ZEITENWENDE IN KOLUMBIEN?

Widerstand Ein Teilnehmer der Proteste anlässlich des Nationalstreiks 2021 (Foto: Walter Tello)

Die politische Landschaft Kolumbiens war lange Zeit durch denselben Kreislauf geprägt: vor den Wahlen versprachen Politiker*innen Kolumbianer*innen aus allen Milieus die Verbesserung ihrer Lebensumstände, nach gewonnenen Wahlen vergaßen sie dieses Versprechen sogleich. Wieso sollte es bei dieser Wahl anders sein?

Der Grund ist der Generalstreik von 2021. Das erste Mal, dass die kolumbianische Zivilgesellschaft das Establishment in die Knie zwang und es schaffte, zumindest für ein paar Tage, die gesamte Exekutive zu erschüttern. Der Generalstreik schien wie das Erwachen einer mächtigen Zivilgesellschaft nach mehreren Jahrzehnten neoliberaler Reformen und des uribismo, der Ideologie um den ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe.

Doch das Fehlen einer geeinten Gruppe von Anführer*innen und Gewaltausbrüche bei den Demonstrationen höhlten den Protest von innen aus. Die Gleichgültigkeit des Präsidenten Ivan Duque und die polizeiliche und (para-)militärische Repression brachen ihn von außen. Die Strategie Duques machte deutlich, dass der Präsident nicht in der Lage war, die so dringend notwendigen großen Sozialreformen durchzuführen und dass er die Bürger*innen schlichtweg nicht verstand. Darum änderten die verschiedenen Anführer*innen des nationalen Streiks ihre Strategie. Sie konzentrierten sich nun darauf, ihre Bündnisse mit Hilfe der Oppositionsfraktionen zu stärken.

Diese Bündnisse wurden im Februar 2022 gefestigt, als Demonstrant*innen dem progressiven Historischen Pakt (Pacto Histórico) und dem eher in der politischen Mitte zu verortenden Zentrum der Hoffnung (Centro Esperanza) ihre Unterstützung zusicherten. Einem Sprecher des Nationalen Streikkomitees (CNP) zufolge, waren diese Oppositionskoalitionen in den letzten zwei Jahren harter Kämpfe bedingungslose Verbündete des CNP,, der Arbeiter*innen und der Gewerkschaftsbewegung: „Sie haben sich innerhalb und außerhalb des Kongresses als Ausdruck des CNP konstituiert und Debatten der politischen Kontrolle und öffentliche Anhörungen gefördert. Auch haben sie dazu beigetragen Morde, Gewalt und die Verletzung von Menschenrechten international und national anzuprangern.“ Zusammen machen die zwei Koalitionen derzeit allerdings lediglich 20 Prozent des Kongresses aus, was sie noch zu einer sehr schwachen Opposition macht.

Das Chaos in Kolumbien betrifft den gesamten Alltag

Die große Frage im Wahljahr 2022 lautet: Wer wird der nächste Präsident Kolumbiens? Seit Monaten gilt der Senator Gustavo Petro, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá und Vorsitzender des Pacto Histórico in allen Umfragen als Favorit. Doch vor dem ersten Wahlgang am 29. Mai hat Petro noch eine dringende Aufgabe zu bewältigen: Sein Pacto Histórico muss bei den Kongresswahlen am 13. März eine Mehrheit erreichen, um regieren zu können.

Um dieses Ziel zu erreichen setze der Pacto Histórico einige Kandidat*innen auf die Wahllisten, die den Demonstrant*innen nahe stehen. Denn diese hatten zuletzt das Fehlen von Vertreter*innen des Nationalstreiks auf den Wahllisten kritisiert. Ein gutes Beispiel ist der Journalist Alberto Tejada, der für das Unterhaus des Kongresses kandidiert und bei den Demonstierenden aus dem Jahr 2021 beliebt ist. Eine davon ist Malú. Die kolumbianisch-deutsche Aktivistin wohnt in Cali, der Hauptstadt des Valle del Cauca, und hat die Widerstandspunkte während der Proteste im letzten Jahr unterstützt. Sie wirft dem Präsidentschaftskandidaten Gustavo Petro vor, sich nicht vehement genug für die Proteste eingesetzt zu haben. Dennoch ist Malú für die Kandidatur von Alberto Tejada. „Er hat sich klar für uns ausgesprochen und er kennt und unterstützt die Jugendlichen“, sagt sie. „Deshalb haben die Jugendlichen an der primera línea ihn gebeten, die Regionalliste des Pacto Histórico im Valle del Cauca anzuführen“.

