateinamerikanischen Diaspora in Berlin. Das war die zentrale Botschaft der Alborada Bullerenguera: Kollektivität als Form des Widerstands und als gemeinsames Ziel innerhalb des Karnevals der Kulturen.

Welche Herausforderungen gab es dabei, diese Tradition mit Menschen zu teilen, die nicht Teil der Afrokolumbianischen Community sind?
Die Herausforderung war immer die Kritik aus den Bullerengue-Communities selbst darüber, wie diese Praxis in andere Kontexte übertragen wird. In diesem Prozess war die Zusammenarbeit mit Darlina Seña Garcés sehr wichtig für mich. Sie gab mir Ruhe durch ihre Art, Wissen zu teilen: mit Gelassenheit, Großzügigkeit und ohne Egoismus. Ich selbst komme nicht aus einer Bullerengue-Familie, während ihre Familie tief mit dieser Tradition verbunden ist. Dadurch konnte ich eine andere Form der Weitergabe und der Beziehung zum Bullerengue verstehen. Gleichzeitig war das Thema der kulturellen Aneignung immer präsent. Für mich war wichtig, darüber nachzudenken, wie und von wo aus dieses Wissen weitergegeben wird und wie man den Ahnen Respekt entgegenbringt. Aber ich habe immer klar gesagt: Das hier war kein traditioneller Bullerengue, sondern eine Neuinterpretation aus der darstellenden Kunst und eine spezifischen Inszenierung.

Wie hast du den KdK in Berlin erlebt?
Ich habe den Karneval der Kulturen als einen Raum verstanden, der von migrantischen Widerstandsgeschichten und politischen Rahmenbedingungen geprägt ist. Soweit ich weiß, entstand er vor etwa dreißig Jahren aus sozialen Protesten im Zusammenhang mit Migration und versucht, die Vielfalt Berlins als Stadt vieler Diasporas sichtbar zu machen. Gleichzeitig hatte ich auch das Gefühl, dass der Karneval einen extraktivistischen Charakter hat, zumindest darin, wie kulturelle Ausdrucksformen innerhalb des Events organisiert, ausgestellt und konsumiert werden.

Warum empfindest du den Karneval als teilweise extraktivistisch? Glaubst du, dass er die Vielfalt der Diasporas wirklich repräsentiert?
Es gibt eine Spannung zwischen Sichtbarkeit und Kommerzialisierung. Oft werden kulturelle Praktiken von Menschen reproduziert, die nicht unbedingt die Kämpfe, Erinnerungen und Körperlichkeiten bewohnen, aus denen diese Traditionen stammen. Daraus ergibt sich die Frage, wie Wissen weitergegeben wird. Damit diese Weitergabe wirklich verantwortungsvoll ist, müsste oft die Person anwesend sein, die diese Tradition trägt, denn es geht nicht nur um Technik oder Tanz, sondern um eine Lebensphilosophie und kollektive Erinnerung.

Ist der Bullerengue heute noch eine politische Widerstandsform in Kolumbien?
Ja, und das wird er auch bleiben. Schon sein Name kommt von bulla (umgangssprachlich Lärm), einem Begriff, der historisch benutzt wurde, um etwas Störendes oder Unerwünschtes zu bezeichnen – besonders wenn es um die Stimmen und Ausdrucksformen Schwarzer Communities ging. Ein sehr eindrückliches Beispiel passierte vor Kurzem: Während auf einem Platz eine Bullerengue-Sängerin geehrt wurde, versuchte die Polizei in einer nahegelegenen Bullerengue-Runde die Musik zu stoppen und die Menschen zu vertreiben. Dieser Widerspruch zwischen symbolischer Feier und realer Repression zeigt, dass der Bullerengue weiterhin Widerstand ist. Und die Antwort der Gemeinschaft war genau diese, eine noch lautere, größere und sichtbarere Runde zu machen. Deshalb sage ich: Der Bullerengue macht weiterhin bulla. Selbst wenn man versucht, ihn zum Schweigen zu bringen, kommt er stärker zurück. Außerdem eignen sich die neuen Generationen ihn heute auf neue Weise an und stärken ihn aus anderen Perspektiven.

