// WIRRGLAUBEN

„Cloroquina, Cloroquina, ich weiß, dass du mich heilst, im Namen von Jesus!“ Dieses Liedchen wird zurzeit häufig auf Demonstrationen gesungen, die den brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro unterstützen und sich gegen die von Gouverneur*innen und Bürgermeister*innen verhängten Ausgangsbeschränkungen richten. Die Demonstrant*innen spielen dabei auf das Malariamedikament Hydroxychloroquin an, das möglicherweise eine therapeutische Wirkung gegen das SARS-CoV-2-Virus hat. Doch während an dem Medikament, das für seine heftigen Nebenwirkungen bekannt ist, noch geforscht wird, preist es der brasilianische Präsident als Wundermittel an (siehe S. 20). Damit ist er nicht der einzige, der kluge Ratschläge zur Heilung von Covid-19 parat hat: Héctor Aníbal Giménez zum Beispiel, Gründer der Kirche Cumbre Mundial de los Milagros und populärer evangelikaler Prediger in Argentinien, empfiehlt die Salbung mit Desinfektionsmitteln und Pflanzenölen, andere raten zu verschiedensten Teeaufgüssen und – natürlich – zum Gebet zur Stärkung der Abwehrkräfte.
Im evangelikalen Milieu ist die Skepsis an den Wissenschaften ebenso weit verbreitet wie Verschwörungstheorien, bis hin zum Glauben an die flache Erde. Das bestätigt auch eine gemeinsame Recherche von OjoPúblico, Agencia Pública und PopLab unter dem Namen „Poderes no santos“ (Unheilige Mächte) von Anfang Juni, die Reden und Aktionen von evangelikalen Organisationen und Personen untersucht hat. Ihre Nachforschungen zeigen, dass die Krise für fundamentalistische Evangelikale eine willkommene Gelegenheit bietet, die gesellschaftliche Ohnmacht und Unsicherheit für ihre Agenda zu instrumentalisieren.
Zu Beginn der Einschränkungen des öffentlichen Lebens missachteten evangelikale Gemeinden die entsprechenden Regelungen in mehreren lateinamerikanischen Ländern, darunter Chile, Peru und Kolumbien. Neben dem Seelenheil ihrer Anhänger*innen dürften sich einige Glaubensgemeinschaften auch wegen handfester ökonomischer Interessen dazu durchgerungen haben. Wenn sich Evangelikale ebenso wie Neoliberale in Zeiten der Pandemie auf die Freiheit berufen, dann bedeutet dies bei beiden die Freiheit, Superspreader-Ereignisse zu organisieren, sei es die Arbeit an Nähmaschinen in engen und stickigen Räumen oder eben Gottesdienste. Das Ausbleiben der Kollekten macht jedenfalls erfinderisch: Miguel Arrázola, ein rechter kolumbianischer Prediger, forderte die Mitglieder seiner Gemeinde auf, ihren Zehnten weiterhin zu entrichten, um vor dem Virus geschützt zu sein. In Peru können Gemeindemitglieder derweil für bescheidene Summen von umgerechnet bis zu 30 Euro Gottesdiensten per Zoom beiwohnen.
Gepredigt wird: Corona sei entweder eine Laborerfindung, um die Menschheit mit bei Impfungen implantierten Mikrochips gefügig zu machen, eine Strategie Satans höchstpersönlich – oder eben Gottes Strafe für vermeintliche Sünden der Menschheit wie die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Öffnung der Ehe für alle. Das kommt bei den Evangelikalen nicht von ungefähr: Seit Jahren polarisieren diese Themen weit über religiöse Kreise hinaus.
Das evangelikale Christentum hat in den vergangenen Jahren in Lateinamerika an gesellschaftlicher Bedeutung und politischem Einfluss gewonnen. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung der gesamten Region bekennt sich mittlerweile zu einer der verschiedenen evangelikalen Strömungen. Dabei lassen sich nicht alle Prediger*innen und Gemeinden in gleichem Maße als religiös-konservative Hardliner beschreiben, nur sind es eben solche, die ihre Ideologie gerade jetzt wieder am lautesten verkünden – und gehört werden. Die Igreja Universal do Reino de Deus des brasilianischen Unternehmers Edir Macedo, der das Coronavirus als eine Strategie Satans bezeichnet, zählt mehrere tausend Kirchen im Land und hat nach eigenen Angaben über acht Millionen Gläubige. Wie auch andere evangelikale Prediger*innen unterstützte Macedo Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro im Wahlkampf und hat mit der republikanischen Partei einen eigenen politischen Arm mit 30 Abgeordneten, die im Parlament mit Bolsonaro an einem Strang ziehen. Wie dramatisch es sich auswirken kann, auf Evangelikale zu hören und mit ihnen Politik zu machen, offenbart sich dieser Tage: 40.000 Menschen sind in Brasilien bis Mitte Juni an den Folgen von Coronavirus-Infektionen gestorben, inzwischen stirbt fast jede Minute ein*e Brasilianer*in an Covid-19. Angesprochen auf die hohen Todeszahlen durch Corona im April, sagte Bolsonaro: „Sou Messias, mas não faço milagres“ (Ich heiße Messias, aber ich kann keine Wunder bewirken). Auch das „Cloroquina“-Singen und die Gebete der Evangelikalen werden dieses Wunder für die brasilianische Bevölkerung nicht herbeiführen.