Geeinte Linke, gespaltene Mitte

Ein weiteres Bindeglied zwischen dem Pacto Histórico und den Demonstrierenden ist der Senator Gustavo Bolivar. Er stattete die primeras lineas mit Schildern und Gasmasken aus, damit diese sich während der Proteste gegen die Polizei verteidigen konnten. Bolivar steht auf der Kandidat*innenliste für den Senat an erster Stelle. Laut dem politischen Analysten Héctor Riveros könnte der Pacto Hístorico alleine mehr als 20 Prozent der Sitze erringen und mit Unterstützung weiterer verbündeter Parteien die wichtigste Kraft im Oberhaus des Kongresses, dem Senat, werden.
Eine solche Verbündete wäre die zweite Oppositionskoalition Centro Esperanza. Dieses Bündnis ist jedoch in interne Streitigkeiten verwickelt und hat sich noch nicht für einen Präsidentschaftskandidaten entschieden. Dennoch wird erwartet, dass die Koalition mit Kandidaten wie Humberto de la Calle, Chefunterhändler des Friedensabkommens mit der Guerillaorganisation FARC, bis zu 12 Prozent der Sitze im Senat erhält.

Die zwei Koalitionen könnten mit indigenen und afrokolumbianischen Vertreter*innen in beiden Kammern des Kongresses eine gemeinsame Koalition bilden, die, sehr optimistisch geschätzt, die Hälfte der Sitze erhalten könnte.

Analyst*innen sind sich zudem darüber einig, dass der uribismo ausstirbt. Uribe, der bis mindestens 2008 der beliebteste Politiker des Landes war, wird heute nur noch von 19 Prozent der Kolumbianer*innen positiv bewertet. Da ein Prozess wegen Zeug*innenbeeinflussung gegen ihn läuft, will er nicht mehr in den Kongress zurückkehren. Eine schlechte Nachricht für seine Partei Demokratisches Zentrum (Centro Democrático). Die Partei der Großgrundbesitzer*innen und rechten Politiker*innen könnte im Kongress von circa 17 Prozent auf 7 Prozent schrumpfen.

Das Centro Democrático stellt jedoch nur einen Bruchteil des Kongresses. Die Mehrheiten liegen derzeit bei den rechtsorientierten, traditionellen Parteien wie der konservativen Partei, der liberalen Partei, der Partei Radikaler Wandel (Cambio Radical) und der Sozialen Partei der Nationalen Einheit (la U), die in der Vergangenheit immer über die größte politische Macht verfügt haben. Zusammen machen sie etwa die Hälfte der Sitze im Kongress aus.

Diese Parteien haben keinen ausgeprägten politischen Diskurs und verdanken ihren Erfolg laut dem Meinungsforschungsinstitut PARES vor allem der Zusammenarbeit mit Mafias und regionalen autoritären Gruppen. Einen Großteil ihrer Stimmen gewinnen sie durch Klientelismus, Stimmenkauf und der übertriebenen Finanzierung politischer Kampagnen. Die zahllosen Skandale ihrer Mitglieder schaden ihren Zustimmungswerten nicht. Ein Beispiel ist der Char-Clan des Cambio Radical, gegen den die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Wahlstimmenkauf eingeleitet hat. Die Senatorin Aida Merlano beschuldigt ihn außerdem des versuchten Mordes. Auch Alexander Vega, unter anderem Wahlleiter für die bevorstehenden Wahlen, fällt wegen seiner Nähe zu diesem politischen Sektor auf.

Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass diese große Parteiengruppe Einfluss verlieren wird. Abzuwarten bleibt, wie sich der landesweite Streik auf ihre Wähler*innenbasis ausgewirkt hat. Trotz dem Erstarken der Oppositionskoalitionen ist ein echter Wandel nicht gesichert.