Wie verändern die neuen Generationen den Bullerengue?
Die neuen Generationen erweitern den Bullerengue durch neue Stimmen, Körper und Ausdrucksformen. Es gibt Sänger wie IrbinVanegas, und auch Figuren wie La Poderosa del Bullerengue, eine trans Person, die den Bullerengue aus ihrer Identität heraus performt und damit eine andere Form von bulla und Widerstand eröffnet. Ihre Präsenz auf der Bühne hinterfragt auch, wer diese Tradition bewohnen und verändern darf. Früher war es ungewöhnlich, Frauen Trommel spielen oder Männer singen zu sehen. Heute hat sich das stark verändert, was eine klare Veränderung traditioneller Rollen zeigt. Gleichzeitig sorgen Gruppen wie Tonada für Debatten, weil sie Instrumente wie Violinen oder Cello integrieren. Manche fragen sich, ob das dann noch Tradition sei. Für mich stehen diese Vorschläge aber weiterhin im Dialog mit dem Bullerengue – nur mit neuen Klangwelten. Grundsätzlich ist Tradition nicht statisch, sondern lebendig und ständig in Bewegung.

Was sollte das Publikum über den Bullerengue verstehen – jenseits davon, ihn nur als Tanz zu sehen?
Mehr als zu fragen, was die Menschen verstehen sollten, frage ich mich, ob überhaupt ein echtes Interesse besteht, ihn zu verstehen. Genau darin liegt das große Dilemma. Oft wird Bullerengue auf etwas reduziert, das man einfach tanzt, aber er ist viel mehr als das. Er funktioniert als Struktur gegenseitiger Abhängigkeit: Die Sängerin braucht den Chor, der Chor braucht den llamador, der llamador braucht den alegre, und der alegre braucht wiederum die Sängerin. Es ist eine zirkuläre Gegenseitigkeit, eine Logik von Gemeinschaft, die an die Ubuntu-Philosophie erinnert: „Ich bin, weil wir sind.“ In diesem Sinne geht es weniger darum, bestimmte Schritte zu lernen oder eine Ästhetik zu reproduzieren, sondern darum, sich dem Bullerengue über diese kollektive Dimension zu nähern und sich zu fragen, von wo aus man ihn betrachtet, wie man mit ihm in Kontakt tritt und welche wirkliche Bereitschaft besteht, ihm zuzuhören.


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Hinter den Masken die Stimme des Volkes

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Djab Rouj beim Karneval 2025 Am dritten Tag der Feierlichkeiten verkleiden sich die Festivalbesucher*innen als Teufel (Fotos: Privat)

Der Karneval auf Martinique hat seine Wurzeln in einer der dunkelsten Perioden seiner Geschichte: der Kolonialisierung. Er entstand in Saint-Pierre, der damaligen Hauptstadt der weißen Kolonialbourgeoisie, und ist das Ergebnis des Zusammentreffens europäischer und afrikanischer Kulturen. Während die Kolonialherren den burlesken Überspanntheiten, die sie aus dem fernen Mutterland importiert hatten, mit Empfängen, gigantischen Buffets und allerlei Unterhaltung freien Lauf ließen, entstand auf der anderen Seite der Plantage ein anderer Karneval. Die versklavten Menschen nutzten diese Momente, um ihre Gegenpartys zu veranstalten, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu dem Karneval entwickelten, den wir heute kennen.

Nachdem sie sich nach 1848 von ihren Ketten befreiten, verankerten die Bewohner*innen von Martinique diese Praxis endgültig in ihren Sitten. Nach dem Dreikönigsfest beleben jedes Jahr an den Wochenenden Umzüge die Insel und bereiten sich auf die opulenten Tage vor, die das Herzstück des Karnevals bilden. In dieser Zeit versammeln sich die Bewohner*innen Martiniques aus allen Bevölkerungsschichten im öffentlichen Raum und feiern ausgelassen. Jeder Tag der Feierlichkeiten folgt festen Regeln und zieht die Menschen in einem fast rituellen Ablauf in seinen Bann. Der Faschingssonntag markiert den Beginn der Feierlichkeiten. Der Montag ist den burlesken Hochzeiten gewidmet, bei denen die Festbesucherinnen für einen Tag die Codes eines anderen Geschlechts annehmen und so mit den gesellschaftlichen Konventionen spielen. Der Dienstag, der beliebteste Tag, ist dem Djab Rouj (kreolisch für „Roter Teufel“) gewidmet, einer Symbolfigur, die aus senegalesischen Initiationsriten hervorgegangen ist. Der Aschermittwoch markiert schließlich das Ende der Feierlichkeiten. An diesem Tag wird der Vaval eingeäschert, ein symbolträchtiges Maskottchen, das jedes Jahr neugestaltet wird, um zu aktuellen Ereignissen zu passen.