 

Sterben muß, wer an Götzen rührt.

Am 16.November 1989 wurden sechs Mitglieder der Jesuitenkommunität in San Salvador, allesamt Professoren und Seelsorger an der zen­tralamerikanischen Universität (UCA), darunter der Rektor Ignacio Ellacuría, sowie die Haushälterin und deren Tochter von einem – wie inzwischen feststeht- Kommando der salvadorianischen Armee brutal ermordet. Das Institut „Monseñor Romero“ mit seiner Biblio­thek und unersetzliche Quellensammlungen wurde dabei vollständig verwüstet.
Der Befreiungstheologe Jon Sobrino, Mitglied dieser Jesuitenge­meinschaft, wäre gleichfalls unter den Toten gewesen, hätte er nicht eine Lehrverpflichtung im Ausland gehabt. Nun schreibt er sich von der Seele, was die Nachricht von diesem Massaker in ihm ausgelöst hat. Er stellt dar, was jeder seiner sechs Brüder und die beiden Frauen mit ihrer Arbeit und ihrem Glauben verkörperten und worin sie lebendig bleiben werden.Er reflektiert ihre Ermor­dung im Zusammenhang mit dem Tod weiterer 70 000 Salvadorianer­Innen in den letzten anderthalb Jahrzehnten: Warum müssen so viele unbekannte Arme und ihre Verteidiger wie Erzbischof Romero und nun seine Jesuitenbrüder sterben ? – Er kommt zu dem Schluß, daß es letzlich die „Götzen des Todes“ – Geldgier, Kapitalinteressen und Machterhalt um jeden, aber auch jeden Preis – sind, die solche Menschenopfer fordern und verschlingen.
Pater Ellacuría und seine Mitbrüder haben mitgearbeitet an dem aufrüttelnden dritten Kairosdokument: „Der Weg nach Damaskus – Kairos und Bekehrung“. Am 16. November 1989 haben sie es als Mär­tyrer mit ihrem Leben bezahlt. Jon Sobrinos Buch läßt sich auch als Kommentar des Damaskuspapiers lesen. Für Christen im konzilia­ren Prozeß und theologisch interessierte Menschen ein sehr zu empfehlendes Buch.

Jon Sobrino: Sterben muß, wer an Götzen rührt. Das Zeugnis der ermordeten Je­suiten in San Salvador, Fakten und Überlegungen. Edition Exodus: Freiburg 1990 ISBN.3-905575-04-3