Präsident Duque wird inzwischen von 79 Prozent der Bevölkerung abgelehnt. Unter anderem sprach er sich gegen die Ratifizierung des Escazú-Abkommens aus, einer Vereinbarung, die Umweltaktivist*innen mehr Sicherheitsgarantien bieten sollte. Kolumbien hat die höchste Mordrate von Umweltaktivist*innen weltweit. Mitte Februar, nur einen Monat vor den Wahlen in Kolumbien, berichtete der Präsident im Europäischen Parlament über seinen angeblichen Regierungserfolg. Wie üblich brüstete sich Duque mit den wenigen Fortschritten des Friedensabkommens und der Klimapolitik, für die jedoch andere, nach dem Friedensabkommen entstandene unabhängige Gruppen, maßgeblich verantwortlich sind. Einzelne Abgeordnete des Europäischen Parlaments organisierten daraufhin eine kleine Protestaktion, bei der sie den Empfang Duques durch das Parlament als „heuchlerisch“ beschrieben.

In Duques Regierungszeit fällt gleich eine ganze Reihe beschämender Rekorde: Laut dem „Big Mac Index“ von The Economist ist der kolumbianische Peso die am meisten abgewertete Währung weltweit; die soziale Ungleichheit hat sich stark vergrößert. Im Jahr 2021 wurden laut offiziellen Angaben 145 soziale Aktivist*innen ermordet, die Obdach- und Arbeitslosigkeit sind enorm gestiegen, genauso wie die Zahl der Corona-Toten und -Infizierten. In Kolumbien herrscht ein politisches, soziales und wirtschaftliches Chaos, das den gesamten Alltag betrifft.

Das Ende des uribismo?

Noch dazu haben die bewaffneten Gruppen, die die FARC überlebt haben, ihre Aktivitäten seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens verdoppelt. Heute verläuft weiter ein blutiger Krieg zwischen bewaffneten Akteuren um die Kontrolle ihres Territoriums. Dieses eklatante Versagen in der Sicherheitspolitik zeigt, dass Duque weder das Friedensabkommen wirklich umsetzen konnte, noch die in Havanna im Jahr 2016 vereinbarte Entwaffnung.

Aus diesen Gründen mobilisiert sich die kolumbianische Bevölkerung kurz vor den Wahlen gegen Präsident Duque und den uribismo. So ist denkbar, dass die kleinen Oppositionsfraktionen der Linken und der Mitte, die im letzten Jahr die Forderungen der Demonstrant*innen in den Kongress einbrachten in diesem Jahr eine parlamentarische Mehrheit erringen. Gleichzeitig ist wahrscheinlich, dass der uribismo viel von seiner Macht einbüßen wird. Die Stärke der traditionellen Parteien, die einem Wandel im Weg stehen könnten, bleibt bestehen. In Stein gemeißelt ist sie jedoch nicht.

Wenn die Hauptstrategie der Demonstrant*innen im Jahr 2021 darin bestand, die Straßen zu füllen, so wird sie im Jahr 2022 darin bestehen, im Kongress eine Regierungskoalition zu bilden.

ARGENTINIENS REGIERUNG IM RICHTUNGSSTREIT

Gute Laune trotz schlechtem Vorwahlergebnis Präsident Alberto Fernández und Vizepräsidentin Cristina Kirchner wollen ihre Differenzen beilegen (Foto: Casa Rosada, CC BY 2.5 AR)

Es war das Ende eines Mythos: Tritt der heterogene Peronismus gemeinsam an, ist er unschlagbar. Das galt in Argentinien immer und wurde zuletzt 2019 eindrucksvoll bestätigt: Damals ließ die linke Ex-Präsidentin Cristina Kirchner dem zentristischen Alberto Fernández den Vortritt und der wiederum holte den rechten Peronisten Sergio Massa mit ins Boot, was Kirchner nie gelungen wäre. Massa war 2015 maßgeblich mitverantwortlich für die Spaltung des peronistischen Lagers in zwei Blöcke und somit für den Wahlsieg des neoliberalen Mauricio Macri. „Wir haben uns in der Diversität vereint, nicht, um uns gleichzumachen“, gab Alberto Fernández damals als Parole aus. Das Ergebnis: Alberto Fernández besiegte im Oktober 2019 Mauricio Macri und trat dessen schweres Erbe mitten in einer Wirtschaftskrise an, mit Cristina Kirchner als Vizepräsidentin. Sergio Massa wurde mit dem Vorsitz des Abgeordnetenhauses belohnt.