Wiederaneignung kolonialer Codes

Der Karneval auf Martinique ist von herausragender kultureller Bedeutung. Er ist seit jeher ein Synonym für das Zusammenleben, für überschwängliche Geselligkeit und unabdingbare Solidarität. Alle versammeln sich auf den Straßen, um in der Gemeinschaft zu singen, zu schreien, zu tanzen und zu lachen.

Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, den eigenen Chef im Stringtanga zwischen zwei Fußgruppen tanzen zu sehen – zu den Musikgruppen, die mit traditionellen Trommeln für Unterhaltung sorgen. Diese Gruppen werden immer von ihren Tänzerinnen begleitet und singen scherzhafte Lieder, die auch Gruppen von außerhalb anlocken. Die Schönheit des Karnevals in Martinique kommt hier zum Ausdruck: Er ist einer der wenigen Karnevals auf der Welt, an dem jeder kostenlos teilnehmen kann, ohne Barrieren bezüglich Alter, Geschlecht, Aussehen, sozialem Status oder Einkommen.

Diese Zeit des Feierns bietet eine willkommene Auszeit vom Alltag und seinen einschränkenden Zwängen. Während des Karnevals kann sich jeder frei ausdrücken – innerhalb eines kreativen Raums, der fernab von gesellschaftlichen Normen und Urteilen liegt. Die Karnevalszeit ist somit auch eine privilegierte Zeit für die queere Gemeinschaft Martiniques, die hier einen Ort findet, in dem sie ihre Codes ohne die Angst vor den Repressionen der normalen Zeit leben kann. Während des Karnevals 2024 fand beispielsweise der erste Ballroom (siehe Infokasten) der Französischen Antillen statt, ein historisches Ereignis auf der Insel.

Eine Zeit für Ablenkung und politische Botschaften

Seit dem 17. Jahrhundert ist der Karneval nicht nur ein Fest, sondern auch eine Bühne für Forderungen und politischen Widerstand. Es ist eine Zeit der Euphorie und selbstbewussten Fröhlichkeit. Ähnlich wie die Zeit der Ablenkung, die den versklavten Menschen gewährt wurde, um ihre Revolte zu zerstreuen, ist der heutige Karneval eine Zeit der Entspannung angesichts der oft schwierigen Realität. Doch der Karneval ist weit davon entfernt, die Menschen ruhig zu stellen, wie es sich einst die Kolonisatorinnen und heute gewisse Politikerinnen wünschen. Er eröffnet eher unendliche Möglichkeiten für Forderungen, deren Formen sich im Laufe der Epochen immer wieder erneuern. Die Musik spielt in dieser Zeit eine große Rolle. Traditionalistinnen beschweren sich oft über die expliziten Texte moderner Karnevalslieder, denn diese dienen als Mittel der Mobilisierung und des politischen Protests.

Die Art der Beziehungen, die Martinique bis heute mit seiner ehemaligen Metropole verbinden, verweist auf die anhaltende neokoloniale Haltung, die nicht offen ausgesprochen wird. Die lokale Bevölkerung lebt dort unter Bedingungen, die auf dem französischen Festland undenkbar wären, zum Beispiel die Vergiftung der meisten landwirtschaftlichen Flächen – und ihrer Bewohner*innen – mit Chlordecon. Dieses Pestizid hat den traurigen Weltrekord für Prostatakrebs auf den französischen Antillen begründet. Zu diesem Skandal kommt noch die tägliche Last des „vie chère“ (teures Leben): Ein lokaler Ausdruck für die exorbitanten Preise in einem Gebiet, in dem die Einkommen zu den niedrigsten in Frankreich gehören. Die Preise in Martinique sind im Durchschnitt 40 Prozent höher als in Frankreich. Als sich die Bevölkerung Ende 2024 zum x-ten Mal gegen diese Ungerechtigkeit auflehnte, war die Antwort des französischen Staates Repression. Die französische Regierung setzte die Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS) ein. Diese Spezialeinheiten waren seit 1959 auf dem Territorium von Martinique verboten, nachdem sie den Tod von drei jungen Martinikanern bei Demonstrationen verursacht hatten, die bereits damals schon bessere Lebensbedingungen forderten.

