Erst vor Kurzem hat die Regierung von Laura Fernández ihre ersten 100 Tage Regierungszeit abgeschlossen, aber die Kluft zwischen ihrer Partei und den Oppositionsfraktionen ist bereits gewaltig gewachsen. Die polarisierende und konfrontative Rhetorik der Regierungskampagne hat sich in der Öffentlichkeit fest etabliert.
Die Regierung führt eine offene Diffamierungskampagne, die nicht nur die Diskussion über institutionelle Reformen und Verfassungs- änderungen anheizt, sondern diese auch normalisiert. Regelmäßige Anschuldigungen und direkte Beleidigungen von Richterinnen, Abge- ordneten und allen, die nicht der Linie der Regierungspartei folgen, sind die Regel geworden. Vor allem die zentrale Administration der Justizkammern sowie einzelne Richterinnen wurden scharf angegriffen. Die wöchentliche Pressekonferenz der Regierung hat das Narrativ der vorherigen Administration übernommen, das besagt, dass die Regierung die Kontrolle über alle drei Gewalten des Staates benötigt. Es reiche nicht aus, dass die Exekutive und Legislative bereits in ihrer Hand seien, auch die Judikative müsse unter Kontrolle gebracht werden, um tiefgreifende Reformen durchsetzen zu können. Alle, die sich ihnen in den Weg stehen, werden als Feinde und Betrügerinnen des Landes dargestellt, egal ob Oppositionsabgeordnete, Verfassungsrichterinnen oder Journalist*innen.
Chaves deutet Auslöschung der Judikative an
Auch nationale Feiertage werden für diese Kampagnen instrumentalisiert. Am 25. Juli feierte Costa Rica das 202. Jubiläum der Annexion der Halbinsel Nicoyas als offiziellen Teil Costa Ricas. Wie jedes Jahr veranstaltete die Regierung eine öffentliche Sondersitzung in Nicoyas Zentrum. Dort wurde an die demokratischen Werte und die historischen Geschehnisse erinnert, die das Land seit Mitte 19. Jahrhunderts prägen. Doch dieses Mal war alles anders: Zuallererst wurden Protestierende aus der Veranstaltung entfernt, weil sie laut gegen die Präsidentin, ihr Kabinett, und vor allem den Ex-Präsidenten und jetzigen Finanzminister Rodrigo Chaves demonstrierten. Was danach geschah, lässt sich nur als politische Hetze bezeichnen.
Chaves nutzte seine Redezeit, um erneut die Judikative zu diffamieren. Laut und vor live-übertragenden Kameras rief Rodrigo Chaves das Publikum zu einem Call-and-Response an. Die Fragen spiegelten die bewusst zugespitzte Stimmung wider: „Wollt ihr mehr Steuern?“ – „Nein!“ „Wollt ihr, dass die Judikative und die Kontrollinstitutionen uns die Wege weiter versperren?“ – „Nein!“ „Habt ihr Angst davor, dass es keine Judikative mehr gibt?“ – „Nein!“ „Habt ihr Angst vor einer Diktatur?!“ – „Nein!“ Darauf ergänzte Chaves nur noch: „Ich halte jetzt lieber den Mund, bevor ich noch etwas sage.“
„Ich halte jetzt lieber den Mund, bevor ich noch etwas sage“
Regierung wirft der Judikative einen „Putsch“ vor. Die Auswirkungen dieser öffentlichen Polarisierung ließen nicht nach. Am 1. August fiel eine gerichtliche Entscheidung über die Benennung von neun Richterinnen in den Hauptgerichtskammern. Die Regierungspartei kontrolliert diesen Prozess, da ihre Fraktion über die ausreichenden Stimmen verfügt, um solche Verfahren anzustoßen – oder eben zu blockieren. Und genau das geschah. Der Oberste Gerichtshof übermittelte dem Parlament eine Kandidatinnen Liste mit dem Hinweis, dass die Abgeordneten entweder eine Benennung beschließen oder bei einer Verweigerung eine fundierte Argumentation erfassen müssen. Doch die Regierungspartei tat nichts davon.