Formal immer noch geeint, aber inhaltlich zerstritten trat das peronistische Mitte-links-Bündnis Frente de Todos am 12. September zu den Vorwahlen an und erlitt ein Debakel. Die peronistischen Spitzenkandidat*innen verloren in 17 der 24 Provinzen des Landes. Am Montag nach der Niederlage forderte Cristina Kirchner Änderungen im Kabinett als ersten Schritt, um die verlorene Wählerschaft zurückzugewinnen. Die Krise eskalierte, als sich Fernández weigerte und zum Gegenangriff ausholte. Er sprach auf Twitter von der „Selbstherrlichkeit und Arroganz“ einiger Politiker*innen, ohne Namen zu nennen, aber es war allen klar, dass damit zuvorderst Cristina Kirchner gemeint war. Fernández verteidigte seine Regierung. „Ich werde weiterhin die Einheit der Frente de Todos auf Basis des Respekts, den wir uns gegenseitig schulden, garantieren“, sagte er.

„Nicht ich halte den Präsidenten in Schach, sondern das Wahlergebnis“

Kirchner zeigte sich unbeirrt und erhöhte am 16. September mit einem offenen Brief den Druck: „Am Tag nach einer solchen politischen Katastrophe hört man einigen Ministern zu, als sei in diesem Land nichts geschehen, sie tun so, als sei alles normal, und vor allem verkriechen sie sich in ihren Sesseln. Glauben sie wirklich, dass es nach einer solchen Niederlage nicht notwendig ist, öffentlich Rücktritte zu erklären und dem Präsidenten die Neuorganisation seiner Regierung zu erleichtern?“, schrieb die von 2007 bis 2015 amtierende Präsidentin. „Nicht ich halte den Präsidenten in Schach, sondern das Wahlergebnis“, fügte sie hinzu, um dem Tenor und den Schlagzeilen in den meisten argentinischen Medien zu widersprechen. Einen Tag vor Veröffentlichung des Briefes hatten alle Kirchner-treuen Minister*innen im Kabinett ihren Rücktritt verkündet, was Fernández spontan ablehnte.

Schachmatt gesetzt ist Alberto Fernández sicher nicht. Er reagierte auf den Druck von Kirchner, ohne ihr im vollen Umfang nachzugeben. Seinen bisherigen Kabinettschef – einen Job, den er einst selbst unter Néstor und Cristina Kirchner innehatte, bis es 2008 zum ersten Bruch mit Cristina kam – Santiago Cafiero versetzte er auf den weniger gewichtigen Posten des Außenministers. An Cafieros Stelle tritt der bisherige Gouverneur der Provinz Tucumán, Juan Manzur, der Wunschkandidat von Cristina Kirchner. Insgesamt besetzte Fernández am 17. September sieben Posten im Kabinett neu, doch Wirtschaftsminister Martín Guzmán, an dessen Politik sich die peronistischen Geister scheiden, blieb.

Vor den Wahlen am 14. November sollen Löhne, Renten und staatliche Hilfen erhöht werden

Cristina Kirchner monierte in ihrem offenen Brief eine „falsche Sparpolitik“, die Folgen für die Gesellschaft und auch die Wahlen habe. Sie habe Fernández immer gesagt, dass die angespannte soziale Lage beunruhigend sei, schrieb sie auf ihrer Website. Dass sie den Rücktritt von Guzmán gefordert hätte, dementierte ihr Umfeld indes. Guzmán wäre telefonisch mitgeteilt worden, dass sein Kopf nicht gefordert würde. Das Wirtschaftsministerium bestätigte immerhin den Eingang des Anrufes.

Guzmán, den der Präsident aus dem akademischen Bereich direkt ins Ministeramt gehievt hatte, steht nicht grundsätzlich für Sparpolitik, sondern für eine pragmatische, den Zwängen der Finanzmärkte angepasste Finanzpolitik mit so viel Sozialpolitik wie für vertretbar gehalten. Unter dem Strich heißt das, so viel Sozialausgaben, wie es die Inflations- und Wechselkursziele zulassen.

Zu Beginn der Pandemie im März 2020 stockte die Regierung die Programme für Bedürftige auf. Schon zuvor war Ende Dezember 2019 kurz nach Regierungsantritt am Tag der Menschenrechte – dem 10. Dezember – eine der ersten Maßnahmen der Regierung die Verabschiedung des Plans „Argentinien ohne Hunger“. Mindestens 2,3 Millionen Familien mit Kindern erhalten inzwischen eine monatliche Unterstützung in Form von Lebensmittelkarten. Damit können sie für einen festgelegten Betrag jede Woche Nahrungsmittel in den Supermärkten einkaufen.