Vaval wird passend zu aktuellen Themen gestaltet

Der Karneval ist eine Gelegenheit, um diese Forderungen in den öffentlichen Raum zu tragen, ohne Angst vor einer gewalttätigen Reaktion der Behörden. Darüber hinaus drückt sich die Kreativität auch und vor allem in offen zur Schau getragenen politischen Kostümen aus, die diese Situationen sowie die der sexistischen und sexualisierten Gewalt aufzeigen. Das jährlich thematisch gestaltete Maskottchen, der Vaval, verkörpert diese politischen, sozialen und wirtschaftlichen Realitäten. Der Karneval ist jedes Jahr ein starkes Symbol für die Bekräftigung der lokalen Identität. Die Organisierung eines wilden Karnevals im Jahr 2021 unter den restriktiven Bedingungen der Pandemie hat sowohl den nationalen Behörden in Paris wie auch den lokalen Behörden auf Martinique eine klare Botschaft übermittelt: Der Ausdruck der martinikanischen Identität ist grenzenlos und der Protestcharakter des Karnevals unveränderlich. Als wahre kulturelle Seele der Blumeninsel (der ursprüngliche Name für die Insel, Madinina, bedeutet Blumeninsel und wird auch heute noch häufig verwendet, Anm. d. Red.) katalysiert diese Zeit große Herausforderungen in Vergangenheit und Gegenwart und stellt die Weichen für die Zukunft eines Volkes, das sich ständig mobilisiert.


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KARNEVAL DER KRITIK

Foto: Brasil de Fato (CC BY-NC-SA 2.0)

Der kritische Geist, der in den Anfängen des Karnevals so deutlich präsent war, kehrte dieses Jahr bis zum Aschermittwoch in die Samba-Schulen von Rio de Janeiro zurück. Herausragend war die Parade der Samba-Schule Paraíso do Tuiuti, die aus der gleichnamigen Favela im Viertel São Cristóvão stammt. Ohne um den heißen Brei herum zu reden und ohne sich zu verstecken, zeigte Tuiuti Kunst, Samba und Sozialkritik auf höchstem Niveau, unter dem Motto „Meu Deus, Meu Deus, Está Extinta a Escravidão?“ (Mein Gott, mein Gott, ist die Sklaverei ausgestorben?) Schnell zeigte sich in den Reaktionen der Öffentlichkeit und der sozialen Medien, dass diese Frage der Sambaschule aus der armen Nordzone von Rio de Janeiro rhetorisch war.

Die Mitglieder von Tuiuti tanzten als Lohnsteuerkarten, eine Anspielung auf die Reform der Arbeitsgesetze, und schufen mit einem Vampir mit Präsidentenschärpe, einer direkten Repräsentation von Michel Temer, eines der markantesten Bilder. Der Refrain des Sambas fand sein Echo weit über Rio de Janeiro hinaus und wurde weltweit von Zeitungen aufgegriffen, die die expliziten politischen Anspielungen erklärten, die in den letzten Jahren nicht sehr häufig im Sambódromo vorkamen. Gleichzeitig forderte dieses große Medienecho das Narrativ der großen brasilianischen Medienkonzerne heraus, die in ihrer Mehrheit die Reformen der brasilianischen Bundesregierung unterstützen.