Als der Oberste Gerichtshof diese Entscheidung öffentlich machte, reagierten Unterstützerinnen der Regierung und der Partei verärgert. Ihre Verzögerungspläne waren damit zerstört; sie mussten nun agieren. Der tatsächliche Grund für die Verzögerung war offensichtlich: Es fehlten Kandidatinnen aus den eigenen Reihen. Diese Lücke eröffnete Raum für vielfältige Vorwürfe gegen die Judikative – bis zu dem Punkt, an dem Präsidentin Fernández in einer Sondersendung ihrer Pressekonferenz erklärte, die juristische Entscheidung sei „ein Putsch“. Zusammen mit den Aussagen von Chaves wenige Tage zuvor heizte dies die Stimmung weiter an. Fernández, Chaves und Fraktionschef Nogui Acosta betonten eine angebliche Attacke und forderten Maßnahmen gegen die „unausgewogene Macht“ der Judikative.
Seltene gesellschaftliche Einigkeit
Kurz nach der Ausstrahlung dieser Presseerklärung kursierten in TV-Sendungen, sozialen Medien und Chatgruppen scharfe Gegenreaktionen. Akteure aus verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen protestierten gegen die Normalisierung von Putsch-Rhetorik im öffentlichen Diskurs. Die gesellschaftliche Einigkeit, die darauf folgte, ist in dieser Breite selten. In kurzer Zeit wurden Demonstrationen und Kundgebungen organisiert, an denen Tausende Personen teilnahmen. Der sogenannte Demokratische Block, das aktuelle Bündnis von Oppositionsparteien im Parlament, wurde dadurch gestärkt, übte eine scharfe, aber strukturierte Kritik aus und organisierte mehrere spontane Veranstaltungen. An einem weiteren Nationalfeiertag – dem 2. August, der Tag der Virgen de los Ángeles, katholische Schutzpatronin des Landes – griff sogar die Kirche das Thema auf. Der Bischof von Cartago, der Ortsteil, wo die Kirche der Virgen de los Ángeles liegt, sprach in seiner Rede von der Unzulässigkeit solcher Aufrufe und plädierte für einen Stimmungswechsel. Regierung und Abgeordnete der Regierungspartei reagierten darauf, indem sie die Vorfälle herunterspielten.
Am 6. August sammelten sich nochmals Tausende auf dem Platz der Demokratie in San José, um symbolkräftig ihren Widerstand gegen das hetzende Narrativ zu bekunden. Gleichzeitig fanden in verschiedenen Orten im Lande ähnliche Demonstrationen statt, vor allem vor den jeweiligen Justizgebäuden. Es handelte sich um eine gemeinsame Aktion zur Unterstützung der Gewaltenteilung und unabhängigen institutionellen Kontrollen.
Die schnell organisierte Veranstaltung wurde Kundgebung für die Demokratie genannt und war ein notwendiger Stimmungswechsel für viele, die die Regierungshandlungen kaum mehr aushalten konnten. Fernández und Chaves behaupteten daraufhin, dass ein „institutioneller Putsch“ stattfand und eine Verfassungsänderung durchgeführt werden müsse.
Es bleiben weiterhin offene Fragen: Was passiert mit den Gerichtskammern, die noch keine konstitutive Einstellung haben? Wie werden Regierung und Parlament handeln, wenn sie gesetzliche Reformen vorschlagen, die potenziell verfassungswidrige Komponenten enthalten? Und vor allem: Wie können die Tausende Demonstrant*innen ihre Forderungen nach schärferen Kontrollen und aktiver Teilnahme gegen Regierungsübergriffe weitertragen? Die Lage ist angespannt und fragil – der demokratische Konsens in Costa Rica steht von mehreren Seiten unter Druck.