Die dringend notwendigen Ausgaben trieben die Inflation und brachten den Wechselkurs des argentinischen Pesos im Oktober 2020 so stark unter Druck, dass Guzmán einer weiteren Erhöhung der Ausgaben entgegentrat, auch weil er sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) in noch andauernden Verhandlungen über eine Umschuldung befand. Argentinien ist der mit Abstand größte Schuldner des IWF. In der Krise 2018 gewährte der IWF auf Betreiben des US-Präsidenten Donald Trump der neoliberalen Regierung von Präsident Mauricio Macri einen Beistandskredit in der Rekordhöhe von 57 Milliarden Dollar, von denen 44 Milliarden abgerufen wurden. Die Regierung von Alberto Fernández verzichtete auf die ausstehenden 13 Milliarden Dollar und verhandelt seit ihrer Regierungsübernahme über eine Neustrukturierung der Schuldenlast von insgesamt 45 Milliarden Dollar beim IWF, um den Schuldendienst aus Tilgung- und Zinszahlungen zu strecken und erträglicher zu gestalten. Eine Einigung steht noch aus. Nach den Teilwahlen zum Kongress am 14. November sollen die Verhandlungen in die Endphase gehen.

Der Machtkampf ist nur aufgeschoben

Für die Verhandlungen mit dem IWF hat Guzmán jetzt ein Problem mehr. Nach den verlorenen Vorwahlen drängt der Flügel um Cristina Kirchner zu einer Abkehr vom Konsolidierungskurs, den der IWF für ein Entgegenkommen fordert. Bis Ende August hat Guzmán weniger als die Hälfte des im Haushalt 2021 veranschlagten Defizits ausgeschöpft, kritisierte Kirchner. Der Wirtschaftsminister nutzte die zusätzlichen Einnahmen aus den Exportsteuern für Getreide- und Ölsaaten zur Stabilisierung der Finanzen, statt sie an die bedürftige Bevölkerung zu verteilen. Nun sollen vor den Wahlen am 14. November Löhne, Renten und staatliche Hilfen erhöht werden, was den IWF sicherlich nicht freuen wird.

Gegenüber dem IWF standen bis Ende 2021 zwei Zahlungen in Höhe von 3,8 Milliarden aus. Die Ende September wurde mit einem Teil der Sonderziehungsrechte bezahlt, die Argentinien wie andere bedürftige Länder Ende August vom IWF erhalten haben – Sonderziehungsrechte sind quasi eine Erweiterung des Kreditrahmens seitens des IWF, die aufgrund der Coronakrise gewährt wird.

Dass Guzmán Sparen nicht über alles setzt, zeigt sein Haushaltsansatz für 2022. Das sieht ein Primärdefizit des Bruttoinlandsproduktes von 3,3 Prozent vor – also noch ohne Berücksichtigung des Schuldendienstes, der das Sekundärdefizit weiter in die Höhe treibt. Auch eine Peso-Abwertung von 30 Prozent wird dort angenommen. Guzmán geht davon aus, dass die Aufwärtsentwicklung 2021 nach dem Krisenjahr 2020 mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von mehr als zehn Prozent auch 2022 anhält. Eine Einigung mit dem IWF und keine neuen Corona-Restriktionen wären hilfreich. Im Moment stehen die Zeichen dafür gut. Die Infektionszahlen sind zuletzt deutlich gesunken und immerhin fast 45 Prozent der Argentinier*innen sind inzwischen vollständig geimpft. Seit dem 1. Oktober gelten viele Lockerungen. Wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und sportliche Aktivitäten sind bei Einhaltung der Abstandsregeln, regelmäßigem Lüften und mit Maske wieder zu 100 Prozent möglich. Diskotheken dürfen für Geimpfte mit einer Auslastung von 50 Prozent wieder öffnen. Ab 1. Oktober werden auch Großveranstaltungen wieder erlaubt, verkündete Gesundheitsministerin Carla Vizotti.