„Wir sagen, was das Volk will“, erklärte Thiago Monteiro, Direktor der Samba-Schule Paraíso Do Tuiuti in einem Interview mit dem Blog von Intervozes. Das Ziel war, das alltägliche Brasilien zu zeichnen, so wie es im Karneval in den 1970ern und 1980ern üblich war. Zum Aufsehen, das der Auftritt erregt hatte, und zu der Interpretation, dass Medienkritik ebenfalls ein Teil der Präsentation war, sagte er nur: „Die Antworten muss die Gesellschaft geben. In unserer Parade stellen wir als Samba-Schule nur Fragen. Alle Elemente wurden eingesetzt, damit das Volk die Antworten gibt.“

Und offenbar hat die Samba-Schule einen Nerv getroffen. Nach der Parade stand der Hashtag #tuiuti an der Spitze der Trends des Nachrichtenportals Uol sowie bei Twitter. Am Rosenmontag wurde die Parade von Tuiuti von 92 Prozent der Befragten als beste Präsentation des Karnevals in Rio de Janeiro bezeichnet. Unter den wenigen Samba-Schulen, die politische Kritik äußerten, war Paraíso de Tuiuti sicher die mit der mutigsten Haltung. Ihr Auftritt provozierte „Temer Raus!“-Rufe von den Tribünen, was sich in zahlreichen Straßenumzügen in verschiedenen Bundesstaaten wiederholte. Während der 74 Minuten ihrer Parade präsentierte die Samba-Schule eine scharfe und aktuelle Gesellschaftskritik, die von der Fortdauer gesellschaftlicher Strukturen des Zeitalters der Sklaverei ausgeht und die Ausbeutungsverhältnisse der Arbeit, in der Stadt wie auf dem Land, zeigte. Sie machte so die zunehmende Prekarisierung der Arbeiter*innen Brasiliens deutlich sichtbar. Am Ende der Parade kritisierte Tuiuti sehr direkt die Reform der Arbeitsgesetze: In einer Sektion mit dem Titel „Guerreiros da CLT“ (Krieger der Arbeitsgesetze) trugen die Tänzer*innen ein Kostüm voller Arme, die „schmutzige Lohnsteuerkarten“ hielten.

Beredtes Schweigen der Presse zum “neoliberalen Vampir”.

Wer den Umzug im Fernsehen anschaute – exklusiv vom Fernsehsender O Globo übertragen – verstand den Kontext aus den Bildern, die so plastisch von den Kostümen und riesigen Karnevalswagen geschaffen wurden. Der Kommentar im Fernsehen beschränkte sich auf die Bezüge zur Vergangenheit in der Präsentation. Angesichts der letzten Reihen der Parade, die als „manifestoches“ kostümiert waren – eine Anspielung auf die Mittelschicht-Demonstrant*innen, die ab 2013, stets in Trikots der Nationalmannschaft gekleidet, auf Töpfe schlugen – blieben die Kommentator*innen Fátima Bernardes, Alex Escobar und Milton Cunha rein beschreibend, ohne irgendeinen Bezug zur aktuellen Situation in Brasilien herzustellen. Als auf dem Höhepunkt der Parade schließlich der Vampir mit Präsidentenschärpe auftauchte, stellte Fátima Bernardes nur den Namen der Figur vor: „Das ist der neoliberale Vampir.“ Es folgten exakt acht Sekunden Schweigen, ohne irgendeinen zusätzlichen Kommentar, während das Abschlussbild des Umzugs mit dem Titel „Neues Sklavenschiff“ vorüberzog, was zu großem Erstaunen bei den Fernsehzuschauer*innen führte. Kein weiteres Wort über das Thema. Weder die Reform der Arbeitsgesetze, die im Juli 2017 verabschiedet wurde, noch die Rentenreform, die von der Regierung Temer durchgedrückt werden soll, waren Themen während der Übertragung aus dem Sambadrómo.

Tatsächlich ist die Liste dessen, was in den Medien nicht gesagt wurde, sehr lang. Dazu gehört auch, dass das Oberste Bundesgericht in der Woche vor Karneval die Landrechte der Quilombolas (Nachfahren von geflohenen Sklav*innen, Anm. d. Red.) bestätigt hatte. Obwohl dieses Thema bei den Aktionen der sozialen Bewegungen zentral war, ein Ergebnis der heftigen Debatten in der Gesellschaft, wurde kaum darüber berichtet, beeinträchtigt doch das Urteil die Interessen der mächtigen Agrarindustrie. Selbst angesichts eines Motto-Wagens, der die Quilombolas als Beispiel für den Widerstand der schwarzen Bevölkerung des Landes feierte und die verschiedenen Formen der Sklaverei bis zum heutigen Tag skizzierte, schwiegen die Journalist*innen von O Globo.

Vielen Zuschauer*innen schien das peinliche Schweigen der O Globo-Kommentator*innen eine Folge ihrer Überraschung über die Themenwahl von Tuiuti. Doch die Fakten gehen in eine andere Richtung: Der Direktor des Karnevals von Tuiuti erklärte, dass der Sender gleich dreimal die Werkstätten der Samba-Schulen besucht hätte. Er habe vorab alle Informationen über die Kostüme, die Motto-Wagen und die Themen erhalten. Die Kommentare hätten also sehr gut vorbereitet gewesen sein können, doch O Globo wählte die diskrete Linie der Selbstenthaltung, ohne viele Adjektive und zusätzliche Informationen.

Monteiro betonte, dass die Samba-Schule auf die große Bedeutung der Medien für die Bildung der öffentlichen Meinung ausdrücklich hinwies. Ein Mottowagen thematisierte die Erstveröffentlichung der Zeitung O homem de Cor (Der farbige Mann) Anfang des 19. Jahrhunderts, während der Debatte um die Abschaffung der Sklaverei. „Das war die erste Zeitung gegen die Sklaverei, die von einer schwarzen Person herausgegeben wurde. Wir reden hier von den Medien dieser Zeit, sie haben sicher dazu beigetragen, dass das Goldene Gesetz [Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei vom 13. Mai 1888, Anm. d. Red.] unterzeichnet wurde. Das war eine wichtige Mobilisierung“, erklärte er. Während der Fernsehübertragung erwähnten die Kommentator*innen zwar, dass die Zeitung von Schwarzen geschrieben wurde und dass diese, aus Furcht vor Repressionen, anonym publizierten. Doch sie erwähnten mit keinem Wort, dass Schwarze bis heute in den brasilianischen Medien unterrepräsentiert sind, eine konkrete Form der Fortsetzung der Ausgrenzung, was die Präsentation von Tuiuti sehr wohl problematisierte.
So blieb es schließlich dem alternativen Medienportal Mídia Ninja überlassen, den „Vampir des Neoliberalismus“ zu interviewen. In dem über Instagram veröffentlichten Interview erklärte der Tänzer: „Wir haben viel unter den Korruptionsskandalen gelitten. Wir haben gesehen, wie die gewählte Präsidentin, die mehr als 54 Millionen Stimmen erhalten hatte, daran gehindert wurde, weiter zu regieren, durch einen höchst zweifelhaften politischen Prozess. Und das brasilianische Volk protestiert, verlangt, dass dieser Präsident zurücktritt. Wir wollen diesen Präsidenten nicht!“

Die Samba-Schule Tuitui versteht sich als urbaner Quilombo, also Widerstandsorganisation.

Bei O Globo gab es kein Interview mit dem Hauptdarsteller der Parade von Tuiuti. Aus dem Studio des Senders sandte aber der Komponist des Sambas von Tuiuti, Cláudio Russo, noch eine Nachricht: „Dieser Samba ist ein Widerstandsschrei gegen die schlimmste Institution, die es je gegeben hat, die Sklaverei. Mit dem Samba sagen wir, dass wir in Tuiuti nicht die Sklaven eines Herren sind.“

In den sozialen Netzwerken war davon die Rede, dass während der Live-Übertragung die Mikrofone ausgeschaltet wurden, als die „Temer Raus!“-Rufe im Sambódromo die verstärkte Musik zu übertönen drohten – diese Information konnte allerdings noch nicht bestätigt werden. Doch die Frage bleibt: Warum wurde auf diesen Protest gegen die aktuelle politische Situation auf der größten populären Kulturveranstaltung des Landes nicht näher eingegangen? Warum sind die brasilianischen Medien nicht in der Lage, die Debatte zu zeigen? Auf die Bildschirme zu bringen, was das Volk möchte – das, was Paraíso do Tuiuti auf so meisterhafte Weise geschafft hat?

Die Antworten sind vielfältig und sie sind struktureller Natur. Um einen Anfang zu machen, muss man sagen, dass sich die Samba-Schule Tuiuti als urbaner Quilombo versteht, als Widerstandsorganisation. Und der Karneval, insbesondere die Samba-Schulen, kommen aus der Arbeiter*innenklasse. Auf der anderen Seite waren die brasilianischen Medien immer in der Hand einiger weniger weißer Familien, Repräsentanten der Eliten des Landes.


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