Der Wirtschaft und damit dem Wirtschaftsminister Martín Guzmán kommen die Lockerungen entgegen. Auch der IWF dürfte nichts dagegen haben. Aber Guzmáns erklärtes Ziel, die Schuldenprobleme zu lösen, ohne den ärmsten Argentinier*innen noch mehr Opfer abzuverlangen, ist in weiter Ferne. Und wie stark die Lockerungen das Infektionsgeschehen wieder befeuern, ist nicht abzusehen. Das gilt auch für den Ausgang des Machtkampfs zwischen Präsident und Vizepräsidentin. Der ist durch die Kabinettsumbildung nicht aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben, bis nach dem Wahltermin 14. November. Dann werden die Hälfte der Delegierten des Abgeordnetenhauses sowie wie ein Drittel des Senats neu gewählt. Sollte sich das schlechte Ergebnis für die Frente de Todos vom 12. September wiederholen, würde die Regierung in beiden Kammern über keine Mehrheit mehr verfügen. Das Verhältnis zwischen Fernández und Kirchner wäre dann nicht mehr zu kitten.

„WISSENSCHAFT FÜR DAS LEBEN“

Das Treffen sei auf Wunsch der zapatistischen Basis organisiert worden, dort gebe es einen großen Wissensdurst nach tiefgründiger Bildung, so EZLN-Sprecher Subcomandante Moisés, es gehe um „eine Wissenschaft für das Leben, nicht für den Kapitalismus“. Besonderes Charakteristikum des Kongresses war, dass ausschließlich 100 zapatistische Schülerinnen und 100 zapatistische Schüler unterschiedlichen Alters Fragen an die Vortragenden stellen durften. Die Aufgabe dieser 200 Delegierten ist, ihre Eindrücke in ihren Heimatgemeinden weiterzugeben. Weit über 1.000 Interessierte aus Mexiko und aller Welt nahmen darüber hinaus am Treffen teil und tauschten sich aus. Viele neue Kontakte entstanden.
Neben der Wissensvermittlung prangern viele der Vortragenden die fehlende Ethik der Wissenschaft an. Sie stehe meist im Dienste der Eliten und nicht des Allgemeinwohls, wie die Mathematikerin Pilar Martínaz hervorhob: „Viele Wissenschaftler sind fest überzeugt, die Wissenschaft werde in einem neutralen Umfeld praktiziert. Doch Konzerne wie Bayer und Monsanto verbreiten genetisch modifiziertes Saatgut, das von Leuten wie uns entwickelt wird, um die ursprünglichen Sämereien zu verdrängen. Unser Wissen wird auch zur Produktion von Waffen verwendet. Viele Wissenschaftler kümmern sich mehr um ihre Publikationen als um die Studierenden. Die Zapatistas haben uns mehrfach gesagt, dass die kapitalistische Hydra alles zerstören wird. Wir haben hier dazu wissenschaftliche Erkenntnisse beigetragen. Die Zapatistas brauchen eine kritische Wissenschaft, um die Arche zu konstruieren, die uns retten kann.“
Beim feierlichen Kongressabschluss im Auditorium fasste eine Schülerin die Eindrücke der Zapatistas zusammen: „Viele Worte, die wir in diesen Tagen gehört haben und durch die wir gelernt haben, haben mehr Fragen als Erkenntnisse aufgeworfen. Eure Worte haben große Zweifel und Beunruhigung erzeugt. Eure Worte sind sehr groß, aber wir empfinden sie als sehr hart. Nicht, weil sie beleidigen, sondern weil es uns nicht immer gelingt, sie zu verstehen.“ Die patriarchale Praxis im Mainstream kritisierte sie hart: „In der sogenannten wissenschaftlichen Community werden die Beiträge und Forschungen der Frauen nicht anerkannt. Hier regiert der Machismo.“ Die Sprecherin betonte gleichzeitig, dass vieles in diversen Fachbereichen gelernt werden konnte und auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung des Status Quo gemacht wurden.
Das Treffen endete in konstruktiver Stimmung, den Vortragenden wurde herzlich gedankt. Subcomandante Moisés kündigte an, dass ein langer gemeinsamer Weg begonnen habe und es weitere Treffen geben wird, um wirklich unabhängige, kapitalismus- und herrschaftskritische Wissenschaften zu fördern und zugänglich zu machen, zum Beispiel durch den Aufbau autonomer Hochschulen. Ende 2017 wird der nächste Wissenschaftskongress stattfinden.